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Gustav Schwab -
Sagen des
Klassischen Alterthums
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König Ödipus zeigt sich seinem Volke
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Die schönsten Sagen des
klassischen Altertums
Mach seinen Dichtern und Erzählern von
Gustav Schwab
Herausgegeben und mit einem Anhang "Kurzgefaßte
Götterlehre der Griechen"versehen von Jakob Baß
Mit zahlreichem Bildschmuck von Alfred Renz
Zweite AuflageVerlag von Levy Müller in Stuttgart
Prometheus
Himmel und Erde waren geschaffen. Das Meer wogte in seinen
Ufern, und die Fische spielten darin; in den Lüften sangen die
Vögel; der Erdboden wimmelte von Tieren. Aber noch fehlte es an
dem Geschöpfe, dessen Leib so beschaffen war, daß der Geist in ihm
Wohnung nehmen und von ihm aus die Erdenwelt beherrschen
konnte. Da betrat Prometheus die Erde, ein Sprößling des alten
Göttergeschlechts, das Zeus entthront hatte, ein Sohn des erdgeborenen
Uranussohnes Japetos, kluger Erfindung voll. Dieser wußte wohl,
daß im Erdboden der Same des Himmels schlummere; darum nahm
er vom Tone, befeuchtete denselben mit dem Wasser des Flusses,
knetete ihn und formte daraus ein Gebilde nach dem Ebenbilde der
Götter, der Herren der Welt. Um seinen Erdenkloß zu beleben,
entlehnte er allenthalben von den Tierseelen gute und böse Eigenschaften
und schloß sie in die Brust des Menschen ein. Unter den
Himmlischen hatte er eine Freundin, Athene, die Göttin der Weisheit.
Diese bewunderte die Schöpfung des Titanensohnes und blies dem
halbbeseelten Bilde den Geist, den göttlichen Atem, ein.
So entstanden die ersten Menschen und füllten bald die Erde.
Lange aber wußten diese nicht, wie sie sich ihrer edlen Glieder und
des empfangenen Götterfunkens bedienen sollten. Sehend sahen sie
umsonst, hörten hörend nicht; wie Traumgestalten liefen sie umher
und wußten sich der Schöpfung nicht zu bedienen. Unbekannt war
ihnen die Kunst. Steine auszugraben und zu behauen, aus Lehm Ziegel
zu brennen, Balken aus dem gefällten Holze des Waldes zu zimmern
und mit allem diesem sich Häuser zu erbauen. Unter der Erde, in
sonnenlosen Höhlen, wimmelte es von ihnen wie von beweglichen
Ameisen. Nicht den Winter, nicht den blütenvollen Frühling, nicht
den früchtereichen Sommer kannten sie an sicheren Zeichen; planlos
war alles, was sie verrichteten. Da nahm sich Prometheus seiner
Geschöpfe an; er lehrte sie den Auf- und Niedergang der Gestirne
beobachten, erfand für sie die Kunst zu zählen und die Buchstabenschrift;
lehrte sie Tiere ins Joch spannen und zu Genossen ihrer
Arbeit brauchen, gewöhnte die Rosse an Zügel und Wagen und erfand
Nachen und Segel für die Schiffahrt. Auch fürs übrige Leben der
Menschen sorgte er. Wenn sie krank wurden, zeigte ihnen Prometheus
die Mischung milder Heilmittel, allerlei Krankheiten damit zu vertreiben.
Dann lehrte er sie die Wahrsagekunst, deutete ihnen Vorzeichen
und Träume, Vogelflug und Opferschau. Ferner führte er
ihren Blick unter die Erde und ließ sie hier das Erz, das Eisen,
das Silber und das Gold entdecken; kurz in alle Bequemlichkeiten
und Künste des Lebens leitete er sie ein.
Im Himmel herrschte mit seinen Kindern seit kurzem Zeus ), der
seinen Vater Kronos entthront und das alte Göttergeschlecht, von
welchem auch Prometheus abstammte, gestürzt hatte.
Jetzt wurden die neuen Götter aufmerksam auf das eben entstandene
Menschenvolk. Sie verlangten Verehrung von ihm für
den Schutz, welchen sie ihm bereitwillig angedeihen lassen wollten.
Zu Mekone in Griechenland ward ein Tag zwischen Sterblichen
und Unsterblichen gehalten, und Rechte und Pflichten der Menschen
wurden bestimmt. Bei dieser Versammlung erschien Prometheus als
Anwalt seiner Menschen, um dafür zu sorgen, daß die Götter für die
übernommenen Schutzämter den Sterblichen nicht allzu lästige Gebühren
auferlegen möchten. Da verführte den Prometheus seine
Klugheit, die Götter zu betrügen. Er schlachtete im Namen seiner
Geschöpfe einen großen Stier und machte nach Zerstückelung des
Opfertieres zwei Haufen; auf die eine Seite legte er das Fleisch,
die Eingeweide und den Speck, in die Haut des Stieres zusammengefaßt,
auf die andere die kahlen Knochen, künstlich in das Unschlitt
des Schlachtopfers eingehüllt. Und dieser Haufen war der größere.
Nun sollten die Himmlischen wählen, was sie für sich verlangten.
Zeus, der Göttervater, der allwissende, durchschaute den Betrug und
sprach: "Sohn des Japetos, erlauchter König, guter Freund, wie
ungleich hast du die Teile, geteilt!" Prometheus glaubte jetzt erst
recht, daß sein Betrug gelungen, lächelte bei sich selbst und sprach:
"Erlauchter Zeus, größter der ewigen Götter, wähle den Teil, den
dir dein Herz im Busen anrät zu wählen." Zeus ergrimmte im
Herzen, aber geflissentlich faßte er mit beiden Händen das weiße
Unschlitt. Als er es nun auseinander gedrückt hatte und die bloßen
Knochen gewahrte, stellte er sich an, als entdecke er jetzt eben erst
den Betrug, und rief zornig: "Ich sehe wohl, mein Freund, daß du
die Kunst des Truges noch nicht verlernt hast!"
Zeus beschloß, sich an Prometheus zu rächen, und versagte den
Sterblichen die letzte Gabe, der sie zur vollendeteren Gesittung bedurften,
das Feuer. Doch auch dafür wußte der schlaue Sohn des
Japetos Rat. Er nahm den langen Stengel des markigen Riesenfenchels,
näherte sich mit ihm dem vorüberfahrenden Sonnenwagen
und setzte so den Stengel in glostenden Brand. Mit diesem Feuerzunder
kam er hernieder auf die Erde, und bald loderte der erste
Holzstoß gen Himmel. In innerster Seele schmerzte es Zeus, den
Donnerer, als er den fernhin leuchtenden Glanz des Feuers unter
den Menschen emporsteigen sah. Sofort ersann er zu dem Feuer,
das den Sterblichen nicht mehr zu nehmen war, ein großes übel
für sie. Sein Sohn Hephästos, der wegen seiner Kunst berühmte
Feuergott, mußte ihm das Scheinbild einer schönen Jungfrau fertigen;
Athene selbst, die, auf Prometheus eifersüchtig, ihm abhold geworden
war, warf dem Bild ein weißes, schimmerndes Gewand über, ließ ihm
einen Schleier über das Gesicht wallen, den das Mädchen mit den
Händen geteilt hielt, bekränzte sein Haupt mit frischen Blumen und
umschlang es mit einer goldenen Binde, die gleichfalls Hephästos
seinem Vater zuliebe kunstreich verfertigt und mit bunten Tiergestalten
herrlich verziert hatte. Hermes, der Götterbote, mußte dem holden
Gebilde Sprache verleihen und Aphrodite allen Liebreiz. Also hatte
Zeus unter der Gestalt einer Jungfrau ein blendendes Ubel geschaffen
und nannte sie Pandora, das heißt die Allbeschenkte, denn
jeder der Unsterblichen hatte dem Mägdlein irgend ein unheilbringendes
Geschenk für die Menschen mitgegeben. Darauf führte er die Jungfrau
hernieder auf die Erde, wo Sterbliche vermischt mit den Göttern
lustwandelten. Alle miteinander bewunderten die unvergleichliche
Gestalt. Sie aber schritt zu Epimetheus, dem arglosen Bruder
des Prometheus, ihm das Geschenk des Zeus zu bringen. Vergebens
hatte diesen der Bruder gewarnt, niemals ein Geschenk vom olympischen
Zeus anzunehmen, damit den Menschen kein Leid dadurch
widerführe, sondern es sofort zurückzusenden. Epimetheus, dieses
Wortes uneingedenk, nahm die schöne Jungfrau mit Freuden auf
und empfand das Übel erst, als er es hatte. Denn das Weib trug
in den Händen ihr Geschenk, ein großes Gefäß mit einem Deckel
versehen. Kaum bei Epimetheus angekommen, schlug sie den Deckel
zurück, und alsbald entflog dem Gefäße eine Schar von übeln und
verbreitete sich mit Blitzesschnelle über die Erde. Ein einziges Gut
war zu unterst in dem Fasse verborgen, die Hoffnung; aber auf den
Rat des Göttervaters warf Pandora den Deckel wieder zu, ehe sie
herausflattern konnte, und verschloß sie für immer in dem Gefäß.
Das Elend füllte inzwischen in allen Gestalten Erde, Luft und
Meer. Die Krankheiten irrten bei Tage und bei Nacht unter den
Menschen umher, heimlich und schweigend, denn Zeus hatte ihnen
keine Stimme gegeben; eine Schar von Fiebern hielt die Erde belagert,
und der Tod, früher nur langsam die Sterblichen beschleichend,
beflügelte seinen Schritt.
Darauf wandte sich Zeus mit seiner Rache gegen Prometheus.
Er übergab den Verbrecher dem Hephästos und seinen Dienern,
dem Kratos und der Bia (dem Zwang und der Gewalt). Diese
mußten ihn in die skythischen Einöden schleppen und hier über einem
schauderhaften Abgrund an eine Felswand des Berges Kaukasos
mit unauflöslichen Ketten schmieden. Ungern vollzog Hephästos den
Auftrag seines Vaters, er liebte in dem Titanensohne den verwandten
Abkömmling seines Urgroßvaters Uranos, den ebenbürtigen Göttersprößling.
Unter mitleidsvollen Worten und von den rohen
Knechten gescholten, ließ er diese das grausame Werk vollbringen.
So mußte nun Prometheus an der freudlosen Klippe hängen, aufrecht,
schlaflos, niemals imstande, das müde Knie zu beugen. "Viele
vergebliche Klagen und Seufzer wirst du versenden,"sagte Hephästos
zu ihm, "denn Zeus' Sinn ist unerbittlich, und alle, die erst seit
kurzem die Herrschergewalt an sich gerissen, sind hartherzig." Wirklich
sollte auch die Qual des Gefangenen ewig oder doch dreißigtausend
Jahre dauern. Obwohl laut aufseufzend und Winde, Ströme,
Quellen und Meereswellen, die Allmutter Erde und den allschauenden
Sonnenkreis zu Zeugen seiner Pein aufrufend, blieb er doch ungebeugten
Sinnes. "Was das Schicksal beschlossen hat," sprach er,
"muß derjenige tragen, der die unbezwingliche Gewalt der Not
wendigkeit einsehen gelernt hat." Auch ließ er sich durch keine
Drohungen des Zeus bewegen, die dunkle Weissagung, daß dem
Götterherrscher durch einen neuen Ehebund Verderben und Untergang
bevorstehe, näher zu deuten. Zur Strafe dafür sandte Zeus
dem Gefesselten einen Adler, der als täglicher Gast an seiner Leber
zehren durfte, die sich, abgeweidet, immer wieder erneuerte. Diese
Qual sollte nicht eher aufhören. als bis ein Ersatzmann erscheinen
würde, der sich durch freiwillige Übernahme des Todes erböte, gewissermaßen
sein Stellvertreter zu werden.
Dieser Zeitpunkt erschien früher, als der Verurteilte nach dem
Spruch des Zeus erwarten durfte. Als er dreißig Jahre an dem
Felsen gehangen, kam Herakles des Weges, auf der Fahrt nach
den Hesperiden und ihren Äpfeln begriffen. Wie er den Götterenkel
am Kaukasos hängen sah und sich seines guten Rates zu
erfreuen hoffte, erbarmte ihn sein Geschick; denn er sah zu, wie der
Adler, auf den Knien des Prometheus sitzend, an der Leber des
Unglückseligen fraß. Da legte er Keule und Löwenhaut hinter sich,
spannte den Bogen, entsandte den Pfeil und schoß den grausamen
Vogel von der Leber des Gequälten hinweg. Hierauf löste er seine
Fesseln und führte den Befreiten mit sich davon. Damit aber die
Bedingungen des Zeus erfüllt wurden, stellte er ihm als Ersatzmann
den Kentauren Cheiron, der erbötig war, an jenes Statt zu sterben;
denn vorher war er unsterblich. Auf daß jedoch Zeus' Urteil, durch
das Prometheus auf weit längere Zeit an den Felsen gesprochen
war, auch so nicht unvollzogen bliebe, mußte Prometheus fortwährend
einen eisernen Ring tragen, an welchem sich ein Steinchen
von jenem Kaukasosfelsen befand. So konnte sich Zeus rühmen,
daß sein Feind noch immer an den Kaukasos angeschmiedet lebe.
Deukalion und Pyrrha
Als dem Weltbeherrscher Zeus schlimme Kunde von den Freveln
des Menschengeschlechts zu Ohren gekommen, beschloß er, selbst
in menschlicher Gestalt die Erde zu durchstreifen. Aber allenthalben
fand er das Gerücht noch milder als die Wahrheit. Eines Abends
in später Dämmerung trat er unter das ungastliche Dach des
Arkadierkönigs Lykaon, welcher durch Wildheit berüchtigt war. Er
gab sich durch einige Wunderzeichen als Gott zu erkennen, und die
Menge hatte sich auf die Knie geworfen. Lykaon jedoch spottete
über diese frommen Gebete. "Laßt uns sehen," sprach er, "ob es
ein Sterblicher oder ein Gott ist!" Damit beschloß er im Herzen,
den Gast um Mitternacht, wenn der Schlummer auf ihm lastete, mit
ungeahntem Tode zu verderben. Noch vorher aber schlachtete er
einen armen Geisel, den ihm das Volk der Molosser gesandt hatte,
kochte die halb lebendigen Glieder in siedendem Wasser oder briet
sie am Feuer und setzte sie dem Fremdling zum Nachtmahle auf den
Tisch. Zeus, der alles durchschaut hatte, fuhr vom Mahle empor
und sandte die rächende Flamme über die Burg des Gottlosen. Bestürzt
entfloh der König ins freie Feld. Der erste Wehlaut, den er
ausstieß, war ein Geheul, sein Gewand wurde zu Zotteln, seine Arme
zu Beinen: er war in einen blutdürstigen Wolf verwandelt.
Zeus kehrte in den Olymp zurück, hielt mit den Göttern Rat
und gedachte das ruchlose Menschengeschlecht zu vertilgen. Schon
wollte er auf alle Länder die Blitze verstreuen, aber die Furcht, der
Äther möchte in Flammen geraten und die Achse des Weltalls entzünden,
hielt ihn ab. Er legte die Donnerkeile, welche ihm die
Kyklopen geschmiedet, wieder beiseite und beschloß, über die ganze
Erde Platzregen vom Himmel zu senden und so unter Wolkengüssen
die Sterblichen aufzureiben. Auf der Stelle ward der Nordwind
samt allen die Wolken verscheuchenden Winden in die Höhlen des
Solos verschlossen und nur der Südwind von ihm ausgesendet. Dieser
flog mit triefenden Schwingen zur Erde hinab, sein entsetzliches Antlitz
bedeckte pechschwarzes Dunkel, sein Bart war schwer von Gewölk,
von seinem weißen Haupthaare rann die Flut, Nebel lagerten auf
der Stirn und aus dem Busen troff ihm das Wasser. Der Südwind
griff an den Himmel, faßte mit der Hand die weit umherhangenden
Wolken und fing an, sie auszupressen. Der Donner rollte, unaufhörliche
Regenflut stürzte vom Himmel; die Saat beugte sich unter dem
wogenden Sturm, danieder lag die Hoffnung des Landmannes, verdorben
war die langwierige Arbeit des ganzen Jahres. Auch Poseidon,
Zeus' Bruder, kam ihm bei dem Zerstörungswerk zu Hilfe; er berief
alle Flüsse zusammen und sprach: "Laßt euren Strömungen alle
Zügel schießen, fallt in die Häuser, durchbrechet die Dämmme!" Sie
vollführten seinen Befehl, und Poseidon selbst durchstach mit seinem
Dreizack das Erdreich und schaffte durch Erschütterung den Fluten
Eingang. So strömten die Flüsse über die offene Flur hin, bedeckten
die Felder und rissen Baumpflanzungen, Tempel und Häuser fort. Blieb
auch irgendwo ein Palast stehen, so deckte doch bald das Wasser
seinen Giebel, und die höchsten Türme verbargen sich im Strudel.
Meer und Erde waren bald nicht mehr zu unterscheiden; alles war See,
gestadeloser See. Die Menschen suchten sich zu retten, so gut sie
konnten; der eine erkletterte den höchsten Berg, der andere bestieg
einen Kahn und ruderte nun über das Dach seines versunkenen Landhauses
oder über die Hügel seiner Weinpflanzungen hin, daß der
Kiel an ihnen streifte. In den Ästen der Bäume arbeiteten sich die
Fische ab; den Eber, den eilenden Hirsch erjagte die Flut; ganze
Völker wurden vom Wasser hinweggerafft, und was die Welle verschonte,
starb den Hungertod auf den unbebauten Heidegipfeln.
Ein solcher hoher Berg ragte noch mit zwei Spitzen im Lande
Phokis über die alles bedeckende Meerflut hervor. Es war der
Parnassos. An ihn schwamm Deukalion, des Prometheus Sohn,
den dieser gewarnt und ihm ein Schiff erbaut hatte, mit seiner Gattin
Pymha im Nachen heran. Kein Mann, kein Weib war je erfunden
worden, die an Rechtschaffenheit und Götterscheu diese beiden übertroffen
hätten. Als nun Zeus vom Himmel herabschauend die Welt
von Sümpfen überschwemmt und von den vielen tausendmal Tausenden
nur ein einziges Menschenpaar übrig sah, beide unsträflich, beide andächtige
Verehrer der Gottheit, da sandte er den Nordwind aus,
sprengte die schwarzen Wolken und hieß ihn die Nebel entführen;
er zeigte den Himmel der Erde und die Erde dem Himmel wieder.
Auch Poseidon, der Meeresfürst, legte den Dreizack nieder und besänftigte
die Flut. Das Meer erhielt wieder Ufer, die Flüsse kehrten
in ihr Bett zurück; Wälder streckten ihre mit Schlamm bedeckten
Baumwipfel aus der Tiefe hervor, Hügel folgten, endlich breitete
sich auch wieder ebenes Land aus, und zuletzt war die Erde wieder da.
Deukalion blickte um sich. Das Land war verwüstet und in
Grabesstille versenkt. Tränen rollten bei diesem Anblick über seine
Wangen, und er sprach zu seinem Weibe Pyrrha: "Geliebte, einzige
Lebensgenossin! Soweit ich in die Länder schaue nach allen Weltgegenden
hin, kann ich keine lebende Seele entdecken. Wir zwei
bilden miteinander das Volk der Erde, alle andern sind in der
Wasserflut untergegangen. Aber auch wir sind unseres Lebens noch
nicht mit Gewißheit sicher. Jede Wolke, die ich sehe, erschreckt meine
Seele noch. Und wenn auch alle Gefahr vorüber ist, was fangen
wir Einsamen auf der verlassenen Erde an? Ach, daß mich mein
Vater Prometheus die Kunst gelehrt hätte. Menschen zu erschaffen
und geformtem Tone Geist einzugießen!" So Sprach er, und das
verlassene Paar fing an zu weinen; dann warfen sie sich vor einem
halbzerstörten Altar der Göttin Themis auf die Knie nieder und
begannen zu der Himmlischen zu flehen: "Sag' uns an, o Göttin,
durch welche Kunst stellen wir unser untergegangenes Geschlecht wieder
her? O hilf der versunkenen Welt wieder zum Leben!"
"Verlasset meinen Altar," tönte die Stimme der Göttin, "umschleiert
euer Haupt, löset eure gegürteten Glieder und werfet die
Gebeine eurer Mutter hinter den Rücken.
Lange verwunderten sich beide über diesen rätselhaften Götterspruch.
Pymha brach zuerst das Schweigen. "Verzeih mir, hohe
Göttin," sprach sie, "wenn ich zusammenschaudere, wenn ich dir nicht
gehorche und meiner Mutter Schatten nicht durch Zerstreuung ihrer
Gebeine kränken will!" Aber dem Deukalion fuhr es durch den
Geist wie ein Lichtstrahl. Er beruhigte seine Gattin mit dem freundlichen
Worte: "Entweder trügt mich mein Scharfsinn, oder die Worte
der Götter sind fromm und verbergen keinen Frevel. Unsere große
Mutter, das ist die Erde, ihre Knochen sind die Steine; und diese,
Pymha, sollen wir hinter uns werfen!"
Beide mißtrauten indessen dieser Deutung noch lange. Jedoch
was schadet die Probe, dachten sie. So gingen sie denn seitwärts,
verhüllten ihr Haupt, entgürteten ihre Kleider und warfen, wie ihnen
befohlen war, die Steine hinter sich. Da ereignete sich ein großes
Wunder: das Gestein begann seine Härte und Spröde abzulegen,
wurde geschmeidig, wuchs, gewann eine Gestalt; menschliche Formen
traten an ihm hervor, doch noch nicht deutlich, sondern rohen Gebilden
oder einer in Marmor vom Künstler erst aus dem Groben
herausgemeißelten Figur ähnlich. Was jedoch an den Steinen
Feuchtes oder Erdiges war. das wurde zu Fleisch an dem Körper;
das Unbeugsame, Feste ward in Knochen verwandelt; das Geäder in
den Steinen blieb Geäder. So gewannen mit Hilfe der Götter in
kurzer Frist die vom Manne geworfenen Steine männliche Bildung,
die vom Weibe geworfenen weibliche.
Diesen seinen Ursprung verleugnet das menschliche Geschlecht
nicht: es ist ein hartes Geschlecht und tauglich zur Arbeit. Jeden
Augenblick erinnert es daran, aus welchem Stamm es erwachsen ist.
Phaethon
Auf herrlichen Säulen erbaut, stand die Königsburg des Sonnengottes
Helios, von blitzendem Gold und glühendem Karfunkel
schimmernd; den obersten Giebel umschloß blendendes Elfenbein, gedoppelte
Türen strahlten in Silberglanz, darauf in erhabener Arbeit
die schönsten Wundergeschichten zu schauen waren. In diesen Palast
trat Phaethon, der Sohn des Sonnengottes, und verlangte den
Vater zu sprechen. Doch stellte er sich nur von ferne hin, denn in
der Nähe war das strahlende Licht nicht zu ertragen. Der Vater
Helios, vom Purpurgewand umhüllt, saß auf seinem fürstlichen
Throne, der mit glänzenden Smaragden besetzt war; zu seiner Rechten
und seiner Linken stand sein Gefolge geordnet, der Tag, der Monat,
das Jahr, die Jahrhunderte und die Horen; der jugendliche Lenz
mit seinem Blütenkranze, der Sommer mit Ährengewinde bekränzt,
der Herbst mit einem Füllhorn voll Trauben, der eisige Winter mit
schneeweißen Haaren. Helios, in ihrer Mitte sitzend, wurde mit
seinem allschauenden Auge bald den Jüngling gewahr, der über so
viele Wunder staunte. "Was ist der Grund deiner Wallfahrt,"
sprach er, "was führt dich in den Palast deines Vaters, mein Sohns"
Phaethon antwortete: "Erlauchter Vater, man spottet mein auf
Erden und beschimpft meine Mutter Klymene. Sie sprechen, ich erheuchle
nur himmlische Abkunft und sei von einem dunklen Vater
geboren. Darum komme ich, von dir ein Unterpfand zu erbitten.
das mich vor aller Welt als deinen wirklichen Sprößling darstelle."
So sprach er; da legte Helios die Strahlen, die ihm rings das
Haupt umleuchteten, ab und hieß ihn näher herantreten; dann umarmte
er ihn und sprach: "Deine Mutter Klymene hat die Wahrheit
gesagt, mein Sohn, und ich werde dich vor der Welt nimmermehr
verleugnen. Damit du aber ja nicht ferner zweifelst, so erbitte dir
ein Geschenk. Ich schwöre beim Styx, dem Flusse der Unterwelt,
bei dem alle Götter schwören, deine Bitte, welche sie auch sei,
soll dir erfüllt werden!" Phaethon ließ den Vater kaum ausreden.
"So erfülle mir denn," sprach er, "meinen glühendsten Wunsch und
vertraue mir nur auf einen Tag die Lenkung deines geflügelten
Sonnenwagens an."
Schrecken und Reue ward sichtbar auf dem Angesicht des Gottes.
Drei-, viermal schüttelte er sein umleuchtetes Haupt und rief endlich:
"O Sohn, du hast mich ein sinnloses Wort sprechen lassen. O dürfte
ich dir doch meine Verheißung nimmermehr gewähren! Du verlangst
ein Geschäft, dem deine Kräfte nicht gewachsen sind; du bist zu jung;
du bist sterblich, und was du wünschest, ist ein Werk der Unsterblichen
Ja du erstrebest sogar mehr, als den übrigen Göttern zu
erlangen vergönnt ist. Denn außer mir vermag keiner von ihnen
auf der glutensprühenden Achse zu stehen. Der Weg, den mein
Wagen zu machen hat, ist gar steil, mit Mühe erklimmt ihn in der
Frühe des Morgens mein noch frisches Rossegespann. Die Mitte
der Laufbahn ist zu oberst am Himmel. Glaube mir, wenn ich auf
meinem Wagen in solcher Höhe stehe, da kommt selbst mich oft ein
Grausen an, und mein Haupt droht ein Schwindel zu fassen, wenn
ich so herniederblicke in die Tiefe und Meer und Land weit unter
mir liegen. Zuletzt ist dann die Straße ganz abschüssig, da bedarf
es gar sicherer Lenkung. Die Meeresgöttin Thetis selbst, die mich
endlich in ihre Fluten aufzunehmen bereit ist, pflegt alsdann zu befürchten,
ich möchte in die Tiefe geschmettert werden. Dazu bedenke,
daß der Himmel sich in beständigem Umschwunge dreht und ich
diesem reißenden Kreislaufe entgegenfahren muß. Wie vermochtest
du das, wenn ich dir auch meinen Wagen gäbe? Darum, geliebter
Sohn, verlange nicht ein so schlimmes Geschenk und bessere deinen
Wunsch, solange es noch Zeit ist. Sieh mein erschrecktes Gesicht
an. O könntest du durch meine Augen in mein sorgenvolles Vaterherz
eindringen! Verlange, was du sonst willst von allen Gütern
des Himmels und der Erde! Ich schwöre dir beim SM; du sollst
es haben! — Warum umarmst du mich mit solchem Ungestüms
Aber der Jüngling ließ mit Flehen nicht ab, und der Vater
hatte den heiligen Schwur geschworen. So nahm er denn seinen
Sohn bei der Hand und führte ihn zum Sonnenwagen, des Hephästos
herrlicher Arbeit. Achse, Deichsel und der Kranz der Räder waren
von Gold, die Speichen Silber; vom Joche schimmerten Chrysolithen
und Juwelen. Während Phaethon die herrliche Arbeit beherzt anstaunt,
tut im geröteten Osten die erwachte Morgenröte ihr Purpurtor
und ihren Vorsaal, der voll Rosen ist, auf. Die Sterne verschwinden
allmählich, der Morgenstern ist der letzte, der seinen Posten
am Himmel verläßt, und die äußersten Hörner des Mondes verlieren
sich am Rande. Jetzt gibt Helios den geflügelten Horen den Befehl,
die Rosse zu schirren, und diese führen die glutsprühenden Tiere, von
Ambrosia gesättigt, von den erhabenen Krippen und legen ihnen
herrliche Zäume an. Während dies geschieht, bestrich der Vater das
Antlitz seines Sohnes mit einer heiligen Salbe und machte es dadurch
fähig, die glühende Flamme zu ertragen. Um das Haupthaar
legte er ihm seine Strahlensonne, aber er seufzte dazu und sprach
warnend: "Kind, schone mir die Stacheln, brauche wacker die Zügel;
denn die Rosse rennen schon von selbst, und es kostet Mühe, sie im
Fluge zu halten; die Straße geht schräg in weitumbiegender
Krümmung; den Südpol wie den Nordpol mußt du meiden. Du
erblickst deutlich die Geleise der Räder. Senke dich nicht zu tief,
sonst gerät die Erde in Brand; steige nicht zu hoch, sonst verbrennst
du den Himmel. Auf, die Finsternis flieht, nimm die Zügel zur
Hand, oder — noch ist es Zeit — besinne dich, liebes Kind, und
überlaß den Wagen mir, laß mich der Welt das Licht schenken, und
bleibe du Zuschauer!"
Der Jüngling schien die Worte des Vaters gar nicht zu hören,
er schwang sich mit einem Sprung auf den Wagen, ganz erfreut,
die Zügel in den Händen zu haben. und nickte dem unzufriedenen
Vater einen kurzen. freundlichen Dank zu. Mittlerweile füllten die
vier Flügelrosse mit glutatmendem Wiehern die Luft, und ihr Huf
stampfte gegen die Barren. Thetis, Phaethons Großmutter, welche
nichts vom Lose des Enkels ahnte, tat diese auf; die Welt lag in
unendlichem Raume vor den Blicken des Knaben, die Rosse flogen
die Bahn aufwärts und spalteten die Morgennebel. die vor ihnen
lagen.
Inzwischen fühlten die Rosse wohl, daß sie nicht die gewohnte
Last trugen und das Joch leichter sei als gewöhnlich; und wie
Schiffe, wenn sie das rechte Gewicht nicht haben. im Meere schwanken,
so machte der Wagen Sprünge in der Luft, ward hoch emporgestoßen
und rollte dahin, als wäre er leer. Als das Rossegespann
dies merkte, rannte es, die gebahnten Räume verlassend, und lief
nicht mehr in der vorigen Ordnung. Phaethon fing an zu erbeben,
er wußte nicht, wohin die Zügel lenken, wußte den Weg nicht, wußte
nicht, wie er die wilden Rosse bändigen sollte. Als nun der Unglückliche
hoch vom Himmel abwärts sah auf die tief, tief unter ihm
sich hinstreckenden Länder. wurde er blaß, und seine Knie zitterten
von plötzlichem Schrecken. Er sah rückwärts; schon lag viel Himmel
hinter ihm, aber mehr noch vor seinen Augen. Beides ermaß er in
seinem Geiste. Unwissend, was beginnen, starrte er in die Weite,
ließ die Zügel nicht nach, zog sie auch nicht weiter an; er wollte den
Rossen rufen, aber er kannte ihre Namen nicht. Mit Grauen sah
er die mannigfaltigen Sternbilder an. die in abenteuerlichen Gestalten
am Himmel herumhingen. Da ließ er, von kaltem Entsetzen gefaßt,
die Zügel fahren, und wie diese herabschlotternd den Rücken der
Pferde berührten, verließen die Rosse ihre Spur, schweiften seitwärts
in fremde Luftgebiete, gingen bald hoch empor, bald tief hernieder;
jetzt stießen sie an den Fixsternen an, jetzt wurden sie auf
abschüssigem Pfade in die Nachbarschaft der Erde hinabgerissen.
Schon berührten sie die erste Wolkenschicht, die bald entzündet aufdampfte.
Immer tiefer stürzte der Wagen, und unversehens war
er einem Hochgebirge nahe gekommen. Da lechzte vor Hitze der
Boden und spaltete sich. und weit plötzlich alle Säfte austrockneten,
fing er an zu glimmen; das Heidegras wurde weißgelb und welkte hinweg;
weiter unten loderte das Laub der Waldbäume auf. Bald war
die Glut bei der Ebene angekommen: nun wurde die Saat weggebrannt;
ganze Städte loderten in Flammen auf; Länder mit all
ihrer Bevölkerung wurden versengt; rings brannten Hügel, Wälder
und Berge. Damals sollen auch die Mohren schwarz geworden sein.
Die Ströme versiegten oder flohen erschreckt nach ihrer Quelle zurück,
das Meer selbst wurde zusammengedrängt, und was jüngst noch See
war, wurde trockenes
Sandfeld.
An allen Seiten
sah Phaethon
den Erdkreis entzündet.
Ihm selbst
wurde die Glut
bald unerträglich;
wie tief aus dem
Innern einer
Feueresfe atmete
er siedende Lust
ein, und unter
seinen Sohlen
fühlte er, wie der
Wagen erglühte.
Schon konnte er
den Dampf und
die vom Erdbrand
emporgeschleuderte
Asche nicht mehr
ertragen; Qualm
und pechschwarzes
Dunkel umgab
ihn; das Flügelgespann
riß ihn
nach Willkür fort;
endlich ergriff die
Glut seine Haare,
er stürzte aus
dem Wagen, und
brennend wurde
er durch die Luft
gewirbelt, wie zuweilen
ein Stern
bei heiterer Luft
durch den Himmel
zu schießen scheint.
Fern von der
Heimat nahm ihn der breite Strom Eridanos auf und bespielte ihm
sein schäumendes Angesicht.
Helios, der Vater, der dies alles mit ansehen mußte, verhüllte
sein Haupt in brütender Trauer. Damals, sagt man, sei ein Tag
der Erde ohne Sonnenlicht vorübergeflohen. Der ungeheure Brand
leuchtete allein.
Europa
Im Lande Tyros und Sidon erwuchs die Jungfrau Europa, die
Tochter des Königs Agenor, in der tiefen Abgeschiedenheit des
väterlichen Palastes. Zu dieser ward nachmitternächtlicher Weile,
wo untrügliche Träume die Sterblichen besuchen, ein seltsames Traumbild
vom Himmel gesendet. Es kam ihr vor, als erschienen zwei
Weltteile in Frauengestalt, Asien und der gegenüberliegende, und
stritten um ihren Besitz. Die eine der Frauen hatte die Gestalt
einer Fremden, die andere — und dies war Asien — glich an Aussehen
und Gebärde einer Einheimischen. Diese wehrte sich mit zärtlichem
Eifer für ihr Kind Europa, sprechend, daß sie es sei, welche
die geliebte Tochter geboren und gesäugt hätte. Das fremde Weib
aber umfgßte sie wie einen Raub mit gewaltigen Armen und zog
sie mit sich fort, ohne daß Europa im Innern zu widerstreben vermochte.
"Komm nur mit mir, Liebchen," sprach die Fremde, "ich
trage dich als Beute dem Ägiserschütterer Zeus entgegen; so ist dir's
vom Geschicke beschieden." Mit klopfendem Herzen erwachte Europa
und richtete sich vom Lager auf; denn das Nachtgesicht war hell
wie ein Anblick des Tages gewesen. Lange Zeit saß sie unbeweglich
aufrecht im Bette, vor sich hinstarrend, und vor ihren weit aufgetanen
Augensternen standen noch die beiden Weiber. Erst spät
öffneten sich ihre Lippen zum bangen Selbstgespräche. "Welcher
Himmlische," sprach sie, "hat mir diese Bilder zugeschicktes Was für
wunderbare Träume haben mich aufgeschreckt, die ich im Vaterhause
süß und sicher schlummerte? Wer war doch die Fremde, die ich im
Traume gesehen? Welch eine wunderbare Sehnsucht nach ihr regt
sich in meinem Herzen! Und wie ist sie selbst mir so liebreich entgegengekommen,
und auch als sie mich gewaltsam entführte, mit
welchem Mutterblicke hat sie mich angelächelt! Mögen die seligen
Götter mir den Traum zum besten kehren!"
Der Morgen war herangekommen; der helle Tagesschein verwischte
den nächtlichen Schimmer des Traumes aus der Seele der
Jungfrau, und Europa erhob sich zu den Beschäftigungen und Freuden
ihres jungfräulichen Lebens. Bald sammelten sich um sie ihre Altersgenossinnen
und Gespielinnen, Töchter der ersten Häuser, welche sie
zu Chortänzen, Opfern und Lustgängen zu begleiten pflegten. Auch
jetzt kamen sie, ihre Herrin zu einem Gange nach den blumenreichen
Wiesen am Meere einzuladen, wo sich die Mädchen der Gegend
scharenweise zu versammeln und am üppigen Wuchse der Blumen
und am rauschenden Halle des Meeres zu erfreuen pflegten. Alle
Mädchen waren in schmucke, blumengestickte Gewänder gekleidet;
Europa selbst trug ein wunderbares, goldgesticktes Schleppkleid voll
glänzender Bilder aus der Göttersage; das herrliche Gewand war
ein Werk des Hephästos, ein uraltes Göttergeschenk des Erderschütterers
Poseidon, das dieser der Lybia geschenkt hatte, als er um sie warb.
Aus ihrem Besitze war es von Hand zu Hand als Erbstück in das
Haus des Agenor gekommen. Mit diesem Brautschmuck angetan,
eilte die holdselige Europa an der Spitze ihrer Gespielinnen den
Meereswiesen zu, die voll der buntesten Blumen standen. Jubelnd
zerstreute sich die Schar der Mädchen da- und dorthin, jede suchte
sich eine Blume auf, die nach ihrem Sinne war. Die eine pflückte
die glänzende Narzisse, die andere wandte sich der Balsam ausströmenden
Hyazinthe zu, eine dritte erwählte sich das sanfter duftende
Veilchen, andern gefiel der gewürzige Quendel. wieder andre pflückten
den gelben. lockenden Krokus. So flogen die Gespielinnen hin und
her; Europa aber hatte bald ihr Ziel gefunden, sie stand, wie unter
den Grazien die schaumgeborene Liebesgöttin, alle ihre Genossinnen
überragend, und hielt hoch in der Hand einen vollen Strauß von
glühenden Rosen.
Als sie genug Blumen gesammelt, lagerten sich die Jungfrauen,
ihre Fürstin in der Mitte, harmlos auf dem Rasen und fingen an,
Kränze zu flechten, die sie, den Nymphen der Wiese zum Dank, an
grünenden Bäumen aufhängen wollten. Aber nicht lange sollten sie
ihren Sinn an den Blumen ergötzen, denn in das sorgenlose Jugendleben
Europas griff unversehens das Schicksal ein, das ihr der
Traum der verschwundenen Nacht geweissagt hatte. Zeus, der
Kronide, war von den Geschossen der Liebesgöttin, die allein auch
den unbezwungenen Göttervater zu besiegen vermochte, getroffen und
von der Schönheit der jungen Europa ergriffen worden. Weil er
aber den Zorn der eifersüchtigen Hera fürchtete, auch nicht hoffen
durfte, den unschuldigen Sinn der Jungfrau zu betören, so sann
der verschlagene Gott auf eine List. Er verwandelte seine Gestalt
und wurde ein Stier. Aber welch ein Stier! Nicht, wie er auf
gemeiner Wiese geht oder unters Joch gebeugt den schwer beladenen
Wagen zieht, nein, groß, herrlich von Gestalt, mit schwellenden
Muskeln am Halse und vollen Wampen am Bug, seine Hörner
waren zierlich und klein, wie von Händen gedrechselt und durchsichtiger
als reine Juwelen; goldgelb war seine Leibfarbe, nur mitten
auf der Stirn schimmerte ein silberweißes Mal, dem gekrümmten
Horne des wachsenden Mondes ähnlich; bläuliche, von Verlangen
funkelnde Augen rollten ihm im Kopfe.
Ehe Zeus diese Verwandlung mit sich vornahm, rief er zu sich
auf den Olymp den Hermes und sprach, ohne ihm etwas von seinen
Absichten zu enthüllen: "Spute dich, lieber Sohn, getreuer Vollbringer
meiner Befehle! Siehst du dort unten das Land. das links zu uns
emporblickt? ES ist Phönizien; dieses betritt und treibe mir das
Vieh des Königs Agenor, das du auf den Bergtriften weidend finden
wirst, gegen das Meeresufer hinab." In wenigen Augenblicken war
der geflügelte Gott, dem Winke seines Vaters gehorsam, auf der
sidonischen Bergweide angekommen und trieb die Herde des Königs,
unter die sich auch, ohne daß Hermes es geahnt hatte, der verwandelte
Zeus als Stier gemischt hatte, vom Berge herab nach dem
angewiesenen Strande, eben auf jene Wiesen, wo die Tochter Agenors,
von tyrischen Jungfrauen umringt, sorglos mit Blumen tändelte.
Die übrige Herde nun zerstreute sich über die Wiesen fern von den
Mädchen, nur der schöne Stier, in welchem der Gott verborgen war,
näherte sich dem Rasenhügel, auf welchem Europa mit ihren Gespielinnen
saß. Schmuck wandelte er im üppigen Grase einher, über
seiner Stirn schwebte kein Drohen, sein funkelndes Auge flößte keine
Furcht ein, sein ganzes Aussehen war voll Sanftmut. Europa und
ihre Jungfrauen bewunderten die edle Gestalt des Tieres und seine
friedlichen Gebärden, ja sie bekamen Lust, ihn recht in der Nähe zu
besehen und ihm den schimmernden Rücken zu streicheln. Der Stier
schien dies zu merken, denn er kam immer näher und stellte sich
endlich dicht vor Europa hin. Diese sprang auf und wich anfangs
einige Schritte zurück; als aber das Tier so gar zahm stehen blieb,
faßte sie sich ein Herz, näherte sich wieder und hielt ihm ihren
Blumenstrauß vor das schäumende Maul, aus dem sie ein ambrosischer
Atem anwehte. Der Stier leckte schmeichelnd die dargebotenen
Blumen und die zarte Jungfrauenhand, die ihm den Schaum abwischte
und ihn liebreich zu streicheln begann. Immer reizender
kam der herrliche Stier der Jungfrau vor, ja sie wagte es und
drückte einen Kuß auf seine glänzende Stirn. Da ließ das Tier ein
freudiges Brüllen hören, nicht wie andere gemeine Stiere brüllen,
sondern es tönte wie der Klang einer lydischen Flöte, die ein Bergtal
durchhallt. Dann kauerte er sich zu den Füßen der schönen
Fürstin nieder, blickte sie sehnsüchtig an, wandte ihr den Nacken zu
und zeigte ihr den breiten Rücken. Da sprach Europa zu ihren
Freundinnen, den Jungfrauen: "Kommt doch auch näher, liebe Gespielinnen,
daß wir uns auf den Rücken dieses schönen Stieres setzen
und unsere Lust haben; ich glaube, er könnte unserer viere aufnehmen
und beherbergen wie ein geräumiges Schiff. Er ist so
sanftmütig anzuschauen, so holdselig; er gleicht gar nicht andern
Stieren; wahrhaftig, er hat Verstand wie ein Mensch, und es fehlt
ihm gar nichts als die Rede!" Mit diesen Worten nahm sie ihren
Gespielinnen die Kränze einen nach dem andern aus den Händen
und behände damit die gesenkten Hörner des Stieres; dann schwang
sie sich lächelnd auf seinen Rücken, während ihre Freundinnen zaudernd
und unschlüssig zusahen.
Der Stier aber, als er die geraubt, die er gewollt hatte, sprang
vom Boden auf. Anfangs ging er ganz sacht mit der Jungfrau
davon, doch so, daß ihre Genossinnen nicht gleichen Schritt mit seinem
Gange halten konnten. Als er die Wiesen im Rücken und den kahlen
Strand vor sich hatte, verdoppelte er seinen Lauf und glich nun nicht
mehr einem trabenden Stiere, sondern einem fliegenden Roß. Und
ehe sich Europa besinnen konnte, war er mit einem Satz ins Meer
gesprungen und schwamm mit seiner Beute dahin. Die Jungfrau
hielt mit der Rechten eines seiner Hörner umklammert, mit der
Linken stützte sie sich auf den Rücken; in ihre Gewänder blies der
Wind wie in ein Segel; ängstlich blickte sie nach dem verlassenen
Lande zurück und rief umsonst den Gespielinnen; das Wasser umwallte
den segelnden Stier, und seine hüpfenden Wellen scheuend,
zog sie furchtsam die Fersen hinauf. Aber das Tier schwamm dahin
wie ein Schiff; bald war das Ufer verschwunden, die Sonne untergegangen,
und im Helldunkel der Nacht sah die unglückliche Jungfrau
nichts um sich her als Wogen und Gestirne. So ging es fort, auch
als der Morgen kam; den ganzen Tag schwamm sie auf dem Tiere
durch die unendliche Flut dahin, doch wußte dieses so geschickt die
Wellen zu durchschneiden, daß kein Tropfen seine geliebte Beute benetzte.
Endlich gegen Abend erreichten sie ein fernes Ufer. Der
Stier schwang sich ans Land, ließ die Jungfrau unter einem gewölbten
Baume sanft vom Rücken gleiten und verschwand vor ihren
Blicken. An seine Stelle trat ein herrlicher, göttermacher Mann,
der ihr erklärte, daß er der Beherrscher der Insel Kreta sei und sie
schützen werde, wenn er durch ihren Besitz beglückt würde. Europa,
in ihrer trostlosen Verlassenheit, reichte ihm ihre Hand als Zeichen
der Einwilligung, und Zeus hatte das Ziel seiner Wünsche erreicht.
Auch er verschwand, wie er gekommen war.
Aus langer Betäubung erwachte Europa, als schon die Morgensonne
am Himmel stand. Mit verwirrten Blicken sah sie um sich
her, als wollte sie die Heimat suchen. "Vater, Vater!"rief sie mit
durchdringendem Wehelaut, besann sich eine Weile und rief wieder:
"Ich verworfene Tochter, wie darf ich den Vaternamen nur aussprechen?
Welcher Wahnsinn hat mich die Kindesliebe vergessen
lassen!" Dann sah sie wieder, wie sich besinnend, umher und fragte
sich selbst: "Woher, wohin bin ich gekommen? — Zu leicht ist ein
Tod für die Schuld der Jungfrau! Aber wache ich denn auch und
beweine einen wirklichen Schimpf? Nein, ich bin gewiß unschuldig
an allem, und es neckt meinen Geist nur ein nichtiges Traumbild,
das der Morgenschlaf wieder entführen wird. Wie wäre es auch
möglich, daß ich mich hätte entschließen können, lieber auf dem
Rücken eines Untiers durch unendliche Fluten zu schwimmen, als in
holder Sicherheit frische Blumen zu pflücken!" — So sprach sie und
fuhr mit der flachen Hand über die Augenlider, als wollte sie den
verhaßten Traum verwischen. Als sie aber um sich blickte, blieben
die fremden Gegenstände unverrückt vor ihren Augen; unbekannte
Bäume und Felsen umgaben sie, und eine unheimliche Meeresflut
schäumte, an starren Klippen sich brechend, empor am niegeschauten
Gestade. "Ach, wer mir jetzt den verfluchten Stier auslieferte,"
rief sie verzweifelnd; "wie wollte ich ihn zerfleischen! Nicht ruhen
wollte ich, bis ich die Hörner des Ungeheuers zerbrochen, das mir
jüngst noch so liebenswürdig erschien! Eitler Wunsch! Nachdem ich
schamlos die Heimat verlassen, was bleibt mir übrig, als zu sterben?
Wenn ich nicht von allen Göttern verlassen bin, so sendet
mir, ihr Himmlischen, einen Löwen, einen Tiger! Vielleicht reizt sie
die Fülle meiner Schönheit, und ich muß nicht warten, bis der entsetzliche
Hunger an diesen blühenden Wangen zehrt!" Aber kein
wildes Tier erschien; lächelnd und friedlich lag die fremde Gegend
vor ihr, und vom unumwölkten Himmel leuchtete die Sonne. Wie
von Furien bestürmt, sprang die verlassene Jungfrau auf. "Elende
Europa," rief sie, "hörst du nicht die Stimme deines abwesenden
Vaters, der dich verflucht, wenn du deinem schimpflichen Leben nicht
ein Ende machst? Zeigt er dir nicht jene Esche, an welche du dich
mit deinem Gürtel aufhängen kannst? Deutet er nicht hin auf jenes
spitze Felsgestein, von welchem herab dich ein Sprung in den Sturm
der Meeresflut begraben wird? Oder willst du lieber einem Barbarenfürsten
als Nebenweib dienen und als Sklavin von Tag zu Tag die
zugeteilte Wolle abspinnen, du, eines hohen Königs Tochter?"
So quälte sich das unglückliche, verlassene Mädchen mit Todesgedanken
und fühlte doch nicht den Mut in sich, zu sterben. Da
vernahm sie plötzlich ein heimliches, spottendes Flüstern hinter sich,
glaubte sich belauscht und blickte erschrocken rückwärts. In überirdischem
Glanze sah sie da die Göttin Aphrodite vor sich stehen,
ihren kleinen Sohn, den Liebesgott, mit gesenktem Bogen zur Seite.
Noch schwebte ein Lächeln auf den Lippen der Göttin, dann sprach
sie: "Laß deinen Zorn und Hader, schönes Mädchen! Der verhaßte
Stier wird kommen und dir die Hörner zum Zerreißen darreichen.
Ich bin es, die dir im väterlichen Hause jenen Traum gesendet.
Tröste dich, Europa! Zeus ist es, der dich geraubt hat; du bist die
irdische Gattin des unbesiegten Gottes. Unsterblich wird dein Name
werden, denn der fremde Weltteil, der dich aufgenommen hat, heißt
hinfort Europa!"
Kadmos
Kadmos war ein Sohn des phönizischen Königs Agenor, ein
Bruder der Europa. Als Zeus, in einen Stier verwandelt,
diese entführt hatte, sandte den Kadmos und dessen Brüder sein
Vater aus, sie zu suchen, und ohne sie erlaubte er ihnen nicht wieder
zurückzukommen. Lange hatte Kadmos vergebens die Welt durchirrt,
ohne die Schliche des Zeus entdecken zu können. Als er die Hoffnung
verloren hatte, seine Schwester wieder aufzufinden, scheute er
seines Vaters Zorn, wandte sich an das Orakel Phoibos Apollons
und forschte, welches Land er künftig bewohnen sollte. Apollon gab
ihm die Weisung: "Du wirst ein Rind auf einsamen Auen treffen,
das noch kein Joch geduldet hat. Von diesem sollst du dich leiten
lassen, und an dem Platze, wo es im Grase ruhen wird, erbaue
Mauern und nenne die Stadt Theben."
Kaum hatte Kadmos die kastalische Höhle verlassen, wo Apollons
Orakel war, als er schon auf der grünen Weide eine Kuh sich bedächtig
ergehen sah, die noch kein Zeichen der Dienstbarkeit um den
Nacken trug. Lautlos zu Phoibos betend, folgte er mit langsamen
Schritten den Spuren des Tieres. Schon hatte er die Furt des
Kephissos durchwatet und war über eine gute Strecke Landes gekommen,
als auf einmal das Rind still stand, sein Gehörn gen
Himmel streckte und die Luft mit Brüllen erfüllte; dann schaute es
rückwärts nach der Schar der Männer, die ihm folgte, und kauerte
sich endlich im schwellenden Grase nieder.
Voll Dankes warf sich Kadmos auf der fremden Erde nieder
und küßte sie. Hierauf wollte er dem Zeus opfern und hieß die
Diener sich aufmachen, um ihm Wasser aus lebendigem Quell zum
Trankopfer zu holen. Dort war ein altes Gehölz, das noch von
keiner Axt jemals ausgehauen worden war; mitten darin bildete
durch zusammengefügtes Felsgestein, mit Gestrüpp und Strauchwerk
verwachsen, eine Kluft, reich an Quellwasser, ein niedriges Gewölbe.
In dieser Höhle versteckt ruhte ein grausamer Drache. Weithin sah
man seinen roten Kamm schimmern, aus den Augen sprühte Feuer,
sein Leib schwoll von Gift, mit drei Zungen zischte er, und mit drei
Reihen Zähne war sein Rachen bewaffnet. Wie nun die Phönizier
den Hain betreten hatten und der Krug, niedergelassen, in den
Wellen plätscherte, streckte der bläuliche Drache plötzlich sein Haupt
weit aus der Höhle und erhob ein entsetzliches Zischen. Die Schöpfurnen
entglitten der Hand der Diener, und vor Schrecken stockte
ihnen das Blut im Leibe. Der Drache aber verwickelte seine schuppigen
Ringe zum schlüpfrigen Knäuel, dann krümmte er sich im
Bogensprunge, und über die Hälfte aufgerichtet schaute er auf den
Wald herab. Dann reckte er sich gegen die Phönizier aus, tötete
die einen durch seinen Biß, die andern erdrückte er mit seiner Umschlingung,
noch andere erstickte sein bloßer Anhauch, und wieder
andere brachte sein giftiger Geifer um.
Kadmos wußte nicht, warum seine Diener so lange zauderten.
Zuletzt machte er sich auf, selbst nach ihnen zu schauen. Er deckte
sich mit dem Felle, das er einem Löwen abgezogen hatte, nahm
Lanze und Wurfspieß mit sich, dazu ein Herz, das besser war als
jede Waffe. Das erste, was ihm beim Eintritt in den Hain aufstieß,
waren die Leichen seiner getöteten Diener, und über ihnen sah
er den Feind mit geschwollenem Leibe triumphieren und mit der
blutigen Zunge die Leichname belecken. "Ihr armen Genossen,"rief
Kadmos voll Jammer aus, "entweder bin ich euer Rächer oder der
Gefährte eures Todes." Mit diesen Worten ergriff er ein Felsstück
und sandte es gegen den Drachen. Mauern und Türme hätte wohl
der Stein erschüttert, so groß war er. Aber der Drache blieb unverwundet,
sein harter, schwarzer Balg und die Schuppenhaut schirmten
ihn wie ein eherner Panzer. Nun versuchte es der Held mit dem
Wurfspieß. Diesem hielt der Leib des Ungeheuers nicht stand, die
stählerne Spitze stieg tief in sein Eingeweide nieder. Wütend vor
Schmerz drehte der Drache den Kopf gegen den Rücken und zermalmte
dadurch die Stange des Wurfspießes, aber das Eisen blieb
im Leibe stecken. Ein Streich mit dem Schwerte steigerte noch seine
Wut, der Schlund schwoll ihm auf, und ein weißer Schaum floß
aus dem giftigen Rachen. Aufrechter als ein Baumstamm schoß der
Drache hinaus, dann rannte er mit der Brust wieder gegen die
Waldbäume. Agenors Sohn wich dem Anfalle aus, deckte sich mit
der Löwenhaut und ließ die Drachenzähne an der Lanzenspitze sich
abmühen. Endlich fing das Blut dem Untier aus dem Halse zu
fließen an und rötete die grünen Kräuter umher; aber die Wunde
war nur leicht, denn es wich jedem Stoß und Stich aus und verstattete
ihnen nicht festzusitzen. Zuletzt jedoch stieß ihm Kadmos das
Schwert in die Gurgel so tief, daß es rücklings in einen Eichbaum
fuhr und mit dem Nacken des Ungeheuers zugleich der Stamm durchbohrt
wurde. Der Baum wurde von dem Gewichte des Drachen
krummgebogen und seufzte, weil er sich den Stamm von der Spitze
des Schweifes gepeitscht fühlte. Nun war der Feind überwältigt.
Kadmos betrachtete den erlegten Drachen lange; als er sich
wieder umsah, stand Pallas Athene, die vom Himmel herniedergefahren
war, an seiner Seite und befahl ihm, sofort die Zähne
des Drachen als Nachwuchs künftigen Volkes in aufgelockertes Erdreich
zu säen. Er gehorchte der Göttin, öffnete mit dem Pflug eine
breite Furche auf dem Boden und fing an, die Drachenzähne, wie
ihm befohlen war, die Öffnung entlang auszustreuen. Auf einmal
begann die Scholle sich zu rühren, und aus den Furchen hervor
blickte zuerst nur die Spitze einer Lanze, dann kam ein Helm hervor,
auf welchem ein farbiger Busch sich schwenkte, bald ragten
Schulter und Brust und bewaffnete Arme aus dem Boden, und
endlich stand ein gerüsteter Krieger, vom Kopf bis zum Fuße der
Erde entwachsen, da. Dies geschah an vielen Orten zugleich, und
eine ganze Saat bewaffneter Männer wuchs vor den Augen des
Phöniziers empor.
Agenors Sohn erschrak und war gefaßt darauf, einen neuen
Feind bekämpfen zu müssen. Aber einer von dem erdentsprossenen
Volke rief ihm zu: "Nimm die Waffen nicht, menge dich nicht in
innere Kriege!" Sofort holte dieser auf einen der ihm zunächst aus
der Furche hervorgekommenen Brüder mit einem Schwertstreich aus;
ihn selbst streckte zu gleicher Zeit ein Wurfspieß nieder, der aus der
Ferne geflogen kam. Auch der, welcher ihm den Tod gegeben, verhauchte
unter einer Wunde den kaum empfangenen Lebensatem bald
wieder. Der ganze Männerschwarm tobte in fürchterlichem Wechselkampfe;
fast alle lagen mit zuckender Brust auf dem Boden. und
die Mutter Erde trank das Blut ihrer eben erst geborenen Söhne.
Nur fünf waren übrig geblieben. Einer davon — er ward später
Echion genannt — warf zuerst auf Athenes Geheiß die Waffen zur
Erde und erbot sich zum Frieden; ihm folgten die andern.
Mit Hilfe dieser fünf erdentsprossenen Krieger baute der phönizische
Fremdling Kadmos die neue Stadt, dem Orakel des Phoibos
gehorsam, und nannte sie, wie ihm befohlen war, Theben.
Pentheus
Zu Theben ward Bacchos oder Dionysos, der Sohn des
Zeus und der Semele, der Enkel des Kadmos, wunderbar geboren.
Es war der Gott der Fruchtbarkeit, der Erfinder des Weinstockes.
In Indien erzogen, verließ er bald die Nymphen, seine
Pflegerinnen, und durchreiste die Länder, um allenthalben die Menschen
zu bilden, den Bau des herzerfreuenden Weines zu lehren und die
Verehrung seiner Gottheit zu gründen. So gütig er gegen seine
Freunde war, so hart bestrafte er diejenigen, die seinen Gottesdienst
nicht anerkennen wollten. Schon war sein Ruhm durch die Städte
Griechenlands und bis zur Stadt seiner Geburt, nach Theben, gedrungen.
Dort aber herrschte Pentheus, welchem Kadmos das
Königreich übergeben hatte, der Sohn des erdentsprossenen Echion
und der Agave, einer Mutterschwester des Bacchos. Dieser war ein
Verächter der Götter und zumeist seines Verwandten, des Dionysos.
Als nun der Gott mit seinem jauchzenden Gefolge von Bacchanten
herannahte, um sich dem Könige von Theben als Gott zu offenbaren,
hörte dieser nicht auf die Warnung des blinden, greisen Sehers
Teiresias, und als ihm die Nachricht zu Ohren kam, daß auch aus
Theben Männer, Frauen und Jungfrauen zur Verehrung des neuen
Gottes hinausströmten, fing er an ergrimmt zu schelten: "Welch ein
Wahnsinn hat euch betört, ihr drachenentsprossenen Thebaner, daß
euch, die kein Schlachtschwert, keine Trompete jemals geschreckt hat,
jetzt ein weichlicher Zug von berauschten Toren und Weibern besiegt?
