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C. M. Wieland's Werke.

Achter Band.

Leipzig.G. J. Göschen'sche Verlagshandlung.1854.
Buchdruckerei der J. G. Cotta'schen Buchhandlung in Stuttgart.

Der goldne Spiegel oder die Könige von Scheschian.

Eine wahre Geschichte aus dem Scheschianischen übersetzt.
— Inspicere tanquam
In speculum jubeo —

Zweiter Band.

1.

Herr Danischmend, ein paar Worte, ehe wir weiter gehen, sagte der Sultan. Wenn es, ohne der historischen Wahrheit Gewalt anzuthun, geschehen könnte, daß du uns auf diesen Azor, der (unter uns!) die Erlaubniß schwach zu seyn ein wenig zu sehr mißbraucht, diesen Abend einen guten König gäbest, so würdest du mir keinen kleinen Gefallen erweisen. Ich weiß wohl, die Geschichte soll den Fürsten nicht schmeicheln; und dieß aus einem gedoppelten Grunde: erstens, weil es genug ist, daß uns in unserm Leben geschmeichelt wird; und dann, weil die Wahrheit, die man nach unserm Tode von uns sagt, uns nicht mehr schaden, der Welt hingegen nützen kann. Aber ich möchte doch auch nicht, daß es so herauskäme, als ob ich mir alle Abende in meinem Schlafzimmer eine Satyre auf die Sultanen von Scheschian machen ließe. Ich erinnere mich irgendwo gelesen zu haben, ein Mensch sollte nichts, was einen Menschen angeht, für fremd ansehen, und ich sehe nicht ab, warum wir Sultanen uns nicht in dem nämlichen Falle befinden sollten. Mit Einem Worte, ich interessire mich für die Sache, und dieß ist, denke ich, genug.Ihre Hoheit befehlen also daß ich den Sultan Jsfandiar überhüpfe? fragte Danischmend —Eine weise Frage! antwortete Schach-Gebal. Ich muß doch wohl zuvor wissen, wer Sultan Jsfandiar war, eh' ich sie beantworten kann?"Er war Azors unmittelbarer Nachfolger, sein einziger Sohn von der schönen Alabanda, und einer von den Scheschianischen Sultanen, deren Regierung einer förmlichen Satyre auf böse Fürsten ähnlich sieht."Er war also noch schlimmer als Azor?Um Vergebung, Sire! Azor war in der That kein böser Fürst; er war nur schwach. Jsfandiar hingegen — —Gut, gut, fiel ihm der Sultan ins Wort: wir wollen immerhin Bekanntschaft mit ihm machen, wenn es auch nur wäre, weil er ein Sohn der schönen Alabanda war, die ich, bei allem Bösen was du uns von ihr sagtest, dennoch sehr liebenswürdig finde. Und aus eben diesem Grunde ersuch' ich dich, den armen Jsfandiar so leicht davon kommen zu lassen als du immer kannst.Wofern (sagte Danischmend) unter dem Worte Satyre eine Rede oder Schrift verstanden wird, worin man zur Absicht hat jemanden lächerlich oder verhaßt zu machen: so verhüte der Himmel, daß mir jemals der Gedanke einfalle, eine Satyre auf Fürsten zu machen, und wenn es auch nur über den König Tonos Konkoleros, oder einen der alten Pharaonen in Aegypten wäre. Aber unglücklicherweise hat es unter den Großen zu allen Zeiten einige gegeben, deren Leben eine Satyre auf sich selbst war; ich will sagen, die sich durch ihre Thorheiten verächtlich und durch den Mißbrauch ihrer Gewalt verhaßt gemacht haben, ohne daß der Biograph, der den Auftrag erhielt ihre Geschichte zu erzählen, die mindeste Schuld an der Sache hatte. Ich besorge, der Sultan Jsfandiar war in diesem Falle, und daher — —Immerhin! rief der Sultan, das Böse, das du von ihm sagen wirst, bleibt unter uns. Erinnere dich nur, daß ich unnöthige Vorreden hasse.Sire (fing Danischmend an), Jsfandiar war, wie gesagt, Azors und Alabandens einziger Sohn, und der jüngste von verschiedenen, welche seine Sultaninnen ihm geboren hatten. Er wurde, ungeachtet der Entfernung seiner Mutter von dem Herzen des Königes, bei Hof erzogen — wie die Scheschianischen Prinzen damals erzogen zu werden pflegten.Dieß ist gerade, was wir wissen wollen, sagte Schach-Gebal.Er hatte die geschicktesten Lehrmeister in allen den Wissenschaften und Künsten, welche sich (wie man zu sagen pflegt) für einen Prinzen schicken. Er lernte von der Mathematik so viel, daß er ein Dreieck kunstmäßig von einem Viereck unterscheiden konnte. Er wußte, zum Beweise seiner geographischen Kenntnisse, die Namen aller Flüsse, Seen, Berge, Provinzen und Städte von Scheschian herzusagen; und, um eine Probe seiner Stärke in der Philosophie zu geben, vertheidigte er in seinem dreizehnten Jahre öffentlich einen sehr tiefsinnigen Beweis, daß ein Ding — ein Ding ist, und so lang' und so fern als es ist was es ist, nicht zugleich etwas andres seyn kann als es ist. Sein Lehrer in der Staatswissenschaft hatte nichts Angelegner's als ihm die ausgebreitetste Kenntniß von dem Umfang und den Rechten der höchsten Gewalt, und von den unzählbaren Mitteln und Wegen, wie man sich mit guter Art des Eigenthums seiner Unterthanen bemächtigen kann, beizubringen. Hingegen nahm sich sein Lehrer in der Moral sehr in Acht, die Zärtlichkeit seines Ohres nicht durch Erwähnung des unangenehmen Wortes Pflichten zu beleidigen. Er bildete sich ein, es vortrefflich gemacht zu haben, wenn er dem Prinzen, in zierlich gedrehten Perioden oder durch rührend ausgemalte Beispiele, Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit als die höchsten Tugenden eines Fürsten vorschilderte. Aber der Ton, worin er von diesen Tugenden schwatzte, das unbesonnene und übertriebene Lob, womit er einige Fürsten wegen ziemlich zweideutiger Handlungen dieser Art unter die Götter versetzte, mußte natürlicherweise eine verkehrte Wirkung bei seinem Untergebenen thun. Der junge Jsfandiar machte sich von Gerechtigkeit und Wohlthätigkeit einen Begriff, der für das Glück seiner künftigen Unterthanen gänzlich verloren ging. Er glaubte, die Ausübung dieser Tugenden hange bloß von seiner Willkür ab; und er muthmaßte auch nicht von ferne, daß sie allein durch ihre unzertrennliche Verbindung zu Tugenden werden, und daß die unermüdete Bestrebung, beide in dem ganzen Umfang des Regentenamtes auszuüben, eine so wesentliche Fürstenpflicht sey, daß derjenige, welcher sie fünfzig Jahre lang in der höchsten Vollkommenheit ausgeübt hätte, beim Schlusse seines Lebens kein andres Lob verdient hätte, als das Zeugniß seine Schuldigkeit gethan zu haben. Kurz, der höfische Mentor hatte keinen Begriff davon, daß man einem jungen Fürsten die Ausübung aller Tugenden, von welchen das Wohl seiner Untergebenen und die möglichste Vollkommenheit seines Staates abhängt, unter der Gestalt von Verbindlichkeiten vorstellen müsse, deren Forderungen eben so dringend als unverletzlich sind; es sey nun daß man sie von den Gesetzen des höchsten Wesens, als des Königs über die Könige, oder von einem gesellschaftlichen Vertrag ableite, vermöge dessen derjenige, der die meisten Rechte zu haben scheint, gerade der ist, der die meisten Pflichten hat.Ohne Unterbrechung, Herr Doctor, sagte der Sultan: ich sollte doch denken, der Sittenlehrer des jungen Prinzen Jsfandiar habe nicht so ganz Unrecht gehabt, ihm das, was ihr die Pflichten der Fürsten nennt, unter einer gefälligen Gestalt zu zeigen. Das Wort Pflicht ist ein hartes Wort: es hat für die Unterthanen selbst einen widrigen Ton; wie sollten wir andere unsre Ohren daran gewöhnen können? Wir werden die Tugend immer liebenswürdiger finden, wenn unsre Neigung zu ihr freiwillig ist, als wenn sie uns mit Gewalt aufgebürdet wird.Um Vergebung, gnädigster Herr, erwiederte der freimüthige und unhöfliche Danischmend. Es gibt ein weniger gefährliches Mittel uns unsere Pflichten angenehm zu machen. Anstatt uns zur Tugend durch Lobeserhebungen anzuspornen, welche die Ausübung unserer Schuldigkeit zu einem Gegenstande der Ruhmsucht und Eitelkeit machen, würde besser gethan seyn, uns zu überzeugen, daß die Vollziehung unsrer Pflichten mit den unmittelbarsten und wichtigsten Vortheilen und mit dem reinsten Vergnügen verbunden ist. Immerhin mag auch des Ruhmes, als des natürlichen Begleiters guter Thaten, erwähnt werden. Aber zu bedauern ist der Fürst, dessen Herz nicht empfindsam genug ist, das Vertrauen und die Liebe seines Volkes allen Lobgedichten, Ehrendenkmälern, Bildsäulen, Schaumünzen und Inschriften vorzuziehen, womit Dankbarkeit oder Schmeichelei seine Thaten verewigen können. Wie wenig wahre Befriedigung können ihm diese geben! denn wie oft sind sie nicht an Tyrannen und namenlose Könige verschwendet worden!Danischmend hat nicht ganz Unrecht, sagte der Sultan, der diesen Abend in der Laune war, seinen Philosophen schwatzen zu hören: der Moralist des Prinzen Jsfandiar war, wie es scheint, ein zu guter Höfling, um ein guter Sittenlehrer zu seyn.Gleichwohl (fuhr Danischmend fort) war sein Lehrer in der Geschichte noch schlimmer, wiewohl unstreitig der gelehrteste Mann in seiner Art, den man im ganzen Reiche hatte finden können. Die Geschichte war das Lieblingsstudium des Prinzen, und wirklich erwarb er sich eine Fertigkeit darin, womit er bei tausend Gelegenheiten sich und seinem Lehrer Ehre machte. Dieser erhielt zur Belohnung die Stelle eines königlichen Geschichtschreibers mit einer großen Pension. Konnte der gute Sultan Azor sich einfallen lassen, daß der Mann, den er so edel belohnte, die Oberstelle auf einer Ruderbank verdient habe? und doch war nichts gewisser.Das Amt eines Lehrers der Geschichte bei einem jungen Fürsten erfordert einen Mann, der mit der wärmsten Rechtschaffenheit einen tiefsehenden und viel umfassenden Blick, und das reinste sittliche Gefühl mit der scharfsinnigsten Unterscheidungskraft vereinigt. Keine geringern Eigenschaften setzt die vollkommene Gerechtigkeit voraus, welche er in Zeichnung der Charakter und in Beurtheilung der Handlungen, sowohl aus dem sittlichen als politischen Gesichtspunkt, auszuüben hat. Er muß (wenn es mir erlaubt ist, mich durch ein Beispiel verständlicher zu machen) in Alexandern einen dieser außerordentlichen Sterblichen erkennen, welche die Natur zu Ausführung ungewöhnlich großer Dinge gebildet hat; welche, wie die Götter Homers, eine Mittelclasse zwischen Menschen und höhern Wesen ausmachen, und daher in ihren Lastern wie in ihren Tugenden mehr als gewöhnliche Menschen sind. Er muß jedem seiner Vorzüge, jeder seiner Tugenden ihr Recht widerfahren lassen, ohne seiner Laster um jener willen zu schonen, oder die Schönheit von jenen um dieser willen zu mißkennen. Er muß fähig seyn, in dem großen Entwurfe dieses wohlthätigen Eroberers einen ganz andern Geist zu entdecken, als derjenige war, der die Attilas antrieb den Erdboden zu verheeren. Er muß einem Manne, der zum Beherrscher der Welt geboren war, aus der erhabenen Leidenschaft, große Thaten zu thun, kein Verbrechen machen; einer Leidenschaft, welche an einem kleinern Geist Ehrgeiz gewesen wäre, aber bei jenem der angeborne Enthusiasmus einer Heldenseele war. Aber weh ihm, wenn er nicht empfindet, daß der Sieg bei Arbela nicht mehr war, als was zwanzig andre Griechische Feldherrn eben so gut hätten bewerkstelligen können als Alexander; und daß hingegen eine fast übermenschliche Größe der Seele dazu erfordert wurde, den Arzneibechcr aus der Hand seines Leibarztes zu nehmen und mit ruhig heiterm Lächeln auszutrinken, während er demselben mit der andern Hand den Brief hinreichte, worin ihm entdeckt wurde, daß dieser Arzt durch Versprechungen, welche einen Heiligen verführen könnten, bestochen sey ihm Gift zu geben! Weh ihm, wenn er nicht empfindet, daß Alexander, da er lieber brennenden Durst leiden, als etliche seiner Soldaten des Wassers, welches sie ihren schmachtenden Kindern in ihren Helmen zutrugen, berauben wollte, ein größerer Mann war, als da er, von Feldherren und Königen umgeben, zum erstenmal vom Thronhimmel der Persischen Sultanen auf das besiegte Asien herabsah; oder wenn er nicht empfindet, daß der überwundene Darius in dem Augenblicke, da er, gerührt von dem edlen Betragen seines Siegers gegen seine Gemahlin und Kinder, niemand als Alexandern für würdig erklärte den Thron des Cyrus zu besteigen, — größer als Alexander war; —Alexander hingegen in dem Augenblicke, da er, berauscht von der wollüstigen Pracht der Persischen Könige, beim Eintritt in das innere Gezelt des Darius ausrief: dieß nenn' ich König seyn! von der Hoheit eines Halbgottes zum gemeinen Erdensohn heruntersank.Weit entfernt von dieser Feinheit und Wärme des sittlichen Gefühls, urtheilte der gelehrte Mann, der den jungen Jsfandiar durch die Geschichte zu einem Könige bilden sollte, von den Großen und ihren Handlungen nach keiner bessern Regel, als nach dem Schein den sie von sich warfen, und (in allen Fällen, wo er keine besondere Ursache hatte zu loben, was er nach seinen Grundsätzen hätte tadeln müssen) nach den Vorurtheilen der übel zusammenhängenden, schwärmerischen, in einigen Stücken überspannten, in andern allzu schlaffen Sittenlehre, an welche er in den Schulen der Bonzen auf eine mechanische Weise angewöhnt worden war. Jeder Eroberer hieß ihm ein Held, jeder freigebige Fürst großmüthig, jeder schwache Fürst gut. Vornehmlich machte er sich zur Pflicht, dem Prinzen von den Fürsten seines Stammes immer die vortheilhaftesten Begriffe zu geben, wiewohl es größtentheils auf Unkosten der Wahrheit geschehen mußte. Er malte alles ins Schöne; er vergrößerte ihre guten oder erträglichen Eigenschaften, stellte ihre Laster in den tiefsten Schatten, und entschuldigte durch sophistische Spitzfindigkeiten was sich nicht verbergen ließ. Kurz, er behandelte ihre Geschichte nicht anders, als ob die Begriffe vom Guten und Bösen, sobald sie auf einen Großen angewendet werden, willkürlich würden, oder als ob der königliche Mantel durch eine talismanische Kraft jedes Laster, das er bedeckt, in eine schöne Eigenschaft verwandeln könnte. — "Man muß gestehen (pflegte er von einem offenbaren Tyrannen, oder von einem in Ueppigkeit versunkenen Wollüstling zu sagen), daß dieser große Sultan in einigen Handlungen seines Lebens die Strenge, welche durch die Umstände seiner Zeiten nothwendig gemacht wurde, etwas weiter getrieben hat als zu wünschen war" — oder: "es ist nicht zu läugnen, daß seine Neigung zu den Ergötzungen nicht immer in den Schranken der weisesten Mäßigung blieb; aber diese Schwachheiten (setzte er hinzu) wurden durch so viele große Eigenschaften vergütet, daß es eben so unbillig als unehrerbietig wäre, sich dabei aufzuhalten."Der junge Prinz hätte nicht so schlau seyn müssen als er war, wenn er sich nicht einige kleine Grundsätze hieraus gezogen hätte, welche das wenige Gute, das der Unterricht seines Sittenlehrers in seinem Gemüthe übrig gelassen hatte, vollends vernichteten; zum Beispiel: "daß die Laster eines Fürsten ein Gegenstand seyen, von welchem man mit Ehrerbietung reden müsse; daß ein Fürst um so weniger vonnöthen habe seinen schlimmen Neigungen Gewalt anzuthun, weil es immer in seiner Macht stehe, das Böse, das er thut, wieder zu vergüten; daß man es einem Sultan desto höher anrechnen müsse, wenn es ihm gefällt einige gute Eigenschaften zu haben, weil es bloß an ihm lag, ungestraft so schlimm zu seyn als er nur gewollt hätte, u. dgl. m. Der junge Jsfandiar ermangelte nicht, aus diesen und ähnlichen Sätzen, welche aus der verkehrten Weise, wie ihm die Geschichte beigebracht wurde, zu folgen schienen, sich eine geheime Sittenlehre zu seinem eigenen Gebrauch zu bilden, welche desto gefährlicher war, da sein von Natur wenig empsindsames Herz keine Neigungen hatte, welche seinen Launen und Leidenschaften das Gegengewicht hätten halten können.Ich habe mich, nicht ohne Gefahr dem Sultan meinem Herrn lange Weile zu machen, bei der Erziehung des Prinzen Jsfandiar verweilt, weil ich überzeugt bin, daß sie großentheils an den Thorheiten und Lastern Schuld ist, welche die Regierung dieses unglücklichen Fürsten auszeichnen.Aber, wenn dieß wäre, sagte Schach-Gebal, wie viele Königssöhne in der Welt müßten eben so schlimm seyn als dein Jsfandiar! Denn ich bin gewiß, daß unter zehen kaum Einer ist, der sich einer bessern Erziehung rühmen kann.Sire (antwortete Danischmend), dieses letzte als eine Erfahrungssache vorausgesetzt, ließe sich schließen, die meisten Fürsten würden, durch eine besondere Vorsehung, welche für das Beste der Menschheit wacht, mit einer so vortrefflichen Anlage in die Welt geschickt, daß sie, alles dessen was die Erziehung an ihnen verderbt ungeachtet, immer noch gut genug blieben, um uns zu zeigen wie vortrefflich sie hätten werden können, wenn der Keim der Verkommenheit in ihnen entwickelt und zur Reife gebracht worden wäre.Wofern dieß nicht etwan Ironie ist, sagte Schach-Gebal lächelnd, so bedanke ich mich bei dir im Namen aller, die bei dieser sehr verbindlichen Hypothese etwas zu gewinnen haben.Ich empfinde meine Pflicht zu stark (erwiederte Danischmend), um von einer so ernsthaften Sache anders als in vollem Ernste zu reden. Und ich denke, nichts kann dem hohen Begriff, den wir uns von der Güte des unsichtbaren Regierers der Welt zu machen schuldig sind, gemäßer seyn, als der Gedanke, daß er (ordentlicher Weise wenigstens) nur die schönsten Seelen zu seinen Unterkönigen in den verschiedenen Theilen des Erdkreises ernenne.Wenn mir erlaubt ist meine Meinung über eine Sache von dieser Wichtigkeit zu sagen, sprach die schöne Nurmahal, so denke ich, Danischmend habe niemals etwas Wahrscheinlicheres gesagt. Wäre es nicht so wie er behauptet, so dünkte mich unerklärbar, woher es komme, daß unter zwanzig großen Herren kaum Einer so schlimm ist, als sie alle zwanzig seyn sollten, wenn man bedenkt, was die Lebensart, worin sie aufwachsen, die verkehrten Begriffe, welche sie unvermerkt einsaugen, die Mühe, die man sich gibt, durch Schmeichelei, niederträchtige Gefälligkeit und schlaue Verführungskünste ihren Kopf und ihr Herz zu verderben, bei gewöhnlichen Menschen für eine Wirkung thun müßten.Ich zweifle nicht, meine guten Freunde, sagte der Sultan, daß alles dieß eine abgeredete Schmeichelei ist, die ihr mir sagen wollt. Indessen ist doch wenigstens die Wendung, die ihr dazu genommen habt, zu loben. Aber ich sehe nicht, Danischmend, was der Taugenichts Jsfandiar dabei gewinnen kann.In der That, versetzte Danischmend, es mangelte ihm, wie ich bereits erwähnte, an dem Kostbarsten, was die Natur einem Sterblichen, sie mag ihn zum Pflug oder zu einer Krone bestimmt haben, geben kann, an einer empfindsamen Seele. Diesen Mangel kann auch die vollkommenste Erziehung nicht ganz ersetzen; aber, da sie doch wenigstens etwas thun kann (denn warum sollte sich die Natur nicht eben sowohl verbessern als verschlimmern lassen?), so sind in einem solchen Falle die Leute, deren Amt dieß ist, desto größere Verbrecher, wenn sie darin saumselig sind.Vermuthlich fehlten sie mehr aus Ungeschicklichkeit als aus Bosheit, sagte die Sultanin.Ich würde selbst nicht strenger von ihnen geurtheilt haben, erwiederte Danischmend, wenn es weniger gewiß wäre, daß diese Herren (wiewohl sie ihre wahre Absicht unter der gewöhnlichen Phraseologie von Menschenliebe, Patriotismus und Uneigennützigkeit verbargen) insgesammt kein höheres Augenmerk hatten, als ihr Glück zu machen; ein Zweck, den sie am gewissesten zu erhalten glaubten, wenn sie keine Gelegenheit versäumten, sich durch eine wenig bedenkliche Gefälligkeit in das Herz des künftigen Thronerben einzustehlen.So fehlerhaft indessen die Erziehung dieses Prinzen war, so würde doch der Schade, der sie ihm zufügte, nicht unheilbar gewesen seyn, wenn er nicht das Unglück gehabt hätte, einem gewissen Kamfalu in die Hände zu fallen, der ein Bösewicht aus Grundsätzen, aber der angenehmste Bösewicht war, den man jemals gesehen hatte. Ich werde, um dem Charakter dieses Menschen sein gehöriges Licht zu geben, genöthiget seyn, eine kleine Digression in die Gelehrtengeschichte der damaligen Zeit zu machen.Es lebte damals ein Schriftsteller, Namens Kador, der sich von dem großen Haufen der moralischen Schreiber seiner Zeit durch eine Art von Antipathie gegen alles Aufgedunsene und Gezierte in Empfindungen, Begriffen und Sitten, und überhaupt durch eine merkliche Entfernung von der Kunstsprache sowohl als von den Maximen jenes großen Haufens unterschieden hatte. Es ist natürlich, daß die besagten Schreiber mit diesem Unterschied um so weniger zufrieden waren, weil das Publikum zwischen ihren Schriften und den seinigen noch einen andern Unterschied machte, der ihrer Eitelkeit nicht gleichgültig seyn konnte. Man las nämlich seine Werke mit einem Vergnügen, welches immer die Begierde zurück ließ, sie wieder zu lesen; da hingegen die ihrigen ordentlicher Weise nur zum Einpacken der seinigen gebraucht wurden. Sie hätten mehr oder weniger als gewöhnliche Menschen seyn müssen, wenn sie dieses nicht sehr übel hätten finden sollen. Sie suchten den Grund davon nicht in der schlechten Betroffenheit der übel zubereiteten und unverdaulichen Nahrung, welche sie dem Geist ihrer Zeitgenossen vorsetzten, sondern (wie natürlich war) in der Verdorbenheit des menschlichen Herzens, welchem Kador, ihrem Vorgeben nach, auf die unerlaubteste Weise schmeichelte. Denn der scherzende Ton, worin er zuweilen sehr ernsthafte Wahrheiten sagte, und die launige Freimüthigkeit, womit er der Heuchelei die Maske abnahm und der Verblendung die Augen öffnete, waren in den ihrigen untrügliche Zeichen seines bösen Willens gegen die Tugend. In der That dachte Kador von den Tugenden der Sterblichen nicht ganz so günstig, als diejenigen, welche selbst für Muster angesehen werden wollen, zu wünschen Ursache haben. Er leitete die meisten praktischen Urtheile und Handlungen der Menschen aus den mechanischen Wirkungen physischer Ursachen, ober aus den geheimen Täuschungen der Einbildung und des Herzens her; und je erhabener die Beweggründe waren, aus welchen jemand zu handeln vorgab, desto größer war das Mißtrauen, welches er entweder in die Redlichkeit dieses Jemands oder in die Gesundheit seines Gehirnes setzte. Wiewohl er überhaupt eine sehr gute Meinung von der menschlichen Natur hegte, so behauptete er doch, daß sie, binnen etlichen tausend Jahren, durch die unaufhörliche Bemühung an ihr zu künsteln, zu bessern und zu putzen, so übel zugerichtet worden sey, daß es leichter wäre an einem verstümmelten Götterbilde die Majestät des Gottes, den es vorgestellt, als in den menschlichen Carricaturen, die sich vor unsern Augen herumbewegen, die ursprünglich schöne Form der Menschheit zu erkennen. Indessen gab es doch, seiner Meinung nach, immer eine Anzahl schöner Seelen, welche (durch glückliche Zufälle, oder, wie er geneigter war zu glauben, durch die geheimen Veranstaltungen einer wohlthätigen Gottheit), wo nicht ganz unverstümmelt, doch wenigstens nur mit leichten Beschädigungen, noch ganz leidlich davon gekommen wären. Er erklärte sich für den wärmsten Liebhaber dieser schönen Seelen: von ihnen allein dacht' er gut; ihnen allein traute er jede edle Gesinnung, und die Fähigkeit, der Tugend große Opfer zu bringen, zu. Die übrigen machten noch so künstlich angestrichen, noch so Gothisch herausgeputzt, in noch so weite und lang schleppende Mäntel eingehüllt seyn, kurz, sich noch so viele Mühe geben, durch entlehnte Zierrathen und äußerliche Formen von Weisheit und Tugend Hochachtung zu erwecken: an ihm verloren sie ihre Mühe. Es sind Pagoden, pflegte er lächelnd zu sagen, welche sehr wohl thun, sich, wie die Sinesischen, in weite Mäntel zu hüllen; durchsichtiges Gewand würde ihre Ungestalt zu sichtbar machen. Kador mochte wohl so unrecht nicht haben, als die Pagoden, seine Gegner, die Welt gern überredet hätten. Gewiß ist, daß der bessere Theil der Welt sich nicht überreden lassen wollte, und daß er gerade so viele gesunde Köpfe und schöne Seelen, als man ihrer damals in Scheschian zählte, auf seiner Seite hatte. Selbst diejenigen, welche nicht in allen Stücken seiner Meinung waren, billigten sowohl seine Absichten als die Mittel wodurch er sie ausführte, und erkannten in ihm den aufrichtigen Liebhaber des Wahren und den wohlmeinenden Freund der Menschheit. Aber zufälliger Weise hatte er das Mißvergnügen, daß einige seiner Grundsätze von einer Art von Leuten gemißbraucht wurden, denen es gleich stark an feinerem Gefühle des Herzens und an Richtigkeit der Beurtheilung mangelte. Das Wahre gränzt immer so nahe an den Irrthum, daß man keinen Sprung vonnöthen hat, aus dem sanft sich empor windenden Pfade des einen in die reizenden Irrgärten des andern sich zu verirren. Diese Leute gaben sich das Ansehen, dem besagten Schriftsteller in allem beizustimmen, einen einzigen Punkt ausgenommen. "Er hat Recht," sagten sie, "so lang' er in seinem wahren Charakter bleibt, so lang' er das Eitle der menschlichen Begriffe und Leidenschaften schildert, und das Lächerliche ihrer Forderungen an Weisheit und Tugend aufdeckt. Aber er schwärmt selbst, sobald er von schönen Seelen, von der Zauberei der Empfindung, von Sympathie mit der Natur und von der Göttlichkeit der Tugend fabelt. Es gibt keine schönen Seelen, und nur ein Thor glaubt an die Tugend. Was die Menschen Tugend nennen, besteht, wie die Münze in gewissen Ländern, in einer Anzahl abgeredeter Zeichen, welche man unter einem gewissen Stempel für einen gewissen Preis in Handel und Wandel gelten zu lassen übereingekommen ist. Der innere Werth kommt dabei gar nicht in Betrachtung. Dem Korn nach ist eben so wenig Unterschied zwischen dem Schelm, der gehangen wird, dem Nachrichter, der ihn hängt, und dem Richter, der ihn hängen läßt, als zwischen dem geschmeidigen Europäer, dem aufgeblasenen Perser, dem andächtigen Armenier, dem höflichen Sinesen und dem rohen Kamtschadalen. Das Gepräge macht den ganzen Unterschied."Die Leute, welche so dachten, fanden bald Anhänger genug, um eine zahlreiche Secte auszumachen. Sie nannten sich die Philosophen, und wer nicht von ihrer Brüderschaft war, hatte die Freiheit von den Titeln Betrüger oder Schwärmer, welchen er wollte, auszuwählen. Denn nach ihren Grundsätzen mußte er nothwendig eines von beiden seyn. Der ehrliche Kador erfuhr die Kränkung, von der kurzsichtigen Menge mit diesen anmaßlichen Philosophen in Eine Linie gestellt zu werden, weil sie zuweilen seine Sprache redeten, und in gewissen Stücken eben das zu thun schienen, was er gethan hatte. Man konnte oder wollte nicht gewahr werden, daß nichts verschiedener seyn konnte, als der Geist, welcher ihn, und der, welcher diese Philosophen beseelte, und als der Endzweck, den er und sie sich vorgesetzt hatten. Wenn er des Schwärmers spottete, und den Afterweisen, den Betrüger, oder den Selbstbetrogenen ihrer Ansprüche an Weisheit und Tugend entsetzte: so geschah es auf eine Weise, welche in Personen von gesundem Urtheile keinen Zweifel veranlassen konnte, daß er es nicht redlich mit Wahrheit und Tugend meine. Wenn sie hingegen eben dieß zu thun schienen, fiel es in die Augen, daß ihre Absicht sey, die Tugend selbst lächerlich zu machen, und den ewigen Unterschied zwischen Wahr und Falsch, Recht und Unrecht aufzuheben. Der Schmerz, sich mit einer Classe von Menschen, die er verachtete, vermengt zu sehen, und die Gefahr, durch den Muthwillen der einen und den Unverstand der andern wider seinen Willen Böses zu thun, brachte ihn, ohne daß er sich einen Augenblick bedachte, zu der einzigen Entschließung, welche in solchen Umständen eines ehrlichen Mannes würdig war. Er erklärte sich öffentlich, und mit Verachtung des Tadels und der Vorwürfe, welche er von beiden Gattungen zu erwarten hatte, für die Sache der Tugend. Aber da er, seiner Ueberzeugung treu, fortfuhr, keine Tugend gelten zu lassen, welche nicht, zum untrüglichen Zeichen ihres innern Werthes, mit dem Stempel der schönen Natur bezeichnet war: so erfolgte was er vorher gesehen hatte. "Die besagten Philosophen und der Pöbel der Moralisten waren in gleichem Grade unzufrieden mit ihm." Beide fanden in seinen Schriften so viel Vorwand als sie nur wünschen konnten, seine Grundsätze und seine Absichten in ein falsches Licht zu stellen; und am Ende zeigte sich, daß er mit allen seinen Bemühungen nichts gewonnen hatte, als die kleine Zahl der Vernünftigen in der Ueberzeugung zu stärken: "daß Blödigkeit des Geistes und Verkehrtheit des Herzens gleich unheilbare Uebel sind; daß es zwar nicht unmöglich ist, durch mechanische Mittel den großen Haufen der Menschen zu einer ganz leidlichen Art von — Thieren zu machen; aber, daß Weisheit und Güte ewig ein freiwilliges Geschenk bleiben werden, welches der Himmel nur den schönen Seelen macht."Was du uns hier erzähltest, Danischmend, möchte sich an einem andern Orte ganz gut haben hören lassen, sagte der Sultan, aber du scheinst darüber vergessen zu haben, daß die Rede nicht von deinem Freunde Kador, sondern von dem Prinzen Jsfandiar, und von einem gewissen schelmischen Kamfalu war, den du uns als einen Verführer dieses jungen Menschen bekannt machen wolltest.Sire (war Danischmends Antwort), Ihre Hoheit ziehen mich in diesem Augenblicke aus keiner geringen Verlegenheit. Ich fing eben an gewahr zu werden, daß ich mich verirret hätte; und wer weiß was für Wendungen ich hätte nehmen müssen, um mich wieder auf den Punkt zu finden, den ich unvermerkt aus dem Gesichte verlor! Der Kamfalu also, zu welchem Sie mich zurückzubringen die Gnade haben, war eines von diesen verzärtelten Kindern der Natur, welche sie in einem Anstoß von verschwenderischer Laune mit allen ihren Gaben überhäuft, aber vor lauter Eilfertigkeit die einzige vergessen hat, ohne welche alle übrigen mehr gefährliche als vortheilhafte Geschenke sind. Er war von schöner Bildung, und der Bau seines Körpers schien Unsterblichkeit anzukündigen. Er besaß in einem hohen Grade alles was einen jungen Mann zu einem Günstling des schönen Geschlechtes zu machen pflegt, und alles was ihn im Besitz ihrer Gunst erhalten kann. Er war lebhaft, feurig, unternehmend, und niemand hatte die Kunstsprache der Zärtlichkeit, und alle die schlauen Verführungskünste, wodurch sich die Schönen wissend oder unwissend hintergehen zu lassen gewohnt sind, mehr in seiner Gewalt als er. Das Einnehmende seiner Person, ein unerschöpflicher, mit der größten Leichtigkeit in tausend Gestalten sich verwandelnder Witz, und eine natürliche Beredsamkeit, bei welcher ihm, in gewissen Fällen, seine Begierden die Dienste der höchsten Begeisterung thaten, machten ihn zum angenehmsten und gefährlichsten Gesellschafter von der Welt. Nichts konnte leichtfertiger seyn als seine Grundsätze in Beziehung auf die Gebieterinnen unsers Herzens; aber unglücklicher Weise für das arme Scheschian waren diese Grundsätze ein Theil des allgemeinen Systems seiner sittlichen Begriffe. Eblis (so nannte sich der Kamfalu), dessen Herz keine Vermuthung hatte, daß es eine höhere Art von Wollust gebe, als die Befriedigung der Sinne und das eigennützige Vergnügen des gegenwärtigen Augenblicks — Eblis hatte sich ein System gemacht, aus welchem Wahrheit, Tugend, Zärtlichkeit, Freundschaft, kurz, jedes schönere Gefühl und jede edlere Neigung, verbannt waren. "Alles ist wahr, sagte er, je nachdem wir es ansehen; von unserer innerlichen Stimmung und von dem Gesichtspunkte, woraus wir sehen, hängt es lediglich ab, ob uns ein Gegenstand schön oder häßlich, gut oder böse scheinen soll. Tugend ist eine Uebereinkunft der feinern Köpfe, durch einen angenommenen Schein von Gerechtigkeit, Uneigennützigkeit und Großmuth dem großen Haufen Zutrauen und Ehrfurcht einzuflößen. Sie bedient sich dazu einer gewissen hochtönenden Sprache, gewisser edler Formen und schlauer Wendungen, welche sie unsern Neigungen und Handlungen gibt, um das Ziel unsrer Leidenschaften desto sicherer zu erhalten, je behutsamer wir es den Augen der Welt zu entziehen wissen. Müßige oder bezahlte Pedanten haben diese Sprache, diese Formen in einen wissenschaftlichen Zusammenhang räsonnirt. Blöde Köpfe sind einfältig genug gewesen, diese Zeichen für Sachen anzusehen, und unter diesen leeren Formen gleichsam einen Körper zu suchen. Narren haben sich zu allen Zeiten vergebens oder auf Unkosten ihrer Vernunft bemüht, uns die Tugend, von welcher jene schwatzen, in ihrem Leben zu zeigen. Aber ein dreifacher Thor müßte der seyn, der einen Freund auf Unkosten seiner selbst glücklich machen — der den Augenblick, das einzige was in seiner Gewalt ist, einem Traume von Zukunft aufopfern — oder für andre leben wollte, wenn er sie nöthigen kann für ihn da zu seyn!" Diese abscheuliche Moral —Ich besorge, Danischmend, es ist die Moral von zwei Fünfteln meiner Rajas, Omras und Mollas, sagte der Sultan.Das verhüte der Himmel, versetzte Danischmend. Aber dessin bin ich versichert, daß es, wenn unser Herz uns nicht, wider Willen unsrer Köpfe, zu bessern Leute machte, die Moral aller Erdenbewohner wäre.Mir däucht, sprach die schöne Nurmahal, nichts beweiset besser, wie wahr es ist, daß nur die schönen Seelen der Tugend fähig sind, als der Ton, in welchem Eblis von dieser ihm unbekannten Gottheit spricht. "Ein dreifacher Thor müßte der seyn, der seinen Freund auf Unkosten seiner selbst glücklich machen wollte." Ja wohl, Eblis! Ein dreihundertfacher Thor müßt' er seyn. Aber dieß weiß Eblis nicht —denn woher sollt' er es wissen können? —daß der Fall, den er setzt, gar nicht möglich ist. Ein Freund kann für seinen Freund nichts auf Unkosten seiner selbst thun — denn dieser Freund ist er selbst. Welchen größern Gewinn könnt' er machen als die Glückseligkeit seines Freundes? Er könnte sein Leben für ihn geben, und würde in dem letzten Augenblicke, der vor diesem süßen Opfer vorherginge, mehr leben als in zwanzig Jahren, die er bloß sich selbst gelebt hätte.Schwärmerin! — komm und gib mir einen Kuß, rief der Sultan. Zweiundzwanzig Jahre, seit ich Sultan bin, verhindern mich nicht, zu fühlen, daß etwas in dieser Schwärmerei ist, das meine ganze Sultanschaft aufwiegt.Die Grundsätze des verführerischen Eblis fanden in dem Herzen des Prinzen Jsfandiar so wenig Widerstand, daß sie sich ohne große Mühe seines Kopfes bemeistern konnten. Eblis hatte das Anstößige, welches sie für eine jede noch nicht ganz verdorbene Seele haben müssen, so geschickt zu verbergen gewußt, daß der Prinz sich mit vollkommner Sicherheit dem Vergnügen überließ, seinen Geist, wie er wähnte, von Vorurtheilen zu entfesseln, deren Joch nur diejenigen tragen müßten, welche zum Gehorchen geboren wären. Da er ohnehin eine starke Neigung in sich fühlte, seine Laune zur einzigen Regel seiner Urtheile und Handlungen zu machen: so konnt' es nicht wohl anders seyn, als daß er ein System sehr überzeugend finden mußte, welches ihm, von dem Augenblick an, da er alles können würde, was er wollte, die Vollmacht ertheilte, alles zu wollen, was er könnte.Die Ungeduld, so viel Jahre als der König sein Vater noch zu leben hätte, zwischen sich und dem Ziele seiner feurigsten Wünsche zu sehen, nahm mit jedem Jahre so stark zu, daß sie bei einem Prinzen, der so wenig gewohnt war seinen Leidenschaften zu gebieten, sich endlich zu deutlich verrathen mußte, um dem alten Azor verborgen zu bleiben. Alle Mühe, die sein Liebling anwandte, ihn zu einem klügern Betragen zu bereden, war vergeblich. Jsfandiar tadelte alle Maßregeln des Hofes, sprach mit sehr wenig Zurückhaltung von den Schwachheiten seines Vaters, und begegnete der schönen Gulnaze so, als ob er sich vorgesetzt hätte, sie alle Augenblicke zu erinnern, daß sie eine Persische Tänzerin gewesen sey.Azor ertrug diesen Uebermuth mit einer Nachsicht, welche zu sehr die Miene einer Schwachheit hatte, um den Prinzen zum Gefühl seiner Pflicht zurückzubringen; und in der That würde ein strengeres Verfahren zu nichts gedient haben, als ihn die Abnahme seines Ansehens und die Ohnmacht einer zum Ende sich neigenden Regierung desto kränkender fühlen zu lassen. Die seinige war so verhaßt, daß sein Thronfolger schon dadurch allein, weil er sie öffentlich mißbilligte, der Abgott des Volkes wurde. Der Hof des letztern vergrößerte sich zusehends; und man sprach endlich so laut von der Nothwendigkeit, den alten König einer Bürde, welche jüngere Schultern erfordre, zu entladen, daß Jsfandiar vermuthlich nicht länger gezögert haben würde, diese Gesinnungen der Nation zum Vortheil seiner Wünsche anzuwenden, wenn ihn nicht der Tod des Königs wenigstens dieser letzten Stufe seines Verbrechens überhoben hätte.Niemals sind die Erwartungen eines Volkes stärker betrogen worden, als an dem Tage, da Jsfandiar den Thron von Scheschian bestieg. Aber was für Ursache hatten auch die Scheschianer mehr von ihm zu erwarten als von seinem Vater? Wie viele Könige, welche sich durch die heiligsten Gelübde verbinden müssen nur für die Glückseligkeit ihrer Völker zu leben, erinnern sich dieser Gelübde noch, nachdem sie den ersten Zug aus dem Zauberkelch der willkürlichen Gewalt gethan haben? In Scheschian mußten sich die Könige zu nichts verbinden. Das Volk schwor ihnen gränzenlosen Gehorsam, und sie —erlaubten, am Tag ihrer Krönung, dem geringsten ihrer Unterthanen — den Saum ihres Mantels zu küssen. Was für Erwartungen kann ein Volk auf eine solche Gnade gründen?Azor hatte vor seiner Thronbesteigung alle Herzen durch Leutseligkeit und Güte gewonnen; man erwartete goldne Zeiten von ihm, und fand sich betrogen.Jsfandiar hatte sich nie die geringste Gewalt angethan, die ungestüme Hitze, die Unempfindlichkeit und das Wetterwendische seiner Gemüthsart zu verbergen. Niemand wußte einen Zug von ihm anzuführen, der eine große Seele oder ein wohlthätiges Herz bezeichnet hätte. Allein man war der langen Regierung seines verhaßten Vaters überdrüssig; Jsfandiar hatte sich öffentlich an die Spitze der Mißvergnügten gestellt; man hoffte, daß derjenige besser regieren würde, der von den Gebrechen der alten Regierung so lebhaft gerührt schien, und so viele Gelegenheit gehabt hatte durch fremde Fehler weise zu werden. Aber man betrog sich sehr. Jsfandiar würde sich eben so mißvergnügt bezeigt haben, wenn Azor der beste der Könige gewesen wäre.Die erste Probe, welche der neue Sultan von seinem Vorhaben ohne Grundsätze zu regieren gab, war die Veränderung, die er bei Hofe und in der Staatsverwaltung vornahm.In den letzten Jahren Azors hatte man sich durch die äußerste Noth gedrungen gesehen, den übermäßigen Aufwand der Hofhaltung einzuschränken, und einige Männer von bewährter Redlichkeit und Einsicht zu den wichtigsten Staatsbedienungen zu berufen. Es war zu spät für die Glückseligkeit von Scheschian; aber noch immer früh genug, um noch größere Uebel zu verhüten. Durch die Weisheit und unverdrossene Arbeit dieser ehrwürdigen Alten war die Staatswirthschaft in bessere Ordnung gebracht, und dem Volk, ohne Nachtheil der Krone, beträchtliche Erleichterung verschafft worden. Jsfandiar zählte vermuthlich beides unter die Mißbräuche; denn er setzte seinen Hofstaat auf einen prächtigern Fuß, als er in den glänzendsten Zeiten Azors gewesen war; und die einzigen unter den Staatsbedienten seines Vaters, welche er um jeden Preis hätte kaufen sollen, wurden abgedankt. Sie mußten einem Schlaukopfe Platz machen, der sich durch ein Project, die Scheschianer, mittelst eines neu erfundenen Kunstwortes, die Luft, welche sie einathmeten, versteuern zu lassen, das Vertrauen Seiner Hoheit erworben hatte.Jsfandiar hatte kaum einige Monate das Vergnügen geschmeckt alles zu thun was ihm beliebte, als er anfing sich seinen Launen mit einer Sorglosigkeit zu überlassen, welche, ungeachtet des jovialischen Geistes, womit er sie würzte, in den Augen der Vernunft eine desto anstößigere Art von Tyrannei war, weil sie bewies, daß er fähig sey mit kaltem Blute und bei völligem Gebrauch seiner Sinne die unsinnigsten Dinge zu thun.Er schien sich sehr viel damit zu wissen, daß er keine erklärte Favoritin hatte, wie sein Vater. Aber dafür hielt er eine ungeheure Menge von Hunden, Jagdpferden und Falken; gab unermeßliche Summen für Gemälde aus, ohne den geringsten Geschmack von der Kunst zu haben, und belohnte mit unmäßiger Verschwendung alle Abenteurer und Landstreicher, die, mit dem Titel witziger Köpfe, Virtuosen und Besitzer seltsamer Kunststücke an seinen Hof kamen, weil, wie sie sagten, nur der größte der Könige würdig sey, der Besitzer ihrer Talente und Raritäten zu seyn.Ohne irgend eine herrschende Leidenschaft zu haben, hatte er nach und nach alle, und jede mit desto größerer Wuth, weil er vorhersah, sie würde bald von einer andern verdrängt werden. Das arme Scheschian gewann also wenig bei seiner Mäßigung in einem einzigen Punkte; einer Mäßigung, wovon da Grund vielmehr in seiner Unfähigkeit zu lieben, als in seiner Weisheit lag, und welche ihn nicht verhinderte, wenn es ihm einfiel, die Einkünfte einer ganzen Provinz an die erste Sinesische Gauklerin, die ihn eine Viertelstunde belustigte, wegzuschenken.Eben dieselbe wunderliche Laune, welche die Regel seines Geschmacks war, regierte ihn bei Besetzung der wichtigsten oder ansehnlichsten Hofämter und Staatsbedienungen. Er machte in einem solchen Anstoß seinen Pastetenbäcker zum ersten Minister, ein andermal seinen Barbier zum Hauptmann über die Leibwache. Der Reichskanzler wurde abgesetzt, weil er ein schlechter Tänzer war, und ein gewisser Quacksalber schwang sich durch die Erfindung einer Pomade in die Stelle des Oberschatzmeisters, der die Verwegenheit gehabt hatte, Seiner Hoheit vorzustellen, daß zehntausend Unzen Silbers eine zu große Belohnung für die Erfindung einer neuen Pomade sey. Keiner von seinen Dienern konnte eine Stunde lang auf seine Gnade zählen; und das Schlimmste war, daß man sie durch Wohlverhalten eben so leicht als durch Uebelthaten verscherzen konnte. Der einzige Eblis besaß das Geheimniß, sich ihm unentbehrlich zu machen, und, ohne einen andern als den Titel seines Günstlings, den Hof und den Staat eben so willkürlich zu regieren als der Sultan selbst. Ich hatte vielleicht Unrecht, das Mittel, dessen er sich dazu bediente, ein Geheimniß zu nennen; denn im Grunde kann nichts einfacher seyn. Es bestand in der Kunst, sich in alle Launen seines Herrn zu schicken, ihn alles thun zu lassen, was er wollte, und für alle seine Unternehmungen, so ausschweifend sie seyn mochten, Mittel zu schaffen.Das letzte ist eben so leicht nicht, als du dir einbildest, sagte der Sultan.Sire, versetzte Danischmend, nach des Günstlings Grundsätzen und Art zu verfahren konnte nichts leichter seyn. Nach ihm hatte der Sultan das Recht zu nehmen, so lange seine Unterthanen etwas hatten, das ihnen genommen werden konnte."Und wenn sie nichts mehr hatten?"Dieser Fall war, seiner Meinung nach, so bald noch nicht zu besorgen. Der Hunger, und die Begierde nach einem Zustande, worin sie müßig gehen können, wird sie schon arbeiten lehren, pflegte er zu sagen, und so lange sie arbeiten, können sie geben."Dieser Eblis fürchtete sich also nicht vor den Folgen der Muthlosigkeit?"Das Uebel war, daß er dem Sultan eine Philosophie beigebracht hatte, welche die menschliche Natur in seinen Augen verächtlich machte. Er sah die Menschen für nichts Besseres als eine Gattung von Thieren an, von welcher sich mehr Vortheile ziehen lassen, als von irgend einer andern; und in der Kunst, sie für ihren Gebieter zu gleicher Zeit so nützlich und so unschädlich als möglich zu machen, bestand, nach ihm, das große Geheimniß der Regierungskunst. Man hätte ihm diesen Grundsatz gelten lassen können, wenn er vorausgesetzt hätte, daß der Vortheil des Gebieters und des Staats allezeit einerlei sey. Aber dieß war es nicht, was er damit wollte.Der Mensch, sagte Eblis, ist aus zwei entgegen gesetzten Grundneigungen zusammengesetzt, deren vereinigte Wirkung ihn zu dem macht, was er ist: Hang zum Müßiggang und Hang zum Vergnügen. Ohne den letztern würde ihn jener ewig in einer unüberwindlichen Unthätigkeit erhalten; aber so groß sein Abscheu vor Abhänglichkeit und Arbeit ist, so ist doch sein Hang zum Vergnügen noch stärker. Um beide zu vereinigen, ist ein Zustand von Unabhänglichkeit, worin er alles mögliche Vergnügen ohne einige Bemühung genösse, das letzte Ziel seiner Wünsche. Er kennt keine Seligkeit über dieser. Daher dieser unauslöschliche Hang zum Despotismus, der dem armseligsten Erdensohn eben so angeboren ist, als dem Erben des größten Monarchen. In dem ganzen Scheschian ist kein einziger, welcher nicht wünschte, daß alle übrigen nur für sein Vergnügen beschäftigt seyn müßten. Allein die Natur der Sache bringt es mit sich, daß nur ein einziger dieser Glückliche seyn kann: alle übrigen sind durch die Nothwendigkeit selbst dazu verurtheilt, sich, so lange sie leben, mehr oder weniger zu diesem letzten Wunsche des Sterblichen empor zu arbeiten; und selbst das Glück, ihm nahe zu kommen, kann nur Wenigen zu Theile werden. Was soll nun der Einzige hierbei thun, der, mit dem vergötterten Diadem um die Stirne, oben auf der Spitze des Berges sitzt, und nichts Höheres zu ersteigen sieht? Soll er sich etwan in dem Genuß seiner Wonne durch albernes Mitleiden mit der wimmelnden Menge stören lassen, welche voll klopfender Begierde sich aus der Tiefe empor zu heben versucht, und, neidische Blicke auf die versagte Glückseligkeit heftend, bei jedem Tritt auf der schlüpfrigen Bahn in Gefahr schwebt, durch das Gedränge ihrer Mitwerber oder ihre eigene Hastigkeit tiefer, als sie empor gestiegen ist, wieder herunter zu glitschen? Soll er vielleicht so höflich seyn, einem unter ihnen Platz zu machen? —Wahrhaftig! Sie mögen sehen, wie sie hinauf kommen; dieß ist ihre Sache. Die seinige ist, indem sie von Stufe zu Stufe zu ihm emporklettern, sich ihrer Hände zu bedienen, um alle Güter und Freuden der Welt zu den Füßen seines Thrones aufhäufen zu lassen; und wenn ihm der Genuß alles dessen, was die übrigen wünschen, noch eine Sorge verstatten kann, so ist es, zu verhindern, daß von der wetteifernden Menge keiner hoch genug steige, ihn von seinem Gipfel herab zu drängen. Nichts würde dem Einzigen gefährlicher seyn, als wenn die Menge alle Hoffnung in einen bessern Zustand zu kommen verlöre. Diese Hoffnung ist die wahre Seele eines Staats; mit ihr versiegt die Quelle des politischen Lebens; eine allgemeine Unthätigkeit verkündigt, gleich der Todesstille vor einem Sturme, die schrecklichen Wirkungen der Verzweiflung, unter welchen schon so manche Thronen Asiens eingestürzt sind. Aber nichts ist leichter als diesem Uebel zuvorzukommen. Es gibt zwischen dem Tagelöhner und dem Sultan so viele Stufen; und jede der höhern Stufen ist für den, der einige Grade tiefer steht, so beneidenswürdig, daß etliche Beispiele, welche von Zeit zu Zeit die Hoffnung zu steigen in den letztern wieder anfrischen, hinreichend sind, den Staat in dieser Geschäftigkeit zu unterhalten, wodurch alle Glieder desselben, indem sie bloß ihren eigenen Vortheil zu befördern glauben, dem glücklichen Einzigen dienstbar werden."Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß nichts seichter seyn kann, als diese Trugschlüsse des sinnreichen Eblis. Die Grundfeste eines Staats besteht in der Zufriedenheit der untersten Classen mit dem Stande worin sie sich befinden, und sein Untergang ist von dem Augenblick an gewiß, da der Landmann Ursache hat, den müßig gehenden Sklaven eines Großen zu beneiden.Die Grundsätze des sinnreichen Eblis hatten drei große Fehler. Sie hingen eben so wenig unter sich zusammen, als sie mit der Erfahrung übereinstimmten; und man konnte sie alle Augenblicke übertreten, ohne an Gründen Mangel zu haben, welche die Ausnahmen rechtfertigten. Aber sie schmeichelten den Leidenschaften eines Fürsten, der keine andre Regel kannte noch kennen wollte, als seine Laune. Jsfandiar fand nichts bündiger als die Schlüsse seines Lieblings.Man konnte schwerlich weniger Anlage zu einer mitleidigen Sinnesart haben als dieser Sultan. Das kleinste Ungemach, das ihn selbst betraf, setzte ihn in die heftigste Ungeduld; aber das Leiden andrer fand keinen Zugang zu seinem Herzen. Wie überstieg war die Bemühung, einen solchen Fürsten noch durch Grundsätze gefühllos zu machen! Und gleichwohl hatte Eblis nichts Angelegner's, als ihm seine Unterthanen bei jeder Gelegenheit in dem verhaßtesten Lichte zu zeigen.Das Volk, sagte Eblis zum Sultan seinem Herrn, ist ein vielköpfiges Thier, welches nur durch Hunger und Streiche gebändiget werden kann. Es wäre Unsinn, seine Liebe durch Wohlthaten gewinnen zu wollen. Tausend Beispiele von schwachen Fürsten, welche die Opfer einer allzu milden Gemüthsart geworden sind, beweisen diese Wahrheit. Das Volk sieht alles Gute, was man ihm erweist, für Schuldigkeit an, erwartet immer noch mehr als man zu seinem Besten thut, und hält sich von aller Pflicht der Dankbarkeit losgezählt, sobald es sich in seinen ausschweifenden Erwartungen betrogen sieht. Mit Widerwillen trägt es die Fesseln der Abhänglichkeit; unbeständig in seinen Neigungen, willkürlich in seinen Urtheilen, und immer mit dem Gegenwärtigen unzufrieden, dürstet es nach Neuerungen; Unfälle, welche seinen Gebietern zustoßen, sind ihm fröhliche Begebenheiten, und wiewohl es selbst unter allgemeiner Noth am meisten leidet, sehnt es sich dennoch nach öffentlichem Unglück, um Gelegenheit zu haben zu murren, und seine Vorsteher mit Vorwürfen zu überhäufen. Wenn eine Gottheit vom Himmel stiege, die Menschen zu beherrschen, sie würde nicht frei von ihrem Tadel bleiben. Der schlechteste unter ihnen hält sich für gut genug die Welt zu regieren, und eben darum weil der Pöbel nichts weiß, glaubt er alles besser zu wissen als seine Obern. Vergebens würd' es seyn, für die Glückseligkeit dieser Unersättlichen zu arbeiten: man müßte einen jeden von ihnen zu einem Sultan machen können, um ihn zufrieden zu stellen; sie bleiben mißvergnügt, so lange noch etwas zu wünschen übrig ist. Nichts ist gefährlicher als sie mit dem Ueberfluß und den Wollüsten bekannt zu machen; es würde weniger Gefahr seyn, einen schlafenden Löwen, als die Begierlichkeit dieser Leute aufzuwecken. Sie mit seidenen Banden oder Blumenketten binden zu wollen, wäre eben so viel als eine Hyäne mit Spinneweben zu fesseln. Nichts als die eiserne Nothwendigkeit, und die Verzweiflung ihre Ketten jemals zerreißen zu können, ist vermögend sie in ihren Schranken zu halten; und, gleich andern wilden Thieren, müssen sie ausgemergelt werden, und den Stock immer über ihrem Rücken schweben sehen, um einen Gebieter dulden zu lernen.Danischmend, sagte der Sultan, ich gestehe, die Abschilderung, die uns Eblis von dem Volke macht, ist nicht geschmeichelt; aber es ist Wahrheit darin. Ich denke ungern an die Folgen, welche sich daraus ziehen lassen: und gleichwohl würd' es, wie Eblis sagt, gefährlich seyn, sich selbst in einer so wichtigen Sache täuschen zu wollen.Gnädigster Herr, versetzte der Philosoph, ich weiß nicht, ob mich meine Gutherzigkeit verhindert hat, den Menschen, den ich seit mehr als fünfundzwanzig Jahren studire, so zu sehen wie er ist. Es mag wohl zu viel Rosenfarbe in meiner Phantasie herrschen. Aber, wie dem auch seyn mag, ich kann mich unmöglich überwinden, die Menschen für so bösartig anzusehen, als sie in der Theorie dieses Eblis sind. Wenn die Erfahrung für ihn zu reden scheint, so spricht sie nicht weniger für mich. Kennen wir nicht kleine Völker, welche im Schoße der Freiheit und der einfältigen Mäßigung glücklich sind? Vergleichen wir einmal diese Völker mit denjenigen, welche unter den Bedrückungen der willkürlichen Gewalt einer harten Regierung schmachten! der erste Anblick wird uns sogleich einen starken Unterschied bemerken lassen. Jene zeigen uns ein gefundes, vergnügtes, fröhliches Ansehen. Ihre Wohnungen sind weder weitläuftig noch prächtig; aber auch die ärmste ihrer Hütten sieht einer Wohnung von Menschen, nicht einem Schlupfwinkel wilder Thiere gleich. Sie sind schlecht gekleidet; aber sie sind doch vor Frost und Nässe beschützt. Ihre Nahrung ist eben so einfältig; aber man sieht ihnen wenigstens des Abends an, daß sie zu Mittage gegessen haben. Diese schleichen, als lebende Bilder des Elends, mit gesenkten Häuptern umher, und heften aus hohlen Augen gramvolle Blicke auf die Erde, welche sie —nicht für sich und ihre Kinder —bauen müssen. Ueberall begegnen unserm beleidigten Auge blutlose, ausgehungerte und sieche Körper —schwermüthige, düstre, von Sorgen abgezehrte Gesichter; — alte Leute, welche sich mit Mühe von der Stelle schleppen, und zur Belohnung einer fünfzigjährigen schweren Dienstbarkeit das wenige Brod, das ihr vom Mangel eingeschrumpfter Magen noch ertragen kann, dem Mitleiden der Vorübergehenden durch Betteln abnöthigen; — verwahrlos'te, nackende, krüppelhafte Kinder, oder wimmernde Säuglinge, welche sich anstrengen, einer hungernden Mutter noch die letzten Blutstropfen aus der ausgemergelten Brust zu ziehen. Halb vermoderte Lumpen, die von den dürren Lenden dieser Elenden herabhangen, zeigen wenigstens, daß sie den Willen haben ihre Blöße zu decken; aber was wird sie vor der sengenden Sonne, vor Wind und Regen und Kälte decken? Ihre armseligen aus Koth und Stroh zusammengeplackten Hütten stehen jedem Anfall der Elemente offen. Hieher kriechen sie, wenn die untergehende Sonne sie von der täglichen Arbeit für gefühllose Gebieter ausgespannt hat, ermüdet zusammen, und schätzen sich noch glücklich, wenn sie so viel Vorrath von einem Brode, welches ihre Herren für ihre Hunde zu schlecht halten würden, übrig finden, als sie vonnöthen haben, um nicht hungrig auf einem Lager von faulendem Stroh den letzten Trost des Elenden vergebens herbeizuseufzen.Wie du malst, Danischmend! —rief der Sultan mit einer auffahrenden Bewegung aus, indem er sich zu verbergen bemühte, wie gerührt er war. Ich schwöre beim Haupte des Propheten, daß ich, ehe der Mond wieder voll seyn wird, wissen will, ob innerhalb der Gränzen meines Gebiets solche Unglückliche leben; und wehe dem Sklaven, dem ich die Sorge für meine Unterthanen anvertraut habe, in dessen Bezirk ein Urbild deiner verfluchten Malerei gefunden würde! Es ist mein ganzer Ernst, und zum Beweise davon trag' ich das Amt dieser Untersuchung dir selbst auf. Danischmend! Morgen, nach dem ersten Gebete, erwart' ich dich in meinem Zimmer, damit wir weiter von der Sache sprechen.Was der gutherzige Danischmend dem Sultan gesagt haben mag, um ihm im Namen aller, welche bei dieser Aufwallung seines königlichen Herzens interessirt waren, den demüthigen Dank zu erstatten, wollen wir, um uns nicht zu weit von unserm Wege zu entfernen, der Einbildung des Lesers überlassen.Gut, sagte Schach Gebal, dessen Hitze sich während der Danksagungsrede des Philosophen wieder merklich abgekühlt hatte, du weißt meinen Willen! Morgen eine Stunde nach Sonnenaufgang, Danischmend! —Itzt will ich noch die Ausführung deiner Einwendungen. gegen die Theorie des Günstlings Eblis hören. Laß sehen, wie du dich aus der Sache ziehen wirst.Ich behauptete (fuhr Danischmend in seinem Vortrage fort), daß die Erfahrung, auf welche sich Eblis bezieht, um seine häßlichen Gemälde von der Bösartigkeit des Volkes zu rechtfertigen, wenigstens eben so stark für meine als für seine Meinung rede; und ich stellte zu diesem Ende eine Vergleichung an, zwischen dem einen Volke, welches unter einer freien, oder wenigstens unter einer milden Regierung glücklich ist, und einem Volke, dem ein Tyrann wie Jsfandiar, mit Hülfe eines Günstlings wie Eblis, so mitspielt, wie man es von der Vereinigung harter Grundsätze mit einer unempfindlichen Sinnesart erwarten kann. Wenn der Contrast zwischen dem Wohlstande des einen und dem Elende des andern beim ersten Anblick in die Augen fällt, so wird uns eine fortgesetzte Aufmerksamkeit keinen geringern Abstand zwischen ihrem sittlichen Charakter entdecken lassen. Das glückliche Volk ist zufrieden mit seinem Zustande; es gewöhnet sich mit Vergnügen an ihn, und ist geneigt zu glauben, daß es keinen bessern gebe. Es segnet den guten Fürsten, unter dessen Gesetzen es in ungekränkter Sicherheit der Früchte seines Fleißes und seiner Mäßigung genießt. Weit entfernt Veränderungen zu wünschen, ist es im Gegentheil bereit, Gut und Leben alle Augenblicke für die gegenwärtige Verfassung, für ein Vaterland, worin es glücklich ist, für einen Fürsten, in welchem es seinen allgemeinen Vater erblickt, aufzuopfern. Das unterdrückte Volk, ich gestehe es, sieht dem Bilde sehr ähnlich, welches Eblis unbilliger Weise von dem Volke überhaupt machte. Aber wie sollt' es anders seyn können? Sollte sich nicht die Menschheit in Geschöpfen, welche ihre natürliche Gleichheit mit ihren Unterdrückern fühlen, gegen solche Kränkungen empören, deren bloßer Anblick alle Gesetze der Natur, der Religion und des gesellschaftlichen Lebens zur Rache aufruft? Ist es zu verwundern, wenn die Vergleichung ihres Elends mit dem wollüstigen und unbarmherzigen Uebermuth ihrer Herren sie endlich wüthend macht? Oder was kann man anders erwarten, als daß anhaltende Tyrannei, Sorglosigkeit für den Staat, Kaltsinn beim Anblicke der allgemeinen Noth, und öffentliche Verspottung derselben durch die übertriebenste Ueppigkeit, ein Volk, dessen Geduld erschöpft ist, endlich zur Verzweiflung treiben werde?"Das Volk, sagt Eblis, ist launisch in seinen Leidenschaften, undankbar für das Gute, das man ihm erweis't, ungestüm und unersättlich in seinen Forderungen; es ist neidisch über die Vorzüge seiner Obern, geneigt alle ihre Maßregeln zu tadeln, ungerecht gegen ihre Tugenden, unbillig gegen ihre Fehler; es sieht sie als seine ärgsten Feinde an, und ergötzt sich an allem, was sie kränken und demüthigen kann, als an dem angenehmsten Schauspiele." — Aber sollte wohl jemand die Verwegenheit haben können, zu behaupten, die Menschen seyen von Natur so bösartige Geschöpfe? Wer macht sie dazu? Was für Gewalt muß der Menschheit angethan worden seyn, welche grausame und langwierige Mißhandlungen muß sie erlitten haben, bis sie so werden konnte, wie Eblis sie schildert! Ist es nicht der Gipfel der Ungerechtigkeit, die Menschen dafür zu bestrafen, daß sie die verkehrten Geschöpfe sind, wozu man sie selbst gemacht hat? Mir däucht, die Unterdrücker der Menschheit haben wohl keine Ursache sich zu beschweren. Die unbegreifliche Geduld, womit die meisten Völker des Erdbodens sich zu allen Zeiten von einer kleinen Anzahl von Jsfandiarn und Eblissen haben mißbrauchen lassen, ist der stärkste Beweis der ursprünglichen Mildigkeit der menschlichen Natur. Wenn wir von Empörungen, Bürgerkriegen und gewaltsamen Staatsveränderungen hören, so können wir allemal mit der größten Wahrscheinlichkeit vermuthen, daß unleidliche Beleidigungen den Anlaß dazu gegeben haben.Nicht allemal, mein guter Danischmend, sagte der Sultan: dein Eifer für die Sache des Volks macht dich vergessen, wie viele Beispiele die Geschichte des Erdbodens uns zeigt, daß auch gute Fürsten, Fürsten, welche wenigstens einige geringe Fehler mit großen Tugenden vergüteten, Schlachtopfer der unbändigen Herrschsucht eines stolzen Priesters, oder der übermüthigen Anmaßungen aufrührischer Emirn geworden sind.Gleichwohl, erwiederte Danischmend, würde sich vielleicht in jedem besondern Falle zeigen lassen, daß die Fürsten, auf welche Ihre Hoheit zu zielen scheinen, durch sehr wesentliche Fehler in der Regierung, durch allzugroße Nachsicht gegen die Laster ihrer Günstlinge, durch häufigen Mißbrauch einer willkürlichen Gewalt, durch offenbare Ungerechtigkeiten und ein tyrannisches Verfahren sowohl mit dem Volk als mit den Großen ihres Reiches, sich die unglückliche Ehre zugezogen haben, der Nachwelt zu Trauerspielen Stoff zu geben. Ein König gewinne nur die Zuneigung seiner Unterthanen, er verdiene sich den glorreichsten und süßesten aller Titel, den Namen eines Vaters des Volks: so wird er gewiß seyn können, in ihrer Liebe zu seiner Regierung und zu seiner Person unerschöpfliche Mittel gegen alle Anschläge und Unternehmungen seiner Feinde zu finden. Ich möchte den Priester oder die Emirn sehen, welche die Verwegenheit hätten, sich an einen Fürsten zu wagen, dem die Herzen aller seiner Unterthanen zur Brustwehr dienen!Schach-Gebal hatte vermuthlich einige geheime Ursachen, warum er nicht von sich erhalten konnte, die Gründe seines Philosophen überzeugend zu finden. Indessen schien er doch zu fühlen, daß er den Streit nicht würde fortsetzen können, ohne seinem Gegner Blößen zu geben, die den Sieg nicht lange unentschieden lassen dürften. Er spielte also das Sicherste, und entließ die Gesellschaft für dießmal, indem er zu der schönen Nurmahal sagte: in der That, es fehlt unserm Freunde Danischmend nichts als etwas mehr Kenntniß der Welt, um (für einen Philosophen) ganz leidlich zu räsonniren. Er hat den Fehler aller dieser Herren, gern von Dingen zu reden, die er nicht versteht; aber er spricht doch gut, und dieß ist, zum Zeitvertreib, alles, was ich von ihm fordre.Die Achseln des weisen Danischmend waren im Begriff die Antwort auf dieses unerwartete Lob zu geben, als er sich noch zu rechter Zeit erinnerte, daß es nicht erlaubt sey, über irgend etwas, das ein Sultan sagen kann, die Achseln zu zucken. Er begnügte sich also, wie gewöhnlich, seinen ungelehrigen Kopf gegen den Fußboden zu stoßen, und schlich davon.
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2.

