Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

65. Der schöne Hügel

Irgendwo, sehr weit weg, lebte einmal ein Steinhauer. Er war alt, und seine Frau hatte ihm keine Kinder geboren. Da bekam sie einen Sohn, und alle Welt war erstaunt, denn der Mann und die Frau waren schon zu alt, um noch ein Kind zu bekommen.

Als der Vater starb, trat sein Sohn an seine Stelle. Eines Tages kam ein alter Mann. Als der Jüngling ihn erblickte, fragte ihn der Alte: »Willst du mit mir kommen, damit wir uns einen Lebensunterhalt suchen?« — »Ja«, sagte Hans. »Befiehl mir, mich in ein altes Pferd zu verwandeln«, sprach der Alte. Das tat Hans, und das Pferd sagte: »Steig nun auf meinen Rücken, wir wollen fort.«

Sie brachen auf; und das alte Pferd und Hans zogen auf der Landstraße dahin. Das alte Pferd sagte zu Hans: »Wenn du auf der Landstraße etwas sehen oder hören solltest, so sieh nach, was es ist; und wenn es etwas zu tun gibt, so tue es.

Schau, nun sind wir mit den beiden auf der Landstraße und gelangen an den Hügel. Da sagt Hans: »Ich höre etwas.« — »Geh und sieh, was es ist!« Hans stieg vom Pferde herunter, um zu sehen, was es war. Da sah er einen kleinen Fisch, der lag auf dem Trocknen. Hans hob ihn auf und setzte ihn ins Wasser. Und siehe da! Der Fisch kam an die Oberfläche und sprach zu ihm: »Wenn ich etwas für dich tun kann, so rufe nach mir, dem König der Fische, und ich will es tun.«

Sie gingen weiter über den Hügel. »Berühre nichts, was du siehst«, sagte das Pferd, und da waren gerade die besten Dinge, auf die ihr Auge fiel. Doch siehe! Der Wind blies eine Feder in des Jünglings Mund. Zwei- oder dreimal spie er sie aus. Aber die Feder kam immer wieder zurück. Da fing er sie mit der Hand; und da es eine hübsche Feder war, steckte er sie in die Tasche.

Nun gelangten sie zu einem alten Schloß, aus dem kam lautes Rufen. »Geh hinauf und sieh, was da los ist«, sagte das alte Pferd, und der Jüngling ging zu dem Schloß und klopfte an das Tor. Aber niemand kam. Da öffnete er selbst das Tor und trat ein, um zu sehen, was da vor sich gehe. Auf einem Bett sah er einen Riesen liegen, der konnte sich nicht helfen, denn er war krank. Da war keine Magd, die ihm etwas zu essen gebracht hätte. »Was ist mit dir, du Alter?« fragte der Knabe. »Ich habe keinen Diener. Geh, hole du mir ein wenig Essen, und bringe mir einen Becher Bier.« Der Riese aß sich nun satt und sagte dem Knaben, er solle ihn rufen, wenn er etwas für ihn tun könne.

Nun reisten die beiden weiter. Unterwegs fragte das alte Pferd: »Was hast du auf dem Hügel gesehen?« — »Ich sah nur eine kleine Feder, die der Wind mir in den Mund blies.« — »Hast du die Feder genommen?« — »Ja, sie ist in meiner Tasche.« — »Diese Feder wird uns Ungemach bringen; doch behalte sie, laß sie nicht fortfliegen«, sagte das Pferd.

Und siehe da! Der Jüngling ging nun zu einem großen Schlosse, um Arbeit zu suchen. Der Herr kam heraus, um zu sehen, ob er auch tüchtig sei. Und er war mit ihm zufrieden. Dann suchte Hans eine Schlafstätte. Der Herr schlug ihm vor, im Hause zu schlafen. »Nein«, meinte aber Hans, »ich will lieber zu meinem alten Rößlein in den Stall gehen.«

Alle verwunderten sich über seine Tüchtigkeit, die von jener Feder verursacht wurde. Eines Tages sagte ein Diener zu dem Herrn: »Rufe ihn hierher, Herr, damit ich ihm seine Feder fortnehmen kann.« Das tat der Herr, und als Hans kam, nahm ihm der Diener die Feder weg und legte eine andere auf den Tisch.

»Herr, ich habe sie«, sagte der Diener, »aber der Mann, der die Feder brachte, kann auch den Vogel bringen.« Hans sagte zu dem alten Pferde: »Der Herr braucht den Vogel.« — »Geh, Hans, und bitte ihn, dir drei Tage Zeit und drei Börsen voll Gold zu geben«, sprach das Pferd. Alsdann gingen sie, den Vogel zu holen. »Hans, gehe zu dem Schloß«, sagte das Pferd, »und tritt ein. Du wirst die Leute beim Essen am Tisch sitzen sehen, berühre nichts. In einem Käfig in der Ecke wirst du einen jämmerlich aussehenden Vogel erblicken. Geh und nimm ihn, ohne zu zögern!«

Und siehe! Hans kam mit dem Vogel zu dem alten Pferd heraus, und die beiden gingen zurück und brachten dem Herrn den Vogel. Als der Herr und der Diener den Vogel erblickten, sagte der Diener zu dem Herrn: »Der Vogel ist hübsch; die Dame ist aber noch hübscher. Der Mann, der den Vogel brachte, kann auch die Dame bringen.« Und sieh! Hans ging zu dem alten Pferd hinaus. Er erzählte dem Pferde, daß der Herr die Dame wünsche. »Ich warnte dich wegen der Feder, Hans. Geh und erbitte von ihm drei Tage Zeit und drei Börsen voll Gold.« Nun ging Hans zurück, um den Herrn darum zu bitten, und erhielt das Geld und die drei Tage Zeit.