Und ihr Phönizier, die ihr weit über Meere hierher gefahren seid
und euren alten Göttern eine Stadt gegründet, habt ihr ganz vergessen,
aus welchem Heldengeschlecht ihr gezeugt seid? Wollt ihr
es dulden, daß ein wehrloses Knäblein Theben erobere, ein Weichling
mit balsamtriefendem Haar, auf dem ein Kranz aus Weinlaub sitzt,
in Purpur und Gold anstatt in Stahl gekleidet, der kein Roß
tummeln kann, dem keine Wehr, keine Fehde behagt? Wenn nur
ihr wieder zur Besinnung kommt, so will ich ihn bald nötigen einzugestehen,
daß er ein Mensch ist wie ich, sein Vetter, daß nicht
Zeus sein Vater und alle diese prächtige Gottesverehrung erlogen
ist." Dann wandte er sich zu seinen Dienern und befahl ihnen,
den Anführer dieser neuen Raserei, wo sie ihn antrafen, zu fassen
und in Fesseln herzuschleppen.
Seine Freunde und Verwandte, die um den König waren, erschraken
über diesen frechen Befehl, sein Ahnherr Kadmos, der in
hohem Greisenalter noch lebte, schüttelte das Haupt und mißbilligte
das Tun des Enkels; aber durch Ermahnungen wurde seine Wut
nur gestachelt, sie schäumte über alle Hindernisse hin wie ein rasender
Fluß über das Wehr.
Unterdessen kamen die Diener mit blutigen Köpfen zurück. "Wo
habt ihr den Bacchos?" rief ihnen Pentheus zornig entgegen. "Den
Bacchos," antworteten sie, "haben wir nirgends gesehen. Dafür
bringen wir hier einen Mann aus seinem Gefolge. Er scheint noch
nicht lange bei ihm zu sein." Pentheus starrte den Gefangenen mit
grimmigen Augen an und schrie dann: "Mann des Todes, denn
auf der Stelle mußt du, den andern zu einem warnenden Beispiele,
sterben, sag' an, wie heißt dein und deiner Eltern Name. wie dein
Land? Und sag' auch, warum verehrst du die neuen Gebräuche?"
Frei und ohne Furcht erwiderte jener: "Mein Name ist Akoites,
meine Heimat Mäonien, meine Eltern sind aus dem gemeinen
Volke. Keine Fluren, keine Herden ließ mir der Vater zum Erbteil,
er lehrte mich nur die Kunst, mit der Angelrute zu fischen, denn
diese Kunst war all sein Reichtum. Bald lernte ich auch ein Schiff
regieren, die leitenden Gestirne, die Winde, die wohlgelegenen Häfen
kennen und fing an, Schiffahrt zu treiben. Einst, auf einer Fahrt
nach Delos, geriet ich an eine unbekannte Küste, wo wir anlegten.
Ein Sprung brachte mich auf den feuchten Sand, und ich übernachtete
hier noch ohne die Gefährten am Ufer. Des andern Tages
machte ich mich mit der ersten Morgenröte auf und bestieg einen
Hügel, um zu sehen, was der Wind uns verspreche. Inzwischen
waren auch meine Gefährten gelandet, und auf dem Rückwege nach
dem Schiffe begegnete ich ihnen, wie sie gerade einen Jüngling mit
sich schleppten, den sie am verlassenen Gestade geraubt hatten. Der
Knabe war von jungfräulicher Schönheit; schien vom Weine betäubt,
taumelnd wie von Schläfrigkeit, und hatte Mühe, ihnen zu folgen.
Als ich Angesicht, Haltung, Bewegung des Jünglings näher ins
Auge faßte, schien sich mir an demselben etwas überirdisches zu
offenbaren. ,Was für ein Gott in dem Jüngling ist,' so sprach
ich zu der Mannschaft, ,weiß ich noch nicht recht; aber so viel ist mir
gewiß, daß ein Gott in ihm ist. Wer du auch seist,' sprach ich
weiter, ,sei uns hold und fördere unsre Arbeit! Verzeih auch diesen,
die dich geraubt!' — ,Was fällt dir ein?' rief ein andrer, ,laß du
das Beten!' Auch die übrigen lachten über mich, von Raubgier
verblendet, und somit faßten sie den Knaben, um ihn in das Schiff
zu schleppen. Vergebens stellte ich mich entgegen: der Jüngste und
Kräftigste unter der Rotte, aus einer tyrrhenischen Stadt wegen eines
Mordes flüchtig, packte mich an der Gurgel und schleuderte mich
hinaus. Ich wäre im Meere ertrunken, wenn mich das Takelwerk
nicht aufgefangen hätte. Inzwischen hatte der Knabe wie in tiefem
Schlummer auf dem Schiffe, wohin man ihn gebracht hatte, gelegen.
Plötzlich, wie vom Geschrei erwacht und vom Rausche zurückgekehrt,
raffte er sich auf, trat unter die Schiffer und rief: ,Welcher Lärm!
Sprecht, ihr Männer, durch welches Geschick kam ich hierher? Wohin
wollt ihr mich bringen?' — ,Fürchte dich nicht, Knabe,' sprach
einer der falschen Schiffer, ,nenne uns nur den Hafen, nach welchem
du gebracht zu werden wünschest; gewiß, wir setzen dich ab, wo du
es verlangst.' — ,Nun wohl,' sprach der Knabe, ,so richtet den Lauf
nach der Insel Naxos, dort ist meine Heimat!' Die Betrüger versprachen
es ihm bei allen Göttern und hießen mich die Segel
richten. Uns zur rechten Seite lag Naxos. Wie ich nun die Segel
rechtshin spanne, winken und murmeln sie mir alle zu: ,Unsinniger,
was machst du? Was für ein Wahnwitz plagt dich? Fahr links!'
Ich erstaunte darüber und begriff sie nicht. ,Nehme sich ein andrer
des Schiffes an!' sprach ich und trat auf die Seite. ,Als ob das
Heil unsrer Fahrt allein auf dir beruhte!' schrie mich ein roher
Geselle an und verrichtete das Geschäft anstatt meiner. So ließen
sie Naxos liegen und steuerten in der entgegengesetzten Richtung.
Hohnlächelnd, als ob er den Trug jetzt erst bemerke, schaute der
Götterjüngling vom Hinterdeck in die See, und mit verstellten
Tränen sprach er: ,Wehe, nicht diese Gestade verhießet ihr mir,
Schiffer, dies ist nicht das erbetene Land! Ist es auch recht, daß
ihr alten Männer ein Kind auf diese Weise täuschet?' Aber die
gottvergessene Rotte spottete seiner und meiner Tränen und ruderte
eilig davon. Plötzlich aber, als umschlösse sie ein trockenes Schiffswerft,
stand die Barke mitten im Meere still. Vergebens schlagen
ihre Ruder die See, ziehen sie die Segel herab, streben fort mit
doppelter Kraft. Epheu fängt an die Ruder zu umschlingen, kriecht
rückwärts in geschlängelter Windung herauf, streift mit seinen
schwellenden Traudchen schon die Segel; Bacchos selbst — denn er
war es — steht herrlich da, die Stirn mit beerenbelasteten Trauben
bekränzt, den mit Weinlaub umschlungenen Thyrsosstab schwingend.
Tiger, Luchse, Panther erschienen um ihn gelagert, ein duftiger Strom
von Wein ergoß sich durch das Schiff. Jetzt sprangen die Männer
scheu empor in Furcht und Wahnsinn. Dem ersten, der aufschreien
wollte, krümmten sich Maul und Nase zum Fischmaul, und ehe die
andern sich darüber entsetzen konnten, war auch ihnen das gleiche
geschehen, ihr Leib senkte sich, von blauen Schuppen umgeben, der
Rückgrat wurde hochgewölbt, die Arme schrumpften zu Flossen
ein, die Füße vereinigten sich zu einem Schwanze. Sie waren alle
miteinander zu Fischen geworden, sprangen in das Meer und tauchten
auf und nieder. Ich von zwanzigen war allein übrig geblieben,
aber ich zitterte an allen Gliedern und erwartete jeden Augenblick
dieselbe Verwandlung. Bacchos jedoch sprach mir freundlich zu, weil
ich ihm ja nur Gutes erwiesen habe. ,Fürchte dich nicht,' sagte er,
und steure mich gen Naxos.' Als wir dort gelandet hatten, weihte
er mich an seinem Altar zum feierlichen Dienste seiner Gottheit ein."
"Schon zu lange horchen wir deinem Geschwätz," schrie jetzt der
König Pentheus. "Auf, ergreifet ihn, ihr Diener, peinigt ihn mit
tausend Martern und schickt ihn zur Unterwelt hinab!" Die Knechte
gehorchten und warfen den Schiffer gefesselt in einen tiefen Kerker,
aber eine unsichtbare Hand befreite ihn.
Nun begann die ernstliche Verfolgung der Bacchosfeier. Des
Pentheus eigene Mutter, Agave, und ihre Schwestern hatten teil
an dem rauschenden Gottesdienste genommen. Der König sandte
nach ihnen aus und ließ alle Bacchantinnen in den Stadtkerker
werfen. Aber ohne Hilfe eines Sterblichen werden auch sie ihrer
Bande ledig, die Pforten ihres Gefängnisses tun sich auf, und sie
rennen in bacchischer Begeisterung frei in den Wäldern umher. Der
Diener, der abgesandt worden, mit bewaffneter Macht den Gott selbst
einzufangen, kam ganz bestürzt zurück, denn jener hatte sich willig
und lächelnd den Fesseln dargeboten. So stand er jetzt gefangen
vor dem Könige, der selbst nicht umhin konnte, seine jugendliche,
göttliche Schönheit zu bewundern. Und doch beharrte er in seiner
Verblendung und behandelte ihn als einen Betrüger, der den Namen
Bacchos fälschlich führe. Er ließ den gefangenen Gott mit Fesseln
belasten und im hintersten und tiefsten Teile seines Palastes, in der
Nähe der Pferdekrippen, in einem dunkeln Loche verwahren. Auf
des Gottes Geheiß spaltete jedoch ein Erdbeben das Gemäuer, und
seine Bande verschwanden. Er trat unversehrt und herrlicher als
zuvor in die Mitte seiner Verehrer.
Ein Bote nach dem andern kam vor den König Pentheus und
meldete ihm, welche Wundertaten die Chöre begeisterter Frauen, von
seiner Mutter und ihren Schwestern angeführt, verrichteten. Ihr Stab
durfte nur an Felsen schlagen, so sprang Wasser oder sprudelnder
Wein heraus, die Bäche flossen unter seinem Zauberschlage voll Milch,
und aus den hohlen Bäumen träufelte Honig. "Ja," fügte einer der
Boten hinzu, "wärest du zugegen gewesen, o ,Herr, und hättest den
Gott, den du jetzt schiltst, selbst gesehen, du würdest dich in Gebeten
vor ihm niedergeworfen haben."
Pentheus, immer entrüsteter, bot auf diese Nachrichten hin alle
schwerbewaffneten Krieger, alle Reiter. alle Leichtbeschildeten gegen
das rasende Weiberheer auf. Da erschien Bacchos selbst wieder und
trat als sein eigener Abgeordneter vor den König. Er versprach,
ihm die Bacchantinnen entwaffnet vorzuführen, wenn nur der König
selbst die Frauentracht anlegen wolle, damit er nicht als Mann und
Uneingeweihter von ihnen zerrissen werde. Ungern und mit sehr
natürlichem Mißtrauen ging Pentheus auf den Vorgang ein; doch
folgte er endlich dem Gotte zur Schlachtbank. Aber als er hinausschritt
zur Stadt, war er schon vom Wahnsinn, den ihm der mächtige
Gott zugesandt hatte, besessen. Ihm deuchte es, als schaue er zwei
Sonnen, ein gedoppeltes Theben und jedes seiner Tore zwiefach.
Bacchos selbst kam ihm vor wie ein Stier, der mit großen Hörnern
an dem Kopfe vor ihm herschreite. Er selbst wurde wider Willen
von bacchischer Begeisterung ergriffen, verlangte und erhielt einen
Thyrsosstab und stürmte in Raserei dahin. So gelangten sie in ein
tiefes, quellenreiches, von Fichten beschattetes Tal, wo die Bacchospriesterinnen
ihrem Gotte Hymnen sangen, andere ihre Thyrsosstäbe
mit frischem Efeu bekleideten. Des Pentheus Augen aber waren
mit Blindheit geschlagen, oder sein Führer Bacchos hatte ihn so zu
leiten gewußt, daß sie die Versammlung der begeisterten Frauen nicht
gewahr wurden. Der Gott faßte nun mit seiner wunderbar in die
Höhe reichenden Hand den Wipfel eines Tannenbaumes, beugte ihn
hernieder, wie man einen Weidenzweig biegt, setzte den wahnsinnigen
Pentheus darauf und ließ den Baum sachte und vorsichtig allmählich
wieder in seine vorige Lage zurückkehren. Wie durch ein Wunder
blieb der König fest sitzen und erschien auf einmal, hoch auf dem
Tannenwipfel hingepflanzt, den Bacchantinnen im Tale, ohne daß er
sie erblickte. Dann rief Dionysos mit lauter Stimme ins Tal hinab:
"Ihr Mägde, schauet hier den, der unsere heiligen Feste verspottet;
bestrafet ihn!" Der Äther schwieg, kein Blatt im Walde
regte sich, kein Schrei eines Wildes ertönte. Auf richteten sich die
Bacchantinnen, sperrten ihre Augensterne weit auf und horchten auf
der Stimme Hall, die zum zweitenmal ertönte. Als sie in dem Wort
ihren Meister erkannt, schossen sie dahin schneller denn Tauben;
wilder Wahnsinn, vom Gotte gesandt, trieb sie mitten durch die angeschwollenen
Waldbäche. Endlich waren sie nahe genug gekommen,
um ihren Herrn und Verfolger auf dem Tannenwipfel sitzen zu sehen.
Schnell flogen Kiesel, abgerissene Tannenäste, Thyrsosstäbe gegen den
Unglücklichen empor, ohne die Höhe zu erreichen, in der er zitternd
schwebte. Endlich durchwühlten sie mit harten Eichenästen den Boden
rings um den Tannenbaum, bis die Wurzel bloß war und Pentheus
unter lautem Jammergeschrei mit der stürzenden Tanne aus der
Höhe zu Boden fiel. Seine Mutter Agave, vom Gotte geblendet,
daß sie den Sohn nicht wiedererkannte, gab das erste Zeichen zum
Morde. Dem König selbst hatte die Angst seine volle Besinnung
wiedergegeben. "Mutter," rief er, sie umhalsend, "kennst du deinen
Sohn nicht mehr, deinen Sohn Pentheus, den du im Hause Echions
geboren? Hab' Erbarmen mit mir, sei du es nicht, Mutter, die meine
Sünden am eigenen Kinde straft!" Aber die wahnsinnige Bacchospriesterin,
schäumend und mit weit aufgesperrten Augen, sah nicht
ihren Sohn in Pentheus, sondern glaubte einen Berglöwen in ihm
zu erblicken, faßte ihn an der Schulter und riß ihm den rechten Arm
vom Leibe; die Schwestern verstümmelten den linken; die ganze
wütende Rotte stürmte auf ihn ein, jede ergriff ein Glied des Zerrissenen;
Agave selbst umklammerte das entrissene Haupt mit blutigen
Fingern und trug es als ein Löwenhaupt auf einen Thyrsosstab
gesteckt durch die Wälder des Kithäron.
So rächte sich der mächtige Gott Bacchos an dem Verächter
seines Gottesdienstes.
Perseus
Perseus, der Sohn des Zeus, wurde mit seiner Mutter Danae
von dem Großvater Akrisios, König von Argos, in einen Kasten
eingeschlossen und ins Meer geworfen, weil ein Orakelspruch gesagt
hatte, daß ein Enkel ihm Leben und Thron rauben würde. Zeus
behütete sie in den Stürmen des Meeres, und sie schwammen bei
der Insel Seriphos ans Land. Dort herrschten zwei Brüder, Diktys
und Polydektes. Diktys fischte eben. als der Kasten angeschwommen
kam, und zog ihn ans Land. Beide Brüder nahmen sich der Verlassenen
liebreich an; Polydektes erhob die Mutter zu seiner Gemahlin,
und der Sohn des Zeus, Perseus, wurde von ihm sorgfältig
erzogen.
Als Perseus herangewachsen war, überredete ihn sein Stiefvater,
auf Taten auszuziehen und etwas Großes zu unternehmen. Der
mutige Jüngling zeigte sich willig, und bald waren sie einig darüber,
daß Perseus der Medusa ihr furchtbares Haupt abschlagen und dem
König nach Seriphos bringen sollte. Perseus machte sich auf den
Weg und kam unter Leitung der Götter in die ferne Gegend, wo
Phorkys, der Vater vieler entsetzlicher Ungeheuer, hauste. Zuerst
traf er auf drei seiner Töchter, die Graien oder Grauen; diese waren
grauhaarig von Geburt an; alle drei miteinander hatten nur ein
Auge und einen Zahn, die sie einander gegenseitig abwechslungsweise
zum Gebrauche liehen. Perseus nahm ihnen beides weg, und als
sie ihn flehentlich baten, das Unentbehrlichste ihnen doch wiederzugeben,
zeigte er sich zur Zurückerstattung nur unter der Bedingung
bereit, daß sie ihm den Weg zu den Nymphen zeigen sollten. Dieses
waren andere Wundergeschöpfe, die Flügelschuhe, einen Schubsack als
Tasche und einen Helm von Hundefell besaßen. Wer sich damit bekleidete,
konnte fliegen, wohin er wollte, sah, wen er wollte, und
wurde von niemand gesehen. Die Töchter des Phorkys zeigten dem
Perseus den Weg zu den Nymphen und erhielten Zahn und Auge
von ihm zurück. Bei den Nymphen fand und nahm er, was er
wollte, warf sich den Schubsack um, schnallte die Flügelschuhe an seine
Knöchel und setzte den Helm aufs Haupt. Dazu erhielt er von
Hermes eine eherne Sichel, und so ausgerüstet flog er zu dem Ozean,
wo die andern drei Töchter des Phorkys, die Gorgonen, hausten.
Die dritte, die Medusa hieß, war allein sterblich; darum war auch
Perseus ausgesandt worden, ihr Haupt zu holen. Er fand die Ungeheuer
schlafend; ihre Häupter waren mit Drachenschuppen übersät,
mit Schlangen, statt Haaren bedeckt, große Hauzähne hatten sie wie
Schweine, eherne Hände und goldene Flügel, mit welchen sie flogen.
Jeden, der sie ansah, verwandelte dieser Anblick in Stein. Das
wußte Perseus. Mit abgewandtem Gesichte stellte er sich deswegen
vor die Schlafenden und fing nur in seinem ehernen, glänzenden
Schilde ihr dreifaches Bild auf. So erkannte er die Gorgo Medusa
heraus, Athene führte ihm die Hand, und er schnitt dem schlafenden
Ungeheuer ohne Gefährde das Haupt ab. Kaum war dies vollbracht,
so entsprang dem Rumpfe ein geflügeltes Roß, der Pegasus,
und ein Riese, Chrysaor. Beides waren Geschöpfe des Poseidon.
Perseus schob nun das Haupt der Medusa in den Schubsack und
entfernte sich rücklings, wie er gekommen war. Inzwischen hatten
sich die Schwestern Medusas vom Lager erhoben. Sie erblickten
den Rumpf der getöteten Schwester und erhoben sich auf ihren
Fittichen, den Räuber zu verfolgen. Diesen aber verbarg der Nymphenhelm
vor ihren Augen, und sie konnten ihn nirgends inne werden.
In der Luft faßten inzwischen Perseus die Winde und schleuderten
ihn wie Regengewölk bald dahin, bald dorthin; als er über den Sand
wüsten Libyens schwebte, rieselten blutige Tropfen vom Medusenhaupte
auf die Erde nieder, welche sie auffing und zu blutigen Schlangen
belebte. Seitdem ist jenes Erdreich an feindseligen Nattern so ergiebig.
Perseus flog nun weiter westwärts und senkte sich endlich
im Reiche des Königs Atlas nieder, um ein wenig zu rasten. Dieser
hütete einen Hain voll goldener Früchte mit einem gewaltigen Drachen.
Umsonst bat der Besieger der Gorgone ihn um ein Obdach. Für
sein goldenes Besitztum bange, stieß ihn Atlas unbarmherzig von
seinem Palaste fort. Da ergrimmte Perseus und sprach: "Du willst
mir nichts gönnen; empfange du wenigstens ein Geschenk von mir."
Er holte die Gorgo aus seinem Schubsacke hervor, wandte sich ab
und streckte sie dem König Atlas entgegen. Groß wie der König
war, wurde er augenblicklich zu Stein und in einen Berg verwandelt,
Bart und Haupthaar dehnten sich zu Wäldern aus; Schultern, Hände
und Gebein wurden Felsrücken; sein Haupt wuchs als hoher Gipfel
in die Wolken. Perseus nahm seine Fittiche wieder und schnallte
sie sich an die Sohlen, hängte sich den Schubsack um, setzte den Helm
auf und schwang sich in die Lüfte. Auf seinem Fluge kam er an
eine Küste aithiopiens, wo der König Kepheus regierte. Hier sah er
an eine hervorragende Meeresklippe eine Jungfrau angebunden. Wenn
nicht ihr Haupthaar ein Lüftchen bewegt hätte und in ihren Augen
Tränen gezittert, so würde er sie für ein Marmorbild gehalten haben.
Fast hätte er in der Luft die Flügel zu bewegen vergessen, so bezaubert
war er von dem Reize ihrer Schönheit. "Sprich, schöne
Jungfrau," redete er sie an, "du, die du ganz anderes Geschmeide
verdientest, warum bist du hier in Banden? Nenne mir doch den
Namen deines Landes, nenne mir deinen eigenen Namen!" Das
gefesselte Mädchen schwieg verschämt; sie scheute sich, den fremden
Mann anzureden, und hätte gern ihr Angesicht mit den Händen bedeckt,
wenn sie sie hätte regen können. So aber konnte sie nur ihre
Augen mit quellenden Tränen füllen. Endlich, damit der Fremdling
nicht glauben möchte, sie habe eine eigene Schuld vor ihm zu verbergen,
erwiderte sie: "Ich bin die Tochter des Kepheus, des Königs
der Äthiopier, und heiße Andromeda. Meine Mutter hatte gegen
die Töchter des Nereus, die Meeresnymphen, geprahlt, schöner zu
sein als sie alle. Darüber zürnten die Nereiden, und ihr Freund,
der Meeresgott, ließ eine überschwemmung und einen alles verschlingenden
Haifisch über das Land kommen. Ein Orakelspruch
versprach uns Befreiung von der Plage, wenn ich, die Tochter der
Königin, dem Fische zum Fraße hingeworfen würde. Das Volk
drang in meinen Vater, dieses Rettungsmittel zu ergreifen, und die
Verzweiflung zwang ihn, mich an diesen Felsen zu binden."
Sie hatte die letzten Worte noch nicht ausgesprochen, als die
Wogen aufrauschten und aus der Tiefe des Meeres ein Scheusal
auftauchte, das mit seiner breiten Brust die ganze Wasserfläche um
her einnahm. Das Mädchen jammerte laut auf; zugleich sah man
Vater und Mutter herbeieilen, beide trostlos, doch in der Mutter
Zügen drückte sich noch dazu das Bewußtsein der Schuld aus. Sie
umarmten die gefesselte Tochter, aber sie brachten ihr nichts mit als
Tränen und Wehklagen. Jetzt begann der Fremdling: "Zum Jammern
wird euch noch Zeit genug übrig bleiben; die Stunde der Rettung
ist kurz. Ich bin Perseus, der Sprößling des Zeus und der Danae;
ich habe die Gorgone besiegt, und wunderbare Flügel tragen mich
durch die Luft. Selbst wenn die Jungfrau frei wäre und zu wählen
hätte, wäre ich kein verächtlicher Eidam. Jetzt werbe ich um sie
mit dem Erbieten, sie zu retten. Nehmet ihr meine Bedingung an?"
Wer hätte in solcher Lage gezaudert? Die erfreuten Eltern versprachen
ihm nicht nur die Tochter, sondern auch ihr eigenes Königreich
zur Mitgift.
Während sie dieses verhandelten, war das Untier wie ein schnellruderndes
Schiff herangeschwommen und nur noch einen Schleuderwurf
von dem Felsen entfernt. Da plötzlich, das Land mit dem
Fuße abstoßend, schwang sich der Jüngling hoch empor in die
Wolken. Das Tier sah den Schatten des Mannes auf dem Meere.
Während es auf diesen tobend losging als auf einen Feind, der
ihm die Beute zu entreißen drohte, fuhr Perseus aus der Luft wie
ein Adler herunter, trat schwebend auf den Rücken des Tieres und
senkte das Schwert, mit dem er die Meduse getötet hatte, dem Haifisch
unter dem Kopf in den Leib bis an den Knauf. Kaum hatte
er es wieder herausgezogen, so sprang der Fisch bald hoch in die
Lüfte, bald tauchte er wieder unter in die Flut, bald tobte er nach
beiden Seiten wie ein von Hunden verfolgter Eber. Perseus brachte
ihm Wunde um Wunde bei, bis ein dunkler Blutstrom sich aus
seinem Rachen ergoß. Indessen troffen die Flügel des Halbgottes,
und Perseus wagte nicht länger, sich dem wasserschweren Gefieder
anzuvertrauen. Glücklicherweise erblickte er ein Felsriff, dessen oberste
Spitze aus dem Meere hervorragte. Auf diese Felswand stützte er
sich mit der Linken und stieß das Eisen drei bis viermal in das
Gekröse des Ungetüms. Das Meer trieb die ungeheure Leiche fort,
und bald war sie in den Fluten verschwunden. Perseus hatte sich
indessen ans Land geschwungen, hatte den Felsen erklommen und die
Jungfrau, die ihn mit Blicken des Dankes und der Liebe begrüßte,
der Fesseln entledigt. Er brachte sie den glücklichen Eltern, und der
goldene Palast empfing ihn als Bräutigam. Noch dampfte das
Hochzeitsmahl, und die Stunden strichen dem Vater und der Mutter,
dem Bräutigam und der geretteten Braut in sorgenfreier Eile dahin,
als plötzlich die Vorhöfe der Königsburg mit einem dumpfen, brausenden
Getümmel sich füllten. Phineus, der Bruder des Königs Kepheus,
der früher um seine Nichte Andromeda geworben, aber in der letzen
Not sie verlassen hatte, nahte mit einer Schar von Kriegern und erneuerte
seine Ansprüche. Den Speer schwingend, trat er in den
Hochzeitssaal und rief dem erstaunten Perseus zu: "Sieh mich hier,
der ich komme, die mir entrissene Gattin zu rächen! Weder deine
Flügel noch dein Vater Zeus sollen dich mir entreißen!" So rief
er, schon zum Speerwurfe sich anschickend; da erhob sich Kepheus,
der König, vom Mahle. "Rasender Bruder," rief er, "welcher Gedanke
treibt dich zur Untaten Nicht Perseus raubt dir die Geliebte;
sie wurde dir schon damals entrissen, als wir sie dem Tode preisgaben,
als du zusahest, wie sie gefesselt wurde, und weder als Oheim
noch als Geliebter ihr deinen Beistand liehest. Warum hast du
nicht selbst dir den Preis von dem Felsen geholt, an den er geschmiedet
war? So laß wenigstens den, der ihn sich errungen hat,
der mein Alter durch die Rettung meiner Tochter getröstet, in Ruhe!"
Phineus antwortete ihm nichts, er betrachtete nur abwechselnd
mit grimmigen Blicken bald seinen Bruder, bald seinen Nebenbuhler,
als besänne er sich, auf wen er zuerst zielen sollte. Endlich nach
kurzem Verzuge schwang er mit aller Kraft, die der Zorn ihm gab,
den Speer gegen Perseus, aber er tat einen Fehlwurf, und die Waffe
blieb im Polster hängen. Jetzt fuhr Perseus vom Lager empor und
schleuderte seinen Spieß nach der Tür, durch welche Phineus eingedrungen
war, und er würde die Brust seines Todfeindes durchbohrt
haben, wenn dieser sich nicht mit einem Sprunge hinter den
Hausaltar geflüchtet hätte. Das Geschoß hatte die Stirn eines seiner
Begleiter getroffen, und jetzt kam das Gefolge des Eingedrungenen
mit den längst von der Tafel aufgestörten Gästen ins Handgemenge.
Lang und mörderisch war der Kampf; aber die Eingebrochenen waren
in der Mehrzahl. Zuletzt wurde Perseus, an dessen Seite sich umsonst
die Schwiegereltern und die Braut schutzflehend stellten, von
Phineus und seinen Tausenden umringt. Die Pfeile flogen an ihnen
von allen Seiten vorbei wie Hagelkörner im Sturme. Perseus
hatte die Schultern an einen Pfeiler gelehnt und sich so den Rücken
gedeckt. Von da zur Heerschar der Feinde gewendet, hielt er den
Anlauf der Feinde ab und streckte einen um den andern nieder.
Erst als er sah, daß die Tapferkeit der Menge erliegen müsse, entschloß
er sich, das letzte, aber untrügliche Mittel, das ihm zu Gebote
stand, zu gebrauchen. "Weil ihr mich genötigt,"sprach er, "will ich
mir die Hilfe bei meinem alten Feinde holen. Wende sein Antlitz
ab, wer noch mein Freund ist!" Mit diesen Worten zog er aus der
Tasche, die ihm immer an der Seite hing, das Gorgonenhaupt und
streckte es dem ersten Gegner zu, der jetzt eben auf ihn eindrang.
"Suche andere," rief dieser verächtlich beim ersten flüchtigen Blicke,
"die du mit' deinen Mirakeln erschüttern kannst." Aber als seine
Hand sich heben wollte, den Wurfspieß abzusenden, blieb er mitten
in dieser Gebärde versteinert wie eine Bildsäule. Und so widerfuhr
es einem nach dem andern. Zuletzt waren nur noch zweihundert
übrig. Da hob Perseus das Gorgonenhaupt hoch in die Luft empor,
daß alle es erblicken konnten. und verwandelte die zweihundert auf
einmal in starres Gestein. Jetzt erst bereute Phineus den unrechtmäßigen
und unvernünftigen Krieg. Rechts und links erblickt er
nichts als Steinbilder in der mannigfaltigsten Stellung. Er ruft seine
Freunde mit Namen, er berührt ungläubig die Körper der Zunächststehenden:
alles ist Marmor. Entsetzen faßte ihn, und sein Trotz
verwandelte sich in demütiges Flehen. "Laß mir nur das Leben,
dein sei das Reich und die Braut!" rief er und kehrte sein verzagendes
Gesicht seitwärts. Aber Perseus, über den Tod seiner
neuen Freunde erbittert, kannte kein Erbarmen. "Verräter," schrie
er zornig, "ich will dir für alle Ewigkeit ein bleibendes Denkmal
in meines Schwähers Hause stiften!" und so sehr Phineus bemüht
war, dem Anblicke zu entgehen, so traf doch bald das ausgestreckte
Schreckensbild sein Auge; sein Hals erstarrte, sein feuchter Blick erhärtete
zu Stein. So blieb er stehen mit furchtsamer Miene, die
Hände gesenkt, in knechtischer, demütiger Stellung. Ohne Hindernis
führte jetzt Perseus seine Geliebte Andromeda heim. Lange, glückliche
Tage erwarteten ihn, und er fand auch seine Mutter Danae wieder.
Doch sollte er an seinem Großvater Akrisios das Verhängnis erfüllen.
Dieser war aus Furcht vor dem Orakelsprüche zu einem fremden
Könige ins Pelasgerland geflohen. Hier half er Kampfspiele feiern,
als eben Perseus ankam, der auf der Fahrt nach Argos begriffen
war, wo er seinen Großvater begrüßen wollte. Ein unglücklicher
Wurf mit der Scheibe traf den Großvater von des Enkels Hand,
ohne daß dieser jenen kannte oder treffen wollte. Nicht lange blieb
ihm verborgen, was er getan. In tiefer Trauer begrub er den
Akrisios außerhalb der Stadt und vertauschte das Königreich das
ihm durch des Großvaters Tod zugefallen war. Doch verfolgte ihn
der Neid des Geschickes nicht länger. Andromeda gebar ihm viele
herrliche Söhne, und der Ruhm des Vaters lebte in ihnen fort.
Dädalos und Ikaros
Dädalos aus Athen war ein Erechthide, ein Sohn des Metion,
ein Urenkel des Erechtheus. Er war der kunstreichste Mann
seiner Zeit, Baumeister, Bildhauer und Arbeiter in Stein. In den
verschiedensten Gegenden der Welt wurden Werke seiner Kunst bewundert,
und von seinen Bildsäulen sagte man, sie leben, gehen und
sehen und seien für kein Bild, sondern für ein beseeltes Geschöpf
zu halten. Denn während an den Bildsäulen der früheren Meister
die Augen geschlossen waren und die Hände, von den Seiten des
Körpers nicht getrennt, schlaff herunterhingen, war er der erste, der
seinen Bildern offene Augen gab, sie die Hände ausstrecken und auf
schreitenden Füßen stehen ließ. Aber so kunstreich Dädalos war, so
eitel und eifersüchtig war er auch auf seine Kunst, und diese Untugend
verführte ihn zum Verbrechen und trieb ihn ins Elend. Er
hatte einen Schwestersohn, namens Talos, den er in seinen eigenen
Künsten unterrichtete, und der noch herrlichere Anlagen zeigte als
sein Oheim und Meister. Noch als Knabe hatte Talos die Töpferscheibe
erfunden; den Kinnbacken einer Schlange, auf den er irgendwo
gestoßen, gebrauchte er als Säge und durchschnitt mit den gezackten
Zähnen ein kleines Brettchen, dann ahmte er dieses Werkzeug
in Eisen nach, in dessen Schärfe er eine Reihe fortlaufender
Zähne einschnitt, und wurde so der gepriesene Erfinder der Säge.
Ebenso erfand er das Drechseleisen, indem er zuerst zwei eiserne
Arme verband, von welchen der eine stille stand, während der
andere sich drehte. Auch andere künstliche Werkzeuge ersann er,
alles ohne die Hilfe seines Lehrers, und erwarb sich damit hohen
Ruhm. Dädalos fing an zu befürchten, der Name des Schülers
möchte größer werden als der des Meisters; der Neid übermannte
ihn, und er brachte den Knaben hinterlistig um, indem er ihn von
der Burg von Athen herabstürzte. Während Dädalos mit seinem
Begräbnisse beschäftigt war, wurde er überrascht; er gab vor. eine
Schlange zu verscharren. Dennoch wurde er vor dem Gerichte des
Areopags wegen eines Mordes angeklagt und schuldig befunden.
Er entwich nun und irrte anfangs flüchtig in Attika umher, bis er
weiter nach der Insel Kreta floh. Hier fand er bei dem König
Minos eine Freistätte, ward dessen Freund und als berühmter
Künstler hoch angesehen. Er wurde von ihm ausgewählt, um dem
Minotauros, einem Ungeheuer von abscheulicher Abkunft, der ein
Doppelwesen war, das vom Kopfe bis an die Schultern die Gestalt
eines Stieres hatte, im übrigen aber einem Menschen glich,
einen Aufenthalt zu schaffen, wo das Ungetüm den Augen der
Menschen ganz entrückt würde. Der erfinderische Geist des Dädalos
erbaute zu dem Ende das Labyrinth, ein Gebäude voll gewundener
Krümmungen, welche Augen und Füße des Betretenden verwirrten.
Die unzähligen Gänge schlangen sich ineinander wie der verworrene
Lauf des geschlängelten phrygischen Flusses Mäander, der in
zweifelndem Gange bald vorwärts, bald zurück fließt und oft seinen
eigenen Wellen entgegenkommt. Als der Bau vollendet war und
Dädalos ihn durchmusterte, fand sich der Erfinder selbst mit Mühe
zur Schwelle zurück, ein so trügerisches Irrsal hatte er gegründet.
Im Innersten dieses Labyrinthes wurde der Minotauros gehegt, und
seine Speise waren die sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen, die
infolge alter Zinsbarkeit alle neun Jahre von Athen dem Könige
Kretas zugesandt werden mußten.
Indessen wurde dem Dädalos die lange Verbannung aus der
geliebten Heimat doch allmählich zur Last, und es quälte ihn, bei
einem tyrannischen und selbst gegen seinen Freund mißtrauischen
Könige sein ganzes Leben auf einem vom Meere rings umschlossenen
Eilande zubringen zu sollen. Sein erfinderischer Geist sann auf
Rettung. Nachdem er lange gebrütet, rief er endlich ganz freudig
aus: Die Rettung ist gefunden. Mag mich Minos immerhin von
Land und Wasser aussperren, die Luft bleibt mir doch offen; soviel
Minos besitzt, über sie hat er keine Herrschergewalt. Durch die
Luft will ich davongehen!" Gesagt, getan. Dädalos überwältigte
mit seinem Erfindungsgeiste die Natur. Er fing an, Vogelfedern
von verschiedener Größe so in Ordnung zu legen, daß er mit der
kleinsten begann und zu der kürzeren Feder stets eine längere fügte,
so daß man glauben konnte, sie seien von selbst ansteigend gewachsen.
Diese Federn verknüpfte er in der Mitte mit Leinfäden, unten mit
Wachs. Die so vereinigten beugte er mit kaum merklicher Krümmung,
so daß sie ganz das Ansehen von Flügeln bekamen. Dädalos hatte
einen Knaben namens Ikaros. Dieser stand neben ihm und mischte
seine kindischen Hände neugierig unter die künstliche Arbeit des Vaters:
bald griff er nach dem Gefieder, dessen Flaum von dem Luftzuge
bewegt wurde, bald knetete er das gelbe Wachs, dessen der Künstler
sich bediente, mit Daumen und Zeigefinger. Der Vater ließ es sorglos
geschehen und lächelte zu den unbeholfenen Bemühungen seines
Kindes. Nachdem er die letzte Hand an seine Arbeit gelegt hatte,
paßte sich Dädalos selbst die Flügel an den Leib, setzte sich mit
ihnen ins Gleichgewicht und schwebte leicht wie ein Vogel empor
in die Lüfte. Dann, nachdem er sich wieder zu Boden gesenkt, belehrte
er auch seinen jungen Sohn Ikaros, für den ein kleineres
Flügelpaar gefertigt und bereit lag. "Flieg immer, lieber Sohn,"
sprach er, "auf der Mittelstraße, damit nicht, wenn du den Flug zu
sehr nach unten senkst, die Fittiche ans Meerwasser streifen und von
Feuchtigkeit beschwert, dich in die Tiefe der Wogen hinabziehen,
oder, wenn du dich zu hoch in die Luftregion versteigst, dein Gefieder
den Sonnenstrahlen zu nahe kommt und plötzlich Feuer fängt.
Zwischen Wasser und Sonne fliege dahin, immer nur meinem Pfade
durch die Luft folgend." Unter solchen Ermahnungen knüpfte Dädalos
auch dem Sohne das Flügelpaar an die Schultern, doch zitterte die
Hand des Greises, während er es tat, und eine bange Träne tropfte
ihm auf die Hand. Dann umarmte er den Knaben und gab ihm
einen Kuß, der auch sein letzter sein sollte.
Jetzt erhoben sich beide mit ihren Flügeln. Der Vater flog
voraus, sorgenvoll wie ein Vogel, der seine zarte Brut zum erstenmal
aus dem Neste in die Luft führt. Doch schwang er besonnen
und kunstvoll das Gefieder, damit der Sohn es ihm nachtun lernte,
und blickte von Zeit zu Zeit rückwärts, um zu sehen, wie es diesem
gelänge. Anfangs ging es ganz gut. Bald war ihnen die Insel
Samos zur Linken, bald Delos und Paros, die Eilande, vorübergeflogen.
Noch mehrere Küsten sahen sie schwinden, als der Knabe
Ikaros, durch den glücklichen Flug zuversichtlich gemacht, seinen väterlichen
Führer verließ und in verwegenem Übermute mit seinem Flügelpaar
einer höheren Zone zusteuerte. Aber die gedrohte Strafe blieb
nicht aus. Die Nachbarschaft der Sonne erweichte mit allzu kräftigen
Strahlen das Wachs, das die Fittiche zusammenhielt, und ehe
es Ikaros nur bemerkte, waren die Flügel aufgelöst und zu beiden
Seiten den Schultern entsunken. Noch ruderte der unglückliche Jüng
ling und schwang seine nackten Arme, aber er bekam keine Luft zu
fassen, und plötzlich stürzte er in die Tiefe. Er hatte den Namen
seines Vaters als Hilferuf auf den Lippen; doch ehe er ihn aussprechen
konnte, hatte ihn die blaue Meeresflut verschlungen. Das
alles war so schnell geschehen, daß Dädalos, hinter sich nach seinem
Sohne, wie er von Zeit zu Zeit zu tun gewohnt war, blickend, nichts
mehr von ihm gewahr wurde. "Ikaros, Ikaros!" rief er trostlos
durch den leeren Luftraum. "Wo, in welchem 'Bezirke der Luft soll
ich dich suchen?" Endlich sandte er die ängstlich forschenden Blicke
nach der Tiefe. Da sah er im Wasser die Federn schwimmen. Nun
senkte er seinen Flug und ging, die Flügel abgelegt, ohne Trost am
Ufer hin und her, wo bald die Meereswellen den Leichnam seines
unglückseligen Kindes ans Gestade spülten. Jetzt war der ermordete
Talos gerächt. Der verzweifelte Vater sorgte für das Begräbnis
des Sohnes. Es war eine Insel, wo er sich niedergelassen, und wo
der Leichnam ans Ufer geschwemmt worden war. Zum ewigen Gedächtnis
an das jammervolle Ereignis erhielt das Eiland den Namen
Ikaria.
Als Dädalos seinen Sohn begraben hatte, flog er von dieser
Insel weiter nach der großen Insel Sizilien. Hier herrschte der
König Kokalos. Wie einst bei Minos auf Kreta fand er bei ihm
gastliche Aufnahme, und seine Kunst setzte die Einwohner in Erstaunen.
Noch lange zeigte man da einen künstlichen See, den er
gegraben, und aus dem ein breiter Fluß sich in das benachbarte Meer
ergoß; auf den steilsten Felsen, der nicht zu erstürmen war, und wo
kaum ein paar Bäume Platz zu haben schienen, setzte er eine feste
Stadt und führte zu ihr einen so engen und künstlich gewundenen
Weg empor, daß drei oder vier Männer hinreichten, die Feste zu
verteidigen. Diese unbezwingliche Burg wählte dann der König Kokalos
zur Aufbewahrung seiner Schätze. Das dritte Werk des Dädalos
auf der Insel Sizilien war eine tiefe Höhle. Hier fing er den Dampf
unterirdischen Feuers so geschickt auf, daß der Aufenthalt in einer
Grotte, die sonst feucht zu sein pflegte, so angenehm war wie in einem
gelinde geheizten Zimmer und der Körper allmählich in einen wohltätigen
Schweiß kam, ohne dabei von der Hitze belästigt zu werden.
Auch den Tempel der Aphrodite auf dem Vorgebirge Eryx erweiterte
er und weihte der Göttin eine goldene Honigzelle, die mit der größten
Kunst ausgearbeitet war und einer wirklichen Honigwabe täuschend
ähnlich sah.
Nun erfuhr aber König Minos, dessen Insel der Baumeister
heimlich verlassen hatte, daß Dädalos sich nach Sizilien geflüchtet
habe, und faßte den Entschluß, ihn mit einem gewaltigen Kriegsheere
zu verfolgen. Er rüstete eine ansehnliche Flotte aus und fuhr damit
von Kreta nach Agrigent. Hier schiffte er seine Landtruppen aus
und schickte Botschafter an den König Kokalos, welche die Auslieferung
des Flüchtlings verlangen sollten. Aber Kokalos war über den Einfall
des fremden Tyrannen entrüstet und sann auf Mittel und Wege, ihn
zu verderben. Er stellte sich an, als ginge er auf die Absichten des
Kreters ganz ein, versprach ihm in allem zu willfahren und lud ihn
zu dem Ende zu einer Zusammenkunft ein. Minos kam und wurde
mit großer Gastfreundschaft von Kokalos aufgenommen. Ein warmes
Bad sollte ihn von der Ermüdung des Weges heilen. Als er aber
in der Wanne saß, ließ Kokalos diese so lange heizen, bis Minos in
dem siedenden Wasser erstickte. Die Leiche überließ der König von
Sizilien den Kretern, die mit ihm gekommen waren, unter dem Vorgeben,
der König sei im Bade ausgeglitten und in das heiße Wasser
gefallen. Hierauf wurde Minos von seinen Kriegern mit großer
Pracht bei Agrigent bestattet und über seinem Grabmal ein offener
Aphroditetempel erbaut. Dädalos blieb bei dem König Kokalos
in ununterbrochener Gunst, erzog viele und berühmte Künstler und
wurde der Gründer seiner Kunst auf Sizilien. Glücklich aber war
er seit dem Sturze seines Sohnes Ikaros nicht mehr, und während
er dem Lande, das ihm eine Zuflucht gewährt hatte, ein heiteres und
lachendes Aussehen durch die Werke seiner Hand verlieh, durchlebte
er selbst ein kummervolles und trübsinniges Alter. Er starb auf der
Insel Sizilien und wurde dort begraben.
Die Argonautensage
Jason und Pelias
Von Äson, dem Sohne des Kretheus, stammte Jason ab. Sein
Großvater hatte in einer Bucht des Landes Thessalien die
Stadt und das Königreich Jolkos gegründet und dasselbe seinem
Sohne Äson hinterlassen. Aber der jüngere Sohn, Pelias, bemächtigte
sich des Thrones; Äson starb, und Jason, sein Kind, war zu Chiron
dem Centauren, dem Erzieher vieler großen Helden, geflüchtet worden,
wo er in guter Heldenzucht aufwuchs. Als Pelias schon alt war,
wurde er durch einen dunkeln Orakelspruch geängstigt, welcher ihn
warnte, er sollte sich vor dem Einschuhigen hüten. Pelias grübelte
vergeblich über dem Sinne dieses Wortes, als Jason, der jetzt zwanzig
Jahre den Unterricht und die Erziehung des Chiron genossen hatte,
sich heimlich aufmachte, nach Joikos in seine Heimat zu wandern
und das Thronrecht seines Geschlechtes gegen Pelias zu behaupten.
Nach Art der alten Helden war er mit zwei Speeren, dem einen
zum Werfen, dem andern zum Stoßen, ausgerüstet; er trug ein
Reisekleid und darüber die Haut von einem Panther, den er erwürgt
hatte; sein unbeschorenes Haar hing lang über die Schultern herab.
Unterwegs kam er an einen breiten Fluß, an dem er eine alte Frau
stehen sah, die ihn flehentlich bat, ihr über den Strom zu helfen.
Es war die Göttermutter Hera, die Feindin des Königs Pelias.
Jason erkannte sie in ihrer Verwandlung nicht, er nahm sie mitleidig
auf die Arme und watete mit ihr durch den Fluß. Auf diesem
Wege blieb ihm der eine Schuh im Schlamme stecken. Dennoch
wanderte er weiter und kam zu Jolkos an, als sein Oheim Pelias
gerade mitten unter allem Volke auf dem Marktplatze der Stadt dem
Meeresgotte Poseidon ein feierliches Opfer brachte. Alles Volk verwunderte
sich über seine Schönheit und seinen majestätischen Wuchs.
Sie meinten, Apollon oder Ares sei plötzlich in ihre Mitte getreten.
Jetzt fielen auch die Blicke des opfernden Königs auf den Fremdling,
und mit Entsetzen bemerkte er, daß nur der eine Fuß desselben
beschuht war. Als die heilige Handlung vorüber war, trat er dem
Ankömmling entgegen und fragte ihn mit verheimlichter Bestürzung
nach seinem Namen und seiner Heimat. Jason antwortete mutig,
doch sanft, er sei Äsons Sohn, sei in Chirons Höhle erzogen worden
und komme jetzt, das Haus seines Vaters zu schauen. Der kluge
Pelias empfing ihn auf diese Mitteilung hin freundlich, und ohne seinen
Schrecken merken zu lassen. Er ließ ihn überall im Palaste herumführen,
und Jason weidete seine Augen mit Sehnsucht an dieser ersten
Wohnstätte seiner Jugend. Fünf Tage lang feierte er hierauf das
Wiedersehen mit seinen Vettern und Verwandten in fröhlichen Festen.
Am sechsten Tage verliehen sie die Zelte, die für die Gäste aufgeschlagen
waren, und traten miteinander vor den König Pelias.
Sanft und bescheiden sprach Jason zu seinem Oheim: "Du weißt,
o König, daß ich der Sohn des rechtmäßigen Königs bin und alles.
was du besitzest, mein Eigentum ist. Dennoch lasse ich dir die Schaf-
und Rinderherden und alles Feld, das du meinen Eltern entrissen
hast; ich verlange nichts von dir zurück als das Königszepter und
den Thron, auf welchem einst mein Vater saß." Pelias war in
seinem Geiste schnell besonnen. Er erwiderte freundlich: "Ich bin
willig, deine Forderung zu erfüllen; dafür sollst aber auch du mir
eine Bitte gewähren und eine Tat für mich ausrichten, die deiner
Jugend wohl ansteht, und deren mein Greisenalter nicht mehr fähig
ist. Denn mir erscheint seit lange in nächtlichen Träumen der Schatten
des Phrixos und verlangt von mir, ich solle seine Seele zufriedenstellen,
nach Kolchis zum Könige Äetes reisen und von da seine Gebeine
und das Vließ des goldenen Widders zurückholen. Den Ruhm
dieser Unternehmung habe ich dir zugedacht. Wenn du mit der herrlichen
Beute zurückkehrst, sollst du Reich und Zepter in Besitz nehmen."
Anias und Beginn des Argonautenzuges
Mit dem goldenen Vließe aber verhielt es sich also. Phrixos,
ein Sohn des böotischen Königs Athamas, hatte viel von der
Nebengattin seines Vaters, seiner bösen Stiefmutter Ino, zu dulden.
Um ihn vor ihren Nachstellungen zu bewahren, raubte ihn mit Hilfe
seiner Schwester Helle die eigene Mutter Nephele. Sie setzte die
Kinder auf einen geflügelten Widder, dessen Vließ oder Fell von
gediegenem Golde war, und welchen sie von dem Gotte Hermes zum
Geschenk erhalten hatte. Auf diesem Wundertiere ritten Bruder und
Schwester durch die Luft über Land und Meere hin. Unterwegs
wurde das Mägdlein von Schwindel überwältigt. Sie fiel in die
Tiefe und fand ihren Tod in dem Meere, das von ihr den Namen
Helles Meer oder Hellespontos erhielt. Phrixos kam glücklich in
das Land der Kolchier an der Küste des Schwarzen Meeres. Hier
wurde er von dem Könige Äetes gastfreundlich aufgenommen, der ihm
eine seiner Töchter zur Gattin gab. Den Widder opferte Phrixos
dem Zeus, dem Beförderer der Flucht; sein Vließ gab er dem Könige
Äetes zum Geschenk. Dieser weihte es dem Ares und befestigte
es mit Nägeln in einem Haine, der diesem Gott geheiligt war. Zur
Bewachung des goldenen Vließes bestellte Äetes einen ungeheuren
Drachen; denn ein Schicksalsspruch hatte sein Leben vom Besitze dieses
Widderfelles abhängig gemacht. Das Vließ wurde in der ganzen
Welt als ein großer Schatz betrachtet, und lange trug man sich auch
in Griechenland mit der Nachricht von demselben. Manchen Helden
und Fürsten gelüstete es danach; so hatte Pelias nicht falsch gerechnet,
wenn er hoffte, seinen Neffen Jason durch die Aussicht auf eine so
herrliche Beute zu reizen. Jason ließ sich auch bereitwillig finden;
er durchschaute die Absicht seines Oheims, ihn in den Gefahren dieses
Zuges untergehen zu lassen, nicht und verpflichtete sich feierlich, das
Abenteuer zu bestehen. Die berühmtesten Helden Griechenlands
wurden zu dem kühnen Unternehmen aufgefordert. Am Fuße des
Berges Pelion, aus einer Holzart, die im Meere nicht, fault, wurde
unter Athenes Leitung von dem geschicktesten Baumeister Griechenlands
ein herrliches Schiff mit fünfzig Rudern erbaut und nach seinem
Erbauer Argos, dem Sohne des Arestor, Argo genannt. Es war das
erste lange Schiff, auf welchem sich Griechen in die offene See wagten.
Die Göttin Athene hatte dazu das weissagende Brett von einer
redenden Eiche des Orakels zu Dodona gestiftet, das eine Stelle in
dem Tafelwerke fand. Das Schiff war auswendig mit vielen geschnitzten
Arbeiten geziert und gleichwohl so leicht, daß es die Helden
zwölf Tagereisen weit auf der Achsel tragen konnten. Als das, Fahrzeug
fertig und die Helden versammelt waren, wurden die Plätze
der Argoschiffer (Argonauten) verlost. Jason war Befehlshaber des
ganzen Zuges, Tiphys war der Steuermann; Lynkeus, der scharfblickende,
machte den Lotsen des Schiffes. Im Vorderteile des
Schiffes saß der herrliche Held Herakles, im Hinterteile Peleus, der
Vater des Achilles, und Telamon, der Vater des Ajas. Im inneren
Raume befanden sich unter andern Kastor und Pollux, die Zeussöhne,
Neleus. der Vater Nestors, Admetos, der Gemahl der frommen
Alkestis, Meleagros, der Besieger des kaledonischen Ebers, Orpheus,
der wundervolle Sänger, Menoitios, der Vater des Patroklos, Theseus,
nachher König von Athen, und sein Freund Pirithoos, Hylas, der
junge Gefährte des Herakles, Poseidons Sohn Euphemos und Oileus,
der Vater des kleineren Ajas. Jason hatte sein Schiff dem Poseidon
geweiht, und vor der Abfahrt wurde ihm und allen Meeresgöttern
ein feierliches Opfer mit Gebeten dargebracht.
Als alle im Schiffe Platz genommen, wurden die Anker gelichtet,
die fünfzig Ruderer begannen ihren regelmäßigen, Taktschlag,
ein günstiger Wind schwellte die Segel, und bald hatte das Schiff
den Hafen von Jolkos hinter sich. Orpheus mit lieblichen Harfen
tönen und begeisterndem Gesang belebte den Mut der Argoschiffer,
lustig fuhren sie an Vorgebirgen und Inseln vorbei, erst am zweiten
Tage erhob sich ein Sturm und trieb sie in den Hafen der Insel
Lemnos.
Die Argonauten zu Lemnos
Auf dieser Insel hatten das Jahr zuvor die Weiber alle
ihre Männer, ja das ganze männliche Geschlecht, vom Zorn der
Aphrodite verfolgt und von Eifersucht getrieben, weil jene sich Nebenweiber
aus Thrakien geholt hatten, ausgerottet. Nur Hypsipyle hatte
ihren Vater, den König Thoas, verschont und in einer Kiste dem
Meere zur Rettung übergeben. Seitdem fürchteten sie unaufhörlich
einen Angriff von seiten der Thrakier, der Verwandten ihrer Nebenbuhlerinnen,
und blickten oft mit ängstlichen Augen nach der hohen
See hinaus. Auch jetzt, wo sie das Schiff Argo heranrudern sahen,
stürzten sie alle miteinander aufgeschreckt aus den Toren und strömten,
mit Waffen angetan wie Amazonen, ans Ufer. Die Helden verwunderten
sich höchlich, als sie das ganze Gestade voll von bewaffneten
Weibern und keinen Mann erblickten. Sie fertigten in einem Machen
einen Herold mit dem Friedensstabe an die seltsame Versammlung
ab, der von den Frauen vor die Königin Hypsipyle gebracht wurde
und in bescheidenen Worten die Bitte der Argoschiffer um gastliche
Rast vorbrachte. Die Königin versammelte ihr Frauenvolk auf dem
Marktplatze der Stadt, sie selbst aber setzte sich auf den steinernen
Thron ihres Vaters; ihr zunächst lagerte sich, auf einen Stab gestützt,
die greise Amme, dieser zur Rechten und zur Linken saßen je
zwei blondhaarige zarte Jungfrauen. Nachdem sie der Versammlung
das friedliche Ansinnen der Argonauten vorgelegt, sprach sie aufgerichtet:
"Liebe Schwestern, wir haben eine große Freveltat begangen
und in der Torheit uns männerlos gemacht, wir sollen gute Freunde,
wenn sie sich uns darbieten, nicht zurückstoßen. Aber wir müssen
auch dafür sorgen, daß sie nichts von unserer Untat erfahren. Darum
ist mein Rat, den Fremden Speise, Wein und alle Notdurft in ihr
Schiff tragen zu lassen und durch solche Bereitwilligkeit sie fern von
unsern Mauern zu halten."
Die Köngin hatte sich wieder niedergesetzt und dagegen die alte
Amme erhoben. Mit Mühe richtete sie ihren Kopf aus den Schultern
auf und sprach: "Sendet immerhin den Fremdlingen Geschenke: dies
ist wohlgetan. Denket aber auch daran, was euch bevorsteht, wenn
die Thrakier kommen. Und wenn ein gnädiger Gott diese ferne hält,
seid ihr darum vor allem übel sicher? Zwar die alten Weiber, wie
ich, können ruhig sein, wir werden sterben, ehe die Not dringend
wird, ehe alle unsere Vorräte zu Ende sind. Ihr Jüngeren aber,
wie wollet ihr alsdann leben? Werden sich die Ochsen für euch
von selbst ins Joch spannen und den Pflug durchs Ackerfeld ziehens
Werden sie an eurer Statt, wenn das Jahr herum ist, die reifen
Ähren abschneiden? Denn ihr selbst werdet diese und andere harte
Arbeiten nicht verrichten wollen. Ich rate euch, weiset den erwünschten
Schutz nicht ab, der sich euch darbietet; vertrauet Gut und Habe
den edelgeborenen Fremdlingen an und laßt sie eure schöne Stadt verwalten!"
Dieser Rat gefiel allen Weibern von Lemnos wohl. Die
Königin schickte eine der beisitzenden Jungfrauen mit dem Herold auf
das Schiff, um den Argonauten den günstigen Beschluß der Frauenversammlung
kundzutun. Die Helden waren über die Nachricht hoch
erfreut, sie glaubten nicht anders. als Hypsipyle sei ihrem Vater
nach dessen Tode in friedlicher übernahme der Herrschaft gefolgt.
Jason warf den purpurnen Mantel, ein Geschenk der Athene, über
seine Schultern und wandelte der Stadt zu, einem schimmernden
Sterne ähnlich. Als er in die Tore einzog, strömten ihm die Frauen
mit lautem Gruße nach und erfreuten sich des Gastes. Er aber heftete
mit sittsamer Scheu die Augen auf den Boden und eilte dem Palaste
der Königin zu. Dienende Mägde taten die hohen Pforten weit vor
ihm auf; die Jungfrau führte ihn in das Gemach ihrer Herrin.
Hier nahm er dieser gegenüber auf einem prachtvollen Stuhle Platz.