Unsere Leser erwarten ohne Zweifel, daß Danischmend, mit einem Auftrage beladen, der für die Ruhe Schach-Gebals und für das Beste der armen Jndostaner von der größten Wichtigkeit war, das Amt, den alten Sultan einzuschläfern, der schönen Nurmahal wieder überlassen werde. In der That hatte Schach-Gebal mit so vielem Ernst von der Sache gesprochen, daß der ehrliche Philosoph selbst, so gut er sonst die Launen seines Gebieters kannte, dießmal von der Hoffnung, ein Werkzeug der Glückseligkeit seines Vaterlandees zu werden, sich hintergehen ließ. Diese Hoffnung ließ die ganze Nacht durch keinen Schlaf in seine Augen kommen; aber sie entschädigte ihn dafür durch die angenehmsten Träume, die jemals die Seele eines Menschenfreundes gewieget haben. Mit der unumschränkten Gewalt des Sultans bekleidet, zweifelte er keinen Augenblick an dem Erfolge seiner Bemühungen. Denn es war eine von den Maximen, die er immer im Munde zu führen pflegte: die Großen könnten alles, was sie ernstlich wollten. Welche Wonne! rief er aus: in kurzem soll der Mann, der im ganzen Indostan am wenigsten glücklich ist, der Sultan selber seyn!Sobald die ersten Sonnenstrahlen den Horizont rötheten, stand Danischmend im Vorzimmer, so munter als ob niemand besser geschlafen hätte als er. Aber es vergingen drei oder vier Stunden, bis Schach-Gebal, wiewohl er in der That nichts Wichtiger's zu thun hatte, Zeit finden konnte, sich seiner zu erinnern. Ist Danischmend da? fragte er endlich, nachdem er wohl dreimal war berichtet worden, daß Danischmend da sey. Laßt ihn hereinkommen! — Der arme Philosoph, der inzwischen Zeit genug gehabt hatte, aus seinen schönen Träumen zu erwachen (denn zu den Träumen eines Menschenfreundes kann wohl kein unbequemerer Ort seyn, als ein Vorgemach), schlich mit gesenkten Ohren herbei. Ha, mein guter Danischmend, rief ihm der Sultan mit einer jovialischen Stimme zu, ich hatte dich ganz vergessen. Was bringst du uns Neues, Danischmend? Diese Anrede hätte einem feinern Höfling, als unser Philosoph war, die undankbare Mühe erspart, Seine Hoheit an einen unangenehmen Gegenstand zu erinnern, dessen Andenken Sie, wie es schien, glücklich verschlafen hatten. Aber Danischmend hätte so lange an dem Hofe zu Dehli leben können als Nestor, ohne jemals ein Hofmann zu werden. Er erinnerte also den Sultan an seinen gestrigen Schwur. Schach-Gebal hörte alles, was ihm der gute Mann zu sagen hatte, mit vieler Gefälligkeit an. Aber bedenkst du auch, sagte Gebal, daß du in drei Jahren nicht fertig werden könntest, wenn du alle meine Provinzen durchreisen, und von Haus zu Haus dich erkundigen wolltest, wie sich die Leute befinden? Ich kann mich unmöglich entschließen, dich so lange zu entbehren. Weißt du was, Danischmend? das erstemal, wenn ich auf die Jagd reite, sollst du mich begleiten. Wir werden da leicht Gelegenheit finden, uns von meinen übrigen Leten zu entfernen, und dann wollen wir, ohne uns zu erkennen zu geben, die Nacht in irgend einem abgelegenen Dorfe zubringen. Finden wir dort eine lebendige Seele, welche Böses von mir spricht, so soll mir der Emir, in dessen Bezirk der Ort gehört, dafür Rechenschaft geben. Ich will ihn zu einem Beispiel für die übrigen machen, und verlass' dich darauf, daß es nicht ohne Wirkung seyn soll. Indessen können wir mit Muße an die Ausführung deiner Entwürfe denken. Aber sage mir, Danischmend, hast du ausfindig gemacht, wer die drei Kalender waren, welche gestern, jenseits des Flusses, den Gärten meines Serails gegenüber, unter der großen Cypresse saßen? —Danischmend hustete noch zu rechter Zeit einen Seufzer weg, der ihm entgehen wollte, und von diesem Augenblick an war die Rede — von den drei Kalendern.
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3.

In der folgenden Nacht wurde, bis der Sultan einschlief, von — den drei Kalendern gesprochen. Nurmahal und der junge Mirza hatten sehr viel von ihnen zu sagen.Die Nachrichten, welche man über diesen wichtigen Gegenstand einzog, waren so mannichfaltig, hingen so wenig zusammen, und schienen so viel Geheimnißvolles zu verrathen, daß man etliche Nächte hinter einander von nichts anderm reden konnte, als von den drei Kalendern. Inzwischen lief doch am Ende alles darauf hinaus, daß man nichts Sonderliches von ihnen wüßte, und daß es sich in der That der Mühe nicht verlohnte, mehr von ihnen wissen zu wollen.Endlich wurde Schach-Gebal dieses Zwischenspiels überdrüssig. Ihr seyd mir feine Leute, sagte Schach-Gebal. Ich will die Geschichte des Königs von Scheschian wissen, und man spricht mir seit sieben Tagen von nichts als von Kalendern. Bin ich etwa ein Schach-Riar?Es versteht sich von selbst, daß es nur auf Seine Hoheit angekommen war, diese sieben Tage durch mit andern Gegenständen unterhalten zu werden. Aber, wie jedermann weiß, würd' es sehr unhöflich gewesen seyn, den Sultan etwas von dieser Reaction merken zu lassen.Danischmend setzte demnach seine Erzählung von Jsfandiar und seinem Günstling folgendermaßen fort.Den Grundsätzen des sinnreichen Eblis zufolge war nichts unweiser, als ein so gefährliches Thier, wie er das Volk abmalte, reich werden zu lassen. Aber zum Unglück für die Scheschianer blieb die Bedeutung des Wortes reich so unbestimmt, daß Eblis die armen Leute, so lange sie noch etwas hatten, was sich, wenn das Wort Bedürfniß im engsten Sinne genommen wird, entbehren läßt, immer noch zu reich fand.Der Adel von Scheschian war von Alters her ein Mittelstand zwischen dem Fürsten und dem Volke gewesen. Die Könige hatten die Edeln als ihre gebornen Räthe und Gehülfen in der Verwaltung der besondern Theile des königlichen Amtes betrachtet; und wiewohl das Ansehen des Adels, unter dem Tatarischen Stamme, von Stufe zu Stufe nach eben dem Verhältnisse, wie das königliche stieg, gesunken war, so besaß er doch wenigstens noch sehr schöne Ueberbleibsel seiner ehmaligen Vorzüge.In allen Staaten, wo sich ein solcher Mittelstand zwischen dem Fürsten und dem Volke befindet, hat man zu allen Zeiten wahrgenommen, daß sich der Adel auf Unkosten des Volkes, und das Volk sich auf Unkosten des Adels zu vergrößern sucht. Jener, da er wenig Hoffnung hat seine Rechte auf der Seite des Thrones zu erweitern, sucht sich für seine Ergebenheit gegen denselben durch Anmaßungen über die Rechte des Volkes zu entschädigen. Dieses, da es sich von allen Seiten gedrängt sieht, und leicht begreift, daß es dem Uebergewicht des Thrones am wenigsten widerstehen kann, wendet alles an, sich wenigstens die kleinen Tyrannen vom Halse zu schaffen, deren Joch desto verhaßter ist, je weniger sie ihre Bedrückungen durch den Vorwand des allgemeinen Besten erträglicher machen können. Man gibt dem Fürsten williger, weil man weiß, daß die Sorgen für den ganzen Staat auf seinen Schultern liegen, und weil wenigstens die Vermuthung vorwaltet, daß ein Theil der öffentlichen Abgaben zu Bestreitung der öffentlichen Bedürfnisse angewandt werde. Aber alles, was man denjenigen geben muß, welche, dem Könige gegenüber, eben so demuthsvolle Unterthanen als die übrigen, in dem Bezirke hingegen, wo sie zu befehlen haben, kleine Monarchen vorstellen, sieht man als unbillige Erpressungen an, welche man seinen eigenen Bedürfnissen abbrechen muß, um den Stolz und die Ueppigkeit einer Menschenclasse zu nähren, die man für sehr entbehrlich hält, weil der Vortheil, den sie dem Ganzen verschaffen, nicht sogleich in die Sinne fällt.Die Könige haben von jeher sich dieser gegenseitigen Gesinnung des Adels und des Volkes zur Ausdehnung ihrer eigenen Gewalt gar meisterlich zu bedienen gewußt. Sie haben das Volk gebraucht, den Adel niederzudrücken; und sobald dieser Zweck erreicht war, dem Adel, dessen Beistand sie gegen den besorglichen Uebermuth des Volkes vonnöthen zu haben glaubten, die Werkzeuge seiner Unterdrückung Preis gegeben.Da es zu spät war, wurde Volk und Adel gewahr, daß sie sich zu einer sehr albernen Rolle hatten gebrauchen lassen: "daß in einem Staate, wo das Volk im Besitze großer Vorrechte ist, die Vorzüge des Adels dem Volk eben so heilig seyn sollen, als seine eigenen; und daß jeder von diesen beiden Ständen nicht nur seine eigene, sondern die allgemeine Sicherheit und den öffentlichen Wohlstand untergräbt, wenn er die Rechte des andern zu schwächen oder seinen besondern Nutzen auf Kosten des andern zu vergrößern sucht."Die Scheschianer waren in diesem Stücke nicht vorsichtiger gewesen, als viele andre Völker. Der Hof hatte sich ihre Thorheit zu nutze gemacht, weil das Interesse der Höflinge ist, die Autorität eines Herrn, der durch ihre Einflüsse regiert wird, und in dessen Gewalt sie sich theilen, so unumschränkt zu machen, als sie können. Sie überredeten die Könige — und nichts kostet weniger Mühe, als diese Ueberredung —daß ein Fürst an Ansehen und Macht gewinne, was sein Adel und sein Volk an Freiheit und Reichthum verliere; und die guten Könige dachten gewiß an nichts weniger, als an die unfehlbaren Folgen der politischen Operation, wozu sie sich so leicht bereden ließen. Die Erfahrung mußte sie belehren, "daß ein Despot, dessen Adel aus Höflingen und dessen Volk aus Bettlern besteht, — ein Despot, dessen Städte ohne Einwohner sind, und dessen Ländereien brach liegen und verwildern; ein Despot, der anstatt über zwanzig Millionen glücklicher Menschen, über halb so viele träge, mißvergnügte und muthlose Sklaven zu gebieten hat, —daß dieser Despot ein viel kleinerer Herr sey, als ein eingeschränkter Fürst, der nicht spitzfindig genug ist, einen Unterschied zwischen seinem Nutzen und dem Nutzen seiner Unterthanen zu machen, sondern einfältiglich der Stimme seines Menschenverstandes glaubt, die ihn versichert, daß es besser sey, der geliebte Vater von den Bewohnern eines kleinen Landes, als der gefürchtete Tyrann einer ungeheuern Einöde zu seyn, in welcher hie und da noch hervorragende Trümmer das Zeugniß ablegen, daß einst Menschen da gewohnt haben, welche bessere Zeiten sahen, als die seinigen."Die Erfahrung mußte die Könige von Scheschian von dieser großen Wahrheit, dem Grundpfeiler aller wahren Staatskunst, unterrichten; aber, wie Jsfandiar vielleicht anfing, sie gewahr zu werden — war es zu spät.Unter der Regierung des schwachen Azors war der größte Theil des Adels durch den übermäßigen Aufwand, wozu er von dem Beispiele des Hofes verleitet und gewissermaßen genöthiget wurde, in sehr kurzer Zeit dahin gebracht worden, in den niedrigsten Hofkünsten die Mittel zu suchen, diesen Aufwand auf andrer Leute Unkosten fortzusetzen. Unter Jsfandiarn wurde das Werk der vorhergehenden Regierung, und der eigenen Thorheit der Edeln vollendet. Uebermäßige Ungleichheit ist die verderbliche Pest eines Staats, sagte Eblis. Und so mußte eine sehr wichtige, aber in den Händen eines verächtlichen Werkzeuges der Tyrannei sehr übel versorgte Wahrheit zum Vorwande dienen, den Adel zum Volk und beide zu Sklaven herabzuwürdigen. Vor dem blendenden Glanze des Thrones verschwand aller Unterschied. Jsfandiar sah den edelsten Emir des Reichs und den niedrigsten Tagelöhner gleich weit unter sich, und es war ein Spiel für ihn, aus einem Reitknechte, wenn es ihm einfiel, einen Fürsten zu machen. Dieß war das unfehlbare Mittel, jeden Ueberrest von Tugend und Ehre, der noch in den ausgearteten Söhnen besserer Väter glimmte, zu ersticken. Die Edeln sanken, so wie sie sich an eine solche Behandlung gewöhnen lernten, zu wirklichem Pöbel herab; und wenn sie sich noch durch etwas von ihm unterschieden, so war es durch einen höhern Grad von Unwissenheit und Ungezogenheit, durch schlechtere Sitten, und einen vollständigern Verlust alles moralischen Gefühls, aller Scheu vor sich selbst, vor dem Urtheil ihrer Zeitgenossen, und vor dem furchtbaren und unbestechlichen Gerichte der Nachwelt. Unfähig sich zu dem großen Gedanken ihrer wahren Bestimmung zu erheben, unfähig sich in dem schönen Lichte geborner Fürsprecher des Volkes und Mittler zwischen ihm und dem Thron anzusehen, setzten sie ihre Ehre in eine unbedingte Unterwürfigkeit unter die gesetzlose Willkür des Sultans; sie wetteiferten um den Vorzug die Werkzeuge seiner schändlichsten Leidenschaften, seiner ungerechtesten Befehle zu seyn. Wer am niederträchtigsten schmeicheln, am wurmähnlichsten kriechen, am geschicktesten betrügen konnte, wer den Muth hatte einer Schandthat mit der unerschrockensten Miene unter die Augen zu gehen, kurz wer sich aller dieser Schwachheiten der menschlichen Natur, die man Scham, Mitleiden und Gewissen nennt, am vollkommensten entlediget, und in der Fertigkeit des Lasters, in der Kunst, es mit dem edelsten Anstande, mit der leichtesten Grazie auszuüben, den höchsten Gipfel erreicht hatte, — "war der beneidete Mann, den die geringern Bösewichter mit Ehrfurcht ansahen: der Mann, der gewiß war sein Glück zu machen, und nach welchem jedermann sich zu bilden beflissen war." Zu einem so gräßlichen Zustande von Verderbniß hatte das Gift der Grundsätze des sinnreichen Eblis die Scheschianer gebracht; und so gewiß ist es, daß die Menschen, eben so leicht als ein weiser und guter Fürst sie zu guten Geschöpfen bilden kann, sich von einem Jsfandiar zu Ungeheuern umgestalten lassen.Dieser hassenswürdige Tyrann begnügte sich nicht, durch alle Arten von Räuberei und Unterdrückung seine Unterthanen so elend zu machen, als es, ohne sie gänzlich und auf einmal aufzureiben, möglich war: er wollte sie auch dahin bringen, daß sie unfähig wären die Tiefe ihres Elendes einzusehen. Wenn er dabei die Absicht gehabt hätte, ihnen das Gefühl desselben zu benehmen, indem er machte daß sie es für ihren natürlichen Zustand hielten, so hätte man es ihm noch für einen Ueberrest von Menschlichkeit gelten lassen können. Aber Jsfandiar würde sehr beschämt gewesen seyn, zu dem Verdachte, daß er einer solchen Schwachheit fähig wäre, Anlaß zu geben. Er hatte keine andere Absicht dabei, als es ihnen unmöglich zu machen, auch nur den bloßen Gedanken zu fassen, "daß Menschen nicht dazu erschaffen seyn könnten, sich von einem Menschen so sehr mißhandeln zu lassen." Zu diesem Ende wurde Sorge getragen alles von ihnen zu entfernen, was ihnen einen gesunden Begriff von der Bestimmung und den Rechten der Menschheit, von dem Zwecke des gesellschaftlichen Vereins, und von dem unverbrüchlichen Vertrage, der dabei zum Grunde liegt, hätte geben können. Jede andre als die Philosophie des Eblis wurde aus Scheschian verbannt. Niemand durfte sich zu einem Schriftsteller aufwerfen, ohne vom Hofe dazu bevollmächtiget zu seyn, und seine Schrift der Beurtheilung desselben unterworfen zu haben; und ein paar ehrliche Enthusiasten, welche der Anblick ihres Vaterlandes dahin gebracht hatte, in einem Anstoß von Verzweiflung Wahrheiten zu sagen, welche man nur unter guten Fürsten sagen darf, wurden so grausam wegen dieser aufrührischen Vermessenheit gezüchtiget, daß einem jeden, dem seine Ohren und seine Nase lieber waren als sein Vaterland, die Lust vergehen mußte ihrem Beispiele nachzufolgen.Inzwischen herrschte am Hofe Jsfandiars und unter den verschiednen Classen und Ordnungen der Werkzeuge seiner Tyrannei eine alle Einbildung übersteigende Ueppigkeit. Alle Künste, welche der Wollust dienstbar sind, wurden nach dem Maße ihrer Unnützlichkeit in eben dem Verhältnisse hochgeschätzt und aufgemuntert, wie die nützlichern Künste nach dem Grad ihrer Nützlichkeit verachtet, gehemmt und abgeschreckt wurden. Und weil die Bestrebung, dem verzärtelten Geschmack und den stumpfen Sinnen der Großen neue Bequemlichkeiten, neue Ersparungen des kleinsten Aufwands ihrer ausgenutzten Kräfte, neue Mittel ihre schlaffen Nerven reizbar zu machen, anzubieten, beinahe der einzige Weg war, der dem Volke zu Verbesserung seines Zustandes noch offen stand: so wurden täglich neue Künste, oder wenigstens neue Werkzeuge der üppigen Weichlichkeit erfunden; und während daß der Ackerbau im kläglichsten Verfalle lag, stiegen jene zu einem Grade von Vollkommenheit, wovon man in den Zeiten der schönen Lili noch keinen Begriff hatte. Eblis triumphirte bei jeder Gelegenheit über diese herrliche Wirkung seiner Grundsätze. Was für Wunderwerke, pflegte er zu sagen, kann Hunger und Gewinnsucht thun! Ich biete allen Zauberern und Feen Trotz, mit allen ihren Stäben und Talismanen auszurichten, was ich ganz allein durch diese zwei mächtigen Triebräder der menschlichen Natur bewerkstelligen will.In der That gewannen die meisten, welche Tag und Nacht für die Ueppigkeit des Scheschianischen Hofes arbeiten mußten, wenig mehr dabei als den nothdürftigsten Unterhalt. Aber auch hier vergaß Eblis seine Grundsätze nicht. Von Zeit zu Zeit erhielt ein Mann von Talenten (wie man diese Leute nannte) eine Belohnung, welche die Begierde der Uebrigen so heftig anfachte, daß sich Tausende in der Hoffnung eines ähnlichen Glückes zu Tode arbeiteten. Indessen hütete man sich doch sorgfältig, kein Talent zu belohnen, bei welchem es nur im mindesten zweideutig seyn konnte, daß es nicht etwan wegen eines Vorzugs in demjenigen, was die eigentliche Vollkommenheit desselben ausmacht, sondern bloß als ein Werkzeug der Ueppigkeit Jsfandiars und seiner Günstlinge belohnt werde. Der beliebteste Maler, der Mann dessen Arbeit mit Entzücken angepriesen und mit Golde aufgewogen wurde, war nicht der größte Meister in der Kunst; sondern derjenige, welcher leichtfertige Gegenstände auf die wollustigste Weise zu behandeln wußte: und eine Sängerin, welche (in der Sprache dieses Hofes zu reden) albern genug war, nur durch die Vollkommenheiten einer schönen Stimme und den Gebrauch derselben zum Ausdruck hoher Empfindungen und tugendhafter Leidenschaften gefallen zu wollen, hatte die Freiheit im Besitz einer frostigen Bewunderung unbedauert zu verhungern; während eine andere, durch die anziehende Kraft ihrer Augen, und durch ein gewisses wollüstiges Girren und hinsterbende Töne, wodurch sie üppige Bilder in der Phantasie ihrer Zuhörer rege zu machen wußte, mit einem unendlich kleinern Talent, der Abgott der Leute von Geschmack war, und den Aufwand einer Prinzessin machen konnte.Die Weissagungen der verdrießlichen Alten, welche dem Scheschianischen Reiche von der goldnen Zeit der Königin Lili Unglück und Verderben angedrohet hatten, waren nun in ihre vollständigste Erfüllung gegangen. Der kleinste Theil der Nation führte das Eigenthum und den Erwerb des größern, gleich einem dem Feind abgesagten Raub, durch die ungeheuerste Verschwendung im Triumph auf. Ein größerer Theil suchte, durch seine Bereitwilligkeit im Dienste der Großen jedes Laster zu begehen, sich ein Recht an das beneidete Glück, den Raub mit ihnen zu theilen, zu erwerben. Aber der größte Theil schmachtete in einem Zustande, den nur die lange Gewohnheit alles zu leiden, und die sklavische Muthlosigkeit eines stufenweise zum Vieh herabgewürdigten Volkes dem Tode vorziehen konnte. Die Verderbniß der Sitten war so groß, daß selbst den Wenigen, welche noch einen Ueberrest von Rechtschaffenheit, wie aus einem allgemeinen Schiffbruche, gerettet hatten, alle Hoffnung verging, dem Strom entgegen zu schwimmen. Alle Stände hatten ihre wahre Bestimmung vergessen, oder waren unfähig gemacht worden sie zu erfüllen. Die niedrigste Classe hörte auf zu arbeiten; das Land und die Suchte wimmelten von ungestümen Bettlern, welche ihren Müßiggang, zur Schande der Regierung, mit dem Mangel der Arbeit entschuldigten. Gleichwohl wurden die fruchtbarsten Provinzen des Reichs aus Mangel an Anbauung nach und nach zu Wildnissen. Die Gewerbe nahmen zusehends ab, der Kreislauf der Lebenssäfte des Staats ivar allenthalben gehemmt, und die Hauptstadt selbst, die schon so lange der Schlund gewesen war, in welchen alle Reichthümer desselben sich unwiederbringlich verloren hatten, stellte den empörenden Contrast der äußersten Ueppigkeit und des äußersten Elendes in einem Grade, der die Menschheit beleidigte, dar. Eine halbe Million hungernder Menschen schrie den Sultan um Brod an, wenn er sich in einem schimmernden Palankin zu einem seiner Großen tragen ließ, um den Ertrag etlicher Provinzen in einem einzigen abscheulichen Gastmahle verschlingen zu helfen — und der Lärm der Trompeten und Pauken, der dem unglücklichen Volke die grausame Fröhlichkeit seiner Tyrannen ankündigte, machte ihr Murren, ihre Verwünschungen unhörbar. Die Großen, die Günstlinge, Jsfandiar selbst, konnten bei aller Bemühung, einander vorsetzlich zu verblenden, sich selbst die schreckliche Wahrheit nicht verbergen, daß sich das Reich seinem Untergang nähere. Auch mangelte es nicht an Vorschlägen und Entwürfen, den schädlichsten Mißbräuchen abzuhelfen, das Finanzwesen zu verbessern, den Unterthanen ihre Last zu erleichtern, den Fleiß wieder aufzumuntern, u. s. f. Aber die einzigen von diesen Entwürfen, die der Ausführung werth waren, wurden entweder als patriotische Träume verworfen, oder unter allerlei Vorwänden dem Privatvortheile gewisser Leute aufgeopfert. Einige angebliche Verbesserungen wurden zwar ins Werk gesetzt; aber sie bestanden in bloßen Palliativen, welche die Ausbrüche des Uebels eine Zeit lang verbargen, ohne die Wurzel desselben auszurotten. Die mißverstandene Maxime, "daß man dem allzu tief eingedrungenen Luxus nicht Einhalt thun könne, ohne die ganze Maschine des Staats in die gefährlichste Stockung zu setzen," war immer die Antwort, womit sich diejenigen abfertigen lassen mußten, welche augenscheinlich bewiesen, daß es lächerlich sey, eine Krankheit, die man vorsetzlich ernährt, durch schmerzlindernde Mittel heilen zu wollen. Doch gesetzt auch, Jsfandiar, da ihn endlich die ersten Erschütterungen des Thrones, dessen Grundfeste untergraben war, geneigt machten, zu allen Rettungsmitteln die Hand zu bieten, gesetzt er hätte einen großen, durchdachten, das Ganze umfassenden Entwurf einer allgemeinen Verbesserung unternehmen wollen: so mangelte es ihm an geschickten und redlichen Männern, denen er die Ausführung anvertrauen konnte. Wo hätte er solche Männer suchen sollen? In welcher Schule, durch welche Beispiele hätten sie sollen gebildet werden? Es war schon lange, seit der Geist der Tugend die Scheschianer verlassen hatte. Niemand bekümmerte sich um das gemeine Beste; der Name Vaterland setzte das Herz in keine Wallung; ein jeder sah in seinem Mitbürger, in seinem Bruder selbst, nichts als einen heimlichen Feind, einen Nebenbuhler, einen Menschen dessen Antheil den seinigen kleiner machte. Jeder dachte nur auf seinen eigenen Vortheil, und (wenige Unbekannte, welche das Verderben ihres Volkes im Verborgenen beweinten, ausgenommen) war niemand, der nicht alle Augenblicke bereit gewesen wäre, einen beträchtlichen Privatvortheil mit dem Untergang der halben Nation zu erkaufen. Der Luxus hatte die ganze Masse dieses unglücklichen Reiches mit einem so wirksamen Gift angesteckt, daß der Kopf und das Herz, der Geschmack und die Sitten, die Leiber und die Seelen seiner Einwohner, gleich ungesund, und (da das Uebel seiner Natur nach langwierig ist) durch die Länge der Zeit so daran gewöhnt waren, daß dieser abscheuliche Zustand ihnen zur andern Natur geworden war. Die Gefühllosigkeit für das Elend ihrer Mitbürger herrschte nicht nur in den verhärteten Herzen der Großen; sie hatte sich aller Stände bemeistert. Jedermann dachte nur darauf, wie er die allgemeine Noth zu seinem eigenen Vortheil benutzen wolle, und das Uebel nahm täglich zu, so wie sich diejenigen vermehrten, die bei dem Untergange des Staats zu gewinnen hofften. Alle Rechtschaffenen hatten sich so weit als möglich von einem Hof entfernt, wo die Weisheit lächerlich und die Tugend ein Verbrechen war; und der unglückliche Jsfandiar sah sich zu einer Zeit, da die Weisesten und Besten kaum hinreichend gewesen wären den Staat zu retten, von einer Bande von Witzlingen, Lustigmachern, Gauklern, Kupplern und Schelmen umgeben, welche, je näher der Augenblick des allgemeinen Untergangs herannahte, in diesem Gedanken selbst eine neue Aufmunterung zu jedem fröhlichen Bubenstücke zu finden, und entschlossen zu seyn schienen, dem Verderben in einem Rausch von sinnloser Betäubung entgegen zu taumeln.Unter den unzugänglichen Mitteln, mit welchen Eblis die Ausbrüche der tödtlichen Krankheit des Staats zu verstopfen suchte, war eines, welches durch seine unvermeidlichen Folgen das Uebel, dem es abhelfen sollte, unendlich verschlimmerte. In allen großen Staaten, die man jemals auf der Fläche des Erdbodens entstehen und verschwinden gesehen hat, zog der äußerst Luxus übermäßige Ueppigkeit unter den Großen und Reichen, und übermäßiges Elend unter den Armen, nach sich. Beides bringt in Absicht auf die Sitten einerlei Wirkung hervor. Die Reichen stürzen sich durch Verschwendung und Müßiggang in die Gefahr arm zu werden; der Anblick dieser Gefahr ist ihnen unerträglich, und um ihr zu entgehen, ist kein Verbrechen, keine Schandthat, keine Unmenschlichkeit, welche sie nicht zu begehen bereit seyn sollten. Und warum sollten sie nicht? da der Witz (der bei ihnen die Stelle der Vernunft vertritt) dem Laster schon lange den Weg gebahnt, und mit Hülfe eines verzärtelten Geschmackes gearbeitet hat, den Unterschied zwischen Recht und Unrecht aufzuheben, und das angenehme oder nützliche Verbrechen mit tausend Reizungen, ja selbst mit dem Schein der Tugend auszuschmücken? Die Armen bringt die Verzweiflung, einen andern Ausweg aus ihrem gegenwärtigen Elend zu finden, zu dem unglücklichen Entschluß, es durch lasterhafte Mittel zu versuchen. Ein Elender, der nichts zu verlieren hat, läßt sich, um seinen Zustand zu verbessern, zu allem gebrauchen; er wird ein Betrüger, ein falscher Zeuge, ein Giftmischer, ein Meuchelmörder, sobald etwas dabei zu gewinnen ist. Andre, welche die Unterdrückung muthlos und die Muthlosigkeit faul gemacht hat, stürzen sich auf dem abhängigen Wege des Müßiggangs bis in die schändlichsten Laster hinab. Sie werden aus Bettlern Diebe, aus Dieben Straßenräuber und Mordbrenner. Andere finden in dem schimmernden Zustande, worein sie Leute, die eben so wenig Ansprüche an Glück zu machen hatten als sie selbst, durch Aufopferung der Tugend versetzt sehen, einen Reiz, den die Vergleichung desselben mit ihrem gegenwärtigen Elend unwiderstehlich macht. Ist es Wunder, wenn der Anblick einer mit Diamanten behangenen Lais, die in einem vergoldeten Triumphwagen den Gewinn ihrer Unzucht zur Schau trägt, tausend junge Dirnen zu Priesterinnen der Venus, oder wenn der Anblick eines zu den höchsten Würden im Staat emporgestiegenen Kupplers tausend Kuppler macht? Es ging also sehr natürlich zu, wenn zu Jsfandiars Zeiten alle Arten von Lastern in Scheschian im Schwange gingen; nichts als ein unaufhörliches Wunderwerk hätte die natürlichen Wirkungen täglich anwachsender Ursachen hemmen können. Der Uebergang von einer Stufe des Lasters zur andern ist unmerklich; es kostet unendlich mehr Mühe sich zu der kleinsten vorsetzlichen Uebelthat, wenn es die erste ist, zu entschließen, als das Aergste zu begehen, wenn man einmal die unglückliche Leichtigkeit, Böses zu thun, erlangt hat. Kommt dann noch die Ansteckung verdorbener Sitten bei einem ganzen Volke, und das häufige Schauspiel der unterdrückten Tugend und des siegprangenden Lasters hinzu; sehen wir den Fürsten und die Großen selbst die Verachtung der Gesetze und der Tugend durch ihr Beispiel aufmuntern: dann ist wahrhaftig der Fall da, wo es eben so barbarisch ist Verbrechen zu bestrafen, als es ungerecht wäre, einem Menschen, den man hinterlistiger Weise trunken gemacht, die Ausschweifungen zur Last zu legen, die er in der Abwesenheit seiner Vernunft begangen hätte.Eblis machte diese Betrachtung nicht. Er sah nur das Uebel; die Quelle wollt' er nicht sehen. Aber das Uebel erheischte schleunige Mittel. Die geringeren Verbrechen hatten für die Scheschianer nichts Abschreckendes mehr, denn die ungeheuersten fingen an alltäglich zu werden. Giftmischerei und Vatermord wurden so gewöhnlich, daß sich niemand mehr getraute mit seinen Erben unter Einem Dache zu wohnen. Alle Bande der Gesellschaft waren los; und wie hätten die bürgerlichen Gesetze einem Volke, welches die Natur selbst zu mißhandeln fähig war, Ehrfurcht einprägen sollen? Keine öffentliche Sicherheit, keine Scheu vor der Schande mehr! Es war leichter unter der Classe, welche sich Leute von Ehre nennen, einen falschen Zeugen oder einen Meuchelmörder, als unter dem Pöbel einen Tagelöhner zu miethen. Die allgemeine Verderbniß hatte auch die schönere Hälfte der Nation alles dessen beraubt, was die Schönheit veredelt und sogar den Mangel derselben vergüten kann. Schamhaftigkeit und Unschuld, die lieblichsten Grazien dieses Geschlechts, waren den Scheschianerinnen fremde — noch mehr, sie waren ihnen lächerlich geworden. Es war unmöglich, eine ehrliche Frau von einer Metze an etwas anderm zu unterscheiden, als an der seltsamen Affectation, womit diese sich bemühten wie ehrliche Frauen, und jene wie Metzen auszusehen. Mit einem Buhler davonzulaufen, oder einem Manne, der nicht so viel Gefälligkeit hatte als ein Mann von Lebensart haben sollte, Rattenpulver einzugeben, waren Verbrechen, denen sich ein jeder, der das Unglück hatte vermählt zu seyn, täglich ausgesetzt sah. Die Justiz hatte ihr Möglichstes gethan, den unleidlichen Ausbrüchen dieses sittlichen Verderbens Einhalt zu thun. Alle Gefängnisse und alle Galgen in Scheschian waren angefüllt; aber man verspürte keine Abnahme des Uebels. Die Hauptstadt selbst, ungeachtet der künstlichen und scharfen Polizei, welche Eblis darin eingeführt hatte, sah mehr einem ungeheuern Haufen von schändlichen Häusern und Mördergruben als dem Mittelpunkt eines großen Reichs ähnlich. Verzweifelte Uebel erheischen verzweifelte Heilungsmittel, sagten die politischen Quacksalber an Jsfandiars Hofe. Man schärfte also die Strafgesetze, man vermehrte sie ins Unendliche, man erfand neue Todesarten, man ermunterte die Angeber geheimer Verbrechen durch ansehnliche Belohnungen, man bemächtigte sich der Personen auf den leichtesten Argwohn — und man war ungemein betroffen, oder stellte sich doch wenigstens so, da man gewahr wurde, daß eine so vortreffliche Justiz — die Scheschianer nicht besser machte. Im Gegentheil zeigte sich bald, daß die Cur ärger als die Krankheit selbst war. Man wollte die öffentliche Sicherheit wieder herstellen, und die allgemeine Gefahr vermehrte sich. Man wollte dem Verbrechen Einhalt thun, und man öffnete ihm tausend neue Pforten. Zuvor hatten die Scheschianer nur vor Räubern und Mördern gezittert: itzt zitterte man auch noch vor den Angebern. Zuvor kannte der Unmensch, der durch eines andern Tod gewinnen wollte, kein anderes Mittel zu seinem Zwecke zu gelangen als Gift und Dolch: : nun gab es ein gesetzmäßiges Mittel, wobei wenig Gefahr und viel zu gewinnen war; man machte sich zum Angeber, und ging mit seinem Antheile an dem Raube der Justiz im Triumphe davon. Die Scheschianer merkten bald, daß die Profession der Angeber einträglicher war als irgend eine andre. Sie gab häufige Gelegenheiten sich um die Großen verdient zu machen, und verschiedene Beispiele eines schleunigen und blendenden Glückes, welches auf diesem Wege war gefunden worden, reizten die allgemeine Begierlichkeit. Jedermann wurde zum Angeber. Das Laster verlor in der That die Sicherheit, die es so lange genossen, aber zum Unglück hatte die Unschuld hierin keinen Vortheil vor ihm. Die Scheschianer fanden also, alles gegen einander abgewogen, mehr Vortheil dabei, wenn sie fortführen lasterhaft zu seyn; und so zeigte sich am Ende, daß man durch diese übelbedachten Veranstaltungen die Verbrechen nicht abgeschreckt, aber wohl den kleinen Ueberrest von Unschuld und Tugend, der den verdorbenen Staat noch vor der Fäulniß und gänzlichen Auflösung bewahrte, völlig vernichtet hatte.Aerger konnte wohl eine Staatsoperation von solcher Wichtigkeit nicht mißlingen. Aber der schlaue Eblis hatte doch etwas dabei gewonnen, wodurch er überflüssig entschädigt zu seyn glaubte. Die unendliche Vermehrung der Strafgesetze hatte ihm, unter dem Schein einer preiswürdigen Fürsorge für die Sitten, einen Weg gezeigt, die Sünden der Scheschianer zu einer reichen Quelle von Einkünften zu machen. Die Ergiebigkeit derselben hatte etwas so Anreizendes, daß man täglich auf die Vervollkommnung dieses edlen Zweiges der Finanzen bedacht war. Insonderheit schien das Verbrechen der beleidigten Majestät ein herrliches Mittel, sich der Güter der Großen und Reichen mit guter Art zu bemächtigen. Die Rechtsgelehrten von Scheschian (Leute welche für einen leidlichen Preis alles was der Hof gern sah zu Recht erkannten) erschöpften daher alle ihre Scharfsinnigkeit, die Theorie eines so einträglichen Verbrechens aufs feinste auszuarbeiten; sie setzten alle seine Aeste und Zweige bis auf die allerkleinsten Fäserchen sehr künstlich auseinander, und bewiesen zum Schreien der armen Scheschianer, daß man zu gewissen Zeiten kaum ein Glied rühren, kaum Athem holen könnte, ohne sich dieses furchtbaren Lasters schuldig zu machen. Es konnte mit einem bloßen Worte, mit einer Miene, in Gedanken, ja sogar im Traume — es konnte an dem elendesten Gemälde das den Kronig vorstellte, an einem Bedienten der königlichen Küche, an einem königlichen Hunde, an dem Napfe worein der König spuckte, begangen werden. Der behutsamste Tadel der Maßregeln des Hofes, der kleinste Seufzer, den das Mitleiden mit sich selbst einem Unrecht leidenden Scheschianer auspreßte, die leiseste Berufung auf die Rechte der Menschheit, war ein Majestätsverbrechen. Zum Beweise, daß man des Vergnügens zu strafen nicht satt werden könne, schien man nichts Angelegner's zu haben, als der Nation täglich neue Gelegenheiten zu geben, sich strafbar zu machen; und niemand, ach niemand! ließ sich in den Sinn kommen, daß das strafwiirdigste, das ungeheuerste aller Verbrechen — die Beleidigung der Menschheit sey.Danischmend, rief der Sultan aus, ich bin deines Jsfandiars müde. Der Sultan, sein Günstling, sein Hof und seine Unterthanen sind sammt und sonders nicht würdig, länger von der Sonne beschienen zu werden. Wie wenn du eine hübsche Sündfluth kommen ließest, und die ganze ekelhafte Brut vom Erdboden wegspültest?Sire, sagte Danischmend, dieß ist die Sache des Himmels: er wird seine Ursache haben, warum er einer verbrecherischen Welt so lange zusieht.Keine Metaphysik, Herr Doctor! Höre was ich dir sagen werde. Ich gebe dir bis morgen Bedenkzeit, ob du sie durch ein Erdbeben, oder durch eine Sündfluth, oder durch Heuschrecken und Pest vertilgen willst. Genug, wenn sie mir nur je eher je lieber aus den Augen kommen.
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4.

Die Lebenskräfte eines großen Reiches (so fuhr Danischmend des folgenden Abends fort) sind beinahe unerschöpflich; und eine Nation kann sich Jahrhunderte lang ihrem Untergange nähern, kann oft unmittelbar an dem Rande desselben schwanken, und noch Kräfte genug haben, sich wieder aufzuraffen und den schrecklichen Augenblick etliche Jahre weiter hinauszusetzen. Ein weitläuftiges, unter einem günstigen Himmel liegendes Land, welches eine lange Zeit aufs fleißigste angebaut worden ist, muß lange verwahrloset werden, bis es zur Wildniß wird; und Menschen, welche einmal an gewisse Gesetze, an einen gewissen Grad von Unterwürfigkeit gewöhnt sind, können unendlich viel leiden, bis das Unvermögen, ihren Zustand länger auszustehen, die Bezauberung auflöst, oder Verzweiflung ihnen wenigstens den Muth gibt — zu sterben.Diese Betrachtung pflegt die Werkzeuge einer ungerechten Regierung bei dem Anblick der zerstörenden Folgen ihrer Tyrannei gleichgültig und sicher zu machen. Das Uebel ist noch nicht so groß, denken sie; der Esel schleppt sich noch immer unter seiner Last fort, er kann noch mehr tragen; und so wird immer noch mehr aufgelegt, bis er zu Boden sinkt und stirbt. Indessen ist wahrscheinlich, daß sich eine Wissenschaft erfinden ließe, wie man, unter gegebenen Umständen, für jedes Land den Tag, die Stunde, und den Augenblick ausrechnen könnte, wo der Staat unter einer gewissen Summe von Uebeln —(die Dazwischenkunft irgend eines wohlthätigen Wunderwerks ausbedungen)— einsinken mußte; und nichts ist mehr zu wünschen, als daß zum Besten des menschlichen Geschlechts ein Preis zur Erfindung eines solchen politischen Barometers gesetzt werden möchte.Schach-Gebal hatte, wie man vielleicht schon bemerkt haben wird, gewisse Launen, worin er, bei allem seinem Witz, Dinge zu sagen fähig war, welche seinem Oheim Schach-Badam Ehre gemacht hätten. Die Wahrheit zu sagen, er hörte zuweilen nur mit halbem Ohr, und dieß war gerade, was ihm dießmal begegnete. Sobald er hörte, daß Danischmend seinen Discurs mit einer Reflexion anfing, überließ er sich, ohne ganz unachtsam darauf zu seyn, den Gedanken, die sich von ungefähr anboten, bis ihn der politische Barometer, wie ein elektrischer Schlag, auf einmal wieder zur Aufmerksamkeit weckte. Die Idee gefiel ihm. Höre Danischmend, rief er, der Einfall, den du da hattest, ist vortrefflich. Wenn es nur an einem Preise liegt, so setze ich zehntausend Bahamd'or für den Erfinder aus. Du kannst morgen dem Präsidenten meiner Akademie Nachricht davon geben.Nurmahal und Danischmend sahen einander verstohlner Weise an; aber der Ton des Sultans war zu ernstlich, als daß es rathsam gewesen wäre, ihn mit Lächeln zu beantworten. Sie zogen sich also mit Hülfe einer kleinen Grimasse so gut aus der Sache, als es in der Eile möglich war. Danischmend versicherte Seine Hoheit, der zehente Theil des versprochnen Preises werde hinlänglich seyn, die Philosophen von Indostan in Thätigkeit zu setzen; und Schach-Gebal ergötzte sich nicht wenig an dem Gedanken, seine Regierung durch eine so sinnreiche und nützliche Erfindung verherrlicht zu sehen. Nach einer kleinen Weile fuhr Danischmend, auf Befehl des Sultans, in seiner Erzählung fort.Aus Mangel des politischen Lastenmessers, welcher das Glück gehabt hat den Beifall Ihrer Hoheit zu erhalten, läßt sich dermalen nicht genau bestimmen, wie lange Scheschian unter Jsfandiars Regierung noch hätte schmachten können, wofern dieser unweise Fürst durch einen Schritt, der in den damaligen Umständen des Reichs durch nichts gerechtfertiget werden konnte, die fatale Stunde nicht selbst herbeigerufen hätte.Ihre Hoheit erinnern sich ohne Zweifel noch der Blauen und Feuerfarbnen, die unter der Regierung Azors so gefährliche Unruhen in Scheschian angezündet hatten. Jsfandiar, der sich bei seiner Thronbesteigung das Gesetz gemacht zu haben schien, alles zu hassen was sein Vater geliebt hatte, nahm einige Jahre lang die Feuerfarbnen aus keinem andern Grunde in seinen besondern Schutz, als weil unter der vorigen Regierung die Blauen die Oberhand gehabt hatten. Damit ja niemand an dem Beweggrunde seines Betragens zweifeln könnte, spottete er öffentlich und ohne Zurückhaltung über den Glauben der einen und der andern. Eblis hatte ihn angewöhnt, die Religion überhaupt in einem falschen Lichte zu betrachten. Nichts konnte kürzer seyn als die Metaphysik dieses Günstlings war. "Nothwendigkeit und Ungefähr, sagte er, haben sich in die Regierung der Welt getheilt. Der Mensch schwimmt wie ein Sonnenstaud im Unermeßlichen; sein Daseyn ist ein Augenblick; dieser Augenblick ist alles was er sein nennen kann, und sich diesen Augenblick zu nutze zu machen, ist alles was er zu thun hat." — Auf solche Trugschlüsse hatte er die ruchlose Sittenlehre und die tyrannische Staatskunst gebaut, wovon der Untergang seines Vaterlandes die Folge war. "Die Religion, sagte man öffentlich an Jsfandiars Hofe, ist eine nützliche Erfindung der ältesten Gesetzgeber, um unbändige Völker an ein ungewohntes Joch anzugewöhnen. Sie ist ein Zaum für das Volk; die Beherrschen desselben müssen den Zügel in ihrer Hand haben: aber den Zaum sich selbst anlegen zu lassen, wäre lächerlich."Wenn diese Sätze auch in gewisser Maße auf das, was man Staatsreligion nennt, anwendbar wären, so konnte doch nichts unbesonnener seyn, als sie laut genug zu sagen, um von jedermann gehört zu werden. Wiewohl Eblis die Religion nur für ein politisches Mittel gegen die Unbändigkeit des Pöbels hielt, so hätte er doch einsehen sollen, daß die gute Wirkung dieses Mittels lediglich von dem Glauben an seine Kraft abhängt, so wie die Amulete, womit die Braminen und Bonzen ihre Anhänger in Ostindien und Sina zu beschenken pflegen, nur durch die hartnäckige Zuversicht zu ihren geheimnißvollen Kräften einige Wirkung thun können. Dem Volk öffentlich sagen daß man es nur betrüge, und erwarten daß es sich demungeachtet immerfort betrügen lassen werde, setzt eine Geringschätzung des gemeinen Menschenverstandes voraus, welche der Klugheit des witzigen Eblis wenig Ehre macht. Dieses Betragen mußte nach der damaligen Lage der Sachen in Scheschian nothwendig einen gedoppelten Schaden thun. Auf der einen Seite schlich die Verachtung der Religion von den Großen und Gelehrten sich nach und nach bis zum Pöbel herab; welcher froh zu seyn schien, daß seine Beherrscher thöricht genug waren, den Damm, der ihnen noch einige Sicherheit gegen den Schwall der allgemeinen Verderbniß verschaffen konnte, selber zu durchbrechen. Auf der andern Seite ließen die Bonzen von der blauen Partei, wie leicht zu erachten ist, diesen Anlaß, ihre verfallenen Angelegenheiten wieder herzustellen, nicht unbenutzt. Je näher die Gefahr andrang, welche dem Scheschianischen Aberglauben den Untergang drohte, desto eifriger waren sie, kein Mittel unversucht zu lassen, das Volk aus seiner schlafsüchtigen Gleichgültigkeit aufzuwecken, und in das wilde Feuer einer fanatischen Andacht zu setzen. Unter den Händen einer weisen Regierung würde die Gleichgültigkeit der Scheschianer gegen den ungereimten Glauben ihrer Väter das Mittel geworden seyn, eine große Verbesserung ohne gewaltsame Erschütterungen und auf eine beinahe unmerkliche Weise zu bewerkstelligen. Aber die Unbesonnenheit der anmaßlichen Philosophen dieser Zeit, "das alte Gebäude einzureißen, ohne ein anderes von festerem Grunde, bessern Materialien und edlerer Bauart aufzuführen," ließ nicht nur diese glückliche Gelegenheit entschlüpfen, sondern vermehrte noch die Uebel, welche die unmittelbaren Früchte des Unglaubens sind, mit allen den unseligen Folgen des Fanatismus, der (wie uns die Jahrbücher der Menschheit belehren) allemal, wenn Gottlosigkeit und sittliche Verwilderung am höchsten gestiegen sind, seine verwüstende Fackel am heftigsten geschwungen, und oft ganze Welttheile das grausame Schicksal eines Landes, das von Feinden und Freunden zugleich verheeret wird, hat erfahren lassen.Der Hof, dessen einzige Beschäftigung war, die allgemeinen Uebel des Staats in seinen besondern Nutzen zu verwenden, unterließ nicht, alle Bewegungen der Blauen aufs schärfste zu beobachten, und fand desto leichter Gelegenheit ihnen beizukommen, da sie, durch ihre schwärmerische Hitze verblendet, sich stark genug glaubten, ihre Gegner, die Feuerfarbnen, und den Hof der sie beschützte, selbst heraus zu fordern. Wiewohl sie, der Zahl nach, die kleinere Partei ausmachten, so schien ihnen doch der Reichthum ihrer vornehmsten Glieder eine desto gewissere Ueberlegenheit zu geben, da, ordentlicher Weise, der Reichste derjenige ist, der sich die meisten Anhänger zu verschaffen weiß. Aber eben diese Reichthümer waren das, was die Raubsucht Jsfandiars und seiner Gehülfen reizte. Man beschloß sich derselben unter einem Vorwande zu bemächtigen, den man entstehen lassen konnte, sobald man wollte. Man stellte sich als ob man über die Bewegungen der Blauen unruhig würde; man sprach viel von Gefahren, welche über dem Nacken des Staats schweben sollten; man flüsterte von einer übelgesinnten Partei, von geheimen Anschlägen, von verdächtigen Zusammenkünften; und man endigte damit, daß es vonnöthen seyn werde, mit einiger Strenge gegen die Blauen zu verfahren. Man hielt mehr als man versprochen hatte, in Hoffnung, die Blauen würden sich nicht geduldig genug mißhandeln lassen, um keine Gelegenheit zu größern Mißhandlungen zu geben; und man fand sich nicht betrogen. Kurz, man ruhete nicht, bis man sie zu einigen Bewegungen aufgereizt hatte, denen man den Namen von Aufruhr und Empörung geben konnte; und nun hatte Eblis seinen Zweck erreicht. Aber er und der unglückliche Jsfandiar genossen diese Freude nicht lange. Die Blauen, angeflammt von einigen schwärmerischen Anführern, welche desto mehr zu gewinnen hofften je weniger sie zu verlieren hatten, empörten sich endlich im ganzen Ernste. Eine unendliche Menge von Mißvergnügten aller Arten schlug sich zu ihrer Partei. Das Volk, welches schon lange mit Ungeduld auf ein öffentliches Zeichen zum Aufruhr gewartet hatte, rottete sich in verschiedenen Provinzen von Scheschian zusammen, riß allenthalben die Bildsäulen Jsfandiars nieder, plünderte seine Cassen, und ermordete alle, die es als Werkzeuge seiner tyrannischen Regierung verabscheute. Der Taumel, worin man am Hofe zu Scheschian zu leben gewohnt war, machte, daß man die ersten Ausbrüche eines Aufstandes, von welchem so leicht vorher zu sehen war daß er allgemein werden würde, mit Verachtung ansah; und Eblis glaubte einen großen Streich gemacht zu haben, da er die Anführer einer zusammengelaufnen Rotte, welche in der Hauptstadt selbst Unruh' erregt hatte, mit Strafen belegen ließ, bei deren bloßer Erzählung allen übrigen, wie er sagte, die Waffen aus den Händen fallen sollten. Aber er kannte die menschliche Natur nur halb. Das unmittelbare Anschauen dieser Strafen, und der Anblick einiger tausend gedungener Mörder, bereit, auf den ersten Wink, wie eben so viele wilde Thiere, unter ein friedsames und schüchternes Volk einzufallen, hätte diese Wirkung allerdings gethan: aber die Nachrichten, welche sich von diesen neuen Beweisen der Grausamkeit Jsfandiars in den Provinzen verbreiteten, thaten eine ganz entgegengesetzte auf die Einbildungskraft der Scheschianer. Ihr Mißvergnügen verkehrte sich in Wuth; die Anführer der Empörung fanden sich nun in der unumgäglichen Nothwendigkeit zu siegen, oder wenigstens nicht ungerochen zu sterben. Der Aufstand, dessen Gefahr Eblis, so lang es möglich war, seinem betrogenen Herrn verborgen hatte, gewann in kurzem eine solche Gestalt, daß man sich gezwungen sah Jsfandiarn die Augen zu öffnen.Dieser Prinz, dem es weniger an Muth, als an der Geschicklichkeit ihn zu regieren, fehlte, machte sich fertig, an der Spitze eines Kriegsheers, dessen Treue er durch große Geschenke und noch größere Versprechungen erkauft zu haben glaubte, zum erstenmal in seinem Leben —gegen seine Unterthanen zu Felde zu ziehen. Die Häupter der Empörung hatten inzwischen Zeit genug gehabt, sich in Verfassung zu setzen, Abrede mit einander zu nehmen, und nach einem gemeinschaftlichen Plane zu handeln. Da sie entschlossen waren, die Waffen nicht eher niederzulegen, bis sie die Wohlfahrt des Staats und die Rechte seiner Bürger gegen die Anmaßungen der willkürlichen Gewalt auf eine dauerhafte Art sicher gestellt hätten: so fanden sie nöthig alles so viel möglich zu vermeiden, was ihrem Unternehmen das Ansehen eines strafbaren Aufruhrs geben könnte. Das ganze Scheschian sollte überzeugt werden, daß sie die Waffen nicht gegen ihren rechtmäßigen König, sondern bloß zu nothgedrungener Beschützung ihrer wesentlichsten Rechte gegen die Eingriffe seiner Rathgeber ergriffen hätten. In dieser Absicht ließen sie eine Art von Manifest an Jsfandiarn gelangen, worin sie, nach einer lebhaften Vorstellung aller ihrer Beschwerden, sich erklärten, daß sie sogleich wieder auseinander gehen wollten, sobald der König diesen Beschwerden abgeholfen, und, zum Beweise seiner Aufrichtigkeit, den Günstling Eblis der gerechten Rache einer ganzen beleidigten Nation ausgeliefert haben würde.Dieß, sagte Schach-Gebal, war eine Zumuthung, wozu ein Fürst, der auf seine Ehre hält, sich nie verstehen wird.Auch war Jsfandiar weit von einem solchen Gedanken entfernt, fuhr Danischmend fort. Aber es währte nicht lange, so bekam er Ursache sich reuen zu lassen, daß er die Erhaltung eines Einzigen — die auf der Wage der Klugheit ein Atom ist, wenn die Wohlfahrt des Staats und die Sicherheit des Thrones in der andern Schale liegt — für wichtig genug angesehen hatte, sie so theuer zu erkaufen. Eblis wurde bald gewahr, daß die Sachen seines Herrn und seine eigene einer furchtbaren Entscheidung nahe waren. Er fand es zu gefährlich für sich selbst, seine eigene Sicherheit von dem Ausgang eines Treffens abhangen zu lassen, von welchem er sich in jeder Betrachtung wenig versprechen konnte. Er bedachte sich also nicht lange. Treue, Dankbarkeit, Freundschaft konnten ihn nicht verhindern, eine schändliche That zu thun; denn sie waren für ihn bloße Namen ohne Bedeutung. Er ließ sich in geheime Unterhandlungen mit den Häuptern der Mißvergnügten ein, und machte sich anheischig, mit den größten Theile des königlichen Kriegsheeres zu ihnen überzugehen, wofern sie ihm die Ehre, auf gleichen Fuß mit ihnen selbst an der Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe zu arbeiten, zugestehen und hinlänglich versichern würden. Die Empörten gingen alles ein, und Eblis arbeitete inzwischen mit eben so viel Eifer als Behutsamkeit daran, die Truppen und ihre vornehmsten Anführer theils in seinen Anschlag zu ziehen, theils zu unwissenden Werkzeugen desselben zu machen; und dieß that er zu eben der Zeit, da er seinen Herrn durch den Schein der feurigsten Ergebenheit und durch eine Menge falscher Nachrichten in die tiefste Sicherheit zu versenken wußte. Sein Anschlag ging so glücklich von Statten, daß er, in einem Anstoße des Schwindelgeistes, welcher große Verbrecher schon so oft zu Werkzeugen ihres eigenen Untergangs gemacht hat, auf einmal sich die stolze Hoffnung träumen ließ, in dem Augenblicke, da Jsfandiar vom Throne herabstürzen würde, sich selbst hinauf zu schwingen. Die Empörten hatten bisher noch immer geneigt geschienen, die königliche Würde in dem verhaßten Jsfandiar zu schonen. Aber Eblis stellte ihnen vor, daß es unmöglich sey, so lange der Tyrann lebe, an eine dauerhafte Staatsverbesserung zu denken, oder nur Sicherheit für ihre eignen Personen und Güter zu hoffen. Er wußte ihnen die Nothwendigkeit, das Uebel (wie er sagte) durch einen kühnen Streich an der Wurzel abzuhauen, so eindringend vorzustellen, daß man ihn auf alle mögliche Weise zu unterstützen versprach, wofern er die Ausführung dieses Streiches übernehmen wollte.Alles schien sich zu vereinigen, den Verräther Eblis des glänzenden Ziels seiner Wünsche theilhaftig zu machen, als er auf einmal (aber zu seinem Unglück erst da es zu spät war) die Erfahrung machte: daß der Lasterhafte sehr Unrecht hat, von den Werkzeugen seiner Uebelthaten Tugend zu erwarten. Eblis hatte gehofft, die Wenigen, denen er sein Geheimniß anzuvertrauen genöthiget war, durch Eidschwüre, Belohnungen und Erwartungen eines schimmernden Glückes gefesselt zu haben. Aber er betrog sich. Einer von ihnen machte die Anmerkung, daß wahrscheinlicherweise noch mehr zu gewinnen sey, wenn er dem Sultan die Treulosigkeit seines Vertrauten entdecken würde. Er that es eine Stunde zuvor, ehe der Anschlag gegen das Leben des Sultans ausgeführt werden sollte. Es nur um Mitternacht. Jsfandiar, von wüthendem Grimm über die Undankbarkeit eines Günstlings, für den er sich selbst aufgeopfert hatte, hingerissen, verschmähte den bloßen Gedanken der Flucht. Der Emir, der ihm die Verschwörung entdeckte, hatte nicht vergessen, sich vorher eines Theils der Leibwache zu versichern. Von diesen und von allen, auf deren Treue er sich am meisten verlassen zu können glaubte, umgeben, befahl Jsfandiar, den Verräther Eblis und die übrigen Zusammenverschwornen in Verhaft zu nehmen. Sie hatten sich eben an einem abgeredeten Orte versammelt, um zur Ausführung ihres Vorhabens zu schreiten, als sie gewahr wurden, daß sie verrathen waren. Es brauchte nur einen Augenblick, um das Schreckliche ihrer Lage in seiner ganzen Größe zu übersehen. Die Verzweiflung allein konnte ihnen den einzigen Ausweg öffnen, der noch möglich war. Sie entschlossen sich zum hartnäckigsten Widerstand. Der schrecklichste Tod ist uns gewiß, rief Eblis: mit den Waffen in der Hand können wir, im unglücklichsten Falle, nur sterben; aber es ist eben so wohl möglich, daß wir die Oberhand erhalten. Wüthend schlugen sie sich durch die Trabanten Jsfandiars hindurch, drangen mit großem Geschrei in den Palast ein, und stießen alles nieder, was sich ihnen entgegensetzte. In wenigen Augenblicken war der ganze Palast in Aufruhr; die meisten schlugen sich auf die Seite der Verschwornen. Der Augenblick kam, da derjenige, zu dessen Füßen vor kurzem Millionen Sklaven im Staube sich wälzten, in angstvoller Betäubung nach Hülfe, nach Mitleiden umher sah, und nicht einen einzigen fand, welcher Tugend genug gehabt hätte, seine Brust zum Schilde eines verabscheuten Königs zu machen. Ja, rief er den auf ihn eindringenden Verschwornen entgegen, ich will sterben: aber ich will nicht ungerochen fallen. Mit diesen Worten stürzte er sich mit gezücktem Dolch auf Eblis hin; doch eh' er ihn erreichen konnte, fiel er von unzähligen Stichen durchbohrt zu Boden. Inzwischen hatte der Lärm, den dieser wilde Auftritt im Palaste verursachte, einen großen Theil der Hauptstadt aus dem Schlaf erweckt. Das Volk stürmte haufenweise herbei. Dumpfes gräßliches Geschrei: "Freiheit, Freiheit! weg mit dem Tyrannen und seinen Gehülfen!" schallte furchtbar durch die Hallen des Palasts. Eblis, mit dem Haupte Jsfandiars an der Spitze seines Schwerts, hoffte durch diesen Anblick die Raserei des Pöbels zu besänftigen: aber das abgerissene Haupt des Sultans in der Hand seines treulosen Günstlings zu sehen, dieser Anblick veränderte auf einmal den Gegenstand ihrer Wuth. Der Verräther wurde in Stücken zerrissen. Alle, die ihn vertheidigen oder rachen wollten, fielen. Der Palast wurde geplündert und in Flammen gesetzt. Das Feuer ergriff einen Theil der Stadt und fraß desto schneller um sich, da niemand daran dachte, seinen Verwüstungen Einhalt zu thun. Alle Gräuel eines allgemeinen Aufruhrs vereinigten sich, die unglückliche Stadt Scheschian etliche Tage lang zu einem Schauplatz von Thaten zu machen, von welchen die Menschlichkeit schaudernd ihr Antlitz wendet. Gleichwohl war dieß alles nur der Anfang, und, so zu sagen, das Zeichen zur allgemeinen und völligen Auflösung aller Bande, wodurch die Nation bisher noch zusammengehalten worden war. Jsfandiar hinterließ keinen gesetzmäßigen Thronfolger; denn er hatte seine Brüder und seine Neffen, die Söhne eines jüngern Bruders von Azorn, bald nach seiner Thronbesteigung unter verschiedenem Vorwande aus dem Wege geräumt. Die vornehmsten Städte des Reichs machten Anstalten sich in Freiheit zu setzen, konnten aber über die Gestaltung der Verfassung, welche sie sich geben wollten, so wenig einig werden, daß sie entweder durch bürgerliche Unruhen zu Grunde gingen, oder bald diesem bald jenem von fünf oder sechs der mächtigsten Emirn, welche um die Krone stritten, sich unterwerfen mußten. Während dieses Streites, der mit aller Wuth und Langwierigkeit eines Bürgerkriegs geführt wurde, erfuhr Scheschian die Drangsale der Anarchie zum zweitenmal in einem Grade, der entsetzlich gewesen seyn muß, da er mit der Stufe der Verderbniß, zu welcher die Nation herabgesunken war, in Verhältniß stand. Etliche Jahre lang schien alles Gefühl von Moralität in jeder Seele bis auf den letzten Funken erloschen zu seyn, und den ungeheuern Leichnam des Staats einer scheußlichen Verwesung überlassen zu haben. Auch würde dieß, allem Ansehen nach, das Schicksal von Scheschian gewesen seyn, wofern nicht der Schutzgeist der Menschheit zu einer Zeit, da man alle Hoffnung aufzugeben anfing, den unglücklichen Rest einer einst so großen und blühenden Nation mit mitleidigen Augen angesehen hätte.Ich danke dir, Danischmend, sagte Schach-Gebal, für die gute Justiz, welche du, zu Ehre des Thrones und zur Warnung aller künftigen Jsfandiaren und Eblissen (wenn anders die Natur jemals wieder ihresgleichen hervorbringen sollte), an diesen Ungeheuern ausgeübet hast. Im übrigen will ich dir nicht verhalten, daß du uns eine Art von Genugthuung dafür schuldig bist, uns seit dem ehrlichen Ogul-Kan (der bei allem dem gleichwohl einige große Untugenden hatte) mit lauter namenlosen oder schwachen Königen unterhalten, und die Reihe zuletzt gar mit einem Taugenichts beschlossen zu haben, der in der That so hassenswürdig ist, daß der verdienstloseste unter seinen Vorgängern bloß dadurch, weil man gar nichts von ihm sagen kann, in Vergleichung mit ihm zu einem guten Fürsten wird. Es ist unangenehm, einen so mißgestalteten Charakter nur für möglich zu halten.Und noch unangenehmer, sagte Danischmend, daß schwerlich eine Nation auf dem Erdboden ist, welche sich des Glückes rühmen könnte, unter ihren Fürsten keinen Jsfandiar gehabt zu haben. Gleichwohl däucht mir sogar dieser schlimmste unter den Königen von Scheschian weniger Haß als Bedauern verdient zu haben. Alle Umstände, in welchen er lebte, schienen von irgend einem feindlichen Genius zu seinem Verderben zusammen geordnet zu seyn. Kein tugendhafter, kein ehrlicher Mann unter seinem ganzen Volke, welcher Menschlichkeit genug gehabt hätte, dem verblendeten Fürsten wenigstens aus Mitleiden die Wahrheit zu sagen! Lauter abschätzige Sklaven zu seinen Füßen, lauter schändliche der Schamröthe unfähige Schmeichler an seinem Ohr! Sollte man es für möglich halten, daß ein Jsfandiar, ein gekrönter Missethäter, dessen Leben eine Kette von lasterhaften und unsinnigen Ausschweifungen war, von einer Menge von Rednern und Schriftstellern seiner Zeit mit allen Lobsprüchen, die nur immer der beste König verdienen kann, überhäuft worden seyn könnte? Sollte man glauben, daß ein Scheschianer unverschämt genug habe seyn können, diesen nämlichen Jsfandiar, in Gegenwart von Tausenden, deren Blicke und Mienen ihn Lügen straften, den würdigsten und geliebtesten unter den Fürsten, den Vater seines Volkes, den wohlthätigen Schutzgott seines Reiches zu nennen? Gleichwohl gab es unter den Gelehrten, unter den angeblichen Weisen der Nation solche Elende; und, was beinahe eben so erstaunlich ist, Jsfandiar war fähig solchen Unsinn mit Vergnügen anzuhören, und die dreifachen Sklaven, welche die Verwegenheit hatten mit Wahrheit, Tugend und Ehre ein so freches Gespötte zu treiben, auf der Stelle mit Belohnungen zu überhäufen, welche zu geben und verdient zu haben in gleichem Grade schändlich war. Konnte Jsfandiar alles Gefühl von Recht und Unrecht so gänzlich verloren haben, um die ausschweifenden Lobreden, Lobreden welche den bittersten Satyren so ähnlich tönten, ohne vor Scham zu vergehen, anzuhören? Und wenn er es konnte, wie unwürdig der menschlichen Gestalt mußte der erst seyn, den die Hoffnung eines ehrlosen Gewinnes fähig machte, die Sprache der Empfindung wissentlich zu misbrauchen, um einen weltkündigen Tyrannen in seiner Verhärtung zu bestärken? Was für Elende mußten es seyn, welche solche Lobreden anhören konnten, ohne in allgemeinem Aufstand dem ungeheuern Lügner ins Gesicht zu widersprechen? welche sogar fähig waren, den lauten Beifall zuzuklatschen? Man muß gestehen, die Scheschianer verdienten einen König wie Jsfandiar; und man braucht sich nur einen Augenblick vorzustellen, wer sie waren, um das Mitleid, welches der Anblick des Leidens unsrer Mitgeschöpfe natürlicherweise in uns erweckt, in Freude über die Zerstörung einer so häßlichen Brut ausgearteter Menschen verwandelt zu fühlen.
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5.