Nun brachen sie auf. Auf der Landstraße sprachen sie miteinander. Das Pferd sagte zu Hans: »Hans, wünsche, daß ich mich in ein Schiff auf hoher See verwandle!« Sobald das Wort gesprochen war, war das Schiff auf der See. Und siehe, er ging an Bord. In dem Schiffe war schöne Seide. Nun segelten sie nach dem Schloß. »Hans, gehe hinauf zu dem Schloß und verlange die Dame zu sprechen. Du wirst jemand zu dir herauskommen sehen, aber das ist nicht die Dame. Verlange die Dame selbst zu sehen.« Und Hans ging zu dem Schlosse. Er klopfte an die Tür. Und siehe, eine Dame kam heraus. Aber sie war nicht die richtige Dame, sie war nur die Dienerin. Da sagte er zu ihr: »Ich wünsche die Dame selbst zu sprechen«, und die Dienerin ging hinein, um nach der Dame zu fragen. Und wirklich! Die Dame kam heraus. Hans erzählte ihr, daß ein Schiff auf der See unterhalb des Schlosses angelegt habe; und nun kam sie herunter, um sich die Seide anzusehen. Als sie in dem Schiff war, ließ Hans sie unten bei der Seide allein und ging an Deck. Er lichtete den Anker, und das Schiff fuhr auf und davon.

Bald waren sie weit fort auf hoher See, und die Dame war glücklich gefangen. Als sie an Deck kam und sah, was geschehen war, fühlte sie in ihrer Tasche nach, zog ihre Schlüssel heraus und warf sie ins Meer. Das Wasser ging in hohen Wellen, und es kam ein starker Wind. Und schau, sie gelangten zum Schlosse seines Dienstherrn zurück.

Hans brachte die Dame dem Herrn, und sie gingen hinein. Der Herr und der Diener wechselten ein paar Worte. Der Diener sagte schließlich: »Der Mann, der die Dame bringen kann, kann auch das Schloß bringen.« Da ging Hans hinaus zu dem alten Pferde und erzählte es ihm. »Ja, Hans, ich warnte dich vor der Feder; sie würde uns Kummer bereiten. Geh hinein, Hans, und erbitte von dem Herrn drei Tage Frist und drei Säcke voll Gold.« Und Hans ging zurück und erhielt, um was er bat.

Die beiden zogen wieder von dannen. Das alte Pferd fragte Hans: »Was sagte denn damals der Riese zu dir?« — »Er sagte, er würde etwas für mich tun.« — »Geh hinauf und trage ihm deinen Wunsch vor«, sprach das Pferd.

Nun ging Hans zu dem Schlosse des Riesen und erzählte dort sein Anliegen. Der Riese lachte ihn aus und sandte ihn fort, die Kette zu holen; aber Hans konnte nicht ein Kettenglied heben. Der Riese lachte wieder über ihn und kam selbst heraus, nahm die Kette und warf sie über seine Schulter. Nun gingen die beiden zu dem Schlosse der Dame hinunter. Da legte der Riese die Kette um das Schloß, nahm es auf seinen Rücken und trug es zur Dame hinunter.

Rund um das Schloß der Dame aber war eine große Mauer, deren Tür verschlossen war. Darum sagte die Dame zu Hans: »Ich brauche meine Schlüssel. Ich kann die Tür sonst nicht öffnen.« Da ging Hans hinaus und erzählte es dem alten Pferd. »Hans, ich warnte dich vor der Feder«, sprach es, »doch gehe hin und bitte um dieses und jenes.« Da ging er zurück und erhielt, was er für die Reise erbat.

Die beiden reisten wieder auf der Landstraße. »Hans, was sagte denn der kleine Fisch zu dir?« — »Er sagte: >Ich kann alles tun, wenn es für dich geschieht; solltest du meiner bedürfen, so mußt du nach dem Herrn der Fische fragen.<« Da wanderten Hans und das alte Pferd zu dem Platz, wo er den Fisch gefunden hatte; und er rief nach ihm. Und siehe da! Der Fisch kam zu ihm. Und Hans fragte ihn wegen der Schlüssel. »Ich will nachsehen, Hans.« Damit verschwand er und blieb lange Zeit fort. Doch als er zurückkam, hatte er die Schlüssel und gab sie Hans. Dann schwamm der Fisch wieder fort, und das alte Pferd und Hans gingen nach Hause.

Als Hans der Dame die Schlüssel gab, sagte sie zu ihm: »Was willst du, Hans, daß dein Kopf oder deines Herrn Kopf abgeschlagen wird?« Hans überlegte, was er sagen solle. Dann sprach er: »Töte nicht ihn, töte lieber mich!« Da antwortete die Dame: »Du hast wohl gesprochen, Hans, du hast wohl gesprochen. Hättest du nicht so gesprochen, so würdest du erschlagen worden sein, nun aber wird der Herr erschlagen. «

So geschah es. Und Hans und die Dame heirateten sich und leben noch heute.


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