Hypsipyle schlug die Augen nieder, und ihre jungfräulichen Wangen
röteten sich. Verschämt wandte sie sich an ihn mit den schmeichlerischen
Worten: "Fremdling, warum weilet ihr so scheu außerhalb unserer
Tore? Diese Stadt wird ja nicht von Männern bewohnt, daß ihr
euch zu fürchten hättet. Unsere Gatten sind uns treulos geworden;
sie sind mit thrakischen Weibern, die sie im Kriege erbeutet, in das
Land ihrer Nebenweiber gezogen und haben ihre Söhne und männlichen
Diener mit sich genommen; wir aber sind hilflos zurückgeblieben.
Darum, wenn es euch gefällt; kehret hier, bei unserem Volke, ein.
und magst du, so sollst du an meines Vaters Thoas Statt die Deinigen
und uns beherrschen. Du wirst das Land nicht tadeln, es ist bei
weitem die fruchtbarste Insel in diesem Meere. Geh daher, guter
Führer, melde deinen Genossen unsern Vorschlag und bleibet nicht
länger außerhalb der Stadt." So sprach sie und verhehlte nur die
Ermordung der Männer. Ihr erwiderte Jason: "Königin, die Hilfe,
die du uns Hilfsbedürftigen anbietest, nehmen wir mit dankbarem
Herzen an; wenn ich meinen Genossen die Nachricht zurückgebracht
habe, will ich in eure Stadt zurückkehren, aber das Zepter und die
Insel behalte du selbst. Nicht als ob ich sie verachtete: aber mich
erwarten schwere Kämpfe im fernen Lande." Jason reichte der königlichen
Jungfrau die Hand zum Abschiedsgrüße, dann eilte er zurück
ans Ufer. Bald kamen auch die Frauen auf schnellen Wagen nach
mit vielen Gastgeschenken. Ohne Mühe überredeten sie die Helden,
die ihres Führers Botschaft schon vernommen hatten, die Stadt zu
betreten und in ihren Häusern einzukehren. Jason nahm seine Wohnung
in der Königsburg selbst, die andern da und dort: nur Herakles, der
Feind weibischen Lebens, blieb mit wenigen auserlesenen Genossen
zurück auf dem Schiffe. Jetzt füllten fröhliche Mahlzeiten und Tänze
die Stadt; duftiger Opferdampf stieg zum Himmel; Einwohnerinnen
und Gäste ehrten den Schutzgott der Insel, Hephästos, und Aphrodite,
seine Gemahlin. Von Tag zu Tag wurde die Abfahrt verschoben,
und noch lange hätten die Helden bei den freundlichen Wirtinnen
verweilt, wenn nicht Herakles vom Schiffe herbeigekommen wäre und
die Genossen ohne der Weiber Wissen um sich versammelt hätte.
"Ihr Elenden," schalt er, hattet ihr nicht genug Frauen im eigenen
Lande? Seid ihr der Hochzeit bedürftig hierher gekommen? Wollt
ihr als Bauern zu Lemnos das Feld pflügen? Freilich, ein Gott
wird für uns das Vließ holen und es uns zu Füßen legen! Lieber
lasset uns jeder in seine Heimat zurückkehren; jener mag sich mit
Hypsipyle vermählen, die Insel Lemnos mit seinen Söhnen bevölkern
und von fremden Heldentaten hören!"
Keiner wagte gegen den Helden, der so sprach, die Augen aufzuheben
oder ihm zu widersprechen. Von der Versammlung weg
rüsteten sie sich zur Abfahrt. Aber die Lemnierinnen, ihre Absicht
erratend, umschwärmten sie wie summende Bienen mit Klagen und
Bitten. Doch ergaben sie sich zuletzt in den Entschluß der Helden,
Hypsipyle trat mit tränenden Augen aus der Schar hervor, nahm
Jason bei der Hand und sprach: "Geh, und mögen dir die Götter
samt deinen Genossen, wie du es wünschest, das goldene Vließ verleihen!
Wenn du je zu uns zurückkehren willst, so erwartet dich
diese Insel und das Zepter meines Vaters. Aber ich weiß es wohl,
du hast diese Absicht nicht. So gedenke denn wenigstens meiner in
der Ferne! Jason schied mit Bewunderung von der edlen Königin
und bestieg zuerst das Schiff, nach ihm die andern Helden alle. Sie
lösten die Taue, mit welchen das Schiff ans Land gebunden war,
die Ruderer setzten sich in Bewegung, und in kurzer Zeit hatten sie
den Hellespont hinter sich.
4
Die Argonauten im Lande der Dolionen
Thrakische Winde trieben hier das Schiff in die Nähe der phrygischen
Küste, wo auf dem Eilande Kyzikos die erdgeborenen Giganten
in ungezähmter Wildheit und die friedlichen Dolionen nebeneinander
wohnten. Jenen hingen sechs Arme, zwei von den mächtigen Schultern
und vier an den beiden Seiten, vom Leibe herunter; diese stammten
vom Meeresgotte ab, der sie auch gegen jene Ungeheuer schirmte.
Ihr König war der fromme Kyzikos. Dieser und sein ganzes Volk,
als sie von der Ankunft des Schiffes und dem Geschlechte der Männer
gehört, gingen den Argonauten liebreich entgegen, empfingen sie gastfreundlich
und überredeten sie, noch weiter zu rudern und das Schiff
im Hafen der Stadt vor Anker zu legen. Der König hatte längst
einen Orakelspruch erhalten: wenn die göttliche Schar der Heroen
käme, so sollte er sie liebreich aufnehmen und ja nicht bekriegen. Er
versah sie deshalb reichlich mit Wein und Schlachtvieh. Beim Mahle
erzählten ihm die Fremden von dem Ziel und Zweck ihrer Fahrt,
und er unterrichtete sie über den Weg, den sie zu nehmen hätten.
Am andern Morgen bestiegen sie einen hohen Berg, um selbst die
Lage der Insel und das Meer zu überschauen. Inzwischen waren
von der andern Seite des Eilandes die Giganten hervorgebrochen
und hatten den Hafen mit Felsblöcken gesperrt. In diesem lag das
Schiff Argo, von Herakles, der auch diesmal nicht an das Land gestiegen
war, bewacht. Als dieser die Ungeheuer das boshafte Werk
unternehmen sah, schoß er ihrer viele mit seinen Pfeilen zu Tode.
Zu gleicher Zeit kamen auch die übrigen Helden zurück und richteten
mit Pfeilen und Speeren unter den Giganten eine furchtbare Niederlage
an, so daß sie in dem engen Hafen wie ein umgehauener Wald
dalagen, die einen mit Kopf und Brust im Wasser, mit den Füßen
auf dem Ufersande, die andern mit den Füßen im Meere. mit Kopf
und Brust am Ufer, beide Fischen und Vögeln zur Beute bestimmt.
Nachdem die Helden diesen glücklichen Kampf bestanden, lösten sie
unter günstigem Winde die Ankertaue und segelten hinaus in die
offene See. Aber in der Nacht legte sich der Wind; bald erhob sich
ein Sturm von der entgegengesetzten Seite, und so wurden sie genötigt,
noch einmal am gastlichen Lande der Dolionen vor Anker zu
gehen, ohne daß sie es wußten, denn sie glaubten sich an der phrygischen
Küste. Ebensowenig erkannten die Dolionen, die bei dem
Geräusche der Landung sich aus ihrer nächtlichen Ruhe erhoben hatten,
die Freunde wieder, mit denen sie gestern so fröhlich gezecht hatten.
Sie griffen zu den Waffen, und eine unglückselige Schlacht entspann
sich zwischen Gastfreunden. Jason selbst stieß dem gütigen Könige
Kyzikos den Speer mitten in die Brust, ohne ihn zu kennen und
von ihm gekannt zu sein. Die Dolionen wurden endlich in die
Flucht geschlagen und schlossen sich in die Mauern ihrer Stadt ein.
Am andern Morgen wurde beiden der Irrtum offenbar.
Bitterer Schmerz ergriff den Argonautenführer Jason mit allen
seinen Helden, als sie den guten Dolionenkönig in seinem Blute liegen
sahen. Drei Tage lang trauerten in friedlicher Vermischung die
Helden und die Dolionen, rauften sich die baare und stellten den
Gebliebenen zu Ehren gemeinschaftlich Trauerkampfspiele an; dann
schifften die fremden Helden weiter.
Herakles zurückgelassen
Nach einer stürmevollen Fahrt landeten die Helden in einem
Meerbusen Bithyniens, bei der Stadt Kios. Die Mysier, die hier
wohnten, empfingen sie gar freundlich, türmten dürres Holz zum
wärmenden Feuer auf, machten den Ankömmlingen aus grünem Laub
eine weiche Streu und setzten ihnen noch in der Abenddämmerung
Wein und Speise zur Genüge vor. Herakles, der alle Bequemlichkeiten
der Reise verschmähte, ließ seine Genossen beim Mahle sitzen
und machte einen Streifzug durch den Wald, um sich aus einem
Tannenbaum ein .besseres Ruder für den kommenden Morgen zu
schnitzen. Bald fand er eine Tanne, die ihm gerecht war, nicht zu
sehr mit Ästen beladen, in der Größe und dem Umfang wie der Ast
einer schlanken Pappel. Sogleich legte er Köcher und Bogen auf
die Erde, zog sein Löwenfell aus, warf seine eherne Keule auf den
Boden und zog den Stamm, den er mit beiden Händen gefaßt, mitsamt
den Wurzeln und der daranhängenden Erde heraus, so daß
die Tanne dalag, nicht anders, als hätte sie ein Sturm entwurzelt.
Inzwischen hatte sich sein junger Gefährte Hylas auch vom Tische
verloren. Er war mit dem ehernen Kruge aufgestanden, um Wasser
für seinen Herrn und Freund zum Mahle zu schöpfen und auch alles
andre ihm für seine Rückkehr vorzubereiten. Herakles hatte auf
seinem Zuge gegen die Dryopen seinen Vater im Wortwechsel erschlagen,
den Knaben aber mit sich genommen und sich zum Diener
und Freunde nachgezogen. Als dieser schöne Jüngling an der Quelle
Wasser schöpfte, leuchtete der Vollmond. Wie er sich nun eben mit
dem Kruge nach dem Wasserspiegel neigte, erblickte ihn die Nymphe
des Quells. Von seiner Schönheit betört, schlang sie den linken Arm
um ihn, mit der Rechten ergriff sie seinen Ellbogen und zog ihn so
hinunter in die Tiefe. Einer der Helden, Polyphemos mit Namen,
der die Rückkehr des Herakles nicht fern von jenem Quell erwartete,
hörte den Hilfeschrei des Knaben. Aber er fand ihn nicht mehr,
dagegen begegnete er dem Herakles, der aus dem Walde zurückkam.
"Unglücklicher," rief er ihm entgegen, "muß ich der erste sein, der
dir die Trauerbotschaft meldet! Dein Hylas ist zum Quell gegangen
und nicht wieder zurückgekehrt; Räuber führen ihn gefangen davon,
oder wilde Tiere zerreißen ihn; ich selbst habe seinen Angstruf gehört."
Dem Herakles floß der Schweiß vom Haupte, als er es
hörte, und das Blut wallte ihm gegen die Brust. Zornig warf er
die Tanne auf den Boden und rannte, wie ein von der Bremse gestochener
Stier Hirten und Herde verläßt; mit durchdringendem Rufe
durch das Dickicht der Quelle zu.
Jetzt stand der Morgenstern über dem Bergesgipfel; günstiger
Wind erhob sich. Der Steuermann ermahnte die Helden, ihn zu be
nutzen und das Schiff zu besteigen. Schon fuhren sie im Morgenlichte
fröhlich dahin, als ihnen zu spät einfiel, daß zwei ihrer Genossen,
Polyphemos und Herakles, von ihnen am Ufer zurückgelassen
worden. Ein stürmischer Streit erhob sich unter den Helden, ob sie
ohne die tapfersten Begleiter weitersegeln sollten. Jason sprach kein
Wort, stille saß er, und der Kummer fraß ihm am Herzen; den
Telamon aber übermannte der Zorn: "Wie kannst du so ruhig sitzen?"
rief er dem Führer zu; "gewiß fürchtetest du, Herakles möchte deinen
Ruhm verdunkeln! Doch was helfen da Worte? und wenn alle
Genossen mit dir einverstanden wären, so will ich allein zu dem
verlassenen Helden umkehren." Mit diesen Worten faßte er den
Steuermann Tiphys an seine Brust, seine Augen funkelten wie Feuerflammen,
und gewiß hätte er sie gezwungen, nach dem Gestade der
Mysier zurückzukehren, wenn nicht die beiden Söhne des Boreas,
Kalais und Zethes, ihm in den Arm gefallen wären und ihn mit
scheltenden Worten zurückgehalten hätten. Zugleich stieg aus der
schäumenden Flut Glaukos, der Meergott, hervor, faßte mit starker
Hand das Ende des Schiffes und rief den Eilenden zu: "Ihr Helden,
was streitet ihr euch? Was begehret ihr wider den Willen des Zeus,
den mutigen Herakles mit euch in das Land des Stetes zu führen?
Ihm sind ganz andere Arbeiten zu verrichten vom Schicksale bestimmt.
Den Hylas hat eine liebende Nymphe geraubt, und ihr zulieb ist
er zurückgeblieben." Nachdem er ihnen solches geoffenbart, tauchte
Glaukos wieder in die Tiefe nieder, und das dunkle Wasser schäumte
in Wirbeln um ihn. Telamon war beschämt, er ging auf Jason zu,
legte seine Hand in des Helden Hand und sprach: "Zürne mir nicht,
Jason! Der Schmerz hat mich verführt, unvernünftige Worte zu reden!
übergib meinen Fehler den Winden, und laß uns Wohlwollen üben
wie früher!" Jason gab der Versöhnung gern Gehör, und so fuhren
sie bei starkem und günstigem Winde dahin. Polyphemos fand sich
bei den Mysiern zurecht und baute ihnen eine Stadt. Herakles aber
ging weiter, wohin ihn die Bestimmung des Zeus rief.
Pollux und der Bebrykenkönig
Am andern Morgen legten sie sich mit Sonnenaufgang an
einer weit ins Meer hinaus gestreckten Landzunge vor Anker. Dort
befanden sich die Ställe und das ländliche Wohnhaus des wilden
Bebrykenkönigs Amykos. Dieser hatte allen Fremdlingen das lästige
Gesetz auferlegt, daß keiner sein Gebiet verlassen sollte, ehe er sich
mit ihm im Faustkampfe gemessen. Auf diese Weise hatte er schon
viele Nachbarn umgebracht. Auch jetzt näherte er sich mit verächtlichen
Worten dem gelandeten Schiffe. "Höret, ihr Meervagabunden,"
rief er, "was euch zu wissen not ist! Kein Fremdling darf mein
Land verlassen, ohne mit mir gerungen zu haben. So suchet denn
euren tapfersten Helden aus und stellet ihn mir, sonst soll es euch
übel ergehen!" Nun war unter den Argoschiffern der beste Faustkämpfer
Griechenlands, Pollux, der Leda Sohn. Diesen reizte die
Herausforderung, und er rief dem König zu: "Poltere nicht, wir
wollen deinen Gesetzen gehorchen, und in mir hast du deinen Mann
gefunden!" Der Bebryke blickte den kühnen Helden mit rollenden
Augen an wie ein verwundeter Berglöwe den, der ihn zuerst getroffen
hat. Pollux aber, der jugendliche Held, sah heiter aus wie
ein Stern am Himmel; er schwang seine Hände in der Luft, um zu
versuchen, ob sie von der langen Ruderarbeit nicht erstarrt seien.
Als die Helden das Schiff verlassen, stellten sich die beiden Kämpfer
einander gegenüber. Ein Sklave des Königs warf ein gedoppeltes
Paar von Fechterhandschuhen zwischen sie auf den Boden. "Wähle,
welches Paar du willst sagte Amykos, "ich will dich nicht lange
losen lassen! Du wirst aus Erfahrung sagen können, daß ich ein
guter Gerber bin und blutige Backenstreiche zu erteilen verstehe."
Polluce lächelte schweigend, nahm das Handschuhpaar, das ihm zunächst
lag, und ließ es sich von seinen Freunden an die Hände festbinden.
Dasselbe tat der Bebrykenkönig. Jetzt begann der Faustkampf.
Wie eine Meerwelle, die sich dem Schiffe entgegenwälzt, und welche
die Kunst des Steuermanns mit Mühe abweist, stürmte der fremde
Ringer auf den Griechen ein und ließ ihm keine Ruhe. Dieser aber
wich seinem Angriffe immer kunstvoll und unverletzt aus. Er hatte
die schwache Seite seines Gegners bald ausgekundschaftet und versetzte
ihm manchen unabgewehrten Streich. Doch nahm auch der
König seinen Vorteil wahr, und nun krachten die Kinnbacken und
knirschten die Zähne von gegenseitigen Schlägen, und sie ruhten
nicht eher aus, als bis beide atemlos waren. Dann traten sie beiseite,
frischen Atem zu schöpfen und sich den strömenden Schweiß
abzutrocknen. Im erneuten Kampfe verfehlte Amykos seines Widerpartners
Haupt, und sein Arm traf nur die Schulter, Pollux aber
traf den Gegner über das Ohr, daß ihm die Knochen im Kopfe
zerbrachen und er vor Schmerz in die Knie sank.
Da jauchzten die Argonauten laut auf; aber auch die Bebryken
sprangen ihrem König bei, kehrten ihre Keulen und Jagdspieße gegen
Polluce und stürmten gegen ihn heran. Vor ihm stellten sich schirmend
die Genossen mit blanken Schwertern auf. Ein blutiges Treffen entspann
sich; die Bebryken wurden in die Flucht geschlagen und mußten
in das Innere des Landes weichen. Die Helden warfen sich auf
ihre Ställe und Viehherden und machten reichliche Beute. Die Nacht
über blieben sie am Lande, verbanden die Wunden, opferten den
Göttern und blieben beim Becher wach. Sie bekränzten ihre Stirnen
mit dem Uferlorbeer, an den auch das Schiff mit seinen Tauen
angebunden war, und sangen zur Zither des Orpheus eine tönende
Hymne. Das schweigende Ufer schien ihnen mit Lust zuzuhorchen,
ihr Lied aber besang Polluce, den siegreichen Sohn des Zeus.
Phineus und die Harpyien
Der Morgen setzte dem Mahl ein Ziel, und sie fuhren weiter.
Nach einigen Abenteuern warfen sie die Anker gegenüber am bithynischen
Lande an einem Ufergebiete aus, wo der König Phineus, der Sohn
des Helden Agenor, hauste. Dieser war von einem großen übel
heimgesucht. Weil er die Wahrsagergabe, die ihm von Apollon verliehen
worden, mißbraucht hatte, war er im hohen Alter mit Blind
heit geschlagen worden, und die Harpyien, die gräßlichen Wundervögel,
ließen ihn keine Speise ruhig genießen. Was sie konnten,
raubten sie; das Zurückgebliebene besudelten sie so, daß man es nicht
genießen, ja selbst die Nähe solcher Speisen nicht aushalten konnte.
Doch war dem Phineus ein Trostspruch vom Orakel des Zeus gegeben:
Wenn die Boreassöhne mit den griechischen Schiffern kommen
würden, sollte er wieder Speise genießen können. So verließ denn
der Greis auf die erste Nachricht von des Schiffes Ankunft sein
Gemach. Bis auf die Knochen abgemagert, war er anzuschauen wie
ein Schatten, seine Glieder zitterten vor Altersschwäche, vor den
Augen schwindelte ihm, ein Stab unterstützte seine schwankenden
Tritte, und als er bei den Argonauten angekommen war, sank er
erschöpft zu Boden. Diese umringten den unglücklichen Greis und
entsetzten sich über sein Aussehen. Als der Fürst ihre Nähe vernommen
und seine Besinnung wieder zurückgekehrt war, brach er in
flehende Bitten aus: "O ihr teuren Helden, wenn ihr wirklich diejenigen
seid, welche die Weissagung mir bezeichnet hat, so helfet mir;
denn nicht nur meines Augenlichtes haben die Rachegöttinnen sich
bemächtigt, auch die Speisen entziehen sie meinem Alter durch die
gräßlichen Vögel, die sie mir senden. Ihr leistet eure Hilfe keinem
Fremdling; ich bin Phineus, Agenors Sohn, ein Grieche. Einst habe
ich unter den Thrakiern geherrscht, und die Söhne des Boreas, welche
Teilnehmer eures Zuges sein müssen und mich retten sollen, sind die
jungen Brüder Kleopatras, die dort meine Gattin war." Auf diese
Entdeckung hin warf sich ihm Zethes, des Boreas Sohn, in die Arme
und versprach ihm, ihn mit Hilfe seines Bruders von der Qual der
Harpyien zu befreien. Auf der Stelle bereiteten sie ihm ein Mahl,
das der räuberischen Vögel letztes sein sollte. Kaum hatte der
König die Speise berührt, als die Vögel wie ein plötzlicher Sturm
mit Flügelschlag aus den Wolken herabgestürzt kamen und sich gierig
auf die Speisen setzten. Die Helden schrieen laut auf, aber die
Harpyien ließen sich nicht stören, sie blieben, bis sie alles aufgezehrt
hatten; dann schwangen sie sich wieder in die Lüfte und ließen einen
unerträglichen Geruch zurück. Aber Zethes und Kalais. die Boreassöhne,
verfolgten sie mit gezücktem Schwert. Zeus verlieh ihnen
Fittiche und unermüdliche Kraft, die sie wohl brauchen konnten;
denn die Harpyien kamen in ihrem Fluge dem schnellsten Westwinde
zuvor. Aber die Boreassöhne waren rüstig hinter ihnen drein, und
oft meinten sie die Ungeheuer schon mit Händen greifen zu können.
Endlich waren sie ihnen so nahe, daß sie dieselben ohne Zweifel
erlegt hätten, als plötzlich des Zeus Botin Iris sich aus dem Äther
herabsenkte und das Heldenpaar so anredete: "Nicht ist's erlaubt,
ihr Söhne des Boreas, die Jagdhunde des großen Zeus, die
Harpyien, mit dem Schwerte zu fällen. Doch schwöre ich euch den
großen Göttereid beim Styx, daß die Raubvögel den Sohn des
Agenor nicht mehr beunruhigen sollen." Die Söhne des Boreas
wichen dem Eide und kehrten nach dem Schiffe um.
Unterdessen pflegten die griechischen Helden den Leib des greisen
Phineus, hielten eine Opfermahlzeit und luden den Ausgehungerten
dazu ein. Dieser verzehrte gierig die reinen, reichlichen Speisen, es
war ihm, als weidete sich sein Hunger im Traume. Während sie
die Nacht über auf die Rückkehr der Boreassöhne warteten, teilte
ihnen der alte König Phineus zum Danke von den Früchten seiner
Wahrsagergabe mit. "Vor allen Dingen," lautete seine Rede, "werdet
ihr in einem Engpässe des Meeres den Symplegaden begegnen; dies
sind zwei steile Felseninseln, deren unterste Wurzeln nicht bis zum
Meeresboden reichen, sondern die in der See schwimmen. Oft treiben
sie einander entgegen, und dann schwillt die Meeresflut in der Mitte
mit fürchterlichem Toben an. Wollt ihr nicht mit Mann und Maus
zerquetscht werden, so rudert zwischen ihnen durch so schnell, wie eine
Taube fliegt. Dann werdet ihr ans Gestade der Mariandyner
kommen. wo der Eingang zur Unterwelt ist. An vielen andern
Vorgebirgen, Flüssen und Küsten fahret ihr dann vorüber, an Frauenstädten
der Amazonen, am Lande der Chalyber, die in ihres Angesichtes
Schweiß das Eisen aus der Erde graben. Endlich werdet
ihr zur kolchischen Küste gelangen, wo der Phasis seinen breiten
Strudel ins Meer sendet. Hier werdet ihr die getürmte Burg des
Königs Stetes erblicken; hier hütet der schlaflose Drache das Goldvließ,
das über dem Wipfel des Eichbaums ausgebreitet hängt.
Die Helden hörten dem Greise nicht ohne Grauen zu und wollten
eben weiter fragen, als sich die Söhne des Boreas aus den Lüften
in ihre Mitte herniedersenkten und den König mit der tröstlichen
Botschaft der Iris erfreuten.
Die Symplegaden
Phineus nahm dankbar und gerührt Abschied von seinen Rettern,
die weiter und mancherlei neuen Schicksalen entgegenführen. Zuerst
wurden sie durch vierzigtägige Nordwestwinde aufgehalten, bis Opfer
und Gebet zu allen zwölf Göttern ihnen zu frischer Fahrt verhalf.
Sie waren im besten Segeln begriffen, als ein lautes Tosen ihnen
von fern schon ans Ohr schlug. Es war das Krachen der immer
zusammenstoßenden und immer wieder zurückprallenden Symplegaden,
der Widerhall der Ufer und das Zischen des zusammengepreßten
Meeres. Tiphys, der Steuermann, stellte sich wachsam ans Steuerruder.
Euphemos, der Held, erhob sich im Schiffe und hielt auf der
flachen Rechten eine Taube. Wenn diese, hatte Phineus ihnen ge
weissagt, furchtlos zwischen den Felsen durchflöge, so dürften auch sie
kecklich die Durchfahrt wagen. Eben öffneten sich die Felsen: Euphemos
ließ die Taube fliegen; alle richteten ihre Häupter in Erwartung
empor. Die Taube flog mitten hindurch, aber schon näherten sich
die Felsen wieder, das schäumende Meer wallte zischend einer Wolke
gleich auf, und ein Brausen erfüllte Wasser und Luft; jetzt stießen die
Felsen zusammen und klemmten der Taube die letzten Schwanzfedern
ab, doch war sie glücklich hindurchgekommen. Mit lauter Stimme
ermunterte Tiphys die Ruderer, dann aber öffneten sich die Felsen
wieder, und die strömende Flut zog das Schiff mit sich hinein. Jetzt
hing das Verderben über ihrem Haupte: eine turmhöhe Woge, bei
deren Anblick alle die Köpfe bückten, wälzte sich ihnen entgegen. Aber
Tiphys hieß mit dem Rudern innehalten, und die schäumende Welle
wälzte sich unschädlich unter dem Kiele hin und hob das Schiff hoch
über die zusammenschwimmenden Felsen empor. Die Helden arbeiteten,
daß die Ruder sich krümmten; jetzt riß der Strudel das Schiff wieder
mitten in die Felsen hinab. Schon stießen die Felsen zu beiden
Seiten an den Bauch des Schiffes; da gab ihm die Schutzgöttin
Athene einen unsichtbaren Stoß, daß es glücklich durchkam und die
zusammenschlagenden Felsen nur eben noch die äußersten Bretter des
Hinterteiles zermalmten. Erst als die Helden den Äther und die
offene See wieder vor sich sahen, atmeten sie von der Todesangst
wieder auf, und es war ihnen, als wären sie aus der Unterwelt
emporgetaucht. "Das ist nicht durch unsre Kraft geschehen," rief
Tiphys, "wohl fühlte ich hinter mir die göttliche Hand Athenes,
deren Schnellkraft das Schiff durch die Felsen stieß! Nichts haben
wir fortan zu fürchten; alle andern Arbeiten nach dieser Gefahr hat
uns Phineus als leicht geschildert." Aber Jason schüttelte traurig
sein Haupt und sprach: "Guter Tiphys, ich habe die Götter versucht,
daß ich dieses Unternehmen mir von Pelias auflegen ließ; lieber hätte
ich mich von ihm in Stücke sollen hauen lassen. Jetzt bringe ich in
Seufzen die Nächte nach den Tagen zu, nicht für mich besorgt, nein,
nur auf euer Leben und Heil bedacht, und wie ich aus so gräßlichen
Gefahren euch der Heimat unverloren zurückgeben soll." So sprach
der Held, seine Genossen zu versuchen. Diese aber jubelten ihm freudig
zu und verlangten vorwärts.
Weitere Abenteuer
Unter mancherlei Schicksalen fuhren die Helden nun weiter. Auf
der Fahrt erkrankte ihnen ihr treuer Steuermann Tiphys, starb und
mußte am fremden Ufer begraben werden. An seine Stelle wählten
sie denjenigen unter den Helden, der des Steuers am kundigsten war.
Er hieß Ankäos und weigerte sich lange, das schwierige Geschäft zu
übernehmen, bis ihm die Göttin Hera Mut und Zuversicht ins Herz
gab. Dann aber stellte er sich ans Ruder und lenkte das Schiff so
gut, als wenn Tiphys selbst noch am Steuer säße. Nach zwölf Tagen
kamen sie mit vollen Segeln an die Mündung des Flusses Kallichoros;
hier sahen sie auf einem Hügel das Grabmal des Helden Sthenelos,
der mit Herakles in den Amazonenkrieg gezogen und hier von einem
Pfeile getroffen am Meeresufer verschieden war. Sie wollten eben
weiterschiffen, als der klägliche Schatten dieses Helden, von Persephone
aus der Unterwelt entlassen, sichtbar ward und sehnsüchtig nach den
stammesverwandten Männern blickte. Er stand zu oberst auf seinem
Grabhügel in der Gestalt, in welcher er in die Schlacht gegangen
war: ein purpurner Busch mit vier schönen Federn wehte ihm vom
Helme. Doch war er nur wenige Augenblicke zu schauen und tauchte
bald wieder in die schwarze Tiefe hinunter. Erschrocken ließen die
Helden die Ruder sinken. Nur Mopsos, der Wahrsager, verstand
das Verlangen der abgeschiedenen Seele: erriet seinen Genossen, den
Geist des Erschlagenen mit einem Trankopfer zu sühnen. Schnell
zogen sie die Segel ein, banden das Schiff am Strande an, und
indem sie sich um den Grabhügel stellten, benetzten sie ihn mit Trankopfern
und verbrannten geschlachtete Schafe. Dann fuhren sie weiter
und weiter und gelangten endlich zur Mündung des Flusses Thermodon.
Diesem glich kein andrer Strom auf der Erde. Aus einer einzigen
Quelle tief in den Bergen entsprungen, teilte er sich bald in eine
Menge kleinerer Arme und stürmte in so viel Ausflüssen ins Meer,
daß nur vier zu einem Hundert fehlten. Sie wimmelten wie eine
Menge Schlangen in die offene See. An dem breitesten Ausflüsse
wohnten die Amazonen. Dieses Weibervolk stammte vom Gotte
Ares ab und liebte die Werke des Krieges. Hätten die Argonauten
hier gelandet, so wären sie ohne Zweifel in einen blutigen Krieg mit
den Frauen geraten, denn diese waren den tapfersten Helden im
Kampfe gewachsen. Sie wohnten nicht in einer Stadt vereinigt,
sondern auf dem Lande zerstreut und in einzelne Stämme getrennt.
Ein günstiger Westwind hielt die Argonauten von diesem kriegerischen
Weibervolke fern. Nach der Fahrt eines Tages und einer Nacht
kamen sie, wie ihnen Phineus geweissagt hatte, an das Land der
Chalyber. Diese pflügten nicht das Erdreich, pflanzten keine fruchttragenden
Bäume, weideten keine Herden auf der tauigen Wiese,
sie gruben nur Erz und Eisen aus dem rohen Boden und tauschten
gegen dieses ihre Lebensmittel ein. Keine Sonne ging ihnen ohne
schwere Arbeit auf, in schwarzer Nacht und dichtem Rauche verbrachten
sie arbeitend ihren Tag.
Noch an mancherlei Völkern kamen sie vorüber. Als sie einer
Insel mit Namen Aretia oder Aresinsel gegenüber waren, flog
ihnen ein Bewohner dieses Eilandes, ein Vogel, mit kräftigem Flügelschlage
entgegen. Als er über dem Schiffe schwebte, schüttelte er
seine Schwingen und ließ eine spitze Feder fallen, die in der Schulter
des Helden Oileus stecken blieb. Verwundet ließ der Held das
Ruder fahren: die Genossen staunten, als sie das geflügelte Geschoß
erblickten, das ihm in der Schulter steckte. Der, der ihm zunächst
satz, zog die Feder heraus und verband die Wunde. Bald erschien
ein zweiter Vogel, den schoß Klytios, der den Bogen schon gespannt
hielt, im Fluge, so daß der Getroffene mitten in das Schiff herabfiel.
"Wohl ist die Insel in der Nähe," sagte da Amphidamas, ein
erfahrener Held, "aber trauet jenen Vögeln nicht. Gewiß sind ihrer
so viele, daß, wenn wir landeten, wir nicht Pfeile genug hätten, sie
zu erlegen. Lasset uns auf ein Mittel sinnen, die kriegslustigen Tiere
zu vertreiben. Setzet alle eure Helme mit hohen, nickenden Büschen
auf; alsdann rudert abwechslungsweise zur Hälfte, zur andern schmücket
das Schiff mit blinkenden Lanzen und Schilden aus. Dann erheben
wir alle ein entsetzliches Geschrei. Wenn das die Vögel hören, dazu
die wallenden Helmbüsche, die starrenden Lanzen, die schimmernden
Schilde sehen, so werden sie sich fürchten und davonflattern." Der
Vorschlag gefiel den Helden, und alles geschah, wie er ihnen geraten
hatte. Kein Vogel ließ sich blicken, solange sie heranruderten, und
als sie, der Insel näher gekommen, mit den Schildern klirrten, flogen
ihrer unzählige aufgeschreckt an der Küste auf und in stürmender
Flucht über das Schiff hin. Aber wie man die Fensterladen eines
Hauses vor dem Hagel schließt, wenn man ihn kommen sieht, so
hatten sich die Helden mit den Schilden gedeckt, daß die Stachelfedern
herabfielen, ohne ihnen zu schaden; die Vögel selbst flogen
weit übers Meer den jenseitigen Ufern zu. Die Argonauten landeten
auf dieser Insel nach dem Rate des wahrsagenden Königs Phineus.
Sie sollten hier Freunde und Begleiter finden, die sie nicht
erwartet. Kaum nämlich hatten sie die ersten Schritte am Ufer
getan, als ihnen vier Jünglinge im armseligsten Aufzuge, von allem
entblößt, begegneten. Einer von diesen eilte den nahenden Helden
entgegen und redete sie an. "Wer ihr auch seid, gute Männer,"
sprach er, "kommt armen Schiffbrüchigen zu Hilfe! Teilet uns
Kleider mit, unsere Blöße zu bedecken, und Speisen, unsern Hunger
zu stillen!" Jason versprach ihnen freundlich alle Hilfe und erkundigte
sich nach ihrem Namen und Geschlecht. "; Ihr habt wohl
von Phrixos gehört, dem Sohne des Athamas," erwiderte der
Jüngling, "der das goldene Vließ nach Kolchis gebracht hat? Der
König Äetes hat ihm seine ältere Tochter zur Ehe gegeben; wir sind
seine Söhne, und ich heiße Argos. Unser Vater Phrixos ist vor
kurzem gestorben, und nach seinem letzten Willen hatten wir uns zu
Schiffe gesetzt, die Schätze, die er in der Stadt Orchomenos gelassen,
abzuholen." Die Helden waren hoch erfreut, und Jason begrüßte sie
als Vettern, denn die Großväter Athamas und Kretheus waren
Brüder gewesen. Die Jünglinge erzählten weiter, wie ihr Schiff
im wütenden Sturme zerbrochen sei und ein Brett sie an diese unwirtliche
Insel getragen habe. Als ihnen aber die Helden ihr Vorhaben
mitteilten und sie zur Teilnahme an dem Abenteuer aufforderten,
da verbargen sie ihr Entsetzen nicht. Unser Großvater Stetes ist
ein grausamer Mann, er soll der Sohn des Sonnengottes und deswegen
mit übermenschlicher Macht begabt sein; unzählige Kolcherstämme
beherrscht er, und das Vließ hütet ein entsetzlicher Drache."
Manche der Helden wurden bei diesem Bericht bleich. Peleus jedoch,
einer von ihnen, erhob sich und sprach: "Glaube nicht, daß wir dem
Kolcherkönig unterliegen müssen; auch wir sind Göttersöhne! Gibt er
uns das Vließ nicht in Güte, so werden wir es ihm seinen Kolchern
zum Trotz entreißen!" So sprachen sie miteinander noch länger
beim reichlichen Mahle. Am andern Morgen schifften sich die beiden
Söhne des Phrixos, gekleidet und gestärkt, mit ihnen ein. und die
Fahrt ging vorwärts. Nachdem sie einen Tag und eine Nacht gerudert,
sahen sie die Spitzen des Kaukasosgebirges über die Meeresfläche
hervorragen. Als es schon dunkelte, hörten sie ein Geräusch
über ihren Häuptern: es war der Adler des Prometheus, der seinem
Fraß entgegen hoch über das Schiff dahinflog; und doch war sein
Flügelschlag so mächtig, daß alle Segel von ihm wie im Winde sich
bewegten. Denn es war ein Riesenvögel, und er schlug die Luft
mit seinen Flügeln wie mit großen Segeln. Bald darauf hörten
sie aus der Ferne das tiefe Stöhnen des Prometheus, in dessen
Leber der Vogel schon wühlte. Nach einiger Zeit verhallten die
Seufzer, und sie sahen den Adler wieder hoch über sich durch die
Lüfte zurückrudern.
Noch in derselben Nacht gelangten sie ans Ziel und in die
Mündung des Flusses Phasis. Freudig kletterten sie an den Segelstangen
empor und takelten das Schiff ab; dann trieben sie es mit
den Rudern in das breite Bett des Stromes, dessen Wellen vor
der gewaltigen Masse des Fahrzeuges sich scheu zurückzuziehen schienen.
Zur Linken hatten sie den hohen Kaukasos und Kytä, die Hauptstadt
des Kolcherlandes; zur Rechten breiteten sich das Feld und der
heilige Hain des Ares aus, wo der Drache das goldene Vließ, das
an den blätterreichen Ästen einer hohen Eiche hing, mit seinen scharfen
Augen bewachte. Jetzt erhob sich Jason am Bord des Schiffes.
Er schwenkte hoch in der Hand einen goldenen Becher voll Weins
und brachte dem Flusse, der Mutter Erde, den Göttern des Landes
und den auf der Fahrt verstorbenen Heroen ein Trankopfer dar.
Er bat sie alle, mit liebreicher Hilfe ihnen nahe zu sein und über
den Tauen des Schiffes, das sie eben anbinden wollten, zu wachen.
"So wären wir denn glücklich zum kolchischen Lande gelangt," sprach
der Steuermann Ankäos; "nun ist's Zeit, daß wir uns ernstlich beraten,
ob wir den König Stetes in Güte angehen oder auf irgendeine
andere Weise unser Vorhaben ins Werk setzen wollen."—"Morgen,"
riefen die müden Helden. Und so befahl denn Jason, das Schiff
in einer schattigen Bucht des Flusses vor Anker gehen zu lassen.
Alle legten sich zu süßem Schlummer nieder, der sie jedoch nur mit
kurzer Rast erquickte, denn bald öffnete ihnen das Morgenrot die
Augenlider.
Jason im Palaste des Uetes
Der frühe Morgen vereinigte die Helden zur Ratsversammlung.
Jason erhob sich und sprach: "Wenn euch meine Meinung gefällt,
ihr Helden und Genossen, so sollt ihr übrigen alle ruhig, doch die
Waffen in der Hand, im Schiff bleiben; nur ich, die Söhne des
Phrixos und zwei aus eurer Mitte wollen uns nach dem Palast
des Königs Äetes aufmachen. Hier will ich es versuchen und ihn
zuerst mit höflichen Worten fragen, ob er das goldene Vließ in
Güte uns überlassen wolle. Nun zweifle ich nicht, er wird die
Bittenden, auf seine Stärke trotzend, abweisen. Wir aber werden
auf diese Weise aus seinem eigenen Munde die Gewißheit erhalten,
was nun zu tun ist. Und wer kann es verbürgen, daß unsere
Worte nicht doch vielleicht ihn günstig stimmen werden? Hat doch
auch früher die Rede über ihn vermocht, daß er den unschuldigen
Phrixos, der vor seiner Stiefmutter floh, in den Schutz seiner Gastfreundschaft
aufnahm." Die jungen Helden billigten alle die Rede
Jasons. So griff er selbst zum Friedensstabe des Hermes und verließ
mit des Phrixos Söhnen und mit seinen Genossen Telamon
und Augias das Schiff. Sie betraten ein mit Weiden bewachsenes
Feld, das kirkäische genannt; hier sahen sie mit Schaudern eine
Menge Leichen an Ketten aufgehängt. Doch waren es keine Verbrecher
oder gemordete Fremdlinge, vielmehr galt es in Kolchis für
einen Frevel, die Männer zu verbrennen oder in die Erde zu begraben,
sondern man hängte sie, in rohe Stierfelle gewickelt, an den
Bäumen auf, fern von der Stadt, und überließ sie der Luft zum
Austrocknen. Nur die Weiber wurden, damit die Erde nicht zu
kurz käme, in diese begraben.
Die Kolchier waren ein gar zahlreiches Volk. Damit nun Jason
und seine Begleiter von ihnen und dem Mißtrauen des Königs
Äetes keine Gefahr liefen, hängte Hera, die Beschirmerin der Argonauten,
solange sie unterwegs waren, eine dichte Nebelwolke über
die Stadt und zerstreute sie erst wieder, als sie glücklich in dem
Palast des Königs angekommen. Da standen sie denn in dem Vorhofe
und bewunderten die dicken Mauern des Königshauses, die
hochgeschweiflen Tore, die mächtigen Säulen. die hier und dort an
den Mauern vorsprangen. Das ganze Gebäude umgürtete ein hervorstehendes
steinernes Gesims, das mit ehernen Dreischlitzen abgekantet
war. Schweigend traten sie über die Schwelle des Vorhofes.
Diesen umgürteten hohe Rebenlauben, darunter perlten vier immerfließende
Springquellen; die eine sandte Milch empor, die zweite
Wein, die dritte duftendes Hl, die vierte Wasser, das im Winter
warm, im Sommer eiskalt war. Der kunstreiche Hephästos hatte
diese köstlichen Werke geschaffen, alles dem Vater des Stetes, dem
Sonnengott, zu Dank, der den Hephästos in der Gigantenschlacht
einst auf seinen Wagen genommen und gerettet hatte. Aus diesem
Vorhofe kam man zu dem Säulengänge des Mittelhofes, der sich
zur Rechten und zur Linken hinzog, und hinter welchem viele Ein
gänge und Gemächer zu schauen waren. Querüber standen die zwei
Hauptpaläste, in deren einem der König Stetes selbst, im andern
sein Sohn Absyrtos wohnte. Die übrigen Gemächer hielten die
Dienerinnen und die Töchter des Königs, Chalkiope und Medea,
besetzt. Medea, die jüngere Tochter, war sonst wenig zu schauen,
fast alle Zeit brachte sie im Tempel der Hekate zu, deren Priesterin
sie war. Diesmal aber hatte Hera, die Schutzgöttin der Griechen,
ihr in das Herz gegeben, im Palast zu bleiben. Sie hatte eben ihr
Gemach verlassen und wollte das Zimmer ihrer Schwester aufsuchen,
als sie den unerwartet daherschreitenden Helden begegnete. Beim
Anblick der Herrlichen tat sie einen lauten Schrei. Auf ihren Ruf
stürzte Chalkiope mit allen ihren Dienerinnen aus ihrem Gemache
hervor. Auch diese Schwester brach in einen lauten Jubelruf aus
und streckte danksagend ihre Hände gen Himmel, denn sie erkannte
in vieren der jungen Helden ihre eigenen Kinder, die Söhne des
Phrixos. Diese sanken in die Arme ihrer Mutter, und lange nahm
das Grüßen und Weinen kein Ende.
Medea und Äetes
Zuletzt kam auch Äetes heraus mit seiner Gemahlin Idyia, denn
der Jubel und die Tränen ihrer Tochter hatten sie herausgelockt.
Sogleich füllte sich der ganze Vorhof mit Getümmel: hier waren
Sklaven damit beschäftigt, einen stattlichen Stier für die neuen Gäste
zu schlachten; dort spalteten andre dürres Holz für den Herd; wieder
andre wärmten Wasser in Becken am Feuer, —da war keiner, der nicht
im Dienste des Königs etwas zu tun gefunden hätte. über ihnen
allen schwebte hoch in der Luft ungesehen der Liebesgott, zog einen
schmerzbringenden Pfeil, senkte sich mit diesem unsichtbar zur Erde
nieder, und hinter Jason zusammengekauert, schnellte er vom gespannten
Bogen das Geschoß auf die Königstochter Medea, der bald
der Pfeil, dessen Flug niemand und sie selbst nicht bemerkt hatte,
in der Brust wie eine Flamme brannte. Wie ein schwer Erkrankter
mußte sie einmal über das andere hoch aufatmen; von Zeit
zu Zeit warf sie heimliche Blicke auf den herrlichen Helden Jason;
alles andre war aus ihrem Gedächtnis geschwunden; ein einziger süßer
Kummer bemächtigte sich ihrer Seele; Blässe wechselte auf ihrem
Antlitz mit Purpurröte.
In der frohen Verwirrung ward niemand auf die Verwandlung
aufmerksam, die mit der Jungfrau vorgegangen war. Die Knechte
trugen die zubereiteten Speisen herbei, und die Argoschiffer, die sich
vom Schweiße der Ruderarbeit im warmen Bade gereinigt hatten,
labten sich, fröhlich zu Tische sitzend, an Speise und Trank. über
dem Mahle erzählten dem Stetes seine Enkel das Schicksal, das sie
unterwegs betroffen hatte, und nun fragte er sie auch leise nach den
Fremdlingen. "Ich will es dir nicht bergen, Großvater," flüsterte
ihm Argos zu, "diese Männer kommen, das goldene Vließ unseres
Vaters Phrixos von dir zu erbitten. Ein König, der sie gern aus
ihrem Vaterland und ihrem Eigentum vertreiben möchte, hat ihnen
diesen gefährlichen Auftrag erteilt. Er hofft, sie werden dem Zorne
des Zeus und der Rache des Phrixos nicht entgehen, bevor sie mit
dem Vließ in ihre Heimat zurückkommen. Ihr Schiff hat ihnen
Pallas bauen helfen, kein solches, wie wir Kolchier sie gebrauchen,
von denen wir, deine Enkel, freilich das schlechteste bekommen haben,
denn im ersten Windstoß ging es zu Scheitern. Nein, diese Fremdlinge
haben ein Schiff, so fest gezimmert, daß alle Stürme vergebens
dagegen ankämpfen, und sie selbst sitzen unaufhörlich an dem Ruder.
Die tapfersten Helden Griechenlands haben sich in diesem Schiffe
versammelt." Und nun nannte er ihm die Vornehmsten mit Namen,
meldete ihm auch Jasons, ihres Vetters, Geschlecht.
Als der König dieses hörte, erschrak er in seinem Herzen und
wurde zornig auf seine Enkel; denn durch sie veranlaßt, glaubte er,
seien die Fremdlinge an seinen Hof gekommen. Seine Augen brannten
unter den buschigen Brauen, und er sprach laut: "Geht mir aus den
Augen, ihr Frevler, mit euren Ränken! Nicht das Vließ zu holen,
sondern mir Zepter und Krone zu entreißen, seid ihr hierhergekommen!
Säßet ihr nicht als Gäste an meinem Tisch, so hätte ich euch längst
die Zungen ausreißen und die Hände abhauen lassen und euch nur
die Füße geschenkt, um davonzugehen." Als Telamon, des Äakos
Sohn, der zunächst saß, dieses hörte, ergrimmte er im Geist und wollte
sich erheben und dem König mit gleichen Worten vergelten. Aber
Jason hielt ihn zurück und antwortete selbst mit sanften Worten:
"Fasse dich, Äetes, wir sind nicht in deine Stadt und deinen Palast
gekommen, dich zu berauben. Wer möchte ein so weites und gefährliches
Meer befahren, um fremdes Gut zu bolens Nur das Schicksal
und der grausame Befehl eines bösen Königs brachten mich zu diesem
Entschluß. Verleih uns das goldene Vließ auf unsre Bitte als eine
Wohltat! Du sollst in ganz Griechenland dafür verherrlicht werden.
Auch sind wir bereit, dir schnellen Dank abzustatten. Gibt es einen
Krieg in der Nähe, willst du ein Nachbaroolk unterjochen, so nimm
uns zu Bundesgenossen an, wir wollen mit dir ziehen." So sprach
Jason besänftigend; der König aber ward unschlüssig in seinem Herzen,
ob er sie auf der Stelle sollte umbringen lassen oder ihre Kräfte
vorher auf die Probe setzen. Nach einigem Besinnen deuchte ihm
das letztere besser, und er erwiderte ruhiger als zuvor: "Was braucht
es der ängstlichen Worte, Fremdling? Seid ihr wirklich Göttersöhne
oder sonst nicht schlechter als ich und habt Lust nach fremdem Gute.
so mögt ihr das goldene Vließ mit euch fortnehmen, denn tapfern
Männern gönne ich alles. Aber vorher müßt ihr mir eine Probe
geben und eine Arbeit verrichten, die ich selbst sonst zu tun pflege,
so gefährlich sie ist. Es weiden mir auf dem Felde des Ares zwei
Stiere mit ehernen Füßen, die Flammen speien. Mit diesen durchpflüge
ich das rauhe Feld, und wenn ich alles umgeackert, so säe ich
in die Furchen nicht der Demeter gelbes Korn, sondern die gräßlichen
Zähne eines Drachen; daraus wachsen mir Männer hervor,
die mich von allen Seiten umringen, und die ich mit meiner Lanze
alle erlege. Mit dem frühen Morgen schirre ich die Stiere an, am
späten Abend ruhe ich von der Ernte. Wenn du das gleiche vollbracht
hast, o Führer, so magst du noch am selben Tage das Vließ
mit dir fortnehmen nach deines Königs Haus, eher aber nicht, denn
es ist nicht billig, daß der tapfere Mann dem schlechteren weiche."
Jason saß bei diesen Reden stumm und unschlüssig da, er wagte es
nicht, ein so furchtbares Werk kecklich zu versprechen. Indessen faßte
er sich und antwortete: "So groß diese Arbeit ist, so will ich sie
doch bestehen, o König, und wenn ich darüber umkommen sollte.
Schlimmeres als der Tod kann auf einen Sterblichen doch nicht
warten, ich gehorche der Notwendigkeit, die mich hierher gesendet hat."
"Gut," sprach der König, "geh jetzt zu deiner Schar, aber besinne
dich! Gedenkst du nicht alles auszuführen, so überlaß es mir und
mach dich aus dem Staube."
Var Rat des Argos
Jason und seine zwei Helden erhoben sich von ihren Sitzen;
von den Söhnen des Phrixos folgte ihnen allein Argos, denn er
hatte den Brüdern gewinkt, drinnen zu bleiben. Jene aber verließen
den Palast. Äsons Sohn leuchtete von Schönheit und Anmut. Die
Jungfrau Medea ließ ihre Augen durch den Schleier nach ihm schweifen,
und ihr Sinn folgte seinen Fußtapfen wie ein Traum. Als sie wieder
allein in ihrem Frauengemach war, fing sie an zu weinen, dann sprach
sie zu sich selbst: "Was verzehre ich mich in Schmerz? Was geht
mich jener Held an? Mag er der herrlichste von allen Halbgöttern
sein oder der schlechteste, wenn er zugrunde gehen soll, so mag
er's! Und doch — o möchte er dem Verderben entrinnen! Laß ihn,
ehrwürdige Göttin Hekate, nach Hause zurückkehren! Soll er aber
von den Stieren überwältigt werden, so wisse er vorher, daß ich
wenigstens über sein trauriges Los mich nicht freue."
Während Medea sich so härmte, waren die Helden unterwegs
nach dem Schiffe, und Argos sagte zu Jason: "Du wirst meinen
Rat vielleicht schelten, dennoch will ich ihn dir mitteilen. Ich kenne
eine Jungfrau, die mit Zaubertränken umzugehen versteht, welche
Hekate, die Göttin der Unterwelt, sie brauen lehrt. Können wir
diese auf unsere Seite bringen, so bezweifle ich nicht, daß du siegreich
aus dem Kampfe hervorgehen wirst. Willst du es, so gehe ich hin,
sie für uns zu gewinnen." — "Wenn es dir so gefällt, mein Lieber,"
erwiderte Jason, "so widerstrebe ich nicht. Doch steht es schlecht
um uns, wenn unsre Heimfahrt von den Weibern abhängt!" Unter
solchen Reden langten sie beim Schiffe und den Genossen an. Jason
berichtete, was von ihm begehrt worden sei, und was er dem König
versprochen habe. Eine Zeitlang saßen die Genossen, stumm einander
anblickend, endlich erhob sich Peleus und sprach: Held Jason, wenn
du dein Versprechen erfüllen zu können glaubst, so rüste dich. Hast
du aber nicht volle Zuversicht, so bleib fern und sieh dich auch nach
keinem von diesen Männern hier um, denn was hätten sie anderes
zu erwarten als den Tod?"
Bei diesem Wort sprang Telamon auf und vier andre Helden,
alle voll kampflustigen Mutes. Aber Argos beruhigte sie und sprach:
"Ich kenne eine Jungfrau, die weiß mit Zaubertränken umzugehen:
sie ist eine Schwester unsrer Mutter. Nun laßt mich zu meiner
Mutter gehen und sie überreden, daß sie die Jungfrau uns geneigt
mache. Alsdann kann erst wieder von jenem Abenteuer, zu welchem sich
Jason erboten hat, die Rede sein." Kaum hatte er ausgesprochen,
so geschah ein Zeichen aus der Luft. Eine Taube, der ein Habicht
nachjagte, flüchtete in Jasons Schoß, der nachstürzende Raubvögel
aber fiel auf dem Boden des Hinterschiffes nieder. Jetzt erinnerte
sie einer der Helden daran, daß auch der alte Phineus ihnen geweissagt,
Aphrodite, die Göttin, würde ihnen zur Rückkehr verhelfen. Alle
Helden stimmten darum dem Argos bei; nur Idas, der Sohn des
Aphareus, erhob sich unwillig von seinem Sitz und sprach: "Bei den
Göttern, sind wir als Weiberknechte hierher gekommen, und, anstatt
uns an Ares zu wenden, rufen wir Aphrodite an? Soll der Anblick
von Habichten und Tauben uns vom Kampfe abhalten? Wohl, so
vergesset den Krieg und gehet hin, schwache Jungfrauen zu betrügen."
So sprach er zornig, viele Helden murrten leise. Aber Jason entschied
für Argos, das Schiff ward am Ufer angebunden, und die
Helden harrten der Rückkehr ihres Boten.
Äetes hatte unterdessen außerhalb seines Palastes eine Versammlung
der Kolchier gehalten. Er erzählte ihnen von der Ankunft
der Fremdlinge, ihrem Begehren und dem Untergang, den er ihnen
bereitet hätte. Sobald die Stiere den Führer umgebracht hätten,
wollte er einen ganzen Wald ausreißen und das Schiff mitsamt den
Männern verbrennen. Auch seinen Enkeln, die diese Abenteurer
herbeigeführt hätten, dachte er eine schreckliche Strafe zu.
Mittlerweile ging Argos seine Mutter mit bittenden Worten an,
daß sie ihre Schwester Medea zur Beihilfe bereden möchte. Chalkiope
selbst hatte Mitleid mit den Fremdlingen gefühlt, aber nicht gewagt,
dem grimmigen Zorn ihres Vaters entgegenzutreten. So
kam ihr die Bitte des Sohnes erwünscht, und sie versprach ihren
Beistand.
Medea selbst lag in unruhigem Schlummer auf ihrem Lager
und sah einen ängstigenden Traum. Ihr war, als hätte der Held
sich schon zu dem Kampfe mit den Stieren angeschickt. Er hatte
aber diesen Kampf nicht um des goldenen Vließes willen unternommen,
sondern um sie als Gattin in die Heimat zu führen. Nun
war es ihr im Traum, als ob sie selbst den Kampf mit den Stieren
bestände, die Eltern aber wollten ihr Versprechen nicht halten und
dem Jason den Kampfpreis nicht geben, weil nicht sie, sondern er
geheißen war, die Stiere anzuschirren. Darüber war ein heftiger
Streit zwischen ihrem Vater und den Fremdlingen entbrannt, und
beide Teile machten sie zur Schiedsrichterin. Da wählte sie im
Traume den Fremdling; bitterer Schmerz bemächtigte sich der
Eltern, sie schrieen laut auf — und mit diesem Schrei erwachte
Medea.
Der Traum trieb sie nach dem Gemach ihrer Schwester, aber
lange hielt die Scham sie unschlüssig im Vorhofe. Viermal verließ sie
ihn, und viermal kehrte sie wieder zurück, und endlich warf sie sich
wieder weinend in ihrem eigenen Gemach nieder. So fand sie eine
ihrer vertrauten jungen Dienerinnen. Diese hatte Mitleid mit der
Herrin und meldete der Schwester Medeas, was sie gesehen hatte.
Chalkiope empfing diese Botschaft im Kreise ihrer Söhne, als sie sich
eben mit ihnen beriet, wie die Jungfrau zu gewinnen wäre. Sie
eilte in das Gemach der Schwester und fand sie, die Wangen zerfleischend
und in Tränen gebadet. "Was ist dir geschehen, arme
Schwester," sprach sie mit innigem Mitleid, "welcher Schmerz peinigt
deine Seele? Hat der Himmel dir eine plötzliche Krankheit gesendete
Hat der Vater über mich und meine Söhne Grausames zu dir gesprochen?
O daß ich fern wäre vom Elternhaus und da, wo man
den Namen der Kolchier nicht hört!"
Medea verspricht den Argonauten Hilfe
Die Jungfrau errötete bei diesen Fragen ihrer Schwester, und
Scham verhinderte sie, zu antworten: bald schwebte ihr die Rede
zu äußerst auf der Zunge, bald floh sie in die tiefste Brust zurück.
Endlich machte sie die Liebe kühn, und sie sprach mit verschlagenen
Worten: "Chalkiope, mein Herz ist betrübt um deine Söhne, es
möchte sie der Vater mit den fremden Männern auf der Stelle
töten. Solches verkündet mir ein schwerer Traum. Möge ein Gott
ihm die Erfüllung verweigern!" Unerträgliche Angst bemächtigte sich
der Schwester. "Eben deswegen komme ich zu dir," sprach sie, "und
beschwöre dich, mir gegen unsern Vater beizustehen. Weigerst du
dich, so werde ich mit meinen ermordeten Söhnen dich noch vom
Orkus aus als Furie umschweben!" Sie umfaßte mit beiden Händen
Medeas Knie und warf das Haupt in ihren Schoß; beide Schwestern
weinten bitterlich. Dann sprach Medea: "Was redest du von Furien,
Schwester? Beim Himmel und der Erde schwöre ich dir: was ich
tun kann, deine Söhne zu retten, will ich gern tun." "Nun," fuhr
die Schwester fort, "so wirst du auch dem Fremdling um meiner
Kinder willen irgend einen Trug an die Hand geben, jenen furchtbaren
Kampf glücklich zu bestehen, denn von ihm gesendet fleht mein
Sohn Argos mich an, dem Gastfreunde deine Hilfe zu erbitten."