Danischmend hat uns die Verdorbenheit der Scheschianischen Nation so groß und so allgemein vorgestellt, sagte die Sultanin, daß ich nicht begreife, wo er den Mann hernehmen will, der aus diesem Chaos eine neue Welt zu erschaffen fähig seyn sollte. Dieß bin ich wenigstens gewiß, daß dieser Mann sich nicht am Hofe zu Scheschian gebildet haben kann.Der beste unter allen Sinesischen Königen bildete sich unter einem Strohdache, versetzte Danischmend. Und wie hätte (sagt ein Sinesischer Schriftsteller) der tugendhafte Landmann Chun nicht der beste unter den Königen werden sollen? Sein erster Stand hatte ihn vorher zum Menschen gebildet. Dieß ist die Hauptsache. Wie wenige unter denjenigen, die von der Wiege an zu künftigen Herrschern erzogen werden, können sich dieses Vortheils rühmen!Tifan, der Wiederhersteller seines Vaterlandes, Tifan, der Gesetzgeber, der Held, der Weise, der Vater seines Volkes, der geliebteste und der glücklichste unter allen Königen, — mit dessen Geschichte ich im Begriff bin den Sultan meinen Herrn zu unterhalten, würde wahrscheinlicher Weise alles dieß nicht gewesen seyn, wenn er an dem Hofe seines Vetters Jsfandiar, oder an irgend einem andern Asiatischen Hofe seiner Zeit, wäre gebildet worden.Von der Natur selbst auf ihrem Schooße erzogen, fern von dem ansteckenden Dunstkreise der großen Welt, in einer Art von Wildniß, zu einer kleinen Gesellschaft von unverdorbenen, arbeitsamen und mäßigen Menschen verbannt, ohne einen Schatten von Vermuthung, daß er mehr sey als der Geringste unter ihnen, brachte er die ersten dreißig Jahre seines Lebens in einem Stande zu, worin sein Herz, ohne es zu wissen, zu jeder königlichen Tugend gebildet wurde.Dieses sonderbare Glück, ohne welches er schwerlich der Stifter der allgemeinen Glückseligkeit seiner Nation geworden wäre, hatte Tifan der Grausamkeit Jsfandiars und einem andern eben so glücklichen als ungewöhnlichen Zufalle zu danken, nämlich dem Umstande, daß seine erste Jugend dem einzigen tugendhaften Manne, der vielleicht damals im ganzen Scheschian lebte, anvertraut worden war.Jsfandiar hatte bald nach seiner Thronbesteigung alle seine Brüder, nebst den Kindern, welche Temor, der einzige Bruder seines Vaters, hinterlassen hatte, aus dem Wege geräumt. Tifan, der jüngste unter den letztern, war damals etwan sieben Jahre alt, und befand sich unter der Aufsicht eines bejahrten Visirs, den sein Vater vorzüglich geliebt hatte. Dschengis (so nannte man diesen Visir) hatte einen einzigen Sohn von gleichem Alter mit dem Sohne des Prinzen Temor; und das einzige Mittel, wodurch er das Leben des jungen Tifan retten konnte, war, seinen eigenen Sohn den von Jsfandiarn abgesendeten Mördern Preis zu geben. Dschengis hatte den Muth, der Tugend ein so großes Opfer zu bringen.Er gab sein eigenes Kind hin, und zog sich mit dem jungen Tifan, der nun stir seinen Sohn gehalten wurde, in eine unbekannte Gegend der mittäglichen Gränze von Scheschian zurück. Es war ein fruchtbares aber unangebautes Thal, von Gebirgen und Wildnissen eingeschlossen, und, wie er glaubte, von der Natur selbst zu einer Freistätte bestimmt für den Tugendhaften, der sein Glück in sich selbst findet, und für einen jungen Prinzen, den das Glück seine Unbeständigkeit in so zarter Jugend schon erfahren ließ.Hier legte Dschengis eine Art von Pflanzstätte an, indem er einer Anzahl Sklaven beiderlei Geschlechts, die er von den benachbarten Tschirkassiern zu diesem Ende gekauft hatte, die Freiheit unter der Bedingung schenkte, daß sie ihm helfen sollten diese öden Gegenden anzubauen. Die Natur belohnte seinen Fleiß mit dem glücklichsten Erfolge. In wenigen Jahren verwandelte sich der größte Theil dieser angenehmen Wildniß in Kornfelder, Gärten und Auen, von tausend kleinen Bächen gewässert, welche Dschengis und seine Gehülfen aus den benachbarten Gebirgen in ihre aufblühenden Pflanzungen ableiteten. Die frohen Bewohner lebten im Ueberflusse des Nothwendigen, und in dieser glücklichen Armuth an entbehrlichen Dingen, welche für den Weisen oder für den Unwissenden Reichthum ist. Dschengis, wiewohl sie alle seine Sklaven gewesen waren, maßte sich keiner Herrschaft über sie an.Alle Ungleichheit, welche nicht von der Natur selbst herrührt, war aus den Hütten dieser Glückseligen verbannt. Die Väter der sämmtlichen Haushaltungen machten zusammen eine Art von Gericht aus, das sich über Dinge, welche die allgemeine Wohlfahrt betrafen, berathschlagte, und die kleinen Streitigkeiten schlichtete, die unter einem so wenig zahlreichen, so fröhlichen und so armen Völkchen entstehen konnten.Im Schooße dieser kleinen Colonie wuchs, als unter seinesgleichen, der Neffe des größten und üppigsten aller morgenländischen Könige in einer Unwissenheit seines Standes auf, welche der weise Dschengis für nöthig hielt, was auch das Schicksal über seinen königlichen Pflegesohn beschlossen haben möchte. Ist er zum Thron bestimmt, dachte er, so werden die Völker, die er einst glücklich machen wird, die Asche des ehrlichen Dschengis dafür segnen, daß er ihnen einen König erzogen hat, der in der Gewohnheit die niedrigste Classe von Menschen als seinesgleichen anzusehen, — in der Gewohnheit nichts von andern zu erwarten, was sie nicht auch von ihm fordern können, — in der Gewohnheit seinen Unterhalt seinem eigenen Fleiße zu danken zu haben, —aufgewachsen, des sinnlosen Wahnes unfähig ist, daß Millionen Menschen nur darum in der Welt seyen, damit er allein müßig gehen und sich allen seinen Gelüsten überlassen könne. Ist es hingegen sein Schicksal sein Leben in der Dunkelheit zuzubringen, so ist die Unwissenheit seiner Abkunft ein Gut für ihn selbst: ihm den wohlthätigen Irrthum, sich für den Zustand worin er lebt geboren zu glauben, benehmen wollen, wäre in diesem Falle Grausamkeit.Tifan ließ sich also, wenn er hinter seinen Heerden herging, wenig davon träumen, daß ihn die Geburt bestimmt habe, statt des Schäferstabes einen Scepter zu führen; und das fürstliche Blut, das in seinen Adern floß, sagte ihm so wenig von irgend einem angebornen Vorzuge vor den Leuten mit denen er lebte, daß er vielmehr einen jeden mit einem Gefühl von Ehrerbietung ansah, welcher besser arbeiten konnte, und also nützlicher war als er. Oft wenn Dschengis den jungen Prinzen, in seinem Kittel von grober Leinwand, mit beschwitzter Stirne von der Feldarbeit zurückommen sah, lachte er bei sich selbst über die Unverschämtheit jener Schmeichler, welche die Großen der Welt bereden wollen, als ob sogar in ihrem Blute ich weiß nicht was für eine geheimnißvolle Zauberkraft walle, die ihrer ganzen Person und allen ihren Trieben und Handlungen eine gewisse Hoheit mittheile, welche sie von gemeinen Menschen unterscheide und diese letztern zu einer unfreiwilligen Ehrfurcht zwinge. Wer dächte, daß dieser junge Bauer ein Königssohn wäre? sagte er zu sich selbst. Er ist wohl gebildet; seine Augen sind voller Feuer; seine Züge bezeichnen eine gefühlvolle und wirksame Seele: aber bei dem allem erkennt, außer mir selbst, niemand der ihn sieht etwas anders in ihm, als einen zum Karst und Pfluge gebornen Bauernsohn, und er selbst ist vollkommen überzeugt, daß Hysum, unser Nachbar, ein ungleich besserer Mann ist als er.Diese Betrachtung schmeichelt den Fürstensöhnen nicht, sagte Schach-Gebal, und ich gestehe, daß ich sie nie gemacht habe; aber nun, da sie gemacht ist, däucht mir, sie hat Recht. Die Poeten und Romanschreiber, die uns solche Dinge weißmachen wollen, verdienten etliche Duzend Streiche auf die Fußsohlen dafür; denn ich wette, sie glauben selbst kein Wort davon.Der junge Tifan verlor bei der Lebensart, worin ihn sein Pflegevater erzog, die feine Lilienfarbe und das schwächliche Ansehen, welches, wenn er am Hofe zu Scheschian erzogen worden wäre, ihn vermuthlich von gemeinen Erdensöhnen unterschieden hätte. Aber er gewann dafür einen starken und dauerhaften Körper, eine männliche Sonnenfarbe, frisches Blut, und Lippen, in welche er nicht nöthig hatte zu beißen, um sie röther als reife Kirschen zu machen.Indessen war der weise Dschengis weit davon entfernt, die angeborne Bestimmung seines Pflegesohns aus den Augen zu verlieren. Tifan hatte ihm zu viel gekostet, als daß er sich hätte begnügen sollen, ihn bloß zu einem guten Landmanne zu bilden; denn alles was der bethörte Jsfandiar that, um die Nation so schnell als möglich zu Grunde zu richten, machte es mehr als wahrscheinlich, daß Tifan, vielleicht eher als er dazu tüchtig wäre, sich aufgefordert finden könnte, sein Recht an die Krone geltend zu machen. Dschengis setzte sich also nichts Geringeres vor — und der bloße Vorsatz klingt schon widersinnig, so sehr hat er das allgemeine Vorurtheil wider sich — als, den jungen Tifan (ohne ihm, bis es Zeit wäre, das geringste von seinem Vorhaben merken zu lassen) mitten unter lauter Hirten und Ackerleuten zu einem guten Fürsten zu bilden. Ueberzeugt, daß Güte des Herzens ohne Weisheit eben so wenig Tugend, als Wissenschaft ohne Tugend Weisheit ist, bemühte er sich, zu eben der Zeit, da er sein Gefühl für das Schöne und Gute und jede sympathetische und menschenfreundliche Neigung zu nähren und in Fertigkeit zu verwandeln suchte, seinen Verstand von den eingeschränkten Begriffen, die sich von den Gegenständen, die ihn umgaben, in seiner Seele abdruckten, stufenweise zu den erhabenen Ideen der bürgerlichen Gesellschaft, des menschlichen Geschlechts, der Natur, des Ganzen, und seines geheimnißvollen aber anbetenswürdigen Urhebers zu erheben. Alle sittliche Vollkommenheit eines Menschen, zu welchem besondern Beruf er immer geboren seyn mag, hängt davon ab, daß diese Ideen in seinem Verstande, und die Gesinnungen, welche sich aus ihnen bilden, in seinem Herzen die Herrschaft führen. Aber für keinen Menschen ist dieß unentbehrlicher als für denjenigen, der dazu berufen ist, sittliche Ordnung in irgend einem besondern Theile der allgemeinen menschlichen Gesellschaft zu unterhalten. Wehe seinen Untergebenen und ihm selbst, wenn seine Seele von dem Bilde einer allgemeinen Harmonie und Glückseligkeit nicht in Entzücken gesetzt wird! wenn ihm die Rechte der Menschheit nicht heiliger und unverletzlicher sind als seine eigenen! wenn die Gesetze der Natur, mit tiefen unauslöschlichen Zügen in seine Seele gegraben, ihn nicht in allen seinen Handlungen leiten! Mit Einem Worte, wehe dem Volke, dessen Beherrscher nicht lieber der beste unter den Menschen als der mächtigste unter den Königen seyn möchte! —Diese Begriffe sind keine Grillen einsiedlerischer Weltbeschauer. Unglücklich genug für das menschliche Geschlecht, wenn sie von den Großen und Mächtigen dafür gehalten werden! Aber die Natur der Dinge hängt nicht, wie das Glück oder Unglück der Menschheit, von den Begriffen der Großen ab. Sie können nicht verhindern, daß die Strafen der Natur nicht unfehlbar auf die Verachtung eines jeden Gesetzes der Natur folgen; und wenn die bisherige Gestalt des Erdbodens noch Jahrtausende dauern sollte, so wird die Geschichte aller künftigen Alter sich mit der Geschichte aller vergangenen vereinigen, die Könige zu belehren: daß jeder Zeitpunkt, worin jene großen Grundbegriffe mit Dunkel bedeckt gewesen, jene wohlthätigen Grundgesetze nicht für das was sie sind, für das unverletzliche Gesetz des Königs der Könige, anerkannt worden sind, ein Zeitpunkt des öffentlichen Elends, der sittlichen Verderbniß, der Unterdrückung und der allgemeinen Verwirrung, eine unglückliche Zeit für die Völker und eine gefährliche für die Könige gewesen ist.Danischmend war, wie wir sehen, in einer vortrefflichen Stimmung, den Königen Moral zu predigen; aber zum Unglück ermangelten seine Predigten niemals, den Sultan seinen Herrn einzuschläfern. Der gute Doctor wollte eben einen neuen Anlauf nehmen, als er gewahr wurde, daß seine Zuhörer, jeder in einer eigenen Stellung, in tiefem Schlummer lagen. Daß doch meine Moral immer und allezeit eine so narkotische Kraft hat! sprach er zu sich selbst: ich begreife nichts davon. Einer von den Zauberern, meinen Feinden, muß die Hand im Spiele haben; es ist nicht anders möglich.
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6.

Die Begriffe (so fuhr Danischmend in der Erzählung von Tifans Erziehung fort), welche dieser junge Prinz von dem weisen Dschengis erhielt, konnten nicht anders als auf seinen Verstand und auf sein Herz mit ihrer vollen Kraft wirken, und jenem alles das Licht, so wie diesem alle die Rechtschaffenheit mittheilen, welche sie, vermöge der Natur der Sache, einer unverdorbenen Seele mittheilen müssen. Die Grundsätze —
I. Alle Menschen sind Brüder, und haben von Natur gleiche Bedürfnisse, gleiche Rechte und gleiche Pflichten;
II. Die wesentlichen Rechte der Menschheit können weder durch Zufall, noch Gewalt, noch Vertrag, noch Verzicht, noch Verjährung, sie können nur mit der menschlichen Natur verloren werden; und eben so gewiß läßt sich keine nothwendige noch zufällige Ursache denken, welche einem Menschen, unter was für Umständen er sich auch befinde, von seinen wesentlichen Pflichten loszählen könnte;
III. Ein jeder ist dem andern schuldig, was er in gleichen Umständen von ihm erwarten würde;
IV. Kein Mensch hat ein Recht, den andern zu seinem Sklaven zu machen;
V. Gewalt und Stärke gibt kein Recht, die Schwachen zu unterwerfen, sondern legt ihren Besitzern bloß die natürliche Pflicht auf, sie zu bespritzen;
VI. Ein jeder Mensch hat, um einen gerechten Anspruch an Wohlwollen, Mitleiden und Hülfe von Seiten eines jeden Menschen zu haben, keinen andern Titel vonnöthen, als daß er ein Mensch ist;
VII. Der Mensch, welcher von andern verlangen wollte, daß sie ihn köstlich nähren und kleiden, — mit einer prächtigen Wohnung und allen ersinnlichen Bequemlichkeiten versehen, —ihm, auf Unkosten ihrer Ruhe, Bequemlichkeit und Nothdurft, alles nur mögliche Vergnügen gewähren, — unaufhörlich arbeiten um ihn aller Bemühung zu überheben, — sich bloß mit dem Unentbehrlichen behelfen, damit er seine üppigsten Begierden bis zur Ausschweifung befriedigen könne, —kurz, daß sie nur für ihn leben, und, um ihm alle diese Vortheile zu erhalten, jeden Augenblick bereit seyn sollten, sich allen Arten des Ungemachs und Elends, dem Hunger und dem Durst, dem Frost und der Hitze, der Verstümmelung ihrer Gliedmaßen und den schrecklichsten Gestalten des Todes für ihn auszusetzen — der einzelne Mensch, der an zwanzig Millionen Menschen eine solche Forderung machen wollte, ohne sich schuldig zu halten, ihnen sehr große und mit solchen Diensten in gehörigem Ebenmaße stehende Gegendienste dafür zu leisten, — wäre ein Wahnsinniger, und müßte seine Forderungen an Leute machen, die es noch mehr als er selbst wären, wenn er Gehör finden sollte.
Diese und tausend andre Sätze, welche sich aus ihnen ableiten lassen, fand der junge Tifan gleichsam mit der eigenen Hand der Natur in seine Seele geschrieben. Es waren eben so viele Gefühle, welche ihn der weise Dschengis in Grundsätze verwandeln lehrte, deren überzeugender Kraft seine Vernunft eben so wenig widerstehen konnte, als es in seiner Willkür stand, den Tag für Nacht, oder warm für kalt zu halten. Er fand keine Vorurtheile in seinem Gemüthe, welche der vollen Wirkung dieser Wahrheiten entgegen gearbeitet hätten. Alles was ihn umgab, weit entfernt sie zu bestreiten und auszulöschen, erläuterte und bestätigte sie: und da sich Dschengis sorgfältig hütete, ihm die unselige und hassenswürdige Nachricht zu geben, "daß der größte Theil der Menschen, durch eine beinahe unbegreifliche Verderbniß des Verstandes und Willens, von jeher so gehandelt und sich so habe behandeln lassen, als ob das Gegentheil aller dieser Wahrheiten wahr wäre," so gewöhnte sich seine Seele dergestalt an diese Art zu denken, daß ihm diejenige, welche damals am Hofe zu Scheschian herrschte, eben so widersinnig und ungeheuer vorgekommen wäre, als wenn ihm jemand hätte zumuthen wollen, den Schnee für schwarz anzusehen, oder sich von der Mittagssonne in einem glühenden Ofen abzukühlen.
Er war schon achtzehn Jahre alt, eh' er noch einen Begriff davon hatte, daß man anders denken könne, als die Natur und Dschengis ihn denken lehrte; eh' er wußte, was Mangel und Unterdrückung sey, oder sich die mindeste Vorstellung von einer erkünstelten und auf anderer Elend gebauten Glückseligkeit machen konnte. Dschengis hatte sein Gedächtniß mit einer Menge von Erzählungen und mit Liedern und Sprüchen aus den besten Dichtern in Scheschian angefüllt; aber diese Erzählungen schilderten lauter unschuldige Sitten; diese Lieder waren lauter Ergießungen eines unverdorbenen Herzens, diese Sprüche lauter Gesetze der Natur und der unverfälschten Vernunft; alles war des goldnen Alters würdig.Der junge Prinz hatte nun die Jahre erreicht, wo die Natur durch die Entwicklung des süßesten und mächtigsten aller unsrer Triebe gleichsam die letzte Hand an ihr Werk, an den Menschen legt, und, indem sie ihn durch das nämliche Mittel zum Urheber seiner eigenen Glückseligkeit und der Erhaltung seiner Gattung macht, ihn auf die überzeugendste Weise belehrt, sie habe sein besonderes Glück mit dem allgemeinen Besten dergestalt verwebt, daß es unmöglich sey, eines von dem andern abzulösen ohne beide zu zerstören. Die Liebe, — dieser bewundernswürdige Instinct, den die Natur zur stärksten Triebfeder der besondern und allgemeinen Glückseligkeit der Menschen bestimmt hat, — gesellt sich itzt auf einmal gleich einem himmlischen Genius zu ihm, um ihn auf den Weg seiner irdischen Bestimmung zu leiten, und diesen Weg nit Rosen zu bestreuen. Durch sie erhält er die ehrwürdigen Namen eines Ehegemahls und Vaters. Sie concentrit alle seine sympathetischen Neigungen in der Liebe zu einem Weibe, welches die Hälfte seines Selbst wird, und zu Kindern, in denen er dieß Selbst verjüngt und vervielfältiget sieht. Sie wird auf diese Weise die Stifterin der Familiengesellschaften, welche die Elemente der bürgerlichen sind, und von deren Beschaffenheit das Wohl eines Staates dergestalt abhängt, daß die Verblendung der Gesetzgeber, welche für dieses Institut der Natur weder so viel Ehrfurcht, als sie ihm schuldig waren, getragen, noch alle die Vortheile, die davon zu ziehen sind, daraus gezogen haben, unbegreiflich ist.Der tugendhafte und weise Dschengis kannte und ehrte die Natur. Mit Vergnügen sah er dem stufenweisen Fortgange der Neigung zu, welche die Schönheit und Unschuld einer jungen Schäferin, deren Eltern seine Nachbarn waren, dem jungen Prinzen eingeflößt hatte. Er besorgte nicht, daß sie seinem Pflegesohne im Wachsthum in jeder Tugend und Vollkommenheit seines künftigen Berufs hinderlich seyn würde; und der Gedanke, ihr deßwegen Einhalt zu thun, weil Tifan ein Prinz und Tili die Tochter eines gemeinen Landmannes war, konnte ihm um so weniger einfallen, weil die Könige von Scheschian sich allezeit mit Töchtern ihrer Unterthanen vermählt hatten. Tili war wirklich so liebenswürdig als es eine Tochter der Natur seyn kann. Eine besondere Sympathie, welche von ihrer Kindheit an sich zwischen ihnen geäußert hatte, schien der Beweis, daß sie bestimmt seyen eines durch das andere glücklich zu seyn. Dschengis unterließ nicht sich diese Stimmung seines Pflegesohns zu nutze zu machen, um die Früchte der eben so einfachen als erhabenen Philosophie, womit er seine Seele bisher genähret hatte, zur Reife zu bringen. Er entwickelte in freundschaftlichen Unterredungen die neuen Empfindungen des jungen Tifans; er zeigte ihm in denselben die Stimme der Natur, die ihn zur Erfüllung eines wichtigen Theils seiner Bestimmung rufe, und unterrichtete ihn in den ehrwürdigen und süßen Pflichten derselben. Tifan wurde Gemahl, ohne weniger Liebhaber zu seyn; er wurde Vater, und in dem Augenblicke, da er die ersten Früchte einer keuschen Liebe an seine Brust drückte, fühlte er, daß er, selbst in den Armen der schönen Tili, die süßeste Regung der Natur noch nicht gekannt hatte.Man hat längst bemerkt: der begeisterte Stand, in welchen eine schöne Seele durch die erste Liebe gesetzt wird, erhöhe sie in jeder Betrachtung weit über das, was ein Mensch gewöhnlicherweise ist; und es scheint, daß einige Weise des Alterthums eben dadurch bewogen wurden, in der Liebe eine Art von Genius zu sehen, durch welchen gleichsam neue Sinne für das Schöne und Gute in der Seele eröffnet, und eine Art von unmittelbarer Gemeinschaft zwischen ihr, und allem was göttlich ist, hergestellt werde. Dieß wenigstens scheint gewiß zu seyn, daß wir in dieser Art von Bezauberung eine größere Empfindlichkeit für alles Schöne, eine größere Leichtigkeit jede Tugend auszuüben, einen höhern Grad von allgemeiner Sympathie, einen mehr als gewöhnlichen Hang zu erhabnen, weit gränzenden und wunderbaren Ideen in uns erfahren; und daher scheint auch kein bequemerer Zeitpunkt zu seyn, um begeisternde Vorstellungen von dem höchsten Wesen in einer jungen Seele hervorzubringen, als eben dieser.Der weise Dschengis mußte diese Betrachtung gemacht haben; denn er wählte mit Vorsatz diese Zeit, um seinem Pflegesohn die geläuterten und erhabnen Empfindungen der Religion einzuflößen, welche er für nöthig hielt, um der Seele einen unbeweglichen Ruhepunkt, den Leidenschaften ein mächtiges Gegengewicht, und der Tugend die kräftigste Aufmunterung zu verschaffen. Die richtigsten Begriffe, welche wir aus der Quelle der Natur schöpfen können, sind ohne die Idee eines unendlich vollkommnen Urhebers und Vorstehers der Natur äußerst mangelhaft. Welch ein Unterschied zwischen dem engen Kreis, in welchen die thierische Sinnlichkeit eingeschlossen ist, und dem gränzenlosen All, in welches der erstaunte Geist hinaus sieht, sobald er einen Schöpfer der Welt erkennt, dessen wohlthätige Macht eben so unbegränzt ist als sein Verstand! Dschengis hegte von dem höchsten Wesen eben diese reinen Begriffe, welche die Weisen der ältesten Zeit einer langen Betrachtung der Natur und vielleicht einem unmittelbaren Umgange mit höhern Wesen zu danken hatten; Begriffe, die sich unter den Philosophen des östlichen Theils der Erde eine lange Zeit erhalten haben, und selbst durch alle Ungereimtheiten des Aberglaubens und des Götzendienstes nicht gänzlich ausgelöscht werden konnten.Das höchste Wesen, sagte Dschengis zu dem jungen Tifan, ist zwar den äußern körperlichen Sinnen, aber nicht dem Geist unsichtbar, der, sobald er reif genug worden ist, Ordnung und Zusammenstimmung, allgemeine Gesetze, wohlthätige Endzwecke und weislich gewählte Mittel in dem großen Schauplatze der Natur, der uns umgibt, wahrzunehmen, an dem Daseyn einer höchsten Weisheit und Güte, welche gleichsam die allgemeine Seele des Ganzen ist, eben so wenig als an dem Daseyn seiner eignen Seele, die ihm nicht sichtbarer ist als jene, zweifeln kann. Die Welt ist in allen ihren uns bekannten Theilen zu unvollkommen, um selbst das höchste Wesen zu seyn, und, im Ganzen betrachtet, zu groß und vortrefflich, um nicht das Werk eines höchstens Wesens zu seyn. Ist sie dieses, so ist unser Daseyn, so sind die Fähigkeiten zu empfinden, zu denken, zu handeln, und durch den rechten Gebrauch derselben in einem hohen Grade glücklich zu seyn; so sind die Beziehungen der ganzen Natur auf die Erhaltung, das Vergnügen und den Nutzen des Menschen, eben so viele unschätzbare Wohlthaten, welche wir dem Urheber der Welt zu danken haben; und so weiset uns das Verhältniß eines allgemeinen Wohlthäters den ersten Gesichtspunkt an, aus welchem wir das höchste Wesen zu betrachten haben.Die Erwägung der wunderbaren Ordnung, in welcher dieses aus einer so unendlichen Menge verschiedener Theile zusammengesetzte allgemeine Ganze erhalten wird, leitet uns auf den Begriff eines besondern Endzwecks für jede besondere Gattung, und eines allgemeinen Zwecks für das ganze System der Schöpfung. Diese Verbindung zu gemeinschaftlichen Zwecken führet uns auf die mannichfaltigen Verhältnisse der Wesen gegen einander, und aus beiden entwickelt sich der Begriff besonderer und allgemeiner Gesetze der Natur. Der Mensch, der auf dem besondern Schauplatz, auf den er sich gesetzt befindet, keine vollkommnere Gattung erblickt als seine eigene, sieht sich doch bei allen seinen Fähigkeiten und Vorzügen in einer unvermeidlichen Abhänglichkeit von allem was ihn umgibt. Die ganze Natur muß ihre Kräfte vereinigen, um ihn von Augenblick zu Augenblick im Daseyn zu erhalten; das elendste Insect, das kleinste Sandkorn ist vermögend ihn im Genuß seiner Glückseligkeit zu stören, ihn zu quälen, ja seinem Leben ein Ende zu machen. Es ist wahr, die ganze Natur ist ihm dienstbar: aber er muß sie gleichsam nöthigen, es zu seyn; und ohne seine Hände, ohne seinen Witz, ohne seinen unverdrossenen Fleiß, würde dieser Planet, der ihm zur Anbauung angewiesen ist, bald zu einer unwirthbaren Wildniß werden. Aber wie sollte der einzelne Mensch einem solchen Geschäfte gewachsen seyn? Es ist augenscheinlich, daß die ganze Gattung sich vereinigen muß, um ihre natürliche Herrschaft über den Erdboden zu behaupten, und daß ein jeder seine besondere Sicherheit, sein besonderes Wohlseyn, nur in dem vollkommensten und glücklichsten Zustande der ganzen Gattung findet. Daher diese allgemeinen Gesetze der menschlichen Natur, welche durch die Absonderung der Menschen in besondere Gesellschaften zwar verdunkelt und auf mannichfaltige Weise verfälscht worden sind, aber, so lange der Mensch kein Mittel findet sich eine andere Natur zu geben, nothwendig allgemein verbindliche Gesetze für die ganze Gattung bleiben. Ein sehr fühlbarer Beweis, daß sie es sind, liegt darin, weil die Menschen für jede Uebertretung dieser Gesetze durch die nothwendigen Folgen dieser Uebertretung gestraft, weil sie in eben dem Grade, wie sie den Pflichten der Natur untreu sind, unglücklich und elend werden. Diese Betrachtung zeigt das höchste Wesen aus einem neuen Gesichtspunkte. Der Urheber der Natur ist auch der Gesetzgeber der Natur; und eben dadurch, weil die Beobachtung oder Uebertretung seiner Verordnungen die unumgängliche Bedingung der Glückseligkeit oder des Elendes unsrer Gattung ist, "erkennen wir in seiner Gesetzgebung zugleich den Urheber der Natur, den Wohlthäter des Menschen und den vollkommensten Verstand."Aber auch hier steht die Vernunft noch nicht still. Der Mensch erfährt, mitten im Genuß derjenigen Glückseligkeit, welche ihm der weiseste Genuß der Dinge außer ihm geben kann, daß sie unfähig sind ihm die vollkommne Glückseligkeit zu geben, die er wünschet; und seine so oft betrogene Hoffnung erhebt ihre Augen endlich nach einem unvergänglichen Gute, nach demjenigen, welches das Urbild und die Quelle alles Schönen und Guten ist. In ihm glaubt sie das letzte Ziel aller ihrer Wünsche, und in der unmittelbaren Vereinigung mit ihm den höchsten Endzweck des Daseyns aller empfindenden Wesen zu sehen. Die Seele fühlt bei diesem großen Gedanken den Kreis ihrer Thätigkeit sich erweitern, und jenseits der Gränzen dieses Lebens (wovon immer nur der gegenwärtige Augenblick wirklich, der zukünftige ungewiß, und alles Vergangene Traum ist) entdeckt sich ihrem verlangenden Auge eine bessere Zukunft. Und so zeigt sich ihr das Wesen der Wesen aus einem dritten Gesichtspunkte, als das höchste Gut und letzte Ziel aller erschaffenen Geister.Jedes dieser Verhältnisse der Gottheit gegen die Menschen beweiset bis zum Augenschein, daß die Idee des unendlichen Geistes in dem innern System unsrer Seele eben das ist und seyn soll, was die Sonne in dem großen Kreise der Schöpfung, der uns umgibt; — daß sie es seyn soll, die der Seele Licht und Wärme gibt, um jede Tugend, jede Vollkommenheit hervorzutreiben und zur Reife zu bringen. Jener süße Zug der Sympathie, der uns geneigt macht, uns mit andern Geschöpfen zu erfreuen oder zu betrüben, wird nun etwas ganz anderes als an bloßer animalischer Trieb. Allgemeine Güte, zärtliche Theilnehmung an den Schicksalen der Wesen unsrer Gattung, sorgfältige Vermeidung alles Zusammenstoßes, wodurch wir ihre Ruhe, ihren Wohlstand verletzen würden, lebhafte Bestrebung ihr Bestes zu befördern und mit dem unsrigen zu vereinigen; — alles dieß, in dem Lichte betrachtet, welches die Idee der Gottheit über uns verbreitet, sind Gesetze des allmächtigen und wohlthätigen Beherrschers aller Welten; Gesetze, von deren Verbindlichkeit uns nichts loszählen kann; Gesetze, von deren Befolgung die Erfüllung des ganzen Endzwecks unsers Daseyns abhängt.So waren die Begriffe von Religion beschaffen, welche der weise Dschengis in der Seele des jungen Tifan entwickelte, und solchen Begriffen entsprach der Unterricht, den er ihm von dem Dienste des höchsten Wesens gab. Dankbarer Genuß seiner Wohlthaten, und aufrichtiger Gehorsam gegen seine Gesetze, sagte Dschengis, sind der einzige wahre Dienst, den wir einem Wesen leisten können, das unser bloß insofern bedarf, insofern es uns zu Werkzeugen seiner großen wohlthätigen Absichten erschaffen hat.Bewundern Sie nicht auch die mannichfaltigen Gaben unsres Freundes Danischmend? sagte Schach-Gebal zu der schönen Nurmahal. Ich sehe, daß er im Nothfall einen so guten Iman abgeben könnte, als vielleicht jemals einer am Hofe eines Sultans gewesen ist. Aber für heute lass' es immer genug seyn, Danischmend; und das nächstemal, wenn von deinem Tifan wieder die Rede seyn wird, erinnere dich, daß du mir einen Gefallen erweisen würdest, sobald als möglich auf die Hauptsache zu kommen.

7.

So viel ich mich von allem, was du uns mit deiner gewöhnlichen Weitläuftigkeit von der Erziehung des jungen Tifans erzählt hast, erinnern kann (sagte Schach-Gebal, als Danischmend sich zu gewöhnlicher Zeit anschickte seine Erzählung fortzusetzen), so mag unter den Händen des ehrlichen Dschengis eine ganz gute Art von Jungen aus ihm geworden seyn; aber noch sehe ich, mit deiner Erlaubniß, nicht, wie er dadurch der große König werden konnte, den du uns erwarten gemacht hast.Sire, versetzte Danischmend, alles warum ich Ihre Hoheit bitte, ist noch ein wenig Geduld zu haben, und ich bin überzeugt, es wird Ihnen in wenig Tagen kein Zweifel tiber diesen Punkt übrig bleiben.Die Größe und Erhabenheit, wozu Dschengis die Begriffe seines Lehrlings emporzutreiben sich bemüht hatte, machten es nothwendig, daß er ihm zu gleicher Zeit eine vollständige Kenntniß von dem gesellschaftlichen Leben, von dem was man einen Staat nennt, und von der Einrichtung, Polizei und Verwaltung desselben geben mußte. Er that es: und nachdem er dem jungen Tifan gezeigt hatte, wie dieser Erdball, vermöge der richtigen Begriffe von der Natur und Bestimmung des Menschen, aussehen und regiert seyn sollte, so machte er ihm nach und nach begreiflich, wie es zugehen könnte, daß alles ganz anders wäre als es seyn sollte. Von dem anschauenden Begriffe der kleinen Colonie, in welcher er aufgewachsen war, brachte er ihn stufenweise bis zu dem verwickelten Begriff einer großen Monarchie, von dem ländlichen Hausvater bis zu dem großen Hausvater von Scheschian. Der Prinz folgte ihm in allen diesen Erörterungen ohne sonderliche Mühe. Aber desto größere Schwierigkeit hatte es, ihm begreiflich zu machen, wie aus dem allgemeinen Vater einer Nation ein willkürlich gebietende Herr, und aus diesem Herrn, mit einer kleinen Veränderung, ein Tyrann habe werden können.Der junge Prinz erschrack nicht wenig, wie er vernahm, daß die schönen Ideen von unschuldigen Menschen und goldnen Zeiten, die mit ihm aufgewachsen waren, nur goldne Träume seyen, aus denen ihn eine kleine Reise durch die Welt auf eine sehr unangenehme Art erwecken würde.Sein Verlangen eine Reise, welche ihn so viel Neues lehren würde, zu machen, nahm mit der heftigsten Begierde, allen Drangsalen seiner Mitgeschöpfe abzuhelfen, täglich zu; und Dschengis trug um so weniger Bedenken, seinem Verlangen nachzugeben, je nothwendiger es war, ihm eine ausführliche und anschauende Kenntniß von allen den Mißbräuchen, Unordnungen und daher erwachsenden Uebeln zu verschaffen, welchen (wenigstens in einem beträchtlichen Theile des Erdbodens) ein Ende zu machen seine große Bestimmung war. Ueberdieß hatten die gesunden Grundsätze seiner Erziehung zu tiefe Wurzeln in seiner Seele gefaßt, als daß von der Ansteckung der Welt etwas für ihn hätte zu besorgen seyn sollen. Im Gegentheil erwartete er, daß der Anblick alles des mannichfaltigen Elends, welches sich die Menschen durch Entfernung von den Gesetzen der Natur zugezogen haben, den jungen Tifan von der unumgänglichen Nothwendigkeit ihrer Befolgung nur desto lebhafter überzeugen werde.So viel Mühe Tifan hatte, sich von seiner Geliebten und von seinem kleinen Sohne loszureißen, so überwältigte doch die Ungeduld seiner Neugier, die Welt besser kennen zu lernen, die zärtlichen Regungen der Natur. Er entfernte sich also zum erstenmal von den friedsamen Hütten, worin er, der Welt unbekannt, die glückliche Einfalt seiner Jugend verlebt hatte, und durchwanderte in der Gesellschaft des getreuen Dschengis drei Jahre lang einen großen Theil von Asien. Er lernte die Natur unter tausend neuen Gestalten kennen, und erstaunte über die mannichfaltigen Wunder, wodurch die Kunst sie nachzuahmen, ja selbst zu übertreffen und zu verbessern sucht. Aber er erstaunte noch mehr, wie er sah, daß der elende Zustand der Völker durchgehends desto größer war, je mehr Natur und Kunst sich zu vereinigen schienen sie glücklich zu machen. Die schönsten und fruchtbarsten Provinzen waren immer diejenigen, in welchen das Volk auf die unbarmherzigste Weise unterdrückt wurde. Tifan sah mit Entsetzen Könige, welche das Vermögen ihrer Unterthanen wie einen dem Feind abgesagten Raub in den ungeheuersten Ausschweifungen der Ueppigkeit verpraßten; Könige, welche das kostbare Blut der Menschen in muthwilligen Kriegen verschwendeten, und sechs blühende Provinzen zu Einöden verwüsteten, um die siebente zu erobern, deren Behauptung es ihnen unmöglich machte, ihren Völkern die Vortheile des Friedens jemals auf zehn Jahre zu versichern. Er sah Könige, welche, aus tiefer Untüchtigkeit zu allen ihren Pflichten, die Verwaltung des Staats Kebsweibern und Günstlingen überlassen mußten, und, während daß sie ihr unrühmliches Leben in Müßiggang und sinnlichen Wollüsten verträumten, sich nicht schämten, von hungrigen oder raubgierigen Schmeichlern mit den besten unter den Fürsten, ja mit der Gottheit selbst sich vergleichen zu lassen. Er sah kleine Rajas, die ihre Unterthanen und sich selbst zu Bettlern machten, um sich eine Zeit lang, unter dem allgemeinen Naserümpfen der Welt, das lächerliche Ansehen zu geben, mit den größten Monarchen Asiens in die Wette geschimmert zu haben. Er sah einen sehr guten, sehr liebenswürdigen Fürsten das Unglück seiner Staaten bloß dadurch vollkommen machen, weil ihm sein böser Genius ein allgemeines Mißtrauen gegen alles was ihn umgab eingeflößt hatte. Kurz, er lernte die Sultanen, Visire, Omras, Mandarinen, Mollas, Derwischen und Bonzen seiner Zeit kennen, und verwunderte sich nun nicht mehr, warum er den größten Theil von Asien in einem Verfall sah, welcher einen baldigen allgemeinen Umsturz ankündigte. Bei allem dem machte er tausend nützliche Beobachtungen, und hier und da, oft unter einem unscheinbaren Dache, die Bekanntschaft eines weisen und rechtschaffenen Mannes, oder eines unbekannten und unbenützten Talents. Dschengis ließ keine Gelegenheit vorbei, wo er ihn die Anwendung seiner Grundsätze zu machen lehren konnte. Er führte ihn allenthalben von den äußerlichen Zufällen auf die Quelle des Uebels, und zeigte ihm, wie vergebens man jenen abzuhelfen sucht, so lange diese nicht verstopft ist, oder —welches der Fall vieler Staaten ist — nicht verstopft werden kann. Er zeigte ihm durch Beispiele, welche desto lehrreicher seyn mußten weil sie unmittelbar unter ihren Augen lagen, daß nichts einfacher sey als die Kunst weislich zu regieren, und daß es weniger Mühe koste, ein Volk geradezu glücklich zu machen, als es, durch tausend krumme Wege, mit einigem Schein von Recht und Billigkeit zu Grunde zu richten. Er zeigte ihm, daß überall, wo das Volk unterdrückt und der Staat übel verwaltet wurde, der Fürst selbst, von rastloser Gemüthsunruhe herumgetrieben, von tausend Besorgnissen geängstiget, von allen Seiten mit Schwierigkeiten umringt, zu einer schimpflichen Abhänglichkeit von der eigennützigen Treue und den schelmischen Ränken der ntchtswürdigsten seiner Sklaven verurtheilt, belastet mit dem Hasse seiner Unterthanen und mit der Verachtung der Welt, — unter allen Unglücklichen, die er machte, selbst der Unglücklichste war. Kurz, diese Reise wurde für den jungen Tifan eine Schule, worin er sich, ohne es selbst zu wissen, zum künftigen Regenten ausbildete; und (was hierbei nicht das unbeträchtltchste ist) eine Reise, welche für ihn so lehrreich und für Scheschian so nützlich war, kostete in drei ganzen Jahren kaum so viel, als alle die Kebsweiber, Mohren, Gaukler und Elephanten, welche den König von Siam von einem seiner Landhäuser zum andern begleiten, in acht Tagen aufzuzehren pflegen.Hier unterbricht sich der Sinesische Autor, dem wir folgen, selbst, um uns zu sagen, daß die Reisen des Prinzen Tifan eine Unterredung zwischen dem Sultan Gebal, der schönen Nurmahal und dem Philosophen Danischmend über die Reisen junger Fürsten veranlaßt habe, welche er, da die Sinesischen Prinzen, einem uralten Herkommen zufolge, niemals außer Landes zu reisen pflegten, zu übersetzen für überflüssig erachtet habe. Alles was er uns davon meldet, ist — daß, nachdem Schach-Gebal sich, aus vielen Gründen, sehr ernstlich gegen dergleichen fürstliche Wanderungen erklärt, und bei dieser Gelegenheit seiner Galle durch ziemlich bittre Spöttereien über gewisse Könige seiner Zeit Luft gemacht, welche ihre Blödigkeit und ihre schlechte Erziehung mit ungeheuern Kosten in den vornehmsten Reichen Asiens Schau getragen — Danischmend, als ob er plötzlich aus einem Traum erwache, an den Sultan seinen Herrn sich gewendet, und gesagt habe: aber was würden Ihre Hoheit von einem großen Fürsten sagen, der den Muth hätte, den Ergötzungen seines Hofes, den Reizungen der Jugend und der Allgewalt, und dem wollüstigen Müßiggange, worin junge Fürsten die schönste Zeit des Lebens zu verlieren pflegen, sich zu entreißen, und, in Gestalt eines Privatmannes, weitläuftige und beschwerdenvolle Reisen zu unternehmen — um weiser und besser zu werden, um die Menschen, die ein Fürst gewöhnlicher Weise nie anders als in Masken sieht, in ihrer natürlichen Gestalt kennen zu lernen, — und um selbst des Vergnügens, ein Mensch zu seyn, und seiner persönlichen Eigenschaften wegen geliebt zu werden, ungestörter und vollkommner genießen zu können? Was würden Sie sagen, wenn dieser Fürst, in Begleitung weniger Freunde, ohne Pracht, ohne Aufwand, ohne den zwanzigsten Theil des Geschleppes, welches die Großen gewöhnlich nach sich zu ziehen pflegen, in allen seinen Staaten herumreisete, überall selbst sich erkundigte, wie die Gesetze beobachtet, wie das Recht gehandhabet, wie die Staatswirthschaft bestellt würde; die Beschwerden eines jeden, der sich an ihn wendete, selbst anhörte, und durch seine Leutseligkeit jedermann zu gleichem Vertrauen einlüde; bei den prächtigen Schlössern seiner Omras, wo jedes Vergnügen ihn erwartete, vorbei eilte, um rauhe Gebirge zu besteigen, oder durch unwegsame schneebedeckte Wälder in die armseligen Hütten der Dürftigkeit hinein zu kriechen, und beim Anblick des elenden Brodes, dessen nur genug zu haben ein Theil seiner nützlichsten Unterthanen sich glücklich achten würde, Thränen der Menschlichkeit zu weinen? Und was würden Ihre Hoheit sagen, wenn dieser liebenswürdigste unter den Fürsten, gleich einer zu den Menschen herabgestiegenen Gottheit, jeden seiner Tritte mit Wohlthaten bezeichnete, und bei jedem seiner Blicke irgend ein Mißbrauch abgestellt, irgend ein Gebrechen verbessert, eine Uebelthat bestraft, ein Verdienst aufgemuntert würde? —Danischmend, Danischmend! (rief der Sultan) was ich sagen würde? —Ich würde —Hier hielt Seine Hoheit eine ziemliche Weile ein, und der schönen Nurmahal pochte das Herz vor Furcht für den ehrlichen, wohlmeinenden, aber, in der That, gar zu unbedachtsamen Danischmend —Ich würde sagen, fuhr der Sultan endlich fort, daß du mir den großen Fürsten auf der Stelle nennen sollst, der dieß alles gethan hat.Sire, antwortete Danischmend ganz demüthig, ich gestehe freimüthig, daß ich, wofern Ihre Hoheit sich nicht entschließen es selbst zu seyn, weder unter Ihren Vorgängern noch unter Ihren Zeitgenossen einen kenne, der dieß alles gethan hätte. Aber mein Herz sagt mir, daß die Idee eines solchen Fürsten, die ich in diesem Augenblick, wie durch eine Art von Eingebung, auf einmal in meiner Seele fand, kein Hirngespinnst ist. Er wird kommen, und sollt' es auch erst in vielen Jahrhunderten seyn; ganz gewiß wird er kommen, um zu gleicher Zeit die Ehre der Vorsehung, der Menschheit und des Fürstenstandes zu retten, und der Trost eines unglücklichen Zeitalters, das Vorbild der Könige, und die Liebe und Wonne aller Menschen zu seyn.Gute Nacht, Danischmend, sagte der Sultan lächelnd: ich sehe du rappelst. Unser Prophet befiehlt uns, Leute in deinen Umständen mit Ehrerbietung anzusehen; aber gleichwohl könnte, däucht mich, eine Prise Niesewurz nicht schaden, Freund Danischmend!
—————

8.

