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Märchen und Sagen


Mit 100 Bildern nach Aquarellen von Ruth Koser-Michaëls


Zwergschabernack

Bei Zittau liegt der Breitenberg, in dem hausten gutartige Zwerge, welche oft in der Stadt und den umliegenden Dörfern sich einfanden, den Menschen hilfreich waren und gern, wenn auch unsichtbar, an deren Leisen und Freuden teilnahmen. Bei guten Gelegenheiten und Gelagen ließen sie sich's trefflich wohl sein und vergüteten auf andere Meise, was sie genossen.



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Eines Tages rief eine Frau ihrem weggehenden Manne nach;

Eile, daß du bald zurückkehrst, damit wir nicht zu spät zur Hochzeit kommen!

Diesen Ruf hörten einige Zwerglein und riefen es ihren Brüdern, dem stillen Molke zu, daß Hochzeit gehalten werde. Gleich fand sich eine Schar zusammen, die wollten alle hin, und es hörte ihre Beratung darüber ein Mann, der am Breitenberge arbeitete, und rief ihnen zu:

Wenn ihr unsichtbar zur Hochzeit fahren wollt, ei, so nehmt mich doch auch mit, ihr guten Gesellen!

Die Zwerge stutzten, sagten ihm aber seines Wunsches Erfüllung zu, doch unter der Bedingung, daß er — obschon er essen und trinken dürfe, soviel er wolle, doch durchaus nichts heimlich zu sich stecken und mitnehmen dürfe.

So fuhren sie alle miteinander ungesehen zum Hochzeitshause; das war zwar schon ganz voll von Gästen, allein die Zwerglein bedurften wenig Kaum, zwischen jedem Gast saß ein Gezwerg, und der Peterbauer, den sie mitgenommen, hatte einen guten Platz, aber freilich kein hochzeitlich Kleid an, und hätte ihn einer gesehen, so würde er wohl an den Ort des ungebetenen Gastes befördert worden sein. Er zechte wacker und ließ sich's trefflich schmecken, und tat ihm nur leid, daß seine Frau nicht bei ihm war, denn der Bauer Peter war im Grunde ein guter Kerl und genoß nicht gern allein. Und diese Liebe zu seiner Frau ließ ihn sein Versprechen brechen und etwas einstecken.

Das nahmen die Zwerge übel, sie brachen schleunig auf, und der zunächst beim Peter saß, riß diesem die Nebelkappe vom Kopf und schwand hinweg samt den andern. Da saß der Peter in seinem Schmierkittel, mit vollen Backen und kauenden Zähnen, und alles sah auf den seltsamen Gast, und der war noch nie ein so angesehener Mann gewesen wie heute; der Peter aber langte tapfer zu und kaute und schluckte, was das Zeug hielt, denn er hatte die Entführung des leichten Zwergenmützchens von seinem Stichelhaar gar nicht wahrgenommen, bis er von verschiedenen Seiten her Püffe und Rippenstöße bekam, und erst noch hinter dem Braten her die



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Suppe, nämlich die Prügelsuppe. Sodann ward er zum Hause hinausgefuhrwerkt und vor der Tür seinem Nachdenken und schmerzlichen Gefühlen überlassen.

Hernachmals sind die Zwerge aus dem Breitenberge fortgezogen, man sagt nach Böhmen hinein, in Rübezahls Reich, und sagt auch, das viele Glockenläuten oder die vielen Hunde, welche die Bauern in Ober- und Niederolberadorf halten, wo die Häuser und die Hunde kein Ende nehmen und aus jedem Haus ein Köter springt und bissig die Fußreisenden anklagt, die vom Dybin kommen-— haben die Zwerglein vertrieben. Ein Bauer aus Heinewalde habe auf zwei Wagen die ganze Schar der Zwerge und alle ihre Schätze hinweggefahren und habe sehr reichen Lohn erhalten.


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