Das Herz hüpfte der Jungfrau vor Freuden im Leibe, als sie
dieses hörte, ihr schönes Angesicht errötete, ihr funkelndes Auge
umhüllte einen Augenblick der Schwindel, und sie brach in die Worte
aus: "Chalkiope, das Morgenrot soll meinen Blicken nicht mehr
leuchten, wenn dein und deiner Söhne Leben nicht mein Erstes ist.
Hast du doch mich, wie mir oft die Mutter erzählte, zugleich mit
ihnen gesäugt, als ich ein kleines Kind war; so liebe ich dich nicht
nur wie eine Schwester, sondern auch wie eine Tochter. Morgen
in aller Frühe will ich zum Tempel der Hekate gehen und dort dem
Fremdling die Zaubermittel holen, welche die Stiere besänftigen
sollen." Chalkiope verließ das Gemach der Schwester und meldete
den Söhnen die erwünschte Botschaft.
Die ganze Nacht lag Medea in schwerem Streite mit sich selbst.
Habe ich nicht zu viel versprochen," sagte sie in ihrem Innern,
"darf ich so viel für den Fremdling tun? Ihn ohne Zeugen schauen,
ihn anrühren, was doch geschehen muß, wenn der Trug gelingen
soll? Ja, ich will ihn retten; er gehe frei hin, wohin er will, aber
an dem Tage, wo er den Streit glücklich vollbracht haben wird,
will ich sterben. Ein Strick oder Gift soll mich vom verhaßten
Leben befreien. — Aber wird mich dies retten, wird mich nicht
üble Nachrede durchs ganze Kolchierland verfolgen und sagen, daß
ich mein Haus beschimpft habe, daß ich einem fremden Manne zuliebe
gestorben sei?" Unter solchen Gedanken ging sie ein Kästchen
zu holen. in welchem sich heil- und todbringende Arzneien befanden.
Sie stellte es auf ihre Knie und hatte es schon geöffnet, um von
den tödlichen Giften zu kosten, da schwebten ihr alle holden Lebenssorgen
vor, alle Lebensfreuden, alle Gespielinnen; die Sonne kam
ihr schöner vor als vorher, und eine unwiderstehliche Furcht vor dem
Tode ergriff sie. Sie stellte das Kästchen auf den Boden. Hera,
die Beschützerin Jasons, hatte ihr Herz verwandelt. Kaum konnte
sie die Morgenröte erwarten, um die versprochenen Zaubermittel zu
holen und mit ihnen vor den geliebten Helden zu treten.
Jason und medea
Während Argos mit der glücklichen Nachricht nach dem Schiff
der Helden eilte, als kaum das Morgenrot den Himmel erhellte, war
die Jungfrau schon vom Lager aufgesprungen, band ihr blondes Haar
auf, das bisher in Trauerflechten heruntergehangen, wischte Tränen
und Harm von den Wangen und salbte sich mit köstlichem Nektaröl.
Sie zog ein herrliches Gewand an, das schön gekrümmte goldene
Nadeln festhielten, und warf einen weißen Schleier über ihr strahlendes
Haupt. Alle Schmerzen waren vergessen; mit leichten Füßen
durcheilte sie das Haus und befahl ihren jungen Dienerinnen, deren
zwölf in ihren Frauengemächern waren, schnell die Maultiere an den
Wagen zu spannen, der sie nach dem Tempel der Hekate bringen sollte.
Inzwischen holte Medea aus dem Kästchen die Salbe hervor, die
man Prometheusöl nannte; wer, nachdem er die Göttin der Unterwelt
angefleht, seinen Leib damit salbte, konnte an jenem Tage von
keinem Schwertstreiche verwundet, von keinem Feuer versehrt werden,
ja er war den ganzen Tag an Kräften jedem Gegner überlegen.
Die Salbe war aus dem schwarzen Saft einer Wurzel bereitet. die
aus dem Blute emporgekeimt war, das aus der zerfressenen Leber
des Titanensohnes auf die Heiden des Kaukasos geträufelt war.
Medea selbst hatte in einer Muschel den Saft dieser Pflanze als
kostbares Heilmittel aufgefangen.
Der Wagen war gerüstet; zwei Mägde bestiegen ihn mit der
Herrin, sie selbst ergriff Zügel und Peitsche und fuhr, von den übrigen
Dienerinnen zu Fuß begleitet, durch die Stadt. überall wich der
Königstochter das Volk ehrerbietig aus dem Wege. Als sie durchs
freie Feld am Tempel angekommen war, flog sie mit gewandtem
Sprunge vom Wagen und sprach zu ihren Mägden mit listigen, verstellten
Worten: "Freundinnen, ich habe wohl schwer gesündigt, daß
ich nicht fern von den Fremdlingen geblieben bin, die in unserem
Lande angekommen sind! Nun verlangt gar meine Schwester und
ihr Sohn Argos, ich soll Geschenke von ihrem Führer annehmen,
der die Stiere zu bändigen versprochen hat, und ihn mit Zaubermitteln
unverwundbar machen. Ich aber habe zum Scheine zugesagt
und ihn hierher in den Tempel bestellt, wo ich ihn allein sprechen soll.
Da will ich die Geschenke nehmen, und wir wollen sie nachher untereinander
verteilen. Ihm selbst aber werde ich eine verderbliche
Arznei reichen, damit er um so gewisser zugrunde geht. Entfernt
euch indessen, sobald er kommt, damit er keinen Verdacht schöpfe
und ich ihn allein empfangen kann, wie ich verheißen habe."
Den Mägden gefiel der schlaue Plan. Während diese im Tempel
verweilten, machte sich Argos mit seinem Freunde Jason und dem
Vogelschauer Mopsos auf. So schön war kein Sterblicher, ja keiner
der Göttersöhne zuvor je gewesen, wie heute des Zeus Gemahlin ihren
Schützling Jason mit allen Gaben der Huldgöttinnen ausgerüstet hatte.
Seine beiden Genossen selbst, sooft sie ihn unterwegs betrachteten,
mußten über seine Herrlichkeit staunen. Medea war unterdessen mit
ihren Mägden im Tempel, und obwohl sie sich die Zeit mit Singen
verkürzten, so war doch ihr Geist in ganz andern Gedanken, und kein
Lied wollte ihr lange gefallen; ihre Augen weilten nicht im Kreise ihrer
Dienerinnen, sondern schweiften durch die Tempelpforte verlangend über
die Straße hinaus. Bei jedem Fußtritt oder Windhauch richtete sich
ihr Haupt begierig in die Höhe. Nicht lange, so trat Jason mit
seinen Begleitern in den Tempel, hoch einherschreitend und schön,
wie Sirius dem Ozean entsteigt. Da war's der Jungfrau, als fiele
ihr das Herz aus der Brust. Nacht war vor ihren Augen, und mit
heißem Rot bedeckte sich ihre Wange. Inzwischen hatten sie die
Dienerinnen alle verlassen. Lange standen der Held und die Königstochter
einander stillschweigend gegenüber, schlanken Eichen oder Tannen
ähnlich, die auf den Bergen tiefgewurzelt in Windstille regungslos
beieinander stehen. Plötzlich aber kommt ein Sturm, und alle Blätter
zittern in rauschender Bewegung; so sollten, vom Hauch der Liebe
angeweht, sie bald vielbewegte Worte tauschen. "Warum scheuest du
mich," so brach Jason zuerst das Schweigen, "nun, da ich allein
bei dir bin? Ich bin nicht wie andere prahlerische Männer und
war auch zu Hause nie so. Fürchte dich nicht zu fragen und zu
sagen, was dir beliebt; aber vergiß nicht, daß wir an einem heiligen
Orte sind, wo betrügen ein Frevel wäre. Darum täusche mich nicht
mit süßen Worten; ich komme als ein Schutzflehender und bitte dich
um die Heilmittel, die du deiner Schwester für mich versprochen.
Die harte Notwendigkeit zwingt mich, deine Hilfe zu suchen; verlange,
welchen Dank du willst, und wisse, daß du den Müttern und
Frauen unserer Helden, die uns vielleicht schon, am Ufer sitzend,
beweinen, durch deinen Beistand die schwarzen Sorgen zerstreuen
und in ganz Griechenland Unsterblichkeit erlangen wirst."
Die Jungfrau hatte ihn ausreden lassen; sie senkte ihre Augen
mit einem süßen Lächeln; ihr Herz erfreute sich seines Lobes, ihr
Blick erhob sich wieder, die Worte drängten sich auf ihre Lippen, und
gern hätte sie alles zumal gesagt. So aber blieb sie ganz sprachlos,
wickelte nur die duftende Binde von dem Kästchen ab, das Jason
ihr eilig froh aus den Händen nahm. Sie aber hätte ihm auch
freudig die Seele aus der Brust gegeben, wenn er sie verlangt hätte,
so süße Flammen wehte ihr der Liebesgott von Jasons blondem
Haupte zu; ihre Seele war durchwärmt, wie der Tau auf den
Rosen von den Strahlen der Morgensonne durchglüht wird. Beide
blickten verschämt zu Boden, dann richteten sie ihre Augen wieder
aufeinander und schickten sehnende Blicke unter den Wimpern hervor.
Erst spät und mit Mühe hob die Jungfrau an: "Höre nun, wie
ich dir Hilfe schaffen will. Wenn dir mein Vater die verderblichen
Drachenzähne zum Säen überliefert haben wird, dann bade dich einsam
im Wasser des Flusses, bekleide dich mit schwarzen Gewändern
und grabe eine kreisförmige Grube; in dieser errichte einen Scheiterhaufen,
schlachte ein weibliches Lamm und verbrenne es ganz darauf;
dann träufle der Hekate ein Trankopfer süßen Honigs aus der Schale
und entferne dich wieder vom Scheiterhaufen. Auf keinen Fußtritt,
auf kein Hundegebell kehre dich um, sonst wird das Opfer vereitelt.
Am nächsten Morgen salbe dich mit diesem Zaubermittel, das ich
dir hier gereicht habe; in ihm wohnt unermeßliche Stärke und hohe
Kraft: du wirst dich nicht den Männern, sondern den unsterblichen
Göttern gewachsen fühlen. Auch deine Lanze, dein Schwert und
deinen Schild mußt du salben, dann wird kein Eisen in Menschenhand,
keine Flamme der Wunderstiere dir schaden oder widerstehen
können. Doch wirst du so nicht lange sein, sondern nur an jenem
Tage: dennoch entziehe dich auf keine Weise dem Streit. Ich will
dir auch noch ein anderes Hilfsmittel an die Hand geben. Wenn du
nämlich die gewaltigen Stiere eingespannt und das Blachfeld durchpflügt
hast und schon die von dir ausgesäte Drachensaat aufgegangen
ist, so wirf unter sie einen mächtigen Stein: um diesen werden jene
rasenden Gesellen kämpfen wie Hunde um ein Stück Brot; indessen
kannst du auf sie einstürzen und sie niedermachen. Dann magst du
das goldene Vließ unangefochten aus Kolchis mit dir nehmen,
dann magst du gehen; ja, gehe nur, wohin dir zu gehen beliebt!"
So sprach sie, und heimliche Tränen rollten ihr über die Wangen
hinab, denn sie dachte daran, daß der edle Held weit fort über die
Meere ziehen werde. Traurig redete sie ihn an, indem sie ihn bei
der Rechten faßte, denn der Schmerz ließ sie vergessen, was sie tat:
"Wenn du nach Hause kommst, so vergiß nicht den Namen Medeas;
auch ich will deiner, des Fernen, gedenken. Sage mir auch, wo
dein Vaterland ist, nach welchem du auf deinem schönen Schiffe
zurückkehren wirst." Mit diesen Reden der Jungfrau bemächtigte
sich auch des Helden eine unwiderstehliche Neigung, und er brach in
die Worte aus: "Glaube mir, hohe Fürstin, daß ich, wenn ich dem
Tode entrinne, keine Stunde bei Tag und Nacht dein vergessen werde.
Meine Heimat ist Joikos in Hämonien, da wo der gute Deukalion,
der Sohn des Prometheus, viele Städte gegründet und Tempel gebaut
hat. Dort kennt man euer Land auch nicht mit Namen." —
"So wohnest du in Griechenland, Fremdling," erwiderte die Jungfrau;
"dort sind die Menschen wohl gastlicher als hier bei uns;
darum erzähle nicht, welche Aufnahme dir hier geworden, sondern
gedenke nur in der Stille mein. Ich werde dein gedenken, wenn
alles dich hier vergäße. Wärest du aber imstande, mein zu vergessen,
o daß dann der Wind einen Vogel aus Jolkos herbeiführte,
durch welchen ich dich daran erinnern könnte, daß du durch meine
Hilfe von hier entronnen bist! Ja, wäre ich dann vielmehr selbst in
deinem Hause und könnte dich mahnen!" So sprach sie und weinte.
O du Gute," antwortete Jason, "laß die Winde flattern und den
Vogel dazu, denn du sprichst überflüssiges! Aber wenn du selbst
nach Griechenland und in meine Heimat kämest, o wie würdest du
von Frauen und Männern verehrt, ja wie eine Gottheit angebetet
werden, weil ihre Söhne, ihre Brüder, ihre Gatten durch deinen
Rat dem Tode entronnen und fröhlich der Heimat zurückgegeben
sind; und mir, mir würdest du dann ganz gehören, und nichts sollte
unsere Liebe trennen als der Tod." So sprach er, ihr aber zerfloß
die Seele, als sie solches hörte. Zugleich stand vor ihrem
Geist alles Schreckliche, womit die Trennung vom Vaterland drohte,
und dennoch zog es sie mit wunderbarer Gewalt nach Griechenland,
denn Hera hatte es ihr ins Herz gegeben. Diese wollte, daß die
Kolchierin Medea ihr Vaterland verlassen und zu des Pelias Verderben
nach Joikos kommen sollte.
Inzwischen harrten in der Ferne die Dienerinnen still und
traurig, denn die Zeit war längst da, wo die Fürstin nach Hause
zurückkehren sollte. Sie selbst hätte die Heimkehr ganz vergessen,
denn ihre Seele erfreute sich der trauten Rede, wenn nicht der vorsichtigere
Jason, wiewohl auch dieser spät, so gesprochen hätte: "Es
ist Zeit zu scheiden, daß nicht das Sonnenlicht früher scheide als
wir und die andern alles inne werden. Laß uns an diesem Orte
wieder zusammenkommen!"
Jason erfüllt des Aetes Begehr
So schieden sie. Jason kehrte fröhlich zu seinen Genossen und
dem Schiffe zurück. Die Jungfrau begab sich zu ihren Dienerinnen.
Diese eilten ihr alle entgegen, — sie aber sah es nicht, denn ihre
Seele schwebte hoch in den Wolken. Mit leichten Füßen bestieg sie
den Wagen, trieb die Maultiere an, die von selbst nach Hause rannten,
und kam zum Palast zurück. Hier hatte Chalkiope voll banger Sorge
um ihre Söhne längst auf sie gewartet. Sie saß auf einem Schemel,
das gebeugte Haupt mit der linken Hand gestützt; ihre Augen waren
feucht unter den Augenlidern, denn sie dachte daran, in welches Übels
Genossenschaft sie verstrickt wäre.
Jason erzählte unterdessen seinen Genossen, wie ihm die Jungfrau
das herrliche Zaubermittel gereicht habe, zugleich hielt er ihnen
die Salbe entgegen. Alle freuten sich; nur Idas, der Held, saß
seitwärts und knirschte mit den Zähnen vor Zorn. Am andern
Morgen sandten sie zwei Männer ab, den Drachensamen von Äetes
zu erbitten, der sich nicht lange weigerte. Er gab ihnen von den
Zähnen desselben Drachen, den Kadmos bei Theben umgebracht hatte.
Er tat es ganz getrost, denn er hielt es gar nicht für möglich, daß
Jason es nur bis zum Säen der Zähne bringen könnte. In der
Nacht, die auf diesen Tag folgte, badete sich Jason und opferte der
Hekate, ganz wie Medea ihn geheißen. Die Göttin selbst vernahm
sein Gebet und kam aus ihren tiefen Höhlen hervor, die Entsetzliche,
umringt von gräßlichen Drachen, die flammende Eichenäste im Rachen
trugen. Hunde der Unterwelt schwärmten bellend um sie her. Der
Anger zitterte unter ihrem Tritt, und die Nymphen des Flusses
Phasis heulten. Selbst den Jason ergriff Entsetzen, als er heimkehrte,
aber dem Gebote der Geliebten getreu, schaute er sich nicht
um, bis er wieder bei seinen Genossen war; und schon schimmerte
die Morgenröte über dem Schneegipfel des Kaukasos.
Jetzt warf Stetes seinen starken Panzer über, den er im Kampfe
mit den Giganten getragen; auf sein Haupt setzte er den goldenen
Helm mit vier Büschen und griff zu dem vierhäutigen Schilde, den
außer Herakles kein anderer Held hätte aufheben können. Sein Sohn
hielt ihm die schnellen Rosse am Wagen: diesen bestieg er und flog,
die Zügel in der Hand, aus der Stadt, ihm nach unzähliges Volk.
Wie selbst zum Kampfe gerüstet, wollte er dem Schauspiel beiwohnen.
Jason aber hatte sich nach Medeas Anleitung mit dem Zauberöle
Lanze, Schwert und Schild gesalbt. Rings um ihn her versuchten die
Genossen ihre Waffen an der Lanze, aber sie hielt Stand, und jene
vermochten es nicht, sie auch nur ein wenig zu krümmen; sie war an
seiner festen Hand wie zu Stein geworden. Darüber ärgerte sich
Idas, des Aphareus Sohn, und führte seinen Streich auf den Schaft
unter der Spitze; aber der Stahl fuhr zurück wie der Hammer vom
Amboß, und fröhlich schrieen die Helden auf in der frohen Aussicht
auf den Sieg. Jetzt erst salbte sich Jason auch den Leib; da fühlte
er entsetzliche Kraft in allen Gliedern, seine beiden Hände schwollen
auf von Stärke und verlangten nach dem Kampf. Wie ein Kriegsroß
vor der Schlacht wiehernd den Boden stampft, sich aufrichtet und
mit gespitzten Ohren den Kopf erhebt, so streckte sich der Äsonide im
Gefühl seiner Streitbarkeit, hob die Füße, schwang den Erzschild und
die Lanze mit der Hand. Dann ruderten die Helden mit ihrem
Führer bis zum Aregfelde, wo sie den König Stetes und die Menge
der Kolchier schon antrafen, jenen am Ufer, diese auf den Klippenvorsprüngen
des Kaukasos gelagert. Als das Schiff angebunden
war, sprang Jason mit Lanze und Schild gerüstet aus ihm heraus und
empfing sofort einen funkelnden Erzhelm voll spitzer Drachenzähne.
Dann hing er das Schwert mit einem Riemen um die Schultern
und schritt vor, herrlich wie Ares oder Apollon. Auf dem Blachfeld
umherblickend, sah er bald die ehernen Joche der Stiere auf dem
Boden liegen, dabei Pflug und Pflugschar, alles ganz aus Eisen
gehämmert. Als er sich das Geräte näher betrachtete, schraubte er
die Eisenspitze an den starken Schaft seiner Lanze und legte den
Helm nieder. Hierauf schritt er, von seinem Schilde gedeckt, weiter,
nach den Fußtapfen der Tiere forschend. Diese aber brachen von
einer andern Seite unvermutet aus einem unterirdischen Gewölbe
hervor, wo ihre festen Ställe waren, beide Flammen schnaubend und
in dicken Rauch gehüllt. Jasons Freunde schraken zusammen, als
ihr Blick auf die Ungeheuer fiel; er aber stand mit ausgespreizten
Beinen, den Schild vorgehalten, und erwartete ihren Anlauf wie ein
Meerfels die Flut. Sie kamen auch wirklich, mit den Hörnern
stoßend, auf ihn angestürzt, und doch vermochte ihr Anlauf ihm nicht
ein Glied zu verrücken. Wie in den Schmiedewerkstätten die Blasebälge
murren und bald mächtige Feuer sprühen machen, bald mit
ihrem Atem innehalten, so wiederholten sie brüllend und Flammen
speiend ihre Stöße, daß den Helden die Glut wie lauter Blitzstrahlen
umzuckte. Ihn aber schirmte das Zaubermittel der Jungfrau. Endlich
ergriff er den Stier zur Rechten am äußersten Horn und zog ihn
mit allen seinen Kräften, bis er ihn an die Stelle geschleppt, wo das
eherne Joch lag. Hier gab er seinen ehernen Füßen einen Fußtritt
und warf ihn mit gekrümmten Knien zu Boden. Auf dieselbe Weise
zwang er auch den zweiten, der auf ihn losrannte, mit einem einzigen
Streich auf die Erde nieder. Dann warf er seinen breiten Schild
weg und hielt, von ihren Flammen bedeckt, die beiden niedergeworfenen
Stiere mit beiden Händen fest. ' Äetes mußte die ungeheure Stärke
des Mannes bewundern. Inzwischen reichten ihm Kastor und Pollux,
wie es unter ihnen verabredet war, die Joche, die auf dem Boden
lagen, und er befestigte sie mit Sicherheit an das Genick der Tiere.
Dann erhob er die eherne Deichsel und fügte sie in den Ring des
Joches. Die Zwillingsbrüder verließen nun schnell das Feuer, denn
sie waren nicht gefeit wie Jason. Dieser aber nahm seinen Schild
wieder auf und warf ihn am Riemen auf den Rücken; dann griff
er auch wieder zu dem Helme voll Drachenzähne, faßte seine Lanze
und zwang mit ihren Stichen die zornigen und Flammen sprühenden
Stiere, den Pflug zu ziehen. Durch ihre Kraft und den mächtigen
Pflüger wurde der Boden tief aufgerissen, und die gewaltigen Erdschollen
krachten in den Furchen. Jason selbst folgte mit festem Tritt
und säte die Zähne in den aufgepflügten Boden, vorsichtig rückwärts
blickend, ob die aufkeimende Gigantensaat sich nicht gegen ihn erhebe;
die Tiere aber arbeiteten sich mit ihren ehernen Hufen vorwärts.
Als noch der dritte Teil des Tages übrig war, am hellen
Nachmittag, war das ganze Blachfeld, obgleich es vier Jucherte
faßte, von dem unermüdlichen Pflüger umgeackert, und nun wurden
die Stiere vom Pflug erlöst; diese schreckte der Held mit seinen
Waffen, daß sie über das offene Feld hin flohen, er selbst kehrte
zum Schiffe zurück, solange er die Furchen noch leer von Erdgeborenen
sah. Mit lautem Zuruf umringten ihn von allen Seiten
die Genossen, er jedoch sprach nichts, sondern füllte seinen Helm mit
Flußwasser und löschte seinen brennenden Durst. Dann prüfte er
die Gelenke seiner Knie und erfüllte sein Herz mit neuer Streitlust,
wie ein schäumender Eber seine Zähne gegen die Jäger wetzt. Denn
schon waren das ganze Feld entlang die Giganten hervorgekeimt: der
ganze Areshain starrte von Schilden und spitzen Lanzen und erglänzte
von Helmen, so daß der Schimmer durch die Luft bis zum
Himmel emporblitzte. Da dachte Jason an das Wort der schlauen
Medea: er faßte einen großen runden Stein auf dem Felde. Vier
kräftige Männer hätten ihn nicht vom Boden heben können. er aber
ergriff ihn leicht mit der Hand und warf ihn springend weithin
mitten unter die bodenentsprossenen Krieger. Er selbst barg sich, ins
Knie geworfen, kühn und vorsichtig unter seinem Schilde. Die Kolchier
schrieen laut auf, wie das Meer braust, wenn es sich an spitzen Klippen
bricht; Stetes selbst starrte voll Verwunderung dem Wurfe des un
geheuren Steines nach. Die Erdgeborenen, wie schnelle Hunde,
fingen auf einmal an herumzuhüpfen, gingen aufeinander los und
brachten sich gegenseitig mit dumpfem Knirschen um; sie fielen auf
ihre Mutter Erde unter ihren Lanzen nieder wie Tannenbaume oder
Eichen, welche Windwirbel umgerissen haben. Als sie mitten im
Gefechte begriffen waren, stürzte Jason unter sie wie ein fallender
Stern, der als Wunderzeichen mitten durch die dunkle Nachtluft
schießt. Jetzt zog er sein Schwert aus der Scheide, teilte hier und
dort Wunden aus, hieb manche, die schon standen, nieder, mähte
andere, die erst bis zu den Schultern hervorgewachsen waren, wie
Gras ab; andern spaltete er das Haupt, als sie schon zum Kampfe
rannten. Die Furchen strömten vom Blute wie ein Abzugsbach, die
Verwundeten und Toten stürzten nach allen Seiten hin, und viele
sanken mit blutigen Köpfen wieder so tief in den Boden, als sie
hervorgetaucht waren.
An der Seele des Königs Äetes nagte zehrender Ärger; ohne
ein Wort zu sprechen, drehte er sich um und kehrte zur Stadt zurück,
nur darauf sinnend, auf welche Weise er wirksamer gegen Jason
verfahren könnte. Unter diesen Begebenheiten war der Tag zu Ende
gegangen, und der Held ruhte unter den Glückwünschen seiner Freunde
von der Arbeit.
6
medea raubt das goldene Vlies
Die ganze Nacht hindurch hielt der König Sets die Häupter
seines Volkes um sich im Palast versammelt und ratschlagte, wie
die Argonauten zu überlisten wären, denn er war es wohl inne geworden,
daß alles, was sich den Tag zuvor ereignet hatte, nicht ohne
Mitwirkung seiner Töchter geschehen war. Hera, die Göttin, sah die
Gefahr, in welcher Jason schwebte; deswegen erfüllte sie das Herz
Medeas mit zagender Furcht, daß sie zitterte wie ein Reh im tiefen
Walde, das der Jagdhunde Gebell aufgeschreckt hat. Sogleich ahnte
sie, daß ihre Hilfe dem Vater nicht verborgen sei; sie fürchtete auch
die Mitwissenschaft der Mägde; darum brannten ihre Augen von
Tränen, und die Ohren sausten ihr. Ihr Haar ließ sie wie in
Trauer hängen, und wäre das Schicksal nicht entgegen gewesen, so
hätte die Jungfrau durch Gift ihrem Jammer zur Stunde ein Ende
gemacht. Schon hatte sie die gefüllte Schale in der Hand, als Hera
ihr den Mut aufs neue beflügelte und Medea mit verwandelten Gedanken
das Gift wieder in seinen Behälter goß. Jetzt raffte sie sich
zusammen; sie war entschlossen zu fliehen, bedeckte ihr Lager und die
Türpfosten mit Abschiedsküssen, berührte mit den Händen noch einmal
die Wände ihres Zimmers, schnitt sich eine Haarlocke ab und
legte sie zum Andenken für ihre Mutter aufs Bett. "Lebewohl, geliebte
Mutter," sprach sie weinend, "lebewohl, Schwester Chalkiope
und das ganze Haus! O Fremdling, hätte dich doch das Meer verschlungen,
ehe du nach Kolchis gekommen wärest!" Und so verließ
sie ihre süße Heimat. wie eine Gefangene fliehend den bitteren Kerker
der Sklaverei verläßt. Die Pforten des Palastes taten sich vor ihren
Zaubersprüchen auf; durch enge Seitenwege rannte sie mit bloßen
Füßen, mit der Linken den Schleier bis über die Wangen herunterziehend,
mit der Rechten ihr Nachtgewand vor der Befleckung des
Weges schützend. Bald war sie, unerkannt von den Wächtern, draußen
vor der Stadt und schlug einen Fußpfad nach dem Tempel ein; denn
als Zauberweib und Gifttrankmischerin war sie vom Wurzelsuchen
her aller Wege des Feldes wohl kundig. Endlich bogen ihre Schritte
gegen das Meeresufer ein, wo das Freudenfeuer, das die Helden
dem Siege Jasons zu Ehren die ganze Nacht hindurch auflodern
ließen, ihr zum Leitstern diente. Dem Schiffe gegenüber angekommen,
rief sie mit lauter Stimme ihren jüngsten Schwestersohn Phrontis;
dieser, der mit Jason ihre Stimme erkannte, erwiderte dreimal den
dreifachen Ruf. Die Helden, die dies alle hörten, staunten anfangs,
dann ruderten sie ihr entgegen. Ehe das Schiff ans jenseitige Ufer
gebunden war, sprang Jason vom Verdeck ans Land, Phrontis und
Argos ihm nach. "Rettet mich," rief das Mädchen, indem sie die
Knie ihrer Neffen umfaßte, "entreißt mich und euch meinem Vater!
Alles ist verraten und keine Hilfe mehr; laßt uns zu Schiffe fliehen,
ehe er die schnellen Rosse besteigt; das goldene Vließ will ich euch
verschaffen, indem ich den Drachen einschläfere. Du aber, o Fremdling,
schwöre mir zu den Göttern vor deinen Genossen, daß du mich
Verwaiste in der Fremde nicht beschimpfen willst!" So sprach sie
traurig und erfreute Jasons Herz. Er hob die ins Knie Gesunkene
sanft vom Boden auf, umfaßte sie und sprach: "Geliebte, Zeus und
Hera, die Beschirmerin der Ehe, seien meine Zeugen, daß ich, nach
Griechenland zurückgekehrt, dich als rechtmäßige Gattin in mein Haus
einführen will." So schwor er und legte seine Hand in die ihrige.
Dann hieß Medea die Helden noch in der Nacht das Schiff nach
dem heiligen Haine rudern, um dort das goldene Vließ zu entführen.
Die Helden fuhren mit dem Schiffe davon, Jason und die Jungfrau
gingen über den Pfad einer Wiese dem Haine zu. Dort suchten sie
den hohen Eichbaum, an welchem das goldene Vließ hing, strahlend
durch die Nacht, einer Morgenwolke ähnlich, die von der aufgehenden
Sonne beschienen wird. Gegenüber aber reckte der schlaflose, Drache,
aus scharfen Augen in die Ferne blickend, seinen langen Hals den
Herannahenden entgegen und zischte fürchterlich, daß die Ufer des
Flusses und der ganze große Hain widerhallte. Wie über einen angezündeten
Wald die Flammen sich hinwälzen, so rollte das Untier
mit leuchtenden Schuppen in unzähligen Krümmungen daher. Die
Jungfrau aber ging ihm keck entgegen und rief mit süßer Stimme
den Schlaf, den mächtigsten der Götter, an, das Ungeheuer einzulullen;
sie rief zur mächtigen Königin der Unterwelt, ihr Vorhaben zu segnen.
Nicht ohne Furcht folgte ihr Jason. Aber schon durch den Zaubergesang
der Jungfrau eingeschläfert, senkte der Drache die Wölbung
des Rückens, und sein geringelter Leib dehnte sich der Länge nach
aus, nur mit dem gräßlichen Kopfe stand er noch aufrecht und drohte,
die beiden mit seinem aufgesperrten Rachen zu fassen. Da sprengte
Medea ihm mit einem Wacholderstengel unter Beschwörungsformeln
einen Zaubertrank in die Augen, dessen Duft ihn mit Schlummer
übergoß; jetzt schloß sich sein Rachen, und schlafend dehnte sich der
Drache mit seinem ganzen Leibe durch den langen Wald hin.
Auf ihre Ermahnung zog nun Jason das Vließ von der Eiche,
während das Mädchen fortwährend den Kopf des Drachen mit dem
Zauberöl besprengte. Dann verließen beide eilig den beschatteten
Areshain, und Jason hielt schon von fern freudig das große Widdervließ
empor, von dessen Widerschein seine Stirn und sein blondes
Haar in goldenem Schimmer glänzten; auch beleuchtete sein Schein
ihm weithin den nächtlichen Pfad. So ging er, es auf der linken
Schulter tragend; die goldene Last hing ihm vom Hals bis auf die
Füße herunter; dann rollte er es wieder auf, denn immer fürchtete
er, ein Mensch oder Gott möchte ihm begegnen und ihn des Schatzes
berauben. Mit der Morgenröte traten sie ins Schiff, die Genossen
umringten den Führer und staunten das Vließ an, das funkelte wie
Blitze des Zeus; jeder wollte es mit den Händen betasten, aber Jason
litt es nicht, sondern warf einen neugefertigten Mantel darüber. Die
Jungfrau setzte er auf das Hinterverdeck des Schiffes und sprach
dann zu seinen Freunden: "Jetzt, ihr Lieben, laßt uns eilig ins
Vaterland zurückkehren. Durch dieser Jungfrau Rat ist vollbracht,
weswegen wir unsere Fahrt unternommen haben; zum Lohne führe
ich sie als meine rechtmäßige Gemahlin nach Hause; ihr aber helft
mir sie als die Gehilfin ganz Griechenlands beschirmen. Denn ich
zweifle nicht: bald wird Stetes dasein und mit allem seinem Volke
unsere Ausfahrt aus dem Flusse hindern wollen! Deswegen soll von
euch abwechslungsweise die eine Hälfte rudern, die andere, unsere
mächtigen Schilde aus Rindshaut den Feinden entgegenhaltend, die
Rückfahrt schirmen. Denn in unserer Hand steht jetzt die Heimkehr
zu den Unsrigen und die Ehre oder die Schande Griechenlands!"
Mit diesen Worten hieb er die Taue ab, mit denen das Schiff angebunden
war, warf sich in volle Rüstung und stellte sich so neben
das Mägdlein, dem Steuermann Ankäos zur Seite. Das Schiff
eilte unter den Rudern der Mündung des Flusses entgegen.
Vu Argonauten, verfolgt, entkommen mit medea
Inzwischen hatten Äetes und alle Kolchier Medeas Liebe, Taten
und Flucht erfahren. Sie traten bewaffnet auf dem Markte zusammen,
und bald sah man sie mit lautem Schalle das Ufer des
Flusses hinabziehen. Stetes fuhr auf einem festgezimmerten Wagen
mit den Pferden, die ihm der Sonnengott verliehen; in der Linken
trug er einen runden Schild, in der Rechten eine lange Pechfackel;
an seiner Seite lehnte die gewaltige Lanze. Die Zügel der Rosse
handhabte sein Sohn Absyrtos. Als sie aber an der Mündung des
Flusses angekommen waren, da fuhr das Schiff, von den unermüdlichen
Ruderern getrieben, schon weit auf der hohen See. Fackel
und Schild entsanken dem König; er hob die Hände gen Himmel, rief
Zeus und den Sonnengott zu Zeugen der übeltaten und erklärte
grimmig seinen Untertanen: wenn sie ihm die Tochter nicht, zu Wasser
oder zu Lande ergriffen, herbeiführen würden, daß er, seines Herzens
Gelüste folgend, Rache üben könnte, so sollten sie es alle mit ihren
Häuptern büßen. Die erschrockenen Kolchier zogen noch an demselben
Tage ihre Schiffe in die See, spannten die Segel aus und
fuhren hinaus ins Meer; ihre Flotte, welche des Königs Sohn
Absyrtos befehligte, glich einer unabsehbaren Vogelschar, welche die
Lust verdunkelnd über die See dahinschwirrt.
In die Segel der Argonauten blies der günstigste Wind, denn
Heras Wille war es, daß die Kolchierin Medea so bald als möglich
das Verderben in des Pelias Haus bringen sollte. Schon mit der
dritten Morgenröte banden sie das Schiff beim Flusse Halys am
Ufer der Paphlagonen an. Hier brachten sie auf Medeas Geheiß
der Göttin Hekate, die sie gerettet hatte, ein Opfer. Da fiel ihrem
Führer und auch andern Helden bei, daß der alte Wahrsager
Phineus ihnen zur Rückfahrt auf einem neuen Wege geraten hatte,
der Gegenden aber war keiner kundig. Nun belehrte sie Argos, der
Sohn des Phrixos, der es aus Priesterschriften wußte, daß sie nach
dem Isterflusse steuern sollten, der das Füllhorn seiner Wasser zur
Hälfte ins jonische, zur andern Hälfte ins sizilische Meer ergießt.
Als Argos dies geraten, erschien die breite Himmelsfurche eines
Regenbogens in der Richtung, in welcher sie fahren sollten, und der
günstige Wind ließ nicht ab zu wehen und das Himmelszeichen hörte
nicht auf zu leuchten, bis sie glücklich an die jonische Mündung des
Flusses Ister gelangt waren.
Die Kolchier ließen aber mit ihrer Verfolgung nicht nach und
kamen, schneller segelnd, mit ihren leichten Schiffen noch vor den
Helden an der Mündung des Isters an. Hier legten sie sich in
den Hinterhalt an den Buchten und Inseln des Ausflusses und verstellten
den Helden, als diese sich in der Mündung des Stromes vor
Anker gelegt, den Ausweg. Die Argonauten, die Menge der Kolchier
fürchtend, landeten und warfen sich auf eine Insel des Flusses; die
Kolchier folgten, und ein Treffen bereitete sich vor. Da traten die
bedrängten Griechen in Unterhandlung, und von beiden Teilen wurde
verabredet, daß jedenfalls die Griechen das goldene Vließ, das der
König dem Helden Jason für seine Arbeit versprochen hatte, davontragen
sollten, die Königstochter Medea aber sollten sie auf einer
zweiten Insel im Tempel der Artemis aussetzen, bis ein gerechter
Nachbarkönig als Schiedsrichter entschieden hätte, ob sie zu ihrem
Vater zurückkehren, oder ob sie den Helden nach Griechenland folgen
sollte. Bittere Sorgen bemächtigten sich der Jungfrau, als sie solches
hörte. Sogleich führte sie ihren Geliebten seitwärts an einen Ort, wo
keiner seiner Genossen sie hören konnte; dann sprach sie unter Tränen:
"Jason, was habt ihr über mich beschlossen? Hat das Glück alles
bei dir in Vergessenheit gesenkt, was du mir mit heiligem Eide in
der Not versprochene In dieser Hoffnung habe ich Leichtsinnige,
Ehrvergessene Vaterland, Haus und Eltern verlassen, was mein Höchstes
war. Für deine Rettung treibe ich auf dem Meere mit dir um;
meine Vermessenheit hat dir das goldene Vließ verschafft; für dich
habe ich Schmach auf den Frauennamen geladen, deswegen folge ich
dir als dein Mädchen, als dein Weib, als deine Schwester ins
griechische Land. Und darum beschirme mich auch, laß mich nicht
allein hier, überlaß mich nicht den Königen zum Urteil. Wenn mich
jener Richter meinem Vater zuspricht, so bin ich verloren. Wie wäre
dir dann deine Rückkehr angenehme Wie könnte Zeus' Gemahlin,
Hera, dies billigen, sie, deren du dich rühmest? Ja, wenn du mich
verlass est, so wirst du einst, in Elend versunken, mein gedenken. Wie
ein Traum soll dir das goldene Vließ in den Hades entschwinden!
Aus dem Vaterlande sollen dich meine Rachegeister treiben, wie ich
durch deine Verkehrtheit aus meinem Vaterlande getrieben worden
bin!" So sprach sie in wilder Leidenschaft und gedachte Feuer in
das Schiff zu legen, alles zu verbrennen und sich selbst hineinzustürzen.
Bei ihrem Anblick ward Jason scheu, das Gewissen schlug ihm, und
er sprach mit begütenden Worten: "Fasse dich, Gute! Mir selbst
ist jener Vertrag nicht ernst. Suchen wir doch nur einen Aufschub der
Schlacht, weil eine ganze Wolke von Feinden uns umringt, um deinetwillen.
Denn alles, was hier wohnt, ist den Kolchiern befreundet
und will deinem Bruder Absyrtos helfen, daß er dich als Gefangene
dem Vater zurückbringe. Wir alle aber, wenn wir jetzt den Kampf
beginnen, werden elendiglich umkommen, und deine Lage wird noch
hoffnungsloser, wenn wir gestorben sind und dich den Feinden als
Beute zurücklassen. Vielmehr soll jener Vertrag nur ein Hinterhalt
sein, der den Absyrtos ins Verderben stürzt; denn wenn ihr Führer
tot ist, so werden den Kolchiern die Nachbarn keine Hilfe mehr leisten
wollen." So sprach er schmeichelnd, und Medea gab ihm den gräßlichen
Rat: "Höre mich. Ich habe einmal gesündigt und, vom Verhängnis
verblendet, übles getan. Rückwärts kann ich nicht mehr, so
muß ich vorwärts schreiten im Frevel. Wehre du im Treffen die
Lanzen der Kolchier ab; ich will den Bruder betören, daß er sich in
deine Hände gibt. Du empfange ihn mit einem glänzenden Mahle;
kann ich dann die Herolde überreden, daß sie ihn zum Zwiegespräch
allein mit mir lassen, alsdann — ich kann nicht widerstreben —
magst du ihn töten und die Schlacht den Kolchiern liefern." Auf
diese Weise legten die beiden dem Absyrtos einen schweren Hinterhalt.
Sie sandten ihm viele Gastgeschenke, darunter ein herrliches
Purpurkleid, das die Königin von Lemnos dem Jason gegeben hatte,
das einst die Huldgöttinnen selbst dem Gotte Dionysos gefertigt, und
das mit himmlischem Duft getränkt war, seit der nektartrunkene Gott
darauf geschlummert hatte. Den Herolden redete die schlaue Jungfrau
zu, Absyrtos sollte im Dunkel der Nacht auf die andre Insel
zum Artemistempel kommen; dort wollten sie eine List ausdenken,
wie er das goldene Vließ wiederbekäme und es dem König, ihrem
Vater, zurückbringen könnte; denn sie selbst, so heuchelte sie, sei von
den Söhnen des Phrixos mit Gewalt den Fremdlingen überliefert
worden. Nachdem sie so die Friedensboten betört hatte, spritzte sie
von ihren Zauberölen in den Wind so viel, daß ihr Duft auch das
wildeste Tier vom höchsten Berge herabzulocken kräftig gewesen wäre.
Es geschah, wie sie gewünscht hatte. Absyrtos, durch die heiligsten
Versprechungen betrogen, schiffte in dunkler Nacht nach der heiligen
Insel hinüber. Dort allein mit der Schwester zusammengekommen,
versuchte er das Gemüt der Verschlagenen, ob sie wirklich eine List
gegen die Fremdlinge hegte; aber es war, als wenn ein schwacher
Knabe durch einen angeschwollenen Bergstrom waten wollte, über den
kein kräftiger Mann ungestraft setzen kann. Denn als sie mitten im
Gespräche waren und die Schwester ihm alles zusagte, da stürzte
plötzlich Jason aus dem verborgenen Hinterhalt hervor, das bloße
Schwert in der Hand. Die Jungfrau aber wandte ihre Augen ab
und bedeckte sie mit dem Schleier, um den Mord ihres Bruders nicht
mit ansehen zu müssen. Wie ein Opferstier stürzte der Königssohn
unter den Streichen Jasons und bespritzte Gewand und Schleier
der abgekehrten Medea mit seinem Bruderblut. Aber die Rachegöttin,
die nichts übersieht, sah aus ihrem Versteck mit finsterem Auge die
gräßliche Tat, die hier begangen ward.
Nachdem Jason sich von dem Morde gereinigt und den Leichnam
begraben hatte, gab Medea den Argonauten mit einer Fackel das
verabredete Zeichen. Diese, die sich während der Unterhandlung
wieder auf ihr Schiff zurückbegeben hatten, landeten jetzt auf der
Artemisinsel und fielen, wie Habichte über Taubenscharen oder Löwen
über Schafherden, über die ihres Führers beraubten Begleiter des
Absyrtos her. Keiner entging dem Tode. Jason, der den Seinigen
zu Hilfe kommen wollte, erschien zu spät, denn schon war der Sieg
entschieden.
Weisere Heimfahrt der Argonauten
Auf des Peleus Rat schifften nun die Helden aus der Mündung
hervor und schleunig davon, ehe die zurückgelassenen Kolchier zur
Besinnung kommen konnten. Als diese inne wurden, was geschehen
war, gedachten sie anfangs die Feinde zu verfolgen, aber Hera
schreckte sie mit warnenden Blitzen vom Himmel. und da sie zu
Hause den Zorn des Königs fürchteten, wenn sie ihm Sohn und
Tochter nicht zurückbrachten, so blieben sie auf den Artemisinseln in
der Mündung des Ister zurück und siedelten sich hier an.
Die Argonauten aber schifften an mancherlei Gestaden und
Inseln vorüber, auch an dem Eilande, wo die Königin Kalypso, die
Tochter des Atlas, wohnte. Schon glaubten sie, in der Ferne die
höchsten Bergspitzen des heimischen Festlandes aufsteigen zu sehen,
als Hera, welche die Pläne des erzürnten Zeus fürchtete, einen
Sturm gegen sie erhob, der ihr Schiff mit Ungestüm an die unwirtliche
Insel Elektris trieb. Jetzt begann auch das weissagende
Holz, das Athene mitten in den Kiel eingefügt hatte, zu sprechen,
und entsetzliche Furcht ergriff die Horchenden. "Ihr werdet dem
Zorn des Zeus und den Irrfahrten des Meeres nicht entgehen,"
tönte das hohle Brett, "bevor nicht die Zaubergöttin Kirke euch den
grausamen Mord des Absyrtos abgewaschen hat. Kastor und Polluce
sollen zu den Göttern beten, daß sie euch die Pfade des Meeres
öffnen und ihr Kirke finden könnet, die Tochter des Sonnengottes
und der Perse." So sprach der hölzerne Mund des Schiffes Argo
um die Abenddämmerung. Schauder und Furcht ergriff die Helden,
als sie den seltsamen Propheten so Schreckliches verkünden hörten.
Die Zwillinge Kastor und Polluce allein sprangen auf und hatten
den Mut, zu den unsterblichen Göttern um Schutz zu beten; das
Schiff aber schoß weiter bis in die innerste Bucht des Eridanos,
da wo einst Phaethon verbrannt vom Sonnenwagen in die Flut
gefallen war. Noch jetzt schickt er aus der Tiefe Rauch und Glut
aus seiner brennenden Wunde hervor, und kein Schiff kann mit
leichten Segeln über dieses Gewässer hinfliegen, sondern es springt
mitten in die Flamme hinein. Ringsumher am Ufer seufzen, in
Pappeln verwandelt, Phaethons Schwestern, die Heliaden, im Winde
und träufeln lichte Tränen aus Bernstein auf den Boden, welche
die Sonne trocknet und die Flut in den Eridanos hineinzieht. Den
Argonauten half zwar ihr starkes Schiff aus dieser Gefahr, aber alle
Lust nach Speise und Trank verging ihnen; denn bei Tage peinigte
sie der unerträgliche Geruch, der aus den Fluten des Eridanos vom
dampfenden Phaethon aufstieg, und bei Nacht hörten sie ganz deutlich
das Wehklagen der Heliaden, und wie die Bernsteintränen gleich
Öltropfen ins Meer rollten. An den Ufern des Eridanos hin
kamen sie zu einer Mündung des Rhodanos und wären hineingeschifft,
von wannen sie nicht lebendig herausgekommen wären,
wenn nicht Hera plötzlich auf einer Klippe erschienen wäre und mit
furchtbarer Götterstimme sie abgemahnt hätte. Diese hüllte das
Schiff schirmend in schwarzen Nebel, und so fuhren sie an unzähligen
Keltenvölkern viele Tage und Nächte vorbei, bis sie endlich
das tyrrhenische Ufer erblickten und bald darauf glücklich in
den Hafen der Insel Kirkes einliefen.
Hier fanden sie die Zaubergöttin, wie sie, am Meergestade
stehend, ihr Haupt in den Wellen badete. Ihr hatte geträumt, das
Gemach und ganze Haus ströme von Blut über, und die Flamme
fresse alle Zaubermittel, mit welchen sie sonst die Fremdlinge behext
hatte; sie aber schöpfe mit hohler Hand das Blut und lösche das
Feuer damit. Dieser entsetzliche Traum hatte sie mit der Morgenröte
vom Lager aufgeschreckt und ans Meeresufer getrieben; hier wusch
sie Kleider und Haare, als ob sie blutbefleckt wären. Ungeheure
Bestien, nicht andern Tieren ähnlich, sondern aus den verschiedensten
Gliedern zusammengesetzt, folgten ihr herdenweise wie das Vieh dem
Hirten aus dem Stalle. Die Helden ergriff entsetzliches Grausen,
zumal da sie der Kirke nur ins Angesicht zu sehen brauchten, um
sich zu überzeugen, daß sie die Schwester des grausamen Stetes sei.
Als die Göttin die nächtlichen Schrecken von sich entfernt hatte,
kehrte sie schnell wieder um, lockte die Tiere und streichelte sie, wie
man Hunde streichelt.
Jason hieß die ganze Mannschaft im Schiffe bleiben, er selbst
sprang mit Medea ans Land und zog das widerstrebende Mädchen
mit sich fort, Kirkes Palast zu. Kirke wußte nicht, was die Fremden
bei ihr suchten. Sie hieß sie auf schönen Sesseln Platz nehmen.
Jene aber flüchteten still und traurig an den Herd und ließen sich
dort nieder. Medea legte ihr Haupt in beide Hände, und Jason
stieß das Schwert, mit welchem er den Absyrtos umgebracht hatte,
in den Boden, legte die Hand auf dasselbe und stützte sein Kinn
darauf, ohne die Augen aufzuschlagen. Da merkte Kirke, daß es
Schutzflehende seien, und verstand sogleich, daß es sich um den
Jammer der Verbannung und die Sühnung eines Mordes handle.
Sie trug Scheu vor Zeus, dem Beschirmer der Flehenden, und
brachte das verlangte Opfer dar, indem sie eine Hündin schlachtete
und den reinigenden Zeus dazu anrief. Ihre Dienerinnen, die Najaden,
mußten die Sühnungsmittel aus dem Hause und ins Meer
tragen; sie selbst stellte sich an den Herd und verbrannte heilige
Opferkuchen unter feierlichen Gebeten, um den Zorn der Furien zu
besänftigen und die Verzeihung des Göttervaters für die Mordbefleckten
anzurufen. Als alles vorüber war, ließ sie die Fremden
erst auf die glänzenden Stühle sitzen und setzte sich ihnen gegenüber.
Dann fragte sie die Fremdlinge über ihr Geschäft und ihre Schifffahrt,
woher sie kämen, warum sie hier gelandet, und wofür sie
ihren Schutz begehrt hätten, denn ihr blutiger Traum war ihr
wieder in den Sinn gekommen. Als die Jungfrau nun ihr Haupt
aufrichtete und ihr ins Gesicht sah, fielen ihr die Augen des Mädchens
auf; denn Medea stammte ja wie Kirke selbst vom Sonnengotte,
und alle Abkömmlinge dieses Gottes haben strahlende Augen
voll Goldglanz. Nun verlangte sie die Muttersprache der Landesflüchtigen
zu hören, und die Jungfrau fing an, in kolchischer Mundart
alles, was mit Stetes, den Helden und ihr geschehen war, der
Wahrheit nach zu erzählen; nur die Ermordung ihres Bruders
Absyrtos wollte sie nicht gestehen. Aber der Zaubergöttin Kirke
blieb nichts verborgen; doch jammerte sie ihre Nichte, und sie sprach:
"Arme, du bist unehrlich geflohen und hast einen großen Frevel
begangen. Gewiß wird dein Vater nach Griechenland kommen, den
Mord seines Sohnes an dir zu rächen. Von mir jedoch sollst du
kein weiteres ubel leiden, weil du eine Schutzflehende und dazu
meine Verwandte bist. Nur verlange auch keine Hilfe von mir.
Entferne dich mit dem fremden Manne, wer es auch sein mag.
Ich kann weder deine Pläne noch deine schimpfliche Flucht billigen!"
Ein unendlicher Schmerz ergriff die Jungfrau bei diesen Worten.
Sie warf den Schleier über ihr Haupt und weinte bitterlich, bis
der Held sie an der Hand ergriff und die Wankende mit sich aus
Kirkes Palast hinausführte.
Doch Hera erbarmte sich ihrer Schützlinge. Sie sandte ihre Botin
Iris auf dem bunten Regenbogenpfade zur Meeresgöttin Thetis hinab,
ließ diese zu sich rufen und empfahl das Heldenschiff ihrem Schirm.
Sogleich mit Jasons und Medeas Ankunft an Bord fingen nun sanfte
Zephyre zu wehen an; leichteren Mutes lichteten die Helden die
Anker und spannten die hohen Segel aus. Mit sanftem Winde
wogte das Schiff weiter, und bald stellte sich ihnen eine schöne,
blühende Insel dar, die der Sitz der trügerischen Sirenen war,
welche die Vorüberschiffenden durch ihre Gesänge anzulocken und zu
verderben pflegten. Halb Vögel, halb Jungfrauen saßen sie immer
auf ihrer Warte, und kein Fremder, der vorüberfuhr, entging ihnen.
Auch jetzt sangen sie den Argonauten die schönsten Lieder zu, und
schon waren diese im Begriff, die Taue nach dem Ufer zu werfen
und anzulegen, als der thrakische Sänger Orpheus sich von seinem
Sitz erhob und seine göttliche Leier so mächtig zu schlagen begann,
daß sie die Stimmen der Jungfrauen übertönte; zugleich blies ein
tönender, gottgesandter Zephyr in den Rücken des Schiffes, so daß
der Sirenengesang ganz in den Lüften verhallte. Nur einer der
Genossen, Butes, der Sohn des Teleon, hatte der hellen Stimme
der Sirenen nicht zu widerstehen vermocht, sprang von der Ruderbank
ins Meer und schwamm dem verführerischen Hall entgegen.
Er wäre verloren gewesen, wenn ihn nicht die Beherrscherin des
Berges Eryx in Sizilien, Aphrodite, erblickt hätte. Sie riß ihn mitten
aus den Wirbeln heraus und warf ihn auf ein Vorgebirge dieser
Insel, wo er hinfort wohnen blieb. Die Argonauten betrauerten
ihn für tot und schifften neuen Gefahren entgegen, denn sie kamen
an eine Meerenge, wo auf der einen Seite der steile Fels der
Skylla in die Fluten hinausragte und das Schiff zu zerbrechen, auf
der andern Seite der Strudel der Charybdis die Wasser in die
Tiefe riß und das Schiff zu verschlingen drohte. Dazwischen irrten
unter der Flut vom Grunde losgerissene Felsen, wo sonst die glühende
Werkstätte des Hephästos ist; jetzt aber rauchte sie nur und erfüllte
den Äther mit Finsternis. Hier begegneten ihnen von allen Seiten
die Meernymphen, des Nereus Töchter; im Rücken des Schiffes
faßte die Fürstin derselben, Thetis, selbst das Steuerruder. Alle miteinander
umgaukelten das Schiff, und wenn es sich den schwimmenden
Felsen nähern wollte, so stieß es eine Nymphe der andern zu
wie Jungfrauen, die Ball spielen. Bald stieg es mit den Wellen
hoch zu den Wolken, bald stieg es wieder in den Abgrund hinab.
Auf dem Gipfel einer Klippe sah, den Hammer auf die Schulter
gelehnt, Hephästos dem Schauspiel zu, und vom gestirnten Himmel
herab die Gemahlin des Zeus, Hera. Diese aber ergriff Athenes
Hand, denn sie konnte es ohne Schwindel nicht mit ansehen.
Endlich waren sie den Gefahren glücklich entgangen und fuhren
weiter auf der offenen See, bis sie zu einer Insel kamen, wo die
guten Phäaken und ihr frommer König Alkinoos wohnten.
Neue Verfolgung der Kolchier
Hier waren sie aufs gastlichste aufgenommen worden und
wollten sich eben recht gütlich tun, als plötzlich an der Küste ein
furchtbares Heer der Kolchier erschien, deren Flotte auf einem andern
Wege bis hierher vorgedrungen war. Sie verlangten die Königstochter
Medea, um sie in das väterliche Haus zurückzuführen, oder
bedrohten die Griechen mit einer mörderischen Schlacht schon jetzt,
und noch mehr, wenn Stetes selbst mit einem noch gewaltigeren
Heere nachkommen würde. Der gute König Alkinoos aber hielt sie,
da sie schon in die Schlacht eilten, zurück, und Medea umfaßte die
Knie seiner Gemahlin Arete. "Herrin, ich flehe dich an," sprach sie,
"laß mich nicht zu meinem Vater bringen, wenn anders du dem
menschlichen Geschlechte angehörst, das allzumal durch leichten Irrtum
in schnelles Unglück stürzt. So ist auch mir die Besonnenheit
entschwunden. Doch nicht Leichtsinn, sondern nur entsetzliche Furcht
hat mich zur Flucht mit diesem Manne bewogen. Als Jungfrau
führt er mich in seine Heimat. Darum erbarme dich meiner, und
die Götter mögen dir langes Leben und Kinder und deiner Stadt
unsterbliche Zier gewähren." Auch den einzelnen Helden warf sie
sich flehend zu Füßen. Ein jeder aber, den sie anrief, hieß sie
guten Mutes sein, schüttelte die Lanze, zog sein Schwert und versprach
ihr beizustehen, wenn Alkinoos sie ausliefern wollte.
In der Nacht ratschlagte der König mit seiner Gemahlin über
das kolchische Mädchen. Arete bat für sie und erzählte ihm, daß
der große Held Jason sie zu seiner rechtmäßigen Gemahlin machen
wolle. Alkinoos war ein sanfter Mann, und sein Gemüt wurde noch
weicher, als er dieses hörte. "Gern würde ich," erwiderte er seiner
Gemahlin, "die Kolchier den Helden und der Jungfrau zuliebe auch
mit den Waffen vertreiben, aber ich fürchte das Gastrecht des Zeus
zu verletzen; auch ist es nicht klug, den mächtigen König Stetes zu
reizen, denn, so ferne er wohnt, er wäre doch imstande, Griechenland
mit einem Kriege zu überziehen. Höre daher den Ratschluß,
den ich gefaßt habe. Ist das Mädchen noch eine freie Jungfrau,
so soll sie ihrem Vater zurückgegeben werden; ist sie aber des Helden
Gemahlin, so werde ich sie dem Gatten nicht rauben, denn diesem
gehört sie vor dem Vater." Arete erschrak, als sie diesen Entschluß
des Königs hörte. Noch in der Nacht sandte sie einen Herold zu
Jason, der ihm alles hinterbrachte und ihm riet, sich noch vor Anbruch
des Morgens mit Medea zu vermählen. Die Helden, welchen
Jason den unerwarteten Vorschlag mitteilte, waren es alle zufrieden,
und so wurde unter den Liedern des Orpheus in einer heiligen
Grotte die Jungfrau feierlich zur Gattin Jasons eingeweiht.
Am andern Morgen, als die Ufer der Insel und das tauige
Feld von den ersten Sonnenstrahlen schimmerten, rührte sich alles
Phäakenvolk auf den Straßen der Stadt, und am andern Ende der
Insel standen die Kolchier auch schon unter den Waffen. Alkinoos
trat versprochenermaßen hervor aus seinem Palast, das goldene
Zepter in der Hand, zu richten über das Mädchen; hinter ihm
gingen scharenweise die edelsten Phäaken einher; auch die Frauen
waren zusammengekommen, um die herrlichen Helden der Griechen
zu schauen, und viele Landleute hatten sich versammelt, denn Hera
hatte das Gerücht weit und breit ausgestreut. So war alles vor den
Mauern der Stadt bereit, und die Opfer dampften zum Himmel empor.