Ungeachtet der launischen Art, wie Schach-Gebal seinen sogenannten Freund Danischmend zu Bette geschickt hatte, fand er doch so viel Belieben an der Unterhaltung, die ihm die Scheschianische Geschichte gab, daß er die Zeit, die dazu ausgesetzt war, dießmal gegen seine Gewohnheit beschleunigte, weil er neugierig war zu hören, wie Danischmend es anfangen würde, um aus dem jungen Tifan einen so großen König zu machen als er versprochen hatte. Danischmend fuhr also in seiner Erzählung fort, wie folgt.Der junge Tifan hatte auf seiner dreijährigen Reise viel gelernt; denn er kannte nun die Menschen wie sie sind; und die Festigkeit, zu welcher, ehe sich Dschengis mit ihm in die Welt hinauswagte, seine aus der Natur eingesogenen Grundsätze gelanget waren, sicherte seinen Kopf und sein Herz gegen alle die schädlichen Eindrücke, welche gewöhnlich die Folgen des Contrastes zwischen dem was ist, und dem was seyn sollte, in jungen Gemüthern zu seyn pflegen. Er überzeugte sich bis zum innigsten Gefühl, daß die Menschen Unrecht hätten, so zu seyn wie sie sind."Wenn man ihnen, sagte er zu seinem Mentor, den Vorzug der Vernunft vor den übrigen Thieren nicht absprechen kann, so muß man doch gestehen, daß sie sich derselben so schlecht bedienen, daß es beinahe besser für sie wäre, dieses gefährlichen Vorzuges gar zu ermangeln. Denn welches Thier ist nicht in seiner Art weniger elend als der Mensch? Sie sind weise in Kleinigkeiten, und Thoren in Sachen wovon das Glück ihres Lebens abhängt; sinnreich, wo es darum zu thun ist sich selbst zu hintergehen, und blöde genug sich von andern mit offnen Augen betrügen zu lassen. Sie könnten frei seyn, sind geboren es zu seyn, beweisen sich's selbst daß Freiheit eine unentbehrliche Bedingung zur Glückseligkeit und Vollkommenheit vernünftiger Wesen sey; und sind bei allem dem Sklaven, sind es so sehr, daß sogar unter zwanzig unumschränkten Sultanen kaum einer sich erwehren kann, der Knecht seiner Weiber, oder desjenigen der ihm seine Weiber hütet, oder irgend eines andern noch verächtlichern Geschöpfes zu seyn."Wohl beobachtet, Tifan! rief der Sultan Gebal, weil ihm in diesem Augenblick ein paar Sultanen einfielen, die das Unglück hatten sich in diesem Falle zu befinden, und weil Seine Hoheit über dem Vergnügen, in eben diesem Augenblicke über allen solchen Schwachheiten emporzuschwimmen, sich nicht erinnerte wie oft in seinem Leben dieß auch sein eigener Fall gewesen war."Die Freiheit (fuhr Tifan fort), womit sich die Menschen so viel wissen, ist so wenig für sie gemacht, daß sie, sobald sie Mittel finden, sich ihrer zu bemächtigen, ein so kostbares Gut zu nichts zu gebrauchen wissen, als sich selbst und andern Schaden damit zu thun. Die einzigen freien Menschen, die wir auf unsrer Reise gesehen haben, waren Räuber oder herumstreichende Bonzen. — Eben so widersinnig gehen sie mit den Gesetzen um, von welchen sie zu glauben vorgeben, daß ohne sie keine Ordnung, keine Sittlichkeit, kein besonderer noch allgemeiner Wohlstand möglich sey. In allen Staaten, die wir gesehen haben, fanden wir die kleinere Zahl einzig bemüht, die Gesetze zu durchbrechen, und die größere, unbemerkt unter ihnen wegzuschlüpfen. Die Religion, hörten wir sagen, ist das Ehrwürdigste, das Beste, was der Himmel den Sterblichen geben konnte; aber mir däucht, sie spielen mit ihrer Religion, wie sie mit ihren Gesetzen spielen. Unter allen diesen unzählbaren Braminen und Bonzen, wovon wir die Länder um den Indus und Ganges wimmeln sahen, mögen wohl einige sehr ehrwürdige Personen seyn; aber die meisten widerlegen ihre Lehren so augenscheinlich durch ihre Handlungen, daß man keine andre Wahl hat, als sie entweder für wissentliche Betrüger, oder für Unsinnige zu halten, die das Gift selbst verschlucken, vor welchem sie andre warnen."Von welcher Seite ich die Menschen ansehe, finde ich sie in Widerspruch mit sich selbst; und immer machen sie von dem, wodurch sie besser und glücklicher werden könnten, einen so ungeschickten oder unbescheidenen Gebrauch, daß es in ihren Händen ein Werkzeug ihres Elendes wird. Sie stellen sich als ob sie die sinnlichen Wollüste verachteten, und überfüllen sich damit so oft sie nur können. Die Tugend, sagen sie, ist des Menschen höchstes Gut; und bei jeder Gelegenheit verkaufen sie ihr höchstes Gut um — verächtlichen Gewinnst, oder um einen angenehmen Augenblick. Sie haben sich um ihrer Sicherheit willen in große Gesellschaften vereiniget; und verlieren in ihnen unvermerkt alles das was sie in Sicherheit bringen wollen. Sie schmeicheln sich, die Herren der übrigen Geschöpfe zu seyn; alle Elemente sind uns dienstbar, sagen sie, die Welt ist unser: und unter jeder Million dieser Herren der Welt sind wenigstens neunmalhunderttausend, welche ihren Antheil an diesem prächtigen Titel um den Zustand der Elephanten des Königs von Siam gern vertauschen würden."Was soll man von einer so seltsamen Gattung von Geschöpfen denken? Liegt ihre Aehnlichkeit mit den unschuldigen und gutartigen Menschen, unter welchen ich aufgewachsen bin, nur in der äußerlichen Gestalt? Oder wie war es möglich von ihrer ursprünglichen Natur so sehr abzuarten? Was nützen ihnen alle ihre vermeinten Verbesserungen des natürlichen Zustandes, ihre Gesetze, ihre Polizei, ihre Künste, wenn sie nur desto unglücklicher sind, je mehr sie Mittel zum glücklichen Leben haben?"Der Mensch, antwortete Dschengis, kommt unvollendet, aber mit einer Anlage zu bewundernswürdigen Vollkommenheiten aus den Händen der Natur. Die nämliche Bildsamkeit macht ihn gleich fähig, sich die Form eines Gottes — oder die Mißgestalt eines Ungeheuers aufdrücken zu lassen. Alles hängt von den Umständen ab, in welche er beim Eintritt in die Welt versetzt wurde, und von den Eindrücken, die sein wächsernes Gehirn in der ersten Jugend empfing. Bleibt er sich selbst überlassen, so wachsen seine Neigungen in wilder Ueppigkeit mit ihm auf, und seine edelsten Kräfte bleiben unentwickelt. Lebt er in Gesellschaft, so nimmt er unvermerkt die Sprache, die Manieren, die Sitten, die Meinungen, das Interesse und den Geist der besondern Gesellschaft an, die ihn umgibt; und so verbreitet sich das Gift der physischen und sittlichen Verderbniß, wenn es einmal den Zugang in diese Gesellschaft gefunden hat, unvermerkt durch die ganze Masse aus. Der Mensch wird gut oder schlimm, aufrichtig oder falsch, sanft oder ungestüm, blödsinnig oder witzig, träg oder thätig, je nachdem es diejenigen sind, von welchen er sich immer umgeben sieht. Und wiewohl keiner ist, der nicht etwas von der besondern Anlage zu einem eigenthümlichen Charakter, womit ihn die Natur gestempelt hat, beibehielte, so dient doch dieß in großen Gesellschaften meistens nur die Anzahl der übelgebildeten und grotesken sittlichen Formen zu vermehren. Je größer diese Gesellschaften und je größer die Menge der kleinern ist, aus welchen sie, wie die Cirkel in dem Weltsystem unsrer Sternseher, zusammengesetzt sind, je mehr diese verschiedenen kleinen Kreise einander drücken und pressen, je häufiger die Leidenschaften, Vortheile und Ansprüche in diesem allgemeinen Gewimmel aneinander stoßen; je mehr geht von der ursprünglichen Gestalt des Menschen verloren. Eine sehr kleine und von der übrigen Welt abgeschnittene Gesellschaft erhält sich ohne Mühe bei der angebornen Einfalt und Güte der Natur. Hingegen ist es eine schlechterdings unmögliche Sache, daß etliche Millionen, welche zusammen in Einem Staate von mäßiger Größe, oder etliche Hunderttausend, welche in Einer Stadt zusammengedrängt leben, einander nicht in ziemlich kurzer Zeit sehr verderben sollten, wofern der Gesetzgeber nicht ganz besondere Sorge getragen hat, dem Uebel des Zusammenstoßes der Interessen, und dem noch größern Uebel der sittlichen Ansteckung durch weise Einrichtungen zuvorzukommen.Und wie könnte dies geschehen? fragte Tifan.Durch eine sehr einfache Veranstaltung, antwortete Dschengis. Es geschieht, indem man verhindert, daß die Hauptstadt eines ganzen Reiches zu keiner übermäßigen Größe anwächst; indem man die Stände, deren Unterschied aus der Natur der bürgerlichen Gesellschaft entspringt, wohl von einander absondert, und dafür sorget, daß jeder Ursache habe, mit dem seinigen zufrieden genug zu seyn, um zu den höhern ohne Neid hinauszusehen; indem man allen Ursachen einer allzugroßen Ungleichheit zuvorzukommen oder doch zu wehren sucht; und, was das wichtigste ist, indem man die Vermehrung der Einwohner auf alle nur ersinnliche Weise zu befördern, hingegen Müßiggang, Ueppigkeit und allzugroße Verfeinerung des Geschmacks und der Lebensart eben so eifrig zu verhindern bemüht ist.Aber (wendete Tifan ein) wenn die Menschen desto mehr zur Verderbniß geneigt werden, je zahlreicher sie sind, wie kann die möglichste Bevölkerung des Staats unter die Mittel gegen die Verderbniß gehören?Nicht die Menge der Bürger an sich selbst (erwiederte Dschengis), sondern die allzugroße Verwicklung ihrer Interessen, der häufige und starke Zusammenstoß ihrer Forderungen, die verhältnißwidrige Ungleichheit unter den Ständen sowohl, als unter den Gliedern des nämlichen Standes, und die übermäßige Bevölkerung einer einzigen Hauptstadt und Provinz auf Unkosten der übrigen — sind die Ursachen dieser allzugroßen Gährung, welche den Staat zur Fäulniß geneigt macht. Ein zahlreicher Adel von mittelmäßigem Vermögen ist einem großen Reiche eben so nützlich, als ihm der unmäßige Reichthum einiger wenigen und die Armuth der meisten übrigen schädlich ist. Ebenso zieht der Staat viel mehr Vortheile davon, wenn ein Vermögen von zehn Millionen unter hundert Handelsleute vertheilt, als wenn es in den Händen eines einzigen ist; und eine Million arbeitsamer Leute, welche Mühe haben das Nothwendige zu erwerben, sind dem gemeinen Wesen nützlicher als hunderttausend, welche im Ueberfluß leben. In einem großen und von der Natur reichlich begabten Staate, wie Scheschian z. B., können, wenn er wohl organisirt ist, schwerlich zu viel Menschen seyn. Alles kommt darauf an, sie gehörig zu vertheilen, und durch Unterhaltung eines Kreislaufs, der jedem Theile seine erforderliche Nahrung zuführt, zu verhindern, daß kein Theil auf Unkosten der übrigen zu einer verhältnißwidrigen Größe anschwelle.Unter tausend solchen Gesprächen, welche, so nützlich sie für den jungen Tifan waren, Seiner Hoheit nicht anders als lange Weile machen konnten — weiß der Himmel, rief der Sultan gähnend — kamen Tifan und Dschengis in Scheschian an, wo nach dem Entwurfe des weisen Alten ihre Wanderungen sich endigen sollten. Die unglücklichen Folgen der tyrannischen Regierung Jsfandiars hatten damals eben ihre höchste Stufe erreicht. Tifan, so viel Mißbräuche, so viel Thorheit, so viel Ungerechtigkeit er auch in andern Ländern gesehen hatte, konnte sich kaum aus der Bestürzung erholen, in welche ihn der elende Zustand von Scheschian setzte. Sein Begleiter versäumte nichts, ihm den ausführlichsten und vollständigsten Begriff davon zu verschaffen. Er führte ihn von Provinz zu Provinz; er zeigte ihm den gegenwärtigen Verfall; er machte ihm begreiflich, in welchem blühenden Zustande sich jede, nach Verhältniß ihrer natürlichen Beschaffenheit, Lage und Beziehung auf die übrigen, unter einer weisen Staatsverwaltung hätte befinden können; und entwickelte den Zusammenhang der Ursachen, welche dieses große Reich in allen seinen Theilen zu Grunde gerichtet hatten. Bei dieser Gelegenheit erzählte er ihm die wichtigsten Veränderungen, welche es seit einigen Jahrhunderten erlitten hatte, schilderte den Geist der verschiedenen Regierungen, und zeichnete die wichtigsten Fehler aus, welche seit den Zeiten der Königin Lili gemacht worden waren. Er zeigte ihm, wie leicht es gewesen wäre jedem Mißbrauche zu rechter Zeit abzuhelfen; wie natürlich es zugehe, daß diese Mißbräuche durch den Aufschub der schicklichsten Hülfsmittel endlich unverbesserlich werden; und wie unvermeidlich der Untergang auch des mächtigsten Staates sey, wenn der Luxus seinem eigenen Lauf überlassen, und den verderblichen Folgen desselben nicht eher, als bis sie die Eingeweide des Staats angefressen haben, und auch alsdann nicht anders als durch hitzige Mittel und gewaltsame Operationen, begegnet werde.Hier unterbrach Schach-Gebal die Erzählung durch einen Einwurf, der vermuthlich auch auf der Zunge mancher Leser schwebt. Alles dieß, sagte er, ist ganz gut; aber ich begreife doch nicht recht, wie der ehrliche Tifan, der von seiner Geburt und vermuthlichen Bestimmung nichts wußte, alle diese politischen Untersuchungen interessant genug, und überhaupt wie er begreiflich finden konnte, daß Dschengis sich so viele Mühe gab, ihn aus einem Bauer zu einem Staatsmann umzubilden.Ich gestehe, sagte Danischmend, daß ich diesem Einwurfe hätte zuvorkommen sollen. Tifan zeigte von seiner ersten Jugend an ungewöhnliche Fähigkeiten. Eine glückliche Empfindlichkeit entwickelte frühzeitig alle Kräfte seiner Seele. Sein Verstand kam den Unterweisungen seines Lehrmeisters auf halbem Wege entgegen. Sein Herz war zur Dankbarkeit, zur Freundschaft und zum Wohlthun aufgelegt. Immer empfand er die Freude oder die Schmerzen derjenigen, die er liebte, stärker als seine eigenen. Er kannte keine süßern Augenblicke als diejenigen, worin er ihnen Vergnügen machen, oder irgend eine Unlust von ihnen entfernen konnte. Mit einer solchen Seele fühlt man, sobald man einige Kenntniß der Welt erlangt hat, einen innerlichen Beruf zu der edelsten Art von Thätigkeit. Ich glaube schon bemerkt zu haben, daß der junge Tifan, von der Stunde an, da ihm Dschengis einen Begriff von dem wirklichen Zustande der menschlichen Gattung gegeben hatte, den Geschmack an seinem eigenen Glücke verlor, und vor Begierde brannte, dem Elende seiner Mitgeschöpfe abzuhelfen: — einer Begierde, die in gewissem Sinn etwas Romanhaftes hat, aber demungeachtet die Leidenschaft großer Seelen und die Mutter der schönsten Thaten ist. Dschengis bediente sich dieser Augenblicke, den Prinzen zur künftigen Entdeckung seines Standes vorzubereiten. Er machte ihm Hoffnung, daß er vielleicht bestimmt seyn könnte, seines Wunsches in einem höhern Grade, als er nach seinen itzigen Umständen hoffen dürfte, gewähret zu werden; und bestätigte diese Hoffnung durch eine Menge von Beispielen großer Männer, welche aus der Dunkelheit hervorgegangen waren, um Wohlthäter des menschlichen Geschlechtes zu werden. Die edlen Triebe, die du in dir fühlst, sagte er zu ihm, sind ein angeborner Beruf zu einer erhabenen und wohlthätigen Bestimmung. Vielleicht hat die Vorsehung dich zum Werkzeuge großer Dinge ausersehen. Ist dieß ihre Absicht, so wird sie uns Wege dazu eröffnen, von welchen wir uns itzt nichts träumen lassen. Dermalen kommt alles darauf an, daß wir nichts unterlassen was von uns abhängt. Bemühe dich, mein lieber Tifan, die Kenntnisse, die Geschicklichkeiten, die Tugenden zu erwerben, die eine solche Bestimmung voraussetzt; das Uebrige ist die Sache des Himmels.Tifan kann also, da er seine Reisen unternahm, als ein junger Mensch betrachtet werden, der eine zwar noch unbestimmte aber doch entschlossene Neigung in sich fühlt, irgend eine edle Rolle auf dem Schauplatze da Welt zu spielen; und so ist, wie mich däucht, der Einwurf gehoben, den Ihre Hoheit gegen die Schicklichkeit der politischen Erziehung meines jungen Helden zu machen geruht haben.Aufrichtig zu seyn, Danischmend, sagte der Sultan, alles was mich an der Sache verdrießt, ist daß ich nicht so glücklich war, in meiner Jugend einen Dschengis zu finden. Der arme Schach-Baham! Ihm kam es zu, einen solchen Mann für mich zu suchen. Aber es hätten zehntausend Dschengisse in Indostan leben können, ohne daß er einen einzigen von ihnen ausfindig gemacht hätte. Für ihn waren alle Menschen gleich, diejenigen ausgenommen, welche Mährchen erzählen und Bilder ausschneiden konnten; denn diese waren die großen Männer in seinen Augen. — Fortgefahren, Herr Danischmend!Dschengis hatte, nach einem Aufenthalte von etlichen Monaten in Scheschian, hohe Zeit mit seinem Untergebenen unsichtbar zu werden; denn die Kundschafter, deren Eblis eine große Menge in allen Theilen des Reiches unterhielt, hatten ihm Nachricht von unsern Wanderern gegeben, welche seine argwöhnische Aufmerksamkeit rege machten. Aber durch die Vorsichtigkeit des alten Mentors waren sie in ihrer unbekannten Freistätte schon wieder geborgen, als der Befehl zu ihrem Verhaft anlangte.Der junge Tifan ruhete einige Tage in den Armen seiner geliebten Tili von den Beschwerden einer mühsamen Reise aus. Der Genuß der lang' entbehrten häuslichen Glückseligkeit, das Vergnügen, die Gespielen seiner Kindheit und die Gegenden, wo seine Seele die ersten angenehmen Eindrücke bekommen hatte, wieder zu sehen, schien eine Zeit lang diejenigen ausgelöscht zu haben, welche seine Wanderungen durch Scheschian in seinem Gemüthe zurückgelassen hatten. Aber diese Erinnerungen wachten bald nur desto lebhafter auf; sie verfolgten ihn allenthalben, und verbitterten die Wonne seines Lebens. Sein Herz machte ihm Vorwürfe, so oft er sich der Freude überließ; es war ihm, als ob er einen Genius in seine Seele flüstern höre: O Tifan! kannst du dich freuen, da Millionen Geschöpfe deiner Gattung so elend sind?Bald nach seiner Zurückkunft brachen die öffentlichen Unruhen in Scheschian aus. Dschengis, welcher Gelegenheit gefunden hatte, mit einem zuverlässigen alten Freunde das vertraute Verständniß ihrer jüngern Jahre wieder zu erneuern, erhielt von ihm durch geheime Wege die genaueste Nachricht von allein was vorging. Er theilte sie wieder mit dem jungen Tifan, der vor Ungeduld brannte, die gemißhandelten Scheschianer an ihrem Tyrannen gerochen zu sehen; und nun glaubte der Alte, daß es Zeit sey einen neuen Schritt zu thun, um den Prinzen zur Mittheilung seines großen Geheimnisses vorzubereiten. Er entdeckte ihm also, daß er selbst aus einem edeln Geschlechte in Scheschian abstamme; daß er ehmals öffentliche Würden am Hofe des Königs Azor bekleidet habe, und ein Vertrauter des einzigen Bruders dieses Fürsten gewesen sey, aber bald nach dem Tode des letztern, weniger um seiner persönlichen Sicherheit willen, als aus gänzlicher Ueberzeugung von seiner Unnützlichkeit unter der neuen Regierung, sich in dieses Gebirge zurückgezogen habe, um in ungestörter Ruhe der Erziehung seines geliebten Tifans sich widmen zu können. — Aber nun (rief Tifan mit aller der Wärme, worein ihn diese Entdeckung gesetzt hatte), was säumen wir, unser Blut einem Vaterlande anzubieten, welches in den letzten Zügen liegt, und alle sein Kinder um Hülfe, oder, wenn Hülfe zu spät kommt, wenigstens um Rache anruft?Dschengis hatte einige Mühe dem Prinzen begreiflich zu machen, daß Rechtschaffenheit eben sowohl als Klugheit ihnen nicht eher gestatten könne, eine Partei zu ergreifen, bis auf eine zuverlässige Art entschieden sey, auf welcher Seite sich das stärkste Recht befinde. Jsfandiar, sagte er, hat wie ein Tyrann regiert; aber sein Erbrecht an die Krone ist unstreitig und unverletzlich. Die Nation ist schuldig ihn für ihren König zu erkennen. Es ist wahr, sie hat Rechte, welche eben so heilig sind als die seinigen; und sie ist so wenig verbunden alles zu leiden, als er berechtigt ist alles zu thun. Aber vielleicht geht Jsfandiar in sich; vielleicht gibt er billigen Vorschlägen Gehör, und vielleicht ist mehr Erbitterung, Rachsucht und Eigennutz als wahre Vaterlandsliebe in den Bewegungsgründen der Häupter der Empörung. Die Zeit muß uns hierüber Licht geben. Sobald Pflicht und Ehre uns auf die eine oder die andere Seite rufen werden, dann wollen wir gehen.Der junge Tifan sah einer entscheidenden Nachricht mit Ungeduld entgegen. Aber die Zwischenzeit wurde nicht ungenützt vorbeigelassen. Dschengis, der sich in seiner Jugend den Ruhm eines guten Officiers erworben hatte, las unter den Gespielen seines Pflegesohns einige der stärksten und gewandtesten aus, um sie nebst Tifan in allen Arten von kriegerischen Uebungen zu unterweisen. Er vermehrte sie mit einer Anzahl auserlesener junger Tatarn, welche er durch Geschenke und Hoffnungen in seine Dienste zog. Tifan that sich bald unter dieser muthvollen Jugend hervor; er gewann ihre Liebe in einem so hohen Grade, und schien ihnen allen so unstreitig der wackerste und beste aus ihrer Mitte zu seyn, daß sie ihn einmüthig zu ihrem Anführer erwählten; ein Umstand, der in den Augen des erfreuten Alten von glücklicher Vorbedeutung war. Nach einiger Zeit langte die Nachricht von dem Tode des Königs an, und von der Zerrüttung, in welche das erbenlose Reich dadurch gestürzt worden sey. Nun war es nicht länger möglich den jungen Tifan zurückzuhalten; und nun glaubte Dschengis, daß es Zeit sey, sich seines Geheimnisses zu entledigen.Schaad-Gebal, dem dieses Geheimniß schon bekannt war, erklärte sich, daß er für dießmal genug habe, und entließ Danischmenden mit der Versicherung, daß es ihm nicht zuwider seyn würde, der Fortsetzung dieser Geschichte zuzuhören.
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9.

Zur gewöhnlichen Zeit setzte Danischmend die Geschichte des Prinzen Tifan folgendermaßen fort.Dschengis sah mit innerlichem Frohlocken das Feuer, welches in Tifans Seele brannte, und die Entschlossenheit, mit welcher er bereit war, sein Leben für die Sache eines Vaterlandes zu wagen, zu dessen Vertheidigung er, als der vermeinte Sohn eines Edeln von Scheschian, einen angebornen Beruf zu haben glaubte, und seine Ungeduld über jeden Tag, der die Ausübung dieser Pflicht verzögerte. Er genoß des reinen und alle andre Wollust übertreffenden Vergnügens, seine großmüthigen Bemühungen dem glücklichsten Erfolge sich täglich nähern zu sehen. Er hatte den Sohn eines Fürsten, der sein Freund gewesen war, nicht nur gerettet; er hatte ihn zu einem der besten Menschen gebildet. Jede Tugend, jede Fähigkeit, deren edler Gebrauch den großen Mann macht, entwickelte sich bei der kleinsten Veranlassung in seiner schönen Seele. Die Natur schien etwas Großes mit ihm vorzuhaben; und das Glück eröffnete ihm bei seinem Eintritt in das männliche Alter einen Schauplatz, wo die Nothwendigkeit selbst jedem seine Rolle anweist, wo der Zufall das wenigste thut, und jedes große Verdienst in seinem eigenthümlichen Glanz erscheint. Meine Ahnungen sind erfüllt, sagte Dschengis zu sich selbst: Tifan ist dazu bestimmt, ein neues besseres Scheschian aus den Trümmern des alten hervorzuziehen. Es ist Zeit ihm zu entdecken, was er ist, und ihn auf den Weg zu bringen, worauf er werden kann was er seyn soll.Die neuesten Nachrichten, welche Dschengis von seinem Freund erhalten hatte, sprachen von einer öffentlichen Verbindung einiger Städte gegen die Edeln, welche sich zu Nebenbuhlern um den Thron aufgeworfen hatten. Die Verbundenen nannten sich die vaterländische Partei, und wiewohl sie über die Art und Weise, wie die Verfassung des Reiches fürs künftige eingerichtet werden sollte, unter sich selbst nicht einig waren, so stimmten sie doch alle in dem Hasse der Tyrannei und in dem Grundsatz überein, keinen König zu erkennen, der kein besseres Recht als die Obermacht seiner Waffen hätte."Die Krone in Scheschian ist aus Mangel eines gesetzmäßigen Thronfolgers der Nation anheim gefallen," sagte Tifan: "diejenigen, welche sich derselben mit Gewalt bemächtigen wollen, haben keinen andern Beruf dazu, als die Sucht zu herrschen. Die Partei der verbundenen Städte ist die Partei der Nation; und die Nation allein hat das Recht die Verfassung festzusetzen, durch welche sie sich des Besitzes ihres gerechten Anspruchs an Freiheit und Glückseligkeit am besten versichern zu können glaubt. Dschengis kann es nicht mißbilligen, wenn ich gehe, meinem Vaterlande Dienste anzubieten, die ich ihm schuldig bin."Aber was wirst du dazu sagen, Tifan, sprach der Alte, wenn ich dir entdecke, daß noch ein Prinz aus dem Hause Ogul-Kans übrig ist, dessen Ansprüche um so weniger zweifelhaft seyn können, da er ein Sohn des einzigen Bruders des Sultans Azor ist?Und wo ist dieser Prinz? fragte Tifan mit einer Miene, welche sehr deutlich verrieth, daß ihn Dschengis mit einer unwillkommnen Nachricht überrascht hatte. Unsre Nachrichten melden uns nichts von ihm. Wie kann das Daseyn eines Prinzen, dessen bloßer Name die Unruhen in Scheschian stillen würde, ein Geheimniß seyn?Jedermann glaubt (war die Antwort des Alten), daß dieser Prinz, so wie die übrigen von Azors Hause, ein Opfer der mißtrauischen Grausamkeit des Tyrannen Jsfandiar geworden sey. Aber man betrügt sich: er lebt; und — was dich noch mehr in Verwunderung setzen wird, mein Sohn! — ich bin der einzige, der um das Geheimniß seiner Erhaltung weiß.O mein Vater, rief Tifan mit einer immer zunehmenden Unruhe, welch ein Geheimniß ist dieß! Vielleicht ein unglückliches für Scheschian! Wie wenn dieser Prinz die Eigenschaften nicht hätte, die ein Fürst haben muß, der ein so sehr zerrüttetes, so tief herunter gebrachtes Reich wieder aufrichten, wieder aufs neue blühend machen soll? Wie wenn er ein zweiter Jsfandiar, oder wenigstens ein zweiter Azor würde? Wär' es in diesem Falle nicht Pflicht, —Pflicht gegen das Vaterland, gegen die Nachwelt, gegen lebende und ungeborne Millionen —ein so gefährliches Geheimniß mit ewigem Stillschweigen zu bedecken?Der junge Prinz hat eine sehr gute Anlage, erwiederte Dschengis, und sein Recht —O mein Vater, fiel ihm Tifan ein, welches Recht kann heiliger seyn, als das Recht einer ganzen Nation an Glückseligkeit! Welch ein fürchterlicher Gedanke, das Schicksal so Vieler von der zweifelhaften Entscheidung des Charakters eines Einzigen abhängen zu lassen!Aber die Nation muß einen König haben, erwiederte Dschengis: die Regierung vieler Köpfe taugt nichts in einem so weit gränzenden Staate; und Scheschian in eine Menge kleiner Freistaaten zu zerstücken, und diese wieder durch einen so schwachen Faden, als ein gemeinschaftliches Bündniß, in ein Ganzes zusammen binden zu wollen, wäre für die Ruhe und den Wohlstand der Nation gefährlicher, als alles was wir bei einem jungen Monarchen wagen können. Mir däucht, dieser Punkt wurde schon lange zwischen uns ausgemacht.Gut, sagte Tifan: aber würde die Nation nicht besser thun, wenn sie durch eine freie Wahl die Regierung demjenigen auftrüge, zu dem sie das beste Vertrauen hätte, demjenigen, der sich eines solchen Vertrauens am würdigsten gezeigt hätte? Der junge Prinz weiß vielleicht nichts von seinem Rechte —Er weiß nichts davon, sagte Dschengis —Und der Nation ist, wie du sagtest, sogar sein Daseyn unbekannt, fuhr Tifan fort. Es kann also nichts Böses daraus entstehen, wenn man sein Recht ihm selbst und dem Volke unbekannt bleiben läßt. Mir däucht, dieß wäre doch immer das sicherste.Aber, versetzte Dschengis, wenn mich nicht alles betrügt, so können wir uns selbst keinen bessern Fürsten geben, als diesen, den uns der Himmel gegeben hat. Er ist der edelmüthigste, der liebenswürdigste, der tugendhafteste junge Prinz, den die Welt vielleicht jemals sehen wird.Du sagst dieß mit einem so zuversichtlichen Tone, erwiederte Tifan: wie war es möglich, daß du ihn so genau kennen lerntest?Sehr möglich, antwortete Dschengis, da ich ihn selbst erzogen habe.Du selbst? rief Tifan mit einer Bestürzung, welche zeigte, daß seine Seele der Entwicklung des Geheimnisses aus innerlicher Ahnung entgegensah.Ich selbst, Tifan; unter meinen Augen ist er aufgewachsen, und seit mehr als zwanzig Jahren bin ich nicht von seiner Seite gekommen. — Mit Einem Worte, Tifan; — du bist dieser Prinz! Du bist der einzige übrig gebliebene Bruderssohn Azors, und der rechtmäßige Erbe des Scheschianischen Thrones.Du bist also nicht mein Vater? sagte Tifan mit einem traurigen Tone der Stimme, indem seine Augen sich mit Thränen erfüllten.Nein, bester Tifan, versetzte der alte Dschengis, indem er seine Arme um seinen Hals warf und ihn etlichemal mit großer Bewegung auf die Stirne küßte, auf welche eine seiner Thränen fiel. Du bist der Sohn meines Freundes. Dein Vater war eines Thrones werth. Er hinterließ dich mir als kostbares Unterpfand; und theuer — theuer, bester Tifan, aber nicht zu theuer, hab' ich das Recht eines zweiten Vaters an dich erkauft; denn um dein Leben zu erhalten, gab ich dem Jsfandiar meinen einzigen Sohn hin. Er glaubte, dich erwürgt zu haben, und ich entfloh mit dir in diese Freistätte. Unwissend was der Himmel über dich beschlossen haben könnte, erzog ich deine erste Jugend, als ob der Privatstand dein Loos bleiben würde. Wer alles ist, was ein Mensch seyn muß wenn er diesen edeln Namen in seiner würdigsten Bedeutung führen soll, wird allezeit einen guten Fürsten abgeben, sprach ich zu mir selbst. Indessen sah ich wohl vorher, daß Jsfandiars sinnlose Regierung, zu einer Zeit, wo die behutsamste Staatswirthschaft kaum vermögend gewesen wäre das sinkende Reich zu erhalten, sich endlich mit dem Umsturz der gegenwärtigen Verfassung endigen würde. Meine Vermuthungen sind in Erfüllung gegangen. Scheschian ist ohne Haupt; alles Elend und alle Gräuel der Anarchie schlagen über dem unglücklichen Lande zusammen. Itzt ist die Zeit da, wo die Tugend eines einzigen Mannes das Schicksal der ganzen Nation entscheiden kann. Frage dein Herz, Tifan, was sagt es dir in diesem Augenblicke?Ich fühle eine Verwirrung in mir, erwiederte Tifan, aus welcher mich zu sammeln Zeit vonnöthen ist. Ich wollte du hattest mich in einem Irrthum gelassen, bei dem ich glücklich war. — Und doch! O mein Vater! (er drückte sein schlagendes Herz an die Brust des Alten, indem er dieß sagte) ich fühl' es, mein Herz wird immer eben dasselbe bleiben. Ich wollte als Sohn des edeln Dschengis gehen, mein Leben für die Ruhe meines Vaterlandes zu wagen; könnt' ich als Temors Sohn weniger thun? Temors Sohn, sagt' ich! O du ehrwürdigster, bester alter Mann, lass' mich deinen Sohn bleiben! Ich kann es ohne Undankbarkeit gegen denjenigen seyn, dem ich das Leben zu danken habe. Niemand weiß von unserm Geheimniß als du; und wer würde dir glauben, wenn du es entdecken wolltest? Lass* mich deinen Sohn bleiben! Dir hab' ich es zu danken, daß ich mich fähig fühle eine Krone zu verachten! Du bist mein wahrer Vater; und ich will die Ehre verdienen, dein Sohn zu seyn. Mein höchster Stolz geht nicht weiter.Eine Krone verachten, Tissan? rief Dschengis, indem er sich plötzlich aus seinen Armen los machte. Nein, Tifan, dieß ist nicht der Weg, mich für das zu belohnen was ich für dich gethan habe! Verachte die wollüstige Trägheit, den Müßiggang, die Ueppigkeit, den Uebermuth, die Schwachheiten und die Laster, wovon die meisten, welche Kronen getragen haben, Sklaven gewesen sind! Sey des Thrones werth, für welchen du geboren bist! Aber sage nicht, daß du den erhabensten Auftrag verachtest, womit der Himmel einen Sterblichen beehren kann!O mein Vater! erwiederte Tifan, indem eine edle Schamröthe seine männlichen Wangen überzog: vergib dem unbedachten Ausdruck eines Gefühls das du nicht mißbilligen kannst! Du kennest meine Seele, die du selbst gebildet hast, die durch deine Einflüsse, durch dein Beispiel, die Tugend lieb gewonnen hat, und allem was schön und groß ist mit ausgespannten Flügeln entgegen eilt! Ich bin alles was du willst. Aber, mein Vater, wer anders als der weiseste und beste Mann im Reich verdient an der Spitze der Nation zu stehen? Und wenn dieß ist, wer verdient König zu seyn, wofern es Dschengis nicht verdient?Deine Liebe zu mir macht dich parteiisch, erwiederte der Alte; und überdieß ist es nicht um die Ehre, der Erste zu seyn, sondern um ein Amt zu thun, dessen Last jüngere Schultern erfordert als die meinigen. Meine Erfahrung kann dir nützen; aber das Feuer, die Thätigkeit, das Anhalten in der Arbeit, wozu dich deine Jugend fähig macht, könntest du mir nicht mittheilen.Indessen bleibt noch eine große Schwierigkeit unaufgelöst, sagte Tifan. Wie willst du den Adel und das Volk von Scheschian überzeugen, daß ich Temors Sohn sey?Ich? antwortete Dschengis: das will ich nicht! Du selbst; Tifan, du mußt sie überzeugen. Du hast dein eigen Urtheil gesprochen! Die Nation weiß nichts von deinem Geburtsrecht, und es würde mir unmöglich seyn, wenn ich es auch wollte, sie davon zu überzeugen. Eine freie Wahl muß den Würdigsten zum Throne rufen. Gehe, Tifan, hilf der Nation dieß ihr großes Recht gegen diejenigen behaupten, welche sich den Weg zum Thron auf den Trümmern der Freiheit bahnen, und mit Gewalt an sich reißen wollen, wozu sie kein Recht zu haben fühlen. Verdiene, von deinen Mitbürgern für den besten Mann der Nation erkannt zu werden — und wehe ihnen, wenn sie den mißkennen, der, wofern mich nicht alles betrügt, sie glücklich machen wird, wenn sie ihr Glück in seine Hände stellen.Danischmend, sagte Schach-Gebal — ich fange an zu merken, daß du im Sinne hast, uns mit einem Romane zu beschenken. Bisher klang der größte Theil deiner Erzählung so ziemlich wie eine Geschichte aus dieser Welt. Aber dieser Dschengis, dieser Tifan! Man erinnert sich nicht, solche Leute gekannt zu haben! Nicht als ob ich etwas dawider einzuwenden hätte, daß sie so gute Leute sind! Aber ich hasse alles, was einem Mährchen ähnlich sieht, Danischmend!Wenn Ihre Hoheit dieß im Ernste meinen, versetzte der Philosoph, so bin ich genöthigt demühigst um meine Entlassung anzusuchen. Denn ich muß gestehen, je weiter wir in der Geschichte Tifans kommen werden, desto weniger wird sie die Miene einer Geschichte aus dieser Welt haben. Aber demungeachtet kann ich mir's nicht aus dem Kopfe bringen, daß sie eine so wahre Geschichte ist, als immer die Geschichte von Azorn oder Jsfandiarn. Tifan ist kein Geschöpf der Phantasie; es liegt dem ganzen Menschengeschlechte daran, daß er keines sey. Entweder er ist schon gewesen, oder, wenn er (wie ich denke) nicht unter den itzt lebenden ist, wird er ganz gewiß künftig einmal seyn.Immerhin, sagte der Sultan lächelnd: wenn dein Tifan auch ein Traum wäre, so wollen wir wenigstens sehen, ob es sich vielleicht der Mühe verlohnet, ihn wahr zu machen.Ich habe Ihrer Hoheit noch so viel davon zu sagen, was Tifan that als er König war, daß ich wohl zu thun glaube, desto kürzer über das zu seyn, was er that um es zu werden.Gut, Danischmend, wir kennen einander. Langweilige Erzählungen haben die Gabe nicht, mich einzuschläfern; sie machen mich ungehalten. Wir wissen nun einmal, daß du aus deinem Tifan einen König machen willst; und da die Sache bloß von dir abhängt, so kannst du mich nicht mehr verbinden, als wenn du die Zurüstungen abkürzest, so viel nur immer möglich seyn wird.Der Name Dschengis (fuhr Danischmend fort), welcher bei allen, die noch aus Azors Zeiten übrig waren, in Ansehen stand, trug nicht wenig bei, den jungen Tifan bei seinem ersten Auftritt in Scheschian in ein vortheilhaftes Licht zu stellen. Die vaterländische Partei empfing ihn mit offnen Armen, und da er bei jeder Gelegenheit die Meinung rechtfertigte, die man beim bloßen Anblick von ihm faßte, so gewann er bald das Vertrauen und die Hochachtung seiner Mitgenossen. Das Unglück der Zeit schien das erschlaffte sittliche Gefühl der Scheschianer wieder erweckt zu haben. Tifan stellte ihnen in einem Alter, mit welchem Weisheit beinahe unverträglich scheint, ein Muster der Vollkommenheit dar, dem sie anfangs ihre Bewunderung und zuletzt ihre Liebe nicht versagen konnten. Er war tapfer ohne Verwegenheit, behutsam ohne Unschlüssigkeit, behend ohne Uebereilung. Er forderte immer mehr von sich selbst als von andern, und regierte seine Untergebenen mehr durch sein Beispiel als durch Befehle. Sein Geist entwickelte bei jeder Gelegenheit die Geschicklichkeiten, die das Geschäft voraussetzte. Mußte ein Entwurf gemacht werden: Tifan übersah die ganze Lage der Sache, sah das Verhältniß seiner Mittel zu den Hindernissen, begegnete zum voraus den Zufällen die seine Anschläge durchkreuzen konnten, und bemächtigte sich aller Vortheile, die sein scharfer Blick in den Umständen des Geschäftes entdeckte. War es um die Ausführung zu thun: niemand übertraf ihn an Feuer, an Standhaftigkeit, an unermüdlicher Geduld, an Geschicklichkeit unvorgesehene Zufälle seinem Plane förderlich zu machen, die Fehler seiner Gegner zu benutzen, oder seine eigenen zu vergüten. Mit allen diesen Talenten verband er die reinsten Sitten, unverzärteltes Gefühl, Geringschätzung der körperlichen Wollüste, Gleichgültigkeit gegen alle Reizungen zur Untreue an seinen Pflichten, Leutseligkeit und Sanftmuth gegen seine Untergebenen, Ehrerbietung gegen Alter, Weisheit und geprüfte Tugend, einnehmende Gefälligkeit gegen seinesgleichen; wiewohl er in der That mit allen diesen Eigenschaften der einzige in seiner Art war. Und, was seinem Verdienste die Krone aufsetzte, er fand das Geheimniß, mit so vielen Vollkommenheiten von jedermann geliebt zu werden.Dieß Geheimniß braucht doch wohl keines für uns zu seyn? sagte Gebal mit einem Blicke, wodurch er den Erzähler in Verlegenheit setzen zu wollen schien.Auf keine Weise, erwiederte Danischmend: das ganze Geheimniß besteht in einem Hausmittel, das leicht zu entdecken, aber nicht leicht zu gebrauchen ist. Eine ungezwungene Bescheidenheit zog einen Schleier über seine Vorzüge, der ihren Glanz milderte, ohne verhindern zu können, daß sie Aufmerksamkeit und Bewunderung erregten. Seine Bemühung, gegen jedermann gerecht zu seyn, geringere Verdienste zu sich emporzuheben, und den Belohnungen, welche ihn suchten, auszuweichen, so lange noch jemand da war der ein näheres Recht zu haben glauben konnte; seine Bereitwilligkeit, unter Männern zu dienen, die er an Talenten weit übertraf; seine Geschicklichkeit, ihnen bei entscheidenden Gelegenheiten seine Gedanken, als ob es die ihren wären, unterzulegen, und die Uneigennützigkeit, sie den Ruhm genießen zu lassen, den er für sie verdient hatte, zufrieden wenn nur das Gute gethan wurde, der Antheil, den er selbst daran hatte, mochte bekannt werden oder unbekannt bleiben: alles dieß versöhnte den Neid und die Eifersucht mit seinen Vorzügen. Seine Tugend warf so viel Glanz auf diejenigen, die um ihn waren, daß jedermann stolz darauf war in irgend einem Verhältnisse mit ihm zu stehen. Dieß hat Tifan auf meinen Befehl gethan, sagte ein alter Feldherr — ich focht an seiner Seite, sagte der junge Befehlshaber — wir hatten Tifan an unsrer Spitze, sagten die Gemeinen, —und jeder glaubte sich selbst durch nichts mehr Ehre machen zu können, als etwas durch Tifan, oder mit Tifan, oder unter Tifan gethan zu haben.Wißt ihr, Danischmend, sagte der Sultan, daß mir euer Tifan zu gefallen anfängt? Es ist wahr, man merkt je länger je mehr, daß er nur der phantasirte Held eines politischen Romans ist. Aber, beim Bart des Propheten! man kann sich nicht erwehren zu wunschen, daß man dreißig Jahre junger seyn möchte, um eine so schöne Phantasie wahr zu machen!Niemals hatte Schach-Gebal etwas gesagt, das ein recht schönes Compliment von Seiten seiner Gesellschaft besser verdient hätte. Danischmend, der bei solchen Gelegenheiten nicht sparsam zu seyn pflegte, trieb, vermöge der gewöhnlichen Wärme seines Herzens, die Sache beinahe zu weit. Aber Schach-Gebal erklärte sich darüber auf eine Art, die ihn (wenigstens in unsern Augen) wirklich hochachtungswürdig macht. Ich wünschte, sagte er, so vollkommen zu seyn, daß ihr Schmeichler in die Unmöglichkeit gesetzt wäret, zu viel Gutes von mir zu sagen. Aber seyd versichert, ich täusche mich selbst nicht. Ich weiß, was an der Sache ist; mehr ist unnöthig zu sagen. — Wo blieben wir, Danischmend?Bei dem, was nach der damaligen Lage der Umstände die nothwendige Folge von Tifans seltnen Verdiensten war. Tifan that sich unter seiner Partei (zu welcher alles, was noch einen Funken von Redlichkeit und Vaterlandsliebe in sich fühlte, sich geschlagen hatte) so sehr hervor, daß er in ziemlich kurzer Zeit von Stufe zu Stufe bis zur Würde eines Feldherrn stieg; und da derjenige, der bisher die Seele der Partei gewesen war, in einem Treffen blieb, ward er einhellig, und ohne einen Nebenbuhler zu haben, an dessen Platz gestellt.So groß Tifans Vorzüge und Verdienste waren, so muß man doch gestehen, daß er auch von den Umständen, die zu seiner Erhebung mitwirken mußten, ungewöhnlich begünstigt wurde. Das Glück schien aus Liebe zu ihm seiner natürlichen Unbeständigkeit entsagt zu haben, um ihm in allen seinen Unternehmungen den Weg zu bahnen, alle widrigen Zufälle von ihm zu entfernen, und die übrigen alle zu Mitteln seiner Erhöhung zu machen. Gleichwohl konnte alles was diese, für ihn allein nicht launische, Göttin zu seinem Vortheil that, nicht verhindern, daß nicht der Erfolg mehr die natürliche Frucht seiner Tugend als ein Geschenk des Zufalls zu seyn geschienen hätte. Unser Held war nicht nur selbst tugendhaft: er hatte die Gabe, auch diejenigen so zu machen, die um ihn waren. Was bei edlern Seelen ein sympathetischer Trieb, und ein tiefes Gefühl der Göttlichkeit der Tugend, die in ihm vermenschlicht schien, zuwege brachte, wirkte bei andern die Begierde seinen Beifall zu verdienen, und eine Eifersucht, die durch ein edles Ziel zu einer rühmlichen Leidenschaft wird. Sein Anblick, sein bloßer Name setzte seine Freunde und Gefährten in Begeisterung. Von Tifan angeführt glaubten sie mehr als gemeine Menschen zu seyn — und waren auch mehr. Seine Beredsamkeit vollendete das Werk seines Beispiels. Die Scheschianer —gleich einem armen Findling, der, nachdem er sich lange für einen verwahrloseten Auswurf der Natur angesehen, unverhofft von einem edeln und zärtlichen Vater erkannt wird — empfanden wieder das Glück ein Vaterland zu haben; ihre Seelen entzündeten sich bei diesem Gedanken; jeder vergaß darüber sein besonderes Selbst, fühlte dieß Selbst nur im Vaterlande, und verlor unvermerkt allen Begriff anders als durch das allgemeine Glück glücklich seyn zu können.Tifan, indem er auf diese Weise die Scheschianer wieder zum Gefühl der Tugend erweckte, schien in der That eine Art von Wunderwerk gewirkt zu haben; denn was war dieß anders als den erstorbenen Staatskörper wieder ins Leben zurückrufen?Dieß machte die Grundlage von allem Uebrigen aus, was er in der Folge zum Besten der Nation zu Stande brachte; ohne dieß würden alle seine Bemühungen von geringem Erfolge gewesen seyn. Aber nachdem es ihm gelungen war, seine Mitbürger mit der Liebe des Vaterlandes zu begeistern, so machte sich alles Uebrige gleichsam von selbst. Die Anzahl der Wohlgesinnten nahm täglich zu; ein großer Theil derjenigen, welche das Gift der verdorbenen Sitten zu lange bei sich getragen hatten, als daß man zu ihrer Genesung sich hätte Hoffnung machen dürfen, war in den Flammen des Bürgerkriegs verzehrt worden. Die Häupter der Gegenparteien fanden sich zu schwach, der Nation, welche wieder unvermerkt in ein Ganzes zusammen geflossen und von Tifans Geist beseelt war, sich länger mit Gewalt aufzubringen: sie wählten den Weg der Unterhandlung, und vereinigten sich endlich mit den Städten und mit dem Ueberreste des Adels, die großen Angelegenheiten des Reiches der Entscheidung einer allgemeinen Nationalversammlung zu überlassen.Dschengis hatte alles so gut vorbereitet, daß der Ränkesucht keine Zeit gelassen wurde, ihre geheimen Maschinen anzulegen. Der Reichstag kam in kurzer Zeit zu Stande; die Freunde des Vaterlandes machten die größere Anzahl aus; und Tifan, der über ihre Herzen schon lange König war, wurde durch die allgemeine Stimme seiner Mitbürger für den würdigsten erklärt, eine Nation zu regieren, die es ihm zu danken hatte daß sie noch eine Nation war, und im Taumel der Freude, womit die Hoffnung bess'rer Zeiten sie begeisterte, nicht zu viel zu thun glaubte, wenn sie sich ohne Bedingung in die Arme ihres Erretters würfe.Dschengis erhielt den Auftrag, ihm vor der ganzen Versammlung der Stände den Willen der Nation zu eröffnen; und itzt glaubte der ehrwürdige Alte, daß der Augenblick gekommen sey, sein Geheimniß öffentlich bekannt zu machen. Das allgemeine Vertrauen, welches er sich erworben hatte, die große Meinung von seiner Redlichkeit, der Ton der Wahrheit mit welchem er sprach, die väterliche Thräne, die über seine ehrwürdigen Wangen herabrollte, indem er der Aufopferung seines eigenen Sohnes erwähnte: alles dieß stopfte jedem Zweifel den Mund. Die Nation war entzückt, in ihrem Liebling den Sohn eines Prinzen zu finden, dessen Andenken sie ehrte. Viele, welche Temorn gekannt hatten, glaubten die Züge seines Vaters in Tifan zu erkennen. Selbst das Wunderbare, welches in der Sache zu liegen schien, beförderte den allgemeinen Glauben. Man überzeugte sich, daß eine für Scheschian wachende Gottheit es so gefügt habe, daß die Nation, indem sie bloß den Besten zu ihrem Haupte zu erwählen dachte, unwissend auf eben denjenigen sich vereinigen mußte, welchen die Geburt zum Thron berechtigte.Tifan wurde also an dem glücklichsten Tage, den Scheschian jemals gesehen, unter den frohlockenden Segnungen eines unzählbaren Volkes, zum König von Scheschian ausgerufen. Dschengis, der ihm seine Erwählung ankündigte, that es auf eine Art, welche selbst aus Augen, die noch nie geweint hatten, Thränen preßte."Endlich ist er gekommen, rief er aus, der glückliche, der feierliche Tag, der mich für die Arbeit, für die Sorgen so vieler Jahre, für das größte Opfer, welches ein Vater der Liebe zu seinem Fürsten bringen kann, belohnen sollte! O Tifan! o du, dessen Leben ich mit dem Blute meines einzigen Sohnes bezahlen mußte, sieh in meinen halb erloschenen Augen diese Thränen der Freude und der Zärtlichkeit! Ich hab' ihn erlebt den großen Tag, um dessentwillen es der Mühe werth ist, gelebt zu haben! Ich sehe deine Tugend von einem ganzen Volke anerkannt, mit unbegränztem Vertrauen, mit dem göttlichsten Loose, das einem Sterblichen zufallen kann, mit uneingeschränkter Macht Gutes zu thun, bekrönt. O Tifan! ich höre auf, dein Vater zu seyn, um an Liebe, an Treue der erste deiner Unterthanen zu werden. Ich kenne dein großes, wohlthätiges Herz! Welche Lehren könnte die Weisheit dir geben, die nicht der Finger der Natur selbst in deine Seele geschrieben hat! Aber, o mein Tifan! geliebtester, bester der Menschen! wie könnt' ich vergessen, daß du mit allen deinen Tugenden, mit allen deinen Vorzügen, doch nur — ein Mensch bist! daß du Schwachheiten und Bedürfnissen, Irrthümern und Leidenschaften, eben so wie der geringste deiner Unterthanen, ausgesetzt bist! Möchtest du uns dieß durch die Menge deiner guten Thaten, durch den unbefleckten Glanz eines der Tugend geheiligten Lebens vergessen machen! Möchten wir immer in dir das sichtbare Ebenbild einer weisen und wohlthätigen Gottheit erkennen, und nur alsdann, wenn wir an deine Sterblichkeit zu denken gezwungen sind, mit Zittern fühlen, daß du weniger als eine Gottheit bist! Aber, o Tifan! wenn jemals — Himmel, laß meine Augen sich auf ewig am Anbruche des traurigen Tages schließen — wenn jemals deine Seele ihrer eigenen Würde und ihrer glorreichen Pflichten vergessen, jemals zu einer unedlen Leidenschaft oder zu einer ungerechten That herabsinken wollte — o Sohn meines königlichen Freundes und der meinige, möchte dich dann die Erinnerung an deinen Dschengis, wie der Arm eines Genius, vom Rande des Abgrundes zurückziehen! Möchte dir dann — —Doch nein! niemals, niemals soll — ich schwör' es bei der Tugend für die ich dich gebildet habe, niemals wird die schreckliche Stunde kommen, wo dich das Bild deines Dschengis — wie er, vom Blute seines einzigen Sohnes bespritzt, unter der furchtbaren Hülle der Nacht dich auf seinen bebenden Armen tragend, aus Scheschians Mauern entflieht, — wo dieß um Rache rufende Bild vonnöthen wäre, den Vater seines Volkes, den besten der Fürsten, zur Tugend zurückzuschrecken! Nein! bess're Ahnungen, frohe lichtvolle Aussichten stellen sich meiner beruhigten Seele dar. Mit den Segnungen deines Volkes und mit meinen Freudenthränen bezeichnet, wird jeder Tag deines königlichen Lebens zum Himmel emporsteigen, die guten Thaten, womit du ihn erfüllt hast, zu den Füßen des Königs der Könige niederzulegen. Ich, — diese Edlen von Scheschian, die Mitgenossen deines Ruhms, und deine Gehülfen in dem großen Werke, dein Volk glücklich zu machen, — dieses unzählbare Volk, welches sein Wohl in deine Hände gelegt hat, — wir alle werden uns selig preisen, deine Zeiten erlebt zu haben, und, mit einem belohnenden Blicke auf mein glückliches Vaterland und dich, werden sich einst die Augen deines alten Dschengis schließen."Eine feierliche Stille hielt die ganze Versammlung gefesselt, und Thränen funkelten in jedem auf Dschengis und Tifan gehefteten Auge. Der neue König, von der Begeisterung seiner Empfindungen auf einen Augenblick überwältigt, warf sich mit ausgebreiteten Armen zur Erde; seine Augen mit den Zeugen der innigsten Rührung erfüllt, starrten gen Himmel. — "Höre mich, rief er in einer heftigen Bewegung der Seele, höre mich, alles vermögender Herr der Schöpfung! Wenn jemals —"Hier hielt er inne, als ob seine große Seele, durch eine plötzliche Wiederkehr zu sich selbst, gefühlt hätte, daß es einem Könige nicht gezieme, eine so heftige, wiewohl tugendhafte Bewegung, als diejenige wovon sein Herz erschüttert war, vor den Augen seines Volkes ausbrechen zu lassen. Er schwieg auf einmal — aber man sah in seinen aufgehobnen Augen, daß sein Geist unter großen Empfindungen arbeitete.Noch immer schwebte stilles Erwarten auf der Versammlung. Endlich raffte sich Tifan wieder auf; er stand mit dem ganzen Anstand eines Königes, der die Majestät seines übernommenen Amtes fühlt, sah mit einem ernsten Blick voll Liebe über sein Volk hin, und dann sprach er:"Die Empfindungen, die mein Herz in dieser feierlichen Stunde erfüllen, sind zu groß, mit Worten ausgedrückt zu werden. In eben diesem entscheidenden Augenblicke, da ihr, einst meine Brüder und nun meine Kinder, mich für euern König anerkannt habt, wurde mir von dem unsichtbaren Herrn des Himmels und der Erde die Handhabung seiner Gesetze unter euch aufgetragen; dieß ist der Augenblick, wo ich in eurer Stimme — Gottes Stimme höre. Ihm werd' ich von nun an von der Gewalt Rechenschaft geben müssen, die er durch euch mir anvertraut hat. Ich bin berufen, einen jeden unter euch bei jedem geheiligten Rechte der Menschheit und des bürgerlichen Standes zu schützen: aber ich bin auch berufen, einen jeden unter euch zur Erfüllung seiner Bürgerpflichten anzuhalten. Ich kenne und fühle die ganze Wichtigkeit meines Amtes, und im Angesichte der Erde und des Himmels weihe ich ihm alle Kräfte meines Lebens. Ihm in seinem ganzen Umfange genug zu thun, erforderte die Kräfte einer Gottheit, und ich bin nur ein Mensch. — Ohne eure Mitwirkung, ohne eifriges Bestreben eines jeden unter euch, nach den besondern Verhältnissen seines Standes, mir das gemeine Beste befördern zu helfen, würden alle meine Bemühungen fruchtlos seyn. Vergebens würd' ich mich unter den Sorgen für euer Glück verzehren, wenn ihr nicht so lebhaft als ich selbst von der großen Wahrheit überzeugt wäret: "daß ohne Liebe des Vaterlandes, ohne Gehorsam gegen die Gesetze, ohne Emsigkeit in den Pflichten unsers Berufes, ohne Mäßigung unsrer Begierden und Leidenschaften, kurz ohne Tugend und Sitten keine Glückseligkeit möglich ist." Euch und eure Kinder zu guten Menschen und zu guten Bürgern zu machen, soll mein erstes und angelegeneres Geschäft seyn; und mein Beispiel soll euch überzeugen, daß euer König der erste Bürger von Scheschian ist. Euer Vertrauen zu meiner Tugend hat mir eine eben so unumschränkte Macht anvertraut, als die Könige, meine Vorfahren, besessen haben: aber ich kenne die Menschheit zu gut, um von dieser gefährlichen Macht einen andern Gebrauch zu machen, als mir selbst und meinen Nachfolgern die Schranken zu setzen, die zu unsrer beiderseitigen Sicherheit vonnöthen sind. Der beste König kann seiner Pflicht vergessen; ein ganzes Volk kann sein eignes Bestes mißkennen. Ich würde das Amt, für das eurige zu sorgen, schlecht verwalten, wenn ich euern Königen die Macht benehmen wollte, die einem Vater über seine Kinder zusteht. Aber ich würde auch in dem ersten Augenblicke, da ich euer König bin, meiner Menschheit vergessen, wenn ich nicht auf Mittel bedacht wäre, mir selbst und meinen Nachfolgern, so viel als möglich, die Freiheit Böses zu thun zu entziehen. Eine vorsichtige Bestimmung der Staatsverfassung, und eine Gesetzgebung, welche die Befestigung der Ruhe, der Ordnung und des allgemeinen Wohlstandes in diesem Reiche zur Absicht haben wird, soll die einzige Ausübung der Vollmacht seyn, die ihr mir überlassen habt, und auch hierin sollen die Weisesten und Besten mir ihre Hande bieten. Ja, ich selbst, von den Gesinnungen, die in meinem Herzen herrschen, ermuntert, ich wag' es zu hoffen, redlicher Dschengis, daß deine Sorgfalt mich zur Tugend zu bilden, daß das Opfer, womit du mein Leben erkauft hast, nicht verloren seyn wird. Möcht' es in dem nämlichen Augenblick aufhören, dieses dem Vaterlande geweihte Leben, wo ich unglücklich genug wäre, dem geringsten meines Volkes einen unverschuldeten Seufzer auszupressen!"Danischmend, rief Schach-Gebal, ich habe für diese Nacht genug! Deine Leute sprechen nicht übel; aber bei dem allem däucht mir, ich wollte lieber hören, was Tifan gethan als was er gesprochen hat.Sire, erwiederte Danischmend, wer so spricht wie Tifan, macht sich anheischig sehr viel zu thun.Das wollen wir sehen, sagte der Sultan.
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10.

