Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

5. Der dankbare Tote

Ein König hatte drei Söhne. Eines Tages schenkte er dem Jüngsten zehntausend Piaster und gab auch dem Ältesten und dem Mittleren die gleiche Summe. Der jüngste Sohn brach auf und schritt auf der Landstraße dahin. Überall, wo er Arme fand, beschenkte er sie mit seinem Gelde. So hatte er bald alles Geld ausgegeben.

Sein ältester Bruder ging gleich ihm auf die Wanderschaft. Er ließ Schiffe bauen, um Reichtum zu erwerben.

Auch der mittlere Bruder wanderte fort und ließ von dem Gelde Kaufhäuser errichten.

Dann kehrten die Söhne zu ihrem Vater zurück. Der König fragte den ältesten Sohn: »Was hast du mit dem Gelde begonnen?« — »Ich habe Schiffe gebaut, mein Vater.« — Auch den Jüngsten fragte der König: »Und du, was hast du getan?« — »Ich habe jeden Armen, der meinen Weg kreuzte, mit meinem Gelde beschenkt, und den armen Mädchen habe ich ihren Hochzeitsschmaus bezahlt.« Hierauf sprach der König: »Mein jüngster Sohn, du wirst gut für die Armen sorgen, so nimm dir nochmals zehntausend Piaster, mein Sohn.«

Der Königssohn wanderte alsdann fort. Er verschenkte bald hier, bald dort sein Geld. Es blieben ihm schließlich nur noch zwölf Piaster übrig.

Da sah er, daß Juden einen Toten aus der Erde gegraben hatten und auf diesen einschlugen. »Was wollt ihr von ihm und warum schlagt ihr ihn?« fragte der Jüngling. »Er schuldet uns zwölf Piaster«, sprachen die Juden. »Ich gebe euch die zwölf Piaster, doch laßt von dem Toten ab«, sagte der Königssohn. Er gab ihnen das Geld, und sie ließen von der Leiche. Bald darauf erhob sich der Jüngling und wanderte weiter. Doch der Tote folgte ihm. »Wohin führt dein Weg?« fragte er den Jüngling. »Ich wandere in die Welt hinaus.« — »Nun, ich auch. Komm, wir wollen gemeinsam wandern und Kameraden werden.« — »Wohlan, es sei!« — »Folge mir!« sprach der Tote, »ich werde dich schon führen.« Er nahm den Jüngling mit und brachte ihn in ein Dorf. Hier lebte ein Mädchen. So mancher Mann hatte es schon genommen, aber ein jeder war schon in der Brautnacht gestorben. Der Tote sprach zum Jüngling: »Ich werde dich irgendwo verbergen und dir ein Weib nehmen. Allein wir werden trotzdem stets Kameraden bleiben.«

Der Tote aber nahm jenes Mädchen für den Jüngling. Aus ihrem Munde kam jedoch ein Drache. Der Tote aber sprach zu seinem Kameraden: »In der Nacht, wenn du dich mit dem Mädchen auf das Lager niederlegst, werde ich mich zu euch legen.« Er nahm also sein Schwert und trat am Abend zu den beiden ins Schlafgemach. Der Jüngling aber meinte: »Das geht nicht; doch wenn du willst, so sei das Mädchen dein.« Aber der Tote entgegnete: »Sind wir nicht Kameraden? Du legst dich zu ihr und ich schlafe hier.«

Um Mitternacht sah der Tote, daß das Mädchen seinen Mund öffnete und der Drache herauskam. Sogleich aber zog er sein Schwert und schnitt die drei Drachenköpfe ab. Er verbarg sie in den Falten seines Gewandes, legte sich nieder und schlief ein. Am nächsten Morgen erhob sich das Mädchen und sah, daß ihr Geliebter noch lebend bei ihr lag.

Dem Vater des Mädchens aber wurde berichtet: »Der Mann deiner Tochter ist heute nacht am Leben geblieben.« — »So soll er mein Schwiegersohn werden!« sagte der Vater. Der Jüngling aber ging mit dem Mädchen zu ihrem Vater. »Komm«, sagte nun der Tote, »wir wollen das Vermögen des Mädchens untereinander teilen.« Da machten sie sich ans Teilen. »Ihr Vermögen haben wir nun geteilt«, meinte nun der Tote, »so laß uns nun auch dein Weib teilen!« Der Königssohn aber entgegnete: »Wie können wir sie teilen, wenn du sie haben willst, so nimm sie ganz.« Doch der Tote blieb dabei. »Ich will sie nicht ganz, wir wollen sie teilen.« »Wie wollen wir sie denn teilen?« fragte der Königssohn. »Laß mich sie nur teilen!« Da ergriff sie der Tote, band ihre Knie und sprach: »Halte du das eine Bein fest, ich halte das andere.« Er hob nun das Schwert, um das Mädchen zu treffen. In ihrem Schrecken öffnete sie den Mund und schrie auf. Da fiel der Drache heraus. Der Tote sagte hierauf zu dem Kameraden: »Ich brauche weder eine Frau noch Geld. Diese Drachenköpfe waren es, die die Freier zerfleischten. Nimm das Mädchen, sie und ihr Geld sei dein. Du hast mir eine Wohltat erwiesen, ich konnte sie dir jetzt vergelten.« — »Was für eine Wohltat habe ich dir erwiesen?« — »Du hast mich aus den Händen der Juden befreit.« Der Tote zog nun seines Weges, und der Jüngling ging mit seinem Weibe zu seinem Vater.


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