Schon lange harrten hier die Helden der Entscheidung. Als nun
der König auf seinem Thron Platz genommen hatte, trat Jason
hervor und erklärte mit eidlicher Bekräftigung die Königstochter
Medea für seine rechtmäßige Gemahlin. Sobald Alkinoos dies hörte
und Zeugen der Vermählung aufgetreten waren, tat er mit einem
feierlichen Schwur den Ausspruch, daß Medea nicht ausgeliefert
werden sollte, und schirmte seine Gäste. Vergebens widersetzten sich
die Kolchier; der König hieß sie entweder als friedliche Gäste in
seinem Lande wohnen oder mit ihren Schiffen sich aus seinem Hafen
entfernen. Sie aber, die den Zorn ihres Landesherrn fürchteten,
wenn sie ohne seine Tochter zurückkehrten, wählten das letztere. Am
siebenten Tage brachen auch die Argonauten, ungern von Alkinoos
entlassen und herrlich beschenkt, zur Weiterfahrt auf.
Letzte Abenteuer der Selden
Wieder waren sie an mancherlei Ufern und Inseln vorübergesegelt,
und schon erblickten sie in der Ferne die heimische Küste
des Pelopslandes (Peloponnesos), als ein grausamer Nordsturm das
Schiff erfaßte und mitten durchs libysche Meer neun volle Tage und
Nächte auf ungewissem Pfade dahinjagte. Endlich wurden sie an
das Sandwüstenufer der afrikanischen Syrten verschlagen, in eine
Bucht, deren Gewässer, mit dichtem Seegras und trägern Schaume
bedeckt, wie ein Sumpf in starrer Ruhe brütete. Ringsum breiteten
sich Sandflächen aus, auf denen kein Tier, kein Vogel sichtbar ward.
Hier wurde das Schiff von der Flut so dicht aufs Gestade geschwemmt,
daß der Kiel ganz auf dem Sande aufsaß. Mit Schrecken sprangen
die Helden aus dem Schiff, und mit Entsetzen erblickten sie den
breiten Erdrücken, der sich, der Luft ähnlich, ohne Abwechslung ins
Unendliche ausdehnte. Kein Wasserquell, kein Pfad, kein Hirtenhof
zeigte sich; alles ruhte in totem Schweigen. "Weh uns, wie heißt
dieses Land? Wohin haben uns die Stürme verschlagene" So
fragten einander die Genossen. "Wären wir doch lieber mitten in die
schwimmenden Felsen hineingefahren! Hätten wir lieber gegen den
Willen des Zeus etwas unternommen und wären in einem großen
Versuch untergegangen!" — "Ja," sagte der Steuermann Ankäos,
"die Flut hat uns sitzen lassen und wird uns nicht wieder abholen.
Alle Hoffnung der Fahrt und Heimkehr ist abgeschnitten, — steure,
wer da kann und will!" Damit ließ er das Steuerruder aus der
Hand gleiten und setzte sich weinend im Schiffe nieder. Wie Männer
in einer verpesteten Stadt untätig, Gespenstern gleich, dem Verderben
entgegensehen, so trauerten die Helden, dem öden Ufer entlang schleichend.
Als der Abend gekommen war, gaben sie einander traurig die Hände
zum Abschied, warfen sich, ohne Nahrung genommen zu haben, der
eine da, der andere dort im Sande nieder und erwarteten, in ihre
Mäntel gehüllt, eine schlaflose Nacht hindurch den Tag und den Tod.
Auf einer andern Seite seufzten die phäakischen Jungfrauen, welche
Medea vom König Alkinoos zum Geschenk bekommen hatte, um ihre
Herrin gedrängt; sie stöhnten wie sterbende Schwäne, ihren letzten
Gesang in die Lüfte oerhauchend; und gewiß wären sie alle, Männer
und Frauen, untergegangen, ohne daß jemand sie betrauert hätte,
wenn sich nicht die Beherrscherinnen Libyens, welche drei Halbgöttinnen
waren, ihrer erbarmt hätten. Diese erschienen, mit Ziegenfellen
vom Hals bis an die Knöchel bedeckt, um die heiße Mittagsstunde
dem Jason und zogen ihm den Mantel, mit dem er sein
Haupt bedeckt hatte, leise von den Schläfen. Erschrocken sprang er
auf und wandte den Blick voll Ehrfurcht von den Göttinnen ab.
"Unglücklicher," sprachen sie, "wir kennen alle deine Mühsale, aber
traure nicht länger! Wenn die Meeresgöttin den Wagen des Poseidon
losgeschirrt hat, so zollet eurer Mutter Dank; die euch lange
im Leibe getragen hat, dann möget ihr ins glückselige Griechenland
zurückkehren." Die Göttinnen verschwanden, und Jason erzählte
seinen Genossen das tröstliche, doch rätselhafte Orakel. Während
alle sich noch darüber staunend besannen, ereignete sich ein ebenso
seltsames Wunderzeichen. Ein ungeheures Meerpferd, dem von beiden
Seiten goldene Mähnen über den Nacken wallten, sprang vom Meer
ans Land und schüttelte den Wasserschaum ab, der von ihm stäubte
wie mit Windesflügeln. Freudig erhob jetzt der Held Peleus seine
Stimme und rief: "Die eine Hälfte des Rätselwortes ist erfüllt: die
Meeresgöttin hat ihren Wagen abgeschirrt, den dieses Roß gezogen
hat, die Mutter aber, die uns lange im Leibe getragen, das ist unser
Schiff Argo; dem sollen wir jetzt den schuldigen Dank bezahlen.
Laßt es uns auf unsere Schultern nehmen und über den Sand hintragen,
den Spuren des Meerpferdes nach. Dieses wird ja nicht
in den Boden schlüpfen, sondern uns den Weg zu irgend einem
Stapelplätze zeigen." Gesagt, getan. Die Göttersöhne nahmen das
Schiff auf ihre Schultern und seufzten, zwölf Tage und zwölf Nächte
wandernd, unter der Last. Immer ging es über öde, wasserlose
Sandflächen hin; hätte sie ein Gott nicht gestärkt, sie wären am
ersten Tage erlegen. So aber kamen sie endlich glücklich an die
tritonische Meerbucht; hier legten sie es von den Schultern nieder
und suchten, vom Durste gepeinigt, wie wütende Hunde nach einem
Quell. Unterwegs begegnete der Sänger Orpheus den Hesperiden,
den lieblich singenden Nymphen, welche auf dem heiligen Felde saßen,
wo der Drache Ladon die goldenen Äpfel gehütet hatte. Diese flehte
der Sänger an, den Schmachtenden eine Wasserquelle zu zeigen.
Die Nymphen erbarmten sich, und die vornehmste unter ihnen, Ägle,
fing an zu erzählen: "Gewiß ist der kühne Räuber, der gestern hier
erschienen ist, dem Drachen das Leben und uns die goldenen Äpfel
genommen hat, euch zum Heile erschienen, ihr Fremdlinge. Es war
ein wilder Mann, seine Augen funkelten unter der zornigen Stirn;
eine rohe Löwenhaut hing ihm über die Schultern, in der Hand
trug er einen Özweig und die Pfeile, mit welchen er das Ungeheuer
erlegt hat. Auch er kam durstig von der Sandwüste her; da er
nirgends Wasser fand, stieß er mit seiner Ferse an einen Felsen.
Wie von einem Zauberschlag entfloß diesem reichliches Wasser, und
Schwab, Sagen 7
der schreckliche Mann trank nach Herzenslust, bis er wie ein gesättigter
Stier sich auf die Erde legte." So sprach Ägle und zeigte
ihnen den Felsquell, um den bald alle Helden sich drängten. Der
erfrischende Trunk machte sie wieder fröhlich, und: "Wahrlich,"sprach
einer, nachdem er die brennenden Lippen noch einmal genetzt, "auch
getrennt von uns hat Herakles seine Genossen noch gerettet! Möchten
wir ihm doch auf unserer ferneren Wanderung noch begegnen!" So
machten sie sich auf, der eine da-, der andere dorthin, den Helden
zu suchen. Als sie wieder zurückgekommen waren, glaubte ihn nur
der scharfblickende Lynkeus von ferne gesehen zu haben, aber nur
etwa so, wie der Bauer den Neumond hinter Wolken erblickt zu
haben meint. und er versicherte, daß niemand den Schweifenden
erreichen werde. Endlich, nachdem sie durch unglückliche Zufälle
zwei Genossen verloren und betrauert hatten, bestiegen sie das Schiff
wieder. Lange suchten sie vergebens aus der tritonischen Bucht in
die offene See zu gelangen; der Wind blies ihnen entgegen, und
das Schiff kreuzte unruhig in dem Hafen hin und her wie eine
Schlange, die vergebens aus ihrem Versteck hervorzudringen strebt
und zischend mit funkelnden Augen ihr Haupt da- und dorthin kehrt.
Auf den Rat des Sehers Orpheus stiegen sie daher noch einmal
ans Land und weihten den einheimischen Göttern den größten Opferdreifuß,
den sie im Schiffe besaßen, und den sie am Gestade zurückließen.
Auf dem Rückwege begegnete ihnen der Meeresgott Triton
in Jünglingsgestalt. Er hob eine Erdscholle vom Boden auf und
reichte sie als Zeichen der Gastfreundschaft dem Helden Euphemos,
der sie in seinem Busen barg. "Mich hat der Vater," so sprach
der Meergott, "zum Beschirmer dieser Meeresgegend gesetzt. Sehet;
dort, wo das Wasser schwarz aus der Tiefe sprudelt, dort ist der
schmale Ausweg aus der Bucht ins offene Meer: dorthin rudert;
guten Wind will ich euch schicken. Dann seid ihr nicht mehr fern von
der Pelopsinsel!" Lustig stiegen sie ins Schiff; Triton nahm den
Dreifuß auf die Schulter und verschwand damit in den Fluten. Nun
kamen sie nach einer Fahrt von wenigen Tagen unangefochten nach
der Felseninsel Karpathos und wollten von da nach dem herrlichen
Eilande Kreta überschiffen. Der Wächter dieser Insel war aber der
schreckliche Riese Talos. Er war allein noch übrig aus dem ehernen
Geschlechte der Menschen, welche einst Buchen entsprossen waren,
und Zeus hatte ihn Europa als Schwellenhüter geschenkt, daß er
dreimal des Tages mit seinen ehernen Füßen die Runde auf der
Insel machen sollte. Dieser war am ganzen Leib von Erz und deswegen
unverwundbar, nur an einem Knöchel hatte er eine fleischerne
Sehne und eine Ader, darin Blut floß. Wer diese Stelle wußte
und sie treffen konnte, durfte gewiß sein, ihn zu töten, denn er war
nicht unsterblich. Als die Helden auf die Insel zuruderten, stand er
auf einer der äußersten Klippen, mit seiner Wacht beschäftigt; sobald
er ihrer ansichtig ward, bröckelte er Felsblöcke los und fing an, sie
gegen das herannahende Schiff zu schleudern. Erschrocken ruderten
die Argonauten rückwärts. Sie hätten, obwohl aufs neue von Durst
geplagt, das schöne Kreta auf der Seite gelassen, hätte sich nicht
Medea erhoben und den Erschrockenen zugeredet: "Höret mich,
Männer! Ich weiß, wie dieses Ungeheuer zu bändigen ist. Haltet
das Schiff nur außerhalb der Steinwurfweite!" Dann hob sie die
Falten ihres purpurnen Gewandes empor und bestieg die Schiffsgänge,
über welche Jasons Hand sie hinleitete. Mit schauerlicher
Zauberformel rief sie dreimal die lebenraubenden Parzen an, die
schnellen Hunde der Unterwelt, die in der Luft hausend allenthalben
nach den Lebendigen jagen. Hierauf verzauberte sie die Augenlider
des ehernen Talos, daß sie sich schlossen und schwarze Traumbilder
vor seine Seele traten. Er sank im Schlafe zusammen und stieß
den fleischernen Knöchel an eine spitze Felsenkante, daß das Blut
wie flüssiges Blei aus der Wunde quoll. Von dem Schmerz aufgeweckt,
versuchte er es wieder, einen Augenblick sich aufzurichten;
aber wie eine halb angehauene Fichte der erste Windstoß erschüttert
und sie endlich krachend in die Tiefe stürzt, so taumelte er noch eine
kurze Zeit auf seinen Füßen und stürzte dann entseelt mit ungeheurem
Schall in die Meerestiefe.
Jetzt konnten die Genossen ungefährdet landen und erholten
sich auf dem gesegneten Eilande bis zum Morgen. Kaum über
Kreta hinausgeschifft, erschreckte sie ein neues Abenteuer. Eine
entsetzliche Nacht brach ein, die kein Strahl des Mondes, kein Stern
erleuchtete; als wäre alle Finsternis aus dem Abgrunde losgelassen,
so schwarz war die Luft, sie wußten nicht, ob sie auf dem Meere
oder in den Fluten des Tartaros schifften. Mit aufgehobenen
Händen flehte Jason zu Phöbos Apollon, sie aus diesem gräßlichen
Dunkel zu befreien; Angsttränen stürzten ihm von den Wangen, und
er versprach dem Gotte die herrlichsten Weihgeschenke. Dieser vernahm
sein Flehen. Er kam vom Olymp hernieder, sprang auf einen
Meerfels, und den goldenen Bogen hoch in den Händen haltend,
schoß er silberne Lichtpfeile über die Gegend hin. In dem plötzlichen
Lichtglanze zeigte sich ihnen eine kleine Insel, auf welche sie
zusteuerten, und wo sie, vor Anker gelegt, die tröstliche Morgenröte
erwarteten. Als sie wieder im heitersten Sonnenlichte auf der hohen
See dahinfuhren, da gedachte der Held Euphemus eines nächtlichen
Traumes. Ihm hatte gedeucht, die Erdscholle des Triton, die er an
der Brust liegen hatte, beginne sich zu beleben und aus seinem
Busen zu rollen, dann gestalte sie sich zu einem Jungfrauenbilde,
das sprach: Ich bin die Tochter des Triton und der Libya. Vertraue
mich den Töchtern des Nereus an, daß ich im Meere wohne
bei Anaphe; dann werde ich wieder ans Sonnenlicht hervorkommen
und deinen Enkeln bestimmt sein." An diesen Traum erinnerte sich
jetzt Euphemos, denn Anaphe hatte die Insel geheißen, bei der sie
den Morgen erwartet hatten. Jason, dem der Held den Traum
erzählte, verstand seinen Sinn alsbald: er riet dem Freunde, die
Erdscholle, die er auf dem Herzen trug, in die See zu werfen.
Dieser tat es, und siehe da, vor den Augen der Schiffenden erwuchs
aus dem Meeresgrunde eine blühende Insel mit fruchtbarem Rücken.
Man nannte sie Kalliste, d. h. die Schönste, und Euphemos bevölkerte
sie in der Folge mit seinen Kindern.
Dies war das letzte Wunder, das die Helden erlebten. Bald
darauf nahm sie die Insel Ägina auf. Von dort der Heimat zu
steuernd lief ohne weiteren Unfall das Schiff Argo mit seinen
Helden glücklich in den Hafen von Jolkos ein. Jason weihte das
Schiff auf der korinthischen Meerenge dem Poseidon, und als es
längst in Staub zerfallen war, glänzte es, in den Himmel erhoben,
am südlichen Firmament als ein leuchtendes Gestirn.
Jasons Ende
Jason gelangte nicht zu dem Throne von Joikos, um dessentwillen
er die gefahrvolle Fahrt bestanden. Medea ihrem Vater geraubt
und an ihrem Bruder Absyrtos einen schändlichen Mord begangen
hatte. Er mußte das Königreich dem Sohne des Pelias,
Akastos, überlassen und sich mit seiner jungen Gemahlin nach
Korinth flüchten. Hier wohnte er zehn Jahre mit ihr, und sie gebar
ihm drei Söhne. Während jener Zeit war Medea nicht nur um
ihrer Schönheit willen, sondern auch wegen ihres edlen Sinnes und
ihrer übrigen Vorzüge von ihrem Gatten geliebt und geehrt. Als
aber später die Zeit die Reize ihrer Gestalt allmählich vertilgte,
wurde Jason von der Schönheit eines jungen Mädchens, der Tochter
des Korintherkönigs Kreon, mit Namen Glauke, entzündet und betört.
Ohne daß seine Gattin darum wußte, warb er um die Jungfrau,
und nachdem der Vater eingewilligt und den Tag der Hochzeit
bestimmt hatte, suchte er erst seine Gemahlin zu bewegen, daß sie
freiwillig auf die Ehe verzichten sollte. Er versicherte ihr auch, daß
er die neue Heirat nicht schließen wolle, weil er ihrer Liebe überdrüssig
sei, sondern aus Fürsorge für seine Kinder suche er in
Verwandtschaft mit dem hohen Königshause zu treten. Aber Medea
war entrüstet über diesen Antrag und rief zürnend die Götter an
als Zeugen seiner Schwüre. Jason achtete dessen nicht und vermählte
sich mit der Königstochter. Verzweifelnd irrte Medea in
dem Palast ihres Gatten umher. "Wehe mir," rief sie, "möchte
die Flamme des Himmels auf mein Haupt hernieder zücken! Was
soll ich länger leben? Möchte der Tod sich meiner erbarmen! O
Vater, o Vaterstadt, die ich schimpflich verlassen habe! O Bruder,
den ich gemordet, und dessen Blut jetzt über mich kommt! Aber
nicht an meinem Gatten Jason war es, mich zu strafen, für ihn
habe ich gesündigt. Göttin der Gerechtigkeit, mögest du ihn und
sein junges Kebsweib verderben!"
Noch jammerte sie so, als Kreon, Jasons neuer Schwiegervater,
im Palast ihr begegnete. "Du Finsterblickende, auf deinen
Gemahl Ergrimmte." redete er sie an, "nimm deine Söhne an de
Hand und verlaß mir mein Land auf der Stelle; ich werde nich
nach Hause kehren, ehe ich dich über meine Grenzen gejagt." Medea,
ihren Zorn unterdrückend, sprach mit gefaßter Stimme: . "Warum
fürchtest du ein Ubel von mir, Kreon? Was hast du mir Böses getan,
was warst du mir schuldig? Du hast deine Tochter dem Manne
gegeben, der dir gefallen hat. Was ging ich dich an? Nur meinen
Gatten hasse ich, der mir alles schuldig ist. Doch es ist geschehen:
mögen sie als Gatten leben. Mich aber laß in diesem Lande
wohnen, denn obgleich ich tief gekränkt bin, so will ich doch schweigen
und den Mächtigeren mich unterwerfen." Aber Kreon sah ihr die
Wut in den Augen an, er traute ihr nicht, obgleich sie seine Knie
umschlang und ihn bei dem Namen der eigenen, ihr so verhaßten
Tochter Glauke beschwor. "Geh," erwiderte er, "und befreie mich
von Sorgenl" Da bat sie nur um einen einzigen Tag Aufschub,
um einen Weg zur Flucht und ein Asyl für ihre Kinder wählen
zu können. "Meine Seele ist nicht tyrannisch," sprach da der König,
"schon viel törichte Nachgiebigkeit habe ich aus falscher Scheu geübt.
Auch jetzt fühle ich, daß ich nicht weise handle, dennoch sei es dir
gestattet, Weib."
Als Medea die gewünschte Frist erhalten hatte, bemächtigte sich
ihrer der Wahnsinn, und sie schritt zur Vollführung einer Tat, die
ihr wohl bisher dunkel im Geiste vorgeschwebt, an deren Möglichkeit
sie jedoch selbst nicht geglaubt hatte. Dennoch machte sie vorher
einen letzten Versuch, ihren Gatten von seinem Unrecht und seinem
Frevel zu überzeugen. Sie trat vor ihn und sprach zu ihm: "O
du schlimmster aller Männer, du hast mich verraten, hast einen
neuen Ehebund eingegangen, während du doch Kinder hast! Wärest
du kinderlos, so wollte ich dir verzeihen; du hättest eine Ausrede.
So bist du unentschuldbar; ich weiß nicht, meinst du, die Götter,
die damals herrschten, als du mir Treue versprachest, regieren nicht
mehr, oder es seien den Menschen neue Gesetze für ihre Handlungen
gegeben worden, daß du glaubst, meineidig werden zu dürfens Sage
mir, ich will dich fragen, als wenn du mein Freund wärest: wohin
rätst du mir zu gehen? Schickst du mich zurück in meines Vaters
Haus, den ich verraten, dem ich den Sohn getötet habe dir zuliebe?
Oder welche andere Zuflucht weißt du für mich? Fürwahr,
es wird ein herrlicher Ruhm für dich, den Neuvermählten, sein,
wenn deine erste Gattin mit deinen eigenen Söhnen in der Welt
betteln geht!" Doch Jason war verhärtet. Er versprach ihr, sie
und die Kinder, mit reichlichem Gelde und Briefen an seine Gastfreunde
versehen, zu entlassen. Sie aber verschmähte alles. "Geh,
vermähle dich," sprach sie, "du wirst eine Hochzeit feiern, die dich
gereuen wird!" Als sie ihren Gemahl verlassen hatte, reuten sie
die letzten Worten wieder, nicht weil sie andern Sinnes geworden
war, sondern weil sie fürchtete, er möchte ihre Schritte beobachten
und sie an der Ausführung ihres Frevels verhindern. Sie ließ
daher um eine zweite Unterredung mit ihm bitten und sprach zu
ihm mit veränderter Miene: "Jason, verzeih mir, was ich gesprochen:
der blinde Zorn hat mich verführt, ich sehe jetzt ein, daß alles, was
du getan hast, zu unserm eigenen Besten gereichen soll. Arm und
verbannt sind wir hierher gekommen, du willst durch deine neue
Heirat für dich, für deine Kinder, zuletzt auch für mich selbst sorgen.
Wenn sie eine Weile fern gewesen sind, wirst du deine Söhne
zurückberufen, wirst sie teilnehmen lassen an dem Glücke der Geschwister,
die sie erhalten sollen. Kommt herbei, kommt herbei,
Kinder, umarmt euren Vater, versöhnet euch mit ihm, wie ich mich
mit ihm versöhnt habe!" Jason glaubte an diese Sinnesänderung
und er war hocherfreut darüber, er versprach ihr und den Kindern das
Beste; und Medea fing an, ihn noch sicherer zu machen. Sie bat
ihn, die Kinder bei sich zu behalten und sie allein ziehen zu lassen.
Damit die neue Gattin und ihr Vater dieses dulde, ließ sie aus
ihrer Vorratskammer köstliche goldene Gewänder holen und reichte
sie dem Jason als Brautgeschenk für die Königstochter. Nach
einigem Bedenken ließ dieser sich überreden, und ein Diener ward
abgesandt, die Gaben der Braut zu bringen. Aber diese köstlichen
Kleider waren mit Zauberkraft getränkte, giftige Gewänder. und als
Medea heuchlerischen Abschied von ihrem Gatten genommen hatte,
harrte sie von Stunde zu Stunde der Nachricht vom Empfang ihrer
Geschenke, die ein vertrauter Bote ihr bringen sollte. Dieser kam
endlich und rief ihr entgegen: "Steig in dein Schiff, Medea, fliehe!
fliehe! deine Feindin und ihr Vater sind tot. Als deine Söhne mit
ihrem Vater das Haus der Braut betraten, freuten wir Diener uns
alle, daß die Zwietracht verschwunden und die Versöhnung vollkommen
sei. Die junge Königin empfing deinen Gatten mit heiterem
Blick; als sie aber die Kinder sah, bedeckte sie ihre Augen, wandte
das Antlitz ab und verabscheute ihre Gegenwart. Doch Jason besänftigte
ihren Zorn, sprach ein gutes Wort für dich und breitete
die Geschenke vor ihr aus. Als sie die herrlichen Gewänder sah,
wurde ihr Herz von der Pracht gereizt, es wandte sich, und sie
versprach ihrem Bräutigam, in alles zu willigen. Als dein Gemahl
mit den Söhnen sie verlassen hatte, griff sie mit Begierde nach dem
Schmuck, legte den Goldmantel um, setzte sich den goldenen Kranz
ins Haar und betrachtete sich vergnügt in einem hellen Spiegel.
Dann durchwandelte sie die Gemächer und freute sich wie ein
kindisches Mädchen ihrer Herrlichkeit. Bald aber wechselte das
Schauspiel. Mit verwandelter Farbe, an allen Gliedern zitternd,
wankte sie rückwärts, und bevor sie ihren Sitz erreicht hatte, stürzte
sie auf den Boden nieder, erbleichte, begann die Augensterne zu
verdrehen, und Schaum trat ihr über den Mund. Wehklagen ertönte
in dem Palast, die einen Diener eilten zu ihrem Vater, die
andern zu ihrem zukünftigen Gatten. Inzwischen flammte der verzauberte
Kranz auf ihrem Haupte in Feuer auf; Gift und Flamme
zehrten an ihr um die Wette. und als ihr Vater jammernd herbeigestürzt
kam, fand er nur noch den entstellten Leichnam der Tochter.
Er warf sich in Verzweiflung auf sie; von dem Gifte des mörderischen
Gewandes ergriffen, hat auch er sein Leben geendet. Von Jason
weiß ich nichts."
Statt die Wut Medeas zu dämpfen, entflammte die Erzählung
dieser Greuel sie vielmehr, und ganz zur Furie der Rachsucht geworden,
rannte sie fort, ihrem Gatten und sich selbst den tödlichsten Schlag
zu versetzen. Sie eilte nach der Kammer, wo ihre Söhne schliefen,
denn die Nacht war herbeigekommen. "Waffne dich, mein Herz,"
sprach sie unterwegs zu sich selber, "was zögerst du, das Gräßliche
und Notwendige zu vollbringen? Vergiß, Unglückliche, daß es deine
Kinder sind, daß du sie geboren hast. Nur diese eine Stunde vergiß
es! Nachher beweine sie dein ganzes Leben lang. Du tust ihnen
selbst einen Dienst. Tötest du sie nicht, so sterben sie von einer
feindseligen Hand."
Als Jason in sein Haus geflogen kam, die Mörderin seiner
jungen Braut aufzusuchen und sie seiner Rache zu opfern, scholl ihm
das Jammergeschrei seiner Kinder entgegen, die unter dem Mordstahl
bluteten; er trat in die aufgestoßene Kammer und fand seine
Söhne wie Schuldopfer hingewürgt, Medea aber war nicht zu erblicken.
Als er in Verzweiflung sein Haus verließ, hörte er in der
Luft ein Geräusch über seinem Haupte. Emporschauend, ward er
hier die fürchterliche Mörderin gewahr, wie sie auf einem mit Drachen
bespannten Wagen, den ihre Kunst herbeigezaubert hatte, durch die
Lüfte davonfuhr und den Schauplatz ihrer Rache verließ. Jason
hatte die Hoffnung verloren, sie je für ihren Frevel zu strafen; die
Verzweiflung kam über ihn, und der Mord des Absyrtos wachte
wieder auf in seiner Seele. Er stürzte sich in sein Schwert und fiel
auf der Schwelle seines Hauses.
Tantalos
Tantalos, ein Sohn des Zeus, herrschte zu Sipylos in Phrygien
und war außerordentlich reich und berühmt. Wenn je einen
sterblichen Mann die olympischen Götter geehrt haben, so war es
dieser. Seiner hohen Abstammung wegen wurde er zu ihrer vertrauten
Freundschaft erhoben. Zuletzt durfte er an der Tafel des
Zeus speisen und alles mit anhören. was die Unsterblichen unter
sich besprachen. Aber sein eitler Menschengeist vermochte das überirdische
Glück nicht zu ertragen, und er fing an, mannigfaltig gegen
die Götter zu freveln. Er verriet den Sterblichen die Geheimnisse
der Götter; er entwandte von ihrer Tafel Nektar und Ambrosia und
verteilte den Raub unter seine irdischen Genossen; er barg den köstlichen
goldenen Hund, den ein anderer aus dem Tempel des Zeus
zu Kreta gestohlen hatte, und als dieser ihn zurückforderte, leugnete
er mit einem Eide ab, ihn erhalten zu haben. Endlich lud er im
übermut die Götter wieder zu Gaste, und um ihre Allwissenheit
auf die Probe zu sehen, ließ er ihnen seinen eigenen Sohn Pelops
schlachten und zurichten. Nur Demeter verzehrte von dem gräßlichen
Gericht ein Schulterblatt, die übrigen Götter aber merkten den Greuel,
warfen die zerstückelten Glieder des Knaben in einen Kessel, und die
Parze Klotho zog ihn mit erneuter Schönheit hervor. Anstatt der
verzehrten Schulter wurde eine elfenbeinerne eingesetzt.
Jetzt hatte Tantalos das Maß seiner Frevel erfüllt und wurde
von den Göttern in die Unterwelt gestoßen. Hier wurde er von quälenden
Leiden gepeinigt. Er stand mitten in einem Teiche, und die Wasser
spielten ihm um das Kinn; dennoch litt er den brennendsten Durst
und konnte den Trank, der ihm so nahe war, niemals erreichen.
Sooft er sich bückte und den Mund gierig ans Wasser bringen
wollte, entschwand vor ihm die Flut versiegend, der dunkle Boden
erschien zu seinen Füßen; ein Dämon schien den See ausgetrocknet
zu haben. Ebenso litt er zugleich den peinigendsten Hunger. Hinter
ihm strebten am Ufer des Teiches herrliche Fruchtbäume empor und
wölbten ihre Äste über seinem Haupt. Wenn er sich emporrichtete,
so lachten ihm saftige Birnen, rotwangige Äpfel, glühende Granaten,
liebliche Feigen und grüne Olivenbeeren ins Auge, aber sobald er
hinauflangte, sie mit seiner Hand zu fassen, riß ein Sturmwind,
der plötzlich angeflogen kam, die Zweige hoch hinauf zu den Wolken.
Zu dieser Höllenpein gesellte sich beständige Todesangst, denn ein
großes Felsenstück hing über seinem Haupte in der Luft und drohte
unaufhörlich auf ihn herabzustürzen. So ward dem Verächter der
Götter, dem ruchlosen Tantalos, dreifache Qual, niemals endend, in
der Unterwelt beschieden.
Pelops
So schwer Tantalos an den Göttern sich versündigt hatte, so fromm
ehrte sie sein Sohn Pelops. Er war nach der Verbannung
seines Vaters in die Unterwelt in einem Kriege mit dem benachbarten
König Trojas aus seinem phrygischen Reiche vertrieben worden und
wanderte nach Griechenland aus. Eben erst bekleidete sich das Kinn
des Jünglings mit schwärzlicher Wolle, aber schon hatte er sich im
Herzen eine Gattin ausersehen. Es war dies die schöne Tochter des
Königs Onomaos von Elis, mit Namen Hippodameia. Sie war ein
Kampfpreis, der nicht leicht zu erringen war. Das Orakel hatte
nämlich ihrem Vater vorhergesagt, er werde sterben, wenn seine Tochter
einen Gatten erhielte. Deswegen wandte der erschrockene König alles
an, um jeden Freier von ihr zu entfernen. Er ließ eine Verkündigung
in alle Lande hinausgehen, daß derjenige seine Tochter zur Gemahlin
erhalten sollte, der ihn selbst im Wagenrennen überwinden würde.
Wen aber er, der König, besiegte, der sollte sein Leben lassen. Der
Wettlauf geschah von Pisa aus nach dem Altar des Poseidon auf
der Meerenge bei Korinth, und die Zeit zur Abfahrt der Wagen
bestimmte er also: Er selbst wollte erst gemächlich dem Zeus einen
Widder opfern, während der Freier mit dem vierspännigen Wagen
ausführe; erst wenn er das Opfer beendigt hätte, sollte Onomaos
den Lauf beginnen und auf seinem von dem Wagenlenker Myrtilos
geleiteten Wagen, mit einem Spieß in der Hand, den Freier verfolgen.
Gelänge es ihm, den vorauseilenden Wagen einzuholen, so
sollte er das Recht haben, den Freier mit seinem Spieß zu durchbohren.
Als die vielen Freier, welche Hippodameia wegen ihrer Schönheit
zählte, dies vernahmen, waren sie alle getrosten Mutes. Sie
hielten den König Önomars für einen altersschwachen Greis, der, im
Bewußtsein, mit Jünglingen doch nicht um die Wette rennen zu
können, ihnen absichtlich einen so großen Vorsprung bewilligte, um
seine wahrscheinliche Niederlage aus dieser Großmut erklären zu
können. Daher kam einer nach dem andern nach Elis gezogen, stellte
sich dem Könige vor und begehrte seine Tochter zum Weibe. Dieser
empfing sie jedesmal freundlich, überließ ihnen ein schönes Viergespann
zur Fahrt und ging hin, dem Zeus seinen Widder zu opfern,
wobei er sich gar nicht beeilte. Dann erst bestieg er einen leichten
Wagen, vor welchen seine beiden Rosse Phylla und Harpinna gespannt
waren, die geschwinder liefen als der Nordwind. Mit ihnen
holte sein Wagenlenker die Freier jedesmal noch lange vor Ende
der Bahn ein, und unversehens durchbohrte sie der Speer des grausamen
Königs von hinten. Auf diese Art hatte er schon mehr denn
zwölf Freier erlegt, denn immer holte er sie mit seinen schnellen
Pferden ein.
Nun war Pelops auf seiner Fahrt nach der Geliebten an der
Halbinsel, die später seinen Namen führen sollte, gelandet. Bald
hörte er, was sich zu Elis mit den Freiern zutrage. Da trat er
nächtlicherweile ans Meeresufer und rief seinen Schutzgott, den
mächtigen Dreizackschwinger Poseidon, an, der ihm zu Füßen aus der
Meeresflut emporrauschte. "Mächtiger Gott," rief Pelops ihn an,
"wenn dir selbst die Geschenke der Liebesgöttin willkommen sind, so
lenke den ehernen Speer des Onomaos von mir ab, entsende mich
auf dem schnellsten Wagen gen Elis und führe mich zum Siege,
denn schon hat, er dreizehn liebende Männer ins Verderben gestürzt,
und noch schiebt er die Hochzeit der Tochter auf. Eine große Gefahr
duldet keinen unkriegerischen Mann. Ich bin entschlossen, sie
zu bestehen. Wer doch einmal sterben muß, was soll der ein namenloses
Alter in Finsternis dasitzend erwarten, alles Edlen unteilhaftig?
Darum will ich den Kampf bestehen: du gib mir erwünschten Erfolg!"
So betete Pelops, und sein Flehen war nicht vergebens. Denn
abermals rauschte es in den Wassern, und ein schimmernder goldener
Wagen mit vier pfeilschnellen Flügelrossen stieg aus den Wellen
empor. Auf ihn schwang sich Pelops und flog, die Götterpferde
nach Gefallen lenkend, mit dem Wind um die Wette nach Elis. Als
Onomaos ihn kommen sah, erschrak er, denn auf den ersten Blick
erkannte er das göttliche Gespann des Meergottes. Doch verweigerte
er dem Fremdling den Wettkampf nach den gewohnten Bedingungen
nicht; auch verließ er sich auf die Wunderkraft seiner eigenen Rosse,
die es dem Winde zuvortaten. Nachdem die Rosse des Pelops von
der Reise durch die Halbinsel gerastet, betrat er mit ihnen die Laufbahn.
Schon war er dem Ziele ganz nahe, als der König, der das
Widderopfer wie gewöhnlich verrichtet hatte, mit seinen lustigen Rossen
ihm plötzlich auf den Nacken kam und schon den Speer schwang, dem
kühnen Freier den tödlichen Stoß zu versetzen. Da fügte es Poseidon,
der den Pelops beschirmte, daß mitten im Laufe die Räder des
königlichen Wagens aus den Fugen gingen und dieser zusammenbrach.
Onomaos stürzte zu Boden und gab von dem Falle den Geist
auf. In demselben Augenblick hielt Pelops mit seinem Viergespann
am Ziele. Als er hinter sich blickte, sah er den Palast des Königs
in Flammen stehen; ein Blitzstrahl hatte ihn angezündet und zerstörte
ihn von Grund aus, daß nichts als eine Säule davon stehen blieb.
Pelops aber eilte mit seinem Flügelgespann dem brennenden Hause
zu und holte sich die Braut aus den Flammen.
Niobe
Niobe, die Königin von Theben, war auf vieles stolz. Amphion,
ihr Gemahl, hatte von den Musen die herrliche Leier erhalten,
auf deren Spiel hin sich die Steine der thebischen Königsburg von
selbst zusammensetzten. Ihr Ahnherr war Tantalos, der Gast der Götter.
Sie war die Gebieterin eines gewaltigen Reiches und selbst voll
Hoheit des Geistes und von majestätischer Schönheit. Nichts aber
von allem diesen schmeichelte ihr so sehr als die stattliche Zahl ihrer
vierzehn blühenden Kinder, die zur einen Hälfte Söhne und zur
andern Töchter waren. Auch hieß Niobe unter allen Müttern die
glücklichste, und sie wäre es gewesen, wenn sie nur sich selbst nicht
dafür gehalten hätte; so aber wurde das Bewußtsein ihres Glückes
ihr Verderben.
Einst rief die Seherin Manto, die Tochter des Wahrsagers
Teiresias, von göttlicher Regung angetrieben, mitten in den Straßen
die Frauen Thebens zur Verehrung Letos und ihrer Zwillingskinder,
Apollons und der Artemis, auf, hieß sie die Haare mit Lorbeeren
bekränzen und frommes Gebet unter Weihrauchopfern darbringen.
Als nun die Thebanerinnen zusammenströmten. kam auf einmal
Niobe im Schwarm eines königlichen Gefolges, mit einem golddurchwirkten
Gewand angetan, prunkend einhergerauscht. Sie strahlte
von Schönheit, soweit es der Zorn zuließ, ihr schmuckes Haupt bewegte
sich zugleich mit dem über beide Schultern herabwallenden
Haar. So stand sie in der Mitte der unter freiem Himmel mit
dem Opfer beschäftigten Frauen, ließ die Augen voll Hoheit auf
dem Kreise der Versammelten ruhen und rief: "Seid ihr nicht wahnsinnig,
Götter zu ehren, von denen man euch fabelt, während vom
Himmel begünstigtere Wesen mitten unter euch weilend Wenn
ihr der Leto Altäre errichtet, warum bleibt mein göttlicher Name
ohne Weihrauchs Ist doch mein Vater Tantalos der einzige Sterbliche,
der am Tische der Himmlischen gesessen hat, meine Mutter
Dione, die Mutter der Plejaden, die als leuchtendes Gestirn am
Himmel glänzen, einer meiner Ahnen Atlas der Gewaltige, der das
Gewölbe des Himmels auf dem Nacken trägt; mein anderer Ahn
Zeus, der Vater der Götter! Selbst Phrygiens Völker gehorchen mir;
mir und meinem Gatten ist die Stadt des Kadmos, sind die Mauern
untertan, die sich dem Saitenspiel Amphions gefügt haben. Jeder
Teil meines Palastes zeigt mir unermeßliche Schätze, dazu kommt
ein Antlitz, wie es einer Göttin wert ist, dazu eine Kinderschar;
wie keine Mutter sie aufweisen kann: sieben blühende Töchter, sieben
starke Söhne, bald ebensoviele Eidame und Schwiegertöchter. Fraget
nun, ob ich auch Grund habe, stolz zu sein! Waget es noch ferner,
mir Leto. die unbekannte Titanentochter, vorzuziehen, welche nur
Mutter zweier Kinder war, die Armselige. Das ist der siebente
Teil meiner Mutterfreude! Wer leugnet, daß ich glücklich bin, wer
zweifelt, daß ich glücklich bleibe? Nähme mir die Schicksalsgöttin
dies oder jenes, selbst von der Schar meiner Geborenen, wann wird
je ihr Haufe zu der armen Zwillingszahl Letos heruntersinken?
Darum fort mit den Opfern, heraus aus den Haaren mit dem
Lorbeer! Zerstreuet euch in eure Häuser und laßt euch nicht wieder
über so törichtem Beginnen treffen!"
Erschrocken nahmen die Frauen die Kränze vom Haupt; ließen
die Opfer unvollendet und schlichen nach Hause, mit stillen Gebeten
die gekränkte Gottheit verehrend.
Auf dem Gipfel des delischen Berges Kynthos stand mit ihren
Zwillingen Leto. und schaute mit ihrem Götterauge, was in dem
fernen Theben vorging. "Seht, Kinder, ich, eure Mutter, die auf
eure Geburt so stolz ist, die keiner Göttin außer Hera weicht, werde
von einer frechen Sterblichen geschmäht, ich werde von den alten
heiligen Altären hinweggestoßen, wenn ihr mir nicht beisteht, meine
Kinder. Ja, auch ihr werdet von Niobe beschimpft, werdet ihrem
Kinderhaufen von ihr nachgesetzt." Leto wollte zu ihrer Erzählung
noch Bitten hinzufügen, aber Phöbos unterbrach sie und sprach:
"Laß die Klage, Mutter, sie hält die Strafe nur auf!" Ihm stimmte
seine Schwester bei. Beide hüllten sich in eine Wolkendecke, und
mit einem raschen Schwung durch die Lüfte hatten sie die Stadt und
Burg des Kadmos erreicht. Hier breitete sich vor den Mauern ein
geräumiges Brachfeld aus, das nicht für die Saat bestimmt, sondern
den Wettlaufen und übungen zu Roß und Wagen gewidmet war.
Da belustigten sich eben die sieben Söhne Amphions: die einen
bestiegen mutige Rosse, die andern erfreuten sich des Ringspiels. Der
älteste, Ismenos, trieb eben sein Tier im Viertelstrabe sicher im
Kreise um, den schäumenden Rachen ihm bändigend, als er plötzlich:
"Wehe mir!" ausrief, den Zaum aus den erschlaffenden Händen
fahren ließ und, einen Pfeil mitten ins Herz geheftet, langsam rechts
am Bug des Rosses heruntersank. Sein Bruder Sipylos, der ihm
zunächst sich tummelte, hatte das Gerassel des Köchers in den Lüften
gehört und floh mit verhängtem Zügel, wie ein Steuermann vor
dem Wetter jedes Lüftchen in den Segeln auffängt, um in den
Hafen einzulaufen. Dennoch holte ihn ein durch die Lüfte schwirrender
Wurfspieß ein; zitternd haftete ihm der Schaft hoch im Genick,
und das nackte Eisen ragte zum Halse heraus. über die Mähne
des Pferdes am gestreckten Halse herab glitt der tödlich Getroffene
zu Boden und besprengte die Erde mit seinem rauchenden Blute.
Zwei andere, der eine hieß wie sein Großvater, Tantalos, der andere
Phädimos, lagen miteinander ringend in fester Umschlingung Brust
an Brust verschränkt. Da tönte der Bogen aufs neue, und wie sie
vereinigt waren, durchbohrte sie beide ein Pfeil. Beide seufzten zugleich
auf, krümmten die schmerzdurchzuckten Glieder auf dem Boden,
verdrehten die erlöschenden Augen und hauchten mit einem Atem die
Seele im Staube aus. Ein fünfter Sohn, Alphenor, sah diese fallen;
die Brust sich schlagend, flog er herbei und wollte die erkalteten
Glieder der Brüder durch seine Umarmungen wieder beleben, aber
unter diesem frommen Geschäft sank auch er dahin, denn Phöbos
Apollon sandte ihm das tödliche Eisen tief in die Herzkammer
hinein, und als er es wieder herauszog, drängte sich mit dem Atem
das Blut und das Eingeweide des Sterbenden hervor. Damasichthon,
den sechsten, einen zarten Jüngling mit langen Locken, traf ein Pfeil
in das Kniegelenk, und während er sich rückwärts bog, das unerwartete
Geschoß mit der Hand herauszuziehen, drang ihm ein anderer
Pfeil bis ans Gefieder durch den offenen Mund hinab in den Hals,
und ein Blutstrahl schoß wie ein Springbrunnen hoch aus dem
Schlunde empor. Der letzte und jüngste Sohn, der Knabe Ilioneus,
der dies alles mit angesehen hatte, warf sich auf die Knie nieder,
breitete die Arme aus und fing an zu flehen: "O all ihr Götter
miteinander, verschonet mich!" Der furchtbare Bogenschütze selbst
wurde gerührt, aber der Pfeil war nicht mehr zurückzurufen. Der
Knabe sank zusammen. Doch fiel er an der leichtesten Wunde, die
kaum bis zum Herzen hindurchgedrungen war.
Der Ruf des Unglücks verbreitete sich bald in der Stadt.
Als der Vater Amphion die Schreckenskunde hörte, durchbohrte er
sich die Brust mit dem Stahl. Der laute Jammer seiner Diener und
alles Volkes drang bald auch in die Frauengemächer. Niobe vermochte
lange das Schreckliche nicht zu fassen; sie wollte nicht glauben, daß
die Himmlischen so viel Vorrecht hätten, daß sie es wagten, daß sie
es vermöchten. Aber bald konnte sie nicht mehr zweifeln. Ach, wie
unähnlich war die jetzige Niobe der vorigen, die eben erst das Volk
von den Altären zurückscheuchte und mit hohem Nacken durch die
Stadt einherschritt! Jene erschien auch ihren liebsten Freunden beneidenswert,
diese des Mitleids würdig selbst dem Feinde. Sie kam
herausgestürzt auf das Feld, sie warf sich auf die erkalteten Leichname,
sie verteilte ihre letzten Küsse an die Söhne, bald an diesen,
bald an jenen. Dann hob sie die zerschlagenen Arme gen Himmel
und rief: "Weide dich nun an meinem Jammer, sättige dein grimmiges
Herz, du grausame Leto, der Tod dieser sieben wirft mich in
die Grube; triumphiere, siegende Feindin!"
Jetzt waren auch ihre sieben Töchter, schon in Trauergewänder
gekleidet, herbeigekommen und standen mit fliegenden Haaren um
die gefallenen Brüder her. Ein Strahl der Schadenfreude zuckte
bei ihrem Anblick über Niobes blasses Gesicht. Sie vergaß sich,
warf einen spottenden Blick gen Himmel und sagte: "Siegerin?
Nein, auch in meinem Unglück bleibt mir mehr als dir in deinem
Glück. Auch nach so vielen Leichen bin ich noch die Siegerin!"
Kaum hatte sie's gesprochen, als man eine Sehne ertönen hörte wie
von einem straff angezogenen Bogen. Alles erschrak, nur Niobe bebte
nicht, das Unglück hatte sie beherzt gemacht. Da fuhr plötzlich eine
der Schwestern mit der Hand ans Herz; sie zog einen Pfeil heraus,
der ihr im Innersten haftete. Ohnmächtig zu Boden gesunken,
neigte sie ihr sterbendes Antlitz über den nächstgelegenen Bruder.
Eine andere Schwester eilt auf die unglückliche Mutter zu, sie
trösten; aber von einer verborgenen Wunde gebeugt, verstummt sie
plötzlich. Eine dritte sinkt im Fliehen zu Boden, andere fallen, über
die sterbenden Schwestern hingeneigt. Nur die letzte war noch übrig,
die sich in den Schoß der Mutter geflüchtet und sich an diese, von
ihrem faltigen Gewande zugedeckt, kindlich anschmiegte. "Nur die
einzige laß mir," schrie Niobe wehklagend zum Himmel, "nur die
jüngste von so vielen!" Aber während sie noch flehte, stürzte schon
das Kind aus ihrem Schoße nieder, und einsam saß Niobe zwischen
ihres Gatten, ihrer Söhne und ihrer Töchter Leichen. Da erstarrte
sie vor Gram; kein Lüftchen bewegte das Haar ihres Hauptes; aus
dem Gesicht wich das Blut; die Augen standen unbewegt über den
traurigen Wangen; im ganzen Bilde war kein Leben mehr; die
Adern stockten mitten im Pulsschlag, der Nacken drehte, der Arm
regte, der Fuß bewegte sich nicht mehr; auch das Innere des Leibes
war zum kalten Felsstein geworden. Nichts lebte mehr an ihr als die
Tränen; diese rannen unaufhörlich aus den steinernen Augen hervor.
Jetzt faßte den Stein eine gewaltige Windsbraut, führte ihn fort
durch die Lüfte und über das Meer und setzte ihn erst in der alten
Heimat Niobes, in Lydien, im öden Gebirge unter den Steinklippen
des Sipylos nieder. Hier haftete Niobe als ein Marmorfelsen am
Gipfel des Berges, und noch jetzt zerfließt der Marmor in Tränen.
Aus der Heruklessage
Herakles der Neugeborene
Herakles war ein Sohn des Zeus und der Alkmene. Alkmene
war eine Enkelin des Perseus; der Stiefvater des Herakles hieß
Amphitryon. Auch er war ein Enkel des Perseus und König von
Tiryns, hatte jedoch diese Stadt verlassen, um in Theben zu wohnen.
Hera, die Gemahlin des Zeus, haßte ihre Nebenbuhlerin Alkmene
und gönnte ihr den Sohn nicht, von dessen Zukunft Zeus den Göttern
selbst Großes verkündet hatte. Als daher Alkmene den Herakles geboren,
trug sie ihn aus Furcht vor der Göttermutter aus dem Palast
und setzte ihn an einem Platze aus, der noch in späten Zeiten das
Heraklesfeld hieß. Hier wäre das Kind ohne Zweifel verschmachtet,
wenn nicht ein wunderbarer Zufall seine Feindin Hera selbst, von
Athene begleitet, des Weges geführt hätte. Athene betrachtete die
schöne Gestalt des Kindes mit Verwunderung, erbarmte sich sein und
bewog die Begleiterin, dem Kleinen ihre göttliche Brust zu reichen.
Aber der Knabe sog viel kräftiger an der Brust, als sein Alter erwarten
ließ; Hera empfand Schmerzen und warf das Kind unwillig
wieder zu Boden. Jetzt hob Athene es voll Mitleid wieder auf,
trug es in die nahe Stadt und brachte es der Königin Alkmene als
ein armes Findelkind, das sie aus Barmherzigkeit aufzuziehen bat.
So war die leibliche Mutter aus Angst vor der Stiefmutter bereit
gewesen, die Pflicht der natürlichen Liebe verleugnend, ihr Kind umkommen
zu lassen; und die Stiefmutter, die von natürlichem Hasse
gegen dasselbe erfüllt ist, muß, ohne es zu wissen, ihren Feind vom
Tode erretten. Ja noch mehr. Herakles hatte nur ein paar Züge
an Heras Brust getan, aber die wenigen Tropfen Göttermilch hatten
genügt, ihm Unsterblichkeit einzuflößen.
Alkmene hatte indessen ihr Kind auf den ersten Blick erkannt
und es freudig in die Wiege gelegt. Aber auch Hera hatte erfahren,
wer an ihrer Brust gelegen, und wie leichtsinnig sie den Augenblick
der Rache vorübergelassen habe. Sogleich schickte sie zwei entsetzliche
Schlangen aus, die, das Kind zu töten bestimmt, durch die offenen
Pforten in Alkmenes Schlafgemach geschlichen kamen und, ehe die
Dienerinnen des Gemaches und die schlummernde Mutter selbst es
inne wurden, sich an der Wiege emporringelten und den Hals des
Knaben zu umstricken anfingen. Der Knabe erwachte mit einem
Schrei und richtete seinen Kopf auf. Das ungewohnte Halsband
war ihm unbequem. Da gab er die erste Probe seiner Götterkraft:
er ergriff mit jeder Hand eine Schlange am Genick und erstickte
die beiden mit einem einzigen Druck. Die Wärterinnen hatten die
Schlangen jetzt wohl bemerkt, aber unbezwingliche Furcht hielt sie
fern. Alkmene war auf den Schrei ihres Kindes erwacht; mit
bloßen Füßen sprang sie aus dem Bett und stürzte hilferufend auf
die Schlangen zu, die sie schon von den Händen ihres Kindes erwürgt
fand. Jetzt traten auch die Fürsten der Thebaner, durch den
Hilferuf aufgeschreckt, bewaffnet in das Schlafgemach; der König
Amphitryon, der den Stiefsohn als ein Geschenk des Zeus betrachtete
und liebhatte, eilte erschrocken herbei, das bloße Schwert
in der Hand. Da stand er vor der Wiege und sah und hörte, was
geschehen war; Lust, mit Entsetzen gemischt, durchbebte ihn über die
unerhörte Kraft des kaum geborenen Sohnes. Er betrachtete die
Tat als ein großes Wunderzeichen und rief den Propheten des
großen Zeus, den Wahrsager Teiresias, herbei. Dieser weissagte
dem König, der Königin und allen Anwesenden den Lebenslauf des
Knaben: wie viele Ungeheuer auf Erden, wie viele Ungetüme des
Meeres er hinwegräumen, wie er mit den Giganten selbst im Kampfe
zusammenstoßen und sie besiegen werde, und wie ihn am Ende
seines mühevollen Erdenlebens das ewige Leben bei den Göttern
und Hebe, die ewige Jugend, als himmlische Gemahlin erwarte.
Die Erziehung des Herakles
Als Amphitryon das hohe Glück des Knaben aus dem Munde
des Sehers vernahm, beschloß er, ihm eine würdige Heldenerziehung
zu geben, und Heroen aller Gegenden versammelten sich, den jungen
Herakles in allen Wissenschaften zu unterrichten. Sein Vater selbst
unterwies ihn in der Kunst, einen Wagen zu regieren; den Bogen
spannen und mit Pfeilen zielen lehrte ihn Eurytos; die Künste der
Ringer und Faustkämpfer Harpalykos. Eumolpos lehrte ihn den Gesang
und den zierlichen Schlag der Leier; Kastor die Kunst, schwer
bewaffnet und geordnet im Felde zu fechten. Linos aber, der greise
Sohn Apollons, lehrte ihn die Buchstabenschrift. Herakles zeigte
sich als gelehriger Knabe, aber Härte konnte er nicht ertragen. Der
alte Linos war ein grämlicher Lehrer. Als er ihn einst mit ungerechten
Schlägen zurechtwies, griff der Knabe nach seinem Zitherspiel
und warf es dem Hofmeister an den Kopf, daß dieser tot zu Boden
fiel. Herakles, obgleich voll Reue, wurde dieser Mordtat halber vor
Gericht gefordert, aber der berühmte, gerechte Richter Rhadamanthos
sprach ihn frei und stellte das Gesetz auf, daß, wenn ein Totschlag
Folge der Selbstverteidigung gewesen, Blutrache nicht stattfinde. Doch
fürchtete Amphitryon, sein überkräftiger Sohn möchte sich wieder
Ähnliches zu schulden kommen lassen, und schickte ihn deswegen auf
das Land zu seinen Ochsenherden. Hier wuchs er auf und tat sich
durch Größe und Stärke vor allen hervor. Als ein Sohn des Zeus
war er furchtbar anzusehen. Er war vier Ellen lang, und Feuerglanz
entströmte seinen Augen. Nie fehlte er im Schießen des Pfeils
und im Werfen des Spießes. Als er achtzehn Jahre alt geworden,
war er der schönste und stärkste Mann Griechenlands. und es sollte
sich jetzt entscheiden, ob er diese Kraft zum Guten oder zum Schlimmen
anwenden werde.
Herakles am Scheidewege
Herakles selbst begab sich um diese Zeit von Hirten und Herden
weg in eine einsame Gegend und überlegte bei sich, welche Lebensbahn
er einschlagen sollte. Als er so sinnend dasaß, sah er auf
einmal zwei Frauen von hoher Gestalt auf sich zukommen. Die
eine zeigte in ihrem ganzen Wesen Anstand und Adel, ihren Leib
schmückte Reinlichkeit, ihr Blick war bescheiden, ihre Haltung sittsam,
fleckenlos weiß ihr Gewand. Die andere war wohlgenährt und von
schwellender Fülle, das Weiß und Rot ihrer Haut durch Schminke
über die natürliche Farbe gehoben, ihre Haltung so, daß sie aufrechter
schien als von Natur, ihr Auge war weit geöffnet und ihr
Anzug so gewählt, daß ihre Reize so viel als möglich durchschimmerten.
Sie warf feurige Blicke auf sich selbst, sah dann wieder um sich, ob
nicht auch andere sie erblickten, und oft schaute sie nach ihrem eigenen
Schatten. Als beide näher kamen, ging die erstere ruhig ihren
Gang fort, die andere aber, um ihr zuvorzukommen, lief auf den Jüngling
zu und redete ihn an: "Herakles, ich sehe, daß du unschlüssig
bist, welchen Weg durch das Leben du einschlagen sollst. Willst
du nun mich zur Freundin wählen, so werde ich dich die angenehmste
und gemächlichste Straße führen: keine Lust sollst du ungekostet lassen,
jede Unannehmlichkeit sollst du vermeiden. Um Kriege und Geschäfte
hast du dich nicht zu bekümmern, darfst nur darauf bedacht sein,
mit den köstlichsten Speisen und Getränken dich zu laben, deine
Augen, Ohren und übrigen Sinne durch die angenehmsten Empfindungen
zu ergötzen, auf einem weichen Lager zu schlafen und den
Genuß aller dieser Dinge dir ohne Mühe und Arbeit zu verschaffen.
Solltest du jemals um die Mittel dazu verlegen sein, so fürchte
nicht, daß ich dir körperliche oder geistige Anstrengungen aufbürden
werde, im Gegenteil, du wirst nur die Früchte fremden Fleißes zu
genießen und nichts auszuschlagen haben, was dir Gewinn bringen
kann. Denn meinen Freunden gebe ich das Recht, alles zu benützen
Als Herakles diese lockenden Anerbietungen hörte, sprach er
verwundert: O Weib, wie ist denn aber dein Name?" — "Meine
Freunde," antwortete sie, "nennen mich die Glückseligkeit, meine
Feinde hingegen, die mich herabsetzen wollen, geben mir den Namen
der Liederlichkeit."
Mittlerweile war auch die andere Frau herzugetreten. "Auch
ich," sagte sie, "komme zu dir, lieber Herakles, denn ich kenne deine
Eltern, deine Anlagen und deine Erziehung. Dies alles gibt mir
die Hoffnung, du werdest, wenn du meine Bahn einschlagen wolltest,
ein Meister in allem Guten und Großen werden. Doch will ich
dir keine Genüsse vorspiegelt, will dir die Sache darstellen, wie die
Götter sie gewollt haben. Wisse also, daß von allem, was gut und
wünschenswert ist, die Götter den Menschen nichts ohne Arbeit und
Mühe gewähren. Wünschest du, daß die Götter dir gnädig seien,
so mußt du die Götter verehren; willst du, daß deine Freunde dich
lieben, so mußt du deinen Freunden nützlich werden; strebst du, von
einem Staate geehrt zu werden, so mußt du ihm Dienste leisten;
willst du, daß ganz Griechenland dich um deiner Tugend willen
bewundere, so mußt du Griechenlands Wohltäter werden; willst du
ernten, so mußt du säen; willst du kriegen und siegen, so mußt du
die Kriegskunst erlernen; willst du deinen Körper in der Gewalt
haben, so mußt du ihn durch Arbeit und Schweiß abhärten." Hier
fiel ihr die Liederlichkeit in die Rede. "Siehst du wohl, lieber
Herakles," sprach sie, "was für einen langen, mühseligen Weg dich
dieses Weib zur Zufriedenheit führt? Ich hingegen werde dich
auf dem kürzesten und bequemsten Pfade zur Seligkeit leiten." —
"Elende," erwiderte die Tugend, "wie kannst du etwas Gutes besitzen?