Nach allem, was ich von dem Könige Tifan schon gemeldet habe, fuhr Danischmend fort, kann man sich berechtiget halten, große Thaten von ihm zu erwarten. Gleichwohl muß ich gestehen (und es ist wohl am besten ich thue es gleich anfangs), daß, wenn Tifan ein großer Fürst war, er es in einem ganz andern Sinn und auf eine ganz andre Weise war, als die Sesostris, die Alexander, die Cäsar, die Omar, die Mahmud Gasni, die Dschingis-Kan, und andre Helden und Eroberer, unter deren Größe die Welt gleichsam eingesunken ist. Tifans Größe war stille Größe, und seine Thaten den Thaten der Gottheit ähnlich, welche, geräuschlos und unsichtbar, uns mit den Wirkungen überrascht, ohne daß wir die Kraft, welche sie hervorbringt, gewahr werden.Tifans Thaten hatten noch eine andre Eigenschaft mit den Verrichtungen der Natur gemein. Sie entwickelten sich so langsam, sie durchliefen so viele kleine Stufen, und erreichten den Punkt ihrer Reife durch eine so unmerkliche Verbindung unzähliger auf Einen Hauptzwek zusammenarbeitender Mittel, daß man ein schärferes Auge als gewöhnlich haben mußte, um den Geist, der alles dieß anordnete und lenkte, und die Hand, welche allem die erste Bewegung gab, nicht zu mißkennen. Eine kurzsichtige Aufmerksamkeit hätte geglaubt, daß sich alles von selbst mache, oder würde wenigstens nicht wahrgenommen haben, wie viel Mühe es kostete, den Bewegungen eines großen Staats so viele Leichtigkeit und eine so schöne Harmonie zu geben.Das erste, wozu sich Tifan anheischig gemacht hatte, war eine genauere Bestimmung der Staatsverfassung.Gut, rief Schach-Gebal, dieß ist gerade wo ich ihn erwarte. Ich erinnere mich dessen noch ganz wohl, was da ihn gestern davon sagen ließest. Er will sich der Macht nicht berauben, die einem Vater über seine Kinder zusteht —aber er will so wenig als möglich ist Freiheit haben Böses zu thun. Noch verstehe ich nicht recht, was er will oder nicht will. Ich begreife nicht, wie ein Fürst unabhängig seyn, und Freiheit haben kann alles Gute zu thun was er will, ohne auch die traurige Freiheit Böses zu thun zu behalten.Vielleicht wird das, was ich in der Folge melden werde, die Zweifel Ihrer Hoheit auflösen, erwiederte Danischmend. Tifan folgte in dieser ganzen Sache dem Rathe des weisen Dschengis. Ohne diesen würde er, aus einem zu weit getriebenen Mißtrauen gegen sich selbst und seine Nachfolger, den größten Fehler begangen haben, den ein Monarch begehen kann: denn er war im Begriff dem Adel und dem Volke von Scheschian die gesetzgebende Macht auf ewig abzutreten.Der Himmel verhüte (sagte Dschengis, da sie sich mit einander über die Sache besprachen), daß Tifan aus der Verfassung seines Vaterlandes ein unförmliches Mittelding von Monarchie und Demokratie mache, welches, eben darum weil es beides seyn will, weder das eine noch das andere ist. Die Nation von Scheschian muß den König als ihren Vater, und sich selbst, in Beziehung auf den König, als unmündig betrachten. Will sie mehr seyn, will sie das Recht haben den König einzuschränken, ihm und dem Staat Gesetze vorzuschreiben, und ihre wichtigsten Angelegenheiten selbst zu besorgen, so muß sie sich gar keinen König geben. Wer sich selbst regieren kann, hat keinen Vormund, keinen Hofmeister vonnöthen. Erkennt sie aber den König für ihren Vater, und sich selbst als Nation für unmündig, welche Ungereimtheit wär' es, gerade den wichtigsten Theil der Staatsverwaltung ihrer Willkür überlassen zu wollen! Welche Ungereimtheit, es auf die Weisheit oder das gute Glück des Unmündigen ankommen zu lassen, was für Gesetzen, unter welchen Bedingungen, und wie lang' er gehorchen wollte! Es geziemt also allein dem Könige, zugleich der Gesetzgeber und der Vollzieher der Gesetze zu seyn. Die Regierung eines Einzigen nähert sich durch ihre Natur derjenigen Theokratie, welche das ganze unermeßliche All zusammenhält. Wenn wir uns ganz richtig ausdrücken wollen, so müssen wir sagen: Gott ist der einzige Gesetzgeber der Wesen; — der bloße Gedanke, Gesetze geben zu wollen, welche nicht aus den seinigen entspringen, oder mit den seinigen nicht zusammenstimmen, ist der höchste Grad des Unsinns und der Gottlosigkeit. Die Natur und unser eignes Herz sind gleichsam die Tafeln, in welche Gott seine unwandelbaren Gesetze mit unauslöschlichen Zügen eingegraben hat. Der Regent, als Gesetzgeber betrachtet, hat, wofern er diesen ehrwürdigen Namen mit Recht führen will, nichts andres zu thun, als den Willen des obersten Gesetzgebers auszuspähen, und daraus alle die Verhaltungsregeln abzuleiten, wodurch die göttliche Absicht, Ordnung und Vollkommenheit mit ihren Früchten, der Harmonie und der Glückseligkeit, unter seinem Volke am gewissesten und schicklichsten erlangt werden können.Hat er mit diesen erhabenen Nachforschungen das besondere Studium seines eigenen Volkes, des Temperaments, der Lage, der Bedürfnisse, kurz, des ganzen physischen und sittlichen Zustandes desselben verbunden, so wird es ihm nicht zu schwer seyn, auch die Anstalten ausfindig zu machen, wodurch jene große Absicht — in welcher das Glück des einzelnen Menschen, das Wohl jeder Nation, das Beste der menschlichen Gattung, und das allgemeine Beste des Ganzen wie in Einem Punkte zusammenfließen, —auf die möglichste Weise befördert werden könne. Die Geschicklichkeit, alles dieses zu bewerkstelligen, ist leichter bei einem Einzigen, als bei einem ganzen Volke oder bei einem zahlreichen Ausschusse desselben, zu finden; und auch aus diesem Grund ist es der Sache gemäßer, die gesetzgebende Macht dem Fürsten allein zu überlassen.Aber, wie wenn unter Tifans Nachfolgern ein neuer Azor oder Jsfandiar aufstände? sagte Schach-Gebal.Unstreitig, erwiederte Danischmend, ist die gesetzgebende Macht in den Händen eines Kindes oder eines Unsinnigen ein fürchterliches Uebel. Aber diesem Unheil (glaubte Dschengis) könne durch ein gedoppeltes Mittel hinlänglich vorgebogen werden; nämlich durch die Unverbrüchlichkeit der einmal von allen angenommenen Gesetzgebung, und durch eine gewisse Anordnung über die Erziehung der Prinzen des königlichen Hauses, welche ein Hauptstück im Gesetzbuche Tifans ausmachen sollte.Diesen Grundsätzen zufolge wurde bald, nachdem Tifan die Regierung angetreten hatte, eine königliche Erklärung dieses Jnhalts kund gemacht:1) Da eine mit den unveränderlichen und wohlthätigen Absichten des Urhebers der Natur übereinstimmende Gesetzgebung sowohl dem Fürsten als seinen Untergebenen zur unverbrüchlichen Richtschnur dienen muß: so wird der König vor allen Dingen sein Hauptgeschäft seyn lassen, mit Beihülfe derjenigen, welche die Nation selbst für ihre weisesten und besten Männer erkennt, ein Gesetzbuch zu verfassen, in welchem die Pflichten und Rechte des Königs, der Nation, und jedes besondern Standes, aufs genaueste bestimmt, und alle die Anordnungen, welche, nach der gegenwärtigen Beschaffenheit des Reichs, zu dessen Wiederherstellung und Wohlstand am zuträglichsten erachtet werden, zu jedermanns Wissenschaft gebracht werden sollen.2) Dieses allgemeine Gesetzbuch soll in der Scheschianischen Sprache mit einer solchen Deutlichkeit abgefaßt werden, daß der gewöhnlichste Grad des Menschenverstandes und der Erfahrenheit zureichend seyn möge, es zu verstehen. Nichtsdestoweniger soll veranstaltet werden, daß dieses Gesetzbuch hinfür nicht nur einen Hauptgegenstand der öffentlichen Erziehung ausmache, sondern auch von den Priestern jedes Ortes, an gewissen dazu bestimmten Tagen, dem Volke öffentlich erklärt und eingeschärfet werde.3) Nicht nur alle Edlen, Priester und übrige Einwohner von Scheschian, sondern auch der König und seine Nachfolger, sollen schwören, daß sie dieses Gesetzbuch nach allen seinen Artikeln unverletzlich in Ausübung bringen, und weder selbst demselben entgegenhandeln, noch, so viel an ihnen ist, zugeben wollen, daß von jemand dagegen gehandelt werde. Diese Unveränderlichkeit soll ein allgemeiner und unauslöschlicher Charakter aller in dem Buche der Pflichten und Rechte enthaltenen Gesetze seyn; diejenigen Polizei- und Staatswirthschafts-Gesetze allein ausgenommen, die wegen ihrer Beziehung auf zufällige und der Veränderung unterworfene Umstände, dem Gutbefinden des Königs und des Staatsrathes unterworfen bleiben müssen; jedoch mit dem ausdrücklichen Vorbehalte, daß die Veränderungen, welche der Hof jemals in besagten Gesetzen zu machen für nöthig erachten wird, den Grundgesetzen des Buches der Pflichten und Rechte niemals auf einige Weise zuwider laufen dürfen.4) Weil aber geschehen könnte, daß die obrigkeitlichen Personen, welchen der König einen Theil seiner großen Pflicht, die Gesetze zu handhaben und zu vollziehen, anvertrauen muß, in Verwaltung ihres Amtes saumselig werden, oder gar wissentlich und muthwillig denselben entgegenhandeln möchten; nicht weniger, weil besondere Umstände die Aufmerksamkeit des Gesetzgebers aus diese oder jene einzelne Stadt, Gegend oder Provinz nothwendig machen können: so soll in jeder Provinz von Scheschian alle fünf Jahre ein Ausschuß des Adels, der Priesterschaft, der Städte und des Landvolks, aus einer bestimmten Anzahl von freiwillig erwählten und vom Hof unabhängigen Vertretern dieser vier Stände bestehend, in der Hauptstadt der Provinz zusammenkommen, um die Beschwerden der Nation überhaupt oder eines jeden Standes insonderheit in Erwägung zu ziehen, und im Namen der Provinz schriftlich an den König gelangen zu lassen. Und sollte sich, wider Verhoffen, zutragen, daß der König auf einen solchen Vortrag der öffentlichen Beschwerden nicht achtete, oder zu Abstellung derselben nicht die schleunigste Hülfe leistete: so soll derselbe von dem Ausschuß der Stände seiner königlichen Pflicht nachdrücklichst erinnert werden. Falls aber der Hof fortführe, die Beschwerden der Stände mit Gleichgültigkeit anzusehen, so soll es ihnen gestattet seyn, auf diejenige Weise, die für solche Fälle im Gesetzbuche bestimmt werden soll, sich selbst zu helfen.5) Jede Verordnung der königlichen Statthalter und des Königs selbst soll, ehe sie die Kraft eines Gesetzes haben kann, von den Vorstehern der Stände in der Provinz, die es angehet, vorher untersucht und mit dem Buche der Pflichten und Rechte genau verglichen werden. Würde befunden werden, daß die neue Verordnung mit dem Gesetze nicht bestehen könnte, so haben die Vorsteher der Stände, bei Strafe des Hochverraths wider den Staat, solches dem Statthalter oder dem Könige selbst mit den Gründen ihres Widerspruchs anzuzeigen. Und falls der Hof nichtsdestoweniger auf der Rechtmäßigkeit seiner Verordnung bestände, so sollen die Vorsteher schuldig seyn, die Stände selbst zusammenzuberufen; diese aber, wofern sie durch Dreiviertel der Stimmen den Widerspruch der Vorsteher für gegründet und gesetzmäßig erkannt haben würden, sollen hierüber eine förmliche Erklärung an den Hof gelangen lassen, und berechtigt seyn, die Kundmachung einer solchen widergesetzlichen Verordnung, im Nothfall sogar mit Gewalt, zu verhindern. Denn in Scheschian soll nicht der König durch das Gesetz, sondern das Gesetz durch den König regieren.Ihre Hoheit stellen sich leicht vor, fuhr Danischmend fort, wie zufrieden die Nation mit dieser Erklärung ihres neuen Königs gewesen seyn muß, aus welcher stark in die Augen fiel, daß er nichts Angelegner's habe, als unverzüglich sich selbst und seine Nachfolger in die Unmöglichkeit zu setzen, Böses zu thun oder nach bloßer Willkür zu regieren.Ohne Zweifel, sagte Schach-Gebal: ich stelle mir's eben so leicht vor, als ich mir vorstelle, daß ich lieber ein Strauß oder ein Truthahn wie der König der grünen Länder und sein Neffe, als ein Sultan seyn wollte, wenn ich mich alle Augenblicke mit meinen Unterthanen darüber zanken müßte, wer Recht hätte, ich oder sie.Allerdings würde dieß ein gleich unglücklicher Zustand für einen König und für sein Volk seyn, versetzte Danischmend. Aber wenigstens befand Tifan sich nie in diesem Falle.Das kam vermuthlich daher, weil er unter einem besonders glücklichen Zeichen geboren war, sagte der Sultan. Denn gewöhnlicher Weise pflegt ein Volk, sobald es das Recht hat seinem Herrn zu widersprechen, sich der Erlaubniß mit solchem Uebermuth und so lange zu bedienen, bis das Verhältniß umgekehrt ist —der Herr der Unmündige, und seine getreuen Unterthanen der Hofmeister.Ich dächte doch, sagte Danischmend, die Geschichte zeigte uns viel weniger Beispiele, wo das Volk sein Recht, zu widersetzlichen Verordnungen Nein zu sagen, so gröblich gemißbraucht hätte, — als solche, wo Könige, denen niemand widersprechen durfte, Verordnungen machten, welchen nur Strauße und Truthähne zu gehorchen würdig seyn können.Herr Danischmend! sagte der Sultan und hielt inne.Wie dem aber auch seyn mag, fuhr der Philosoph ganz gelassen fort, unter Tifans Regierung (und dieß war nicht weniger als in einem Laufe von fünfzig Jahren) ereignete sich's kaum zwei- oder dreimal, daß die Stände für nöthig erachtet hätten, dem Könige eine solche Vorstellung zu thun. Und jedesmal betraf es bloß Verbesserungen, welche, unter den besondern Umständen der Provinz, worin sie vorgenommen werden sollten, nicht zu rathen waren. Sobald Tifan verständiget wurde, daß die abgezielte Verbesserung wider seine Absicht Schaden thun würde: so nahm er seine Verordnung zurück, und die Vorsteher erhielten ein eigenhändiges Danksagungsschreiben.Du würdest mir einen Gefallen thun, sagte Schach-Gebal, wenn du mir eine Abschrift von einem solchen Danksagungsschreiben verschaffen könntest.Danischmend versprach, sich alle Mühe deßwegen zu geben, und fuhr fort: diese glückliche Harmonie zwischen Tifan und seinem Volke war eben so sehr die Frucht der vortrefflichen Regierungsart dieses Fürsten, als der weisen Gesetze, auf die er sie gegründet hatte. Die Scheschianer waren weder lenksamer noch besser als irgend ein andres Volk in der Welt. Noch vor kurzem hatten sie sich in einem so tiefen Grade von Verderbniß befunden, daß ein Wunderwerk vonnöthen schien, um sie wieder zu geselligen Menschen und guten Bürgern zu machen; und es äußerten sich, ungeachtet der bessern Seele welche Tifan ihnen bereits eingehaucht hatte, allenthalben noch die Wirkungen des sittlichen Giftes, wovon die ganze Masse des Staats so lange durchdrungen gewesen war. Tifans Nachfolger hatte in diesem Stücke einen großen Vortheil. Ihm kostete es wenig Mühe, ein wohlgesittetes, an die Ordnung gewöhntes, und ein halbes Jahrhundert lang von dem Geist eines weisen und guten Fürsten beseeltes Volk, nach Gesetzen, die dem größten Theil durch die Erziehung zur andern Natur geworden waren, zu regieren. Aber Tifan, dem niemand vorgearbeitet hatte; der das Reich in einem Zustande von Zerrüttung und Verwilderung übernahm; der so vielfältigen und großen Uebeln abzuhelfen hatte; der nicht etwan bloß ein wildes Volk zahm oder ein barbarisches gesittet machen, sondern einen durchaus verdorbenen Staat mit frischem Blut und neuen Lebenskräften versehen mußte: Tifan konnte ein so großes Werk nicht anders als durch einen Grad von Tugend, der selten das Loos eines Sterblichen ist, zu Stande bringen. Jede Schwachheit, jedes Laster, womit er behaftet gewesen wäre, würde seinen ganzen Plan vereitelt haben.Aber Natur, Erziehung und standhafter Vorsatz, alle seine Pflichten in der möglichsten Vollkommenheit zu erfüllen, vereinigten sich bei ihm, ihn von den gewöhnlichen Schwachheiten und Ausschweifungen der meisten Personen seines Ranges frei zu erhalten. Der Natur hatte er ein Herz zu danken, das im Wohlthun und in der Freundschaft sein höchstes Vergnügen fand, und seiner Erziehung den unschätzbaren Vortheil, wenig Bedürfnisse zu haben. Nüchternheit, Mäßigkeit, und Gewohnheit sich immer nützlich zu beschäftigen, machten ihm Arbeiten, vor welchen andre Fürsten gezittert hätten, beinahe zum Spiele. Seine Ergötzlichkeiten waren bloß Erholungen von der Arbeit. Er suchte sie bei den schönen Künsten, oder im Schooße der Natur und in dem Vergnügen eines zwangfreien, freundschaftlichen Umgangs. Wenig um die Meinung bekümmert, die der unverständige Haufe von ihm haben könnte, und zu groß um durch äußerlichen Pomp und Schimmer diesen Pöbel verblenden zu wollen, aber äußerst empfindlich für das Vergnügen geliebt zu werden, kannte er keinen andern Ehrgeiz, als den Wunsch, der geliebte Vater eines glücklichen Volkes zu seyn. Keine Anstrengung, keine Mühe, keine Nachtwache war ihm beschwerlich, um diesen schönsten unter allen fürstlichen Titeln zu verdienen.Zu allem diesem kam ein Umstand, ohne welchen der beste Wille den tugendhaftesten Fürsten vor dem Unglück übel zu regieren nicht verwahren kann. Tifan hatte beinahe lauter rechtschaffene Leute, Männer von eben so aufgeklärtem Geist als edlem Herzen, zu Dienern; und wenn sich auch hier oder da ein Heuchler mit einzuschleichen wußte, so mußte ein solcher doch sein Spiel so behutsam spielen, daß der Schade, den er thun konnte, sehr unbeträchtlich war.Auch dieß ist sehr glücklich, sagte Schach-Gebal. Dein Tifan hatte gut alles zu seyn was du willst; die ganze Natur scheint sich zum Vortheile seines Ruhms zusammen verschworen zu haben.Vielleicht ließe sich wohl behaupten, erwiederte der ehrliche Danischmend, daß manche Fürsten in diesem Stücke mehr glücklich als weise gewesen sind. Zu gutem Glück für sie und für ihre Unterthanen traf sich's gerade, daß sie meistens ehrliche Leute aus dem Glückstopfe zogen; denn so wie sie es anfingen, hätte das Gegentheil eben so leicht begegnen können. Aber von Tifan kann man sagen, daß er außerordentlich unglücklich gewesen seyn müßte, wenn er und der Staat nicht wohl bedient gewesen wären. Er war so sorgfältig in der Wahl seiner Leute, und verstand sich so gut auf den Werth der Menschen, um nicht leicht betrogen zu werden. Er war zu sehr Meister von sich selbst, um sich durch den Schein einnehmen zu lassen; und wußte zu gut, was für ein Charakter, was für Geschicklichkeiten und Tugenden zu jedem Amt erforderlich waren, um in den Fehler so vieler Fürsten zu fallen, welche mit den besten Dienern bloß deßwegen nichts ausrichten, "weil sie keinen an seinen rechten Platz zu stellen wissen."Schwache und sorglose Regenten verdienen ihr gewöhnliches Schicksal, von dem Abschaum des menschlichen Geschlechtes umgeben zu seyn. Das bescheidne Verdienst steht von ferne; es scheuet sich vor dem ungestümen Gedränge oder den geheimen Ränken derjenigen, welche den Hof der Fürsten nur suchen um ihr eignes Glück zu machen: es will eingeladen seyn. Aber wie sollte ein schwacher Regent es entdecken können? Unter einem schlimmen geht es noch ärger. Jener übersieht die Tugend nur; vor diesem muß sie sich verbergen; bei jenem ist sie kein Verdienst, weil er sie nicht kennt; bei diesem ist sie ein Verbrechen, weil er sie zu gut kennt.Tifans Charakter, seine Grundsätze, seine Tugenden, sein einnehmendes Betragen, zogen, wie durch eine magnetische Kraft, nach und nach alle verständigen und redlichen Leute von Scheschian, das ist, alle die ihm ähnlich waren, an sich. Kein Verdienst, kein Talent blieb ihm verborgen; er war zu aufmerksam um sie nicht zu entdecken; und die Begierde, einem so vortrefflichen Fürsten bekannt zu werden, erleichterte ihm die Mühe sie zu suchen. Ueberdieß vermied er in Absicht auf diejenigen, die zunächst um ihn waren, einen gedoppelten Fehler, welchen viele Große zu begehen pflegen. Um zu zeigen, daß sie keinen Günstling haben, um keine Eifersucht unter ihren Dienern zu veranlassen, um ihre vollkommne Unparteilichkeit zu beweisen, begegnen sie einem ungefähr wie dem andern, und das größte Talent, das wichtigste Verdienst, sieht sich mit einer Menge mittelmäßiger und verdienstloser Leute in Einen Klumpen zusammen geworfen. Oft geschieht es, daß ein Regent bloß durch übertriebene Zurückhaltung, oder durch das Vorurtheil, "daß ein Diener, wenn er auch alles gethan habe, doch nur seine Schuldigkeit gethan habe," seinen redlichsten und besten Dienern den Muth benimmt, ihren Eifer niederschlägt, und eben deßwegen nicht die Hälfte des Nutzens erhält, den er und der Staat von ihnen ziehen könnten. Noch andre berauben sich der guten Dienste würdiger Männer durch die unglückliche Gemüthsart, "wegen kleiner Fehler den Werth der wichtigsten Vorzüge zu verkennen;" durch immerwährendes Mißtrauen und Geneigtheit, bei allem was Menschen thun, immer die unedelsten Bewegursachen vorauszusetzen; durch die Gewohnheit, ihre Diener um der unerheblichsten Dinge willen zu chicaniren, ihnen kein Verdienst anders als gezwungenerweise, und nur wenn es unmöglich ist noch eine Einwendung dagegen aufzubringen, einzugestehen u. s. f. In allen diesen Betrachtungen verdiente Tifan von den Regenten zum Vorbilde genommen zu werden. Seine unermüdete Aufmerksamkeit; sein aufmunternder Beifall; seine Geneigtheit eher einen Fehler als ein Verdienst zu übersehen; seine Klugheit jeden in sein gehöriges Licht zu stellen, jeden zu demjenigen zu gebrauchen, wozu er die meiste Tüchtigkeit hatte; die Gerechtigkeit womit er sein Vertrauen jedem nach dem Grade des persönlichen Werthes und der wirklichen Verdienste zumaß; sein Bemühen das Unangenehme in einem Auftrage durch die Leutseligkeit seines Tons oder durch eine verbindliche Wendung zu versüßen; die Achtung, womit er seinen Dienern überhaupt zu begegnen pflegte, und womit er sie desto stärker aufmunterte, selbige zu verdienen, weil er gegen alle Fehler, die aus einem schlimmen Herzen oder aus Mangel an Empfindung für Ehre und Rechtschaffenheit entsprangen, sehr streng war: —alle diese Eigenschaften brachten bei seinen Unterthanen eine beinahe wunderthätige Wirkung hervor. Niemals ist ein Fürst von bessern Leuten, und muntrer, sorgfältiger, redlicher bedient worden als Tifan. Wer wollte nicht einem so liebenswürdigen Fürsten dienen? sagte man: er besitzt das Geheimniß, die beschwerlichsten Pflichten zum Vergnügen zu machen, und ein einziger Blick von ihm belohnt besser als die reichsten Belohnungen eines andern. Kein Wunder also, daß Tifans Regierung ein Muster einer weisen und glücklichen Staatsverwaltung war; daß er so große Dinge zu Stande brachte; daß Scheschian unter ihm von der untersten Stufe des Elends bis zum Gipfel der Nationalglückseligkeit emporstieg. Kein Wunder, da er die besten seiner Zeitgenossen zu Gehülfen hatte; da er kein Talent unbenützt, kein Verdienst unbelohnt, aber auch mit eben so vieler Aufmerksamkeit keine Saumseligkeit ungeahndet und keine Bosheit unbestraft ließ; da jede wichtigere Stelle mit dem tüchtigsten und redlichsten Manne, den er finden konnte, besetzt war; kurz, da alle Kräfte des Staats in der schönsten Uebereinstimmung einander unterstützten und förderten, um den gemeinschaftlichen Zweck der öffentlichen Wohlfahrt zu bearbeiten.Danischmend, sagte der Sultan, ich bin noch nie besser mit dir zufrieden gewesen als heute. Ich fühle wohl, daß es in gewissem Sinn eine sehr nachtheilige Sache ist Sultan zu seyn. Aber ich bin doch nicht so sehr Sultan, daß ich mich schämen sollte, noch immer etwas zu lernen. Wenn du mir einen Dienst thun willst, so lass' mir die vornehmsten Maximen deines Tifans über die Wahl seiner Diener, und sein Betragen gegen sie, mit goldnen Buchstaben in ein schönes Buch zusammen schreiben. Ich gebe dir mein Wort dafür, daß es — immer neben meinem Kopfkissen liegen soll.
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11.

Der Sinesische Uebersetzer bedauert, daß er, alles Nachforschens ungeachtet, das Buch mit den goldnen Buchstaben, welches Danischmend für den Sultan Gebal verfertigen lassen mußte, nicht habe zu Gesichte bekommen können. Er vermuthet, man habe am Hofe zu Dehly ein Staatsgeheimniß daraus gemacht, oder (welches allerdings noch wahrscheinlicher ist) daß es der goldnen Buchstaben und des prächtigen Bandes wegen in die königliche Kunstkammer gelegt, und durch diese gar zu große Hochschätzung der Welt eben so unnütz gemacht worden sey, als wenn man es unter eine von den Pyramiden bei Kairo vergraben hätte. Da wir also außer Stande sind, die vermuthliche Neugier unsrer Leser durch Mittheilung eines Buches zu befriedigen, welches (wenn es anders bei der bekannten Ausraubung des Mogolischen Schatzes durch Thamas Kuli-Kan nicht nach Jspahan gekommen ist) vielleicht noch immer in irgend einem Winkel der kaiserlichen Schatzkammer zu Agra verborgen liegt: so bleibt uns nichts übrig, als den wohlmeinenden Danischmend seine Erzählung von der Regierung des Königs Tifan fortsetzen zu lassen so gut er kann.Alle Nachrichten, fuhr er fort, welche sich aus den blühenden Zeiten des Scheschianischen Reiches erhalten haben, vereinigen sich, den Zustand desselben unter Tifans Regierung als den glückseligsten, worin sich jemals eine Nation befunden habe, abzuschildern. Alles, was uns die alten Fabeln oder Ueberlieferungen von dem wonnevollen Leben der ältesten Menschen unter der Regierung der Götter melden, wurde in dieser bewundernswürdigen Regierung wahr gemacht. Die Fremden, welche Scheschian zu Jsfandiars Zeit gesehen hatten, und im dreißigsten Jahre der Regierung Tifans wieder dahin kamen, konnten kaum sich selbst bereden, daß dieß das nämliche Land und das nämliche Volk sey. Alle Provinzen dieses weit gränzenden Reiches standen in voller Blüthe; das Land und die Städte wimmelten von fleißigen, wohlgesitteten und fröhlichen Einwohnern; und unter diesem fast unzählbaren Volke herrschte eine Ruhe, eine Sicherheit, eine Eintracht, welche in Verbindung mit der immer regen Thätigkeit und allgemeinen innerlichen Bewegung, unbegreiflich schien. Das Volk ehrte seine Obern, und liebte seinen eignen Zustand; der Adel schien seiner Vorzüge durch die Tugenden würdig, womit er den Gemeinen vorleuchtete. Kein Richter bog das Recht, kein Finanzeinnehmer stahl, kein Statthalter sog seine Provinz aus. Die Gelehrten hatten —Menschenverstand, die Kaufleute — Gewissen, und (was Ihre Hoheit zu glauben Mühe haben werden) sogar die Priester — Verträglichkeit und Menschenliebe.Nun wahrhaftig, rief Schach-Gebal, wenn dieß nicht durch Feerei zuging, so möchte ich wohl wissen, wie Tifan es machte, solche Verwandlungen zu bewerkstelligen!Durch die einfachste und natürlichste Operation von der Welt, sagte Danischmend —vorausgesetzt, daß ein Fürst die Macht, die Einsichten und den guten Willen Tifans und einen Rathgeber wie Dschengis habe — mit einem Worte: durch gute Gesetze.Dieser erhabenste Theil des königlichen Amtes, und in den damaligen Umständen Scheschians der wichtigste, beschäftigte den Sultan Tifan in den ersten Jahren seiner Regierung mehr als alles übrige. Er bediente sich hierbei anfangs fast ganz allein der Beihülfe seines alten Freundes. Denn so ein weitschichtiges Werk die Gesetzgebung für ein ganzes Volk ist, so schickt sich doch kein andres Geschäft weniger dazu, von vielen Köpfen bearbeitet zu werden.Die erste Frage war: "ob man sich begnügen sollte, die alten Gesetze und Gewohnheiten des Reichs zu verbessern, oder ob zu Erzielung der allgemeinen Wohlfahrt eine ganz neue Gesetzgebung vonnöthen sey?"Dschengis war für die letzte Meinung. "Ein altes, übel gebautes und beinahe schon gänzlich verfallnes Gebäude, sagte Dschengis, muß nicht geflickt, es muß vollends eingerissen, und nach einem bessern Plan neu aufgeführt werden."Nach diesem Begriffe arbeiteten Tifan und Dschengis das Gesetzbuch aus, dessen ich gestern bereits erwähnte; und sobald, mit Zuziehung eines Ausschusses der rechtschaffensten Männer, welche die Regierung Tifans aus der Verborgenheit hervorgelockt hatte, die letzte Hand daran gelegt worden war, wurde es im dritten Jahre Tifans öffentlich kund gemacht, und — weil der König Mittel gefunden hatte, den ansehnlichsten Theil der Priesterschaft auf seine Seite zu bringen — ohne einigen Widerstand in allen Provinzen des Reiches eingeführt.Du verstehst unter der Priesterschaft vermuthlich keine andre; sagte Schach-Gebal, als die Priester des blauen und des feuerfarbnen Affen. Wir kennen diese Herren; und ich begreife alles eher, als wie es Tifan anfing, um sie auf die Seite der gesunden Vernunft zu bringen. Dein Tifan konnte ein wenig hexen, das lass' ich mir nicht ausreden!Freilich trugen die Umstände vieles bei, sein Unternehmen zu erleichtern, versetzte Danischmend. Die ältesten und eifrigsten Verfechter beider Parteien waren theils durch die Verfolgung unter Jsfandiarn, theils durch die bürgerlichen Unruhen aufgerieben worden. Die jungen Priester, welche nun den größten Theil des Ordens ausmachten, glaubten an die Gottheit des blauen oder feuerfarbnen Affen nicht stärker als die ehmaligen Aegyptischen Priester an die Gottheit des Apis und des Krokodils; hingegen hatten sie große Ursache zu glauben, daß der Rest von Ansehen, worin sie noch bei dem Volke standen, in kurzem völlig verschwinden würde, wenn sie sich der gesunden Vernunft und dem gemeinen Besten, welche offenbar aus Tifans ganzer Gesetzgebung athmeten, entgegenstemmen wollten. Zudem hatte man nicht vergessen, sie in den geheimen Unterhandlungen, welche vorher mit ihnen gepflogen wurden, zu überzeugen, daß sie bei der neuen Einrichtung mehr gewinnen als verlieren würden; und wirklich machte sie die neue Gesetzgebung zu einer so unentbehrlichen, ehrwürdigen und in jeder Betrachtung so glücklichen Classe, daß sie, ohne offenbar wider sich selbst und den Staat zugleich zu arbeiten, sich nicht entbrechen konnten die Absichten des Königs zu befördern.Das Buch der Pflichten und Rechte wurde also — —Ohne Unterbrechung, Herr Danischmend, rief der Sultan, besitzt Ihr ein Exemplar von diesem Buche?Bisher, antwortete der Philosoph, hab' ich unter allen Indischen Handschriften in der Bibliothek Ihrer Hoheit weiter nichts als einen unvollständigen Auszug davon hervorstochern können, der aber, wie es scheint, von guter Hand herrühret. Indessen halte ich's für keine Unmöglichkeit, daß sich nicht in irgend einem Theile der Welt das Buch selbst oder wenigstens eine Uebersetzung davon auftreiben lassen sollte.Ich zahle zehntausend Bahamd'or um ein vollständiges Exemplar davon, sagte Schach-Gebal.Danischmend war nicht geldgierig, und wenn er es auch gewesen wäre, so kannte er den Sultan seinen Herrn. Ich zahle zehntausend Bahamd'or für dieß Buch, wollte in seiner Sprache weiter nichts sagen, als: weil es, wie ich höre, nicht zu haben ist, so möcht' ich es haben, es koste was es wolle!Der Philosoph versprach also —nicht, das Unmögliche zu versuchen (wie man bei einer gewissen Nation, die in allen ihren Complimenten sehr hyperbolisch ist, zu sagen pflegt), aber doch, alles Mögliche anzuwenden, um die preiswürdige Neugier Seiner Hoheit zu befriedigen. Inzwischen, fuhr er fort, da es gleichwohl ungewiß ist, ob dieses Buch überall noch in der Welt zu finden seyn mag, so wird es Ihrer Hoheit, wie ich hoffe, nicht zuwider seyn, aus dem besagten Auszug einen ziemlich umständlichen, und, wenn mich nicht alles betrügt; interessanten Begriff von den vornehmsten Gesetzen und Anordnungen des Königs Tifan zu erhalten.Keinesweges, sagte Schach-Gebal: je eher, je lieber!Das ganze Gesetzbuch war in zwei Haupttheile abgetheilt. Der erste begriff die Pflichten und Rechte des Königes; der andere, die Pflichten und Rechte der Nation, sowohl überhaupt, als in allen ihren besondern Gliedern betrachtet.Der erste Theil bestand aus mehr als zwanzig Hauptstücken. Nichts war darin vergessen, was zur genauesten Bestimmung der königlichen Vorrechte gehörte. Dem Könige waren darin alle die Grundregeln vorgeschrieben, welchen er in Ausübung dieser von seinem Amte unzertrennlichen Vorrechte genugzuthun hatte. Sogar seine Hofhaltung und die Einrichtung seines häuslichen Lebens wurde darin an eine gewisse Form gebunden, welche, ohne die Könige mit einem unanständigen und unleidlichen Zwange zu belegen, ihren Begierden Schranken setzte, und ihnen gegen die Weichlichkeit und Unthätigkeit der meisten morgenländischen Fürsten zum Verwahrungsmittel diente.Es ist (sagte Tifan im Eingange des ersten und wichtigsten Theiles seiner Gesetze), es ist ungereimt, während daß man die Rechte und Schuldigkeiten der Bürger aufs genaueste auseinandersetzt, die Rechte und Pflichten des Fürsten, von welchen doch das Wohl des ganzen Staats abhängt, unentschieden und schwankend seiner eigenen Willkür, oder der Auslegung und Bestimmung unzuverlässiger und mit keinem entscheidenden Ansehen bekleideter Rechtsgelehrten zu überlassen. Es ist ungereimt, während daß dem Privatmanne vorgeschrieben ist, wie er sich in jedem möglichen Verhältnisse mit seinen Mitbürgern zu betragen habe, die besondern Beziehungen des Fürsten gegen den Staat zweideutig zu lassen, und, indessen das Gesetz den Bürgern in Erwerbung und Verwaltung ihrer Güter alle möglichen Schranken setzt, dem Monarchen das Eigenthum seines ganzen Volkes Preis zu geben. Belehren uns nicht die Jahrbücher des menschlichen Geschlechtes, wie gefährlich diese widersinnige Nachlässigkeit insgemein für das Glück der Völker, und von Zeit zu Zeit auch für die Ruhe der Fürsten und für die Sicherheit ihrer Thronen gewesen ist? Es ist falsche Politik, sich einzubilden daß es gefährlich seyn könnte, der Majestät durch die genaueste Bestimmung ihrer Rechte die Hände zu binden, und das Volk zu einer beständigen Vergleichung der Handlungen seiner Obern mit der Richtschnur derselben zu berechtigen. Weise Gesetze schränken die königliche Macht in keine andern Gränzen ein, als ohne welche das gemeine Wesen, dessen oberste Diener die Könige sind, immer in Gefahr wäre, von ihnen selbst, oder wenigstens von den Dienern ihrer Diener gemißhandelt zu werden. Die ganze Schöpfung wird von ihrem Urheber (wiewohl er, und er allein, im eigentlichsten Verstande ein unumschränkter Herr ist) nach Gesetzen regiert. Welcher irdische Monarch kann sich für berechtigt halten, willkürlicher regieren zu wollen als Gott selbst? Und wenn dieser oberste Monarch seine Wirksamkeit bloß darum an Gesetze gebunden hat, weil er vollkommen weise und gut ist: aus welchem Bewegungsgrunde könnten Könige, die doch nur Menschen sind und über ihresgleichen herrschen, ungebundene Hände verlangen? — Etwan um Gutes zu thun? Das Gesetz zeichnet ihnen dazu die sichersten Wege vor. Es erspart ihnen die Mühe und die Gefahr, aus tausend Abwegen, die vor ihnen liegen, den rechten Weg auszusuchen: und anstatt sie dem Tadel des Volkes auszusetzen, dient es ihnen zum Schilde gegen alle Mißdeutungen, Vorwürfe und Anmaßungen desselben.Diesem Grundsatze gemäß erklärt und bestimmt Tifan im ersten Kapitel die Pflichten und Rechte des königlichen Amtes überhaupt. Die monarchische Verfassung, insoferne sie durch weise Gesetze eingeschränkt ist, verdient den Namen der vollkommensten Regierungsart eben darum, weil sie der göttlichen am nächsten kommt. Da es vergebens seyn würde, eine vollkommnere erfinden zu wollen, so verordnet Tifan daß Scheschian zu ewigen Zeiten durch einen König regiert werden solle. Der König, sagt er ferner, hat seine Majestät nicht von der Willkür des Volkes, sondern von dem erhabenen Charakter eines sichtbaren Statthalters des obersten Weltbeherrschers. Alle seine Pflichten entspringen aus diesem Charakter, und alle seine Rechte aus — seinen Pflichten. Denn jede Pflicht schließt ein Recht an alles dasjenige, ohne welches sie nicht ausgeübt werden kann, in sich. Sobald ein König von Scheschian unglücklich genug wäre, seine Pflichten abzuschütteln, so hätte er in dem nämlichen Augenblick auch seine Rechte verloren.Der Vorzug, selbst der Schöpfer seiner Unterthanen zu seyn, ist ein unterscheidendes Vorrecht der Gottheit. Nichtsdestoweniger kann der König in gewissem Sinne der Schöpfer seines Volkes werden, indem er die Vermehrung desselben so viel immer möglich ist begünstiget; und dieß ist seine erste Pflicht.Die zweite, worin er sich nicht weniger als einen Nachahmer der Gottheit zeigt, ist die unverwandte Vorsorge, seinem Volke (vorausgesetzt daß dieses es an der pflichtmäßigen Anwendung seiner eigenen Kräfte nicht ermangeln läßt), Unterhalt und Ueberfluß des Unentbehrlichen zu verschaffen. Wenn auf diesem ganzen Erdenrunde Menschen sind, die an dem Unentbehrlichen Mangel leiden, so liegt es wahrlich nicht an der Kargheit der Natur; denn diese hat Vorrath genug, zehnmal mehr Menschen, als sich jemals zugleich auf ihrer Oberfläche befunden haben, reichlich zu ernähren. An den Statthaltern der Gottheit ganz allein liegt die Schuld; denn in ihren Händen liegt die Macht, einer allzugroßen Ungleichheit vorzubauen; dem Müßiggang keine Duldung zu bewilligen; den Fleiß aufzumuntern; für den möglichsten Anbau der Ländereien zu sorgen; Vorrathshäuser für künftige Nothfälle zu unterhalten; den Provinzen zum Umsatz und Vertrieb ihrer Producte alle von ihm abhangende Bequemlichkeit zu verschaffen; und (was die unentbehrlichste Bedingung der Bevölkerung sowohl als des Wohlstandes eines jeden Staates ist) die Sitten ihrer Völker zu bilden, und, wenn sie einmal gut sind, sie rein und unverdorben zu erhalten.Auf diese Weise entwickelt Tifan nach und nach alle übrigen Pflichten, welche aus der großen Pflicht der Vorsorge für den Staat entspringen, und deren jeder in der Folge ein eigenes Hauptstück gewidmet ist. Er bezeichnet sie durch kurze allgemeine Formeln, in welchen, mit eben so viel starken Zügen als Worten, der König als Gesetzgeber, als Richter als Verwalter der Staatswirthschaft, als Beschützer des Staats, als Aufseher der Religion und der Sitten, als Beförderer der Wissenschaften und Künste, und, was den Grund zu allen diesen Verhältnissen legt, als der allgemeine Vater und Pfleger der Jugend des Staats, dargestellt wird.Nichts kann feierlicher seyn als die Apostrophe an die Könige seine Nachfolger, womit er dieses Hauptstück schließt. — "Welch ein Umfang von großen, von äußerst wichtigen Pflichten! ruft der erhabene Gesetzgeber aus. Wisset, ihr Könige, die ihr einst auf Tifans Stuhle sitzen, und den furchtbaren Eid der Treue gegen den König der Könige, und gegen das Volk, das seine Vorsehung euch anvertrauet hat, auf dieses geheiligte Gesetzbuch schwören werdet, wisset, daß meine Hand zitterte, da ich diese Pflichten niederschrieb; daß ein Schauer meine Seele durchfuhr, da ich ihren ganzen Umkreis überdachte. Diese Gesetze, welche wir beschworen haben, werden unsre Richter seyn! Je nachdem wir unser großes Amt wohl oder übel verwaltet haben, wird eine Nachwelt, die uns nichts als Gerechtigkeit schuldig ist, unser Andenken ehren und segnen, oder unsre ruhmlosen Namen mit Verachtung aus dem Buche der Könige auslöschen; und wegen alles Guten, welches wir zu thun unterlassen, wegen alles Bösen, welches wir gethan haben, wird dereinst ein unerbittlicher Richter Rechenschaft von unserer Seele fordern!"In den nächstfolgenden Hauptstücken werden die besondern Pflichten des königlichen Amtes einzeln genauer entwickelt, und die Art und Weise, wie sie auszuüben, durch besondere Gesetze bestimmt. Dieser Ordnung zufolge macht die gesetzgebende Macht des Königs den Gegenstand des zweiten Hauptstückes aus. Es werden darin die Fälle angegeben, in welchen der König berechtiget ist neue Gesetze zu geben, nachdem sie von den Vorstehern der Stände geprüft und dem Buche der Pflichten und Rechte nicht entgegenstehend befunden worden. Hauptsächlich aber beschäftigt sich Tifan darin mit Anordnung der Mittel, wodurch die Gesetze in jener immer lebhaften Wirksamkeit erhalten werden können, ohne welche der Staat von der besten Gesetzgebung wenig Nutzen ziehen würde. Zu diesem Ende wird nicht nur (wie oben bereits erwähnt worden) dem Ausschusse der sämmtlichen Stände des Reiches das Recht zugestanden, in ihren gesetzmäßigen Versammlungen die Beschwerden, welche durch Uebertretung oder Mißbrauch eines Gesetzes veranlaßt würden, dem Könige vorzulegen: sondern es werden auch für jede Stadt, und jeden der kleinen Bezirke, in welche die Provinzen zu diesem Ende abgetheilt worden, besondere Aufseher angeordnet, deren Amt ist, auf die Befolgung der Gesetze genaue Acht zu haben, jede Verletzung derselben anzumerken, und alle Monate darüber an den Oberaufseher der ganzen Provinz umständlichen Bericht zu erstatten, damit von diesem sogleich an den König selbst berichtet, und dem Uebel mit den gehörigen Mitteln in Zeiten begegnet werden könne.Uebrigens wird in diesem Hauptstücke allen und jeden Einwohnern von Scheschian bei Strafe der ewigen Landesverweisung untersagt, Auslegungen oder Glossen über das Buch der Pflichten und Rechte zu verfassen, oder irgend ein darin enthaltenes Gesetz, unter welchem Vorwand es auch geschehen könnte, zu einem Gegenstande der Privatuntersuchung zu machen. Und falls jemals über den Verstand eines Gesezes, oder die Anwendung desselben in einem besondern Falle, ein billiger Zweifel entstehen sollte, so kommt zwar dem Könige das Recht der Auslegung oder Erklärung zu: jedoch soll dieselbe in keinem andern, wiewohl ähnlichen, Falle angezogen oder zur Richtschnur genommen werden; es wäre denn, daß sie, mit Einwilligung der Stände des Reichs, die Form und Kraft eines ewig gültigen Gesetzes erhalten hätte.Im dritten Hauptstücke wird die Bevölkerung des Staats als einer der wichtigsten Gegenstände der königlichen Vorsorge betrachtet. Die ganze bisherige Verfassung von Scheschian (sagt Tifan), der Despotismus der Regierung, die Religion der Bonzen, die unmäßige Größe der Hauptstadt, der Mangel an Aufmerksamkeit auf den Zustand der Provinzen, die Unterdrückung und Ausplünderung des Volkes durch Abgaben, die der Einnahme desselben nicht gemäß waren und durch die bloße Art des Bezugs schon unerträglich wurden, endlich der zügellose Luxus und die Verderbniß der Sitten; dieser Zusammenfluß von Uebeln hatte das Reich binnen einem Jahrhundert unvermerkt auf die Hälfte seiner ehmaligen Einwohner herabgeschmelzt, als die letzten Jahre Jsfandiars und die darauf erfolgte Zerrüttung das allgemeine Elend vollendeten. Die Entvölkerung der Städte und der verödete Zustand ganzer Provinzen hat die Einführung fremder Colonien unentbehrlich gemacht. Aber weder dieses noch irgend ein anderes von den Mitteln, die von einigen Fürsten in solchen Fällen angewandt worden sind, kann die abgezielte Wirkung thun, so lange jene Uebel fortdauern, von welchen die Entvölkerung eines Staates die nothwendige Folge ist, oder sobald ihnen der Zugang wieder eröffnet würde. Das gründlichste und unfehlbarste Bevölkerungsmittel ist demnach eine Gesetzgebung, durch welche nicht die Zufälle der Entvölkerung überpflastert, sondern die Ursachen derselben mit der Wurzel ausgerottet werden. — Dieses war eine der großen Absichten der Gesetze Tifans; und da das ganze System derselben alle zu Hervorbringung dieser Absicht erforderlichen Mittel in sich faßte, so blieb dem folgenden König nichts übrig, als mit der genauesten Sorgfalt über der Beobachtung dieser Gesetze zu halten, und jeden Mißbrauch, der sie unvermerkt hätte unkräftig machen und untergraben können, sogleich im Keime zu ersticken.Uebrigens läßt sich aus einer Stelle dieses Capitels schließen, daß Tifan auch in den Ehegesetzen der Scheschianer beträchtliche Aenderungen vorgenommen habe. Allein da sie ein besonderes Hauptstück des zweiten Theils seines Gesetzbuchs ausmachen, so läßt sich, bis man eine vollständige Abschrift desselben gefunden haben wird, weiter nichts davon sagen, als daß der ehelose Stand durch Tifans Gesetze niemanden verstattet wurde, der nicht eine angeborne oder zufällige körperliche Untüchtigkeit von der unverbesserlichen Art gerichtlich erweisen konnte.Aber, Herr Danischmend, sagte der Sultan, ich möchte wohl wissen, wie du mir den Zweifel auflösen wolltest, der mir in diesem Augenblicke gegen Tifans Grundsätze über die Bevölkerung einfällt. Ich setze voraus (was doch in der That kaum zu glauben ist), daß er wirklich alle physischen, politischen und sittlichen Hindernisse, welche der Vermehrung eines Volkes nachtheilig sind, glücklich aus dem Wege geräumt habe; was wird die Folge davon seyn? Seine Scheschianer werden sich vermehren wie die Kaninchen; in kurzem werden sie nicht mehr Raum genug haben neben einander zu wohnen; und der bloße Mangel an Unterhalt wird endlich eine ärgere Verwüstung unter ihnen anrichten, als Despotismus, Schwelgerei, Bonzen, Tänzerinnen, Aerzte und Apotheker zusammengenommen nicht anzurichten vermocht hätten. — Wie oft, sagt man, muß sich ein Volk ordentlicher Weise verdoppeln, Danischmend?Die Auflösung dieser Frage, versetzte Danischmend, hängt von einer Menge zufälliger Umstände ab, welche das verlangte allgemeine Zeitmaß, insofern es richtig seyn soll, unmöglich zu machen scheinen. Gleichwohl, da sich mit gutem Grunde voraussetzen läßt, daß unter einem Volke, wie wir uns das neue Geschlecht von Menschen, welches die Gesetzgebung Tifans in Scheschian bildete, vorstellen müssen, das ist, unter der gesundesten, nüchternsten, mäßigsten, fröhlichsten und gutartigsten Nation von der Welt, die Leute natürlicher Weise ungleich länger leben, und die Ehen viel länger fruchtbar sind als bei allen andern Völkern: so können wir, däucht mich, ohne Bedenken annehmen, daß sich die Anzahl der Einwohner Scheschians unter besagten Umständen in hundert Jahren wenigstens zweimal verdoppelt haben müsse; und dieß macht freilich in zweihundert Jahren eine ungeheure Summe aus."Und woher sollen alle diese Menschen ihren Unterhalt nehmen?"Ich setze (vermöge einer Berechnung, womit es unschicklich wäre Ihrer Hoheit beschwerlich zu fallen) voraus, daß Scheschian, auf dem Grade der Vollkommenheit, wozu Tifan den Anbau des Landes brachte, vermögend war, wenigstens hundert Millionen arbeitsamer und mäßig lebender Menschen zu ernähren."Dieß nenn' ich viel, Herr Danischmend, wofern ihr euch nicht verrechnet habt. Aber setzen wir immer, daß es so gewesen sey; woher sollen zweihundert, vierhundert, achthundert, sechzehnhundert, und alle die unzähligen Millionen, welche am Ende der zwanzigsten Generation vorhanden seyn werden, ihren Unterhalt bekommen? Ich wollte wetten, daß zuletzt nicht einmal Luft genug in der Welt wäre, sie zu nähren, wenn sie auch von bloßer Luft leben könnten."Und dazu kommt noch ein Umstand, sagte die schöne Nurmahal, der dem armen Danischmend eine Gelegenheit entzieht, wodurch er die Anzahl seiner Scheschianer von Zeit zu Zeit merklich hätte vermindern können. Wenn Tifans Nachfolger ihrem Vorbilde nur einigermaßen ähnlich waren, und wenn sich also die Verfassung, welche dieses Reich von Tifan empfing, einige Jahrhunderte erhalten hat, wie man von einer so vollkommenen Gesetzgebung nicht anders erwarten kann: so ist nicht begreiflich, wie Scheschian in dieser ganzen Zeit in einen Krieg von einiger Bedeutung hätte sollen verwickelt werden können. Wer hätte sich unterstehen wollen, einen solchen Staat anzugreifen oder sich ihn zum Feinde zu machen? Und was in der Welt hätte einen König von Scheschian bewegen können, selbst der Angreifer zu seyn?Die Ehre seiner Krone kann den besten König nöthigen, einen Krieg anzufangen, oder an den Händeln seiner Nachbarn Antheil zu nehmen, sagte Schach-Gebal. Doch, wir wollen diese Betrachtung gelten lassen was sie kann: immer seh' ich nicht ab, wie sich Freund Danischmend dießmal aus der Sache ziehen wird.Bald würden mir Ihre Hoheit bange machen, erwiederte der Doctor. Gleichwohl ist diese Vevölkerungssache so schlimm nicht als sie beim ersten Anblicke scheint. Je mehr sich die Bewohner von Scheschian vervielfältigen, je mehr Hände haben sie die Natur zu bearbeiten; eine Quelle, welche desto ergiebiger ist, je größer die Zahl derer ist die aus ihr schöpfen. Und wer kann das Maß und die Gränzen ihrer Fruchtbarkeit bestimmen? Ueberdieß nimmt auf der einen Seite mit der Zahl der Menschen auch die Summe ihrer Bedürfnisse, und folglich auch der Hände zu, die ihrentwegen in Arbeit gesetzt werden müssen und von dieser Arbeit leben; so wie auf der andern Seite Fleiß und Erfindsamkeit durch die immer nahe Gefahr des Mangels angespornt werden, die Künste zu einer Vollkommenheit zu bringen, wodurch ihnen vermittelst des auswärtigen Handels eine Menge andrer Völker zinsbar wird. Reicht endlich alles dieß nicht zu, nun so werden wir uns freilich entschließen müssen, die Bienen zum Muster zu nehmen, und von Zeit zu Zeit die jungen Schwärme zu nöthigen, sich andre Wohnsitze auszusuchen; es sey nun, indem ein großer Theil der Scheschianer sich einzeln in fremde Länder zerstreut, wo fleißige und geschickte Ankömmlinge allezeit willkommen seyn werden; oder indem der Staat selbst Colonien aussendet, welche sich auf entlegenen Küsten niederlassen, Künste und Sitten zu barbarischen Völkern tragen, und durch das nämliche Mittel, wodurch sie ihren eigenen Zustand verbessern, zugleich Wohlthäter des menschlichen Geschlechtes werden. Wie viele und große Inseln, wie viele bewohnbare Gegenden des festen Landes liegen entweder noch ganz öde, oder sind doch lange nicht so bewohnt und angebaut, daß sie nicht noch Raums genug für viele Millionen neuer Ankömmlinge haben sollten, welche, anstatt ihren Unterhalt durch die Jagd in unermeßlichen Wildnissen zu suchen, die Werkzeuge des Ackerbaues und der Künste mit sich bringen, wodurch der zehnte Theil des Bezirks, worin hundert Wilde kümmerlich ihrem Hunger wehren, zu einer reichen Vorrathskammer für hundertmal so viel gesittete Familien gemacht wird!Sehr wohl, sehr wohl, sagte der Sultan lächelnd: und wenn dieß auch nicht zureicht, Herr Danischmend, nun, so haben wir ja auf den Nothfall noch Heuschrecken, Pestilenz, Erdbeben und Ueberschwemmungen, welche uns die Mühe ersparen können, eine kleine Abänderung in den Gesetzen des weisen Tifans zu machen."Ich hoffe, wir werden nicht vonnöthen haben, die Natur um eine so grausame Hülfe anzurufen. Sie hat schon auf eine andre Weise dafür gesorgt, daß, bei allen möglichen sittlichen Beförderungsmitteln der Bevölkerung, dennoch nicht leicht ein gefährliches Uebermaß derselben zu besorgen ist. Die Vermehrung steht, nach einer allgemeinen Beobachtung, in einem selten ungleichen Verhältnisse mit der mehrern oder mindern Leichtigkeit, die das Volk hat, seinen Unterhalt zu gewinnen. Und gesetzt auch, einer von Tifans Nachfolgern hätte sich endlich genöthiget gesehen, dem Verbot des ehelosen Standes etwas weitere Gränzen zu setzen: würde nicht diese Nothwendigkeit selbst den stärksten Beweis von der Vortrefflichkeit der Gesetze Tifans ausgemacht haben?"Bei allem dem, fuhr Schach-Gebal in seinem einmal angenommenen Tone fort, mag es in Scheschian jährlich eine hübsche Anzahl Findelkinder gegeben haben, Herr Danischmend?Eine sehr ansehnliche, allem Vermuthen nach, sagte der Philosoph: aber desto besser für den König, oder eigentlicher zu reden, für den Staat!Wie so, fragte der Sultan.Um Ihre Hoheit nicht mit Räthseln aufzuhalten, so muß ich sagen, daß es, von Tifans Zeiten an, eigentlich gar keine Findelkinder in Scheschian gab; — denn von unehelichen war die Rede nicht mehr. Tifans Gesetze hatten dafür gesorgt, daß Natur und Liebe sich niemals in der traurigen Nothwendigkeit befinden konnten, das Süßeste und Wertheste, was beide haben, verläugnen zu müssen. Aber in allen Städten und andern schicklichen Plätzen waren Häuser angelegt, wo die Kinder der Tagelöhner und der Dürftigen (sobald die Last der Ernährung und Erziehung derselben den Eltern zu schwer fiel) auf Unkosten des Königs erzogen wurden.Dein Tifan war ein seltsamer Cameralist, rief Schach-Gebal aus.Dieß war er auch in der That, wie Ihre Hoheit aus einem der folgenden Kapitel seiner Gesetze sehen werden. Indessen fiel diese Einrichtung, durch die Art wie sie veranstaltet war, dem Staate gar nicht schwer, und verschaffte ihm hingegen einen vielfachen beträchtlichen Nutzen. In den meisten andern Staaten vereinigen sich Dürftigkeit, ungesunde Nahrung und durchgängige Verwahrlosung der Leiber und der Seelen, aus den Kindern der Tagelöhner und der untersten Classe der Handwerksleute eine Art von Geschöpfen zu machen, die von der dümmsten Art von Vieh kaum durch etwas andres als einige, wiewohl öfters sehr unvollkommene, Aehnlichkeit mit der menschlichen Gestalt zu unterscheiden sind. In Scheschian war es ganz anders. Da die Eltern dieser Kinder (außer einem geringen Beitrage, den sie zum Unterhalt derselben bis ins siebente Jahr, das ist, bis sie durch die Arbeit, wozu sie angehalten wurden, ihre Nahrung selbst verdienen konnten, von ihrem Verdienste abgeben mußten) bloß für ihren eigenen Unterhalt zu sorgen hatten, den sie durch eine nicht übermäßige Arbeit reichlich erwerben konnten: so brachten sie zu einem Geschäfte, welches die Natur zum Besten der Menschheit mit so vielem Reize verbunden hat, mehr Lust, Munterkeit und Kräfte, als man von andern ihresgleichen, unter den elenden und drückenden Umständen, worin sie in den meisten Ländern schmachten, erwarten kann. Sie zeugten also auch gesundere, stärkere und schönere Kinder; und die weisen Anstalten, welche Tifan zu Erziehung derselben getroffen hatte, waren eben so viele Pflanzschulen, worin dem gemeinen Wesen nützliche Mitglieder von allen Arten gebildet wurden.In den meisten andern Staaten würden solche Anstalten, aus Mangel kluger Einrichtung und guter Aufsicht, in kurzem ausarten, und den gemeinnützigen Zweck nur auf eine sehr unvollkommene Weise befördern. Aber hier hatte Tifan für alles gesorgt. Alle in dergleichen öffentlichen Erziehungshäusern sonst gewöhnlichen Mißbräuche waren unmöglich gemacht. Diese Kinder genossen unter dem Namen der Pflegekinder des Königs den unmittelbaren königlichen Schutz. Die Könige selbst, welche das Gesetz nach dem Beispiele Tifans zu beständigen Reisen durch die verschiedenen Provinzen des Reichs verpflichtete, kamen von Zeit zu Zeit, den Zustand ihrer Pflegekinder zu untersuchen, und die geringste Untreue oder Saumseligkeit auf Seiten der Personen, welche als Bediente oder als Lehrmeister und Aufseher bei diesen Häusern angestellt waren, wurde so scharf bestraft, ein pflichtmäßiges Betragen hingegen, nach Verfluß einer gewissen Zeit, so wohl belohnt, daß Fremde, welche diese sonderbaren Stiftungen sahen, sich nicht genug darüber wundern konnten — daß es so leicht sey, gute Anstalten in der besten Ordnung zu erhalten.In der That, ich lasse mir diese Einrichtung gefallen, sagte Schach-Gebal. Aber was machte Tifan mit so vielen Pflegekindern?Es scheint nicht, daß er jemals über ihre Menge verlegen gewesen sey, antwortete Danischmend. Die stärksten aus ihnen wurden zum Soldatenstand, oder zu andern Verrichtungen, welche vorzügliche Leibeskräfte erfordern, erzogen; und die unfähigsten waren doch immer zu irgend einer mechanischen Arbeit gut genug. Ein großer Theil ging als Dienstboten in die Häuser der Edeln und Begüterten über; mit einem andern Theile wurden die Fabriken besetzt, welche Tifan in großer Anzahl angelegt hatte; und diejenigen, bei denen man eine Anlage zu höhern Talenten, oder den Genie irgend einer schönen Kunst entdeckte, wurden in dem gehörigen Alter ausgeschossen, und in andern ihrer Fähigkeit angemessenen Anstalten zu ihrer Bestimmung zubereitet.Danischmend, sagte der Sultan, merke dir, daß wir nächstens das weitere von dieser Sache sprechen wollen. Du sollst mir einen Plan vorlegen, — verstehst du mich? Gute Beispiele verdienen Nachfolger. Für heute haben wir genug.
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12.

Der Sinesische Uebersetzer, ohne der besondern Unterredungen des Sultans Gebal mit seinem Hofphilosophen, und der Entwürfe oder wirklichen Anstalten, welche vermuthlich die Früchte davon waren, weiter Erwähnung zu thun, begnügt sich auf seinem bisherigen Wege fortzuschreiten, und berichtet uns, daß der Sultan des folgenden Abends, da die Rede wieder von Tifan und seiner Gesetzgebung gewesen, das Gespräch auf seinen Lieblingsgegenstand, auf die Staatswirthschaft, gelenkt, und ein großes Verlangen bezeigt habe, zu wissen, wie dieser Fürst so große Ausgaben, als er, nach einigen Proben zu urtheilen, sich selbst aufgelegt, habe bestreiten können? Diese Neugier Seiner Hoheit hätte zu einer sehr umständlichen Erörterung der Sache geführt, wovon er, da einem Sinesischen Prinzen über diese Rubrik nichts gesagt werden könne was er nicht zu Hause eben so gut finde, sich begnügen würde, folgenden Auszug zu liefern.Die Schriftsteller, sagte Danischmend, aus welchen ich meine Nachrichten von Tifans Grundsätzen über das Finanzwesen und über die Staatsökonomie gezogen habe, erzählen uns davon Dinge, die beim ersten Anblicke sehr seltsam, wo nicht gar unglaublich klingen. Tifan rühmte sich (sagen sie) wenige Tage vor seinem Tode gegen seinen Nachfolger, daß er ihm einen Schatz hinterlasse, dergleichen kein einziger von allen Königen Asiens aufzuweisen habe. Es ist wahr, sagte er, in meiner Casse wirst du keinen großen Vorrath antreffen: aber ich hinterlasse dir sechzig Millionen vergnügte, wohlgenährte, wohlgekleidete, wohlgesittete, fleißige und unsrer Regierung wohlgeneigte Unterthanen, welche, sobald du sie zum Besten des Staats vonnöthen hast, mit allen ihren Fähigkeiten, mit allem ihrem Vermögen, mit allem Blut in ihren Adern, freiwillig dein eigen sind. Ich hinterlasse dir Städte, die von arbeitsamen und geschäftigen Menschen wimmeln, und Landschaften, die einem blühenden Garten ähnlich sind. Wie sehr anders sah dieß alles aus als ich König wurde! Aber fünfzig Jahre, mein Sohn, sind eine schöne Zeit für einen König, der den Willen hat Gutes zu thun, und der alle seine Unterthanen zu Gehülfen zu machen weiß. Auch hoffe ich, du wirst in diesem ganzen Reiche keine verfallene Stadt wieder herzustellen, keinen Sumpf auszutrocknen, keine Einöde zu bevölkern und anzupflanzen übrig finden. Die Provinzen deines Reichs sind wie die Glieder Eines gesunden und vollblühenden Körpers; Ein gemeinschaftlicher Lebenssaft strömet durch sie hin; jede dient der andern, jede unterstützt die andre; jede trägt das Ihrige bei, das Ganze vollkommner zu machen, und erhält vom Ganzen Lebenswärme und Nahrung, und jeden Beistand dessen sie benöthigt seyn kann. Jede Classe des Staates ist was sie seyn soll, und Ein durch sie alle ausgegossener Geist der Eintracht und Vaterlandsliebe verbindet sie zum allgemeinen Besten. Die Jugend einer jeden Classe wird zu ihrer künftigen Bestimmung erzogen. Alle eitle Gelehrsamkeit ist aus Scheschian verbannt; die Akademie der Wissenschaften ist in eine Werkstatt nützlicher Erfindungen, in eine Schule der Weisheit, der Tugend und des Geschmacks verwandelt. Nenne mir eine Geschicklichkeit und Kunst, die zum Wohlstand eines Volkes anwendbar ist, und in Scheschian nicht Aufmunterung und Belohnung finde. Und nun, mein Sohn, gestehe, daß dein Vater ein guter Wirthschafter war, und folge seinem Beispiele.Die Wahrheit von der Sache war, daß Tifans Nachfolger an dem Tage da er den Thron bestieg, —zwar keine Schulden, aber wirklich kaum so viel Geld in der Schatzkammer fand, als der reichste Kaufmann zu Scheschian in seiner Casse liegen hatte. Welch eine Wirthschaft!Bei den meisten andern Fürsten ist nichts willkommner, als ein Project aus hundert Taels, die in die Schatzkammer fließen, zweihundert zu machen. Bei Tifan würde mit allen Projecten, wobei es darauf ankam die Unterthanen ärmer zu machen, nichts als ein Platz im Zuchthause zu verdienen gewesen seyn. Bringt mir Vorschläge, pflegte er zu sagen, die Scheschianer klüger, besser, arbeitsamer, geschickter und glücklicher zu machen! Je mehr sie alles dieß sind, desto reicher werden sie seyn: und bin ich nicht reich genug, wenn es meine Scheschianer sind?Noch eine Seltsamkeit! In allen andern Staaten, oder doch beinahe in allen, pflegen die Auflagen auf das Volk unvermerkt (oft auch sehr merklich) zuzunehmen. Die Bedürfnisse des Staats, sagt man, werden immer größer: und da in den meisten das Vermögen des Volkes in eben der Maße abnimmt wie die Staatsbedürfnisse zunehmen; so kommt zuletzt der Augenblick, wo das Volk, gerade wann der Staat am meisten bedarf, nichts mehr zu geben hat. In Scheschian war dieß ganz anders eingerichtet. Tifan verstand die Kunst große Dinge mit wenigen Kosten zu thun; welches ungefähr eben so viel ist, als die Kunst der alten Helden, mit kleinen Heeren große Siege zu erfechten. Gleichwohl war es nicht anders möglich, als daß die Scheschianer anfangs alle ihre Kräfte aufbieten mußten, um die großen Summen zu erschwingen, die zur Ausführung seiner Anstalten zum gemeinen Besten vonnöthen waren. Aber schon im zehnten Jahre seiner Regierung sah er sich im Stande, die Last des Volkes merklich zu vermindern; und in den letzten Jahren bezahlten die Scheschianer dem Staate kaum den dritten Theil dessen, was ihnen unter Sultan Azorn abgenommen worden war; und gleichwohl war der öffentliche Schatz nicht um eine Unze leichter als in den ersten Jahren Tifans, und wenigstens um neunzehn Theile von zwanzig reicher als unter Azorn.Wie ging dieß zu? fragte Gebal.Durch die einfachste Operation von der Welt, antwortete Danischmend. Im zehnten Jahre Tifans waren ungefähr dreißig Millionen Menschen in Scheschian, welche zusammen zweihundert Millionen Unzen Silbers in die Schatzkammer bezahlten. Im fünfzigsten Jahr eben dieses Königs zählte man über sechzig Millionen Einwohner, welche, um die nämliche Summe zusammenzubringen, nur halb so viel bezahlten als ihre Vorgänger, aber noch immer in die Schatzkammer. Hingegen befanden sich in den letzten Jahren Azors vierzig Millionen Einwohner in Scheschian, welche drei- und zuletzt viermal so viel bezahlen mußten; aber unglücklicher Weise das meiste weder an die Schatzkammer noch an den König, sondern an die ungeheure Anzahl der Pächter und Einnehmer, an die Maitressen des Königs, an die Günstlinge und Höflinge, an die königliche Küche, an die königliche Garderobe, an die königlichen Pferde, Hunde, Katzen, Elephanten, Riesen, Zwerge, Affen und Papagaien, und an eine unendliche Menge anderer entbehrlicher Geschöpfe, die zum Hofstaat Seiner Majestät gehörten, und insgesammt sehr große Bedürfnisse hatten. Alle diese Theilnehmer an den Staatseinkünften nahmen so viel davon zum voraus weg, daß ein mäßig starker Esel wenig Mühe hatte, den Rest in die königliche Schatzkammer zu tragen; und dieser einzige Umstand löset, däucht mich, das ganze Geheimniß auf.Es gefiel dem Sultan Gebal, bei dieser Stelle in ein so starkes Gelächter auszubrechen, daß Danischmend inne halten mußte. Der arme Azor, rief er einmal über das andere aus, der arme Mann! Kann man auch ein ärmerer Schelm seyn als Azor!In der That, sagte Danischmend, der gute Azor war beinahe noch ärmer als seine armen Unterthanen.Du hast Recht, Danischmend, versetzte Schach-Gebal: die guten Leute sind wirklich zu bedauern! — Aber wo blieben wir? Die Wahrheit zu sagen, ich sehe noch nicht sehr hell in der Haushaltung deines Tifan.In kurzem, hoffe ich, soll Ihrer Hoheit alles sehr deutlich werden, erwiederte der Philosoph. Sultan Tifan macht in seinem Gesetzbuch eine merkwürdige Distinction zwischen den Bedürfnissen des Königs und den Bedürfnissen des Staats, und folglich auch zwischen dem Beutel des einen und des andern. Zu jenen bestimmte er eine beträchtliche Anzahl von Krongütern, welche seit den Zeiten Ogul-Kans die Domänen des Königs ausgemacht hatten. Er vermehrte sie, mit Bewilligung der Nation, durch einen Theil der verödeten Gegenden, welche, von den bürgerlichen Unruhen her, aus Mangel an Bewohnern unangebaut lagen, und als dem Staat anheim gefallen betrachtet, von Tifan aber mit fremden Colonisten besetzt und in wenig Jahren in einen sehr ergiebigen Stand gesetzt wurden. Außerdem waren die Einkünfte von den Bergwerken und Salzgruben von jeher als königliche Güter angesehen worden, und Tifan ließ es um so mehr dabei bewenden, weil er sich und seinen Nachfolgern das Vermögen auch willkürlich Gutes zu thun nicht entziehen wollte; eine Idee, welche sich mit der menschlichen Schwachheit vielleicht entschuldigen läßt, wiewohl sie durch ihre Folgen in spätern Zeiten dem Scheschianischen Reiche verderblich geworden ist.Alle diese Einkünfte betrugen durch die gute Wirthschaft des Königs Tifan in seinen letzten Jahren ungefähr neun bis zehn Millionen Unzen Silbers, welche der König verwalten konnte, wie er wollte, ohne jemand deßwegen Rechenschaft zu geben. Hingegen mußte er davon seine ganze Hofhaltung, alle seine Privatausgaben, und, nach Tifans ausdrücklicher Verordnung, selbst alle diejenigen bestreiten, welche die Majestät des Thrones erfordert. Da nun diese Summe, so beträchtlich sie war, gar leicht für die Begierden eines schwachen oder ausschweifenden Fürsten unzulänglich hätte seyn können: so verordnete Tifan in einem besondern Abschnitte seines Gesetzbuches, wie der Hofstaat des Königs, seine Tafel, und alles was zu seiner Haushaltung gehörte, eingerichtet seyn sollte. Eine edle Einfalt und eine sehr große Mäßigung war der Geist dieser Verordnungen. Wenn der Luxus, sagte Tifan, einem wohl eingerichteten Staat verderblich, und nur in einem sehr verdorbenen eine Zeit lang ein nothwendiges Uebel ist; wenn der größte Reichthum desselben in der Menge arbeitsamer Einwohner besteht, und die Bevölkerung, ohne Mäßigung der Begierden und des Aufwands, unmöglich so weit gehen kann als sie sonst natürlicher Weise gehen würde: so fällt in die Augen, wie nothwendig es ist, daß der Hof dem ganzen Staat ein fortdauerndes Beispiel einer Tugend gebe, welche die stärkste Schutzwehre der guten Sitten ist. Nach dem Hofe bilden sich die Großen und der Adel: und vereinigen sich diese, dem Volke mit dem Beispiel einer einförmigen, in die Schranken der Anständigkeit und einer guten Wirthschaft eingeschlossenen Lebensart vorzuleuchten, so wird das Volk destoweniger der Gefahr ausgesetzt seyn, den Geist seines Standes und den Geschmack an der Einfalt seiner eigenen Lebensart zu verlieren. Diese Einförmigkeit ist nur solchen Leuten zuwider, in welchen der Müßiggang ausschweifende Begierden und einen grillenhaften Geschmack ausbrütet: in Scheschian kann es keine solche Leute geben; denn das Gesetz duldet keine Müßiggänger. Vom König an bis zum Tagelöhner ist jedermann mit den Pflichten seines Standes oder mit der Ausübung seiner Talente beschäftigt; und beschäftigte Leute, für welche die bloße Ruhe schon eine Art von Vergnügen ist, haben nur einfache und ungekünstelte Ergötzungen vonnöthen, weil die Ergötzungen für sie keine Beschäftigung, sondern nur Erholungsmittel nach der Arbeit sind.Eine nach diesen Begriffen eingerichtete Hofhaltung konnte, wiewohl das Anständige, und bei gewisser Gelegenheit selbst das Glänzende, nirgends vermißt wurde, nicht so viel kosten, daß der König nicht noch große Summen in Händen behalten hätte, wovon er einen edeln, wohlthätigen und gemeinnützigen Gebrauch machen konnte. Tifan, zum Beispiel, der ein großer Liebhaber der Naturforschung war, wendete einen beträchtlichen Theil seiner eigenen Einkünfte auf physische Versuche, auf mathematische Werkzeuge, und auf Belohnung derjenigen, welche in diesem Fache sich vorzüglich verdient machten. Er stiftete aus seiner eigenen. Casse eine Akademie der schönen Künste, deren immer zunehmendes Wachsthum eine seiner angenehmsten Ergötzungen ausmachte. Ueberdieß setzte er für alle Arten nützlicher Bemühungen jährlich eine beträchtliche Anzahl von Preisen aus. Alle Unternehmungen, von welchen dem Staat Ehre oder irgend ein andrer Nutzen zugehen konnte, fanden in ihm einen großmüthigen aber zugleich einsichtsvollen Beförderer, welcher Schein und Wahrheit sehr genau zu unterscheiden wußte. Hauptsächlich aber standen alle jungen Leute, welche sich durch Proben außerordentlicher Fähigkeiten hervorthaten, unter seinem unmittelbaren Schutze. Er hielt ein Verzeichniß über alle die zu dieser Classe gehörten; er verschaffte ihnen Gelegenheit sich vollkommen zu machen; und da er sie genau genug kennen lernte, um ihre mannichfaltigen Talente aufs beste benützen zu können, so mag es wohl diesem Umstande vornehmlich zuzuschreiben seyn, daß er im Stande war, die vortreffliche Staatswirthschaft zu führen, deren er sich gegen seinen Nachfolger rühmte.Bei einem solchen Gebrauch, als Tifan von seinen eigenen Einkünften machte, läßt sich leicht begreifen, warum er seinem Sohne keinen großen Vorrath an baarem Gelde hinterließ; wiewohl unter allen Rubriken seiner Ausgaben keine einzige war, über die er zu erröthen Ursache gehabt hätte. Aber daß es auch mit dem öffentlichen Schatze die nämliche Bewandtniß hatte, würde gegen seine gute Wirthschaft einigen Verdacht erwecken können, wenn Tifan sich nicht zum Grundsatz gemacht hätte, die Einnahme und Ausgabe des Staats so genau gegen einander abzuwägen, daß beim Schlusse jedes Jahres, nach Abzug der letzten von der ersten, wenig oder nichts übrig blieb. Dieser öffentliche Schatz bestand aus den Abgaben, welche theils von den Eigenthümern aller liegenden Grundstücke, theils von dem beweglichen Vermögen und Erwerb aller übrigen Einwohner des Reichs erheben wurden. Er betrug unter Tifans Regierung ordentlicher Weise niemals über zweihundert Millionen Unzen Silbers, und durfte auf nichts andres als die unumgänglichen Ausgaben des Staats, oder auf solche, welche augenscheinlich zum Besten desselben gereichten, und im Gesetzbuch ausdrücklich benannt waren, verwendet werden. Der König, sagt Tifan, hat nicht die mindeste willkürliche Gewalt über das Vermögen seiner Unterthanen: er ist schuldig sie dabei zu schützen; aber er ist so wenig als irgend ein andrer Mensch befugt, ihnen nur den Werth einer Stecknadel wider ihren Willen wegzunehmen. Hingegen sind die sämmtlichen Bürger des Staats verbunden, zu den Bedürfnissen desselben und zu gemeinnützigen Anstalten nach Verhältniß ihres Vermögens oder Einkommens beizutragen; und da keiner ohne Unsinn diese Schuldigkeit mißkennen, noch ohne ein Verbrechen gegen den Staat sich derselben entziehen kann, so kommt alles bloß darauf an:daß der Nation dieser Beitrag auf alle mögliche Art erleichtert, unddaß ihr die vollständigste Sicherheit wegen gesetzmäßiger Verwendung desselben gegeben werde.Die Verordnungen Tifans zur Erreichung dieser zweifachen Absicht sind so einfach, als man sie von einem Gesetzgeber erwarten kann, der immer den nächsten Weg gehen konnte: weil keine Hindernisse, die er hätte schonen müssen, in seinem Wege lagen, und weil er keine andre Absicht hatte, als je eher je lieber zum Zweck zu gelangen. Vermöge dieser Verordnungen mußten alle Classen der Einwohner von Scheschian dem Staate jährlich einen festgesetzten sehr mäßigen Beitrag entrichten, der überhaupt so benimmt war, daß die reichste Classe am meisten, die ärmste hingegen beinahe nichts bezahlte. In jedem Dorfe und Flecken, so wie in jeder kleinern Stadt, war in der Vorhalle des Tempels ein wohlverwahrter Kasten, in welchen jeder Contribuent monatlich seinen Beitrag in einem Papier, auf welchem sein Name angemerkt war, durch eine zu diesem Zweck angebrachte Oeffnung hinein steckte. Wer sich hierin saumselig finden ließ, ohne eine von den wenigen im Gesetze für gültig anerkannten Ursachen zum Erlaß anführen zu können, wurde sofort mit Gewalt zu seiner Schuldigkeit gebracht. Zwei besonders hierzu angestellte obrigkeitliche Personen führten Rechnung über diese Einnahme, und lieferten das Eingegangene alle Monate von den Dörfern und Flecken in die nächste Stadt, an welche sie angewiesen waren. Aus den kleinern Städten wurde diese Contribution in die Hauptstadt der Provinz geliefert, und von da alle drei Monate an die Schatzkammer des Staats zu Scheschian Rechnung abgelegt. An jedem Ort, in jeder Stadt und Provinz hatten die bestellten Einnehmer ein Verzeichniß der Contribuenten ihres Ortes, ihrer Stadt und ihrer Provinz, so wie die Obereinnehmer zu Scheschian das ihrige von dem, was jede Provinz nach dem einmal festgesetzten Anschlage beizutragen schuldig war. Dieser Anschlag bezog sich theils auf die Ländereien und Häuser, welche, nach Tifans Verordnung, so lange auf dem nämlichen Fuß angesetzt blieben, bis der König und die Stände der Nation gemeinschaftlich eine Erhöhung desselben dem Staate zuträglich oder nothwendig finden würden; theils auf alle einzelnen Bewohner des Staats (mit Ausnahme der Dienstboten und der Kinder in den untersten Classen), deren jeder, nach der Classe zu welcher er gehörte, mit einer unveränderlichen Schatzung belegt war. Da nun alle Monate ein genaues Verzeichniß aller Gebornen und Gestorbenen jedes Orts an die Vorsteher jeder Provinz, und von diesen jedesmal nach Verfluß dreier Monate an den Hof eingeschickt werden mußte: so war nichts leichter, als die Berichtigung dessen was jede Provinz monatlich zu bezahlen hatte. Und weil keine Reste geduldet, sondern in gewissen besonderen Fällen, wo das Unvermögen des Contribuenten erweislichermaßen unverschuldet war, der monatliche Ansatz lieber gänzlich erlassen wurde: so ging die ganze Operation immer in gleicher Ordnung fort, ließ sich immer gleichsam mit Einem Blicke übersehen, und war von allen nachtheiligen Folgen einer verwickeltern Art von Einrichtung frei.Herr Danischmend, sagte der Sultan, es wäre sehr viel über diese Sache zu sprechen. Simplicität ist in allen mechanischen Veranstaltungen eine schöne Eigenschaft. Aber Tifans Finanzeinrichtung setzt etwas voraus, welches sich nirgends als in einem idealen Staate voraussetzen läßt. Wenn nicht alle seine Contribuenten und Einnehmer die ehrlichsten Leute von der Welt waren, so wollte ich ihm keinen küpfernen Baham um seine ganze Operation gegeben haben.In der That, erwiederte Danischmend, ist Tifans ganze Gesetzgebung und Staatsverwaltung auf die Sitten gebaut; aber man muß auch gestehen, daß er nichts unterlassen hat, um seinen Unterthanen Sitten zu geben. Liebe zum Vaterlande, zu den Gesetzen, zur Ordnung, waren Tugenden, zu welchen die Scheschianer unter seiner Regierung von Kindheit an gebildet wurden. Die Verbindung des Begriffs der Ehre mit der genauesten Erfüllung jeder bürgerlichen Pflicht, und des Gefühls der Schande mit jeder Unterlassung derselben wurde ihnen zuletzt so natürlich und mechanisch, daß der gemeinste Mann, im Nothfall, sich lieber etwas von seiner Nahrung entzogen, als der Schande sich ausgesetzt hätte, zur Entrichtung des Beitrags, den er dem Staate schuldig war, mit Gewalt angehalten zu werden. Was die Einnehmer der Staatseinkünfte betrifft, so wurden sie aus einer Classe gezogen, bei welcher das Gefühl der Ehre eine vorzüglich starke Triebfeder ist. Aber wenn es auch bei einigen weniger wirksam gewesen wäre, so war es, nach Tifans Einrichtung, nicht leicht sich einer Untreue schuldig zu machen, und sehr schwer unentdeckt zu bleiben. In diesem Falle wartete eine äußerst schimpfliche Strafe auf sie; und so wie Tifan die Scheschianer gewöhnt hatte, gab es wenige, welche nicht lieber das Leben als ihre Ohren hätten verlieren wollen.Es ist vielleicht niemals eine Monarchie gewesen, worin die Unterthanen der Schatzkammer .weniger bezahlt hätten, als die Scheschianer unter Tifan und einigen seiner Nachfolger. Aber der Hauptgrundsatz, worauf dieser Fürst seine Staatsökonomie gründete, war: der höchste Wohlstand eines so großen Staates als der Scheschianische hange von der möglichsten Bevölkerung ab; die möglichste Bevölkerung von der Leichtigkeit Unterhalt zu finden; diese von dem möglichst geringen Preise aller Erfordernisse des Lebens; und das letztere zu erhalten, hielt er für das einfachste Mittel, die Abgaben des Volkes so leicht zu machen als möglich, die unentbehrlichen Lebensmittel hingegen auf einen festen Preis zu setzen, welchen die Eigenthümer der Ländereien, ohne ausdrückliche Bewilligung des Königs und der Stände, nicht erhöhen durften.Während der Regierungen Azors und Jsfandars hatten die Scheschianer, unter unzähligen Titeln und Rubriken, welche zu unzähligen Bedrückungen des Volkes Anlaß gaben, nach und nach vierzig, dann fünfzig, und zuletzt sechzig bis siebzig vom Hundert ihres jährlichen Einkommens oder Verdienstes abgeben müssen. Tifan schaffte alle diese Rubriken ab. "Ein Fürst," sagte er, "der alles, was seine Unterthanen besitzen, für sein Eigenthum ansieht, mag wohl vonnöthen haben, auf Kunstgriffe zu denken, wie er sich desselben auf die unmerklichste Art bemächtigen wolle; und freilich ist ein Unterschied, ob ich einen Körper durch kleine aber oft wiederholte Ausleerungen langsam abmergele, oder ob ich ihm sein Blut auf Einmal abzapfe; aber am Ende erfolgt in jenem Falle was in diesem; ein wenig Zeit ist alles was man dabei gewinnt. Nach meinen Grundsätzen (fügte er hinzu) ist die Frage niemals, was ist des Hofes Interesse? Aber, wenn ich auch, wie Jsfandiar, alle Einwohner von Scheschian mit den Rindern und Schafen auf den Triften meiner Kammergüter in die nämliche Classe setzte, so müßte ich dennoch anders mit ihnen verfahren als Jsfandiar. Bin ich mit hunderttausend Unterthanen, deren jeder mir, ohne sich zu entkräften, dreimal so viel geben könnte, als ich von ihm fordre, nicht unendlichemal reicher als mit fünfzigtausend Bettlern, die mir endlich nichts mehr zu geben haben, als die Haut die noch um ihre marklosen Knochen hängt?"Außer den besagten Personal- und Vermögenssteuern hatte die Schatzkammer in Scheschian keine Einkünfte. Alle Zölle auf ein- und ausgeführte Waaren waren mit Tifans wirthschaftlichen Begriffen unverträglich. Getreide und andere Naturalien, oder unverarbeitete Waaren in fremde Länder auszuführen, war bei angemessenen Strafen verboten: denn der erstern hatte ein so weitläufiger und volkreicher Staat wie Scheschian für sich selbst vonnöthen, und ohne die äußerste Verarbeitung aller möglichen Producte der Natur würde es unmöglich gewesen seyn, ein unzählbares Volk hinlänglich zu beschäftigen. Hingegen konnte, seiner Meinung nach, ein Zoll auf die ausgeführten verarbeiteten Waaren zu nichts dienen, als die Manufacturen und den Handel zu kränken und zu hemmen, welche doch von einer weisen Regierung auf alle nur ersinnliche Art aufgemuntert werden. Auf der andern Seite blieb die Einführung fremder verarbeiteter Waaren aus einem doppelten Grunde frei; erstens, weil die Scheschianischen wohlfeiler und besser waren; und dann, weil Tifan die begüterten Scheschianer durch ein solches Verbot nicht unnöthiger Weise zum Ungehorsam reizen wollte. Die Einführung aber solcher rohen Waaren, an welchen sein Land Mangel hatte, mit Abgaben zu belegen, hielt er für unschicklich, weil es vortheilhafter war, sie zum Behuf der einheimischen Manufacturen und Gewerbe auf alle mögliche Weise zu begünstigen. Endlich hatte Tifan noch einen vortrefflichen Grund für die Abschaffung aller Arten von Abgaben, außer der einzigen monatlichen Steuer; und dieser war — weil der Staat ihrer nicht vonnöthen hatte. Denn zu allen gewöhnlichen Ausgaben reichten die ordentlichen Einkünfte zu; und bei außerordentlichen Erfordernissen waren die Stände bereit, dem König alles zu bewilligen was er nöthig haben konnte.Tifan hatte doch auch ein Kriegsheer? fragte Schach-Gebal.Die nöthige Beschützung eines so weitschichtigen Reiches erforderte nicht weniger als ein stehendes Heer von zweimalhunderttausend Mann, welche gut disciplinirt und besoldet waren, aber ihren Unterhalt, wie billig, dem Staate durch die friedsamen Dienste abverdienten, wozu sie sich (da ein ununterbrochener Friede ihre Arme zur Vertheidigung desselben unnöthig machte) gebrauchen lassen mußten. Landstraßen, dergleichen man erst in spätern Zeiten unter der Römer Herrschaft wieder sah, schiffbare Canäle zum Vortheil des einheimischen Handels, abgeleitete Flüsse, ausgetrocknete Sümpfe, aufgestockte Wälder und dergleichen, waren die rühmlichen Beweise, daß Tifan wußte, wozu zweimalhunderttausend starke wohlgenährte Müßiggänger brauchbar sind.Abermal ein Notabene in Eure Schreibtafel gemacht, Herr Danischmend, sagte der Sultan. Man lernt doch immer etwas, woran man nicht gedacht hatte. Dieser Tifan war wirklich ein Mann, wie ich — einen Minister haben möchte!Außerdem machte er —Gut, gut, rief der Sultan: er hat die Miene noch sehr viel gemacht zu haben; aber für heute genug!
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13.

Danischmend hatte sich vorgesetzt, den Sultan seinen Herrn das nächstemal noch mit verschiedenen Anordnungen Tifans, die sich auf die Staatswirthschaft in Scheschian bezogen, zu unterhalten: aber Schach-Gebal, dem, sobald er ihn ansichtig wurde, die zweimalhunderttausend starken wohlgenährten Müßiggänger wieder zu Kopfe stiegen, ließ ihm keine Zeit dazu. Herr Danischmend, sagte der Sultan, bei Gelegenheit der Müßiggänger, von welchen gestern die Rede war — was machte wohl mein guter Bruder Tifan mit der ungeheuern Menge von Ya-faou, die, wenn ich mich noch recht erinnere, unter dem schwachen Azor das Land ausfressen halfen? Und was wurde aus den blauen und feuerfarbnen Bonzen überhaupt? Ihr wißt, ich interessire mich für die guten Leute, und ich will keinen Augenblick länger über ihr Schicksal in Ungewißheit schweben.Eh' ich Ihre Hoheit über die erste Frage befriedigen kann, war Danischmends Antwort, muß ich bemerken, daß eine von Tifans ersten Sorgen war, die Bewohner seines Staats zu classificiren, und sowohl die Pflichten als die Gerechtsamen einer jeden Classe genau zu bestimmen. Ein großer Theil seines Gesetzbuches ist mit diesem wichtigen Gegenstand angefüllt. Die Landleute, das ist, alle, die sich mit dem Feldbaue, der Viehzucht, und irgend einem andern zur Landwirthschaft gehörigen Theile hauptsächlich beschäftigten, machten den größten Theil der ersten Classe aus. Sie genossen der Ehre, daß der König selbst zu ihrer Zunft gehörte, indem er, zum öffentlichen Zeichen, daß der Bauernstand, als die wahre Grundlage der ganzen bürgerlichen Gesellschaft, vorzüglich ehrenwerth sey, jährlich an einem der ersten Frühlingstage in eigener Person einen Baum pflanzte, und ein Stück Feldes ackerte. Dieser Tag, mit welchem alle Feldarbeiten in Scheschian angefangen wurden, war einer ihrer höchsten Festtage, und der oberste Vorsteher jedes Ortes durch das ganze Reich war verbunden an demselben das nämliche zu thun was der König, dessen Person er bei dieser feierlichen Handlung vorstellte. Die Landleute in Scheschian genossen durch Tifans Gesetzgebung aller Vorzüge frei geborner Bürger; und wiewohl sie großentheils eine Art von Pächtern der Edelleute oder des Königs selbst waren, so machten sie doch durch die Befreiung von aller willkürlichen und tyrannischen Gewalt, und durch die Mäßigkeit der Abgaben, die sie dem Staat und ihren Grundherren zu entrichten hatten, ohne Zweifel die glücklichste Classe der Einwohner von Scheschian aus; besonders in einigen Provinzen, wo ein milderer Himmel den Geist der Freude und der sanfteren Gefühle über das Landvolk ausgegossen hatte, und die ungemeine Fruchtbarkeit der Natur ihre Arbeiten beinahe in Spiele verwandelte.Die zweite Classe, die aus allen den Bürgern bestand, welche sich mit den Handwerken und mechanischen Künsten beschäftigten, und in den Flecken und Städten ihren eigentlichen Sitz hatten, war zwar, besserer Ordnung wegen, in so viele besondere Zünfte, als es verschiedene Arten der mechanischen Künste und Hanthierungen gibt, abgetheilt: aber alle alten Gebräuche oder Gesetze, welche die Ausübung derselben mit einem Zwange belegten, der das Talent fesselte, den Fleiß niederschlug, und den Fortgang der Kunst hemmte, fanden eben so wenig Schutz bei Tifan als die anmaßlichen Freiheiten, wodurch jedes Handwerk ehmals ein kleiner Staat im Staate und berechtiget gewesen war, alle übrigen Bürger nach Gefallen zu bedrücken. Tifans hauptsächliches Augenmerk bei der Polizei dieser Classe war, auf der einen Seite den Vortheil zu erhalten, daß alle Arten von Mannfacturen so gut als möglich gearbeitet, zugleich aber auch ihrer Verfeinerung gewisse Schranken gesetzt würden. Der Luxus verwandelt unvermerkt die Handwerke, welche ganz allein, oder doch hauptsächlich zur Verfertigung der unentbehrlichsten Bequemlichkeiten bestimmt sind, in schöne Künste; der Grobschmied, der Schlosser, der Tischler, wird durch ihn zum Nebenbuhler des Goldarbeiters, des Bildschnitzers, des Malers u. s. f. Die Künste arten aus; das Nüzliche wird dem Schönen, das Zweckmäßige dem Launischen der Mode, die einfältige Zierlichkeit der Formen einer übertriebenen Feinheit der Ausarbeitung aufgeopfert. Diese Ueppigkeit der Künste unterhält den Luxus, der sie ausbrütete, und die Kunst selbst geräth in Verfall. Tifan, in dessen Augen der Luxus ein auszehrendes Fieber für jeden Staat war, ließ sich nicht daran genügen, alle Künste, welche keinen andern Zweck noch Nutzen als die Beförderung des Müßiggangs und der Ueppigkeit haben, aus Scheschian zu verbannen; er bemühte sich auch die Ausartung derjenigen, welche nützlich und unentbehrlich waren, zu verhindern; und eine Frucht dieses Zweiges seiner Polizei war, daß man alle Arten von Hausgeräthe, Werkzeugen, Eisen- und Stahlarbeit, Wollen- und Seiden-Manufacturen, und selbst solche Verarbeitungen, welche bloß zur Pracht und Zierlichkeit dienen, nirgends weder besser noch in geringerm Preise haben konnte als in Scheschian. Die Scheschanischen Künstler lernten die innere und wesentliche Güte mit dem Schönen und Gefallenden zu vereinigen; und daher erhielten sich ihre Arbeiten auch außer Landes lange Zeit in dem Besitz eines Vorzugs, den ihnen keine andere Nation streitig machen konnte.Die dritte Classe — —Bestand sie aus Bonzen und Ya-faou? fiel Schach-Gebal ungeduldig ein —Nein, Sire — —So erweise mir den Gefallen, sagte der Sultan, und springe über sie weg, und über alle andern, so viel ihrer noch seyn mochten, mit deren Polizei du mich hier sehr unnöthiger Weise aufhältst, während daß ich ganz andre Dinge wissen will. In welcher Classe waren die Ya-faou? — Dieß ist der große Punkt!Die Wahrheit zu sagen, gnädigster Herr, in gar keiner Classe, versetzte Danischmend: und der Grund, warum Tifan für nöthig, oder wenigstens für sehr nützlich hielt, sie aus dem Verzeichnisse der Geschöpfe, die in Scheschian geduldet wurden (denn Bürger waren sie nie gewesen) auszulöschen, scheint in der That nicht unerheblich. Ein Staat (sagt er in seinem Gesetzbuche) kann mit nichts füglicher verglichen werden als mit einer großen Pflanzung. Diese besteht aus einer Menge von allerlei Arten von Gewächsen, Bäumen, Stauden, Blumen, Kräutern und Gräsern. Einige Bäume geben Bauholz, andere dienen zum Brennen, andere zu Verfertigung allerlei nöthiger Geräthschaft; andere tragen Früchte und Erfrischungen des Menschen, andere Speise für das Vieh. Einige Pfanzen dienen zur Nahrung, andere zur Arznei, viele nützen bloß zum Vergnügen; sie ergötzen das Auge und den Geruch; ein schlechtes Kräutchen verbirgt oft unter einer unscheinbaren Gestalt die herrlichsten Kräfte. Alles was zum Nutzen oder zur Verschönerung der ganzen Pflanzung etwas beiträgt, hat seinen Werth, und wird ein Gegenstand der aufmerksamen Sorgfalt des Besitzers. Aber Unkraut und Trespe, und schmarutzerische Pfanzen, welche bloß darum sich um die nützlichen Gewächse herumwinden, um ihnen die besten Nahrungssäfte zu entziehen, kurz, alles was nicht nur an sich selbst zu nichts taugt, sondern im Gegentheile durch seine Ausbreitung das Wachsthum und die Vermehrung der nützlichen Gewächse hemmet, wird sorgfältig ausgerauft, und bis auf die kleinsten Fäserchen seiner Wurzeln ausgerottet. Eben so verhält es sich mit einem wohlgeordneten Staate. Ein Theil der Bürger beschäftiget sich die übrigen zu nähren, ein andrer sie zu bekleiden, ein dritter ihre Wohnungen zu erbauen, ein vierter sie mit tausend nöthigen Geräthschaften und Bequemlichkeiten zu versehen, ein fünfter den Umsatz und Vertrieb dieser Dinge zu erleichtern: einige dienen dem gemeinen Wesen mit ihren Händen, andre mit ihrem Kopfe, andre sogar mit ihrem Blut und Leben. Verschiedene, wenn sie auch keine andre Kunst gelernt haben, besitzen wenigstens die Gabe ihren Mitbürgern Vergnügen zu machen. Alle diese Arten von Einwohnern sind dem gemeinen Wesen entweder unentbehrlich oder doch zu irgend etwas gut:: aber wozu ein Ya-faou, insofern er ein Ya-faou ist, gut sey, dieß, sagt Tifan, habe ich mit allem Nachsinnen nicht herausbringen können. Ich sehe alle Plätze, worin man dem Staate Dienste leisten kann, schon besetzt; und indem ich alle möglichen Arten von Bedürfnissen überzähle, find' ich keines, worauf der Stand der Ya-faou sich bezöge. Vielleicht mögen sie zu einer Zeit, da die Scheschianer, noch zwischen Wildheit und Barbarei schwebend, an Vernunft und Sitten wenig besser als die übrigen Thiere waren, vielleicht mögen sie damals einigen zweideutigen Nutzen geleistet haben. Aber diese elenden Zeiten, wo die Verwilderung und Abwürdigung der menschlichen Natur groß genug war, um die Dienste der Ya-faou vonnöthen zu haben, sind, Dank sey dem Himmel, vorbei. In dem angebauten, gesitteten, aufgeklärten und polizirten Scheschian müssen sie entweder, gleich müßigen Hummeln, verdienstlos die Früchte des Fleißes der arbeitsamen Bürger verzehren, oder, wenn sie etwas thun wollten, würde ihre Geschäftigkeit schädlicher als ihr Müßiggang seyn. Der größte Theil von ihnen hat durch seine rohe Unwissenheit, durch Verachtung und Verunglimpfung alles dessen was ein Mittel zur Verbesserung des Narionalzustandes werden konnte, durch die eifrigste Beförderung des Aberglaubens, der Dummheit und einer knechtischen Unterwürfigkeit der Geister unter das Joch sinnloser Vorurtheile, den Fortgang alles Guten in Scheschian gehemmt; ihre Grundsätze, ihr Beispiel und ihre Bemühungen vereinigten sich, dem gesunden Menschenverstande, der Tugend und den Sitten auf ewig den Zutritt in dieses unglückliche Land zu versperren; — und Tifan sollte sie dulden? Nein, bei allem was heilig und gut ist! Sie sollen verschwinden aus unsern Gränzen, und ihre Stätte soll nicht mehr gefunden werden! — Aber (setzt der weise und menschenfreundliche Gesetzgeber hinzu) verhüte der Himmel, daß, indem wir die ganze Gesellschaft der Ya-faou zum Nichtseyn verdammen, wir gegen die einzelnen Mitglieder derselben ungerecht seyn sollten! Ohne Zweifel gibt es Männer von Verdiensten, eines bessern Namens und Platzes würdige Männer, unter ihnen, würdig des Schutzes der Gesetze und der Achtung ihrer Mitbürger, denen sie nützlich zu seyn eben so fähig als willig sind. Fern sey es von uns, diese Rechtschaffenen das Schicksal oder die Zusammenkettung von Zufälligkeiten, wodurch sie unter die Ya-faou sich verirrt haben, entgelten zu lassen! Sie sollen aus einer Gemeinschaft, die ihrer so unwürdig ist, herausgehoben, und in einer Gestalt, worin sie den übrigen Bürgern von Scheschian ähnlich sehen, an Plätze gestellt werden, wo sie ihre Fähigkeiten und Tugenden ungehindert, unverfolgt vom Neid und von der Dummheit ihrer Mitbrüder, in völliger Thätigkeit zum gemeinen Besten anwenden können. Auch den übrigen, wofern sie lieber in die Zahl der guten Bürger zurückkehren, als sich freiwillig aus ihrem Vaterlande verbannen wollen, soll der Eintritt in irgend eine für sie schickliche Classe unbenommen seyn. Es soll ihnen frei stehen, ob sie den Karst, oder die Art, oder den Hammer ergreifen, ob sie graben, weben oder spinnen wollen; wozu nur immer die Stärke ihrer Gliedmaßen oder die Beschaffenheit ihres Geistes sie am tüchtigsten macht. Aber Bürger sollen sie seyn, und gute Bürger, oder Scheschian hat weder Luft noch Erde für sie!Danischmend, rief der Sultan in völliger Entzückung, laß deine erste Sorge seyn mir das Bildniß dieses unvergleichlichen Mannes zu verschaffen. Dieß nenn' ich einen König! Ich muß schlechterdings sein Bildniß haben. Ich will es in allen ersinnlichen Größen und Stellungen malen lassen; es soll in allen meinen Zimmern stehen; es soll mir aus Marmor gehauen und von Golde gegossen werden; ich will es in meinem Ring und in meiner Beteldose tragen; ich will es auf meine Kleider sticken und sogar in meine Schnupftücher wirken lassen —Vortrefflich, dachte Danischmend; und noch besser wär' es, wenn Ihre Hoheit den Muth hätten, selbst ein Tifan zu seyn.Der anbetenswürdige Mann! rief Schach-Gebal von neuem. —Aber wie gebärdeten sich die armen Ya-faou dabei? Gab es keine Bewegungen zu ihrem Vortheil? Es soll mich sehr wundern, wenn Tifan eine so schwierige Unternehmung ohne gewaltsame Erschütterung des Staats ausführen konnte.Er hatte seine Maßregeln so gut genommen, sagte Danischmend, daß die Aufhebung des ganzen Ordens nicht mehr Bewegung machte, als wenn alle Raupennester in Scheschian auf Einen Tag vernichtet worden wären. Alles war dazu vorbereitet. Die Classification aller Einwohner des Reiches war gemacht, und einer jeden Classe ihr gehöriger Rang und ihr eigener Kreis der Wirksamkeit angewiesen. Die Scheschianer fingen itzt von selbst an, die Betrachtung zu machen, daß die Ya-faou entbehrliche Leute seyn könnten; und nun war es leicht, sie nach und nach auf die Bemerkung zu bringen, daß diese entbehrlichen Geschöpfe nicht nur sehr beschwerlich, sondern wirklich sehr schädlich wären. Die Verachtung, welche sie schon seit den Zeiten Azors und Jsfandiars drückte, erleichterte die natürliche Wirkung aller dieser Bemerkungen. Kurz, die Nation wurde gewahr, daß das, womit sie so lange gebunden gewesen, keine Fesseln, sondern nur eine Menge einzelner Faden waren: indem man einen nach dem andern entzwei riß, fand sich — zu allgemeiner Verwunderung —daß man frei war; und nun erstaunte man erst, wie man so lange hatte warten können, sich selbst diese Erleichterung zu verschaffen.Freund Danischmend, sprach der Sultan, so ein weiser Mann du bist, so wollt' ich doch wetten, daß du dir nicht einfallen lässest, wie viel das was du eben sagtest zu bedeuten hat?Ich dächte doch, wollte der Philosoph zu antworten anfangen, wenn ihm Schach-Gebal Zeit gelassen hätte — —Alles was du willst, Danischmend; aber gewiß nicht, daß dir diese Bindfaden, die du mich zerreißen gelehrt hast, die Stelle meines Itimadulet eintragen würden? Sultanin, fuhr Seine Hoheit zu der schönen Nurmahal fort: ich bin schon seit etlichen Wochen in Verlegenheit, den Mann zu finden, der für einen so wichtigen Platz gemacht ist; und nun geht es mir gerade wie den Scheschianern; mich wundert, wie ich nicht schon lange gewahr wurde, daß er bereits gefunden ist.Ihre Hoheit hatten keine Wahl treffen können, welche Ihrer Regierung mehr Ehre machte, erwiederte die Sultanin.Beim großen Propheten, rief Danischmend, indem er dem Sultan zu Füßen fiel: ich beschwöre Ihre Hoheit, zu bedenken was Sie thun wollen! Ich — Jtimadulet? Ich zittre vor dem bloßen Gedanken. Machen Sie mich zu allem andern, zum Aufseher über Ihr Schmetterlingscabinet, oder zum Vorsteher Ihrer Akademie, oder zum Vorsteher —Ihrer Truthühner, wofern ich ja ein Vorsteher seyn soll; zu allem in der Welt, nur nicht zum Itimadulet! Ich sehe den ganzen Umfang eines solchen Amtes zu sehr ein — —Närrischer Mensch, rief der Sultan, eben darum sollst du es haben! Du hast meinen Willen gehört; morgen stell' ich dich im Divan vor, und kein Wort weiter!
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14.

Die Welt wird durch so wenig Weisheit als nur immer möglich ist, oder, um uns gelehrt auszudrücken, durch ein Minimum von Weisheit regiert. —Dieß ist ein Satz, der von Nimrod und seinem Itimadulet an bis auf diesen Tag, durch eine ununterbrochene Ueberlieferung von einem Sultan und Itimadulet auf den andern fortgepflanzt worden seyn soll, und der (wofern er so richtig ist als diejenigen, die es am besten wissen können, behaupten), vermöge des berühmten Grundsatzes der möglichsten Ersparung, in der That beweisen würde, daß die Welt unverbesserlich regiert werde. In der That gehen die Kenner so weit, uns zu versichern: wenn es auch zuweilen begegne, daß ein Epiktet unter dem Namen Antoninus ein Jmperator, oder unter dem Namen Thomas Morus ein Großkanzler werde, so lehre die Erfahrung, daß, trotz aller Weisheit dieser vortrefflichen Männer, die Sachen in der Welt gleichwohl nicht merklich besser gingen als unter den gewöhnlichen Imperatoren und Großkanzlern; zum offenbaren Beweise, daß eine gewisse Fatalität, welche aller menschlichen Weisheit zu stark ist, die Umstände und mitwirkenden Ursachen so fein zu verbinden wisse, daß die Weisheit der besagten Epiktete immer, oder doch meistens — wie eine Kugel, die durch den unterwegs erlittenen Widerstand entkräftet worden — wenige Schritte vor dem Ziele matt und kraftlos zu Boden sinke, und also am Ende dennoch das oben bemeldete Minimum heraus komme, welches nach den Gesetzen und dem ordentlichen Laufe der Natur hinlänglich ist, die Welt im Gange zu erhalten.Dieses vorausgesetzt wird man es wenigstens nicht ganz unbegreiflich finden, daß der neue Itimadulet Danischmend, —ungeachtet er, die Wahrheit zu sagen, von allen zu diesem hohen Amte erforderlichen Eigenschaften, die Gutherzigkeit und Aufrichtigkeit ausgenommen, wenig oder nichts besaß, und (wie unsre scharfsichtigen Leser bemerkt haben werden) von der Regierungskunst nicht viel mehr verstand als ein Blinder von Farben — mit Hülfe seines guten Genius und des Zufalls gleichwohl seine Rolle ganz erträglich spielte, und sie vielleicht mit der Zeit wohl gar vortrefflich zu spielen gelernt haben würde, wenn die Derwischen und Bonzen (die sich's nicht aus dem Kopfe bringen ließen, daß er böse Absichten wider sie im Schilde führe) nicht Mittel gefunden hätten, ihn dem Sultan seinem Herrn verdächtig zu machen. In der That geschah dem ehrlichen Danischmend Unrecht: denn niemand konnte von irgend einer übelthätigen Absicht gegen sie entfernter seyn als er; er, der den bloßen Schatten des Unrechts tödtlich verabscheuete, und nicht fähig gewesen wäre den geringsten unter allen Fakirn ohne Regungen der Menschlichkeit leiden zu sehen. Aber bei diesen Herren war es eine ausgemachte Sache, "daß ein Mann, der sie gern zu bessern Leuten machen wollte, als sie zu seyn Lust hatten, ihr geschworner Feind sey;" und da sie unter Schach-Gebals Regierung einen desto größern Einfluß hatten, je abgeneigter ihnen der Sultan war; so war es noch immer viel Glück für den guten Danischmend, daß er, durch Vermittlung der schönen Nurmahal, mit dem Verlust seiner Ehrenstelle und einer kleinen Entschädigung davon kam, die ihn in den Stand setzte, in seinen alten Tagen, fern vom Hofe und vom Geräusche des geschäftigen Lebens, seinen Betrachtungen über eine Welt, die ihn vergessen hatte, nachzuhängen, und oft bei sich selbst, so herzlich als Demokritus, zu lachen, wenn er sich an alles, was er gesehen hatte, erinnerte; besonders wenn ihm wieder einfiel, daß er Hofphilosoph bei Schach-Gebal, Aufseher über die Bonzen und über das königliche Theater, Biograph der Könige von Scheschian, und, was das lustigste unter allen war, etliche Monate lang sogar Itimadulet von Indostan gewesen war.Wir hoffen, Freund Danischmend werde sich durch seine Betrachtungen, durch die Episode von dem Emir und den Kindern der Natur, und durch den guten Willen, der aus seiner Erzählung von den Königen in Scheschian allenthalben hervorbricht, dem geneigten Leser schon so wohl empfohlen haben, daß diese kleine Abschweifung, wozu er uns veranlaßt hat, keiner Abbitte vonnöthen haben werde. Und so lenken wir ohne weiteres wieder in den Weg unsrer Geschichte ein.Die Beförderung des weisen Danischmend zum ersten Minister machte keine Veränderung in seinem Amte, den Schlaf des Sultans seines Herrn durch Erzählung der Denkwürdigkeiten von Scheschian zu befördern. Die Geschichte der von Tifan ausgeführten Staatsverbesserung wurde also bei der ersten Gelegenheit wieder vorgenommen; und da Schach-Gebal nochmals sein Verlangen äußerte, zu hören wie es den blauen und feuerfarbnen Bonzen dabei ergangen sey, so befriedigte Danischmend seinen Willen durch folgenden Bericht.Die Grundsätze und die gereinigten Empfindungen, welche der weise Dschengis seinem Pflegesohn über den erhabensten Gegenstand, der die menschliche Seele beschäftigen kann, über die Religion, beigebracht hatte, lassen nicht weniger erwarten, als daß Tifan, sobald er den öffentlichen Ruhestand im Reiche hergestellt und die dringendsten Angelegenheiten desselben besorgt hatte, sich mit allem Eifer einer aufgeklärten Frömmigkeit dazu verwendet haben werde, den Völkern von Scheschian, statt des elenden Aberglaubens worin sie seit so vielen Jahrhunderten von ihren Priestern unterhalten worden waren, eine vernünftige und dem wahren Besten der Menschheit angemessene Religion zu geben; und man muß gestehen, daß er hierin alles gethan hat, was man billiger Weise von einem Gesetzgeber fordern kann, dessen Schuld es nicht war, etliche tausend Jahre vor der Geburt unsers großen Propheten in die Welt gekommen zu seyn.Um zu seinem Zwecke zu gelangen, mußte er zwei große Dinge zu Stande bringen, — den Aberglauben vernichten, der noch immer dem größern Theile seines Volkes in dem feuerfarbnen oder in dem blauen Affen den geheiligten Gegenstand einer verjährten Anbetung zeigte; — und schickliche Mittel finden, die Scheschianer an würdige Begriffe von dem höchsten Wesen und an einen vernünftigen Gottesdienst zu gewöhnen. Beides würde manchem andern Regenten unendlich schwer und vielleicht ganz unmöglich gefallen seyn. Aber Tifan, der in dieser wichtigen Sache ohne Nebenabsichten, nach Grundsätzen die aus der tiefsten Kenntniß des Menschen geschöpft waren, und nach einem durchdachten Plane, langsam, aber anhaltend und standhaft verfuhr, Tifan erreichte seinen Zweck, und — was in einem Geschäfte dieser Art das außerordentlichste ist, aber die natürliche Folge seines klugen Verfahrens war — erreichte ihn, ohne daß eine so große Veränderung die geringste Erschütterung im Staate verursacht, oder irgend einem Scheschianer einen Tropfen Blut gekostet hätte.Der erste Schritt, den er zu diesem Ende that, war eine Verordnung, in welcher beide Theile, Blaue und Feuerfarbne, zum Frieden und zu gegenseitiger Duldung angewiesen wurden. Tifan schilderte darin mit wenigen aber starken Zügen den Abgrund von Elend, worein die Nation unter Azorn und Jsfandiarn durch schwärmerischen Eifer und unduldsame Grundsätze gestürzt worden. Er stellte den Geist der Verfolgung in seiner ganzen abscheulichen Ungestalt dar: er führte an, daß die Begriffe der Menschen weder von ihrer eigenen Willkür noch von den Befehlen eines Obern abhangen; daß Irrthum niemals ein Verbrechen sey; daß kein Mensch, kein Priester, keine Obrigkeit in der Welt ein Recht haben könne, andere zu zwingen ihrer Ueberzeugung und ihrem Gewissen zuwider zu handeln; und daß der Weg des sanftesten Unterrichts und eines guten Beispiels der einzige sey, auf welchem Verirrete in die Arme der Wahrheit und der Tugend zurückgeführt werden können. Diesen Grundsätzen zufolge versicherte er nicht nur beiden Theilen seinen königlichen Schutz für die ungekränkte Ausübung desjenigen Gottesdienstes, zu welchem sie sich in ihrem Gewissen verbunden hielten; sondern gewährte auch einem jeden, welcher itzt oder künftig von der besten Art das höchste Wesen zu verehren andere Begriffe hegen würde, als diejenigen welche bisher in Scheschian geherrschet hätten, aus gleichem Grunde völlige Freiheit, hierin seinem Gewissen zu folgen: indem er sich ein für allemal erklärte, daß alle Meinungen, welche mit der Ruhe des Staats und mit den guten Sitten nicht unverträglich wären, sich seines Schutzes auf gleiche Weise zu erfreuen haben sollten.Von dieser allgemeinen Duldung waren diejenigen allein ausgenommen, welche unglücklich genug seyn sollten, sich verbunden zu glauben, die Duldung, welche sie für sich selbst verlangten, niemanden, der anders dächte als sie, angedeihen zu lassen. "Solche allein, sagt Tifan, sprechen sich ihr Urtheil selbst; indem sie ihre störrige Unverträglichkeit öffentlich zu Tage legen, beweisen sie auf die unläugbarste Weise ihre gänzliche Unfähigkeit zum geselligen Leben. Ferne sey es gleichwohl von uns, sie, die durch eine solche Denkungsart schon elend genug sind, mit einiger Strafe an Vermögen, Ehre, oder Freiheit deßwegen zu belegen! Aber daß wir sie für Glieder unsers gemeinen Wesens erkennen, dieß können sie ohne offenbare Unbilligkeit nicht erwarten. Sie mögen so viel ihrer sind, ohne einige Bedrückung von uns und unsern Unterthanen, mit Hab und Gut aus unsern Gränzen ziehen, und sich Wohnungen suchen wo sie wollen. Aber in Scheschian kann und soll niemand geduldet werden, der nicht bereit ist seinen Nebenmenschen und Mitbürgern alles Gute zu erweisen, was er will daß sie ihm erweisen sollen."Itimadulet, sagte Schach-Gebal, die Verordnungen meines guten Bruders Tifan haben einen ganz eigenen Ton, der nicht der gewöhnliche Kanzleiton ist; aber ich dächte, daß dieß der gute Ton ist. Er begnügt sich nicht zu befehlen; er überzeugt den Menschenverstand, daß seine Befehle gerecht und billig sind. Dieß muß nothwendig eine Wirkung thun.Tifans Verordnung that eine sehr gute, versetzte Danischmend. Sie bahnte ihm den Weg zu seinem großen Vorhaben, und setzte die Gemüther unvermerkt in die Fassung, Neuerungen, zu welchen ein Theil der Scheschianer ohnehin schon gestimmt war, ohne Widerwillen anzusehen.Bald darauf ging er weiter. Er hatte, seitdem er in Scheschian lebte, unter den Bonzen und sogar unter den Ya-faou selbst nicht wenige angetroffen, welche besser dachten als die übrigen, und nicht ohne innerliche Beschämung sich als die niedrigen Werkzeuge betrachteten, wodurch Dummheit und Aberglauben in ihrem Vaterlande verewiget würde. Es kostete ihm wenig Mühe, alle Priester von diesem Schlage in kurzer Zeit zu seinem Vorhaben zu gewinnen; und nachdem er sich einmal einer ziemlichen Anzahl derselben völlig versichert hatte, konnte er sie ohne Bedenken den Anfang machen lassen, dem Volke stufenweise Begriffe beizubringen, von welchen man mit der Zeit eine heilsame Revolution der Gemüther hoffen konnte. Aber auch hier ging er mit aller der Vorsicht zu Werke, womit man verfahren muß, wenn man eingewurzelte Vorurtheile ohne gewaltsame Mittel ausrotten will. Eine Zeit lang begnügte man sich, durch Unterricht in denjenigen Wahrheiten, die zum Glauben des Daseyns und der Vollkommenheiten des höchsten Wesens und seines Verhältnisses gegen die Menschen leiten, und durch Verbindung dieser Wahrheiten mit einer gereinigten Sittenlehre, einen höhern Grad von Licht und Wärme in die Seele der Scheschianer zu bringen; und erst dann, da man gewahr wurde, daß sie über die Ungereimtheit ihres bisherigen Götzendienstes selbst betroffen zu seyn anfingen, erleichterte man ihrer noch ungeübten Vernunft die Arbeit, und bewies ihnen geradezu, daß sie bisher irregeführt worden seyen. Dieses konnte nun freilich ohne einige Bewegungen nicht geschehen. So unbegreiflich es einem jeden scheinen muß, der die Macht der Vorurtheile nicht genugsam erwogen hat, so ist doch gewiß, daß die beiden Affen noch immer Anhänger behielten, welche für ihre Erhaltung mit einem Eifer arbeiteten, der einer bessern Sache würdig war. Aber Tifan begnügte sich sie zu beobachten, und ihrem Eifer, sobald er die Schranken der Mäßigung überschreiten wollte, durch die gelindesten Mittel Einhalt zu thun; hingegen trug er kein Bedenken, sie mit gleicher Unparteilichkeit gegen alle Störungen ihrer Gegner zu schützen: und anstatt daß dieses kluge Betragen den Fortgang der guten Sache gehemmt haben sollte, war es derselben vielmehr beförderlich; indem dadurch die Hindernisse unvermerkt aus dem Wege geräumt wurden, und, was bei einem andern Verfahren ein Werk des Zwanges oder einer schwärmerischen Hitze gewesen wäre, nun das langsam reifende, aber desto vollkommnere und dauerhaftere Werk der Ueberzeugung war.Die Geschichtschreiber von Scheschian erwähnen bei dieser Gelegenheit eines geheimen Gottesdienstes, welchen Tifan, mit Hülfe der Priester seiner Partei, für alle diejenigen, welche sich geneigt erklärten den Dienst der beiden Affen zu verlassen, angeordnet habe. Sie drücken sich aber so dunkel über diese Sache aus, daß es unmöglich ist, etwas Genaues davon zu sagen. Alles was sich davon vermuthen läßt, ist, daß dieser geheime Gottesdienst mit den Mysterien bei den Aegyptiern und Griechen viele Aehnlichkeit, und zum hauptsächlichen Gegenstand gehabt habe, diejenigen, welche darin iniziirt wurden, theils durch symbolische Vorstellungen theils durch deutlichen Unterricht, von der Eitelkeit des Götzendienstes zu überzeugen, und, vermittelst einer Art von feierlicher Verpflichtung auf die Grundwahrheit der natürlichen Religion, zu besserer Erfüllung ihrer menschlichen und bürgerlichen Pflichten verbindlich zu machen, Insbesondere mußten die Jniziirten eine allgemeine Sanftmuth und Duldung der Irrenden, in Absicht alles andern aber, was sie bei diesen Mysterien gesehen und gehört hatten, so lange bis die Abgötterei aus Scheschian verschwunden seyn würde, ein unverletzliches Stillschweigen angeloben. Diese Veranstaltung (sagen die Geschichtschreiber) wirkte mehr als alles Uebrige, die große Absicht des weisen Tifan zu befördern. Die Begierde zu diesen Mysterien zugelassen zu werden, wurde nach und nach eine Leidenschaft bei den Scheschianern; und je mehr Schwierigkeit ihnen dabei gemacht wurde, desto heftiger war das Verlangen, Antheil an einer Sache zu nehmen, die ihnen, durch die geheimnißvolle und feierliche Art womit sie behandelt wurde, von unendlicher Wichtigkeit zu seyn schien. In der That mußte Tifan, indem er daran arbeitete den Scheschianern die sinnlichen Gegenstände ihres bisherigen vermeinten Gottesdienstes zu entziehen, etwas anderes, welches ihre Sinne und ihre Einbildungskraft gehörig zu rühren geschickt war, an dessen Stelle setzen; und ich zweifle sehr, ob er in dieser Absicht auf ein zweckmäßigeres und zugleich unschuldigeres Mittel hätte verfallen können. Vielleicht möchten seine Mysterien in der Folge diese letztere Eigenschaft verloren haben, wenn er nicht die Vorsicht gebraucht hätte, von dem Augenblick an, da der Dienst des höchsten Wesens in Scheschian der herrschende war, die Pflicht des Stillschweigens aufzuheben. Und glücklich wäre es für dieses Reich gewesen, wofern er eben so viele Behutsamkeit in Bestimmung des Amtes der Priester gezeigt, und nicht durch eben dasjenige, wodurch er sie zu nützlichen Bürgern des Staates zu machen gedachte, ihnen die gefährliche Gelegenheit gegeben hätte, in der Folge sich unvermerkt zu Herren desselben zu machen.Ei, ei, ei! sagte Schach-Gebal, den Kopf schüttelnd, was höre ich! Wer hätte so etwas von einem Sultan wie Tifan vermuthet!In der That läßt sich nicht läugnen, daß ihn seine gewöhnliche Klugheit in diesem Stück ein wenig verlassen habe. Indessen kann gleichwohl zu seiner Entschuldigung dienen, daß es, in seinen Umständen, schwer war, es besser zu machen; und, wenn auch dieß nicht zureicht, welcher Gesetzgeber hat Weisheit genug gehabt, jeden möglichen Mißbrauch seiner Anordnungen voraus zu sehen, und durch entgegenwirkende Mittel im Keime zu ersticken? Tifan hatte, aus erheblichen Gründen, den Bonzen die Mühe der öffentlichen Erziehung der Jugend abgenommen, und glaubte verbunden zu seyn, sie dafür durch ein anderes Amt zu entschädigen, welches sie bei gebührendem Ansehen erhalten, aber zugleich in die Nothwendigkeit setzen würde, gern oder nicht, das gemeine Beste zu befördern. Er bestellte sie also (wie ich neulich schon erwähnt zu haben glaube) zu öffentlichen Lehrern des Buchs der Pflichten und Rechte. Er glaubte den Gesetzen den Charakter der Unverletzlichkeit nicht tiefer eindrücken zu können, als indem er den Unterricht in denselben zu einem wesentlichen Theile des Gottesdienstes machte; und die nachtheiligen Folgen, die von dieser Einrichtung etwa zu besorgen seyn möchten, glaubte er verhütet zu haben, indem er im Gesetzbuche selbst die Priester gemessene anwies, sich aller willkürlichen Auslegungen, Ausdehnungen oder Einschränkungen, so wie aller spitzfindigen Fragen und Distinctionen, gänzlich zu enthalten, und sich bloß auf die buchstäbliche Erklärung der Gesetze, auf eine ihrem Geiste gemäße praktische Anwendung derselben, und auf die Sorge einzuschränken, die Beweggründe zu ihrer getreuen Erfüllung dem Volke mit der rührendsten Beredsamkeit einzuschärfen. Kurz, nach seiner Vorschrift sollte das Gesetzbuch bloß der Text zum moralischen Unterrichte der Bürger seyn. Aber, da es schwer, wo nicht ganz unthunlich war, die Priester in eine physische Unmöglichkeit zu setzen, aus den ihnen vorgeschriebenen Gränzen heraus zu treten: so begab sich's (wiewohl sehr lange nach Tifans Zeiten), daß die Priester Mittel fanden, aus Lehrern des Gesetzes unvermerkt Ausleger, aus Auslegern Richter, und aus Richtern, zu großem Nachtheile der Scheschianer, zuletzt selbst Gesetzgeber zu werden; — wie ich, wofern Ihre Hoheit an der Fortsetzung dieser Geschichte Gefallen tragen sollten, zu seiner Zeit umständlich zu erzählen die Ehre haben werde.Indessen scheint Tifan alles dieß, wenigstens einigermaßen, vorausgesehen, und daher die Nothwendigkeit empfunden zu haben, alle Glieder eines Ordens, der einen so wichtigen Einfluß in den Staat hatte, so viel nur immer möglich, zu rechtschaffenen Bürgern zu bilden. Er wendete deßwegen, nachdem er die Erblichkeit des Priesterstandes auf ewig aufgehoben hatte, eine ganz besondere Vorsorge auf die Erziehung der künftigen Priester; und seinen unverbesserlichen Anstalten ist es ohne Zweifel zuzuschreiben, daß er selbst noch in seinem Alter das Vergnügen hatte, eine Zucht von Priestern aus seiner Schule hervorgehen zu sehen, dergleichen die Welt vor ihm und nach ihm nur selten gesehen hat. Würdige Diener einer wohlthätigen Gottheit, schienen sie keinen andern Wunsch zu kennen als Gutes zu thun. Die Wichtigkeit ihres Amtes erhob und veredelte ihren sittlichen Charakter, ohne sie aufzublähen; und das Beispiel ihres Lebens machte beinahe allen andern Unterricht überflüssig. Ihre Weisheit war bescheiden, sanft, herablassend; ihre Tugend unerkünstelt, ungefärbt und ohne hinterlistige Absichten, die Frucht der glücklichen Harmonie ihres Herzens mit ihrer Ueberzeugung; sie leuchtete andern vor ohne Begierde gesehen zu werden, und hatte der Folie eines gleißnerischen Ernstes nicht vonnöthen. Menschenliebe und patriotischer Geist waren die allgemeine Seele ihres ganzen Ordens. Jedes gemeinnützige Unternehmen fand in ihnen seine eifrigsten Beförderer. Die sich selbst immer gleiche Heiterkeit ihres Geistes, die großen und edeln Gesinnungen wovon sie belebt waren, die Gewohnheit sich in einem von allen Sorgen des Lebens befreiten Zustande bloß mit Betrachtung der Wahrheit und Ausübung der Tugend zu beschäftigen, die Leichtigkeit, womit sie jede Pflicht ausübten, und der sittliche Reiz, der sich dadurch über ihr ganzes Leben ausbreitete, vereinigten sich, sie zu würdigen Lehrern der Nation, zu wahren Weisen, zu Vorbildern einer unverfälschten Tugend, zu Schutzgöttern der guten Sitten und zu Gegenständen der allgemeinen Verehrung zu machen.Itimadulet, sagte Schach-Gebal, schaffe mir solche Priester, und dann soll man sehen ob ich ein Feind ihres Ordens bin, wie boshafte Leute vorgeben! Du hast das Recept, wie man sie machen kann; warum sollte in Indostan nicht möglich seyn was in Scheschian möglich war?Sire, versetzte Danischmend, was ich im Begriffe bin zu sagen, wird Ihrer Hoheit einer von den paradoxesten Sätzen scheinen, die vielleicht jemals von einem Philosophen behauptet worden sind; aber nichtsdestoweniger hat es seine völlige Richtigkeit damit. Sollten Ihre Hoheit wohl glauben, daß eben dieser vortreffliche Charakter der Scheschianischen Priesterschaft in der Folge eine der wirksamsten Ursachen des Untergangs der Gesetzgebung Tifans wurde, und durch eine lange Reihe von Mittelursachen zuletzt den Untergang des ganzen Reichs beförderte?Und wie kann dieß zugegangen seyn, Herr Danischmend?Auf die natürlichste Weise von der Welt. Priester, die so weise, so rechtschaffen, so liebenswürdig waren, als diejenigen, welche Tifans Veranstaltungen hervorbrachten, mußten durch eine unfehlbare Nothwendigkeit nach und nach zu einer Stufe von Ansehen gelangen, welche sie unvermerkt zu Meistern aller Herzen machte. Man beeiferte sich um ihre Freundschaft, man suchte ihren Umgang, man erbat sich ihren Rath, man unternahm endlich weder Großes noch Kleines ohne einen Priester beizuziehen. Sie wurden die Schiedsrichter aller Zwistigkeiten, die Rathgeber der Großen, und einige von ihnen stiegen durch den Ruf ihrer Tugend und ihrer Talente sogar zu den höchsten Würden des Reiches. Ich denke dieß ist genug gesagt, das Räthsel auflöslich zu machen. Man weiß nun wie es weiter ging. —Die Priester von Scheschian waren Menschen — was wollen wir mehr?Verzweifelt! rief Schach-Gebal, indem er eine gewisse Miene von komischem Unwillen annahm, welche Seiner Hoheit nicht übel zu lassen pflegte: man ist doch wirklich übel mit diesen Herren dran! Sind sie schlimm, so —sind sie es insgemein in einem so hohen Grade, daß man nicht weiß wie man ihnen genug wehren soll; sind sie gut, so werden sie dem Staate durch ihre Tugenden gefährlich! In der That, ich wollte zu Gott — aber was hilft wünschen? Unentbehrlich sind sie nun einmal, — denn, unter uns, Danischmend, ich habe mir schon mehr als eine Nacht in meinem Leben mit Nachdenken verdorben, wie es anzufangen wäre, damit man sich für ihre ferneren Dienste ein-für allemal bedanken könnte: aber ich bin überzeugt daß nicht weiter daran zu denken ist; man kann ihrer eben so wenig entübriget seyn, als — Hier hielt der Sultan ein, und setzte nach einer langen Pause — nichts weiter hinzu.Ihre Hoheit wollen sagen, als aller andern Stände, von den Sultanen und ihren Visiren an bis zu den Wasserträgern und Holzhackern. Aber welche Classe von Menschen kann lange das bleiben was sie seyn sollte? Die Priester von Scheschian waren nicht die einzigen im Staate, welche nach und nach ausarteten; und nimmermehr würden sie ihm so verderblich geworden seyn, wenn die übrigen Classen ihrem Charakter und ihren Pflichten treu geblieben wären. Indessen ist zur Ehre des Priesterstandes und der Gesetzgebung Tifans genug, daß sie mehr als hundert Jahre nach seinem Tode noch immer die besten unter allen Scheschianern, und überhaupt (wenn man das Landvolk ausnimmt) die letzten waren, die dem Hange zur Verderbniß nachgaben, der sich unter den Nachfolgern Tifans allmählich des Hofes, der Hauptstadt, und endlich der ganzen Nation bemächtigte.Die Verbesserung, welche Tifan in der Religion seines Reiches so glücklich zu Stande brachte, war ohne Zweifel der wichtigste Dienst, den er seinen Unterthanen leisten konnte. Er stellte dadurch eine friedsame Eintracht zwischen Religion und Staat, zwischen den Pflichten der erstern und dem Interesse des andern, zwischen Glauben, Vernunft und Sitten her; eine Eintracht, welche die Quelle von unendlich vielem Guten, und dadurch allein schon ein unschätzbares Gut war, weil sie alles das Böse verschwinden machte, was der Mangel einer solchen Harmonie in den meisten Staaten zu verursachen pflegt. Man muß auch gestehen, daß die Klugheit, womit er in dieser Sache zu Werke ging, die Aufmerksamkeit aller Fürsten verdient, welche sich in einem ähnlichen Falle befinden könnten. Indessen würde er dennoch seinen Zweck entweder gar nicht oder nur sehr unvollkommen erreicht haben, wenn er nicht, durch eine der merkwürdigeren Verordnungen seines Gesetzbuches, alle darin nicht gebilligten Classen und Gemeinheiten, unter welchen die Ya-faou die ersten waren, gänzlich aufgehoben hätte.So viel sich aus eignen Umständen abnehmen läßt, müßte eine ausführliche Erzählung, wie er dieses bewerkstelligte, etwas sehr Unterhaltendes seyn; aber unglücklicher Weise findet sich hier in den Handschriften eine Lücke — —Schon wieder eine Lücke! rief Schach-Gebal ungeduldig, und immer eine Lücke, wo mir am meisten daran gelegen ist, die Sachen recht zu wissen! Ich erkläre hiemit, daß ich dieser Lücken äußerst überdrüssig bin, und — mit Einem Worte, Freund Danischmend, ich will nicht dabei verlieren, verstehst du mich? Wenn eine Lücke in deinen Handschriften ist, so magst du sie ergänzen wie du kannst; kurz —ich will binnen drei Tagen den ganzen Entwurf, wie Tifan in dieser Sache zu Werke gegangen, auf meinem Tische liegen haben, oder — ich wasche meine Hände über die Folgen die daraus entstehen mögen!Der Itimadulet versprach, indem er seine Hand auf seinen Kopf legte, dem Willen seines gebietenden Herrn Genüge zu thun; und er entwarf zu diesem Ende einen weitläufigen Plan, worüber der Sultan, da er ihn durchblätterte und die Anzahl der Blätter zählte, ein großes Behagen äußerte. Gleichwohl ist zweifelhaft, ob Seine Hoheit diesen Plan jemals zu lesen Zeit gewinnen konnte. So viel ist gewiß, daß der Derwisch Zikzak, der dem weisen Danischmend in der Würde eines Itimadulet folgte, diesen nämlichen Plan unter den Papieren, welche der Sultan von Zeit zu Zeit von seinem Tische wegräumen ließ, unversehrt und in vergoldetes Leder eingebunden liegen fand, und daß von diesem Augenblick an weiter nichts davon gehört worden ist.
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15.