Oder welches Vergnügen kennst du, die du jeder Lust durch
Sättigung zuvorkommst? Du ißt, ehe dich hungert, und trinkst,
ehe dich dürstet. Um die Eßlust zu reizen, suchst du Köche auf,
um mit Lust zu trinken, schaffst du dir kostbare Weine an, und des
Sommers gehst du umher und suchst nach Schnee; kein Bett kann
dir weichlich genug sein, deine Freunde läßt du die Nacht durchprassen
und den besten Teil des Tages verschlafen. Darum hüpfen
sie auch sorgenlos und geputzt durch die Jugend dahin und schleppen
sich mühselig und im Schmutze durch das Alter, beschämt über das,
was sie getan, und fast erliegend unter der Last dessen, was sie tun
müssen. Und du selbst, obwohl unsterblich, bist gleichwohl von den
Göttern verstoßen und von den guten Menschen verachtet. Was
dem Ohre am lieblichsten klingt, dein eigenes Lob, hast du nie
gehört; was das Auge mehr als alles erfreut, ein eigenes gutes
Werk, hast du nie gesehen. — Ich hingegen habe mit den Göttern,
habe mit allen guten Menschen Verkehr. An mir haben die Künstler
eine willkommene Gehilfin, die Hausväter eine treue Wächterin; an
mir hat das Gesinde einen liebreichen Beistand. Ich bin eine
redliche Teilnehmerin an den Geschäften des Friedens, eine zuverlässige
Mitkämpferin im Kriege, die treueste Genossin der Freundschaft.
Speise, Trank und Schlaf schmecken meinen Freunden besser
als den Trägen. Die Jüngeren freuen sich des Beifalls der Alten.
die Älteren der Ehre bei den Jungen; mit Vergnügen erinnern sie
sich an ihre früheren Handlungen und fühlen sich bei ihrem jetzigen
Tun glücklich; durch mich sind sie geliebt von den Göttern, geliebt
von den Freunden, geachtet vom Vaterland. Und kommt das Ende,
so liegen sie nicht ruhmlos in Vergessenheit begraben, sondern gefeiert
von der Nachwelt blühen sie fort im Andenken aller Zeiten.
Zu solchem Leben, Herakles, entschließe dich, und vor dir liegt das
seligste Los."
Des Herakles erste Taten
Die Gestalten waren verschwunden und Herakles wieder allein.
Er war entschlossen, den Weg der Tugend zu gehen. Auch fand er
bald Gelegenheit, etwas zu tun. Griechenland war damals noch
voll von Wäldern und Sümpfen und von grimmigen Löwen,
wütenden Ebern und andern Ungeheuern durchstreift. Das Land
von diesen Untieren zu säubern und von den Räubern zu befreien,
die dem Wanderer in den Einöden auflauerten, war der alten Helden
größtes Verdienst. Auch dem Herakles war dieser Beruf angewiesen.
Zu den Seinen zurückgekehrt, hörte er, daß auf dem Berge Kithäron,
an dessen Fuße die Herden des Königs Amphitryon weideten, ein
entsetzlicher Löwe hause. Der junge Held war nach den Worten,
die er soeben gehört, bald entschlossen. Er stieg bewaffnet hinauf
ins wilde Waldgebirge, bezwang den Löwen, warf seine Haut um
sich und setzte den Rachen als Helm auf.
Während er von dieser Jagd heimkehrte, begegneten ihm Herolde
des Minyerkönigs Erginos, welche einen schimpflichen und ungerechten
Jahrestribut von den Thebanern in Empfang nehmen sollten. Herakles,
der sich von der Tugend zum Anwalt aller Unterdrückten geweiht
fühlte, ward mit den Boten, die sich allerhand Mißhandlungen des
Landes erlaubt hatten, bald fertig und schickte sie mit Stricken um
den Nacken verstümmelt ihrem König zurück. Erginos verlangte
die Auslieferung des Täters. und Kreon, der König der Thebaner,
war aus Furcht vor der drohenden Gewalt geneigt, seinen Willen
zu tun. Da beredete Herakles eine Menge mutiger Jünglinge, mit
ihm dem Feind entgegenzugehen. Nun war aber in keinem Bürgerhause
eine Waffe zu finden, denn die Minyer hatten die ganze
Stadt entwaffnet, damit den Thebanern kein Gedanke an einen
Aufstand kommen sollte. Da rief Athene den Herakles in ihren
Tempel und rüstete ihn mit ihren eigenen Waffen aus; die Jünglinge
aber griffen zu den in den Tempeln aufgehängten Waffenrüstungen,
welche die Vorfahren erbeutet und den Göttern geweiht
hatten. So ausgerüstet zog der Held mit seiner kleinen Mannschaft
den herannahenden Minyern bis zu einem Engpaß entgegen. Hier
konnte dem Feinde die Größe seiner Kriegsmacht nichts nützen:
Erginos selbst fiel in der Schlacht, und fast sein ganzes Heer wurde
aufgerieben. Aber in dem Gefechte war auch Amphitryon, des
Herakles Stiefvater, der wacker mitgekämpft hatte, umgekommen.
Herakles rückte nach der Schlacht schnell gegen Orchomenos, die
Hauptstadt der Minyer, vor, drang zu den Toren ein, verbrannte
hre Königsburg und zerstörte die Stadt.
Ganz Griechenland bewunderte die außerordentliche Tat, und
der Thebanerkönig Kreon. das Verdienst des Jünglings zu ehren,
gab ihm seine Tochter Megara zur Ehe, die dem Helden drei Söhne
gebar. Seine Mutter Alkmene aber vermählte sich zum zweitenmal
mit dem gerechten Richter Rhadamanthos. Die Götter selbst beschenkten
den siegreichen Halbgott: Hermes gab ihm ein Schwert, Apollon
Pfeile, Hephästos einen goldenen Köcher, Athene einen Waffenrock.
Herakles im Gigankenkampfe
Der Held fand bald eine Gelegenheit, den Göttern für so
große Auszeichnungen einen glänzenden Dank abzustatten. Die
Giganten, Riesen mit schrecklichen Gesichtern, langen Haaren und
Bärten, geschuppten Drachenschwänzen statt der Füße, Ungeheuer,
welche die Gäa (Erde) dem Uranos (Himmel) geboren, wurden von
ihrer Mutter gegen Zeus, den neuen Weltbeherrscher, aufgewiegelt,
weil dieser ihre älteren Söhne, die Titanen. in den Tartaros verstoßen
hatte. Sie brachen aus dem Erebos (der Unterwelt) auf
dem weiten Gefilde von Phlegra in Thessalien hervor. Aus Furcht
vor ihrem Anblick erblaßten die Gestirne, und Phöbos drehte den
Sonnenwagen um. "Gehet hin und rächet mich und die alten Götterkinder,"
sprach die Mutter Erde. "An Prometheus frißt der Adler,
an Tityos zehrt der Geier, Atlas muß den Himmel tragen, die
Titanen liegen in Banden. Geht, rächt, rettet sie. Braucht meine
eigenen Glieder, die Berge, zu Stufen, zu Waffen! Ersteiget die
gestirnten Burgen! Du, Typhoeus, reiß dem Gewaltherrscher Zepter
und Blitz aus der Hand; Enkelados, du bemächtige dich des Meeres
und versage den Poseidon! Rhökos soll dem Sonnengott die Zügel
entreißen, Porphyrion das Orakel zu Delphi erobern!" Die Riesen
jubelten bei diesen Worten auf, als hätten sie den Sieg schon errungen,
als schleppten sie schon den Poseidon oder den Ares im
Triumphe daher und zögen den Apollon am herrlichen Lockenhaar.
So zogen sie den thessalischen Bergen zu, um von dort aus den
Himmel zu stürmen.
Indessen rief Iris, die Götterbotin, alle Himmlischen zusammen,
alle Götter, die in Wasser und Flüssen wohnen; selbst die Manen
aus der Unterwelt beschwor sie herauf. Persephone verließ ihr
schattiges Reich, und ihr Gemahl, der König der Schweigenden, fuhr
mit seinen lichtscheuen Rossen zum strahlenden Olympos empor. Wie
in einer belagerten Stadt die Bewohner von allen Seiten zusammenlaufen,
ihre Burg zu schirmen, so kamen die vielgestalteten Gottheiten
am Vaterherde zusammen. "Versammelte Götter," redete sie Zeus
an, "ihr sehet, wie die Mutter Erde mit einer neuen Brut sich gegen
uns verschworen hat. Auf, und sendet ihr so viele Leichen hinunter,
als sie uns Söhne heraufschickt!" Als der Göttervater ausgesprochen,
ertönte die Wetterposaune vom Himmel, und Gäa drunten antwortete
mit einem donnernden Erdbeben. Die Natur geriet in Verwirrung
wie bei der ersten Schöpfung, denn die Giganten rissen einen Berg
nach dem andern aus seinen Wurzeln, schleppten den Ossa, den
Pelion, den Ota. den Athos herbei, brachen den Rhodope mit der
Hälfte des Hebrosquells ab, und auf dieser Leiter von Gebirgen
zum Göttersitz emporgeklommen, fingen sie an, mit Feuerbränden
von Eichen und ungeheuren Felsenstücken den Olymp zu stürmen.
Nun war den Göttern ein Orakelspruch erteilt worden, daß
von den Himmlischen keiner der Giganten vernichtet werden könne
und diese nur dann sterben würden, wenn ein Sterblicher mitkämpfte.
Gäa hatte dies in Erfahrung gebracht und suchte deswegen nach
einem Arzneimittel, das ihre Söhne auch gegenüber von Sterblichen
unverletzlich machte. Auch war wirklich ein solches Kraut gewachsen,
aber Zeus kam ihr zuvor; er verbot der Morgenröte, dem Mond
und der Sonne zu scheinen. und während Gäa in der Finsternis
herumsuchte, schnitt er die Arzneikräuter eilig selbst ab und ließ seinen
Sohn Herakles durch Athene zur Teilnahme am Kampfe auffordern.
Auf dem Olympos war inzwischen der Streit schon entbrannt.
Ares hatte seinen Kriegswagen mit den wiehernden Rossen mitten
in die dichteste Schar der heranstürzenden Feinde gelenkt. Sein
goldener Schild brannte heller als Feuer, schimmernd flatterte die
Mähne seines Helmes. Im Kampfgetümmel durchbohrte er den
Giganten Peloros, dessen Füße zwei lebende Schlangen waren.
Dann fuhr er über die sich krümmenden Glieder des Gefallenen zermalmend
mit seinem Wagen hin; aber erst bei des sterblichen Herakles
Anblick, der eben die letzte Stufe des Olympos erstiegen hatte, hauchte
das Ungeheuer seine drei Seelen aus. Herakles sah sich auf dem
Schlachtfelde um und erkor sich ein Ziel seines Bogens: sein Pfeilschuß
streckte den Alkyoneus, nieder. der alsbald in die Tiefe stürzte,
aber, sobald er seinen Heimatboden berührt hatte, mit erneuter
Lebenskraft sich wieder erhob. Auf den Rat der Athene stieg auch
Herakles hinab und schleppte ihn über die Grenze seines Geburtslandes
hinaus; und sowie der Riese auf fremder Erde angekommen
war, entfuhr ihm der Atem.
Jetzt ging der Gigant Porphijrion in drohender Stellung auf
Herakles und Hera zugleich los, um einzeln mit ihnen zu kämpfen.
Aber Zeus flößte ihm schnell ein Verlangen ein, das himmlische
Antlitz der Göttin zu schauen, und während er an Heras umhüllendem
Schleier zerrte, traf ihn Zeus mit dem Blitze, und Herakles tötete
ihn vollends mit seinem Pfeile. Bald rannte aus der Schlachtreihe
der Giganten Ephialtes mit funkelnden Riesenaugen hervor. "Das
sind helle Zielscheiben für unsere Pfeile!" sprach lachend Herakles
zu dem neben ihm kämpfenden Phöbos Apollon, und nun schoß ihm
der Gott das linke und der Halbgott das rechte Auge aus dem
Kopf. Den Eurytos schlug Dionysos mit seinem Thyrsosstabe nieder;
ein Hagel glühender Eisenschlacken aus Hephästos Hand warf den
Klytios zu Boden; auf den fliehenden Enkelados schleuderte Pallas
Athene die Insel Sizilien; der Riese Polybotes, von Poseidon über
das Meer verfolgt, flüchtete sich nach Kos, aber der Meergott riß
ein Stück dieser Insel ab und bedeckte ihn damit. Hermes, den
Helm des Hades auf dem Kopfe, erschlug den Hippolytos, zwei
andere trafen der Parzen eherne Keulen. Die übrigen schmetterte Zeus
mit seinem Blitze nieder, und Herakles erschoß sie mit seinen Pfeilen.
Für diese Tat wurde dem Halbgott hohe Gunst von den Himmlischen
zuteil. Zeus nannte diejenigen unter den Göttern, welche den
Kampf mit ausfechten geholfen, Olympier, um durch diesen Ehrennamen
die Tapfern von den Feigen zu unterscheiden. Dieser Benennung
würdigte er nun auch zwei Söhne sterblicher Weiber, den
Dionysos und den Herakles.
Herakles und Eurystheus
Zeus hatte vor Herakles' Geburt im Rate der Götter erklärt,
der erste Perseusenkel, welcher geboren werden würde, sollte der
Beherrscher aller übrigen Nachkommen des Perseus werden. Diese
Ehre war seinem und Alkmenens Sohn zugedacht. Aber Heras
Hinterlist, welche dieses Glück dem Sohne der Nebenbuhlerin nicht
gönnte, kam ihm zuvor und ließ den Eurystheus, der auch ein Enkel
des Perseus war, obwohl er später als Herakles zur Welt kommen
sollte, früher geboren werden. Dadurch ward Eurystheus König zu
Mykene im Argiverlande und der später geborene Herakles ihm
unterworfen. Jener sah mit Besorgnis den steigenden Ruhm seines
jungen Verwandten und berief ihn als seinen Untertan zu sich, um
ihm verschiedene Arbeiten aufzutragen. Da Herakles nicht gehorchte,
so ließ Zeus selbst, der seinem Ratschluß nicht zuwider handeln
wollte, seinem Sohne befehlen, dem Argiverkönig seine Dienste zu
widmen. Aber der Halbgott entschloß sich ungern, der Diener eines
Sterblichen zu sein; er ging nach Delphi und befragte das Orakel
darüber. Dieses gab ihm zur Antwort; die von Eurystheus erschlichene
Oberherrschaft sei von den Göttern dahin gemildert, daß
Herakles zehn Arbeiten, welche jener ihm auflegen würde, zu vollbringen
habe. Wenn solches geschehen sei, sollte er der Unsterblichkeit
teilhaftig werden.
Herakles fiel hierüber in tiefe Schwermut: einem Geringeren
zu dienen, widerstrebte seinem Selbstgefühl und deuchte ihm unter
seiner Würde; aber dem Vater Zeus nicht zu gehorchen, erschien ihm
unheilbringend und unmöglich zugleich. Diesen Augenblickersah sich Hera,
aus deren Seele die Verdienste des Herakles um die Götter den
Haß nicht zu tilgen vermocht hatten, und verwandelte seinen düsteren
Unmut in wilde Raserei. Er kam so ganz von Sinnen, daß er
seinen geliebten Vetter Jolaos ermorden wollte; als dieser entfloh,
erschoß er seine eigenen Kinder, die ihm Megara geboren hatte, im
Wahne, sein Bogen ziele nach Giganten. Es währte lange, bis er
von diesem Wahnsinn wieder frei wurde. Als er zur Erkenntnis
seines Irrtums kam, bekümmerte er sich tief über sein schweres
Unglück, verschloß sich in sein Haus und vermied allen Verkehr mit
den Menschen. Als endlich die Zeit seinen Kummer linderte. entschloß
er sich, die Aufträge des Eurystheus zu übernehmen, und kam
zu diesem nach Tiryns, das auch zu dessen Königreich gehörte.
Vie Arbeiten des Herakles
1. Der nemeische Löwe
Die erste Arbeit, welche dieser König ihm auferlegte, bestand
dann, daß Herakles ihm das Fell des nemeischen Löwen herbeibringen
sollte. Dieses Ungeheuer hauste auf dem Peloponnes in
den Wäldern zwischen Kleonä und Nemea in der Landschaft Argolis.
Der Löwe konnte mit keinen menschlichen Waffen verwundet werden.
Die einen sagten, er sei ein Sohn des Riesen Typhon und der
Schlange Echidna, die andern, er sei vom Mond auf die Erde
herabgefallen. Also zog Herakles gegen den Löwen aus und kam
auf seiner Fahrt nach Kleonä, wo er von einem armen Taglöhner,
namens Molorchos, gastfreundlich aufgenommen wurde. Er traf
diesen an, wie er eben dem Zeus ein Opfertier schlachten wollte.
"Guter Mann," sprach Herakles, "bewahre dein Tier noch dreißig
Tage am Leben. Komme ich bis dahin glücklich von der Jagd zurück,
so magst du es Zeus, dem Retter, schlachten; erliege ich aber, so
sollst du es mir selbst zum Totenopfer bringen, als einem zur Unsterblichkeit
eingegangenen Helden." So zog Herakles weiter, den
Köcher auf dem Rücken, den Bogen in der einen Hand, in der
andern eine Keule aus dem Stamme eines wilden Ölbaumes, den
er selbst auf dem Helikon angetroffen und mitsamt den Wurzeln
ausgerissen hatte. Als er in den Wald von Nemea kam, ließ
Herakles seine Augen nach allen Seiten schweifen, um das reißende
Tier zu entdecken, ehe er von ihm erblickt würde. Es war Mittag,
und nirgends konnte er die Spur des Löwen bemerken, nirgends
den Pfad zu seinem Lager erkunden; denn keinen Menschen traf er
auf dem Felde bei den Stieren oder im Walde bei den Bäumen
an, — alle hielt die Furcht in ihre fernen Gehöfte verschlossen. Den
ganzen Nachmittag durchstreifte er den dichtbelaubten Hain, entschlossen,
seine Kraft zu erproben, sobald er des Ungeheuers ansichtig
würde. Endlich gegen Abend kam der Löwe auf einem Waldwege
gelaufen, um vom Fang in seinen Erdspalt zurückzukehren. Er war
von Fleisch und Blut gesättigt, Kopf, Mähne und Brust troffen von
Mord, mit der Zunge leckte er sich das Kinn. Der Held, der ihn
von ferne kommen sah, rettete sich in einen dichten Waldbusch,
wartete, bis der Löwe näher kam, und schoß ihm dann einen Pfeil
in die Flanken zwischen Rippe und Hüfte. Aber das Geschoß drang
nicht ins Fleisch, es prallte wie von einem Steine ab und flog
zurück auf den moosigen Waldboden. Das Tier hob seinen zur
Erde gekehrten blutigen Kopf empor, ließ die Augen forschend nach
allen Seiten rollen und im aufgesperrten Rachen die entsetzlichen
Zähne sehen. So streckte es dem Halbgott die Brust entgegen, und
dieser sandte schnell einen zweiten Pfeil ab, um ihn mitten in den
Sitz des Atems zu treffen; aber auch diesmal drang das Geschoß
nicht bis unter die Haut, sondern prallte von der Brust ab und fiel
zu den Füßen des Ungetüms nieder. Herakles griff eben zum
dritten Pfeil, als der Löwe, die Augen seitwärts drehend, ihn
erblickte; er zog seinen langen Schweif an sich bis zu den hinteren
Kniekehlen, sein ganzer Nacken schwoll von Zorn auf, unter Murren
sträubte sich seine Mähne, und sein Rücken wurde krumm wie ein Bogen.
Er sann auf Kampf und ging mit einem Sprung auf seinen Feind
los; Herakles aber warf seine Pfeile aus der Hand und seine eigene
Löwenhaut vom Rücken, mit der Rechten schwang er über dem
Haupte des Tieres die Keule und versetzte ihm einen Schlag auf
den Nacken, daß es mitten im Sprunge wieder zu Boden stürzte
und auf zitternden Füßen zu stehen kam, mit dem Kopfe wackelnd.
Ehe es wieder aufatmen konnte, kam ihm Herakles zuvor; er warf
auch noch Bogen und Köcher zu Boden, um ganz ungehindert
sein, nahte dem Untier von hinten, schlang die Arme um seinen
Nacken und schnürte ihm die Kehle zu, bis es erstickte und seine
grauenvolle Seele zum Hades zurücksandte. Lange versuchte er
vergebens, die Haut des Gefallenen abzuweiden, sie wich keinem
Eisen, keinem Steine. Endlich kam ihm in den Sinn, sie mit den
Klauen des Tieres selbst abzuziehen, was auch sogleich gelang.
Später verfertigte er sich aus diesem herrlichen Löwenfell einen
Panzer und aus dem Rachen einen neuen Helm; für jetzt aber nahm
er Kleid und Waffen, in denen er gekommen war, wieder zu sich
und machte sich, das Fell des nemeischen Löwen über den Arm
gehängt, auf den Rückweg nach Tiryns. Als der König Eurystheus
ihn mit der Hülle des gräßlichen Tieres daherkommen sah, geriet
er über die göttliche Kraft des Helden in solche Angst, daß er in
ein ehernes Faß kroch. Auch ließ er forthin den Herakles nicht
mehr unter seine Augen kommen, sondern ihm seine Befehle nur
außerhalb der Mauern durch Kopreus, einen Sohn des Pelops,
zufertigen.
2. Die lernäische Hydra
Die zweite Arbeit des Helden war, die Hydra zu erlegen, die
ebenfalls eine Tochter des Typhon und der Echidna war. Diese,
zu Argolis im Sumpfe von Lerna aufgewachsen, kam aufs Land
heraus, zerriß die Herden und verwüstete das Feld. Die Hydra
war unmäßig groß, eine Schlange mit neun Häuptern, von denen
acht sterblich, das in der Mitte stehende aber unsterblich war. Herakles
ging auch diesem Kampfe mutig entgegen. Er bestieg sofort einen
Wagen; sein geliebter Neffe Jolaos, der Sohn seines Stiefbruders
Jphikles, der lange Zeit sein unzertrennlicher Gefährte blieb, setzte
sich als Rosselenker an die Seite, und so ging es im Fluge Lerna
zu. Endlich wurde die Hydra auf einem Hügel bei den Quellen
der Amymone sichtbar, wo sich ihre Höhle befand. Hier ließ Jolaos
die Pferde halten; Herakles sprang vom Wagen und zwang durch
Schüsse mit brennenden Pfeilen die vielköpfige Schlange, ihren
Schlupfwinkel zu verlassen. Sie kam zischend hervor, und ihre neun
Hälse schwankten aufgerichtet auf dem Leibe, wie die Äste eines
Baumes im Sturme. Herakles ging ihr unerschrocken entgegen, packte
sie kräftig und hielt sie fest. Sie aber umschlang einen seiner Füße,
ohne sich auf weitere Gegenwehr einzulassen. Nun fing er an, mit
seinem Sichelschwerte ihr die Köpfe abzuschlagen. Aber er konnte
nicht zum Ziele kommen. War ein Haupt abgeschlagen, so wuchsen
deren zwei hervor. Zugleich kam der Hydra ein Riesenkrebs zu
Hilfe, der den Helden empfindlich in den Fuß kneipte. Den tötete
er jedoch mit seiner Keule und rief dann den Jolaos zu Hilfe.
Dieser hatte schon eine Fackel gerüstet. Er zündete damit einen Teil
des nahen Waldes an, und mit den Bränden überfuhr er die neu
wachsenden Häupter der Schlange bei ihrem ersten Emporkeimen
und hinderte sie so hervorzutreiben. Auf diese Weise wurde der
Held der emporwachsenden Köpfe Meister und schlug nun der Hydra
auch das unsterbliche Haupt ab; dieses begrub er am Wege und
wälzte einen schweren Stein darüber. Den Rumpf der Hydra
spaltete er in zwei Teile, seine Pfeile aber tauchte er in ihr Blut,
das giftig war. Seitdem schlug des Helden Geschoß unheilbare
Wunden.
3. Die Hirschkuh Kerynitis
Der dritte Auftrag des Eurystheus war, die Hirschkuh Kerynitis
lebendig zu fangen. Dies war ein herrliches Tier, hatte goldene Ge
weihe und eherne Füße und weidete auf einem Hügel Arkadiens.
Sie war eine der fünf Hindinnen gewesen, an welchen die Göttin
Artemis ihre erste Jagdprobe abgelegt hatte. Diese allein von den
fünfen hatte sie wieder in die Wälder laufen lassen, weil es vom
Schicksal beschlossen war, daß Herakles sich einmal daran müde
jagen sollte. Ein ganzes Jahr verfolgte er sie, kam auf dieser Jagd
zu den Quellen des Isterflusses und holte die Hindin endlich am
Flusse Ladon am artemisischen Vorgebirge ein. Doch wußte er des
Tieres nicht auf andere Weise Meister zu werden, als daß er es
durch einen Pfeilschuß lähmte und dann auf seinen Schultern durch
Arkadien trug. Hier begegnete ihm die Göttin Artemis mit Apollon,
schalt ihn, daß er das Tier, das ihr geheiligt war, habe töten wollen,
und machte Miene, ihm die Beute zu entreissen. "Nicht Mutwille
hat mich bewogen, große Göttin," sprach Herakles zu seiner Rechtfertigung,
"die Notwendigkeit hat mich gezwungen, so zu tun. Wie
könnte ich sonst vor Eurystheus bestehen?" So besänftigte er den
Zorn der Göttin und brachte das Tier lebendig nach Mykene.
4. Der erymanthische Eber
Sofort ging es an die vierte Unternehmung. Sie bestand
darin, den erymanthischen Eber, der, gleichfalls der Artemis geheiligt,
die Gegend des Berges Erymanthos verwüstete, lebendig nach
Mykene zu liefern. Auf seiner Wanderung nach diesem Abenteuer
kehrte Herakles unterwegs bei Pholos, dem Sohne des Silenos, ein.
Dieser, der wie alle Kentauren halb Mensch, halb Roß war, empfing
seinen Gast sehr freundlich und setzte ihm das Fleisch gebraten
vor, während er selbst es roh verzehrte. Aber Herakles begehrte zu
der feinen Mahlzeit auch einen guten Trunk. "Lieber Gast,"sprach
Pholos, "es liegt wohl ein Faß in meinem Keller, dieses aber gehört
allen Kentauren gemeinschaftlich, und ich trage Bedenken, es
öffnen zu lassen, weil ich weiß, wie wenig die Kentauren nach
Gästen fragen." — ,Öffne es nur guten Mutes," erwiderte Herakles,
"ich verspreche dir, dich gegen alle ihre Anfälle zu verteidigen; mich
dürstet!" Es hatte aber dieses Faß Bacchos, der Gott des Weines,
selbst einem Kentauren mit dem Befehl übergeben, dasselbe nicht
eher zu eröffnen, als bis nach vier Menschenaltern Herakles in dieser
Gegend einkehren würde. So ging denn Photos in den Keller; kaum
aber hatte er das Faß eröffnet, so rochen die Kentauren den Duft
des starken, alten Weines und umringten, haufenweise herbeiströmend,
mit Felsstücken und Fichtenstämmen bewaffnet, die Höhle des Pholos.
Die ersten, die es wagten einzudringen, jagte Herakles mit geschleuderten
Feuerbränden zurück; die übrigen verfolgte er mit Pfeilschüssen
bis nach Malea, wo der gute Kentaur Cheiron, des Herakles alter
Freund, wohnte. Zu diesem flüchteten seine Stammesbrüder. Aber
Herakles hatte, als sie eben mit ihm zusammentrafen, auf sie mit
dem Bogen gezielt und schoß einen Pfeil ab, der, durch den Arm
eines andern Kentauren dringend, unglücklicherweise in das Knie
Cheirons fuhr und dort stecken blieb. Jetzt erst erkannte Herakles
den Freund seiner früheren Tage, lief bekümmert hinzu, zog den
Pfeil heraus und legte ein Heilmittel auf, das der arzneikundige
Cheiron selbst hergegeben hatte. Aber die Wunde, vom Gifte der
Hydra durchdrungen, war unheilbar; Cheiron ließ sich in seine Höhle
bringen und wünschte hier in den Armen seines Freundes zu sterben.
Vergeblicher Wunsch! Der Arme hatte nicht daran gedacht, daß er
zu seiner Qual unsterblich sei. Herakles nahm von dem Gequälten
unter vielen Tränen Abschied und versprach, ihm, es koste, was es
wolle, den Tod, den Erlöser, zu senden. Wir wissen, daß er Wort
gehalten hat. Als Herakles von der Verfolgung der übrigen Kentauren
in seines Freundes Höhle zurückkehrte, fand er Pholos, seinen
liebreichen Wirt, auch tot. Dieser hatte aus einem Kentaurenleichnam
den Todespfeil gezogen; während er sich nun wunderte, wie ein so
kleines Ding so große Geschöpfe hatte niederwerfen können, entglitt das
vergiftete Geschoß seiner Hand, fuhr ihm in den Fuß und tötete ihn
auf der Stelle. Herakles war sehr betrübt; er bestattete ihn ehrenvoll,
indem er ihn unter den Berg legte, der seitdem Pholoe genannt ward.
Dann ging er weiter, den Eber zu jagen. Er trieb denselben mit
Geschrei aus dem Dickicht des Waldes heraus, verfolgte ihn ins
tiefe Schneefeld, fing hier das erschöpfte Tier mit einem Strick und
brachte es, wie ihm befohlen war, lebendig nach Mykene.
5. Die Reinigung des Augiasstalles
Darauf schickte ihn der König Eurystheus zur fünften Arbeit
fort, die eines Helden wenig würdig war. Er sollte den Viehhof
des Augias in einem einzigen Tage ausmisten. Augias war König
in Elis und hatte eine Menge Viehherden. Sein Vieh stand nach
Art der Alten in einer großen Verzäunung vor dem Palast. Dreitausend
Rinder waren da geraume Zeit gestanden, und so hatte sich
seit vielen Jahren eine unendliche Menge Mist angehäuft, den nun
Herakles zur Schmach und, was unmöglich schien, in einem einzigen
Tage hinausschaffen sollte.
Als der Held vor den König Augias trat und, ohne etwas von
dem Austrage des Eurystheus zu erwähnen, sich zu dem genannten
Dienste erbot, maß dieser die herrliche Gestalt in der Löwenhaut
und konnte kaum das Lachen unterdrücken, wenn er dachte, daß
einen so edlen Krieger nach so gemeinem Knechtsdienst gelüsten könne.
Indessen dachte er bei sich: der Eigennutz hat schon so manchen
wackeren Mann verführt; es mag sein, daß er sich bei mir bereichern
will. Das wird ihm wenig helfen. Ich darf ihm immerhin
einen großen Lohn versprechen, wenn er mir den ganzen Stall
ausmistet, denn er wird in einem Tage wenig genug hinaustragen.
Darum sprach er getrost: "Höre, Fremdling, wenn du das kannst und
mir an einem Tage all den Mist hinausschaffest, so will ich dir den
zehnten Teil meines ganzen Viehstandes zur Belohnung überlassen."
Herakles ging die Bedingung ein, und der König dachte nicht anders,
als daß er zu schaufeln anfangen würde. Herakles aber, nachdem
er zuvor den Sohn des Augias, Phyleus, zum Zeugen jenes Vertrages
genommen hatte, riß den Grund des Viehhofes auf der einen
Seite auf, leitete die nicht weit davon fließenden Ströme Alpheos
und Peneos durch einen Kanal herzu und ließ sie den Mist wegspülen
und durch eine andere Öffnung wieder ausströmen. So vollzog
er einen schmachvollen Auftrag, ohne sich zu einer Handlung zu
erniedrigen, die eines Unsterblichen unwürdig gewesen wäre. Als
Augias erfuhr, daß dies von Herakles im Auftrag des Eurystheus
geschehen sei, verweigerte er den Lohn und leugnete geradezu, ihn
versprochen zu haben; doch erklärte er sich bereit, die Streitsache
einem richterlichen Spruche anheimzustellen. Als die Richter beisammen
saßen, das Urteil zu fällen, trat Phyleus, von Herakles aufgefordert,
auf, zeugte gegen seinen eigenen Vater und erklärte, daß
dieser allerdings über einen Lohn mit Herakles übereingekommen sei.
Augias wartete den Spruch nicht ab, er ergrimmte und befahl dem
Sohne wie dem Fremdling, sein Reich auf der Stelle zu verlassen.
6. Die Stymphaliden
Herakles kehrte nun unter neuen Abenteuern zu Eurystheus zurück.
Dieser aber wollte die eben vollbrachte Arbeit nicht gültig erscheinen
lassen, weil Herakles Lohn dafür gefordert habe. Demnach schickte
er ihn sogleich wieder auf ein sechstes Abenteuer aus und gab ihm
auf, die Stymphaliden zu verjagen. Dies waren ungeheure Raubvögel,
so groß wie Kraniche, mit eisernen Flügeln, Schnäbeln und
Klauen versehen. Sie hausten um den See Stymphalos in Arkadien
und besaßen die Macht, ihre Federn wie Pfeile abzudrucken
und mit ihren Schnäbeln selbst eherne Panzer zu durchbrechen; dadurch
richteten sie in der Umgegend unter Menschen und Vieh große
Verwüstungen an. Herakles, des Wanderns gewohnt, langte nach
kurzer Reise bei dem See an, der von einem großen Gehölz dicht
umschattet ruhte. In diesen Wald hatte sich eben eine unermeßliche
Schar jener Vögel geflüchtet, aus Furcht, von den Wölfen geraubt
zu werden. Herakles stand ratlos da, als er die ungeheure
Menge erblickte und nicht wußte, wie er über so viele Feinde Meister
werden sollte. Auf einmal fühlte er einen leichten Schlag auf der
Schulter; hinter sich blickend. ward er Athenes Riesenerscheinung
gewahr, die ihm zwei mächtige eherne Klappern in die Hände gab,
welche Hephästos ihr verfertigt hatte; sie bedeutete ihm, diese gegen
die Stymphaliden anzuwenden, und verschwand wieder. Herakles
bestieg nun eine Anhöhe in der Nähe des Sees und schreckte die
Vögel, indem er die Klappern zusammenschlug. Diese hielten das
gellende Getöse nicht aus, sondern flogen furchtsam aus dem Walde
hervor. Darauf griff Herakles zum Bogen, legte Pfeil um Pfeil
an und schoß ihrer viele im Fluge weg. Die andern verließen die
Gegend und kamen nicht wieder.
7. Der Minotauros
Der König Minos in Kreta hatte dem Gott Poseidon versprochen,
ihm zu opfern, was zuerst aus dem Meere auftauchen
würde; denn Minos hatte behauptet, daß er kein Tier besitze, das
würdig sei, zu einem so hohen Opfer zu dienen. Darum ließ der
Gott einen ausnehmend schönen Ochsen aus dem Meere aufsteigen.
Den König aber verleitete die herrliche Gestalt des Stieres, der sich
seinen Blicken darbot, denselben heimlich unter seine Herden zu
stecken und dem Poseidon einen andern als Opfer unterzuschieben.
Hierüber erzürnt, hatte der Meergott zur Strafe den Stier rasend
werden lassen, und dieser richtete nun auf der Insel Kreta große
Verwüstungen an. Diesen Stier zu bändigen und vor Eurystheus
zu bringen, wurde dem Herakles als siebente Arbeit aufgetragen.
Als er mit seinem Ansinnen nach Kreta und vor Minos kam, war
dieser nicht wenig erfreut über die Aussicht, den Verderber der
Insel loszuwerden, ja er half ihm selbst das wütende Tier einfangen,
und die Heldenkraft des Herakles bändigte den rasenden
Ochsen so gründlich, daß, um den Stier nach dem Peloponnes zu
schaffen, er sich von demselben auf dem ganzen Wege durch die
See wie von einem Schiffe tragen ließ. Mit dieser Arbeit war
Eurystheus zufrieden, ließ jedoch das Tier, nachdem er es eine kurze
Zeit mit Wohlgefallen betrachtet, sofort wieder frei. Als der Stier
nicht mehr im Banne des Herakles war, kehrte seine alte Raserei
zurück, er durchirrte ganz Lakonien und Arkadien, streifte über den
Jsthmos nach Marathon in Attika und verheerte hier das, Land
wie vordem auf der Insel Kreta. Erst dem Theseus gelang es
später, Meister über ihn zu werden.
8. Die Stuten des Diomedes.
Als achte Arbeit trug nun sein Vetter dem Herakles auf, die
Stuten des Thrashers Diomedes nach Mykene zu bringen. Dieser
war ein Sohn des Ares und König der Bistonen, eines sehr
kriegerischen Volkes. Er besaß Stuten, die so wild und stark
waren, daß man sie an eherne Krippen mit eisernen Ketten
band. Ihr Futter bestand nicht aus Hafer, sondern die Fremdlinge,
welche das Unglück hatten, in die Stadt des Königs zu kommen,
wurden ihnen vorgeworfen, und das Fleisch derselben diente den
Rossen zur Nahrung. Als Herakles ankam, war sein erstes, den
unmenschlichen König selbst zu fassen und ihn seinen eigenen Stuten
vorzuwerfen, nachdem er die bei den Krippen aufgestellten Wächter
übermannt hatte. Durch diese Speise wurden die Tiere zahm, und
er trieb sie nun ans Gestade des Meeres. Aber die Bistonen
kamen unter Waffen hinter ihm her, daß Herakles sich umwenden
und gegen sie kämpfen mußte. Er gab die Stuten seinem Liebling
und Begleiter Abderos, dem Sohne des Hermes, zu bewachen. Als
Herakles fort war, kam die Stuten wieder ein Gelüste nach Menschenfleisch
an, und Herakles fand, als er die Bistonen in die Flucht geschlagen
hatte und zurückgekehrt war, seinen Freund von den Stuten
zerrissen. Er betrauerte den Getöteten und gründete ihm zu Ehren
eine Stadt seines Namens. Dann bändigte er die Stuten wieder
und gelangte glücklich mit ihnen zu Eurystheus. Dieser weihte die
Pferde der Hera. Ihre Nachkommenschaft dauerte noch lange fort,
ja der König Alexander von Makedonien ritt noch auf einem Abkömmling
derselben. Nachdem Herakles diese Arbeit ausgeführt,
schiffte er sich mit dem Heere des Jason, der das goldene Vließ
holen sollte, nach Kolchis ein, wovon wir schon erzählt haben. (S. 52.)
g. Das Wehrgehenk der Amazonenkönigin
Von langer Irrfahrt zurückgekehrt, unternahm der Held den
Zug gegen die Amazonen, um das neunte Abenteuer zu bestehen
und das Wehrgehenk der Amazone Hippolyta dem Eurystheus zu
bringen. Die Amazonen bewohnten die Gegend um den Fluß
Thermodon in Pontos und waren ein großes Frauenvolk, das
einzig Männerwerk trieb. Von ihren Kindern erzogen sie nur diejenigen,
die weiblichen Geschlechts waren. In Scharen vereinigt,
zogen sie zu Kriegen aus. Hippolyta, ihre Königin, trug als Zeichen
ihrer Herrscherwürde den genannten Gürtel, den sie vom Kriegsgott
selbst zum Geschenk erhalten hatte. Herakles sammelte zu seinem
Zuge freiwillige Kampfgenossen auf einem Schiffe, fuhr nach mancherlei
Ereignissen ins Schwarze Meer und lief endlich in die Mündung
des Flusses Thermodon und in den Hafen der Amazonenstadt Themis
ein. Hier kam ihm die Königin der Amazonen entgegen.
Das herrliche Aussehen des Helden flößte ihr Hochachtung ein, und
als sie die Absicht seines Kommens erkundet, versprach sie ihm das
Wehrgehenk. Aber Hera, die unversöhnliche Feindin des Herakles,
nahm die Gestalt einer Amazone an, mischte sich unter die Menge
der übrigen und breitete das Gerücht aus, daß ein Fremder ihre
Königin entführe. Augenblicklich schwangen sich alle Männinnen
zu Pferde und griffen den Halbgott in dem Lager an, das er vor
der Stadt aufgeschlagen hatte. Die gemeinen Amazonen fochten mit
den Kriegern des Helden, die vornehmsten aber stellten sich ihm
selbst gegenüber und bereiteten ihm einen schweren Kampf. Die
erste, die den Streit mit ihm begann, hieß von ihrer Schnelligkeit
Aella oder Windsbraut, aber sie fand an Herakles einen noch
schnelleren Gegner; mußte weichen und ward auf windschneller
Flucht von ihm eingeholt und niedergemacht. Eine zweite fiel auf
den ersten Angriff, dann Prothoe, die dritte, die siebenmal im
Zweikampfe gesiegt hatte. Nach ihr erlagen acht andere, darunter
drei Jagdgefährtinnen der Artemis, die sonst immer so sicher mit
dem Wurfspieße getroffen hatten, nur diesmal ihr Ziel verfehlten
und, vergebens unter ihren Schilden sich deckend, den Pfeilen des
Heros erlagen. Auch Alkippe fiel, die geschworen hatte, ihr Leben
lang unvermählt zu bleiben; den Schwur hielt sie, aber am Leben
blieb sie nicht. Nachdem auch Melanippe, die tapfere Führerin der
Amazonen, gefangen war; griffen alle zur wilden Flucht, und Hippolyta,
die Königin, gab das Wehrgehenk heraus, wie sie auch vor
der Schlacht versprochen hatte. Herakles nahm es als Lösegeld an
und gab Melanippe dafür frei. Auf der Rückfahrt bestand der
Held ein neues Abenteuer. Hier war Hesione, Laomedons Tochter,
an einen Felsen gebunden und einem Ungeheuer zum Fraß ausgesetzt.
Ihrem Vater hatte Poseidon die Mauern von Troja erbaut
und den Lohn nicht erhalten; dafür verwüstete ein Seeuntier Trojas
Gebiet so lange, bis der verzweifelnde Laomedon ihm seine eigene
Tochter preisgab. Als Herakles vorüberfuhr, rief ihn der jammernde
Vater zu Hilfe und versprach ihm, für die Rettung der Tochter die
herrlichen Rosse zu geben, die sein Vater von Zeus zum Geschenk
bekommen hatte. Herakles legte an und erwartete das Ungetüm.
Als es kam und den Rachen aussperrte, die Jungfrau zu verschlingen,
sprang er selbst in den Rachen des Tieres, zerschnitt ihm alle Eingeweide
und stieg aus dem Getöteten wie aus einer Mördergrube
wieder hervor. Aber Laomedon hielt auch diesmal sein Wort nicht,
und Herakles fuhr unter Drohungen davon.
10. Die Rinder des Geryones
Als der Held das Wehrgehenk der Königin Hippolyta zu
Eurystheus' Füßen niedergelegt hatte, gönnte dieser ihm keine Rast,
sondern schickte ihn sogleich wieder aus, die Rinder des Riesen Geryones
herbeizuschaffen. Dieser besaß auf der Insel Erythea im Meerbusen
von Gadira (Cadix) eine Herde schöner, braunroter Rinder. die ein
anderer Riese und ein zweiköpfiger Hund ihm hüteten. Geryones
selbst war ungeheuer groß, hatte drei Leiber, drei Köpfe, sechs Arme
und sechs Füße. Kein Erdensohn hatte sich je an ihn gewagt;
Herakles sah wohl, wie viele Vorbereitungen dieses beschwerliche
Unternehmen erforderte. Es war weltbekannt, daß des Geryones
Vater Chrysaor, der den Namen Goldschwert von seinem Reichtum
hatte, König von Iberien (Spanien) war, daß außer Geryones noch
drei tapfere und riesige Söhne für ihn stritten und jeder Sohn ein
zahlreiches Heer von streitbaren Männern unter seinem Befehl hatte.
Eben darum hatte Eurystheus dem Herakles jene Arbeit aufgetragen,
denn er hoffte, auf einem Kriegszuge in ein solches Land werde er
sein verhaßtes Leben doch endlich lassen müssen. Doch Herakles ging
den Gefahren nicht erschrockener entgegen als allen seinen früheren
Taten. Er sammelte sein Heer auf der Insel Kreta, die er von
wilden Tieren befreit hatte, und landete zuerst in Libyen. Hier rang
er mit dem Riesen Antäos, der neue Kräfte erhielt, sooft er die
Erde berührte; aber Herakles hielt ihn in die freie Lust empor und
drückte ihn da zu Tode. Auch reinigte er Libyen von den Raubtieren;
denn er haßte wilde Tiere und ruchlose Menschen, weil er in
ihnen allen das Bild des übermütigen und ungerechten Herrschers
erblickte, dem er so lange dienstbar gewesen war.
Nach einer langen Wanderung durch wasserlose Gegenden kam
er endlich in ein fruchtbares, von Flüssen durchströmtes Gebiet. Hier
gründete er eine Stadt von ungeheurer Größe und nannte sie Hekatompylos
(Hunderttor). Zuletzt gelangte er an den Atlantischen Ozean,
gegenüber von Gadira; hier pflanzte er auch die beiden berühmten
Heraklessäulen auf. Die Sonne brannte entsetzlich. Herakles ertrug
es nicht länger, er richtete seine Augen nach dem Himmel und drohte
mit aufgehobenem Bogen, den Sonnengott niederzuschießen. Dieser
bewunderte seinen Mut und lieh ihm, um weiter zu kommen, die
goldene Schale, in welcher der Sonnengott selbst seinen nächtlichen
Weg vom Niedergang bis zu Aufgang zurücklegt. Auf dieser fuhr
Herakles mit seiner nebenher segelnden Flotte nach Iberien hinüber.
Hier fand er die drei Söhne des Chrysaor mit drei großen Heeren,
einen nicht weit vom andern gelagert, er aber erlegte die Anführer
alle im Zweikampfe und eroberte das Land. Dann kam er nach
der Insel Erythea, wo Geryones mit seinen Herden hauste. Sobald
der doppelköpfige Hund seine Ankunft inne ward, fuhr er auf ihn
los, allein Herakles empfing ihn mit dem Knüttel, erschlug ihn und
darauf auch den riesigen Rinderhirten, der dem Hunde zu Hilfe
gekommen war. Dann eilte er mit den Rindern davon, aber Geryones
holte ihn ein, und es kam zu einem schweren Kampfe. Hera selbst
erschien, dem Riesen beizustehen, doch Herakles schoß ihr einen Pfeil
tief in die Brust, daß die Göttin verwundet entfliehen mußte. Auch
der dreifache Leib des Riesen, der in der Gegend des Magens zusammenlief,
fing hier den tödlichen Pfeil auf und mußte erliegen.
Unter glorreichen Taten vollbrachte Herakles seinen Rückweg, indem
er zu Lande die Rinder durch Iberien und Italien trieb. Bei Rhegium
in Unteritalien entlief ihm einer seiner Ochsen, setzte über die Meerenge
und entkam so nach Sizilien. Sogleich trieb er auch die andern
Ochsen ins Wasser und schwamm, indem er einen Stier am Horn
faßte, so nach Sizilien hinüber. Unter mancherlei Taten kam der
Held nun glücklich über Italien, Illyrien und Thrakien nach Griechenland
zurück und in dem Jsthmos an.
Jetzt hatte Herakles zehn Arbeiten vollbracht, weil aber Eurystheus
zwei nicht gelten ließ, so mußte er sich bequemen, noch zwei
weitere zu verrichten.
11. Die goldenen Äpfel der Hesperiden
Einst, bei der feierlichen Vermählung des Zeus mit Hera, als
alle Götter dem erhabenen Paar ihre Hochzeitsgeschenke darbrachten,
wollte auch Gäa (die Erde) nicht zurückbleiben; sie ließ am Westgestade
des großen Weltmeeres einen ästereichen Baum voll goldener
Äpfel hervorwachsen. Vier Jungfrauen, Hesperiden genannt, Töchter
der Nacht, waren die Wächterinnen dieses heiligen Gartens. den
außerdem noch ein hundertköpfiger Drache bewachte, Ladon, ein
Sprößling des Phorkys, des berühmten Vaters so vieler Ungeheuer,
und der erdgeborenen Keto. Kein Schlaf kam je über die Augen
dieses Drachen, und ein fürchterliches Gezisch verkündete seine Nähe;
denn jede seiner hundert Kehlen ließ eine andere Stimme hören.
Diesem Ungeheuer, so lautete der Befehl des Eurystheus, sollte
Herakles die goldenen Äpfel der Hesperiden entreißen. Der Halb
gott machte sich auf den langen und abenteuervollen Weg, auf
welchem er sich dem blinden Zufall überließ, denn er wußte nicht,
wo die Hesperiden wohnten. Zuerst gelangte er nach Thessalien, wo
der Riese Termeros hauste, der alle Reisenden, denen er begegnete,
mit seinem harten Hirnkasten zu Tode rannte. Aber an des göttlichen
Herakles Schädel zersplitterte das Haupt des Riesen. Weiter
vorwärts, am Flusse Echedoros, kam dem Helden ein anderes Ungetüm
in den Weg, Kyknos, der Sohn des Ares und der Pyrene.
Dieser, von dem Halbgott nach den Gärten der Hesperiden befragt,
forderte statt aller Antwort den Wanderer zum Zweikampf heraus
und wurde von Herakles erschlagen. Da erschien Ares, der Gott
selbst, den getöteten Sohn zu rächen, und Herakles sah sich gezwungen,
mit ihm zu kämpfen. Aber Zeus wollte nicht, daß seine Söhne
Bruderblut vergossen, und ein plötzlich mitten zwischen beide geschleuderter
Blitz trennte die Kämpfer. Herakles schritt nun weiter
durchs illyrische Land, eilte über den Fluß Eridanos und kam zu
den Nymphen des Zeus und der Themis. die an den Ufern dieses
Stromes wohnten. Auch an sie richtete der Held seine Frage. "Geh
zu dem alten Stromgott Nereus," war ihre Antwort, der ist ein
Wahrsager und weiß alle Dinge. überfall ihn im Schlafe und binde
ihn, so wird er gezwungen den rechten Weg dir angeben." Herakles
befolgte diesen Rat und bemächtigte sich des Flußgottes, obgleich
dieser nach seiner Gewohnheit sich in allerlei Gestalten verwandelte.
Er ließ ihn nicht eher los, bis er erkundet hatte, in welcher Weltgegend
er die goldenen Äpfel der Hesperiden antreffen werde. Hierüber
belehrt, durchzog er weiter Libyen und Ägypten. über das
letzere Land herrschte Busiris, der Sohn des Poseidon und der
Lysianassa. Ihm war bei einer neunjährigen Teuerung durch einen
Wahrsager aus Cypern das grausame Orakel geworden, daß die
Unfruchtbarkeit aufhören sollte, wenn dem Zeus jährlich ein fremder
Mann geschlachtet würde. Zum Danke machte Busiris den Anfang
mit dem Wahrsager selbst; allmählich fand der Barbar einen Gefallen
an dieser Gewohnheit und schlachtete alle Fremdlinge, welche nach
Ägypten kamen. So wurde denn auch Herakles ergriffen und zu
den Altären des Zeus geschleppt. Er aber riß die Bande, die ihn
fesselten, entzwei und erschlug den Busiris mitsamt seinem Sohn und
dem priesterlichen Herold. Unter mancherlei Abenteuern zog der
Held weiter, befreite, wie schon erzählt worden ist, den an den
Kaukasos geschmiedeten Titanen Prometheus und gelangte endlich
nach der Anweisung des Befreiten in das Land, wo Atlas die
Last des Himmels trug, und in dessen Nähe der Baum mit den
goldenen Äpfeln von den Hesperiden gehütet wurde. Prometheus
hatte dem Halbgott geraten, sich nicht selbst dem Raube der goldenen
Früchte zu unterziehen, sondern den Atlas auf diesen Fang auszusenden
Atlas bezeigte sich willig, und Herakles stemmte einstweilen
die mächtigen Schultern dem Himmelsgewölbe unter. Jener
dagegen machte sich auf, schläferte den um den Baum sich ringelnden
Drachen ein, tötete ihn, überlistete die Hüterinnen und kam mit
drei Äpfeln, die er gepflückt, glücklich zu Herakles. Aber," sprach
er, "meine Schultern haben nun einmal empfunden, wie es schmeckt,
wenn der eherne Himmel nicht auf ihnen lastet. Ich mag ihn fürder
nicht wieder tragen." So warf er die Äpfel vor dem Halbgott auf
den Rasen und ließ diesen mit der ungewohnten. unerträglichen Last
stehen. Herakles mußte auf eine List sinnen, um loszukommen. "Laß
mich," sprach er zu dem Himmelsträger, "nur einen Bausch von
Stricken um den Kopf winden, damit mir die entsetzliche Last nicht
das Gehirn zersprengt." Atlas fand die Forderung billig und stellte
sich, nach seiner Meinung auf wenige Augenblicke, dem Himmel
wieder unter. Aber er konnte lange warten, bis Herakles ihn wieder
ablöste, und der Betrüger wurde zum Betrogenen. Senn jener hatte
nicht so bald die Äpfel vom Rasen aufgelesen, als er mit den goldenen
Früchten sich aus dem Staube machte. Er brachte diese dem
Eurystheus, der sie, da sein Zweck, den Herakles aus dem Wege zu
räumen, doch nicht erreicht war, dem Helden wieder als Geschenk
zurückgab. Der legte sie auf dem Altar Athenes nieder; die Göttin
aber wußte, daß es der heiligen Bestimmung dieser göttlichen Früchte
zuwider war, irgendwo anders niedergelegt zu werden, und so trug
sie die Äpfel wieder in den Garten der Hesperiden zurück.
12. Kerberos, der Höllenhund
Statt den verhaßten Nebenbuhler zu vernichten, hatten die ihm
bisher von Eurystheus aufgetragenen Arbeiten den Herakles nur in
dem Berufe verherrlicht, der ihm vom Schicksal angewiesen war; sie
hatten ihn als Vertilger jeder Unmenschlichkeit auf Erden, als den
echt menschlichen Wohltäter der Sterblichen dargestellt. Das letzte
Abenteuer aber sollte er in einer Region bestehen, wohin ihn — so
hoffte der arglistige König —seine Heldenkraft nicht begleiten würde.
Ein Kampf mit den finstern Mächten der Unterwelt stand ihm bevor:
er sollte Kerberos, den Höllenhund, aus dem Hades heraufbringen.
Das Untier hatte drei Hundsköpfe mit gräßlichen Rachen, aus denen
unaufhörlich giftiger Geifer träufelte, ein Drachenschwanz hing ihm
vom Leibe herunter, und das Haar der Köpfe und des Rückens
bildeten zischende, geringelte Schlangen. Sich für diese grausenerregende
Fahrt zu befähigen, ging Herakles in die Stadt Eleusis
im attischen Gebiet; wo eine Geheimlehre über göttliche Dinge der
Ober- und Unterwelt von kundigen Priestern gehegt wurde, und ließ
sich von dem Priester Eumolpos in die dortigen Geheimnisse einweihen,
nachdem er an heiliger Stätte vom Morde der Kentauren
entsündigt worden war. So mit geheimer Kraft, den Schrecken der
Unterwelt zu begegnen, ausgerüstet, wanderte er in den Peloponnes
und nach der lakonischen Stadt Tänaros, wo sich die Mündung der
Unterwelt befand. Hier stieg er, von Hermes, dem Begleiter der
Seelen, geleitet, die tiefe Erdkluft hinab und kam zur Unterwelt
vor die Stadt des Königs Hades. Die Schatten, die vor den Toren
der Hadesstadt traurig lustwandelten, — denn in der Unterwelt ist
kein heiteres Leben wie im Sonnenlicht — ergriffen die Flucht, als
sie Fleisch und Blut in lebendiger Menschengestalt erblickten; nur
die Gorgone Medusa und der Geist des Meleagros hielten stand.
Nach jener wollte Herakles einen Schwertstreich führen, aber Hermes
fiel ihm in den Arm und belehrte ihn, daß die Seelen der Abgeschiedenen
leere Schattenbilder und vom Schwerte nicht verwundbar
seien. Mit der Seele des Meleagros dagegen unterhielt sich der
Halbgott freundlich und empfing von ihm sehnsüchtige Grüße für die
Oberwelt an seine geliebte Schwester Deianira. Ganz nahe zu den
Pforten des Hades gekommen, erblickte er seine Freunde Theseus
und Pirithoos; der letztere hatte sich in der Unterwelt, vom andern
begleitet, als Freier der Persephone eingefunden, und beide waren
wegen dieses frechen Unterfangens von Hades an den Stein, auf
den die Ermüdeten sich niedergelassen hatten, gefesselt worden. Als
beide den befreundeten Halbgott erblickten, streckten sie flehend die
Hände nach ihm aus und zitterten vor Hoffnung, durch seine Kraft
die Oberwelt wieder erklimmen zu können. Den Theseus ergriff
auch Herakles wirklich bei der Hand, befreite ihn von seinen Banden
und richtete ihn vom Boden, an dem er gefesselt gelegen hatte,
wieder auf. Ein zweiter Versuch, auch den Pirithoos zu befreien,
mißlang, denn die Erde fing an, ihm unter den Füßen zu beben.
Vorschreitend, erkannte Herakles auch den Askalaphos, der einst verraten
hatte, daß Persephone von den die Rückkehr verwehrenden Granatäpfeln
des Hades gegessen; er wälzte den Stein ab, den Demeter in
Verzweiflung über den Verlust ihrer Tochter auf ihn gewälzt hatte.
Dann fiel er unter die Herden des Hades und schlachtete eines der
Rinder, um die Seelen mit Blut zu tränken; dies wollte der Hirt
dieser Rinder. Menötios, nicht gestatten und forderte deswegen den
Helden zum Ringkampf auf. Herakles aber faßte ihn mitten um
den Leib, zerbrach ihm die Rippen und gab ihn nur auf Bitten
der Unterweltsfürstin Persephone selbst wieder frei. Am Tore der
Totenstadt stand der König Hades und verwehrte ihm den Eintritt.
Aber das Pfeilgeschoß des Heroen durchbohrte den Gott an der
Schulter, daß er Qualen der Sterblichen empfand und, als der
Halbgott nun bescheiden um Entführung des Höllenhundes bat, sich
nicht länger widersetzte. Doch forderte er als Bedingung, daß
Herakles sich desselben bemächtigen sollte, ohne die Waffen zu gebrauchen,
die er bei sich führe. So ging der Held, einzig mit
seinem Brustharnisch bedeckt und mit der Löwenhaut umhangen, aus,
das Untier zu fangen. Er fand ihn an der Mündung des Acheron
hingekauert, und ohne auf das Bellen des Dreikopfes zu achten, das
wie ein sich in Widerhallen vervielfältigender dumpfer Donner tönte,
nahm er die Köpfe zwischen die Beine, umschlang den Hals mit den
Armen und ließ ihn nicht los, obgleich der Schwanz des Tieres,
der ein lebendiger Drache war, sich vorwärts bäumte und der
Drache ihn in die Weiche biß. Er hielt den Nacken des Ungetüms
fest und schnürte ihn so lange zu, bis er über das ungebärdige
Tier Meister ward; dann hob er es auf und gelangte durch eine
andere Mündung des Hades bei Trözen im argolischen Lande
glücklich wieder zur Oberwelt. Als der Höllenhund das Tageslicht
erblickte, entsetzte er sich und fing an, den Geifer von sich zu
speien; davon wuchs der giftige Eisenhut aus dem Boden hervor.