In einigen der folgenden Nächte unterhielt Danischmend den Sultan seinen Herrn mit einer ziemlich umständlichen Erzählung, wie Tifan die öffentliche Erziehung eingerichtet habe. Dieser Gegenstand, der wichtigste in den Augen des Scheschianischen Lykurgus, machte einen beträchtlichen Theil seines Gesetzbuches aus. In den Tagen, worin die gegenwärtige Geschichte ans Licht tritt, ist über diese Sache so viel geschrieben worden, daß es unmöglich scheint etwas Neues davon zu sagen; und beinahe sollte man Bedenken tragen, irgend etwas davon zu sagen, da nicht ohne Grund zu besorgen ist, das mit Schriften von der Erziehungskunst überfüllte Publicum möchte sich zuletzt des Ekels, der eine natürliche Folge der Ueberladung ist, nicht länger erwehren können, und gar nichts mehr davon hören wollen; welches denn ein sehr einfaches Mittel wäre, die Früchte aller der großen Bemühungen, die bisher auf die Verbesserung dieses wichtigen Theils der Staatsökonomie verwendet worden, in der Blüthe zu ersticken. Aus dieser Betrachtung sowohl, als weil wirklich alles Gute, was sich von dieser Materie überhaupt sagen läßt, unsern Lesern schon aus andern Quellen bekannt seyn muß, glauben wir sie uns verbindlich zu machen, wenn wir die weitläufigen Nachrichten des schwatzhaften Danischmend so kurz als nur immer möglich seyn wird zusammenziehen."Ein Staat, sagt Tifan im Eingange des Kapitels von der Erziehung könnte mit den besten Gesetzen, mit der besten Religion, bei dem blühendsten Zustande der Wissenschaften und der Künste, dennoch sehr übel bestellt seyn, wenn der Gesetzgeber die Unweisheit begangen hätte, einen einzigen Punkt zu übersehen, auf welchen in jedem gemeinen Wesen alles ankommt — die Erziehung der Jugend. Die vortrefflichste Einrichtung des Justizwesens macht einen Sachwalter nicht gewissenhaft, einen Richter nicht unbestechlich; die beste Religion kann nicht verhindern, von unwürdigen Dienern zum Deckmantel der häßlichsten Laster gemacht, und zur Beförderung der schändlichsten Absichten gemißbraucht zu werden; die herrlichsten Polizeigesetze können wenig Wirkung thun, wenn Vaterlandsliebe, Liebe zur Ordnung, Mäßigung, Redlichkeit und Aufrichtigkeit, den Bürgern fremde Tugenden sind; und die weiseste Staatsverfassung kann den Monarchen nicht verwehren, durch einen unruhigen Geist, oder durch Trägheit und Schwäche der Seele, oder irgend eine ausschweifende Leidenschaft, seine Völker unglücklich zu machen. Alles hängt davon ab, daß in jeder zu den Tugenden seines Standes und Berufs gebildet werde; und wann soll, wann kann diese Bildung vorgenommen werden, wofern es nicht in dem Alter geschieht, wo die Seele, jedem Eindruck offen und zwischen Tugend und Laster unschlüssig in der Mitte schwebend, sich eben so leicht mit edeln Gesinnungen erfüllt, an richtige Grundsätze gewöhnt, in tugendhaften Fertigkeiten bestärkt —als, dem Mechanismus der sinnlichen Triebe, dem Feuer der Leidenschaften und der Ansteckung verführerischer Beispiele überlassen, die unglückliche Fertigkeit der Thorheit und des Lasters annimmt? Der Wohlstand eines Staates, die Glückseligkeit einer Nation hängt schlechterdings von der Güte der Sitten ab. Gesetzgebung, Religion, Polizei, Wissenschaften, Künste, können zwar zu Beförderungsmitteln und Schutzwehren der Sitten gemacht werden: aber sind erst die Sitten verdorben, so hören auch jene auf wohlthätig zu seyn; der Strom der Verderbniß reißt diese Schutzwehren ein, entkräftet die Gesetze, verunstaltet die Religion, hemmt den Fortgang jeder nützlichen Wissenschaft, und würdiget die Künste zu Sklavinnen der Thorheit und Ueppigkeit herab. Die Erziehung allein ist die wahre Schöpferin der Sitten; durch sie muß das Gefühl des Schönen, die Gewohnheit der Ordnung, der Geschmack der Tugend, durch sie muß vaterländischer Geist, edler Nationalstolz, Verachtung der Weichlichkeit und alles Geschminkten, Gekünstelten und Kleinfügigen, Liebe der Einfalt und des Natürlichen, mit jeder andern menschenfreundlichen, geselligen und bürgerlichen Tugend, von den Herzen der Bürger Besitz nehmen; durch sie müssen die Männer zu Männern, die Weiber zu Weibern, jede besondere Classe des Staates zu dem was sie seyn soll gebildet werden. Die Erziehung —höret es, o ihr, die nach Tifan auf seinem Throne sitzen werden! sie ist die erste, die wichtigste, die wesentlichste Angelegenheit des Staats, die würdigste, die angelegenste Sorge des Fürsten! Alles übrige wird ein Spiel, wenn die öffentliche Erziehung die möglichste Stufe ihrer Vollkommenheit erreicht hat. Die Gesetze gehen alsdann von selbst; die Religion, in ihrer Majestät voll Einfalt, bleibt was sie ewig bleiben sollte, die Seele der Tugend und der feste Ruhepunkt des Gemüthes: die Wissenschaften werden zu unerschöpflichen Quellen wahrer Vortheile fur das gemeine Wesen; die Künste verschönern das Leben, veredeln die Empfindung, werden zu Aufmunterungsmitteln der Tugend. Jede Classe von Bürgern bleibt ihrer Bestimmung treu; allgemeine Emsigkeit, von Mäßigkeit und guter Haushaltung unterstützt, verschafft einem unzählbaren Volke Sicherheit vor Mangel und Zufriedenheit mit seinem Zustande. Von dem Augenblick an, da ihr die Veranstaltungen, von deren vollkommenster Einrichtung und öfterer Wiederbelebung so große Vortheile abhangen, vernachlässiget, werden unvermerkt alle übrigen Räder des Staats in Unordnung gerathen; der Verfall der Erziehung wird die Ausartung der Sitten, und diese, wofern ihr nicht weise genug seyn werdet die Quelle des Uebels in Zeiten zu entdecken und zu verstopfen, unfehlbar den Verfall des Staats nach sich ziehen."Nach Tifans Begriffen war es also bei der Erziehung viel weniger darum zu thun, den künftigen Bürgern gewisse Kenntnisse und Geschicklichkeiten beizubringen —wiewohl auch dieser Theil, nach Maßgebung der künftigen Bestimmung eines jeden, keineswegs verabsäumt wurde — als, jede besondere Classe zu den Tugenden ihres künftigen Standes, und überhaupt Alle zu jeder Tugend des gesellschaftlichen und politischen Lebens zu bilden. Auf diesen großen Zweck war der ganze Erziehungsplan angelegt. Alles in demselben war praktisch; die Schule machte nicht, wie in den meisten übrigen Staaten, ein besonderes für sich bestehendes Institut aus, welches mit dem gemeinen Wesen nur durch einzelne schwache Faden zusammenhängt; alles bezog sich in den Scheschianischen Schulen auf den künftigen Gebrauch, und der Jugend wurde nichts gelehrt, was sie ohne Schaden wieder vergessen konnte.Tifan verordnete, daß in dem ganzen Scheschianischen Reiche die Knaben öffentlich, die Töchter hingegen, deren Bestimmung ordentlicher Weise in den engern Cirkel des häuslichen Lebens eingeschränkt ist, absonderlich von ihren Müttern oder nächsten Verwandten erzogen werden sollten. Unter jenen waren nur die Söhne des Königs, und unter diesen allein diejenigen, welche in besonderem Verstande die Pflegetöchter der Königin genannt wurden, von der allgemeinen Regel ausgenommen. Denn die letztern wurden, eben so wie die Knaben, in besonders dazu eingerichteten Erziehungshäusern, unter eigener oberster Aufsicht der Königin, zu der einfältigen, arbeitsamen und schuldlosen Lebensart, die ihrer Bestimmung angemessen war, und zu allen Tugenden, ohne welche es unmöglich ist eine rechtschaffene Ehegattin und eine gute Mutter zu seyn, auferzogen. Alles was man gemeiniglich gegen dergleichen Anstalten einzuwenden pflegt, fand bei diesen nicht statt; sie waren so vorsichtig und in allen Betrachtungen so zweckmäßig eingerichtet, daß (den Fall einer allgemeinen Verderbniß der Sitten in Scheschian ausgenommen) eine merkliche Verschlimmerung derselben unmöglich war.Die Hauptquelle der Gebrechen solcher öffentlichen Anstalten liegt darin, daß man so wenig als möglich darauf verwenden will. Die Leute, die dabei gebraucht werden, sind oft selbst rohe und mit den Eigenschaften zu einem so edeln Beruf gar nicht begabte Leute. Sie haben so wenig Anspruch an einige Achtung der Welt zu machen, daß es kein Wunder ist, wenn sie meistens schlecht denkende Geschöpfe sind; und sie werden so armselig belohnt, daß es noch weniger zu verwundern ist, wenn Leute ohne Grundsätze und Tugend ihren eigenen Zustand auf Unkosten ihrer Untergebenen zu verbessern suchen; welches denn, da diesen letztern ohnehin alle ihre Bedürfnisse so sparsam als möglich zugemessen werden, nicht geschehen kann, ohne sie an dem Unentbehrlichen Mangel leiden zu lassen. Tifans Veranstaltungen für die Erziehung armer Kinder von beiderlei Geschlechte verdienten den Namen königlicher Anstalten im eigentlichen Verstande. Nichts was zu ihrer Vollkommenheit gehörte, war dabei gespart. Die dazu gewidmeten Häuser waren weitläufige wohl eingetheilte Gebäude, von gesunder Lage, mit Gärten und Spaziergängen versehen. Jedes derselben hatte seinen eigenen Arzt, der zugleich der oberste Aufseher der ganzen Anstalt, und ein Mann von geprüftem Werthe war. Die Nahrung der Kinder war gesund, zureichend und wohl zubereitet; ihre Kleidung einfach aber zierlich; und für ihre Gesundheit und Reinlichkeit wurde, wiewohl sie nur die Kinder von Tagelöhnern und armen Leuten waren, eben so viele Sorge getragen, als ob sie von dem besten Adel in Scheschian gewesen wären; "denn Reinlichkeit, sagte der weise Tifan, ist eine nothwendige Bedingung der Gesundheit, und ohne Gesundheit ist ein Mensch sich selbst und der Welt zu nichts gut."Mir däucht, Tifan zeigte sich in allem diesem als ein wahrer Vater seines Volkes; und den Fürsten, welche bei Anstalten von dieser Art weniger Aufmerksamkeit auf die Einrichtung derselben wenden als er, wollte ich demüthig rathen, sie lieber gar eingehen zu lassen.Außer diesem ordnete Tifan für jede wichtigere Classe der Bürger eine besondere Erziehung an. Die Kinder der Landleute hatten, seiner Meinung nach, keiner künstlichen Bildung vonnöthen. Die Natur thut bei ihnen das Beste. Die Verderbniß der Sitten in einem Staate rührt niemals von ihnen her. Alle Tugenden, deren sie vonnöthen haben, sind gewissermaßen die natürlichen Früchte ihrer Lebensart; und wenn sie nicht durch Härte und Unterdrückung boshaft gemacht, oder durch das böse Beispiel der Städte angesteckt werden, sind sie mit den einfältigen aber gesunden Begriffen und Gesinnungen, die sie der Natur und dem Menschenverstand allein zu danken haben, die unschuldigsten Leute von der Welt. Ihre Unwissenheit selbst ist für sie ein Gut, weil sie eine nothwendige Bedingung der Tugenden ihres Standes und ihrer Zufriedenheit mit demselben ist. Entwickelte Begriffe, verfeinerte Empfindungen, physische und unorganische Kenntnisse, oder eine gelehrte Theorie der Landwirthschaft, sind entweder gar nicht für sie gemacht, oder würden ihnen doch wenig nützen. Der junge Bauer kann die Regeln des Feldbaues und der ländlichen Wirthschaft von seinem Vater und Großvater besser lernen als von dem gelehrtesten Naturforscher; und ihm diese Regeln auf eine wissenschaftliche Art beizubringen wäre wenig weiser gehandelt, als wenn man ihn die Redekunst und die Logik lehren wollte, damit er sich ausdrücken und Schlüsse machen lerne. Dieser Begriffen zufolge schränkte Tifan den Schulunterricht, der sich für das Landvolk schickt, auf die Kunst zu lesen, zu schreiben und zu rechnen, auf die einfachsten Begriffe und Maximen der Religion und Sittlichkeit, und auf die Erklärung eines sehr vortrefflichen Kalenders ein, den er durch die Akademie der Wissenschaften für sie machen ließ. Alles übrige was zu thun war, um die Landleute von ihrem Verhältniß gegen den Staat, von ihren Gerechtsamen, und von ihren bürgerlichen sowohl als häuslichen Pflichten zu belehren, war dem Priester übertragen, mit welchem Tifan jedes Dorf versah. Dieser Priester stellte zugleich die erste obrigkeitliche Person des Dorfes vor, und war durch eine sehr genau bestimmte Instruction angewiesen, wie er sein zweifaches Amt zu verwalten habe.Was hingegen die Bewohner der Städte betrifft, welche durch ihre Lebensart und Bestimmung viel weiter als das Landvolk von dem ursprünglichen Stande der Natur entfernt werden, von diesen urtheilte Tifan, daß sie überhaupt einen höhern Grad der Aufklärung, mehr Entwickelung, Verfeinerung und Politur vonnöthen hätten. "Je größer die Anzahl der Menschen ist (spricht er), die in einerlei Ringmauern beisammen leben; je stärker die innerliche Gährung und der Zusammenstoß sind, welche aus der Verschiedenheit ihrer Neigungen, Leidenschaften, Absichten und Vortheile entspringen müssen; je schwerer es ist, mitten unter so vielerlei Dissonanzen die zum Wohl des Ganzen nöthige Harmonie zu erhalten; je leichter jede Art von Verderbniß sich unter sie einschleicht, und je schneller sie durch die sittliche Ansteckung fortgepflanzt und bösartig gemacht wird: desto augenscheinlicher ist die Nothwendigkeit, die Erziehung in den Städten zu einem politischen Institut zu machen, und alles darin auf den großen Zweck zu richten, die städtische Jugend aufs sorgfältigste zu geselligen Menschen und zu guten Bürgern zu bilden. Aus diesem Grunde machte der Unterricht in der Sittenlehre, und in der Verfassung, den Gesetzen und der Geschichte von Scheschian, den wesentlichsten Theil derjenigen Erziehung aus, welche allen jungen Bürgern gemein war; und obgleich die Art des Vortrags und die Grade der Ausführlichkeit des Unterrichts dem Unterschied der Stände und der künftigen Bestimmung angemessen waren, so wurde doch selbst bei der Jugend von den untern Classen auf keinen geringern Zweck gearbeitet, als sie —zu eifrigen Liebhabern eines Vaterlandes, dessen gegenwärtiger Zustand sich dem Ideal der öffentlichen Glückseligkeit näherte —zu gehorsamen Befolgern einer Gesetzgebung, deren Weisheit ihrem Verstand einleuchtete — und zu willigen Beförderern des gemeinen Besten, mit welchem sie ihr eigenes unzertrennlich verbunden sahen, zu machen.Außerdem hielt Tifan für nöthig und anständig, daß alle Bürger, zu welcher Classe sie gehören möchten, in ihrer Muttersprache unterrichtet, und gelehrt würden, einige der besten Nationalschriftsteller, die er zu diesem Ende für classisch erklärte, mit Verstand und Geschmack zu lesen. Er urtheilte mit sehr gutem Fuge, daß ein Volk, welches berechtigt seyn wolle, sich für besser als Samojeden und Kamtschadalen anzusehen, seine eigene Nationalsprache richtig und zierlich zu reden gelernt haben müsse; und da die jungen Scheschianer das Glück hatten, keine fremde Sprache erlernen zu müssen, so war es um so viel leichter, von ihrer eigenen in einem Grade Meister zu werden, dessen sich, bei andern Völkern, sogar unter den Gelehrten nur die wenigsten rühmen können.Noch ein andrer Umstand, der die Schulen von Tifans Einsetzung auszeichnet, war, daß dieser Gesetzgeber den Unterricht und die Uebung in der Höflichkeit zu einem wesentlichen Theile der öffentlichen Erziehung machte. Er sah die Höflichkeit für eine Vormauer der öffentlichen Ruhe, für den stärksten Damm gegen alle Arten von Beleidigungen und gewaltthätigen Ausbrüchen der Leidenschaften, und also für das sicherste Mittel an, der Obrigkeit die unangenehme Mühe — und dem Staate den schädlichen Einfluß —häufiger Bestrafungen zu ersparen; und man muß gestehen, unter einem sehr zahlreichen Volke scheint sie, besonders für die geringern Classen, eine der nothwendigsten politischen Tugenden zu seyn. In dieser Rücksicht verfaßte Tifan ein besonderes Ceremonial für alle Stände, Classen, Geschlechter, Alter, Verhältnisse und Vorfallenheiten, an welches die Scheschianer so mechanisch und pünktlich angewöhnt wurden, daß es ihnen endlich zur andern Natur ward. Vielleicht haben die Sineser, welche dieses Institut von jenen borgten, die Sache, nach Art aller Nachahmer, zu weit getrieben; aber die großen Vortheile, die ihrer Polizei davon zugehen, können uns begreiflich machen, wie schön und nämlich dieser Theil von Tifans Gesetzgebung in seiner ursprünglichen Beschaffenheit gewesen seyn müsse.Vermöge eines zur Grundverfassung von Scheschian gehörigen Gesetzes blieben die Kinder ordentlicherweise in der Hauptclasse ihres Vaters. Diese Hauptclassen waren auf sieben festgesetzt. Sie bestanden aus dem Adel oder den Nairen, den Gelehrten, den Künstlern, den Kaufleuten, den Handwerkern, dem Landvolke und den Tagelöhnern; und jede der sechs erstern theilte sich wieder in verschiedne besondere: die letzte aber, welche Tifan als die vornehmste Werkstätte der Bevölkerung ansah, und deren Kinder, als dem Staate vorzüglich angehörig (wie schon gemeldet worden), auf öffentliche Unkosten erzogen wurden, waren auf gewisse Weise von besagtem Gesetz ausgenommen. Der Adel, der sich wieder in den höhern und niedern theilte, konnte von dem Könige niemanden mitgetheilt werden. Wenn ein adeliges Geschlecht erlosch, so versammelten sich die Häupter aller übrigen, und erwählten aus der zweiten oder dritten Classe den Mann, der sich durch die größten Verdienste und den edelsten Charakter der Ehre, in ihren Orden aufgenommen zu werden, am würdigsten gezeigt hatte. Dieser ging davon sofort in die Classe der Edlen über, und füllte die Lücke durch ein neues Geschlecht aus, welches von dem Augenblicke leiner Aufnahme an, alle Rechte des Adels eben so vollständig genoß, als ob es so alt als die Welt gewesen wäre. Hingegen hatte der König das Recht, an den Platz jedes erloschenen Stammes aus dem höhern Adel denjenigen aus dem niedern, den er für den Würdigsten achtete, eigenmächtig auszuwählen. Die Kinder aus den vier folgenden Hauptclassen waren nur in dem Falle einer erweislichen Untüchtigkeit zu den Bestimmungen ihrer Classe oder einer entschiedenen Neigung und Tüchtigkeit zu den Geschäften einer andern, von dem Gesetze losgezählt: und aus der sechsten Classe war es, ohne ausdrückliche königliche Erlaubniß (welche im Gesetz auf besondere Fälle eingeschränkt war) gar nicht erlaubt, in die zweite, dritte oder vierte überzugehen. Und auf gleiche Weise waren auch die Heirathen aus einer Hauptclasse in die andere durch ein Grundgesetz, von welchem der König nur selten dispensiren konnte, untersagt.Da nun solchergestalt die Stände in diesem Reiche gehörig abgesondert waren —welches Tifan für unumgänglich nöthig hielt, wenn jeder den ihm eigenthümlichen Charakter unvermischt beibehalten sollte, so war eine nothwendige Folge hiervon, daß auch jede Classe ihre eigene Erziehung bekommen mußte.Die Söhne aus der dritten, vierten und fünften erhielten die ihrige theils in dem väterlichen Hause, theils in den für sie angeordneten öffentlichen Schulen, theils bei den Meistern ihrer Profession, bei welchen sie sich außerhalb ihres Geburtsortes, sechs Jahre lang (vom sechzehnten an gerechnet), in derselben üben mußten. Für die Kaufleute, Künstler und feinern Handarbeiter war überdieß in allen größern Städten des Reichs eine Art von Akademie angelegt, wo jeder die Theorie seiner Kunst, mit der wirklichen Ausübung verbunden, in möglichster Vollkommenheit und unter Anführung der erfahrensten Meister, zu erlernen Gelegenheit hatte. Aber die Besuchung dieser Akademie war vom Gesetze nur denjenigen als eine Schuldigkeit auferlegt, welche sich in einer von den Hauptstädten des Reichs niederlassen wollten.Die Classe der Gelehrten, oder, wie sie der Sinesische Uebersetzer nennt, der Mandarinen, begriff wieder sechs besondere Ordnungen unter sich: die Akademisten, die Priester, die Schullehrer, die Aerzte, die Richter, Polizeiaufseher und andre obrigkeitliche Personen, und die Sachwalter. Die Ordnung, in welcher sie hier genannt worden, bestimmte in Scheschian ihren Rang. Diese sämmtlichen Abtheilungen genossen vom zehnten bis zum sechzehnten Jahre einer gemeinschaftlichen öffentlichen Erziehung in besonders dazu gestifteten Häusern, deren äußerliche Einrichtung von denjenigen, worin die Pflegekinder des Königs und der Königin erzogen wurden, wenig unterschieden war. Jedes derselben hatte einen Akademisten, einen Priester und einen Arzt zu Oberaufsehern. Eine der vornehmsten Obliegenheiten dieser Aufseher war, die Gemüthsart, den Genie und das Maß der Fähigkeiten der jungen Leute aufs genaueste zu erforschen. Ihre Wahrnehmungen darüber mußten sie, mit eben so vieler Genauigkeit als ob es atmosphärische oder astronomische Beobachtungen gewesen wären, von Tag zu Tag aufzeichnen, und daraus, zu Ende der beiden letzten Jahre, einen mit verschiedenen Probestücken begleiteten Bericht an den Statthalter der Provinz einsenden. Dieser setzte eine Commission von sechs Akademisien zu Untersuchung derselben nieder; und nach dem Gutachten der letztern wurde jeder Jüngling in diejenige unter den sechs vorbenannten Ordnungen, zu welcher ihn Neigung und Fähigkeit vorzüglich bestimmten, und zugleich in diejenige höhere Schule versetzt, worin die besondere Ordnung, in welche er nun gehörte, zu ihrem künftigen Amte ausgebildet und vollkommen gemacht wurde.In der Auswahl der künftigen Priester wurde vornehmlich auf diejenige glückliche Mischung des Temperaments gesehen, welche ihrem Besitzer eine vorzügliche Anlage zu Weisheit und Tugend gibt. Alle sehr feurigen, unruhigen, ruhmbegierigen und unternehmenden Geister, alle jungen Leute von außerordentlich lebhafter Empfindung und Einbildungskraft wurden von einem Stande ausgeschlossen, dessen wesentlichste Pflicht war, dem Volke mit dem Beispiel untadeliger Sitten vorzuleuchten und die Religion durch ihren Wandel ehrwürdig zu machen. Auf diesen Hauptzweck war ihre ganze Erziehung eingerichtet. Von den Wissenschaften, welche nicht unmittelbar weiser und besser machen, wurde ihnen nur so viel beigebracht, als vonnöthen war, um keine Verächter derselben zu seyn. Hingegen wurde auf die Bildung ihres Geschmacks besondere Aufmerksamkeit gewendet; denn Tifan behauptete, daß ein feines und gelehrtes Gefühl des Schönen und Guten ein wesentliches Stück der Weisheit sey. Die Religion, zu deren besonderem Dienste sie in diesen Schulen iniziirt wurden, war nicht mehr der alte armselige Affendienst der Scheschianer; es war diejenige, welche Dschengis ehmals dem jungen Tifan eingeflößt, und dieser zur Grundfeste seiner ganzen Gesetzgebung gemacht hatte. Da sie durchaus praktisch war, da alles Grübeln über die Natur des höchsten Wesens durch ein ausdrückliches Strafgesetz untersagt war: so machte sie auf einer Seite bloß ein politisches Institut, und auf der andern eine Angelegenheit des Herzens aus; oder, mit andern Worten es war bloß darum zu thun, durch sie ein besserer Bürger und ein glücklicherer Mensch zu werden, als man ohne sie hätte seyn können. Aus diesen Gesichtspunkten allein lehrte man die jungen Priester die Religion von Scheschian betrachten; und aus eben diesem Grunde machte die Moralphilosophie und das Studium der Gesetze die Hauptbeschäftigung ihrer Vorbereitungszeit aus.Gleich sorgfältig wurden auch die Schullehrer in besondern für sie angeordneten Pflanzschulen zu ihrer künftigen Bestimmung zubereitet. Diejenigen, welche zu diesem Stande ausgewählt wurden, mußten Beweise der größten Fähigkeiten, eines scharfen Beobachtungsgeistes, einer großen Geschmeidigkeit der Seele und eines edeln Herzens gegeben haben. Tifan glaubte, daß man nur den vortrefflichsten Männern der Nation die Sorge für den kostbarsten Schatz derselben anvertrauen könne. Aber eben darum machten sie auch eine der angesehensten Classen aus, wurden nächst den Akademisten und Priestern als die vornehmsten Staatsbedienten betrachtet, waren für ihre Arbeit reichlich belohnt, und genossen, wenn sie dem Staate fünfundzwanzig Jahre lang gedient hatten, für ihr übriges Leben einer zwar nicht ganz unbeschäftigten, aber doch ruhigen und mit großem Ansehen verknüpften Unabhängigkeit. Diejenigen, welche man einem so wichtigen Stande widmete, wurden, von ihrem sechzehnten Jahr an, zehn Jahre lang in allen Wissenschaften, die zu einer vollständigen Kenntniß des Menschen gehören, und in allen nur möglichen Fertigkeiten, wodurch sie zu ihrem Amte geschickter gemacht werden konnten, geübt. Sie waren überhaupt in zwei Ordnungen abgetheilt; in die Lehrer der niedern und in die Lehrer der höhern Schulen; und für jede Ordnung waren in jeder Provinz besondere Vorbereitungsanstalten.Da Tifan sich eine so große Angelegenheit daraus machte, jeder wichtigern Classe von Bürgern, und besonders denjenigen, welche zur Verwaltung ihres Amtes einen gelehrten Unterricht in den Wissenschaften oder in den Gesetzen von Scheschian vonnöthen hatten, ihre eigene Erziehung zu geben: so stellt man sich leicht vor, daß er für die Erziehung des jungen Adels nicht weniger Sorge getragen haben werde. Die Adeligen in Scheschian besaßen nicht nur den größten Theil der Ländereien eigenthümlich, wiewohl ohne Gerichtsbarkeit: sondern ihre ehmals sehr übertriebenen, unter Azorn und Jsfandiarn aber nach und nach unendlich verminderten Vorzüge waren durch Tifans Gesetzgebung wieder zu einem solchen Glanze hergestellt worden, daß sie nun, sowohl durch ihren Reichthum als durch ihre Vorrechte, die ansehnlichste Kaste im Staate ausmachten. Außer dem wesentlichen Antheil, der ihnen an der Garantie der Gesetze und Nationalrechte zukam, hatte der hohe Adel in Scheschian, der aus den ältesten und begütertsten Familien bestand, ein angebornes Recht an alle obersten Staats- und Kriegsbedienungen. Der König erwählte zwar dazu wen er wollte; aber das Gesetz verband ihn, aus dem Adel zu wählen. So vorzügliche Rechte konnten, nach den Begriffen unsers Gesetzgebers, nicht anders als mit eben so großen Pflichten verbunden seyn. Weil die Edeln in Scheschian die reichste Classe ausmachten, so trugen sie auch zu den Bedürfnissen des Staats am meisten bei; und weil sie die vornehmsten Gehülfen des Königes in der Regierung waren, so mußten sie auch die Geschicklichkeiten und die Tugenden besitzen, die eine so edle Bestimmung voraussetzt. Tifan fand, daß es etwas mit dem Besten des Staats ganz Unverträgliches wäre, dem freien Belieben der Edelleute zu überlassen, ob sie müßig gehen, oder sich nützlich beschäftigen; — ob sie rohe Verächter der Wissenschaften, deren Werth sie nicht verstehen, und anmaßliche Despoten der schönen Künste, deren erste Grundbegriffe ihnen fremde sind, — oder aufgeklärte Freunde und Kenner der einen und der andern; ob sie ungeschliffen und ausgelassen in ihren Sitten verdorben in ihren Grundsätzen, anstößig und übelthätig in ihren Handlungen, — oder ob sie tugendhafte, nach großen Grundsätzen handelnde Patrioten und Menschenfreunde seyn; — mit Einem Wort, ob sie, ihrem innern Werthe nach, die verächtlichste, oder, ihrer Bestimmung gemäß die schätzbarste Classe des Reichs vorstellen wollten. Er glaubte, verzehren was andre arbeiten, sey kein genugsames Verdienst um den Staat; und es sey widersinnig, mit einer niedrigen Seele an den Ruhm und die Rechte edler Vorältern Anspruch zu machen, und unerträglich, wenn ein verdienstloser Mensch, bloß um eines von ungefähr ihm zugefallnen adeligen Namens willen, auf die nützlichen und an innerlichem Werth edlen Glieder des Staats verächtlich herabzusehen sich berechtigt hält. Um den Adel von Scheschian vor einer so schimpflichen Ausartung zu verwahren, um ihn wirklich zu dem was er seyn sollte zu bilden, ordnete Tifan für die adelige Jugend seines Reichs eine öffentliche Erziehung an, bei welcher die Mittel, die zu ihrer Vervollkommnung angewandt wurden, den ganzen Umfang seines großen Zweckes umfaßten. Nicht Sklaven, aber zuverlässige Stützen des Throns, weise Vorsteher der Nation, muthige Vertheidiger ihrer Ruhe und standhafte Vertreter ihrer Rechte, voll edlen Gefühls ihrer Unabhängigkeit gegen alle Anmaßungen einer willkürlichen Gewalt, aber gehorsam gegen die Gesetze, unfähig eine Unwahrheit zu sagen oder eine Niederträchtigkeit zu thun, großmüthig und bescheiden in Verwendung ihres Vermögens, aber Verächter des Reichthums der ein Sold der Knechtschaft und des geschmeidigen Lasters ist, und stolz auf eine Armuth, welche durch den Schatten, den sie auf die Tugend wirft, den Glanz derselben mehr erhebt als verdunkelt; Beförderer aller nützlichen Künste, aber vorzüglich geborne Beschützer des Ackerbaues, dem sie ihre eigene Unabhängigkeit zu danken haben; mit Einem Worte, Vorbilder der übrigen Stände in jeder Tugend des geselligen und bürgerlichen Lebens, und geschickt, die Vorzüge ihres Standes. wofern sie ihnen nicht angeerbt gewesen wären, durch persönliche Verdienste zu erwerben: — dieß sollten die Edeln von Scheschian seyn, und dieß wurden sie durch Tifans weise Veranstaltung. Die Schulen, in welchen sie erzogen wurden, standen unter der unmittelbaren Aufsicht des Königs und der Reichsstände. Die geschicktesten Akademisten wurden zu ihren Lehrern und Aufsehern bestellt. Nichts was den Körper, den Geist und das Herz vervollkommnen kann, wurde in ihrer Erziehung verabsäumt. Sie fing sich mit dem fünften Jahre des Alters an, und endigte sich erst mit dem einundzwanzigsten. Kein Sohn eines Scheschianischen Edeln war einiger Beförderung fähig, der diese öffentliche Erziehung nicht genossen hatte. In den fünf letzten Jahren derselben mußten dem Könige von Zeit zu Zeit die Beobachtungen der Aufseher über die Fähigkeiten und Sitten ihrer Untergebenen, und Proben ihres Fleißes eingeschickt werden. Alle Jahre wurden diejenigen, deren Zubereitungszeit verflossen war, dem Könige vorgestellt. Er behielt die vorzüglichsten an seinem Hofe, und die übrigen wurden, jeder in seiner Provinz, stufenweise zu den Geschäften und Ehrenstellen, die ihrem Stande zukamen, befördert.Itimadulet sagte Schach-Gebal, was mir an den Erziehungsanstalten deines Tifan am besten gefällt, ist die Anordnung dieser mit wirklichen Proben belegten Berichte über die Talente und Sitten der jungen Leute von den höhern Classen. Auf diese Weise blieb ihm kein guter Kopf, kein vorzüglicher Charakter in seinem ganzen Reiche unbekannt. Er war nicht in dem Falle, worin wir andern uns zu befinden pflegen, seine Leute aus einem Glückstopfe ziehen zu müssen, wie du neulich sagtest. Sein Staat glich einer künstlichen Maschine, von deren Wirkung der Meister gewiß ist, weil er weiß, daß er seine Federn, Hebel, Räder, Schrauben und wie die Dinge beißen, jedes an seinen Platz gestellt hat. Ich denke, Freund Danischmend diese Kunst sollte sich ibm ablernen lassen —denn wir wollen uns nicht zu weise dünken, von einem solchen Meister zu lernen.Unstreitig, erwiederte der neue Itimadulet, sind unter seinen Verordnungen und Anstalten manche, wovon sich auch in den Staaten des Sultan meines Herrn guter Gebrauch machen ließe; zum Beispiel (setzte er mit einer bald ironischen Miene hinzu) die vortreffliche Art, wie er Scheschian von dem schädlichen Ungeziefer, den Ya-faou —Aber bei allem dem, fiel Gebal plötzlich ein, muß diese treffliche Kunstmaschine, deren Lob ich so eben aus vollem Herzen anstimmte, irgend einen verborgenen Capitalfehler gehabt haben, daß sie, wie du schon mehr als Einmal etwas voreilig zu verstehen gegeben hast, in so kurzer Zeit ins Stocken gerieth, und endlich gar so gänzlich zu Grunde ging, daß weder Ttfan noch sein Reich unsern Universalhistorikern auch nur dem Namen nach bekannt ist.In der That, versetzte Danischmend, war es, wie Ihre Hoheit sagen, etwas voreilig von mir —Hat nichts zu bedeuten, Herr Danischmend! Im Gegentheil, du hast mir einen Gefallen gethan, mich auf diesen Punkt aufmerksam zu machen. Ich glaube nun deinen Tifan und seine Gesetzgebung mit seiner ganzen Art zu regieren so gut zu kennen als — meine eignen Angelegenheiten. (Das mag wohl seyn! dachte Danischmend, mit einem Seufzer, den er noch zu rechter Zeit in einen kleinen Husten verwandelte.) Seine Staatseinrichtung, wie gesagt, ist ein Meisterwerk, fuhr der Sultan fort: aber, ohne mir selbst ein Compliment zu machen, ich hatte eine Art von Ahndung, daß sie von keiner langen Dauer seyn könnte. Indessen muß es doch die Mühe verlohnen, von dir zu hören wie es damit zuging, und dieß ist, unter uns gesagt, das Einzige was mich an deiner Geschichte von Schechian noch interessiren kann. Richte dich also darauf ein, Itimadulet, wenn ich dich wieder rufen lasse, meine Neugier hierüber zu befriedigen.
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16.

Es ist ein trauriges Loos aller guten Dinge in der Welt, fing Danischmend an, als er nach einigen Tagen wieder an das Bette Seiner Hoheit gerufen wurde, daß sie unter den Händen der Menschen nicht lange unbeschädigt und unverdorben bleiben können. Leider gilt dieß von Gesetzgebungen, Staatsverfassungen und Regierungen ganz vorzüglich. Wie vollkommen auch die gesetzmäßige Verfassung eines Staats seyn mag, bei der Vollziehung kommt alles auf die Beschaffenheit der Menschen an, in deren Händen die Gewalt ist, welche der Staat dem Fürsten, und der Fürst wieder theilweise denen, die ihm regieren helfen sollen, anzuvertrauen genöthigt ist. Wie angelegen ließ sich's nicht der gute Tifan seyn, seiner Gesetzgebung eben dadurch die Krone der Vollkommenheit aufzusetzen, daß er ihr die möglichste Dauerhaftigkeit zu geben suchte! Eben darum weil er einsah, wie sehr alles auf die sittliche Beschaffenheit der Regierten sowohl als der Regierenden ankommt, machte er die moralische Bildung der Scheschianer zum Hauptzweck seiner Erziehungsanstalten, und die Erhaltung der Sitten in der möglichsten Lauterkeit zum Augenmerk aller seiner Verordnungen. Aber eben darum, weil es unmöglich ist unter einem großen Volke die Sitten lange unverdorben zu erhalten, konnt' er mit aller seiner Vorsicht mehr nicht bewirken, als daß es mit der sittlichen Verderbniß seines Volkes langsamer zuging, und also der Zeitpunkt des politischen Todes, welchem sich jeder Staat mit immer zunehmender Geschwindigkeit nähert, von dem seinigen etwas weiter entfernt wurde, als es ohne seine Vorkehrungen geschehen wäre.Ohne Zweifel liegt diese Tendenz zum Schlechterwerden so tief in der menschlichen Natur, daß ihre Wirkung durch keine menschliche Veranstaltung gänzlich aufgehoben werden kann. Auf diesen Punkt scheint der gute Tifan zu wenig Rücksicht genommen, nub überhaupt den Menschen, die er (ohne sich dessen vielleicht bewußt zu sew) zu viel nach seinem eigenen Herzen beurtheilte, bei aller seiner Vorsicht, noch immer mehr Gutes zugetraut zu haben, als er mit Recht erwarten konnte: und dieser Umstand ist vielleicht allein der Grund, warum einige seiner Gesetze den Keim ihrer Verderbniß bereits in sich trugen, und die Entwickelung desselben unvermerkt beförderten. So hatte er z. B., in der besten Absicht von der Welt, die Scheschianische Priesterschaft, um sie zu veredeln und dem Staate nützlich zu machen, zu öffentlichen Lehrern des Gesetzbuches bestellt, und zu diesem Endzweck alle nur ersinnliche Sorge getragen, sie zu vortrefflichen Bürgern zu bilden. Aber, was er nicht vorhergesehen hatte, war, daß er gerade dadurch diesem Stand ein Ansehen und einen Einfluß verschaffte, dessen sich in der Folge — wenn die Sitten nach und nach schlaffer geworden seyn, und die Gesetze also einen Theil der Kraft, die sie von jenen erhalten, verloren haben würden — ehrgeizige und heuchlerische Menschen bedienen würden, selbstsüchtige Plane zum Nachtheil des Staats durchzusetzen. Aus einer ähnlichen Ursache hatte er, wiewohl anfangs eine gänzliche Umschaffung der Scheschianischen Landesverfassung zu seiner großen Absicht nöthig schien, den erblichen Adel als eine besondere Classe von Staatsbürgern beibehalten, und ihn nicht nur im Besitz eines Theils seiner ehemaligen Vorzüge gelassen, sondern ihn noch durch das ausschließliche Recht an die obersten Staats- und Kriegsbedienungen so hoch über alle übrigen Classen erhoben, daß es kaum begreiflich ist, wie Tifan die künftigen Folgen einer so auffallenden Ungleichheit sich selbst habe verbergen können. Was auch immer über diesen Punkt zu seiner Rechtfertigung oder Entschuldigung gesagt werden könnte, gewiß ist, daß dieß einer der größten Fehler seiner Gesetzgebung war, und vielleicht mehr als alle übrigen zum Untergang derselben beitrug. Denn wie konnte er erwarten, daß ein Volk, das durch eben diese Staatseinrichtung zu der höchsten Stufe von Cultur, deren die Menschheit fähig scheint, gelangen mußte, ein so unbilliges Vorrecht einer verhältnißmäßig kleinen Anzahl in die Länge dulden, oder daß diejenigen, die im Besitz desselben waren, sich dessen gutwillig begeben würden?Endlich ist nicht zu läugnen, daß Tifan, wiewohl es sein ernstlicher Wille war, sich selbst und seinen Nachfolgern die Freiheit Böses zu thun so viel möglich zu entziehen, dennoch durch Betrachtungen, an welchen sein Herz mehr Antheil hatte als seine Vorsicht, sich verleiten ließ, den Königen von Scheschian eine größere Macht einzuräumen, als mit der Sicherheit seiner Gesetzgebung, von welcher doch die Sicherheit seines Volkes abhing, in die Länge bestehen konnte.Wie meinst du das, Freund Danischmend? fragte Schach-Gebal mit einem bedenklichen Zucken der Augenbrauen."Ich will damit so viel sagen: als Tifan sich und seinen Thronfolgern das Vermögen auch willkürlich viel Gutes zu thun nicht entziehen wollte, und diesem zufolge der Krone ein unabhängiges jährliches Einkommen von zehn Millionen Unzen Silbers zueignete, worüber der König nach seinem Belieben schalten konnte; so geschah es unstreitig aus dem löblichsten Bewegungsgrund, und konnte, so lange sein Geist auf seine Nachfolger forterbte, dem Staate nicht anders als ersprießlich seyn. Nur scheint er vergessen zu haben, daß eine große willkürliche Macht Gutes zu thun ihrem Besitzer nothwendiger Weise auch eine eben so große Macht Böses zu thun ertheilt; und daß also alle Könige nach ihm lauter Tifane gewesen seyn müßten, wenn dieser Theil seiner Anordnungen nicht zu verderblichen Mißbräuchen Anlaß und Mittel hätte geben sollen."Was du da sagst, Itimadulet, gilt wohl von der ganzen Gesetzgebung und Staatsverwaltung deines Tifan. Augenscheinlich war alles auf seine persönliche Denk- und Sinnesart berechnet. Die Scheschianer, um das zu bleiben was er aus ihnen machte, hätten immer einen Tifan an ihrer Spitze haben müssen. Wie konnte er so übermäßig bescheiden seyn, so etwas als möglich vorauszusetzen?In der That, versetzte Danischmend, glaubte er durch die äußerst sorgfältige Erziehung, welcher die künftigen Thronfolger nach dem Gesetz unterworfen seyn sollten, sein Möglichstes gethan zu haben, um seinem Reich eine lange Folge eben so guter Könige, als er selbst war, zu versichern. Aber auch dieß hing doch gänzlich von der Beschaffenheit derjenigen ab, denen die Vollziehung dieses wichtigsten Theils seiner Gesetzgebung anvertraut werden mußte. Es läßt sich kaum denken, daß er alles dieß, und was daraus folgt, nicht vorhergesehen haben sollte. Aber vermuthlich war seine Meinung auch nur, selbst das möglichste Gute zu schaffen, und, nachdem er alle Vorsicht, deren ein weder unfehlbares noch allvermögendes Wesen fähig war, für die Zukunft angewandt hatte, es nun dem Schicksal zu überlassen, wie lange sein Werk, und die Bewegung die er ihm einmal gegeben hatte, dauern würde, Zum Unglück für Scheschian blieb der eben so weise als gute, und eben so thätige als weise Tifan, der (wie Ihre Hoheit so richtig urtheilten) gleich dem Phönix der Fabel in jedem seiner Nachfolger wieder hätte aufleben müssen —Ich bedanke mich in Parenthesi für die Verschönerung meiner Anmerkung, sagte der Sultan mit einem etwas zweideutigen Lächeln.— unter zweiundzwanzig Königen, aus welchen die Titanische Dynastie bestand, der einzige in seiner Art: seinen Sohn Temor ausgenommen, der unter der langen Regierung seines Vaters Zeit genug gehabt hatte sich zu überzeugen, daß er, wenn die Reihe dereinst an ihn käme, gegen die Gewohnheit der Thronfolger, nichts Besseres thun könne, als sich so zu betragen, daß die Scheschianer noch immer von Tifan regiert zu werden glauben möchten. Dieser Temor würde, seiner vortrefflichen Erziehung ungeachtet, in einer Epoche wie jene, worin sein Vater einen so großen Charakter entfaltet hatte, nur eine mittelmäßige Rolle gespielt haben: in den glücklichen Umständen hingegen, worin er den Thron bestieg, war er gerade deßwegen, weil er fünfzig Jahre lang Tifans bester Unterthan gewesen war, der würdigste Nachfolger dieses großen Königs. Allein mit ihm endigte sich auch das wirkliche goldene Alter der Scheschianer. Nach einer dreißigjährigen Regierung hinterließ Sultan Temor den Thron seinem Sohne Turkan, der das Feuer des Geistes, den Muth und die Thätikgeit seines Großvaters geerbt zu haben schien, aber, da ihm sowohl die Anlage zu den sanftern Tugenden, als der Vortheil von einem Dschengis in der Dunkelheit des Privatstandes erzogen zu seyn, mangelte, eben darum weil er nur zur Hälfte Tifan war, der glücklichen Verfassung seines Vaterlandes die erste Wunde schlug. Nach den Versuchen zu urtheilen, die er in den ersten Jahren seiner Regierung machte, die Reichsstände zu verschiedenen Aenderungen in den Gesetzen Tifans zu bewegen, — Aenderungen, welche unter dem Anschein des gemeinen Besten die Macht der Krone beträchtlich vermehrt haben würden, — hätte sein unruhiger Geist sich schwerlich an dem bescheidenen Ruhme seines Vaters begnügt, wenn ihm ein langwieriger Krieg mit dem Könige von Katay nicht einen andern Tummelplatz eröffnet hätte. Er hörte sich zwar gern den zweiten Tifan nennen; aber er wollte es auf seine eigene Art seyn —Was du ihm doch nicht übel nehmen wirst? fiel Schach-Gebal ein —"Ich nicht; aber die Scheschianer hatten gegen diese eigene Art manches einzuwenden."Danischmend mein Freund, von einem Itimadulet sollte man billig erwarten, daß er das Volk besser kennen müßte, um aus diesem Umstand etwas zum Nachtheil Turkans zu folgern. Deine Scheschianer machten es, denke ich, wie alle ihresgleichen, wenn es ihnen zu wohl ergeht: sie wurden übermüthig.Sire, erwiederte Danischmend, wofern dieß der Fall war, so ließ es Turkan nicht an sich fehlen, den Exceß ihres Wohlbefindens nach Möglichkeit zu mäßigen. Denn er führte Krieg beinahe seine ganze Regierungszeit durch, und Scheschian hatte den ganzen Wohlstand vonnöthen, der die Frucht einer achtzigjährigen Ruhe unter der besten Staatsverwaltung war, um von den Folgen seiner glänzenden Unternehmungen nicht zu Boden gedrückt zu werden. Katay war damals nach Scheschian das mächtigste Reich im Osten, es besaß, wie jenes, einen großen Ueberfluß an den kostbarsten Naturgütern; aber seiner innern Verfassung nach stand es weit hinter jenem zurück, und der große Handelsverkehr, der zwischen beiden Völkern vorwaltete, war gänzlich zum Vortheil der Scheschianer. Uebrigens konnte man diesen Krieg insofern gerecht auf Seiten der Scheschianer nennen, als die erste Veranlassung nicht von ihnen herrührte: aber wahrscheinlich würde Tifan an dem Platze seines Enkels Mittel gefunden haben, auf eine oder andere Weise den Ausbruch desselben zu verhüten.Herr Danischmend, fiel der Sultan ein, wenn der Hof von Katay die Gelegenheit gegeben hatte, so erforderte doch wohl die Ehre der Scheschianischen Krone eine Beleidigung nicht ungestraft hingehen zu lassen? Aber worin bestand denn die Beleidigung?"Eine von den Tartarischen Horden, die unter dem Schutze des Königs von Katay standen, hatte eine Scheschianische Karawane geplündert. Turkan forderte im Namen seiner Unterthanen Genugthuung; der Hof von Katay zögerte: Turkan erneuerte seine Forderungen mit Hitze und Stolz, und da er immer kältere Antworten erhielt, so eilte er (in der That viel rascher als er gethan haben würde wenn es ihm um Beibehaltung des Friedens zu thun gewesen wäre) seinen nicht weniger stolzen Nachbar die Ueberlegenheit seiner Macht auf die nachdrücklichste Art fühlen zu lassen. Nach der Grundverfassung des Reichs konnte der König keinen Krieg ohne Einstimmung der Nation unternehmen. Aber dießmal fand Turkan eine große Mehrheit derselben willig, seinen Antrag aus allen Kräften zu unterstützen: das Volk, weil es die erlittene Beleidigung um so höher empfand, je lebhafter es seine Vorzüge über die Katayer fühlte; und der Adel, weil ein großer Theil desselben sich Ruhm, Ehrenstellen und andere ansehnliche Vortheile von dieser Gelegenheit versprach. Der Krieg wurde also beschlossen, und die in Feuer gesetzten Scheschianer beeiferten sich, ihren jungen König, der an der Spitze seines Heers die Miene hatte einem gewissen Sieg entgegen zu gehen, durch Verdoppelung der gewöhnlichen Kriegsmacht und freudige Bewilligung außerordentlicher Beiträge so lange zu unterstützen, bis er den gedemüthigten Feind zu einem rühmlichen Frieden gezwungen haben würde. Dieser würde auch vermuthlich in wenigen Feldzügen erhalten worden seyn, wenn Turkan und sein Volk sich der Vortheile, die ihnen das Glück anfangs zuwandte, mit etwas mehr Mäßigung hätten bedienen wollen. Aber kaum hatte ihnen der erste Sieg einen Theil der feindlichen Gränzen unterworfen, so mischte sich schon die Eroberungssucht ins Spiel; und eine der schönsten Provinzen des Katay'schen Reichs, welche Turkan dem seinigen einzuverleiben beschlossen hatte, und die er wechselsweise bald einnahm bald wieder verlor, blieb nicht nur das Ziel eines Krieges, der mit abwechselndem Glücke beinahe seine ganze Regierung durch währte, sondern auch, nachdem sie ihm abgetreten worden war, auf lange Zeit die Quelle eines unversöhnlichen Hasses und oft erneuerter Fehden zwischen den Königen von Katay und Scheschian.Turkan genoß die Ruhe nicht lange, die er seinem erschöpften Volk endlich wieder verschafft hatte. Von seinen vier Söhnen waren drei auf dem Bette der Ehre gestorben; und so folgte ihm Akbar, der jüngste, in einem Alter, worin es, selbst bei einer Erziehung wie die Scheschianischen Königssöhne erhielten, schwer ist, ein großes Volk — und noch schwerer sich selbst zu regieren.Keine Satyren mehr, Herr Danischmend! unterbrach der Sultan den Erzähler abermals:: vergiß nicht, daß mich nach dem Ende deiner Erzählung verlangt —Wenn dieß ist, sagte Danischmend, dem die sonderbare Laune seines Herrn aufzufallen anfing, so verdient Sultan Akbar Dank; denn seine Regierung war ein starker Schritt, wo nicht zum Ende der Geschichte von Scheschian, wenigstens zu einer Abänderung seiner Verfassung, die dasselbe nicht wenig beschleunigte. Akbar liebte die Künste, die nur im Frieden gedeihen, nicht weniger leidenschaftlich als sein Vater die kriegerischen geliebt hatte: aber er begnügte sich nicht, die Spuren der Verwüstungen eines langwierigen Krieges in seinem Reich auszulöschen und dessen ehmaligen Wohlstand wieder herzustellen. Er wollte noch mehr thun als Tifan und Temor, und wurde nicht gewahr, daß er, während er sich überredete den höchsten Flor des Reichs zum einzigen Augenmerk zu haben, bloß für seine Lieblingsleidenschaften arbeitete. Von lauter Künstlern und Virtuosen, Kennern und Dilettanten umgeben, deren Interesse war seine Leidenschaft vielmehr anzufeuern als zu mäßigen, hörte er in seinem ganzen Leben nichts was ihn aus dieser süßen Täuschung hätte wecken können. Azor, Lili, und Alabanda selbst, blieben in allem, was sie für die schönen Künste thaten, weit hinter ihm zurück: denn man mußte ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er sie nicht, nach Gewohnheit der meisten Fürsten, zu bloßen Sklaven seines Vergnügens herabwürdigte, sondern sie um ihrer selbst willen liebte und nur an der Vollkommenheit ihrer Werke Vergnügen fand. Auch darüber hatte sich keine zu beklagen, daß er sie etwa aus Vorliebe zu einer andern vernachlässige; jede schien vielmehr berechtigt sich für die vorzüglich begünstigte zu halten. Indessen war doch gewiß, daß die Baukunst, weil sie mit seiner Liebe zum Schönen zugleich seine Prachtliebe und Eitelkeit am meisten befriedigte, den ersten Rang in seiner Zuneigung behauptete; wenigstens konnte man nicht anders urtheilen, wenn man die Menge und Herrlichkeit aller Arten von öffentlichen Gebäuden sah, womit er die Residenz Scheschian und alle Hauptstädte seiner Provinzen angefüllt hatte. Natürlich reichten die Einkünfte der königlichen Domänen, so groß sie auch waren, bei weitem nicht zu, eine so kostbare und unersättliche Leidenschaft zu befriedigen: und kaum fühlte man die Unzulänglichkeit, so entstand eben so natürlich das Verlangen ihr abzuhelfen. Das kürzeste Mittel war, einen kleinen Bruch in das Gesetzbuch Tifans zu machen, und Seiner Hoheit nicht nur die willkürliche Verwaltung des öffentlichen Schatzes, sondern auch die Macht, nach Gutdünken neue Zuflüsse in denselben zu leiten, auf eine gute Art in die Hände zu spielen. Die Sache lag dem guten Akbar zu sehr am Herzen, als daß sich unter den Kunstliebhabern, von welchen sein Hof wimmelte, nicht gar bald einer gefunden hätte, der sein Haupt nicht eher zur Ruhe legte, bis er ein wohlberechnetes Plänchen, wie das alles am sichersten zu bewerkstelligen wäre, ausgearbeitet hatte. Alles kam darauf an, den Adel und die Priesterschaft dahin zu bringen, daß sie sich, gegen eine billige Entschädigung, eine so ungeheure Ausdehnung der königlichen Gewalt gefallen ließen. Denn diese beiden mußten schlechterdings gewonnen werden: der Adel, wegen des entscheidenden Einflusses, den ihm die Staatsverfassung gab; die Priesterschaft, weil sie unmittelbar auf das Volk wirkte und durch ihr Ansehen alles über dasselbe vermochte. Beides hatte große Schwierigkeiten, wofern Akbar versucht worden wäre seine Absichten durch gewaltsame Mittel erreichen zu wollen: aber beide Stände konnte man zu gewinnen hoffen, wenn man ihre Mitwirkung unter keiner andern Bedingung verlangte, als insofern sie ihnen selbst vortheilhafter wäre als die Anhänglichkeit an die Tifanische Constitution. In dieser Rücksicht glaubte man von den zehen Millionen Unzen Silbers, die der König aus seinen unabhängigen Domänen zog, keinen nützlichern Gebrauch machen zu können, als daß man sie zu Hebung der Skrupel verwendete, welche sich natürlicher Weise beim Antrag einer so wesentlichen Verschlimmerung der beschwornen Staatsverfassung in dem Gewissen derjenigen erheben mußten, deren erste Pflicht die Erhaltung dieser Verfassung war. In der That hätten beide Stände eines höhern Grades von Uneigennützigkeit, als man von gewöhnlichen Menschen erwarten darf, vonnöthen gehabt, wenn sie eine so günstige Gelegenheit hätten versäumen sollen —die einen, ihre durch den letzten Krieg und durch die Nachahmung der Kunst- und Prachtliebe des jungen Königs erschöpften Finanzen wieder herzustellen — die andern, welche sich seit Tifans Zeiten mit sehr spärlich zugemessnen Einkünften behelfen mußten, die ihrigen zu verbessern und ihren Wünschen so viel möglich gleich zu machen. Man trat also in aller Stille mit den vornehmsten Gliedern des Ausschusses der Reichsstände in geheime Unterhandlungen; die Herren machten ihre Bedingungen: man wurde des Handels eins. Aber, was der Hof als den ersten Präliminarpunkt zugestehen mußte, war: daß es, um die Nation nicht zu sehr zu erschrecken, schlechterdings nöthig sey, die alte Form der Verfassung beizubehalten, und sich vor der Hand an der unbegränzten Bereitwilligkeit der Stände, dem König alles was er verlangen würde zu bewilligen, um so mehr zu begnügen, da die zugleich stillschweigend ertheilte Freiheit, den Staat mit so viel Schulden zu belasten, als die väterliche Sorge Seiner Hoheit für den möglichsten Flor desselben bei Gelegenheit etwa für nöthig erachten möchte, die zu Dero gnädigsten Befehl stehenden Summen nach Gutbefinden dupliren und dripliren konnte.Die edeln und ehrwürdigen Patrioten, mit welchen dieser geheime Tractat geschlossen wurde, nahmen es auf sich, ihre übrigen Collegen, unter den zugestandenen Bedingungen, auf ihre Seite zu bringen, und fanden weniger Widerstand als sie sich selbst vorgestellt hatten: so viel hatten bereits seit Tifans Zeiten die Sitten an ihrer Einfalt und die Gesetze an ihrer Energie verloren.Akbar berief nun die Stände, um, wie er sagte, über die gegenwärtige Lage und Bedürfnisse des Vaterlandes sich mit ihnen zu berathen. Der Friede, hieß es in der königlichen Rede vom Throne, habe zwar, zu großer Freude Seines väterlichen Herzens, alle Quellen des gemeinen Wohlstandes wieder reichlicher als jemals fließen gemacht: aber die gänzliche Ausheilung aller Wunden, die ein beinahe zwanzigjähriger Krieg dem Staate geschlagen habe, und sowohl die Sicherstellung desselben gegen seine natürlichen Feinde, die nur durch eine entschiedene Ueberlegenheit von neuen Unternehmungen abgeschreckt werden könnten, als die Erhaltung der so theuer errungenen Früchte des Sieges, machten mehr als gewöhnliche, wiewohl die Kräfte der Nation nicht übersteigende Anstrengungen vonnöthen; zu welchen Seine Hoheit ihre getreuen Stände um so bereitwilliger zu finden hofften, da Sie es ihrer Weisheit gänzlich überließen, für die nöthige Vermehrung der Staatseinkünfte durch solche Mittel und Wege zu sorgen, die den Unterthanen besonders der ehrwürdigen Classe der Landleute, die wenigste Beschwerde verursachen würden.Die Stände blieben Seiner Hoheit in ihrer Antwort nichts schuldig: denn wiewohl der Geist der Zeiten Tifans von Scheschian gewichen war, so hatte man doch die Sprache derselben beibehalten; und der Kanzleistyl jener Zeit blieb immer eben derselbe, auch nachdem es so weit gekommen war, daß man durch die wechselseitigen Complimente, die der König dem Volke, und die Repräsentanten des Volkes dem Könige machten, des öffentlichen Elendes nur zu spotten schien. Seine getreuen Stände fühlten sich unvermögend, sagten sie, einem so huldreichen und so unermüdet für das Glück seiner Völker arbeitenden Monarchen den ganzen Umfang des Vertrauens und der Anhänglichkeit, wovon sie durchdrungen waren, zu beweisen. Was kennten sie, um nicht gar zu weit hinter ihrer Pflicht zurückzubleiben, weniger thun, als den Beschluß fassen, sein Vermögen Gutes zu thun seiner gränzenlosen Thätigkeit gleich zu machen? — Diesem zufolge übertrugen sie ihm volle Machtgewalt, über die Verwendung des öffentlichen Schatzes eben so unbeschränkt zu gebieten als über seine eigene Casse; und um den großmüthigsten der Fürsten in den Stand zu setzen, seinen wohlthätigen Wünschen einen desto freiern Spielraum zu geben, ordneten sie verschiedene neue Abgaben an, wovon man zwar seit mehr als hundert Jahren in Scheschian nichts gewußt hatte, die sich aber um so leichter rechtfertigen ließen, da das Reich durch die natürlichen Folgen der Tifanischen Einrichtungen sich augenscheinlich auf einer Stufe von allgemeinem Wohlstand befand, der eine namhafte Vermehrung der Staatseinkünfte ohne merkliche Bedrückung des Volkes möglich und zulässig zu machen schien. Dagegen bewies aber auch Sultan Akbar seine Dankbarkeit für das in ihn gesetzte Vertrauen durch die schönsten —Versprechungen: und als eine thätige Probe seines guten Willens gab er sogleich zwei Gesetze, wovon das eine den Adel, zu einiger Entschädigung für die großen Opfer, die er dem Staat in dem Katay'schen Kriege gebracht hatte, auf eine unbestimmte Zeit von allen Abgaben befreite; das andere den Verdiensten des Priesterthums, durch verhältnismäßige Erhöhung des Einkommens der verschiedenen Priesterclassen und Stiftung einer Anzahl neuer reich begabter Tempel und Ordenshäuser, gebührende Gerechtigkeit widerfahren ließ.Vortrefflich! rief Schach-Gebal: das konnt ich mir voraus vorstellen, daß die Herren die Baulust meines guten Bruders Akbar nicht unbenutzt lassen würden. Aber das Volk, auf dessen Unkosten dieser ganze schöne Handel abgeschlossen wurde, was sagte das dazu?Sire, erwiederte Danischmend, das Volk ist, wie Ihre Hoheit wissen, ein gar launiges, grillenhaftes Thier: zu einer Zeit duldet es die auffallendsten Eingriffe in seine Rechte mit der kaltblütigsten Gleichgültigkeit, zur andern geräth es über die unbedeutendere Kleinigkeit in Feuer: heute kann man alles von ihm erhalten, morgen vielleicht gar nichts. Die Scheschianer hatten sich in einigen ruhigen Jahren völlig wieder hergestellt; Akbars Prachtliebe, und die großen Werke, wodurch er alle Arten von Künstlern und Arbeitern in Beschäftigung und ungeheure Summen in den schnellsten Umlauf setzte, machten seinen Namen und seine Regierung der Nation beliebt; der allgemeine Wohlstand, der für den Augenblick dadurch befördert wurde, erhöhte ihren Muth, und machte sie geneigt, dem Fürsten und den seinem Beispiele nacheifernden Großen einen Theil dessen, was sie von ihnen gewannen, ohne eine allzu genaue Berechnung wieder zu geben. Ueberdieß hielt man es für billig, daß der Adel, der im Kriege sich um die Nation verdient gemacht und zum Theil wirklich viel dabei eingebüßt hatte, belohnt und entschädiget würde; und die Priesterschaft stand, ihrer Weisheit und reinen Sitten wegen, in einem so hohen Ansehen bei dem Volke, daß es von freien Stücken noch mehr für sie zu thun geneigt war als Akbar vorschlug. Bei allem dem fehlte es doch hier und da nicht an Widerspruch und Mißvergnügen, und viele Alte, die von ihren Vätern das Glück der Zeiten Tifans rühmen gehört hatten, weissagten der Nachkommenschaft wenig Gutes von der kühnen Anmaßung, eine Constitution, welche mehr das Werk einer wohlthätigen Gottheit als eines Sterblichen schien, so leichtsinnig verbessern zu wollen. Aber sie wurden überstimmt, und manche Generation ging vorbei, ehe die Folgen der Uebel, zu welchen jetzt der Grund gelegt wurde, den Scheschianern zu spät die Augen öffneten.Es bedarf vielleicht vieler Jahrhunderte, bis so ein Gebäude, wie Tifan errichtet hatte, vor Alter und Baufälligkeit zusammensinkt. Gleichwohl hätte dieser Augenblick endlich kommen müssen; denn daß eine unzerstörbare Staatsverfassung unter die unmöglichen Dinge gehöre, ist noch von niemand geläugnet worden.So hätte ich große Lust der erste zu seyn, sagte Gebal lachend. Warum wär' es denn so unmöglich, ein Staatsgebäude aufzuführen, das wenigstens eben so dauerhaft wäre, als die Pyramiden in Aegypten, die schon einige tausend Jahre stehen, und wahrscheinlich so lange stehen werden, als der Elephant, der die Erde trägt, auf der großen Schildkröte, und die Schildkröte auf der zusainmengeringelten Schlange?O gewiß, sagte Danischmend: man brauchte zur Aufführung eines solchen Staats nur die Pyramiden zum Muster zu nehmen. Auch ist dieß, dünkt mich, bei unsern östlichen Staatsverfassungen bereits geschehen; und es erklärt sich daraus, warum, zum Beispiele, das Sinesische Reich, wiewohl es schon so oft durch Eroberung unter fremde Oberherren gekommen ist, dennoch seine innere Verfassung bei jeder Revolution unverändert erhalten hat. Ich hätte mich also genauer ausdrücken, und sagen sollen, daß meine Behauptung nur von Staaten gelte, deren Bürger (wie die Scheschianer unter Tifan) freie Menschen sind. Ich zweifle sehr, ob für solche jemals eine bessere Constitution als die Tifanische diesseits des Mondes gesehen worden ist; und doch ist leicht zu zeigen, daß gerade in dem was ihre Vortrefflichkeit ausmachte, die Ursache ihres Untergangs war.Wie käme das? fragte der Sultan mit einer ironischen Miene von unglaublicher Verwunderung.Die Tifanische Constitution, antwortete Danischmend, gründete sich einerseits auf die Einschränkung der Monarchie durch eine solche Vertheilung der höchsten Gewalt zwischen dem König, dem Adel und den Stellvertretern des Volks, wodurch keines dieser politischen Gewichte, von deren richtigem Zusammenwirken der Wohlstand des Staats abhing, ein merkliches Uebergewicht über die andern sollte erhalten können; andrerseits auf die Güte der Sitten, und auf eine Cultur, wodurch Tifan die Dauer seiner Gesetze zu einer natürlichen Folge der freien Ueberzeugung des Volkes von ihrer einleuchtenden Vernunftmäßigkeit zu machen hoffte. Auf diesen zwei Hauptpfeilern ruhte sein ganzes Gebäude; aber jeder dieser Pfeiler selbst stand auf einem sandigen Grunde, der unter einem so schweren Gewicht unvermerkt weichen mußte. Niemals wird in irgend einem Staate derjenige, der mit irgend einem Antheil an Macht und Ansehen bekleidet ist, sich lange in der Einschränkung halten, die ihm das Gesetz vorgeschrieben hat. Gibt das Gesetz die höchste Gewalt in die Hand eines Einzigen, so wird dieser Einzige nicht ruhen, bis er sich über das Gesetz erhoben und es dahin gebracht hat, daß sein Wille, nicht der allgemeine, das höchste Gesetz ist. Vertheilt es dieselbe unter mehrere durcheinander eingeschränkte Mächte, so wird jede von ihnen, so gut wie jener Einzige, sich so lange auszudehnen streben, bis sie den Damm, der sie einzwängen soll, durchbrochen hat: und ist das Gesetz einer jeden, für sich allein, zu mächtig, so werden sie sich gegen dasselbe vereinigen, oder in geheime Unterhandlungen mit einander treten, und — unter der Bedingung sich in die Vortheile, die sich keine allein zuzueignen vermag, brüderlich zu theilen — die schicklichsten Mittel das Gesetz unkräftig zu machen mit einander abreden. Dieser Umstand ist für sich allein schon mehr als hinlänglich, den immer zunehmenden Verfall und endlich die ganze Auflösung jeder politischen Gesellschaft zu bewirken: aber auch ohne ihn würde bloß die Cultur (ich meine eine solche, wie diejenige, wozu Tifan durch seine Gesetze den Grund legte) mit der Zeit die nämliche Wirkung hervorbringen.Danischmend ist heute zu paradoxen Behauptungen aufgelegt, sagte der Sultan: aber ich seh' ihn kommen —Ihre Hoheit halten mir zu Gnaden, fuhr dieser fort, wenn ich Ihnen etwas sehr Einfältiges zu sagen scheinen werde, das aber darum nicht weniger wahr ist. Damit ein Volk sich gutwillig einer Regierung unterwerfe, welche, vermöge der Natur der Sache und des Menschen, ewig nach ungebundener Willkürlichkeit strebt, muß betagtes Volk sich in einem Zustande von Dumpfheit, Einfalt und Unmündigkeit befinden, der genau so lange und keinen Augenblick länger dauern kann, als es in Unwissenheit und Vorurtheile, gleich einem Wickelkinde, um und um eingewickelt bleibt: und wofern ein gewisser Grad von Cultur sich mit diesem Zustande vertragen soll, so muß die vereinigte Gewalt der Gesetze, der Erziehung, der Sitten und der Gebräuche, im Nothfall durch die Schrecken eines eisernen Despotismus verstärkt, zusammenwirken, jeden Fortschritt zu höhern Stufen unmöglich zu machen. Ist aber dieser Fortschritt freigelassen, wird er durch die Verfassung sogar befördert: so ist nichts natürlicher, als daß endlich die Zeit kommen muß, wo das besagte Volk mit seinen Befugnissen und Rechten, und überhaupt mit seinem wahren Interesse so bekannt wird, daß es sich nicht länger zum leidenden Gehorsam bequemen will, geschweige daß die Blendwerke, Gaukeleien und Zauberformeln länger bei ihm anschlagen sollten, womit es sich ehmals in seiner Dumpfheit bemaulkorben und nach der Pfeife seines Führers tanzen machen ließ. Es wird also —Erspare dir die Mühe uns zu sagen was es thun wird, Itimadulet, fiel ihm der Sultan ins Wort — wir kennen das! Aber meinst du nicht auch, daß sich aus dem, was du uns eben da zu sagen beliebt hast, ein vortreffliches Argument gegen deine fortschreitende Cultur ziehen ließe?O gewiß ein vortreffliches, sagte Danischmend mit einer lächelnden Grimmasse, die nicht ganz so ehrerbietig war als einem ersten Minister, der seinem Gebieter antwortet, geziemen will.Nicht daß ich etwas gegen die Cultur hätte, fuhr der Sultan ganz kaltblütig fort: im Gegentheil! — nur mit deiner fortschreitenden Cultur, Herr Danischmend, die so lange fortschreitet bis sich die Leute gar nicht mehr regieren lassen wollen, mit der würde ich mich schwerlich recht vertragen können. Ich liebe Ordnung und Ruhe in meinem Lande; das Ei soll nicht klüger seyn wollen als die Henne; und wer zum Dreschflegel, zum Hammer, zur Nadel und zur Ahle geboren ist, soll sich den Kopf nicht damit zerbrechen, was er thun wollte, wenn er Oberrichter, Statthalter, Itimadulet, oder Herr des weißen Elephanten wäre. Das ist meine Meinung von der Sache; und nun weiter im Text, Freund Danischmend!Die gar zu schöne, gar zu gute, gar zu vernünftige, und eben darum (wie Ihre Hoheit weislich bemerkt haben) für so alberne Thiere als die Menschen sind gar nicht passende Verfassung, welche Tifan der Einzige den Scheschianern gab, würde also, wenn man sie auch ihre natürliche Zeit hätte ausleben lassen, endlich doch ein Ende genommen haben, sagte ich: aber die Maßregeln, die der pracht- und kunstliebende Akbar mit seinen getreuen Ständen nahm, ließen es dazu nicht kommen, sondern beschleunigten den fatalen Zeitpunkt um einige Jahrhunderte. Der erste und gefährlichste Schritt war nun glücklich gemacht. Der Hof hatte das Vergnügen zu sehen, daß ein so gewaltiger Bruch in die Tifanische Grundverfassung nicht nur ohne die geringste Erschütterung, sondern sogar mit fast allgemeinem Beifall, gemacht worden war: so eifrig hatten sich's die dankbaren und in aller Stille nach höhern Dingen strebenden Priester angelegen seyn lassen, das Glück der Regierung Akbars, und die unendlichen Vortheile, die dem Reich aus den neuen Einrichtungen zuwachsen würden, dem gläubigen Volke von ihren Lehrstühlen sowohl als bei allen andern Gelegenheiten anzupreisen. Von nun an wußte der Hof, der Adel und die Klerisei, wie sie mit einander ständen; jener wußte daß er durch diese, diese daß sie durch jenen erhalten könnten was sie wollten. Das alles machte sich anfangs mit der größten Leichtigkeit. Die höchst einfachen Formeln — "was wird uns für unsere Gefälligkeit?" und "was verlangen die Herren?" — machten die ganze Procedur aus. Nichts war tröstlicher, als die Harmonie und Eintracht zu sehen, die zwischen dem Hof und dem Ausschusse der getreuesten Stände vorwaltete; nichts bewundernswürdiger, als der leichte und rasche Gang aller Unternehmungen des erstern, die ohne die geringste Friction von statten gingen und in der möglichst kürzesten Zeit in größter Vollkommenheit zu Stande kamen; nichts auffallender, als der Glanz, die blühende Gestalt, das Ansehen von Wohlhabenheit, Ueberfluß und Reichthum, welche Akbars Regierung über das ganze Reich verbreitete. Unglücklicherweise konnte nur alle diese Herrlichkeit von keiner langen Dauer seyn. Denn wie hätten nicht beide Theile bald genug ausfindig machen sollen, daß ihr besonderes Interesse bei diesem Handel, den sie auf Unkosten des allgemeinen Besten mit einander geschlossen hatten, nicht so ganz eben dasselbe sey? Augenscheinlich erforderte es der Vortheil des Hofes, die Gefälligkeiten, die er verlangte, recht wohlfeil zu haben: umgekehrt hingegen verhielt es sich mit dem Interesse der Stände und ihrer Stellvertreter: denn dieses war natürlicherweise, ihre Waare so theuer zu verkaufen als möglich. In der That war der Appetit der letztern so stark, daß das Doppelte von allen Einkünften des Königs kaum zugereicht hätte, ihre bescheidenen Wünsche zu befriedigen. Dagegen hatte auf der andern Seite der Hof, dessen Casse dem Fasse der Danaiden glich, immer so viele und dringende Bedürfnisse, daß die Reichthümer des ganzen Staates zu ihrer Befriedigung noch unzulänglich schienen. Es konnte also nicht fehlen, daß jene gute Harmonie in der Folge von beiden Seiten durch Schwierigkeiten, Zögerungen und Verweigerungen von Zeit zu Zeit unterbrochen werden mußte. Die Kunst einander auf eine feine Art wechselseitig zu hintergehen und zu übervortheilen, wurde nun das Hauptstudium der Höflinge und der Stellvertreter der Nation: aber auch diese verächtliche Art von Politik reichte nicht lange zu; und die Herren des Ausschusses, durch die gutmüthige Geduld des Volkes immer kühner gemacht, fanden zu wichtige Vortheile bei einer unbegränzten Gefälligkeit gegen die Forderungen des Hofes, als daß die Betrachtung, wie wohl oder übel die ärmern Volksclassen sich dabei befänden, sie länger zurückgehalten hätte. Im Gegentheil, man suchte sich selbst über diesen Punkt durch die gewöhnlichen Trugschlüsse zu täuschen. Der Augenschein zeigt ja, sagte man, daß die Quellen sich mit den Abgaben zugleich vermehren. Ein zu große Wohlstand ist den untern Classen mehr nachtheilig als vortheilhaft; denn er reizt sie nur zu Müßiggang und Ueppigkeit. Sie arbeiten immer nur so viel sie müssen. Größere Abgaben ermuntern die Jndustrie, und dieß in dem Maße, wie sie die Wohlhabenheit und selbst die Subsistenz erschweren; — und was dergleichen halb wahre Cameralweidsprüche mehr sind. In der That schien die noch immer zunehmende Lebhaftigkeit der Circulation, die hohe Vollkommenheit wozu die Fabriken und Handarbeiten getrieben wurden, und der blühende Zustand des auswärtigen Handels, die neuen Maximen eine Zeit lang zu bestätigen. Was für Tifans Zeiten schicklich und sogar nothwendig war, hieß es, paßt nicht mehr auf die unsrige. Unvermerkt gewöhnte man sich daran, die Quelle, aus welcher man immer unbescheidener schöpfte, für unerschöpflich zu halten; und so erschwerte man die Subsistenz der Armen, in der wohlthätigen Absicht ihre Emsigkeit aufzumuntern, so lange, bis endlich Mangel, übermäßige Arbeit, und die Verzweiflung sich jemals zu einem bessern Zustand hinauf zu arbeiten, ihnen zuletzt das Daseyn selbst unerträglich zu machen anfing; ein fürchterlicher Augenblick, der bei einer großen Nation sich gewöhnlich damit endiget, daß sie in einem allgemeinen Aufstand ihre letzten Kräfte zusammenrafft, um sich entweder selbst zu helfen, oder sich zugleich mit ihren Unterdrückern unter den Trümmern des Staats zu begraben."Von diesem verzweifelten Zustande waren die Scheschianer zwar unter Akbars glänzender Regierung noch weit entfernt; aber, nachdem durch ihre eigene unverzeihliche Nachlässigkeit die Schranken, in welche Tifan die königlichen Prärogative eingeschlossen hatte, einmal durchbrochen waren, eilte der Staat unter seinen Nachfolgern dem Untergange mit immer schnellern Schritten entgegen. Denn nun folgte eine Reihe namenloser Könige, die das Ruder der Regierung, welches sie selbst zu führen unvermögend oder unlustig waren, bald einer Bande zusammen verschworner Minister, bald einem unersättlichen Günstlinge, bald einer ausschweifenden Buhlerin, bald einem herrschsüchtigen Priester, bald dem ersten besten der sich dessen bemächtigen wollte, überließen. Tifans öffentliche Anstalten geriethen zusehends in Verfall, seine wichtigsten Gesetze kamen nach und nach außer Uebung, und wurden zuletzt ein bloßer Gegenstand akademischer Streitfragen; und was etwa von seinen Einrichtungen noch beibehalten wurde, erhielt unter den Händen der Priester unvermerkt eine so veränderte Form und Richtung, daß der reine wohlthätige Geist des Stifters gänzlich dabei verloren ging, und vielmehr gerade das Gegentheil von dem herauskam, was er dadurch hatte bewirken wollen."Wenn die Priesterschaft von Scheschian, wie ich neulich bereits erwähnte, unter die letzten gehörte, die dem einbrechenden Schwall der Sittenverderbniß nachgaben; so darf ich nicht vergessen, zur Steuer der Wahrheit hinzuzusetzen: daß es schwer gewesen wäre den Zeitpunkt zu bestimmen, worin diese ehrwürdigen, exemplarischen Lehrer des Tifanischen Gesetzbuchs die Bemerkung machten, daß man mit dem äußerlichen Scheine der Weisheit und Heiligkeit beim Volk ungefähr eben so weit, und oft noch weiter komme als mit der Realität, und daß das erstere den Neigungen und Leidenschaften der menschlichen Natur ungleich bequemer sey. Genug, die Scheschianischen Bonzen machten diese Bemerkung ungefähr um eben die Zeit oder bald nachher, da der großmüthige Akbar sich ihres guten Willens, durch die vorerwähnten ansehnlichen Vermehrungen ihres Antheils an den Gütern dieser Welt, versichert hatte; und nachdem sie einmal gemacht war, währte es nicht lange, daß mit der Sinnesart und den Tugenden der ehemaligen Priester von Tifans Schöpfung auch die letzte Stütze seiner Gesetze verschwand, und diese Classe von Staatsbürgern durch die Heuchelei und den blendenden Schein, womit sie ihre unbändige Herrschsucht und ihre übrigen Laster zu verdecken wußte, dem Reiche wieder eben so schädlich wurde, als ihre Vorfahren unter Azor und Jsfandiar."Indessen, da es damit vermöge der Natur der Sache langsamer herging, und die Priester ihr Spiel mehr als andere verbergen mußten, gewann der Scheschianische Adel einen starken Vorsprung. Sein Reichthum und sein Ansehen stieg unter jeder neuen Regierung; er bemächtigte sich aller Civil- und Militärämter, die ihm Gelegenheit verschafften noch reicher zu werden; er besetzte alle subalternen Stellen mit seinen Creaturen, und übte über den Hof selbst eine Art von Tyrannei aus, die endlich sogar einem der schwächsten unter allen namenlosen Königen unerträglich zu werden anfing. Dieser König, zu seiner Zeit Tifan der Zweite genannt, wurde so lang' er lebte von der Königin seiner Gemahlin, und die Königin seine Gemahlin —Wie hieß sie? fragte Schach-Gebal —"Dulika, wenn Ihrer Hoheit etwas an ihrem Namen gelegen ist —Warum nicht, da man mir sogar den namenlosen König ihren Gemahl genannt hat? Ich liebe Consequenz, auch selbst in Kleinigkeiten, Herr Danischmend.Wollte Gott, dachte Danischmend, Ihre Hoheit liebten sie in wichtigern Dingen! —Aber er hütete sich dießmal es laut zu denken."Der König also wurde, wie gesagt, von seiner Gemahlin Dulika, und die Königin Dulika, die ihrem Gemahl an Beständigkeit in ihren Zuneigungen nichts nachgab, ihre ganze Regierung durch fast eben so unbeschränkt von Kolaf, dem Oberbonzen der Stadt Scheschian, regiert."Gebal warf einen Blick auf die Sultanin Nurmahal, öffnete den Mund, biß sich in die Lippen, und sagte — nichts.Danischmend fuhr fort, ohne zu thun als ob er es bemerkt hätte: Tifan der Zweite gehörte weder unter die bösartigen noch unter die blödsinnigsten Fürsten seiner Zeit; im Gegentheil, er war ein strenger Freund von Zucht, Ordnung und Gerechtigkeit, haßte den Müßiggang, und liebte sein Volk: aber zum Unglück war er noch ein größerer Liebhaber von —Schmetterlingen. Der schlaue Bonze bediente sich dieser unschuldigen Schwachheit, Seiner Hoheit beizubringen, daß es keine königlichere Leidenschaft gebe als die Liebe zur Naturgeschichte; dafür gestand er aber auch sehr gern, daß die Schmetterlingsgeschichte der interessanteste Zweig dieser weitläufigen Wissenschaft sey, und daß eine vollständige Sammlung aller Schmetterlingsarten in der Welt ein beneidenswürdiger Schatz wäre, wodurch sich ein König von Scheschian über alle Völkerhirten gegen Morgen und Abend erheben würde. Die Naturgeschichte war um diese Zeit gerade das Lieblingsstudium der Gelehrten und Ungelehrten in Scheschian. Der Oberbonze Kolaf hatte also wenig Mühe mit Hülfe aller jungen Bonzen, denen an seiner Gunst gelegen war, das Schmetterlingscabinet Seiner Hoheit in kurzer Zeit ansehnlich zu erweitern. Tifan der Zweite beschäftigte sich in eigener Person sowohl mit allen zur Aufbehaltung seiner Sommervögel nöthigen Arbeiten, als mit ihrer Anordnung und zierlichen Aufstellung.Nach und nach dehnte sich seine Liebhaberei über alle übrigen Insecten, und als er auch damit fertig war, erst über die zweifüßigen Vögel, ja zuletzt (wie es mit solchen Leidenschaften zu gehen pflegt) über alle lebendigen und leblosen Naturproducte auf, über und unter der Erde aus; und das alles machte dem guten Könige so unendlich viel zu thun, daß er täglich dem Himmel dafür dankte, die Sorge für sein Reich einer so klugen Frau, wie seine Gemahlin in seinen Augen war, mit ruhigem Herzen überlassen zu können.Kolaf bediente sich inzwischen seiner Gewalt über den Geist der Königin, sie auf das ungeheure Uebergewicht des Adels und die Abnahme des königlichen Ansehens aufmerksam zu machen, und sie zu überzeugen, wie nothwendig es sey, den Uebermuth dieser stolzen Unterthanen zu dämpfen, und der Krone die verlorne Obermacht wieder zu verschaffen. Er schlug dazu zwei sehr zweckmäßige Büttel vor. Das eine war, einen Krieg anzufangen, der den zahlreichen Adel vermindern und ihm Gelegenheit geben würde, sich durch seine auch im Felde nicht eingeschränkte Ueppigkeit und Prachtliebe zu Grunde zu richten; das andere den Priesterstand, dessen Ansehen beim Volke seine Anhänglichkeit an die Krone um so verdienstlicher mache, mehr als bisher zu begünstigen, und die ansehnlichern Civilbedienungen, die bisher größtentheils in den Händen unwissender, schlecht erzogener und lasterhafter Menschen übel genug verwaltet worden, mit würdigen Männern aus dem gelehrten Stande zu besetzen. Zum ersten fand sich gar bald eine Veranlassung; denn nichts ist leichter als Händel zu haben wenn man sie sucht: und zum letztern wußte Kolaf ebenfalls zu rechter Zeit Rath zu schaffen.In der That hatte er dem größten Theile des Scheschianischen Adels durch die Beschuldigung der Unwissenheit und schlechten Erziehung kein Unrecht gethan. Schon lange waren die Gesetze Tifans, die sich auf die Erziehung des Adels bezogen, außer Uebung gekommen. Diese selbst von jenem weisen Fürsten, mehr als dem Staat und ihr selbst zuträglich war, begünstigte Kaste, hatte seit der Regierung der Könige Turkan und Akbar ihre erhabene Bestimmung, den einzigen Grund ihrer Vorrechte, gänzlich aus den Augen verloren. Zu hoch über ihre Mitbürger hinauf gesetzt um nicht hoffärtig, und zu reich um nicht übermüthig zu seyn, überließen sich die Scheschianischen Nairen in den Jahren, worin sie zur Erfüllung ihrer künftigen großen Pflichten gebildet werden sollten, dem üppigsten Müßiggang und allen Ausschweifungen einer unbändigen Jugend. Sie blieben unwissend, und gewöhnten sich, Gelehrsamkeit und alles was Fleiß und Anstrengung des Geistes erfordert, als Dinge die weit unter ihnen waren anzusehen. Alle Zweige der Wissenschaften blieben also den Priestern und übrigen Gelehrten von Profession überlassen: und da die erstern vermöge der Constitution zu Lehrern des Tifanischen Gesetzbuches bestellt waren, und durch ihre vielfachen Verhältnisse gegen das Volk die beste Gelegenheit hatten, sowohl den Character als die jedesmalige Lage, Bedürfnisse und Gesinnungen desselben besser als andre kennen zu lernen; so konnte der Oberbonze Kolaf mit gutem Fug erwarten, daß sein Plan, die Bonzen, die das Vertrauen des Volks besaßen, nach und nach an die Plätze des allgemein verhaßten Adels zu bringen, den vollen Beifall des größern Theils der Nation haben würde.Sobald er also einen ansehnlichen Theil der Nairen durch einen Krieg, den er selbst ingeheim angezettelt hatte, aus Scheschian entfernt sah, wußte er es durch seine im ganzen Reiche verbreiteten Freunde und Ordensgenossen so einzuleiten, daß von allen Seiten große Klagen einliefen, über Untüchtigkeit, Unredlichkeit, Mißbrauch der obrigkeitlichen Gewalt, Versagung der Justiz, Verdrehung der Gesetze, Bestechungen, kurz über alle Arten von Verbrechen, deren die bisherigen Justiz- und Polizeistellen, Districtaufseher, Statthalter der Provinzen, und andere Staatsbeamte aus der Kaste der Nairen sich schuldig gemacht hatten. Da es thöricht gewesen wäre die Habichte bei den Geyern zu verklagen, so wurden alle diese Beschwerden unmittelbar vor den Thron gebracht. Sie verursachten scharfe Untersuchungen; man fand, sowohl des Beispiels wegen als um das aufgebrachte Volk zufrieden zu stellen, für nöthig, gegen die Schuldigbefundenen mit der äußersten Strenge zu verfahren; und das letzte Resultat von allen diesen mit vieler Klugheit in einandergepaßten Operationen war, daß Kolaf zum ersten Minister des Königs, oder eigentlicher zu reden, der Königin erhoben wurde, und daß binnen wenig Jahren die ansehnlicheren und die einträglichsten Staatsbedienungen in den Händen solcher Priester waren, die sich durch Talente, Wissenschaft und einen Schein von strenger Tugend und tadellosen Sitten ausgezeichnet hatten. Die Wahl des Hofes wurde dadurch in den Augen der Nation so vollständig gerechtfertigt, daß die Königin, unter dem Schirm der allgemeinen Liebe, welche sie sich durch diese Staatsverbesserung erwarb, nun freie Hände hatte, die wieder hergestellte königliche Autorität so weit auszudehnen als sie wollte.Dieses Ungewitter, zu welchem Kolaf und seine Anhänger die Zurüstungen in größter Stille gemacht hatten, fand bei seinem Ausbruche die Herren von der adeligen Kaste so wenig vorbereitet, daß ihnen nichts übrig blieb als sich in die Zeit zu schicken, und durch das zweideutige Verdienst des leidenden Gehorsams, womit sie sich den Verfugungen des Hofes unterwarfen, von ihren ehemaligen Vorrechten noch so viel zu retten, daß sie unter günstigern Umständen auch das Verlorne wieder zu gewinnen hoffen konnten.So weit war Danischmend, als der Bramine der Sultanin Nurmahal, welcher seit einigen Tagen die Erlaubniß hatte bei dieser Unterhaltung zugegen zu seyn, ihn bemerken machte, daß der Sultan unter dieser Erzählung unvermerkt eingeschlafen war. Der Erzähler empfahl sich also, und schlich in aller Stille nach Hause, um über eine und andere Bemerkung, die er diesen Abend gemacht hatte, seine Betrachtungen anzustellen. Es hatte ihm nicht entgehen können, daß Schach-Gebals Angesicht und Benehmen gegen ihn seit kurzem nicht mehr war wie sonst: und heute besonders war die sonderbare Laune, womit er ihn öfter als gewöhnlich unterbrach, so auffallend gewesen; der Sultan hatte so wenig verbergen können oder verbergen wollen, daß er etwas gegen ihn auf dem Herzen habe; auch hatte er in Nurmahals Gesicht etwas so Zurückgehaltenes, und an dem übermäßig freundlichen Braminen von Zeit zu Zeit eine so tückische Schadenfreude aus den halb geschlossenen Augen hervorblicken sehen. Das alles waren keine Zeichen von guter Vorbedeutung. Je mehr er allen Umständen nachdachte, desto mehr Licht ging ihm auf, und desto weniger blieb es ihm zweifelhaft, daß man über einem geheimen Anschlag gegen ihn brüte, und daß seine Jtimaduletsschaft, allein Ansehen nach, ihrem Ende nahe sey.Danischmend hatte diese, ihm von Schach-Gebal in einem seltsamen Anstoß von sultanischer Laune aufgedrungene hohe Ehrenstelle zwar noch nicht lange genug bekleidet, um etwas gethan zu haben, was ihm die Ungnade seines Herrn oder der schönen Nurmahal und ihres Braminen hätte zuziehen können: aber er hatte desto mehr gedacht und gesprochen; und wenn die Derwischen, Bonzen und Fakirn nicht viel Gutes von ihm erwarteten, so sagte ihm sein Gewissen, daß sie alle Ursache dazu hätten. Er hatte sogar bereits von seinen Anschlägen gegen diese wackern Leute — von welchen er (wie wir wissen) nicht so günstig dachte, als sie es von einem Itimadulet von Indostan billig wünschen mochten —manches gegen den Sultan fallen lassen, und er kannte Se. Hoheit zu gut, um nicht vorauszusehen, daß sein Geheimniß unverzüglich in den Schooß der schönen Nurmahal niedergelegt worden sey. Er begab sich also mit einer Art von Gewißheit zu Bette, daß es eine zwischen der Sultanin und dem Braminen bereits abgekartete Sache sey, ihn baldmöglichst vom Hofe zu entfernen: aber daß der Augenblick der Ausführung schon so nahe sey, das hatte er sich nicht träumen lassen. Die Ueberraschung war also nicht gering, als er um die Zeit des ersten Morgengebets durch ein großes Getümmel in seinem Hause aus einem sehr ruhigen Schlummer geweckt wurde, und gleich darauf die Thür seines Schlafzimmers aufgehen und einen Officier von der Leibwache hereintreten sah, der ihm im Namen des Sultans ankündigte, daß er sein Gefangener sey.Da auf ein solches Compliment nichts anders zu antworten war, so stand Danischmend, beinahe so ruhig als er sich niedergelegt hatte, auf, kleidete sich hurtig an, und folgte dem Officier, der ihn durch ein Labyrinth von Gängen, Treppen und Gewölben endlich in einem kleinen, mit eisernen Gittern verwahrten Zimmerchen absetzte, ihm wohl zu leben wünschte, und, nachdem er die Thur abgeschlossen hatte, ein paar so schwere Riegel vorschob, daß er von dieser Seite seines Gefangenen halben völlig sicher seyn konnte.Danischmend, der sich gleich bei seiner Erhebung zum Itimadulet vorgestellt hatte, daß die Komödie ungefähr einen solchen Ausgang nehmen würde, schickte sich in seine neue Lage (wiewohl er das Unangenehme derselben so lebhaft als ein andrer fühlte) wie ein weiser Mann, hoffte das Beste, war auf das Aergste gefaßt, und fand bei dieser raschen Veränderung seines Schicksals wenigstens den Umstand tröstlich, daß er dadurch des Frohndienstes, Se. Hoheit mit der Geschichte der Könige von Scheschian einzuschläfern, überhoben wurde.Desto unzufriedener bezeigt sich darüber der Sinesische Uebersetzer dieser Geschichte, dem die dadurch verursachte Unvollständigkeit eines so wichtigen Werkes so sehr zu Herzen geht, daß er sich nicht enthalten kann, in eine bittre Strafrede gegen die Sultanen, Tschirkasserinnen, Braminen, Fakirn und Bonzen auszubrechen, die an diesem Unheil, wie er sagt, ungefähr zu gleichen Theilen, Schuld waren.Wiewohl nun (fährt er, nachdem er seiner Galle Luft gemacht hat, in einem ruhigern Tone fort) der Verlust, den die Welt dadurch erleide, unersetzlich sey; so habe er sich doch, um die Wißbegierde der Leser nicht ganz unbefriedigt zu lassen, alle nur ersinnliche Mühe gegeben, über den Ausgang dieser Geschichte, die sich nicht eher als mit dem Scheschianischen Reiche selbst hätte enden sollen, einiges Licht zu erhalten; und es sey ihm endlich geglückt, aus alten Sagen und glaubwürdigen Urkunden so viel davon herauszubringen, daß er sich im Stande finde, nachdenkenden Lesern einigermaßen begreiflich zu machen, wie besagtes Reich unter der ungeheuern Last von Uebeln, die in einer langen Reihe namenloser oder heilloser Könige über demselben zusammen gehäuft worden, endlich nothwendig habe einsinken und zu Grunde gehen müssen.Ob der Lateinische Uebersetzer diesen von seinem Sinesischen Vorgänger mit so mühsamem Fleiß ausgearbeiteten Anhang nicht für interessant genug gehalten habe, oder ob er durch irgend einen Zufall an Verdolmetschung desselben gehindert worden, ist uns unbekannt. Genug, daß wir in seiner Handschrift nichts als eine Note am Schluß des Werkes gefunden haben, worin er sich begnügt, seinen Lesern die Resultate der Geschichtserzählung des Sinesers in einem kurzen Auszuge folgendermaßen mitzutheilen.
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Der Oberpriester Kolaf und seine Ordensbrüder genossen den Sieg, den sie über den Scheschianischen Adel erhalten hatten, nicht so lange als sie es zur Ausführung aller ihrer Plane wünschten; der unvermuthete Tod der Königin Dulika beraubte sie einer Stütze, die ihnen dazu unentbehrlich war.Vermög' eines von Tifan gegebenen Gesetzes mußte sich der König eine neue Gemahlin aus den zwölf schönsten Mädchen wählen, welche von den Stellvertretern der zwölf Hauptprovinzen des Reichs nach einer vorgeschriebenen Ordnung für ihn ausgesucht wurden. Kolaf konnte und wollte auf die Wahl der neuen Königin keinen Einfluß haben; aber er besaß ein unfehlbares Mittel, das Herz des Königs für diejenige zu bestimmen, zu welcher er selbst das beste Vertrauen hatte. Der Gewohnheit nach mußten die zwölf Jungfrauen dem Könige bei ihrer Vorstellung ein kleines Geschenk darbringen. Zili, die Tochter eines Oberpriesters, der ein vertrauter Freund des ersten Ministers war, beglückte Se. Hoheit mit einem äußerst seltnen —Schmetterling, der seiner prächtigen Sammlung noch fehlte, und dem er schon lange nachgetrachtet hatte. Tifan der Zweite vor Freude außer sich, erklärte die schöne Zili auf der Stelle zur Königin seines Herzens und des Reichs. Kolaf rechnete, wie billig, auf die Dankbarkeit der neuen Königin, welche den Talisman, dem sie ihre Erhebung schuldig war, heimlich von ihm empfangen hatte. Aber die Hofleute machten bald die schwache Seite der jungen Zili ausfindig. Ein wunderschöner junger Nair, der auf einmal durch ihre Veranstaltung am Hof erschien, bemächtigte sich der Zuneigung der Königin Zili durch seine Gestalt, und durch ein Geheimniß die Federn ausgestopfter Vögel in ihrer ganzen Schönheit zu erhalten, des Königs, in einem so hohen Grade, daß Kolaf seinen Platz nicht länger haltbar fand, und sich mit einem großen Gehalt und der Würde eines Hohenpriesters von ganz Scheschian, welche ausdrücklich für ihn creirt wurde, vom Hofe zurückzog.Von dieser Zeit an stellte der Adel sein verlornes Ansehen nach und nach so gut wieder her, daß die Priesterschaft, wiewohl sie sich vom Hofe fast ganz unabhängig gemacht hatte, es doch der Klugheit am gemäßesten fand, sich an der billigen Theilung zu begnügen, welche ihr von ihren Nebenbuhlern um die Oberherrschaft angeboten wurde; ein Vertrag, der (wie leicht zu erachten) von beiden Seiten nicht so gewissenhaft gehalten wurde, daß nicht ein jeder beflissen gewesen seyn sollte, den andern, so oft sich die Gelegenheit dazu anbot, nach Möglichkeit zu übervortheilen und auszustechen.Solchergestalt bildete sich aus diesem geheimen Einverständnisse der mächtigsten Familien des Adels und der Oberpriester eine Art von Aristokratie, worin der Name des Königs und die äußern Formen der Monarchie nur deßwegen beibehalten wurden, weil man sich des königlichen Ansehens bedienen konnte, das Volk desto bequemer und ungestrafter zu unterdrücken.Die Regierung Tifans des Zweiten war eine der längsten in dieser Dynastie, und die neue Ordnung oder Unordnung der Dinge hatte nicht nur Zeit genug sich zu befestigen, sondern erhielt sich auch durch die Klugheit der Häupter beider Parteien in einem ziemlichen Gleichgewichte.Aber unter seinen Nachfolgern wurde diese friedliche Eintracht häufig unterbrochen. Der Hof des Königs und der geheiligte Palast des Hohenpriesters waren fast immer bald in geheimer bald in öffentlicher Opposition; das Uebergewicht der Macht schwankte zwischen beiden hin und her; einigemale kam es sogar zu einem Bruch, der die Ruhe des Reichs erschütterte. Indessen mußte doch zuletzt wieder Friede gemacht werden, und immer war es das Volk ganz allein, das die Unkosten der Aussöhnung tragen mußte.Die schlechte Haushaltung des Hofes — die kostbaren Launen und gränzenlosen Verschwendungen der Günstlinge von beiderlei Geschlecht — die unersättliche Habsucht der Großen, als natürliche Folge eines übermüthigen Luxus, der, wiewohl von dem Blut und Mark des Volkes genährt, niemals genug an sich ziehen konnte um einen bodenlosen Schlund zu füllen — unnöthige und ungerechte Kriege, wobei nur Feldherren, Commissarien und Lieferanten sich bereicherten, während Myriaden unschuldiger Familien zu Grunde gerichtet und der Staat durch die Eroberungen selbst immer ärmer wurde, — thörichte aber kostspielige Unternehmungen, wobei man ohne Plan und Ueberschlag des Aufwands und der Kräfte verfuhr, und oft dreimal mit großen Unkosten wieder einreißen mußte was man mit noch größern gebaut hatte — diese und hundert andre Artikel von gleichem Schlage vermehrten die sogenannten Staatsbedürfnisse auf eine so ungeheure Art, daß, ungeachtet die Abgaben, womit das Volk nach und nach unter allen nur ersinnlichen Titeln belastet worden war, den arbeitenden Classen zu ihrer nothdürftigsten Subsistenz kaum das Unentbehrlichste übrig ließen, die Zinsen der Staatsschulden zuletzt beinahe die ganze Summe der Einkünfte aufzehrten, und zu Bestreitung der übrigen Aufgaben täglich neue Schulden gemacht werden mußten.Die Unzufriedenheit des Volkes, welche man lange keiner Aufmerksamkeit würdigte, die immer näher kommende Gefahr eines unvermeidlichen Staatsbankrutts, und die schrecklichen Folgen, die er nach sich ziehen mußte, machten endlich einige redliche Männer, denen das Vaterland am Herzen lag, so kühn, sich zu Vormündern der Nation aufzuwerfen, und ihre Beschwerden der Regierung in einem anständigen aber männlichen Tone vorzutragen. Man verglich den gegenwärtigen Zustand von Scheschian mit dem was er in den Zeiten des großen Tifans gewesen war, und was er noch itzt in einem ungleich höhern Grade seyn könnte, wenn der Ehrgeiz und Eigennutz derjenigen, denen die Nation ihre Wohlfahrt anvertraute, das wohlthätige Joch seiner Gesetze nicht abgeschüttelt hätten; man sprach laut und nachdrücklich von den Rechten des Volks und von den Pflichten der Regenten; man ließ keinen Mißbrauch ungerügt, keine Quelle des allgemeinen Elends unentdeckt; man zeigte deutlich und gründlich was anders werden müsse, und wie es besser werden könne. Aber diejenigen, die man dadurch zum Nachdenken erwecken wollte, hörten und lasen entweder nichts, oder hatten zu viel Eigendünkel um sich rathen zu lassen, oder affectirten wohl gar Warnungen für Drohungen anzusehen, und ermächtigten sich, die Stimme der Vernunft und der Vaterlandsliebe in dumpfen Kerkern ungehört verhallen zu lassen. Bald wurde die kleine Zahl der redlich gesinnten Fürsprecher des Volks von einer Menge andrer verdrängt, die (nach ihren Grundsätzen und nach dem Ton ihres Vortrags zu urtheilen) keine andre Absicht haben konnten, als die Mißvergnügten noch mehr aufzuhetzen und eine Revolution zu beschleunigen, in welcher sie eine bedeutende Rolle zu spielen hofften.Die Gährung der Gemüther wurde nun zusehends immer stärker und allgemeiner; das Volk fand seinen Zustand unerträglich, und fing an furchtbare Zeichen zu geben, daß es ihn nicht länger ertragen wolle. Die Regierung hatte sein Zutrauen unwiederbringlich verloren; alle Bande des gesellschaftlichen Vereins waren aufgelöst, alle Springfedern der Regierung ohne Spannung; der Adel und die Häupter der Priesterschaft vom allgemeinen Hasse zu den ersten Opfern seiner Rache bestimmt: mit Einem Worte, das Maß des Unsinns, des Uebermuths, der Verbrechen, der Tyrannei, und —der Geduld war voll; nur Ein Tropfen mehr, und es lief über. Sollte man es für möglich halten, daß diejenigen, die am Ruder des Staats saßen, unter solchen Umständen, während ein jeder, der sich die Ohren nicht geflissentlich zustopfte, den Orkan schon von ferne brausen hörte, sorgloser als jemals schlummerten und von keiner Gefahr sich träumen ließen? Aber sie wurden auf eine schreckliche Art erweckt. Ein Edict, worin, unter dem Vorwand dringender Staatsbedürfnisse, dem Volk eine neue Abgabe zugemuthet wurde, und welches der Hof unklugerweise in einem Zeitpunkt ergehen ließ, da, entweder zufälligerweise oder durch geheime Veranstaltungen der Uebelgesinnten, ein schnell überhandnehmender Mangel der nothdürftigsten Lebensmittel die untern Volksclassen in die lebhafteste Unruhe setzte, —dieses Edict war das Signal zum allgemeinen Aufstande. Im ganzen Reiche drängte sich der Pöbel in großen Massen zusammen, schwärmte, von den Verwegensten und Ruchlosesten aus seinem Mittel angeführt, überall umher, ermordete alle die es für seine Tyrannen oder für Werkzeuge der Tyrannei ansah, plünderte und zerstörte die Schlösser und Landsitze der Nairen, verbrannte die Zollhäuser, raubte die öffentlichen Classen aus, und beging alle Arten von Ausschweifungen und Gräuelthaten. Die Hauptstadt, in welcher die Empörung zuerst ausgebrochen war, ging in allem diesem den übrigen mit ihrem Beispiele vor. Die ihrer Schuld sich bewußten und durch Weichlichkeit und Ausschweifungen entnervten Nairen hatten weder Muth noch Kraft zum Widerstand; viele retteten ihr Leben durch eine schnelle Flucht; die meisten fielen ihren Feinden in die Hände und starben eines schmählichen Todes. Der namenlose König, der letzte und verdienstloseste von Tifans Abkömmlingen, wurde, mit den wenigen die ihn nicht verlassen hatten, in seinem eigenen Palast eingekerkert, und, bei einem mißlungenen Versuch zu entfliehen, der Wuth des Pöbels preisgegeben.Das Volk, das sich anfangs ohne Plan und Zweck bloß den ungestümen Eingebungen der Verzweiflung, der Rache und Mordlust überlassen hatte, fing endlich an der Stimme einiger Männer von Talenten und Einsichten Gehör zu geben, die sich zu Wiederherstellung der Ordnung zusammen thaten, und durch ihre Popularität das Vertrauen desselben gewonnen hatten. Aber da war kein Dschengis, kein Tifan mehr, der mit überwiegenden Geisteskräften Weisheit und Tugend genug vereinigt hätte, um sich alle Gemüther zu unterwerfen, und diese Obermacht, ohne eigennützige Absichten, bloß zum Besten des Ganzen anzuwenden. Der kleinen Anzahl der Wohlgesinnten fehlte es theils an Muth und Beharrlichkeit, theils hofften sie irrigerweise durch die Macht der Vernunft auszurichten, was ihre Gegner, die sich aus Ehrgeiz und Herrschsucht zu Anführern des Volks aufgeworfen hatten, auf einem viel kürzern Wege dadurch erhielten, daß sie sich Alles erlaubten und vor keiner Abscheulichkeit zurückbebten, wenn sie nur ein Mittel zu ihrer Absicht war. Nothwendig behielten also die letztern die Oberhand: aber da jeder um seinen eigenen Zweck verfolgte und keiner dem andern traute, jeder allein herrschen und keiner gehorchen, keiner der Zweite oder Dritte seyn wollte, so zerfielen sie unter sich selbst; und während das Reich von einer Menge Factionen zerrissen wurde, wovon immer eine die andre aufrieb, fielen die benachbarten Könige, nach einem ingeheim abgeredeten Plane, zu gleicher Zeit über das zerrüttete und an seinen selbstmörderischen Wunden sich verblutende Scheschian her, und bemächtigten sich, beinahe ohne Widerstand, der Provinzen, die sich ein jeder zu seinem Antheil ausbedungen hatte. Die unglücklichen Scheschianer, theils unter hundert fremde Völker zerstreut, theils stückweise den angränzenden Staaten einverleibt, verloren mit ihrer politischen Existenz zugleich ihren uralten Namen, und eines der mächtigsten Königreiche des Orients verschwand so gänzlich von der Erde, daß es schon zu den Zeiten des Sinesischen Kaisers Tai-Tsu den gelehrtesten Alterthumsforschern unmöglich war, die ehmaligen Gränzen desselben zuverlässig anzugeben.

Anmerkungen.

1.

S. 2. Z. 25. Tonos Konkoleros, der letzte assyrische König in der zweiten Dynastie, dessen Name in zwei Verzeichnissen statt dem des Sardanapalus steht. Man hält aber diesen letzten Namen für einen bloßen Beinamen, welcher den Bewundernswürdigen bezeichne. Sollte er diesen Beinamen um der Thaten willen erhalten haben, die man dem Sardanapal gewöhnlich zuschreibt, so hätte es dann freilich keiner weitern Satyre bedurft.S. 7. Z. 19. 20. Einem Manne der zum Beherrscher der Welt geboren war. — So wie der Vernünftige natürlicherweise des Thoren Meister ist, so hat der vollkommenste Mann ein angebornes Recht über die übrigen zu herrschen: es ist ein Gesetz der Natur, sagte Aristoteles, der Lehrer der größten unter den Königen. W.S. 21. Z. 22. Dieser Freund ist er selbst — Siehe den vortrefflichen Discurs von der Freundschaft in Montagne's Essays, L. I. eh. 27, besonders die Stellen wo er von seinem Freunde spricht. Z. E. En l'amitié dequoy je parle, les ames se meslent et se confondent l'une et l'autre d'un meslange si universel, qu'elles effacent et ne retrouvent plus la cousture qui les a jointes. Si on me presse dire pourquoy je l'aimois, je sens que cela ne se peut exprimer qu'en respondant: parceque c'etoit luy, parceque c'etoit moi. Die Freundschaft ist Eine Seele in zwei Leibern, sagt —nicht der schwärmerische Plato, sondern der gründliche, der tiefsinnige, der kalte Aristoteles; und von allem, was dieser große Mann gesagt hat, macht nichts seinem Herzen mehr Ehre als dieß. W.S. 20. Z. 5. Eblis — ist ein bedeutend gewählter Name, denn er ist im Koran der Name des abgefallenen Engels und der Vater aller bösen Geister die in das Reich der Verdammniß verbannt sind.

4.

S. 61. Z. 19. Wird — — bis er zu Boden sinkt — Wir finden den nämlichen Gedanken unter dem nämlichen Bilde in einem vor kurzem aus Licht getretenen wunderbaren Buche, welches seinem Verfasser vielleicht im Jahre 2440 mehr Ehre, als im Jahre 1772 Nutzen bringen wird. Dieses ungefähre Zusammentreffen wird, wie wir hoffen, dem guten Danischmend nicht zur Sünde angerechnet werden. Der ehrliebe Träumer, dessen wir erwähnten, mag wohl ein wenig mehr schwarze Galle in seinem Blute haben, als ein Mann, dem seine Ruhe lieb ist, sich wünschen soll. Aber es ist doch immer schwer, einem Menschen nicht gut zu seyn, der seine Mitgeschöpfe so lieb hat, daß ihn weder Bastille noch Bicètre abhalten kann, alles heraus zu sagen was er aus dem Herzen hat. — Der Leser beliebe nie zu vergessen, daß diese Anmerkung, so wie dieses ganze Werk, im Jahre 1771 und 72 geschrieben ist. W. — Das Werk, von welchem geredet wird, ist das Jahr 2440 von Mercier, in welches er alles das Gute hinein verlegte, welches man i. J. 1772 nur wünschen konnte, aber mit der gehörigen Vorsicht laut wünschen durfte.

5.

S. 76. Z. 18. Der beste unter allen Sinesischen Königin. — Chun, der Mitregent und Nachfolger des guten Kaisers Yao. Siehe Du Halde's Beschreib. des Sines. Reichs I. Th. S. 263 der Deutschen Uebersezung. Im übrigen ist nicht zu bergen, daß die Geschichte der Sinesischen Kaiser Yao und Chun, allem Ansehen nach, nicht mehr historische Wahrheit hat, als die Geschichte des Scheschianischen Königs Tifan. W.S. 83. Z. 5. Die Strafen der Natur — — folgen — Die vollkommensten Gesetze, sagt Sokrates, sind diejenigen, welche man nicht ungestraft übertreten kann, weil sie uns durch die natürlichen und vermeidlichen Folgen ihrer Uebertretung bestrafen; und er beweiset dem Sophisten Antiphon, daß die Gesetze der Natur, oder, welches eben so viel sey, die allgemeinen Gesetze Gottes, diese unterscheidende Eigenschaft haben. Siehe Xenophons Charakter und merkwürdige Reden des Sokrates B. IV. Die Gesetze der Natur und des gesellschaftlichen Lebens sind die Regel der Könige, von welcher sie niemals ungestraft abweichen können. können. Die ganze allgemeine Staatsgeschichte ist ein Commentarius über diese große Wahrheit; und ohne weit in die alten Zeiten zurückzugehen, wird uns z. E. das Leben eines Philipp II. und Ludwigs XIV., der tragische Tod Karls I. von England und der Fall seines Sohnes Jakobs II. Beispiele genug darstellen, sie zu erläutern und zu bestärken. W.

8.

S. 111. Z. 3. Einer Begierde, die — — — Romanhaftes hat — In der That fällt das Ungereimte in dem Verhältniß der Kräfte eines einzelnen Menschen, gegen die ungeheure Unternehmung allen Unbilden und Fehden in der Welt steuern zu wollen, einem jeden in die Augen. Und gleichwohl ist nichts wahrscheinlicher, als daß ein Duzend Don Ouichotten, die sich miteinander verständen, und, anstatt auf die Feinde des Don Gaiferos und der schonen Melisandra, auf die Feinde des menschlichen Geschlechtes mit eben dem Muthe, mit welchem der Held von Mancha seine chimärischen Gegner bekämpfte (nur freilich mit einem gesundern Kopfe als der seinige war), losgingen, die Gestalt unsrer sublunarischen Welt binnen einem Menschenalter mächtig ins Bessere verändern würden. W.

10.

S. 136. Z. 20-21. Sesostris, ein ägyptischer Pharao aus der Mythenzeit, dessen Name einen Beschauer der Sonne anzeigt, gehörte zu denen, die am frühesten nach Weltherrschaft strebten, und sie, der Sage zufolge, nach neunjährigen Feldzügen ziemlich erreichte. Nachdem er Afrika und Asien sich unterworfen, setzte er in Thracien seinen Zügen ein Ziel, entweder wegen der Gefahr, sein Heer durch Hunger zu verlieren, oder weil er von den Geten geschlagen wurde. — Omar, der Khalif, Muhameds Nachfolger und durch seine glücklichen Eroberungen der Verbreiter seiner Lehre. Man sagt von ihm, daß er die Bibliothek zu Alexandria dem Koran aufgeopfert habe. — Mahmud Gasni, ein Afghanen-Anführer, wild, kriegliebend, blutdürstig, nahm 1722 von Jspahan und dem Persischen Throne Besitz. Er ward am Ende wahnsinnig, des Throns entsetzt, und auf seines Nachfolgers Befehl enthauptet.S. 146. Z. 24-25. Den schönsten von allen fürstlichen Titeln zu verdienen — Sollt' es möglich seyn, daß unter allen künftigen Regenten, denen diese Geschichte in einem Alter, da ihr Kopf noch nicht zu sehr verschroben und ihr Herz noch nicht ganz versteinert ist, in die Hände käme, auch nur Einer wäre, der, nachdem er diesen Tifan kennten gelernt, den Gedanken ertragen könnte, einen solchen Charakter ein bloßes Ideal bleiben zu lassen? Anm. eines Ungenannten.

11.

S. 151. Z. 18. Thamas Kuli-Kan — Schwang sich vom Esel- und Kameltreiber und vom Anführer einer 5000 Mann starken Räuberbande, durch die unglückliche Lage Persiens zu Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, erst zum Feldherrn, und dann durch seinen glänzenden Kriegsruhm unter dem Namen Schach-Nadirt zum Sultan von Persien empor. Der Mann von seltnen Talenten und Eigenschaften setzte auch in dieser Lage die Sparsamkeit seiner früheren Jahre fort, die aber mit der Zeit zu gränzenlosem Geiz und unersättlicher Habsucht stieg. Im J. 1738 erhielt er Veranlassung zu einem Einfall in das Reich des Großmoguls, ward durch die einzige Schlacht bei Karnal Herr des ganzen Landes, und zog im Triumph in die Hauptstadt Delhi ein. Er selbst erhob aus dem kaiserlichen Schatz an ungeprägtem Gold, Juwelen und andern Kostbarkeiten mehr als 600 Millionen, und seine Soldaten eine Beute von 100 Millionen davon. Dem Sultan ließ er, nach den geziemenden Abtretungen, sein Reich wieder.S. 151. Z. 21. Agra — Stadt in der indischen Provinz gleiches Namens. Anfangs ein Dorf, ward es erst durch einen Afghanischen Fürsten und dann mehr noch durch den Mogolischen Kaiser Akbar, welcher sich dort auszuhalten pflegte, zu einer der größten und prächtigsten Städte, die 800,000 Einwohner zählte.

12.

S. 173. Z. 24. Taels — Tails, Taes, Silbergewicht bei den Chinesen, etwa 1 Rthl. 10 gr. an Werth.S. 179. Z. 25. Beim Schlusse des Jahrs — nichts übrig blieb — Man würde die Absicht des Herausgebers dieser Geschichte sehr verfehlen, wenn man dasjenige, was hier und an andern Stellen von den Einrichtungen oder Maximen des Königs Tifan gesagt wird, für einen indirecten Tadel weiser und mit den tiefsten Einsichten in die Regierungskunst begabter Fürsten ansehen wollte. In einem idealen Staate kann man alles einrichten wie man will, in einem wirklichen ist der größte Monarch nicht allezeit noch in allen Stücken Herr über die Umstände. Was in Scheschian schicklich war, oder es durch Tifons Gesetzgebung wurde, ja, was an sich selber und im Allgemeinen als vortheilhaft für alle Staaten gelten kann, kann in einem gewissen Staate besonderer Umstände und Verhältnisse wegen, nachtheilig, unschicklich oder gar unmöglich seyn. W.S. 181. Z. 6. In jedem Dorfe — — Oeffnung hineinsteckte — Im Jahre 2440 soll (wenn Merciers patriotischer Traum noch in Erfüllung ginge) eine ähnliche Einrichtung in Frankreich zu sehen seyn. Vielleicht hat die Revolution, welche sich der Träumer wohl nicht so nahe vorstellte, die 635 Jahre, die bis dahin noch hätten verfließen sollen, beträchtlich abgekürzt. W.

13.

S. 194. Z. 15. Beteldose — Betel, das Blatt eines pfefferartigen Gewächses, wird bei den Jndiern eigens zubereitet und von ihnen unaufhörlich gekaut, aber nie verschluckt. Der Saft kitzelt ihren Gaumen, erhält die Zähne gut und macht wohlriechenden Athem. Bei allen Feierlichkeiten und Besuchen reicht man einander Betel.

14.

S. 197. Z. 2. Grundsatz der möglichsten Ersparung — Wurde von den Physikotheologen aufgestellt, und findet sich wohl in der Natur bewahrt, deren Weisheit mit den möglich wenigsten Mitteln immer ihren Zweck erreicht, was die Staatsökonomie gern nachthun möchte, wenn sie könnte.S. 198. Z. 14. Daß ein Mann — — ihr geschworner Feind sey — Es gibt noch mehr Classen, bei denen dieß eine eben so ausgemachte Sache ist. Jeder greise in seinen eigenen Busen und richte sich selbst! W.

15.

S. 215. Z. 11. Edler Nationalstolz — Es gibt einen albernen, kindischen Nationalhochmuth, der unstreitig ein eben so lächerliches als schädliches und also ein sehr häßliches Nationallaster ist: aber es gibt auch einen edeln tugendhaften Nationalstolz, ohne welchen die Griechen niemals die Zeiten des Perikles, die Römer niemals die Zeiten der Scipionen, die Engländer niemals die Zeiten ihrer guten Königin Elisabeth gesehen hätten; ohne welchen eine Nation nur eine große Rotte von Menschen ist, die sich von ungefähr, wie Reisende auf einer Landkutsche, beisammen finden; ein verächtlicher Haufe ohne Charakter, ohne Stärke, ohne Muth, ohne Geschmack, ohne irgend etwas ist, das sie aus dem Dunkel, das schon so viele Völker verschlungen hat hervorstechen machen könnte. W.S. 218, Z. 24. Fürsten, welche bei Anstalten dieser Art u. s. w. — Es gibt in der Haushaltungskunst gewisse höchst einfältige Regeln, deren Verachtung gleichwohl von großer Beträchtlichkeit ist. Ein Regent wendet z. B. zehntausend Thaler zu einer gewissen Absicht an, welche durch diese Summe nur sehr unvollkommen, d. i. wenig besser als gar nicht, erreicht wird. Zweitausend Thaler mehr würden alles gut machen; aber diese will man ersparen: man muß sich behelfen, heißt es, und überlegt nicht, daß man, um diese zweitausend Thaler zu behalten, zehntausend verliert, weil die Vortheile, die man damit zu gewinnen suchte, nicht gewonnen werden. W.S. 226. Z. 16. Da alles Grübeln über die Natur des höchsten Wesens durch ein ausdrückliches Strafgesetz untersagt war. — Ließe sich so etwas wohl untersagen? Und wenn man es untersagte, würde es mehr helfen als zu der Zeit, da man dergleichen Grübler einkerkerte und verbrannte? — Sollte vom bloßen Vortrag des Ergrübelten die Rede seyn, so hat es auch hier mit den Strafgesetzen seine Bedenklichkeiten. — Ist Grübeln im schlimmen Sinne genommen: was kann der Grübler gegen seine Natur? — Jedoch ich bemerke bloß, daß Wieland dieß Verfahren nicht etwa zur Nachahmung hat empfehlen wollen, denn anderwärts erklärt er sich bestimmt dagegen.

16.

S. 248. Z. 25. Der Elephant u. s. w. — Nach einem Indischen Mythus wird die Erde von einem ungeheuren Elephanten getragen, der auf einer verhältnissmäßigen Schildkröte steht, die von einer Schlange umgeben ist. Das ganze Sinnbild sagt, daß Weisheit und Allmacht die Erde auf sicherem Fundamente gegründet haben.