Herakles brachte das Ungeheuer in Fesseln sofort nach Tiryns und
hielt es dem staunenden Eurystheus, der seinen eigenen Augen nicht
traute, entgegen. Jetzt verzweifelte der König daran, jemals den
verhaßten Zeussohn los zu werden, ergab sich in sein Schicksal und
entließ den Helden, der den Höllenhund seinem Eigentümer zurück
in die Unterwelt brachte.
Herakles bei Admetos
Zu Pherä in Thessalien lebte der edle König Admetos mit
seiner jungen und schönen Gemahlin Alkestis, die ihren Gatten über
alles liebte, von blühenden Kindern umringt, von glücklichen Untertanen
geliebt. In früherer Zeit, als Apollon, der die Kyklopen getötet
hatte, aus dem Olymp entflohen war und sich gezwungen sah,
einem Sterblichen dienstbar zu werden, hatte ihn Admetos liebreich
aufgenommen. und er weidete ihm als Sklave seine Rinder. Seitdem
stand er unter dem wirksamen Schutze des später von seinem
Vater Zeus wieder zu Gnaden angenommenen Gottes. Als nun die
Lebenszeit des Königs Admetos verstrichen und ihm vom Schicksal
der Tod zuerkannt war, da wirkte sein Freund Apollon, dem dies
als einem Gott bewußt, bei den Schicksalsgöttinnen aus, daß sie ihm
gelobten, Admetos solle dem Hades, der ihn bedrohte, entfliehen, wenn
ein anderer Mensch für ihn sterben und in das Totenreich hinabsteigen
wollte. Apollon verließ daher den Olymp und kam nach
Pherä zu seinem alten Gastfreunde, ihm und den Seinigen die Botschaft
von dem Tode, den das Geschick über ihn beschlossen, zu überbringen,
zugleich aber ihm das Mittel anzugeben, wodurch er seinem
Schicksal zu entrinnen vermöge. Admetos war ein redlicher Mann,
aber er liebte das Leben, und auch alle die Seinigen samt seinen
Untertanen erschraken, daß dem Hause die Stütze, der Gattin und
den Kindern Gatte und Vater, dem Volke ein milder Herrscher geraubt
werden sollte. Deswegen ging Admetos umher und forschte,
wo er einen Freund fände, der für ihn sterben wollte. Aber da war
nicht einer, der dazu Lust gehabt hätte, und so sehr sie vorher den
Verlust, der ihnen bevorstände, bejammert hatten, so kalt wurde ihr
Sinn, als sie von ihm hörten, unter welcher Bedingung ihm das
Leben erhalten werden könnte. Selbst der greise Vater des Königs,
Pheres, und die gleichfalls hochbetagte Mutter, die den Tod jede
Stunde vor sich sahen, wollten das wenige Leben, das sie noch zu
hoffen hatten, nicht für den Sohn dahingeben. Nur Alkestis, seine
blühende, lebensvolle Gattin, die glückliche Mutter hoffnungsvoll heranblühender
Kinder, war von so reiner und aufopfernder Liebe zu dem
Gemahl beseelt, daß sie sich bereit erklärte, dem Sonnenlichte für ihn
zu entsagen. Kaum war diese Erklärung aus ihrem Munde gegangen,
als auch schon der schwarze Priester der Toten, Thanatos (der Tod),
den Toren des Palastes nahte, sein Opfer ins Schattenreich hinab
zuführen. Denn er wußte Tag und Stunde genau, an welchem dem
Admetos vom Schicksal bestimmt gewesen war zu sterben. Als
Apollon den Tod herankommen sah, verließ er schnell den Königspalast,
um als Gott des Lebens von seiner Nähe nicht entheiligt
zu werden. Die fromme Alkestis aber, als sie den entscheidenden
Tag sich nahen sah, reinigte sich als Opfer des Todes in fließendem
Wasser, nahm ihr festliches Gewand und Geschmeide aus dem Schranke
von Zedernholz, und nachdem sie so sich ganz würdevoll geschmückt,
betete sie vor ihrem Hausaltar zur Göttin der Unterwelt. Dann
umschlang sie Kinder und Gemahl und trat endlich, von Tag zu Tag
mehr abgezehrt, zur bestimmten Stunde von ihren Dienerinnen umringt
an der Seite ihres Gatten und ihrer Kinder in das Gemach,
wo sie den Boten der Unterwelt empfangen wollte. Hier schickte sie
sich zum feierlichen Abschied von den Ihrigen an. "Laß mich zu dir
reden, was mein Herz begehrt," sprach sie zu ihrem Gemahl. "Weil
dein Leben mir teurer ist als das meinige, sterbe ich für dich jetzt,
wo mir das Sterben noch nicht drohte. Aber ich wollte nicht leben,
deiner beraubt, die verwaisten Kinder anschauend. Dein Vater und
deine Mutter haben dich verraten, da doch ihnen Sterben rühmlicher
gewesen wäre; denn dann wärest du nicht einsam geworden und
hättest keine Waisen aufzuziehen gehabt. Doch da es die Götter
einmal so gefügt haben, so bitte ich dich nur, meiner Wohltat eingedenk
zu sein und den Kleinen, die du nicht weniger liebst als ich,
kein anderes Weib als Mutter zuzuführen, das, von Neid gequält,
sie selber plagen könnte. Denn oft sind Drachen sanftmütiger als
Stiefmutter." Unter Tränen schwur ihr der Gemahl, daß, wie sie
im Leben die seine gewesen, so auch im Tode nur sie ihm Gattin
heißen solle. Dann übergab ihm Alkestis die wehklagenden Kinder
und sank ohnmächtig nieder.
Unter den Vorbereitungen zur Bestattung geschah es nun, daß
der umherirrende Herakles nach Pherä und vor die Tore des
Königspalastes kam. Eingelassen, geriet er in eine Unterredung
mit den Dienern des Hauses, und zufällig kam Admetos selbst dazu.
Dieser nahm seinen Gast, den eigenen Kummer unterdrückend, mit
großer Herzlichkeit auf, und als Herakles, durch den Anblick seiner
Trauerkleider betroffen, ihn um seinen Verlust befragte, erwiderte
er, um den Gast nicht zu betrüben oder gar zu verscheuchen, auf
eine so verdeckte Weise, daß Herakles der Meinung war, es sei eine
ferne Anverwandte des Admetos, die zu Besuch bei dem König
war, gestorben. Er blieb daher fröhlichen Sinnes, ließ sich von
einem Sklaven in das Gastgemach geleiten und hier Wein vorsetzen.
Als ihm die Traurigkeit des Dieners auffiel, schalt er diesen um
sein übermäßiges Leid. "Was siehst du mich so ernst und feierlich
an?" sprach er. "Ein Diener muß gefällig gegen Fremdlinge sein!
Was ist's auch, wenn eine Fremde in eurem Hause gestorben ist?
Weißt du denn nicht, daß dies das allgemeine Los der Menschen
ist? Den Trübseligen ist das Leben eine Qual; geh, bekränze dich,
wie du mich siehst, und trinke mit mir! Ich weiß gewiß, ein überwallender
Becher wird bald alle Runzeln deiner Stirn vertreiben."
Aber der Diener wandte sich mit Grauen ab. Uns traf ein
Geschick," sprach er, "dem nicht Lachen und Schmausen ziemt. Fürwahr,
der Sohn des Pheres ist nur allzu gastfreundlich, daß er in
so tiefer Trauer einen so leichtsinnigen Gast aufgenommen hat!" —
"Soll ich nicht fröhlich sein," erwiderte Herakles verdrießlich, weil
eine fremde Frau gestorben ist?" — "Eine fremde Frau?" rief der
Diener sehr verwundert. Dir mochte sie fremd sein, uns war sie es
nicht!" — "So hat mir Admetos seinen Unfall nicht recht berichtet,"
sagte Herakles stutzend. Aber der Sklave sprach: "Nun, sei du
immer fröhlich; der Gebieter Weh geht ja nur ihre Freunde und
Diener an!" Aber Herakles hatte keine Ruhe mehr, bis er die
Wahrheit erfahren hatte. "Ist's möglich?" rief er. "Eines so herrlichen
Weibes ward er beraubt, und dennoch hat er den Fremdling
so gastlich aufgenommen? Trat ich doch mit geheimem Widerwillen
zum Tore hinein. und nun hab' ich hier im Trauerhause das Haupt
mit Kränzen geschmückt, gejubelt und getrunken! Aber sage mir,
wo liegt das fromme Weib bestattete" — "Wenn du den geraden
Weg gehst, der nach Larissa führt," antwortete der Sklave, "so
siehst du das schmucke Totenmal, das ihr schon aufgerichtet ist."
Mit diesen Worten verließ der Diener weinend den Fremdling.
Allein gelassen, brach Herakles in keine Klagen aus, sondern
der Held hatte schnell einen Entschluß gefaßt. "Retten muß ich,"
sprach er zu sich selbst, "diese Gestorbene, sie wieder einführen in
das Haus des Gatten; anders kann ich seine Gunst nicht würdig
vergelten. Ich gehe an das Grabmal; dort harre ich des Thanatos,
des Totenbeherrschers. Ich finde ihn wohl, wie er kommt,
das Opferblut zu trinken, das ihm über dem Denkmal der Verstorbenen
gespendet wird. Dann springe ich aus meinem Hinterhalt
hervor, ergreife ihn schnell, umschlinge ihn mit den Händen, und
keine Macht auf Erden soll ihn mir entreißen, ehe er mir seine
Beute überläßt." Mit diesem Vorsatze verließ er in aller Stille
den Palast des Königs.
Admetos war in sein verödetes Haus zurückgekehrt und trauerte
mit seinen verlassenen Kindern in schmerzlicher Sehnsucht nach der
geopferten Gattin, und kein Trost getreuer Diener vermochte seinen
Kummer zu lindern. Da betrat sein Gastfreund Herakles die
Schwelle wieder, ein oerschleiertes Weib an der Hand führend.
"Du hast nicht wohl daran getan, o König," sagte er, "mir den
Tod deiner Gattin zu verhehlen; du nahmst mich in dein Haus auf,
als ob nur fremdes Leiden dich bekümmerte; so habe ich unwissend
groß Unrecht getan und im Unglückshause fröhliche Trankopfer
ausgegossen. Doch will ich dich in deinem Ungemach nicht noch
weiter betrüben. Höre jedoch, warum ich noch einmal gekommen
bin. Diese Jungfrau hier habe ich als Siegeslohn bei einem
Kampfspiel empfangen. Nun gehe ich hin, den König der Bistonier
in Thrakien zu bekriegen. Bis ich diesen Zug vollbracht habe,
übergebe ich dir die Jungfrau als Dienerin, sorge du für sie als
das Eigentum eines Freundes."
Admetos erschrak, als er den Herakles so sprechen hörte. "Nicht,
weil ich den Freund verachtet oder verkannt hätte," erwiderte er,
habe ich dir meiner Gattin Tod verborgen, sondern um mir nicht
noch mehr Leiden dadurch zu bereiten, daß ich dich in eines andern
Freundes Haus davonziehen ließe. Dieses Weib aber, Herr, bitte
ich dich einem andern Bewohner von Pherä zuzuführen, nicht mir,
der ich so viel gelitten habe. Hast du ja doch genug Gastfreunde in
dieser Stadt. Wie könnte ich ohne Tränen diese Jungfrau in
meinem Hause erblicken? Den Männeraufenthalt könnte ich ihr
nicht zur Wohnung geben, und sollte ich ihr die Gemächer der verstorbenen
Gattin einräumen? Das sei ferne! Ich fürchte die üble
Nachrede der Pheräer, ich fürchte auch den Tadel der Entschlafenen."
So sprach abwehrend der König, aber ein wunderbares Sehnen zog
seine Blicke doch wieder auf die tief verschleierte Gestalt. "Wer
du auch seiest, o Weib," sagte er seufzend, "wisse, daß du an Größe
und Gestalt wundersam meiner Alkestis gleichest. Bei den Göttern
beschwöre ich dich, Herakles, führe mir diese Frau aus den Augen
und quäle den Gequälten nicht noch mehr; denn wenn ich sie erblicke,
wähne ich mein verstorbenes Gemahl zu sehen, ein Strom
von Tränen bricht aus meinen Augen, und aufs neue versinke ich
in Kümmernis." Herakles unterdrückte sein wahres Gefühl und
antwortete betrübt: "O wäre mir von Zeus die Macht verliehen, dir
dein heldenmütiges Weib aus dem Schattenreich ans Licht zurückzuführen
und dir für deine Güte solche Gunst zu erweisen!" — "Ich
weiß, du tätest es," erwiderte Admetos, "wann aber kehrte je ein
Toter aus dem Schattenreiche zurück?" — "Nun,"fuhr Herakles lebhafter
fort, weil dies nicht geschehen kann, so gestatte der Zeit,
deinen Kummer zu lindern, den Toten geschieht doch kein Gefallen
mit deiner Trauer. Verbanne auch den Gedanken nicht ganz, daß
eine zweite Gattin dir einst noch das Leben erheitern kann. Endlich,
mir zuliebe nimm das edle Mädchen, das ich dir hier bringe, in
dein Haus auf. Versuch es wenigstens; sobald es dir nicht frommen
sollte, soll sie dein Haus wieder verlassen!" Admetos sah sich von
dem Gast, den er nicht beleidigen wollte, bedrängt; er befahl, jedoch
nur ungern, daß die Diener das Weib in die inneren Gemächer
geleiten sollten. Aber Herakles gab dies nicht zu. "Vertraue,"
sprach er, mein Kleinod keinen Sklavenhänden, o Fürst! Du selbst,
wenn es dir gefällt, sollst sie hineinführen!" —"Nein,"sprach Admetos,
"ich berühre sie nicht, ich würde schon so das Wort, das ich der
geliebten Toten gegeben habe, zu verletzen glauben. Eingehen möge
sie, aber ohne mich!" Doch Herakles ruhte nicht, bis er die Hand
der Verschleierten ergriffen hatte. "Nun dann," sagte Herakles
freudig, "so bewahre sie; blicke die Jungfrau auch recht an, ob sie
wirklich deinem Ehegemahl gleicht, und ende deinen Gram!"
Damit enthüllte er die Verschleierte und gab dem in Staunen
zweifelnden König seine wiederbelebte Gemahlin zu schauen. Während
er selbst wie leblos die Lebende an der Hand hielt und sich mit
Furcht und Zittern an ihrem Anblick weidete, erzählte ihm der Halbgott,
wie er den Thanatos am Grabeshügel ergriffen und ihm seine
Beute abgerungen habe. Da sank Admetos in die Arme seines
Weibes. Aber diese blieb sprachlos und durfte seinen zärtlichen
Zuruf nicht erwidern. "Du wirst," belehrte ihn Herakles, "ihre
Stimme nicht wieder vernehmen, als bis die Totenweihe von ihr
genommen und der dritte Tag erschienen ist. Doch führe sie getrost
hinein in dein Gemach und freue dich ihres Besitzes. Er ist dir zuteil
geworden, weil du an Fremdlingen so edle Gastfreundschaft
geübt hast. Mich aber laß meinem Geschick nachziehen!" —"So zeuch
in Frieden, Held!" rief Admetos dem Scheidenden nach. "Du hast
mich in ein besseres Leben zurückgeführt; glaube mir, daß ich-meine
Seligkeit dankbar erkenne! Alle Bürger meines Königreichs sollen
mir Chortänze aufführen helfen, und Opferduft entsteige den Altären!
Dabei wollen wir dein, o mächtiger Sohn des Zeus, in Dank und
Liebe gedenken!"
Herakles im Dienste der Omphale
Im Wahnsinn hatte Herakles den Jphitos, einen Sohn des
Königs Eurytos zu Öchalia auf der Insel Euböa, über die hohen
Stadtmauern der Hauptstadt Tiryns hinabgestürzt. Dieser Mord lag
schwer auf Herakles. Er wanderte von einem Priesterkönig zum
andern, um sich reinigen zu lassen: erst zum König Neleus von
Pylos, dann zu Hippokoon, König von Sparta, aber beide weigerten
sich dessen, der dritte endlich, Deiphobos, ein König zu Amykla, übernahm
es, ihn zu entsühnen. Nichtsdestoweniger schlugen ihn die
Götter zur Strafe der Untat mit einer schweren Krankheit. Der
Held, sonst von Kraft und Gesundheit strotzend, konnte das plötzliche
Siechtum nicht ertragen. Er wandte sich nach Delphi und hoffte bei
dem pythischen Orakel Genesung zu finden. Aber die Priesterin verweigerte
ihm als einem Mörder ihren Spruch. Da raubte er im
Heldenzorn den Dreifuß, trug ihn hinaus aufs Feld und errichtete
ein eigenes Orakel. Erbost über diesen kühnen Eingriff in seine
Rechte erschien Apollon und forderte den Halbgott zum Kampfe
heraus. Aber Zeus wollte auch diesmal kein Bruderblut fließen
sehen; er schlichtete den Kampf, indem er einen Donnerkeil zwischen
die Streitenden warf. Jetzt erhielt endlich Herakles seinen Orakelspruch,
welchem zufolge er von seinem Ubel befreit werden sollte,
wenn er zu dreijährigem Knechtesdienste verkauft würde, das Handgeld
aber als Sühne dem Vater gäbe, dem er den Sohn erschlagen.
Herakles, von Krankheit überwältigt, fügte sich in diesen harten
Spruch. Er schiffte sich mit einigen Freunden nach Asien ein und
wurde dort als Sklave verkauft an Omphale, die Tochter des Jardanos,
die Königin des damaligen Mäoniens, das später Lydien
hieß. Den Kaufpreis brachte der Verkäufer dem Orakel gemäß dem
Eurytos, und als dieser das Geld zurückwies, übergab er es den
Kindern des erschlagenen Jphitos. Jetzt wurde Herakles wieder
gesund. Im Vollgefühl der wiedergewonnenen Körperkräfte zeigte
er sich anfangs auch als Sklave der Omphale noch als Held und
fuhr fort, in seinem Berufe als ein Wohltäter der Menschheit zu
wirken. Er züchtigte alle Räuber, welche das Gebiet seiner Herrin
und der Nachbarn beunruhigten. Die Kerkopen, die in der Gegend
von Ephesos hausten und durch Plünderung viel Schaden anrichteten,
wurden von ihm teils erschlagen, teils gebunden der Omphale überliefert.
Den König von Aulis, einen Sohn des Poseidon, der die
reisenden Fremden auffing und sie zwang, ihm die Weinberge zu
hacken, erschlug er mit dem Spaten und grub seine Weinstöcke mit
den Wurzeln aus. Den Itonen, die wiederholt ins Land der Omphale
einfielen, zerstörte er ihre Stadt von Grund aus und machte
sämtliche Einwohner zu Sklaven. In Lydien trieb damals Lytierses,
ein unechter Sohn des Midas, sein Wesen. Er war ein reichbegüterter
Mann und lud alle Fremde, die bei seinem Sitze vorüberreisten,
höflich zu Gaste. Nach dem Mahle zwang er sie, mit ihm
in seine Ernte zu gehen, und des Abends schlug er ihnen die Köpfe
ab. Auch diesen Tyrannen brachte Herakles um und warf ihn in
den Fluß Mäander. Einmal fuhr er auf einem dieser Züge an der
Insel Doliche an und sah hier einen Leichnam, von den Wellen
herangespült, am Gestade liegen. Es war die Leiche des unglücklichen
Ikaros, der mit den wachsgefügten Flügeln seines Vaters auf
der Flucht aus dem Labyrinth zu Kreta der Sonne zu nahe gekommen
und in das Meer gefallen war. Mitleidig begrub Herakles
den Verunglückten und gab der Insel ihm zu Ehren den Namen
Jkaria. Für diesen Dienst errichtete der Vater des Ikaros, der
kunstreiche Dädalos, das wohlgetroffene Bildnis des Herakles zu
Pisa. Der Held selbst aber, als er einst dorthin kam, hielt das
Bild, von der Dunkelheit der Nacht getäuscht, für belebt. Seine
eigene Heldengebärde erschien ihm als das Drohen eines Feindes, er
griff zu einem Steine und zerschmetterte so das schöne Denkmal.
das seiner Barmherzigkeit vom Freunde gesetzt worden war. In die
Zeit seiner Knechtschaft bei Omphale fiel auch die Teilnahme des
Helden an der Jagd des kalydonischen Ebers.
Omphale bewunderte die Tapferkeit ihres Knechtes und mochte
wohl ahnen, daß ein herrlicher, weltberühmter Held ihr Sklave sei.
Nachdem sie erfahren, daß er Herakles, der große Sohn des Zeus,
sei, gab sie ihm nicht nur in Anerkennung seiner Verdienste die Freiheit
wieder, sondern sie vermählte sich auch mit ihm. Aber Herakles
vergaß hier im üppigen Leben des Morgenlandes der Lehren, die
ihm die Tugend am Scheidewege seines Jugendlebens gegeben, er
versank in weibische Wollust. Dadurch geriet er bei seiner Gemahlin
Omphale selbst in Verachtung: sie kleidete sich in die Löwenhaut des
Helden, ihm selbst aber ließ sie weichliche, lydische Weiberkleider anlegen
und brachte ihn in seiner blinden Liebe so weit, daß er, zu
ihren Füßen sitzend, Wolle spann. Der Nacken, dem einst bei Atlas
der Himmel eine leichte Last gewesen war, trug jetzt ein goldenes
Weiberhalsband, die nervigen Heldenarme umspannten Armbänder
mit Juwelen besetzt, sein Haar quoll ungeschoren unter einer Mitra
hervor; ein langes Frauengewand wallte über die Heldenglieder herab.
So saß er, den Rocken vor sich, unter andern jonischen Mägden,
spann mit seinen knochigen Fingern den dicken Faden ab und fürchtete
das Schelten seiner Herrin, wenn er sein Tagewerk nicht vollständig
geliefert. War sie aber guter Laune, so mußte der Mann in Weibertracht
ihr und ihren Frauen die Taten seiner Heldenjugend erzählen,
wie er die Schlangen mit der Knabenhand erdrückt, den Riesen
Geryones als Jüngling erlegt, der Hydra den unsterblichen Kopf
abgeschlagen, den Höllenhund aus dem Rachen des Hades heraufgezogen.
An diesen Taten ergötzten sich dann die Weiber, wie man
an Ammenmärchen seine Freude hat.
Endlich, als seine Dienstjahre bei Omphale vorüber waren, er
wachte Herakles aus seiner Verblendung. Mit Abscheu schüttelte er
die Weiberkleider ab, und es kostete ihn nur das Wollen eines
Augenblicks, so war er wieder der krafterfüllte Sohn des Zeus, voll
von Heldenentschlüssen. Das erste, was er, der Freiheit zurückgegeben,
beschloß, war, an seinen Feinden Rache zu nehmen.
Die späteren Heldentaten des Herakles
Vor allen Dingen machte er sich auf den Weg, den gewalttätigen
und eigenmächtigen König Laomedon. den Erbauer und Beherrscher
Trojas, zu züchtigen. Denn als Herakles. von dem Amazonenkampfe
zurückkehrend, die von dem Drachen bedrohte Tochter
dieses Fürsten, Hesione, befreit hatte, hielt ihm der wortbrüchige
Laomedon den versprochenen Lohn, die schnellen Marspferde, zurück
und ließ ihn scheltend weiterziehen. Jetzt nahm Herakles nicht
mehr als sechs Schiffe und nur eine geringe Menge Kriegsvolk mit
sich. Aber unter diesen waren die ersten Helden Griechenlands,
Peleus. Oikleus, Telamon. Zu dem letzteren war Herakles in seine
Löwenhaut gekleidet gekommen und hatte ihn eben beim Schmause
getroffen. Telamon erhob sich vom Tisch und reichte dem willkommenen
Gast eine goldene Schale voll Weines, hieß ihn sitzen
und trinken. Freudig bewegt von solcher Gastfreundschaft, hob
Herakles die Hände gen Himmel und betete: "Vater Zeus, wenn
du je meine Bitten gnädig erhöret hast, so flehe ich jetzt zu dir,
daß du dem kinderlosen Telamon hier einen kühnen Sohn zum
Erben verleihen mögest, so unverwundbar, wie ich es in dieser Haut
des nemeischen Löwen bin. Hoher Mut soll ihm immer zur Seite
sein!" Kaum hatte Herakles das Wort geredet, so sandte ihm der
Gott den König der Vögel, einen mächtigen Adler. Dem Herakles
lachte darüber das Herz im Leibe; wie ein Wahrsager rief er
begeistert aus: "Ja, Telamon, du wirst den Sohn haben, den du
begehrst, herrlich wird er sein wie dieser gebieterische Adler, und
Ajas soll sein Name sein, weithin gewaltig im Werke des Kriegsgottes."
So sprach er und setzte sich wieder nieder zum Schmause;
dann zogen sie, Telamon und Herakles. vereint mit den andern
Helden, in den Krieg gegen Troja. Als sie dort ans Land gestiegen,,
übertrug Herakles die Wache bei den Schiffen dem Oikleus;
er selbst mit den übrigen Helden rückte gegen die Stadt vor. Inzwischen
hatte Laomedon mit eilig zusammengerafftem Volk die
Schifferer Heroen überfallen und den Oikleus im Kampf getötet;
aber als er sich wieder
entfernen wollte,
wurde er von den
Gefährten des
Herakles umringt.
Die Belagerung
wurde unterdessen
scharf betrieben;
Telamon durchbrach
nun die Mauer und
war der erste, der
in die Stadt eindrang.
Erst hinter
ihm kam Herakles.
Es war das erste
Malinseinem Leben,
daß der Held sich in
Tapferkeitvoneinem
andern übertroffen
sah; die schwarze
Eifersucht bemächtigte
sich seines
Geistes, und ein böser
Gedanke stieg in
seinem Herzen auf:
er zückte das Schwert
und war im Begriff,
den vor ihm herschreitenden
Telamon
niederzuhauen.
Dieser blickte um sich
und erriet das Vorhaben
des Herakles
an seiner Gebärde.
Schnell besonnen las
er die zunächstgelegenen
Steine zusammen,
und auf
des Nebenbuhlers
Frage, was er hier mache, erwiderte er: "Ich baue Herakles, dem
Sieger, einen Altar." Diese Antwort entwaffnete den eifersüchtigen
Zorn des Helden. Sie kämpften wieder gemeinsam, und Herakles
erlegte den Laomedon samt allen seinen Söhnen, mit Ausnahme eines
einzigen, mit seinen Pfeilen. Als die Stadt erobert war, schenkte er
Laomedons Tochter Hesione seinem Freunde Telamon als Siegesbeute.
Zugleich gab er ihr die Erlaubnis, nach eigener Wahl einen der Gefangenen
in Freiheit zu setzen. Sie wählte ihren Bruder Podarkes.
"Es ist recht, er sei dein," sagte Herakles, "aber er muß vorher die
Schmach erlitten haben und Knecht gewesen sein, dann magst du ihn
um den Preis, den du für ihn geben willst, hinnehmen." Als der
Knabe nun wirklich als Sklave verkauft war, riß Hesione ihren
königlichen Schmuck vom Haupte und gab ihn als Lösegeld für den
Bruder hin, daher erhielt dieser den Namen Priamos (der Losgekaufte).
Von ihm wird die Sage vieles zu erzählen haben.
Hera gönnte dem Halbgott diesen Triumph nicht. Auf der
Heimfahrt von Troja begriffen, wurde er durch ihre Schickung von
schweren Ungewittern überfallen, bis der ergrimmte Zeus ihrem
Schalten Einhalt tat. Nach mancherlei Abenteuern beschloß der
Held eine zweite Rache am König Augias zu nehmen, der ihm auch
einst den versprochenen Lohn vorenthalten hatte, nahm seine Stadt
Elis ein und tötete ihn mitsamt seinen Söhnen. Dem Phileus
aber, der einst wegen seiner Freundschaft für Herakles vertrieben
worden war, übergab er das Königreich Elis. Nach diesem Siege
setzte Herakles die olympischen Spiele ein und weihte ihrem ersten
Stifter, Pelops, einen Altar, auch den zwölf Göttern Altäre, je
zweien einen. Damals soll selbst Zeus in Menschengestalt mit
Herakles gerungen und, überwunden, seinem Sohne zur Götterstärke
Glück gewünscht haben. Dann zog Herakles gegen Pylos und den
König Neleus, der ihm einst die Entsündigung verweigert hatte; er
überfiel seine Stadt und machte ihn mit zehn seiner Söhne nieder.
Nur der junge Nestor, der in der Ferne bei den Gereniern erzogen
wurde, blieb verschont. In dieser Schlacht verwundete Herakles
selbst den Gott der Unterwelt, den Hades, der den Pyliern zu Hilfe
gekommen war.
Noch war Hippokoon von Sparta übrig zu bestrafen, der zweite
König, der sich nach Ermordung des Jphitos der Reinigung des
Mörders entzogen hatte. Auch die Söhne dieses Königs hatten sich
den Haß des Helden aufs neue zugezogen. Als er nämlich mit
Öonos, seinem Vetter und Freunde, nach Sparta gekommen war,
fiel jenen, der den Palast des Hippokoon betrachtete, ein großer
molossischer Schäferhund an. Öonos begrüßte ihn mit einem Steinwurf.
Da rannten die Söhne des Königs hervor und schlugen den
Fremdling mit Knüppeln tot. Um nun auch seines Freundes Tod
zu rächen, versammelte Herakles ein Heer gegen Sparta; auf dem
Marsche durch Arkadien lud er auch den König Kepheus mit seinen
zwanzig Söhnen zum Kampfe ein. Dieser fürchtete jedoch einen
Einfall von seinen Nachbarn, den Argivern, und lehnte es anfangs
ab mitzuziehen. Aber Herakles hatte von Athene in einer ehernen
Urne eine Locke des Medusenhauptes erhalten. Diese übergab er
der Tochter des Kepheus und sprach: "Wenn das Heer der Argiver
anrückt, so darfst du nur diese Locke, ohne auf sie hinzublicken,
dreimal über die Stadtmauern emporhalten, dann werden
eure Feinde die Flucht ergreifen!" Als Kepheus solches hörte, ließ
er sich bewegen, mit allen seinen Söhnen auszuziehen. Die Argiver
wurden auch glücklich von seiner Tochter abgetrieben; ihm selbst
aber schlug der Feldzug zum Unheil aus: er wurde mit allen
seinen Söhnen erschlagen und außer diesen auch der Bruder des
Herakles, Jphiklos. Herakles selbst aber eroberte Sparta, und
nachdem er den Hippokoon und seine Söhne getötet, führte er den
Tyndareos, den Vater der Dioskuren Kastor und Polluce, zurück
und setzte ihn wieder auf den Thron, behielt sich aber das eroberte
Reich, das er ihm übergab, für seine Nachkommen vor.
Herakles und Deianira
Nachdem der Heros noch mancherlei Taten im Peloponnes
verrichtet, kam er nach Ätolien und Kalydon zum König -neus, der
eine wunderschöne Tochter, Deianira mit Namen, hatte. Diese erlitt
mehr als irgend ein anderes Ätolerweib bittere Not durch eine
sehr lästige Brautbewerbung. Sie lebte anfangs zu Pleuron, einer
andern Hauptstadt ihres väterlichen Reiches. Dort hatte sich ein
Fluß, Acheloos genannt, als Freier eingefunden, und in drei Gestalten
verwandelt, erbat er sie von ihrem Vater. Das eine Mal
kam er in einen leibhaftigen Stier verzaubert, das andre Mal als
schillernder, gewundener Drache, endlich zwar in Menschengestalt,
aber mit einem Stierhaupt, dem vom zottigen Kinn hernieder frische
Quellbäche strömten. Deianira konnte einem so entsetzlichen Freier
nicht ohne tiefe Bekümmernis entgegensehen; sie flehte zu den Göttern
inbrünstig um ihren Tod. Lange hatte sie dem Bewerber widerstrebt,
aber dieser wurde immer dringender, und ihr Vater zeigte
sich nicht abgeneigt, sie dem. Stromgott von uraltem Götteradel zu
überlassen. Da erschien, wenn auch spät, doch immer noch zu rechter
Zeit, als zweiter Freier Herakles, dem sein Freund Meleagros von
der hohen Schönheit dieser Königstochter erzählt hatte. Er kam mit
der Vorahnung, daß er die liebliche Jungfrau nicht ohne heißen
Kampf gewinnen würde, daher war er streitbar ausgerüstet, wie
wenn er sonst in Fehden zog. Während er auf den Palast zuwandelte
flatterte ihm die Löwenhaut im Winde vom Rücken, sein
Köcher hallte von Wurfpfeilen, und er schwang in der Luft prüfend
die Keule. Als der gehörnte Stromgott ihn kommen sah, quollen
die Adern seines Stierhauptes auf, und er versuchte sein Horn im
Stoße. Der König Hneus. wie er beide so kampflustig und furchtbar
mit ihrer Werbung vor sich stehen sah, wollte keinen der mächtigen
Liebhaber durch eine abschlägige Antwort beleidigen und versprach
seine Tochter demjenigen zum Weibe, der den andern im
Kampfe überwinden würde.
Bald begann auch vor den Augen des Königs, der Königin
und ihrer Tochter Deianira der wütende Zweikampf. Von der Faust
des Herakles, von seinem Bogen klang es, aber mitten durch Streich
und Schuß fuhr, lange unverwundet, das gewaltige Stierhaupt des
Stromgottes und suchte den Gegner mit den tödlichen Stößen seiner
Hörner auf. Endlich wurde das Gefecht zum Ringkampf, Arm verschlang
sich mit Arm, Fuß in Fuß, der Schweiß strömte den Ringern
von Haupt und Gliedern, beide stöhnten laut unter übermenschlicher
Anstrengung. Zuletzt bekam der Sohn des Zeus die Oberhand und
warf den starken Flußgott zu Boden. Dieser verwandelte sich sofort
in eine Schlange, aber Herakles, der mit Schlangen längst zu
hantieren verstand, faßte sie und hätte sie erdrückt, wenn nicht
Acheloos, plötzlich zu einer andern Verwandlung schreitend, die Gestalt
eines Stieres angenommen hätte. Doch Herakles ließ sich nicht
irre machen, er ergriff das Untier an einem Horn und stürzte es
mit solcher Macht zur Erde, daß das ergriffene Horn abbrach.
Nun erkannte sich der Stromgott für überwunden und überließ dem
Sieger die Braut. Acheloos, der vor Zeiten von der Nymphe
Amalthea das Horn des überflusses, mit Obst aller Art, Granatäpfeln
und Trauben angefüllt, erhalten hatte, tauschte gegen dieses
Horn das eigene, das ihm Herakles abgebrochen hatte, wieder ein.
Die Vermählung des Helden brachte in seiner Lebensweise keine
Veränderung hervor, er eilte wie zuvor von Abenteuer zu Abenteuer,
und als er wieder bei seiner Gattin und ihrem Vater zu Hause war,
nötigte ihn der unvorsätzliche Totschlag eines Knaben, der ihm bei
der Mahlzeit das Wasser zum Händewaschen reichen sollte, abermals
zur Flucht, auf welcher ihn seine junge Gemahlin und sein kleiner
Sohn Hyllos, den sie ihm geboren hatte, begleiteten.
Herakles und Nessos
Die Reise ging nach Trachis zu dem Freunde des Helden, Keyx.
Es war die verhängnisvollste, die Herakles je unternommen hatte.
Als er nämlich am Flusse Euenos angelangt war, fand er dort den
Kentauren Nessos, der für Lohn die Reisenden auf seinen Händen
über den Fluß zu setzen pflegte und dieses Vorrecht von den Göttern
seiner Ehrlichkeit wegen erhalten zu haben behauptete. Herakles selbst
bedurfte nun freilich seiner nicht; er durchschritt den Fluß mit mächtigen
Schritten ohne fremde Beihilfe. Deianira aber überließ er zum
Hinüberschaffen dem Nessos, der ihn um den gewohnten Lohn ansprach;
der Kentaur nahm die Gemahlin des Herakles auf die Schulter
und trug sie rüstig durch das Wasser. Mitten in der Furt aber,
durch die Schönheit des Weibes betört, wagte er es, sie mit schnöder
Hand anzurühren. Herakles, der am Ufer war, hörte den Hilferuf
seiner Frau und wendete sich schnell um. Als er sie in der Gewalt
des rauhbehaarten Halbmenschen sah. besann er sich nicht lange, holte
aus seinem Köcher einen beflügelten Pfeil hervor und schoß den
Nessos, der mit seiner Beute eben ans Ufer emporstieg, durch den
Rücken, so daß das Geschoß zur Brust wieder herausging. Deianira
hatte sich den Armen des zu Boden Sinkenden entwunden und wollte
ihrem Gatten zueilen. als der Sterbende, der noch im Tode auf
Rache sann, sie zurückrief und die trügerischen Worte sprach: "Höre
mich, Tochter des Hneus! Weil du die letzte bist, die ich getragen
habe, so sollst du auch noch einen Vorteil von meinem Dienste haben,
wenn du mir folgen willst. Fasse das frische Blut auf, das mir
aus der Todeswunde quoll und jetzt da, wo der Pfeil, vom Geifer
der lernäischen Schlange vergiftet, mir im Leibe steckt, ganz verdickt
und leicht zu sammeln ringsum steht, so wird es dir zu einem Zauber
für das Gemüt deines Gatten dienen; färbst du damit sein Unterkleid,
so wird er niemals ein anderes Weib, das ihm je vorkommt.
mehr lieben denn dich allein." Nachdem er Deianira dieses tückische
Vermächtnis hinterlassen, verschied er augenblicklich an der vergifteten
Wunde. Deianira, obgleich sie an der Liebe ihres Gatten nicht
zweifelte, tat doch nach Nessos Vorschrift, sammelte das verdickte
Blut in ein Gefäß, das sie bei der Hand hatte, und bewahrte es
ohne Wissen des Herakles auf, der zu fern stand, um zu sehen, was
sie tat. Sie kamen darauf nach ,einigen andern Abenteuern mit
einander glücklich zu Keyx, dem König von Trachis, und ließen sich
mit ihren Begleitern aus Arkadien, die dem Herakles überallhin
folgten, dort häuslich nieder.
Herakles, Jole und Deianira. Sein Ende
Die letzte Fehde, die Herakles bestand, war sein Feldzug gegen
Eurytos, den König von Öchalia, gegen welchen er einen alten Groll
hegte, weil er ihm seine Tochter Jole verweigert hatte. Er
versammelte ein großes Heer von Griechen und zog nach Euböa,
den Eurytos und seine Söhne in ihrer Stadt Öchalia zu belagern.
Der Sieg folgte ihm: die hohe Burg wurde in den Staub geworfen,
der König mit seinen drei Söhnen erschlagen, die Stadt vertilgt.
Jole, noch immer jung und schön, wurde die Gefangene des Herakles.
Derweil hatte Deianira in Sorgen zu Hause auf Nachricht von
ihrem Gatten geharrt. Endlich jauchzte im Palast Freudengeschrei
empor. Ein Bote kam herangesprengt. "Dein Gemahl, o Fürstin,
lebt," — so meldete er der ängstlich auf seine Botschaft Horchenden
— "naht in Siegesruhm und führt jetzt eben die Erstlinge des
Kampfes den heimatlichen Göttern zu. Sein Diener Lichas, den er
hinter mir hergesendet hat, verkündet auf offener Wiese dem Volke
den Sieg. Seine eigene Ankunft verzögert sich nur dadurch, daß er
auf Euböas Vorgebirge Kenäon dem Zeus das schuldige Dankopfer
darzubringen sich anschickt." Bald erschien der Abgeordnete des Helden,
Lichas, und in seinem Geleite die Gefangenen. "Heil dir, Gemahlin
meines Herrn," sprach er zu Deianira, "die Himmlischen lieben den
Frevel nicht; Herakles ' gerechte Sache ist gesegnet worden; die üppigen
Prahler mit ihrem verruchten Munde sind alle in den Hades hinabgeeilt,
die Stadt ist in Knechtschaft. Doch der Gefangenen, die wir
hier bringen, sollst du schonen, läßt dein Gemahl dir sagen, vor
allem der unglücklichen Jungfrau, die sich hier vor deine Füße wirft."
Deianira heftete einen Blick voll tiefen Mitleids auf das schöne,
jugendliche Mädchen, das von Gestalt und Auge lieblich glänzte, erhob
sie vom Boden und sprach: "Ja, ihr Lieben, herbes Mitgefühl
hat mich gefaßt, sooft ich Unglückselige heimatlos durch fremde
Landschaft herumgeschleppt und Freigeborene Sklavenlos dulden sah.
Zeus, überwinder, mögest du nie deinen Arm so gegen mein Haus
erheben! Aber wer bist du, jammervolles Mägdlein? Du scheinst
unvermählt und von hohem Stamme. Sag mir, Lichas, wer sind
die Eltern dieser Jungfrau?" - "Wie weiß ich das? weshalb
fragst du dies?" antwortete der Abgesandte mit verstelltem Sinn, und
seine Miene verriet ein Geheimnis. "Sie ist," fuhr er nach einigem
Zögern fort, "gewiß aus keinem der niedrigsten Häuser Öchalias."
Da das arme Mädchen selbst nur seufzte und schwieg, so forschte
Deianira auch nicht weiter, sondern befahl, sie in das Haus zu
führen und dort auf das schonendste zu behandeln. Während Lichas
diesem Befehl Folge leistete, trat der zuerst angekommene Bote
seiner Gebieterin näher, und sobald er sich unbelauscht wußte, flüsterte
er ihr die Worte zu: "Traue dem Abgesandten deines Gemahls
nicht, Deianira. Er verbirgt dir die Wahrheit. Aus seinem eigenen
Munde habe ich mitten auf dem Marktplatze von Trachis in vieler
Zeugen Gegenwart gehört, daß dein Gatte Herakles ganz allein um
dieser Jungfrau willen die hohe Burg Öchalias niedergeworfen hat.
ES ist Jole, die Tochter des Eurytos, die du aufgenommen hast,
zu der Herakles in Liebe entbrannt war, ehe er dich kennengelernt
hat. Nicht als deine Sklavin, sondern als deine Nebenbuhlerin, als
Nebenweib ist sie in dein Haus gekommen." über diese Mitteilung
brach Deianira in laute Wehklagen aus. Doch faßte sie sich bald
wieder und rief den Diener ihres Gatten, Lichas selbst, herbei. Dieser
schwur anfangs beim höchsten Zeus, daß er ihr die Wahrheit gesagt
habe und ihm unbewußt sei, wer die Eltern der Jungfrau wären.
Lange beharrte er bei dieser Lüge. Deianira aber beschwor ihn, des
höchsten Zeus nicht länger zu spotten. "Wäre es auch möglich, daß
ich meinem Gatten seiner Untreue wegen abhold würde," sagte sie
zu ihm weinend, "so bin ich nicht so unedler Gesinnung, daß ich
dieser Jungfrau zürne, die mir nie einen Schimpf angetan hat. Nur
mit Mitleid schaue ich sie an, denn ihr hat die Schönheit all ihr
Lebensglück zertrümmert, ja ihr ganzes Geburtsland in Knechtschaft
gestürzt." Als Lichas sie so menschlich reden hörte, gestand er alles.
Hierauf entließ ihn Deianira ohne Vorwurf und befahl ihm nur so
lange zu warten, bis sie für die reiche Schar von Gefangenen, die
der Gemahl ihr zugesendet und zur Verfügung gestellt hatte, diesem
eine Gegengabe gerüstet hätte.
Fern vom Feuer, unberührt vom Strahle des Lichtes hatte
Deianira, der Vorschrift des tückischen Kentauren gemäß, die Salbe,
die sie vom giftigen Blute seiner Pfeilwunde gesammelt, am verborgenen
Orte bewahrt. An dieses Zaubermittel, das sie, unerfahren
in den Ränken, welche Rache spinnt, für ganz unschädlich hielt, und
das ihr nur das Herz und die Treue des Gatten wiedergewinnen
sollte, dachte nun die bedrängte Fürstin zum erstenmal wieder, seit
sie es sorgsam verhüllt im Schranke geborgen. Jetzt galt es zu
handeln. Sie schlich sich daher in das Gemach und färbte mit einer
Flocke von weißem Lämmervließ, welche sie mit der Salbe getränkt
hatte, im Verborgenen ein köstliches Unterkleid, das für Herakles
bestimmt war. Sorgfältig hütete sie während dieser Arbeit Flocke
und Gewand vor dem Sonnenstrahl und schloß das blutrot gefärbte
Kleid schön zusammengefaltet in ein Kästchen ein. Als dies geschehen
war, warf sie die Wolle, die zu nichts mehr dienlich, auf die
Erde, ging und überreichte dem herbeigerufenen Lichas das für ihren
Gemahl bestimmte Geschenk. "Bring ' meinem Gemahl," sprach sie,
"dieses schöngewobene Leibgewand, meiner eigenen Hände Werk.
Kein anderer soll es tragen als er selbst, auch soll er das Kleid
nicht dem Feuerherde oder dem Sonnenglanz aussetzen, bevor er es,
am feierlichen Opfertage damit geschmückt, den Göttern gezeigt hat.
Denn dieses Gelübde habe ich getan, wenn ich iba je siegreich zurückkehren
sehen würde. Daß du ihm wirklich meine Botschaft bringest,
soll er an diesem Siegelring erkennen, den ich dir für ihn anvertraue."
Lichas versprach, alles auszurichten, wie die Herrin befohlen;
er verweilte keinen Augenblick länger im Palast, sondern eilte mit
der Gabe nach Euböa, um den opfernden Herrn nicht länger ohne
Kunde von der Heimat zu lassen. Einige Tage vergingen, und der
älteste Sohn des Herakles und der Deianira, Hyllos, war seinem
Vater entgegengeeilt, um ihm die Ungeduld der harrenden Mutter
zu schildern und ihn zu beschleunigter Heimkehr zu bewegen. Inzwischen
hatte Deianira zufällig das Gemach wieder betreten, wo
das Zaubergewand gefärbt worden war. Sie fand die Wollenflocke
auf dem Boden liegen, wie sie dieselbe unachtsam hingeworfen, dem
Sonnenstrahl ausgesetzt und von ihm durchwärmt. Ihr Anblick entsetzte
sie, denn die Wolle war wie zu Staub oder Sägespänen zusammengeschwunden,
und aus den Überbleibseln zischte ein blasenvoller,
giftiger Schaum auf. Eine dunkle Ahnung ergriff die
jammervolle Frau, daß sie Unglückseliges begangen habe, und in
entsetzlicher Unruhe durchirrte sie seit diesem Augenblick den Palast.
Endlich kam Hyllos zurück, aber ohne den Vater. "O Mutter,"
rief er ihr mit Abscheu zu, "ich wollte, du hättest nie gelebt, oder
du wärest nie meine Mutter gewesen, oder die Götter hätten dir eine
andere Sinnesart gegeben!" So unruhig die Fürstin schon vorher
war, so erschrak sie doch noch mehr bei diesen Worten ihres Sohnes.
"Kind," erwiderte sie ihm, "was ist denn so Gehässiges an mir?" —
"Ich komme vom Vorgebirge Kenäon, Mutter," entgegnete ihr der
Sohn mit lautem Schluchzen. "Du bist es, die mir den Vater dahingewürgt!"
Deianira wurde totenbleich, doch raffte sie sich zusammen
und sprach: "Von wem weißt du solches, mein Sohn, wer darf mich
so entsetzlicher Untat zeihen?" — "Kein fremder Mund hat mich
belehrt," fuhr der Jüngling fort, "mit eigenen Augen habe ich mich
von dem Jammerlose des Vaters überzeugt. Ich traf ihn auf dem
Vorgebirge Kenäon, wo er eben dem überwinder Zeus auf vielen
Dankaltären zugleich Brandopfer schlachten wollte. Da erschien der
Herold Lichas, sein Diener, mit deiner Gabe, deinem verfluchten
mörderischen Gewande. Deinem Auftrage folgend, legte er das Unterkleid
sogleich an, und damit geschmückt begann die Opferung zwölf
stattlicher Stiere. Anfangs betete der Unglückselige, deines schönen
Schmuckes froh, voll Heiterkeit. Plötzlich aber, als die Opferglut
schon gen Himmel flammte, durchbrach ein heftiger Schweiß seine
Haut, das Gewand schien, wie vom Schmied angelötet, an seinen
Seiten zu kleben, und ein Zucken fuhr durch sein ganzes Gebein.
Als fräße eine Natter an seinem Leibe, schrie der Gequälte brüllend
nach Lichas, dem unschuldigen überbringer deines giftigen Gewandes.
Dieser kam und wiederholte unbefangen deinen Auftrag; der Vater
aber ergriff ihn am Fuße und warf ihn an die Felsen des Meeres,
daß er zerschmettert in der aufspritzenden Flut untersank. Das ganze
Volk jammerte bei dieser Tat des Wahnsinns auf, und niemand
wagte, sich dem rasenden Helden zu nähern. Dieser wälzte sich bald
auf dem Boden, bald sprang er heulend wieder auf, daß rings Fels
und Waldgebirge widerhallten. Er verfluchte dich und euren Ehebund,
der ihm zur Todesqual geworden. Endlich kehrte er sich zu
mir und rief: "Söhnlein, wenn du Mitleid mit deinem Vater
empfindest, so schiffe mit mir ohne Zögern fort, daß ich nicht im
fremden Lande sterbe!" Auf dieses Verlangen legten wir den Armen
in das Schiff, und unter Zuckungen brüllend ist er hier angelangt,
und bald wirst du ihn lebendig oder tot vor dir sehen. Das alles
ist dein Werk, Mutter. Den allerbesten Helden hast du jämmerlich
dahingemordet!"
Deianira, ohne sich auf diese schreckliche Rede zu rechtfertigen,
verließ ihren Sohn Hyllos in schweigender Verzweiflung. Das Hausgesinde,
dem sie ihr Geheimnis, den Gatten sich durch des Nessos
Zaubersalbe treu zu erhalten, früher anvertraut hatte, belehrte den
Knaben, daß sein Jähzorn der Mutter Unrecht getan. Er eilte der
Unglücklichen nach, aber er kam zu spät. Sie lag im Schlafgemach
tot auf dem Lager ihres Gatten ausgestreckt, die Brust mit einem
zweischneidigen Schwerte durchbohrt. Der Sohn umarmte jammernd
die Leiche und streckte sich dann zu ihrer Seite hin, seine Unbedachtsamkeit
beklagend. Die Ankunft des Vaters im Palast störte ihn
aus dieser kläglichen Ruhe auf. "Sohn," rief dieser, "Sohn, wo
bist du? Zieh doch das Schwert gegen deinen Vater, durchhaue mir
den Nacken und heile so die Wut, in welche deine gottlose Mutter
mich versetzt hat! Zage nicht, sei mitleidig mit mir, mit einem Helden,
der wie ein Mägdlein in Tränen schluchzen muß!" Dann wandte
er sich verzweiflungsvoll an die Umstehenden, streckte seine Arme aus
und rief: "Kennt ihr diese Glieder, denen das Mark entsaugt ist,
noch? ES sind dieselben, die den Schrecken der Hirten, den nemeischen
Löwen, gebändigt, die den Drachen von Lerna erwürgt, die den
erymanthischen Eber erlegen halfen, die den Kerberos aus der Hölle
heraufgetragen! Kein Speer, kein wildes Tier des Waldes, kein
Gigantenheer hat mich überwältigt; die Hand eines Weibes hat mich
vertilgt! Darum, Sohn, töte mich und strafe deine Mutter!"
Aber als Herakles aus dem Munde seines Sohnes Hyllos unter
heiligen Beteuerungen erfuhr, daß seine Mutter die unfreiwillige
Ursache seines Unglücks gewesen und ihre Unbedachtsamkeit mit dem
Selbstmorde gebüßt habe, wandte sich auch sein Sinn vom Zorn zur
Wehmut. Er verlobte seinen Sohn Hyllos mit der gefangenen Jungfrau
Jole, die ihm selbst so lieb gewesen war, und da ein Orakel
von Delphi gekommen, daß er auf dem Berge ta, der zum Gebiet
von Trachis gehörte, sein Leben beschließen müsse, so ließ er sich,
seinen Qualen zum Trotz, auf den Gipfel dieses Berges tragen. Hier
ward auf seinen Befehl ein Scheiterhaufen errichtet, auf welchem der
kranke Held seinen Platz nahm. Und nun befahl er den Seinigen,
den Holzstoß von unten anzuzünden. Aber niemand wollte ihm den
traurigen Liebesdienst erweisen. Endlich entschloß sich auf die eindringliche
Bitte des vor Schmerzen bis zur Verzweiflung gequälten
Helden sein Freund Philoktetes, seinen Willen zu tun. Zum Dank
für die Bereitwilligkeit reichte Herakles ihm seine unüberwindlichen
Pfeile nebst dem siegreichen Bogen. Sobald der Scheiterhaufen
angezündet war, schlugen Blitze vom Himmel darein und beschleunigten
die Flammen. Da senkte sich eine Wolke herab auf den Holzstoß
und trug den Unsterblichen unter Donnerschlägen zum Olymp empor.
Als nun, da der Scheiterhaufen schnell zu Asche verbrannt war,
Jolaos und die andern Freunde der Brandstätte sich näherten. die
überbleibsel des Helden zusammenzulesen, fanden sie kein einziges
Gebein mehr. Sie konnten auch nicht länger zweifeln, daß Herakles
dem alten Göttersprüche zufolge aus dem Kreise der Menschen in
den der Himmlischen versetzt worden sei, brachten ihm ein Totenopfer
als einem Heros und weihten ihn so zu einer allmählich von ganz
Griechenland verehrten Gottheit ein. Im Himmel empfing den vergötterten
Herakles seine Freundin Athene und führte ihn in den Kreis
der Unsterblichen. Hera selbst versöhnte sich mit ihm, nachdem er
sein sterbliches Geschick vollendet. Sie gab ihm ihre Tochter Hebe,
die Göttin der ewigen Jugend, zur Gemahlin.
Sisyphos und Bellerophontes
Sisyphos, der Sohn des Solos, der listigste aller Sterblichen,
baute und beherrschte die herrliche Stadt Korinth auf der
schmalen Erdenge zwischen zwei Meeren und zwei Ländern. Für
allerlei Betrug traf ihn in der Unterwelt die Strafe, daß er einen
schweren Marmorstein, mit Händen und Füßen angestemmt, von der
Ebene eine Anhöhe hinaufwälzen mußte. Wenn er aber schon
glaubte, ihn auf den Gipfel gedreht zu haben, so wandte sich die
Last um, und der tückische Stein rollte wieder in die Tiefe hinunter.
So mußte der gepeinigte Verbrecher von neuem und immer wieder
von neuem das Felsstück emporwälzen, daß der Angstschweiß von
seinen Gliedern floß.
Sein Enkel war Bellerophontes, der Sohn des Korintherkönigs
Glaukos. Wegen eines unvorsätzlichen Mordes flüchtig, wandte sich
der Jüngling nach Tiryns, wo der König Prötos regierte. Von
diesem wurde er gütig aufgenommen und von seinem Morde gereinigt.
Aber Bellerophontes hatte von den Unsterblichen schöne
Gestalt und männliche Tugenden empfangen. Deswegen entbrannte
die Gemahlin des Königs Prötos, Antea, in unreiner Liebe zu ihm
und wollte ihn zum Bösen verführen. Aber der edelgesinnte Bellerophontes
gehorchte ihr nicht. Da verwandelte sich ihre Liebe in
Haß; sie sann auf Lüge, ihn zu verderben, erschien vor ihrem Gemahl
und sprach zu ihm: "Erschlage den Bellerophontes, o Gemahl,
wenn dich nicht selbst unrühmlicher Tod treffen soll, denn der Treulose
hat mir seine strafbare Neigung bekannt und mich zur Untreue
gegen dich verleiten wollen." Als der König solches vernommen,
bemächtigte sich seiner ein blinder Eifer. Weil er jedoch den verständigen
Jüngling so liebgehabt hatte, vermied er den Gedanken,
zu ermorden. denn er machte ihm Grauen. Aber dennoch sann
er auf sein Verderben. Er schickte daher den Unschuldigen zu seinem
Schwiegervater Jobates, dem Könige von Lykien, und gab ihm ein
zusammengefaltetes Täfelchen mit, das er dem letzteren bei seiner
Ankunft in Lykien gleichsam als einen Empfehlungsbrief vorweisen
sollte; auf dieses waren gewisse Zeichen eingeritzt, die den Wink
enthielten. den überbringer hinrichten zu lassen. Arglos wandelte
Bellerophontes dahin, aber die allwaltenden Götter nahmen ihn in
ihren Schutz. Als er übers Meer nach Asien gefahren, am schönen
Strome Xanthos angekommen war und also Lykien erreicht hatte,
trat er vor den König Jobates. Dieser aber, ein gütiger, gastfreundlicher
Fürst nach der alten Sitte, nahm den edlen Fremdling
auf, ohne zu fragen, wer er sei, noch woher er komme.
Seine würdige Gestalt und sein fürstliches Benehmen genügten
ihm zur überzeugung, daß er keinen gemeinen Gast beherberge.
Er ehrte den Jüngling auf alle Weise, gab ihm alle Tage ein
neues Fest und brachte den Göttern von Tag zu Tag ein neues
Stieropfer. Neun Tage waren so vorübergegangen, und erst als
die zehnte Morgenröte am Himmel aufstieg, fragte er den Gast
nach seiner Herkunft und seinen Absichten. Da sagte ihm Bellerophontes,
daß er von seinem Eidam Prötos komme. und wies ihm
als Beglaubigungsschreiben das Täfelchen vor. Als der König
Jobates den Sinn der mörderischen Zeichen erkannte, erschrak er in
tiefster Seele. denn er Hane den edlen Jüngling sehr liebgewonnen.
Doch mochte er nicht denken, daß sein Schwiegersohn ohne gewichiige
Ursache die Todesstrafe über den Unglücklichen verhänge, glaubte also,
dieser müsse durchaus ein todeswürdiges Verbrechen verübt haben.
Aber auch er konnte sich nicht entschließen, den Menschen, der so
lange sein Gast gewesen war und durch sein ganzes Benehmen sich
seine Zuneigung zu erwerben gewußt hatte, geradezu umzubringen.
Er gedachte ihm deswegen nur Kämpfe aufzutragen, in denen er
notwendig zu Grunde gehen müßte. Zuerst ließ er ihn das Ungeheuer
Chimära erlegen, das Lykien verwüstete, und das göttlicher,
nicht menschlicher Art emporgewachsen war. Der gräßliche Typhon
hatte es mit der riesigen Schlange Echidna erzeugt. Vorn war es
ein Löwe, hinten ein Drache, in der Mitte eine Ziege, aus seinem
Rachen ging Feuer und entsetzlicher Gluthauch. Die Götter selbst
trugen Mitleid mit dem schuldlosen Jüngling, als sie sahen, welcher
Gefahr er ausgesetzt wurde. Sie schickten ihm auf seinem Wege zu
dem Ungeheuer das unsterbliche Flügelroß Pegasos, das Poseidon
mit der Medusa gezeugt hatte. Wie konnte ihm aber dieses helfen?
Das göttliche Pferd hatte nie einen sterblichen Reiter getragen.
Es ließ sich nicht einfangen und nicht zähmen. Müde von seinen
vergeblichen Anstrengungen, war der Jüngling am Quell Pirene,
wo er das Roß gefunden hatte, eingeschlafen. Da erschien ihm im
Traume seine Beschirmerin Athene; sie stand vor ihm, einen köstlichen
Zaum mit goldenen Buckeln in der Hand, und sprach: "Was
schläfst du, Abkömmling des aolos? Nimm dieses rossebändigende
Werkzeug; opfere dem Poseidon einen schönen Stier und brauche
des Zaums." So schien sie dem Helden im Traume zuzusprechen,
schüttelte ihren dunklen 'ügisschild und verschwand. Er aber erwachte
aus dem Schlafe, sprang auf und faßte mit der Hand nach
dem Zaume. Und, o Wunder, der Zaum, nach dem er im Traume
gegriffen, der Wachende hielt ihn wirklich und leibhaft in der
Hand. Bellerophontes suchte nun den Seher Polyidos auf und erzählte
ihm seinen Traum sowie das Wunder, das sich in demselben
zugetragen. Der Seher riet ihm, das Begehren der Göttin ungesäumt
zu erfüllen, dem Poseidon den Stier zu schlachten und seiner
Schutzgöttin Athene einen Altar zu bauen. Als dies alles geschehen
war, fing und bändigte Bellerophontes das Flügelroß ohne alle
Mühe, legte ihm den goldenen Zaum an und bestieg es in eherner
Rüstung. Nun schoß er aus den Lüften herab und tötete die
Chimära mit seinen Pfeilen. — Hierauf schickte ihn Jobates gegen
das Volk der Solymer aus, ein streitbares Männergeschlecht, das an
den Grenzen von Lykien wohnte, und nachdem er wider Erwarten
den härtesten Kampf mit diesen glücklich bestanden, wurde er von
dem König gegen die männergleiche Schar der Amazonen gesandt.
Auch aus diesem Streite kam er unverletzt und siegreich zurück. Nun
legte ihm der König, um dem Verlangen seines Eidams doch endlich
nachzukommen, eben auf diesem Rückwege einen Hinterhalt, wozu
er die tapfersten Männer des lykischen Landes ausersehen hatte.
Aber keiner von ihnen kehrte zurück, denn Bellerophontes vertilgte
alle, die ihn überfallen hatten, bis auf den letzten. Nunmehr erkannte
der König, daß der Gast, den er beherbergt, kein Verbrecher, sondern
ein Liebling der Götter sei. Statt ihn länger zu verfolgen, hielt er
ihn in seinem Königreich zurück, teilte den Thron mit ihm und gab
ihm seine blühende Tochter Philonoe zur Gemahlin. Die Lykier
überliessen ihm die schönsten Äcker und Pflanzungen zum Bebauen.
Seine Gemahlin gebar ihm drei Kinder, zwei Söhne und eine
Tochter.
Aber jetzt hatte das Glück des Bellerophontes ein Ende. Sein
ältester Sohn Isandos wuchs zwar auch zu einem gewaltigen Helden
auf, aber er fiel in einer Schlacht gegen die Solymer. Seine Tochter
Loadamia wurde, nachdem sie dem Zeus den Helden Sarpedon geboren,
durch einen Pfeil der Artemis erschossen. Nur sein jüngerer
Sohn Hippolochos gelangte zu ruhmvollem Alter und schickte im
Kampfe der Trojaner ,seinen heldenmütigen Sohn Glaukos, den auch
sein Vetter Sarpedon begleitete, mit einer stattlichen Schar von
Lykiern den Troern zu Hilfe.
Bellerophontes selbst, durch den Besitz des unsterblichen Flügelrosses
übermütig gemacht, wollte sich auf demselben zum Olymp
emporschwingen und, der Sterbliche, sich in die Versammlung der
Unsterblichen eindrängen. Aber das göttliche Roß selbst widersetzte
sich dem kühnen Unterfangen, bäumte sich in der Luft und schleuderte
den irdischen Reiter hinunter auf den Boden. Bellerophontes erholte
sich zwar von diesem Fall, aber den Himmlischen seitdem verhaßt
und vor den Menschen sich schämend, irrte er einsam umher, vermied
die Pfade der Sterblichen und verzehrte sich in einem ruhmlosen
und kummervollen Alter.
Theseus
Seine Geburt und Jugend
Theseus, der große Held und König von Athen, war ein Sohn
des Agens und der Äthra, der Tochter des Königs Pittheus
von Trözen. Seine väterliche Abkunft steigt bis zu dem König Erechtheus
und zu jenen Athenern auf, die nach der Sage des Landes
aus dem Boden desselben unmittelbar entsprossen waren. Von der
Mutter Seite war Pelops, durch die Zahl seiner Kinder der mächtigste
unter den Königen des Peloponnes, sein Ahnherr. Bei einem
seiner Söhne, Pittheus, dem Gründer der kleinen Stadt Trözen im
Peloponnes, kehrte der kinderlose König Ägeus von Athen, der dort
etwa zwanzig Jahre vor Jasons Argonautenzug herrschte, ein, weil
er sein Gastfreund war. Diesen Ägeus, den ältesten der vier Söhne
des Königs Pandion, bekümmerte es schwer, daß seine Ehe mit
keiner Nachkommenschaft gesegnet war. Er fürchtete nämlich gar
sehr die fünfzig Söhne seines Bruders Pallas, welche feindselige Absichten
gegen ihn hegten und den Kinderlosen verachteten. So kam
er auf den Gedanken, sich heimlich und ohne Wissen seiner Gemahlin
noch einmal zu vermählen, in der Hoffnung, er werde so einen Sohn
erhalten, welcher die Stütze seines Alters und seines Reiches werden
könnte. Er vertraute sich seinem Gastfreunde Pittheus, und das
gute Glück wollte, daß gerade diesem ein seltsames Orakel zuteil
geworden war, das ihm verkündigte, daß seine Tochter kein rühmliches
Ehebündnis eingehen, aber einen berühmten Sohn gebären
werde. Dies machte den König von Trözen geneigt, dem Manne,
der schon zu Hause eine Gattin hatte, seine Tochter Äthra heimlich
zu vermählen. Als dieses geschehen war, blieb ?tgeus nur noch
wenige Tage zu Trözen und reiste dann wieder nach Athen zurück.
Als er am Meeresufer Abschied von seiner neuvermählten Gattin
nahm, legte er Schwert und Fußsohlen unter ein Felsstück und
sprach: "Wenn die Götter unserem Bunde. den ich nicht aus Leichtsinn
geschlossen habe, sondern um meinem Hause und Land eine
Stütze zu verschaffen, hold sind und dir einen Sohn gewähren, so
ziehe ihn heimlich auf und sage keinem Menschen, wer sein Vater
ist. Ist er so weit herangewachsen, daß er imstande ist, das Felsstück
abzuwälzen, so führe ihn an diese Stelle, laß ihn Schwert und
Schuhe hervorholen und sende ihn damit zu mir nach Athen." Äthra
gebar auch wirklich einen Sohn, nannte ihn Theseus und ließ ihn
unter der Fürsorge seines Großvaters Pittheus aufwachsen; den
wahren Vater des Theseus verheimlichte sie dem Befehl ihres Gatten
gemäß. und der Großvater verbreitete die Sage, daß er ein Sohn
des Poseidon sei. Diesem Gott erwiesen nämlich die Trözenier besondere
Ehre als dem Schutzgott ihrer Stadt, brachten ihm die Erstlinge
ihrer Früchte zum Opfer, und sein Dreizack war das Abzeichen
von Trözen. So gab es dem Lande keinen Anstoß, wenn die Königs
tochter eines Sohnes von dem hochgeehrten Gotte gewürdigt worden
war. Als aber der Jüngling nicht bloß zu herrlicher Körperstärke
heranwuchs, sondern auch Kühnheit, Einsicht und festen Sinn zeigte,
da führte ihn seine Mutter Äthra zu dem Steine, unterrichtete ihn
über seine wahre Herkunft und forderte ihn auf, die Erkennungszeichen
seines Vaters Ägeus hervorzuholen und nach Athen zu
schiffen. Theseus stemmte sich an den Stein und schob ihn mit
Leichtigkeit zurück; er band sich die Sohlen unter die Füße und das
Schwert an die Seite. Zur See zu reisen aber weigerte er sich,
obgleich Großvater und Mutter ihn inständig darum baten. Der
Landweg nach Athen war nämlich damals sehr gefährlich, weil
allenthalben Räuber und Bösewichte lauerten. Denn jenes Zeitalter
brachte Menschen hervor, die sich zwar in Leibesstärke und Taten
der Faust unüberwindlich zeigten, aber diese Vorzüge nicht zu
menschenfreundlichen Handlungen anwandten, sondern ihre Freude
an übermut und Gewalttaten hatten und alles mißhandelten oder
vertilgten, was ihnen in die Hände fiel. Einige derselben hatte
Herakles auf seinen Zügen erschlagen. Um jene Zeit aber diente
dieser gerade als Sklave bei der Königin Omphale in Lydien und
säuberte zwar jenes Land, in Griechenland aber brachen die Gewalttätigkeiten
von neuem hervor, weil niemand ihnen Einhalt tat. Deswegen
war die Landreise aus dem Peloponnes nach Athen mit der
größten Gefahr verbunden, und sein Großvater beschrieb dem jungen
Theseus genau jeden dieser Räuber und Bösewichte, und welche
Grausamkeiten sie an den Fremden zu verüben pflegten. Aber
Theseus hatte sich längst den Herakles und seine Tapferkeit zum
Vorbild genommen. Als er sieben Jahre alt war, hatte dieser Held
seinen Großvater Pittheus besucht, und wie derselbe mit dem König
zu Tische saß und schmauste, durfte unter andern Knaben der
Trözenier auch der kleine Theseus zuschauen. Herakles hatte beim
Mahl seine Löwenhaut abgelegt. Die übrigen Knaben nun machten
sich, als sie die Haut erblickten, auf die Flucht. Theseus aber ging
ohne Furcht hinaus, nahm einem der Diener eine Art aus der Hand
und rannte damit auf die Haut los, die er für einen wirklichen Löwen
hielt. Seit diesem Besuch des Herakles träumte Theseus voll Bewunderung
des Nachts von seinen Taten, und am Tage sann er auf
nichts anderes, als wie er dereinst Ähnliches unternehmen wollte.
Auch waren sie blutsverwandt, denn ihre Mütter waren Kinder von
Geschwistern. So konnte jetzt der sechzehnjährige Theseus den Ge
danken nicht ertragen, daß, während sein Vetter überall die Frevler
aussuche und Land und Meer von ihnen reinigte, er die sich ihm
darbietenden Kämpfe fliehen sollte. "Was würde," sprach er unwillig,
der Gott, den man meinen Vater nennt, von dieser feigen
Reise im sicheren Schoße seiner Gewässer denken, was würde mein
wahrer Vater sagen, wenn ich ihm als Kennzeichen Schuhe ohne
Staub und ein Schwert ohne Blut brächte?" Diese Worte gefielen
seinem Großvater, der auch ein tapferer Held gewesen war. Die
Mutter gab ihm ihren Segen, und Theseus ging davon.
Seine Wanderung zum Vater
Der erste, der ihm in den Weg kam, war der Straßenräuber
Periphetes, dessen Waffe eine mit Eisen beschlagene Keule war, von
welcher er den Beinamen Keulenschwinger führte, und mit der er
die Wanderer zu Boden schmetterte.
Als Theseus in die Gegend von Epidauros kam, stürzte dieser
Bösewicht aus einem finstern Walde hervor und versperrte ihm den
Weg. Der junge Theseus aber rief ihm wohlgemut zu: "Elender,
du kommst mir eben gelegen! Deine Keule wird dem wohl anstehen,
der als ein zweiter Herakles in der Welt aufzutreten gesonnen ist."
Mit diesem Ausrufe warf er sich auf den Räuber und erschlug ihn
nach einem kurzen Kampfe. Dem Getöteten nahm er die Keule aus
der Hand und trug sie als Siegeszeichen und Waffe von dannen.
Einem andern Frevler begegnete er auf der Landenge von
Korinth; dieses war Sinnis der Fichtenbeuger, so genannt, weil er,
wenn er einen Wanderer in seine Gewalt bekommen hatte, mit seinen
riesenstarken Händen zwei Fichtenwipfel herunterzubeugen pflegte;
an diese band er seinen Gefangenen und ließ ihn von den zurückschnellenden
Bäumen zerreißen. Mit der Erlegung dieses Ungeheuers
weihte Theseus seine Keule ein. Sinnis hatte eine sehr schöne, schlanke
Tochter, Perigune mit Namen, die Theseus bei der Ermordung ihres
Vaters erschrocken hatte fliehen sehen und nun überall suchte. Das
Mädchen hatte sich an einem dicht mit Gartengewächsen bepflanzten
Ort versteckt und flehte, als verständen sie es, mit kindlicher Unschuld
diese Sträucher an, indem sie ihnen unter Schwüren gelobte, sie niemals
zu verletzen oder zu verbrennen, wenn dieselben sie verdecken
und retten wollten. Da sie aber Theseus zurückrief mit der Versicherung
ihr nichts zuleide zu tun, vielmehr aufs beste für sie zu
sorgen, kam sie hervor und blieb seitdem in seinem Geleite. Er gab
sie später dem Deioneus, dem Sohne des Königs Eurytos von Öchalia,
zur Gattin. Ihre ganze Nachkommenschaft hielt den Schwur und
verbrannte nie eines von den Gewächsen, welche ihre Ahnfrau geschirmt
hatten.
Aber nicht nur von verderblichen Menschen säuberte er den Weg,
auf welchem er einherzog, auch gegen schädliche Tiere glaubte er,
auch hierin dem Herakles ähnlich, den Kampf wagen zu müssen. So
erlegte er denn unter andern die Phäa. So hieß das kromijonische
Schwein, welches kein gemeines Tier, sondern streitbar und schwer
zu besiegen war. Unter solchen Taten kam er an die Grenze von
Megara und stieß hier auf den Skiron, einen dritten berüchtigten
Straßenräuber, der seinen Aufenthalt auf den hohen Felsen zwischen
dem Megarerlande und Attika genommen hatte. Dieser pflegte aus
frechem Mutwillen den Fremden seine Füße vorzuhalten mit dem
Befehl, sie zu waschen, und während dies geschah, stürzte er sie mit
einem Tritt ins Meer. Dieselbe Todesstrafe vollzog nun Theseus
an ihm selber. Schon auf attischem Gebiet bei der Stadt Eleusis
begegnete er dem Wegelagerer Kerkyon; dieser forderte die Vorbei
reisenden zum Ringkampfe auf, und wenn er siegte, brachte er sie
um. Theseus nahm seine Herausforderung an, überwand ihn und
befreite die Welt von dem Ungeheuer. Nachdem er nun eine kleine
Strecke weitergereist war, kam er zu dem letzten und grausamsten
jener Straßenräuber, dem Damastes, den aber jedermann nur unter
seinem Beinamen Prokrustes, d. h. der Gliederausrecker, kannte. Dieser
hatte zwei Bettstellen, eine sehr kurze und eine sehr lange. Kam
nun ein Fremder in sein Gehege, der klein war, so führte ihn der
finstere Räuber beim Schlafengehen zur langen Bettstelle. "Wie du
siehst," sprach er dann, "ist meine Lagerstatt für dich viel zu groß;
laß dir das Bett anpassen, Freundl" und damit reckte er ihm die
Glieder so lange auseinander, bis er den Geist aufgab. Kam aber
ein langer Gast, so brachte er ihn zur kurzen Bettstelle, und zu diesem
sagte er: "Es ist mir leid, Guter, daß mein Lager nicht für dich
gemacht und viel zu klein ist, doch dem soll bald geholfen sein!" und
so hieb er ihm die Füße ab, soweit sie das Bett überragten. Diesen,
der ein Riese von Natur war, legte er in das kleine Bett des Räubers
selbst und schnitt ihm den Leib zusammen, daß er jämmerlich umkam.
So widerfuhr den meisten dieser Verbrecher von der Hand
des Theseus nach der Weise ihres eigenen Unrechtes ihr Recht.
Auf seiner ganzen bisherigen Reise war dem Theseus nichts
Freundliches begegnet. Endlich aber, als er zum Flusse Kephissos
kam, traf er auf einige Männer aus dem Geschlecht der Phytaliden,
bei denen er gastfreie Aufnahme fand. Vor allen Dingen reinigten
sie ihn auf seine Bitte mit den gewohnten Gebräuchen vom vergossenen
Blute und bewirteten ihn in ihrem Hause. Nachdem er sich gütlich
getan und den wackeren Leuten seinen Dank mit herzlichen Worten
bezeigt hatte, lenkte er seine Schritte der nahen väterlichen Heimat zu.
Theseus in Athen
Zu Athen fand der junge Held nicht den Frieden und die Freude,
die er erwartet hatte. Bei der Bürgerschaft herrschte Verwirrung
und Zwietracht, und das Haus seines Vaters Rgeus selbst fand er
in trauriger Lage. Medea, die auf ihrem Drachenwagen Korinth
und den verzweifelten Jason verlassen hatte, war zu Athen angekommen,
hatte sich in die Gunst des alten Rgeus eingeschlichen und
versprochen, ihm durch ihre Zaubermittel die Kraft seiner Jugend
zurückzugeben. Deswegen lebte der König mit ihr in vertrautem
Verhältnis. Durch ihren Zauber hatte das furchtbare Weib vorher
Kunde von der Ankunft des Theseus erhalten, und nun überredete
sie den Ägeus, den der Parteizwist seiner Bürger mit Argwohn erfüllte,
den Fremdling, in welchem der Greis den Sohn nicht ahnte,
und den sie ihm als einen gefährlichen Späher darzustellen wußte,
als Gast zu bewirten und mit Gift aus dem Wege zu räumen. So
erschien denn Theseus unerkannt beim Frühmahl und freute sich, den
Vater selbst entdecken zu lassen, wen er vor sich habe. Schon war
ihm der Giftbecher vorgesetzt, und Medea harrte mit Ungeduld auf
den Augenblick, wo der neue Ankömmling, von dem sie aus dem
Hause vertrieben zu werden fürchtete, die ersten Züge daraus tun
würde, die wirksam genug sein sollten, ihm die jungen, wachsamen
Augen für immer zu schließen. Theseus aber, den mehr nach der
Umarmung seines Vaters als nach dem Becher verlangte, zog, scheinbar
um das vorgelegte Fleisch zu zerschneiden, das Schwert, das sein
Vater für ihn unter dem Felsblock hinterlegt hatte, damit ' )tgeus
gewahr werden und den Sohn in ihm erkennen sollte. Dieser sah
nicht so bald das ihm wohlbekannte Schwert blinken, als er den
Giftbecher umwarf, und nachdem er sich durch einige Fragen vollends
überzeugt hatte, daß er den vom Schicksal ersehnten Sohn in junger
Heldenblute vor sich habe, schloß er ihn in seine Arme. Sofort
stellte der Vater ihn der Versammlung des Volkes vor, dem er die
Abenteuer seiner Reise erzählen mußte, und das den früh erprobten
Helden mit freudigem Jauchzen begrüßte. Gegen die falsche Medea
hatte der König 'tgeus jetzt einen Abscheu gefaßt, und die mordlustige
Zauberin wurde aus dem Lande vertrieben.
Theseus bei Minos
Die erste Tat, die Theseus verrichtete, seitdem er als Königssohn
und Erbe des attischen Thrones an seines Vaters Seite lebte,
war die Aufreibung der fünfzig Söhne seines Oheims Pallas, welche
früher gehofft hatten, den Thron zu erlangen, wenn ' Ägens ohne
Kinder stürbe, und welche ergrimmt waren, daß jetzt nicht bloß ein
angenommener Sohn des Pandion, wie Ägeus war, König der
Athener sei, sondern daß auch in Zukunft ein hergelaufener Fremdling
die Herrschaft über sie und das Land führen sollte. Sie griffen
daher zu den Waffen und legten dem Ankömmling einen Hinterhalt.
Aber der Herold, den sie mit sich führten und der ein fremder
Mann war, verriet diesen Plan dem Theseus, der nun plötzlich ihren
Hinterhalt überfiel und alle fünfzig niedermachte. Um durch diese
blutige Notwehr die Gemüter des Volkes nicht von sich abzukehren,
zog hierauf Theseus auf ein gemeinnütziges Wagestück aus, bezwang
den marathonischen Stier, der den Bewohnern der attischen Stadt
Tetrapolis nicht wenig Not verursacht hatte, führte ihn zur Schau
durch die Stadt und opferte ihn endlich dem Apollon.
Um diese Zeit kamen von der Insel Kreta zum drittenmal
Abgeordnete des Königs Minos, um den gebräuchlichen Tribut abzuholen.
Mit demselben verhielt es sich also. Der Sohn des Minos.
Androgeos, war, wie die Sage ging, im attischen Gebiet durch
Hinterlist getötet worden. Dafür hatte sein Vater die Einwohner
mit einem verderblichen Kriege heimgesucht, und die Götter selbst
hatten das Land durch Dürre und Seuchen verwüstet. Da tat das
Orakel Apollons den Spruch, der Zorn der Götter und die Leiden
der Athener würden aufhören, wenn sie den Minos besänftigen und
seine Verzeihung erlangen könnten. Hierauf hatten sich die Athener
mit Bitten an ihn gewendet und Frieden erhalten unter der Bedingung,
daß sie alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben
Jungfrauen als Tribut nach Kreta schicken sollten. Diese sollen nun
von Minos in sein berühmtes Labyrinth eingeschlossen worden sein,
und dort soll sie der gräßliche Minotauros, ein zwitterhaftes Geschöpf,
das halb Mensch und halb Stier war, getötet haben, oder
sie sollen auf andere Weise verschmachtet sein. Als nun die Zeit
des dritten Tributs herbeigekommen war und die Väter, welche
unverheiratete Söhne und Töchter hatten, diese dem entsetzlichen Lose
unterwerfen mußten, da erneuerte sich der Unwille der Bürger gegen
Ägeus, und sie fingen an darüber zu murren, daß er, der Urheber
des ganzen Unheils, allein seinen Teil an der Strafe nicht zu leiden
habe und, nachdem er einen hergelaufenen Bastard zum Nachfolger
ernannt, gleichgültig zusehe, wie ihnen ihre rechtmäßigen Kinder entrissen
würden. Den Theseus, der sich schon gewöhnt hatte, das
Geschick seiner neuen Mitbürger nicht als ein fremdes zu betrachten,
schmerzten diese Klagen. Er stand in der Volksversammlung auf
und erklärte sich bereit, an dem Tribut teilzunehmen und sich selbst
ohne Los hinzugeben. Alles Volk bewunderte seinen Edelmut und
aufopfernden Bürgersinn, auch blieb sein Entschluß, obgleich sein
Vater ihn mit den dringendsten Bitten bestürmte, daß er ihn des
unerwarteten Glückes, einen Sohn und Erben zu besitzen, doch nicht
so bald wieder berauben solle, unerschütterlich fest. Seinen Vater
aber beruhigte er durch die zuversichtliche Versicherung, daß er mit
den herausgelosten Jünglingen und Jungfrauen nicht in das Verderben
gehe, sondern den Minotaurus bezwingen werde. Bisher
nun war das Schiff, das die unglücklichen Opfer nach Kreta hinüberführte,
zum Zeichen ihrer Rettungslosigkeit mit schwarzem Segel
abgesendet worden. Jetzt aber, als Ägeus seinen Sohn mit so
kühnem Stolze sprechen hörte, rüstete er zwar das Schiff noch auf
dieselbe Weise aus, doch gab er dem Steuermann ein anderes Segel
von weißer Farbe mit und befahl ihm, wenn Theseus gerettet zurückkehre,
dieses auszuspannen, wo nicht, mit dem schwarzen zurückzukehren
und so das Unglück zum voraus anzukündigen.
Als nun das Los gezogen war, führte der junge Theseus die
Knaben und Mädchen, die es getroffen hatte, zuerst in den Tempel
des Apollon und brachte dem Gott in ihrem Namen den mit weißer
Wolle umwundenen Ölzweig, das Weihegeschenk der Schutzflehenden,
dar. Nachdem er das feierliche Gebet gesprochen, ging er, von allem
Volke begleitet, mit den auserlesenen Jünglingen und Jungfrauen
ans Meeresufer hinab und bestieg das Trauerschiff.
Das Orakel zu Delphi hatte ihm geraten, er solle die Göttin
der Liebe zur Führerin wählen und ihr Geleit sich erbitten. Theseus
verstand diesen Spruch nicht, brachte jedoch der Aphrodite ein Opfer
dar. Der Erfolg aber gab der Weissagung ihren guten Sinn.
Denn als Theseus auf Kreta gelandet und vor dem König
Minos erschienen war, zog seine Schönheit und Heldenjugend die
Augen der reizenden Königstochter Ariadne auf sich. Sie gestand
ihm ihre Zuneigung in einer geheimen Unterredung und händigte
ihm einen Knäuel Faden ein, dessen Ende er am Eingang des Labyrinths
festknüpfen, und den er während des Hinschreitens durch
die verwirrenden Irrgänge in der Hand ablaufen lassen sollte, bis
er an die Stelle gelangt wäre, wo der Minotauros, seine gräßliche
Wache hielt. Zugleich übergab sie ihm ein gefeites Schwert, womit
er dieses Ungeheuer töten könnte. Theseus ward mit allen seinen
Gefährten von Minos in das Labyrinth geschickt, machte den Führer
seiner Genossen, erlegte mit seiner Zauberwaffe den Minotauros und
wand sich mit allen, die bei ihm waren, mit Hilfe des abgespulten
Zwirns aus den Höhlengängen des Labyrinths glücklich heraus.
Jetzt entfloh Theseus samt allen seinen Gefährten mit Hilfe und in
Begleitung Ariadnes, die der junge Held, beglückt durch den lieblichen
Kampfpreis, den er unerwartet errungen, mit sich führte. Auf ihren
Rat hatte er auch den Boden der kretischen Schiffe zerhauen und
so ihrem Vater das Nachsetzen unmöglich gemacht. Schon glaubte
er seine holde Beute ganz in Sicherheit und kehrte mit Ariadne
sorglos auf der Insel Naros ein. Da erschien ihm der Gott Bacchos
im Traum, erklärte, daß Ariadne die ihm vom Schicksal bestimmte
Braut sei, und drohte ihm alles Unheil, wenn Theseus die Geliebte
nicht ihm überlassen würde. Theseus war von seinem Großvater
in Götterfurcht erzogen worden; er scheute den Zorn des Gottes,
ließ die wehklagende, verzagende Königstochter auf der einsamen
Insel zurück und schiffte weiter. In der Nacht erschien Ariadnes
rechter Bräutigam, Bacchos, und entführte sie auf den Berg Drios:
dort verschwand zuerst der Gott, bald darauf ward auch Ariadne
unsichtbar. Theseus und seine Gefährten waren über den Raub der
Jungfrau tief betrübt. Ja ihrer Traurigkeit vergaßen sie, daß ihr
Schiff noch die schwarzen Segel aufgezogen hatte, mit welchen es
die attische Küste verlassen; sie unterließen es, dem Befehl des Ägeus
zufolge, die weißen Tücher aufzuspannen, und das Schiff flog in
seiner schwarzen Trauertracht der Heimatküste entgegen. Ägeus befand
sich eben an der Küste, als das schwarze Schiff herangesegelt
kam, und genoß von einem Felsenvorsprunge die Aussicht auf die
offene See. Aus der Farbe der Segel schloß er, daß sein Sohn
tot sei. — Da erhob er sich von dem Felsen, auf dem er saß, und
im unbegrenzten Schmerze des Lebens überdrüssig, stürzte er sich in
die jähe Tiefe. Indessen war Theseus gelandet. und nachdem er
im Hafen die Opfer dargebracht hatte, die er bei der Abfahrt den
Göttern gelobt, schickte er einen Herold in die Stadt, die Rettung
der sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen und seine eigene zu
verkündigen. Der Bote wußte nicht, was er von dem Empfange
denken sollte, der ihm in der Stadt zuteil ward. Während die
einen ihn voll Freude bewillkommneten und als den überbringer
froher Botschaft bekränzten, fand er andere in tiefe Trauer versenkt,
die seinen fröhlichen Worten gar kein Gehör schenkten. Endlich löste
sich ihm das Rätsel durch die erst allmählich sich verbreitende Nachricht
vom Tode des Königs Ägeus. Der Herold nahm nun zwar
die Kränze in Empfang, schmückte aber damit nicht seine Stirn,
sondern nur den Heroldstab und kehrte so zum Gestade zurück.
Hier fand er den Theseus noch im Tempel mit der Darbringung
des Dankopfers beschäftigt, er blieb daher vor der Tür des Tempels
stehen, damit die heilige Handlung nicht durch die Trauernachricht
gestört würde. Sobald das Brandopfer ausgegossen war, meldete
er des Ägeus Ende. Theseus warf sich, vom Schmerz wie vom
Blitze getroffen, zur Erde, und als er sich wieder aufgerafft hatte,
eilten alle, nicht unter Freudenjubel, wie sie es sich gedacht hatten,
sondern unter Wehgeschrei und Klageruf in die Stadt.
Theseus als König
Nachdem Theseus unter vielen Klagen seinen Vater bestattet
hatte, weihte er dem Apollon, was er ihm gelobt hatte. Das Schiff,
in welchem er mit den attischen Jünglingen und Jungfrauen abgefahren
und gerettet zurückgekehrt war, ein Fahrzeug von dreißig
Rudern, wurde zum ewigen Andenken von den Athenern aufbewahrt,
indem das abgängige Holz immer wieder durch neues ersetzt ward.
Und so wurde dieser heilige Überrest alter Heldenzeit noch geraume
Zeit nach Alexander dem Großen den Freunden des Altertums
gezeigt.
Theseus, der jetzt König geworden war, zeigte bald, daß er
nicht nur ein Held in Kampf und Fehde, sondern auch fähig sei, einen
Staat einzurichten und ein Volk im Frieden zu beglücken. Hierin
tat er es selbst seinem Vorbild Herakles zuvor. Er unternahm
nämlich ein großes und bewundernswürdiges Werk. Vor seiner
Regierung wohnten die meisten Einwohner Attikas zerstreut um die
Burg und kleine Stadt Athen herum auf einzelnen Bauernhöfen
und weilerartigen Dörfern. Sie konnten daher nur schwer zusammengebracht
werden, um über öffentliche Angelegenheiten zu ratschlagen,
ja bisweilen gerieten sie auch über kleinliche Gegenstände des Nachbarbesitzes
miteinander in Streit. Theseus nun war es, der alle
Bürger des attischen Gebietes in eine Stadt vereinigte und so aus
den zerstreuten Gemeinden einen gemeinschaftlichen Staat bildete;
und dieses große Werk brachte er nicht wie ein Tyrann durch Gewalt
zustande, sondern er reiste bei den einzelnen Gemeinden und Geschlechtern
herum und suchte ihre freiwillige Zustimmung zu erlangen.
Die Armen und Niedrigen bedurften keiner langen Ermahnung, sie
konnten bei dem Zusammenleben mit den Vermöglicheren nur gewinnen;
den Mächtigen und Reichen aber versprach er Beschränkung
der Königsgewalt, die bisher zu Athen unbeschränkt gewesen war,
und eine vollkommen freie Verfassung. "Ich selbst," sprach er, "will
nur euer Anführer im Kriege und Beschützer dieser Gesetze sein, im
übrigen soll allen meinen Mitbürgern Gleichheit der Rechte gestattet
werden." Dieses leuchtete vielen der Vornehmen ein; andere, denen
die Umwandlung der Staatsverhältnisse weniger willkommen war,
fürchteten sich vor seiner Beliebtheit beim Volke, der großen Macht,
die er bereits besaß, und seinem wohlbekannten kühnen Mute. Sie
wollten daher lieber der überredung desjenigen nachgeben, der sie
zwingen konnte.
So hob er denn alle einzelnen Rathäuser und unabhängigen
Obrigkeiten in den Gemeinden auf und gründete ein allen gemeinsames
Rathaus mitten in der Stadt, stiftete auch ein Fest für alle
Staatsbürger, welches er das Allathenerfest nannte. Erst jetzt wurde
Athen zu einer förmlichen Stadt und auch ihr Name Athen erst recht
gangbar. Vorher war es nichts anderes als eine Königsburg gewesen,
Kekropsburg von ihrem Gründer benannt. und nur wenige
Bürgerhäuser waren darum hergestanden. Um diese neue Stadt noch
mehr zu vergrößern, rief er unter Zusicherung gleicher Bürgerrechte
aus allen Gegenden neue Ansiedler herbei; denn er wollte in Athen
einen allgemeinen Völkerverein gründen. Damit aber die zusammengeströmte
Menschenmenge nicht Unordnung in den neu begründeten
Staat brächte, teilte er das Volk zuerst in Edle, Landbauern und
Handwerker und wies jedem Stande seine eigentümlichen Rechte und
Pflichten zu, so daß die Edlen durch Ansehen und Amtstätigkeit, die
Landbauern durch ihre Nützlichkeit, die Handwerker durch ihre Menge
den Vorzug zu haben schienen. Seine eigene Gewalt als König beschränkte
er, wie er versprochen hatte, und machte sie von dem Rate
der Edlen und der Versammlung des Volkes abhängig.
Der Amazonenkrieg
Während Theseus damit beschäftigt war, den Staat durch Götterfurcht
zu befestigen und daher den Dienst der Athene als Schutzgöttin
des Landes begründete, auch dem Poseidon zu Ehren, dessen
besonderer Schützling er war, und für dessen Sohn er lange gegolten
hatte, die heiligen Kampfspiele auf dem Isthmus von Korinth einführte
oder doch erneuerte, wie einst Herakles die olympischen Spiele
dem Zeus angeordnet hatte, wurde Athen von einem seltsamen und
außerordentlichen Kriege heimgesucht. Theseus war nämlich in
jüngeren Jahren auf einem Fehdezuge an der Küste der Amazonen
gelandet, und diese, die nicht männerscheu waren, flohen so wenig
vor dem stattlichen Helden, daß sie ihm vielmehr Gastgeschenke zusandten.
Dem Theseus aber gefielen nicht nur die Geschenke, sondern
auch die schöne Amazone, die deren Überbringerin war. Diese hieß
Hippolyte, und der Held lud sie ein, sein Schiff zu besuchen. Als
sie dieses bestiegen hatte, fuhr er mit seinem schönen Raube davon.
Zu Athen angekommen, vermählte er sich mit ihr. Hippolyte war
nicht ungern die Gemahlin eines Helden und eines herrlichen Königs.
Aber das streitbare Weibervolk der Amazonen war über jenen
frechen Raub entrüstet, und noch als derselbe längst vergessen schien,
sannen sie auf Rache, nahmen eine Gelegenheit wahr, wo der Staat
der Athener unbewacht schien, und plötzlich eines Tages landeten sie
mit einer Schiffeschar, bemächtigten sich des Landes und umzingelten
die Stadt, in welche sie im Sturm einbrachen. Ja sie schlugen
mitten in derselben ein ordentliches Lager auf, und die erschrockenen
Einwohner hatten sich auf die Burg zurückgezogen. Beide Teile verzögerten
darauf aus Scheu den Angriff; endlich begann Theseus den
Kampf von der Burg herab, nachdem er dem Orakel gemäß dem
Gott des Schreckens ein Opfer gebracht hatte. Anfangs wichen die
athenischen Männer dem Andrange der fremden Mannweiber und
wurden bis zu dem Tempel der Furien zurückgedrängt. Dann aber
erneuerte sich der Kampf von einer andern Seite her; der rechte
Flügel der Amazonen wurde bis zu ihrem Lager zurückgetrieben,
und viele wurden getötet. Die Königin Hippolyte soll in dieser
Schlacht, ihres Ursprungs uneingedenk, mit ihrem Gemahl gegen die
Amazonen gekämpft haben. Ein Wurfspieß traf sie an Theseus'
Seite und streckte sie tot danieder. Ihrem Gedächtnis wurde später
eine Säule zu Athen errichtet. Den ganzen Krieg beschloß ein
Friedensschluß, dem zufolge die Amazonen Athen verließen und in
ihr Vaterland zurückkehrten.
Theseus und Peirithoos —Lapithen- und Kentaurenkampf
Theseus stand im Rufe außerordentlicher Stärke und Tapferkeit.
Peirithoos, einer der berühmtesten Helden des Altertums, empfand
Lust, ihn auf die Probe zu stellen, und trieb Rinder, die jenem
gehörten, von Marathon weg; und als ihm zu Ohren kam, daß
Theseus, die Waffen in der Hand, ihm nachsetze, da hatte er, was er
wollte, und floh nicht, sondern wandte sich um, ihm entgegenzugehen.
Als die beiden Helden einander nahe genug waren, um einer den
andern zu messen, da wurde jeder von Bewunderung der schönen
Gestalt und der Kühnheit des andern so sehr ergriffen, daß sie wie
auf ein gegebenes Zeichen die Streitwaffen zu Boden warfen und
aufeinander zueilten. Peirithoos streckte dem Theseus die Rechte entgegen
und forderte ihn auf, selbst als Schiedsrichter über den Raub
der Rinder zu entscheiden; welche Genugtuung Theseus bestimmen
werde, der wolle er sich freiwillig unterwerfen. "Die einzige Genugtuung,
die ich verlange," erwiderte Theseus mit leuchtendem Blick,
"ist die, daß du aus einem Feinde und Beschädiger mein Freund
und Kampfgenosse werdest." Nun umarmten sich die beiden Helden
und schwuren einander treue Freundschaft zu.
Als hierauf Peirithoos die thessalische Fürstentochter Hippodameia
aus dem Geschlecht der Lapithen freite, lud er auch seinen Waffenbruder
Theseus zu der Hochzeit. Die Lapithen, unter denen die
Festlichkeit gefeiert wurde, waren ein berühmter Stamm Thessaliens,
rohe, zur Tiergestalt sich neigende Bergmenschen, die ersten Sterblichen,
welche Pferde bändigen lernten. Die Braut aber, welche
diesem Geschlecht entsprossen war, hatte nichts den Männern dieses
Stammes Ähnliches. Sie war holdselig von Gestalt, zarten, jungfräulichen
Antlitzes und so schön, daß den Peirithoos alle Gäste um
ihretwillen glückselig priesen. Alle Fürsten Thessaliens waren bei
dem Fest erschienen; aber auch die Verwandten des Peirithoos, die
Kentauren, fanden sich ein, die Halbmenschen, die von einem Wolkenungeheuer
abstammten, daher sie auch alle zusammen die Wolkensöhne
hießen. Diese waren die beständigen Feinde der Lapithen.
Diesmal aber hatte die Verwandtschaft mit dem Bräutigam sie den
alten Groll vergessen lassen und zu dem Freudenfeste herbeigelockt.
Die festliche Hochburg des Peirithoos erscholl von wirrem Getümmel;
Brautlieder wurden gesungen, von Glut Wein und Speisen
dampften die Gemächer. Der Palast faßte nicht alle die Gäste.
Lapithen und Kentauren, in bunten Reihen gemengt, saßen an geordneten
Tischen in baumumschatteten Grotten zu Gaste.
Lange rauschte das Fest in ungestörter Fröhlichkeit. Da begann
vom vielen Genuß des Weines das Herz des wildesten unter den
Kentauren, Eurytion, zu rasen, und der Anblick der schönen Jungfrau
Hippodameia verführte ihn zu dem tollen Gedanken, dem Bräutigam
seine Braut zu rauben. Niemand wußte, wie es gekommen war, niemand
hatte den Beginn der unsinnigen Tat bemerkt. aber auf einmal
sahen die Gäste den wütenden Eurytion, wie er die sich sträubende
und hilferufende Hippodameia an den Haaren gewaltsam auf dem
Boden schleifte. Seine Untat war für die weinerhitzte Schar der
Kentauren ein Zeichen, Gleiches zu wagen, und ehe die fremden
Helden und die Lapithen sich von ihren Sitzen erhoben hatten, hielt
schon jeder der Kentauren eines der thessalischen Mädchen, die am
Hofe des Königs dienten oder als Gäste bei der Hochzeit zugegen
waren, mit rohen Händen als eine Beute gefaßt. Die Hofburg und
die Gärten glichen einer eroberten Stadt. Das Geschrei der Weiber
hallte durch das weite Haus. Schnell sprangen Freunde und Geschlechtsverwandte
der Braut von ihren Sitzen empor. "Welche Verblendung
treibt dich, Eurytion,"rief Theseus, "den Peirithoos zu reizen, während
ich noch lebe, und so zwei Helden in einem zu kränken?" Mit diesem
Worte drängte er auf die Stürmenden ein und entriß dem wütenden
Räuber die Geraubte. Eurytion sprach nichts darauf, denn er konnte
seine Tat nicht verteidigen, sondern er hob seine Hand gegen Theseus
auf und versetzte diesem einen Schlag auf die Brust. Aber Theseus
griff — da ihm keine Waffe zur Hand war — einen ehernen Krug
mit erhabener Arbeit, der zufällig neben ihm stand; diesen schmetterte
er dem Gegner ins Antlitz, daß er rücklings in den Sand fiel und
Gehirn und Blut zugleich aus der Kopfwunde drangen. "Zu den
Waffen!" scholl es jetzt von allen Seiten an den Kentaurentischen.
Zuerst flogen Becher, Flaschen und Näpfe; dann entriß ein tempelräuberisches
Untier die Weihgeschenke den benachbarten heiligen Stätten,
ein andrer riß die Lampe herab, die voll Kerzen über dem Mahle
brannte, wieder ein andrer focht mit einem Hirschgeweih, das an den
Wänden der Grotte als Schmuck und Weihgeschenk hing. Ein entsetzliches
Gemetzel wurde unter den Lapithen angerichtet. Röthos, der
Schlimmste nach Eurytion, ergriff die größte Brandfackel vom Altar
und bohrte sie einem schon verwundeten Lapithen wie ein Schwert
in die klaffende Wunde, daß das Blut wie Eisen in der Esse zischte.
Gegen diesen jedoch hob der tapferste Lapithe Dryas einen im Feuer
geglühten Pfahl und durchbohrte ihn zwischen Nacken und Schulter.
Der Fall dieses Kentauren tat dem Morden seiner rasenden Gesellen
Einhalt, und Dryas vergalt nun den Wütenden, indem er fünf
hintereinander niederstreckte. Jetzt flog auch der Speer des Helden
Peirithoos und durchbohrte einen riesigen Kentauren, den Peträos, wie
er gerade einen Eichenstamm aus der Erde zu rütteln bemüht war,
um damit zu kämpfen; sowie er den Stamm eben umklammert hielt,
heftete der Speer seine schwer atmende Brust ans knorrige Eichenholz.
Ein zweiter, Diktys, fiel von den Streichen des griechischen Helden
und zerknickte im Fallen eine mächtige Esche. Ein dritter wollte
diesen rächen, wurde aber von Theseus mit einem Eichpfahl zermalmt.
Der schönste und jugendlichste unter den Kentauren war
Kyllaros, goldfarben sein langes Lockenhaar und sein Bart, sein
Antlitz freundlich, Nacken, Schultern, Hände und Brust wie vom
Künstler geformt; auch der untere Teil seines Körpers, der Roßleib,
war ohne Fehl, der Rücken bequem zum Sitzen, die Brust hochgewölbt,
die Farbe pechschwarz, nur Beine und Roßschweif lichtfarbig.
Er war mit seiner Geliebten, der schönen Kentaurin Hylonome. beim
Feste erschienen, die sich beim Mahle liebkosend an ihn lehnte und
auch jetzt mit ihm vereint im wütenden Kampf an seiner Seite focht.
Diesen traf, von unbekannter Hand, eine leichte Wunde ins Herz,
daß er sterbend seiner Geliebten in die Arme sank. Hylonome pflegte
seine sterbenden Glieder, küßte ihn und versuchte vergebens den entfliehenden
Atem aufzuhalten. Als sie ihn verscheiden sah, zog sie
ihm den Wurfpfeil aus dem Herzen und stürzte sich darein.
Noch lange wütete der Kampf zwischen den Lapithen und den
Kentauren fort, bis die letzteren ganz unterlegen waren und nur
Flucht und Nacht dem weiteren Gemetzel sie entrückte. Jetzt blieb
Peirithoos im unbestrittenen Besitz seiner Braut, und Theseus verabschiedete
sich am andern Morgen von seinem Freunde. Der gemeinschaftliche
Kampf hatte das frischgeknüpfte Band dieser Verbrüderung
schnell in einen unauflöslichen Knoten zusammengezogen.
Theseus und Phädra
Theseus stand jetzt auf dem Wendepunkt seines Glückes. Gerade
ein Versuch, dasselbe nicht nur auf Abenteuern zu suchen, sondern
es sich an seinem eigenen Herde zu gründen, stürzte ihn in schwere
Drangsal. Als der Held in der Blüte seiner Taten und in den
ersten Jünglingsjahren die Geliebte seiner Jugend, Ariadne, ihrem
Vater Minos aus Kreta entführte, wurde diese von ihrer kleinen
Schwester Phädra begleitet, welche nicht von ihr weichen wollte und,
nachdem Ariadne von Bacchos geraubt worden war, den Theseus
nach Athen begleitete, weil sie nicht wagen durfte, zu ihrem tyrannischen
Vater zurückzukehren. Erst als ihr Vater gestorben war,
ging das aufblühende Mädchen in ihre Heimat Kreta zurück und
wuchs dort in dem Königshause ihres Bruders Deukalion, der als
der älteste Sohn des Königs Minos die Insel jetzt beherrschte, zu
einer schönen und klugen Jungfrau heran. Theseus, der nach dem
Tode seiner Gemahlin Hippolyte lange Zeit unvermählt geblieben
war, hörte viel von ihren Reizen und hoffte, sie an Schönheit und Anmut
seiner ersten Geliebten, ihrer Schwester Ariadne, ähnlich zu finden.
Deukalion, der neue König von Kreta, war auch dem Helden nicht
abhold und schloß, als Theseus von der blutigen Hochzeit seines
thessalischen Freundes zurückgekehrt war, ein Schutz- und Trutzbündnis
mit den Athenern. An ihn wandte sich nun Theseus mit
seiner Bitte, ihm die Schwester Phädra zur Gemahlin zu geben.
Sie wurde ihm nicht versagt, und bald führte der Sohn des Ägeus
die Jungfrau aus Kreta heim, die wirklich von Gestalt und äußerer
Sitte der Geliebten seiner Jugend so ähnlich war, daß Theseus
die Hoffnung seiner jungen Jahre im späteren Mannesalter erfüllt
glauben konnte. Damit zu seinem Glück nichts fehlen konnte, gebar
sie in den ersten Jahren ihrer Ehe dem König zwei Söhne, den
Akamas und den Demophoon. Aber Phädra war nicht so gut und
getreu, als sie schön war. Ihr gefiel der junge Sohn des Königs,
Hippolytos, der ihres Alters war, besser als der greise Vater.
Dieser Hippolytos war der einzige Sohn, den die von Theseus entführte
Amazone ihrem Gemahl geboren hatte. In früher Jugend
hatte diesen Sohn der Vater nach Trözen geschickt, um ihn bei den
Brüdern seiner Mutter Äthra erziehen zu lassen. Wie er erwachsen
war, kam der schöne und züchtige Jüngling, der sein ganzes Leben
der reinen Göttin Artemis zu weihen beschlossen und noch keiner
Frau ins Auge geschaut hatte, nach Athen und Eleusis, um hier die
Mysterien mitfeiern zu helfen. Da sah ihn Phädra zum erstenmal;
sie glaubte, ihren Gatten verjüngt wiederzusehen, und seine schöne
Gestalt und Unschuld entflammten ihr Herz zu unreinen Wünschen,
doch verschloß sie ihre verkehrte Leidenschaft noch in ihrer Brust.
Als der Jüngling abgereist war, erbaute sie auf der Burg von
Athen der Liebesgöttin einen Tempel, von wo aus man nach Trözen
blicken konnte, und der später den Namen Tempel der Aphrodite
Fernschauerin erhielt. Hier saß sie tagelang, den Blick auf das Meer
gerichtet. Als endlich Theseus eine Reise nach Trözen machte, seine
dortigen Verwandten und den Sohn zu besuchen, begleitete ihn seine
Gemahlin dorthin und verweilte geraume Zeit daselbst. Auch hier
kämpfte sie noch lange mit dem unlauteren Feuer in ihrer Brust, suchte
die Einsamkeit und verweinte ihr Elend unter einem Myrtenbäume.
Endlich aber vertraute sie sich ihrer alten Amme, einem verschmitzten
und ihrer Gebieterin in blinder und törichter Liebe ergebenen Weibe.
an, die es bald über sich nahm, den Jüngling von der strafbaren
Leidenschaft seiner Stiefmutter zu unterrichten. Aber der unschuldige
Hippolytos hörte ihren Bericht mit Abscheu an, und sein Entsetzen
stieg, als ihm die pflichtvergessene Stiefmutter sogar den Vorschlag
machen ließ, den eigenen Vater vom Throne zu stoßen und mit der
Ehebrecherin Zepter und Herrschaft zu teilen. In seinem Abscheu
fluchte er allen Weibern und meinte, schon durch das bloße Anhören
eines so schändlichen Antrags entweiht zu sein. Und weil Theseus
gerade abwesend von Trözen war, — denn diesen Zeitpunkt hatte
das treulose Weib erspäht — so erklärte Hippolytos, auch keinen
Augenblick mit Phädra unter einem Dache verweilen zu wollen,
sondern machte sich, nachdem er die Amme nach Gebühr abgefertigt,
ins Freie, um im Dienste seiner geliebten Herrin, der Göttin Artemis,
in den Wäldern zu jagen und so lange dem Königshause nicht
wieder zu nahen, bis sein Vater zurückgekehrt sein würde und er
sein gepeinigtes Herz vor ihm ausschütten könnte.
Phädra vermochte die Abweisung ihrer verbrecherischen Anträge
nicht zu überleben. Das Bewußtsein ihres Frevels und die unerhörte
Leidenschaft stritten sich in ihrer Brust; aber die Bosheit gewann
die Oberhand. Als Theseus zurückkehrte, fand er seine Gattin
erhängt und in ihrer krampfhaft zusammengeballten Rechten einen
von ihr vor dem Tode abgefaßten Brief, in welchem geschrieben
stand: "Hippolytos hat nach meiner Ehre getrachtet; seinen Nachstellungen
zu entfliehen, ist mir nur ein Ausweg geblieben. Ich bin
gestorben, ehe ich die Treue meinem Gatten verletzt habe."
Lange stand Theseus vor Entsetzen und Abscheu wie eingewurzelt
in der Erde. Endlich hob er seine Hände gen Himmel und
betete: "Vater Poseidon, der du mich stets geliebt hast wie dein
leibliches Kind, du hast mir einst drei Bitten freigegeben, die du
mir erfüllen wolltest und deine Gnade mir erzeigen unweigerlich.
Jetzt gemahne ich dich an dein Versprechen. Nur eine Bitte will
ich erfüllt haben: laß meinem verfluchten Sohn an diesem Tage die
Sonne nicht mehr untergehen!" Kaum hatte er diesen Fluch ausgesprochen,
als auch Hippolytos, von der Jagd heimgekehrt und von
der Rückkehr seines Vaters unterrichtet, in den Palast einging und,
der Spur des Wehklagens nachgehend, vor das Antlitz des Vaters
und die Leiche der Stiefmutter trat. Auf die Schmähungen des
Vaters erwiderte der Sohn mit sanfter Ruhe: "Vater, mein Gewissen
ist jungfräulich. Ich weiß mich dieser Untat nicht schuldig."
Aber Theseus hielt ihm den Brief der Stiefmutter entgegen und
verbannte ihn ungeachtet aus dem Lande. Hippolytos rief seine
Schutzgöttin, die jungfräuliche Artemis, zur Zeugin seiner Unschuld
auf und sagte seinem zweiten Heimatlande Trözen unter Seufzern
und Tränen Lebewohl.
Noch am Abend desselben Tages suchte den König Theseus ein
Eilbote auf und sprach, als er vor ihn gestellt war: "Herr und
König, dein Sohn Hippolytos sieht das Tageslicht nicht mehr!"
Theseus empfing diese Botschaft ganz kalt und sagte mit bitterem
Lächeln: "Hat ihn ein Feind erschlagen, dessen Weib er entehrt hat,
wie er das Weib des Vaters entehren wollte?" — "Nein, Herr!"
erwiderte der Bote. "Sein eigener Wagen und der Fluch deines
Mundes haben ihn umgebracht." — "O Poseidon," sprach Theseus,
die Hände dankend gen Himmel erhoben, "so hast du dich mir heute
als ein rechter Vater bezeigt und meine Bitte erhört! Aber sprich,
Bote, wie hat mein Sohn geendet, wie hat meinen Ehrenschänder
die Keule der Vergeltung getroffen?" Der Bote fing an zu erzählen:
Wir Diener striegelten am Meeresufer die Rosse unseres
Herrn Hippolytos, als die Botschaft von seiner Verbannung und
bald er selbst kam, von einer Schar wehklagender Jugendfreunde
begleitet, und uns Rosse und Wagen zur Abfahrt zu rüsten befahl.
Als alles bereit war, hob er die Hände gen Himmel und betete:
Zeus, mögest du mich vertilgen, wenn ich ein schlechter Mann war!
Und möge, sei ich nun tot oder lebendig, mein Vater erfahren, daß
er mich ohne Fug entehrt!' Dann nahm er den Rossestachel zur
Hand, schwang sich auf den Wagen, ergriff die Zügel und fuhr, von
uns Dienern begleitet, auf dem Wege nach Argos und Epidaurien
davon. Wir waren so ans öde Meeresgestade gekommen, zu unserer
Rechten die Flut, zur Linken von den Hügeln vorspringende Felsblöcke,
als wir plötzlich ein tiefes Geräusch vernahmen, unterirdischem
Donner ähnlich. Die Rosse wurden aufmerksam und spitzten ihr
Ohr, und wir alle sahen uns ängstlich um, woher der Schall käme.
Als unser Blick auf das Meer fiel, zeigte sich uns hier eine Welle,
die turmhoch gen Himmel ragte und alle Aussicht auf das weitere
Ufer und den Jsthmos uns benahm; der Wasserschwall ergoß sich
bald mit Schaum und Tosen über das Ufer, gerade auf den Pfad
zu, den die Rosse gingen. Mit der tobenden Welle zugleich aber
spie die See ein Ungeheuer aus, einen riesenhaften Stier, von dessen
Brüllen das Ufer und die Felsen widerhallten. Dieser Anblick jagte
den Pferden eine plötzliche Angst ein. Unser Herr jedoch, ans Lenken
der Rosse gewöhnt, zog den Zügel mit beiden Händen straff an
und gebrauchte denselben, wie ein geschickter Steuermann sein Ruder
regiert. Aber die Rosse waren läufig geworden, bissen den Zaum
und rannten dem Lenker ungehorsam davon. Aber wie sie nun auf
ebener Straße fortjagen wollten, vertrat ihnen das Seeungeheuer
den Weg; bogen sie seitwärts zu den Felsen um, so drängte sie es
ganz hinüber, indem es den Rädern dicht zur Seite trabte. So
geschah es endlich, daß auf der andern Seite die Radfelgen auf die
Felsen aufzusitzen kamen und dein unglücklicher Sohn kopfüber vom
Wagen gestürzt und mit dem umgeworfenen Wagen von den Rossen,
die ohne Führer dahinstürmten, über Sand und Felsgestein dahingeschleift
wurde. Alles ging viel zu schnell, als daß wir begleitenden
Diener dem Herrn hätten zu Hilfe kommen können. Halb zerschmettert
hauchte er den Zuruf an seine sonst so gehorsamen Rosse
und die Wehklage über den Fluch seines Vaters in die Lüfte. Eine
Felsecke entzog uns den Anblick. Das Meerungeheuer war verschwunden,
wie vom Boden eingeschlungen. Während nun die übrigen Diener
atemlos die Spur des Wagens verfolgten, bin ich hierher geeilt, o
König. dir das jammervolle Schicksal deines Sohnes zu verkünden."
Theseus starrte auf diesen Bericht lange sprachlos zu Boden.
"Ich freue mich nicht über sein Unglück, ich beklage es nicht," sprach
er endlich nachsinnend und in Zweifel vertieft. "Könnte ich ihn
doch lebend noch sehen, ihn befragen, mit ihm sprechen über seine
Schuld!" Diese Rede wurde durch das Wehgeschrei einer alten
Frau unterbrochen, die, mit grauem, fliegendem Haar und zerrissenem
Gewande herbeieilend, die Reihen der Dienerschaft trennte und sich
dem König Theseus zu Füssen warf. Es war die greise Amme der
Königin Phädra. die auf das Gerücht von Hippolytos' jämmerlichem
Untergange, von ihrem Gewissen gefoltert, nicht länger schweigen
konnte und unter Tränen und Geschrei die Unschuld des Jünglings
und die Schuld ihrer Gebieterin dem König offenbarte. Ehe der
unglückliche Vater recht zur Besinnung kommen konnte, wurde auf
einer Tragbahre von wehklagenden Dienern sein Sohn Hippolytos
zerschmettert. aber noch atmend in den Palast und vor seine Augen
getragen. Theseus warf sich reumütig und verzweifelnd über den
Sterbenden, der seine letzten Lebensgeister zusammenraffte und an
die Umstehenden die Frage richtete: "Ist meine Unschuld erkannt?"
Ein Wink der Nächststehenden gab ihm diesen Trost. "Unglückseliger,
getäuschter Vater," sprach der sterbende Jüngling, "ich vergebe dir!"
und verschied.
Er wurde von Theseus unter demselben Myrtenbaum begraben,
unter welchem einst Phädra mit ihrer Liebe gekämpft, und dessen
Blätter sie oft, in der Verzweiflung an den Ästen zerrend, zerrissen
hatte, und wo nun, als an ihrem Lieblingsplatze, ihre Leiche beigesetzt
worden war, denn der König wollte seine Gemahlin im Tode
nicht entehren.
Theseus auf Frauenraub
Durch die Verbindung mit dem jungen Helden Peirithoos erwachte
in dem verlassenen und alternden Theseus die Lust zu kühnen
und selbst mutwilligen Abenteuern wieder. Dem Peirithoos war seine
Gattin Hippodameia nach kurzem Besitz gestorben, und da auch
Theseus jetzt ehelos war, so gingen beide auf Frauenraub aus. Damals
war die nachher so berühmt gewordene Helena, die Tochter des
Zeus und der Leda, die in dem Palast ihres Stiefvaters Tyndareos
zu Sparta aufwuchs, noch sehr jung. Aber sie war schon die schönste
Jungfrau ihrer Zeit, und ihre Anmut fing an, in ganz Griechenland
bekannt zu werden. Diese sahen Theseus und Peirithoos, als sie auf
dem genannten Raubzüge nach Sparta kamen. in einem Tempel der
Artemis tanzen. Beide wurden von Liebe zu ihr entzündet. Sie
raubten sie in ihrem übermut aus dem Heiligtum und brachten sie
zuerst nach Tegea in Arkadien. Hier warfen sie das Los über
sie, und einer versprach dem andern brüderlich, ihm, wenn das
Los ihn verfehle, zum Raub einer andern Schönheit behilflich
zu sein. Das Los teilte die Beute dem Theseus zu, und nun brachte
sie dieser nach Aphidna im attischen Gebiet, übergab die Jungfrau
dort seiner Mutter Äthra und stellte sie unter den Schutz seines
Freundes. Darauf zog Theseus weiter mit seinem Waffenbruder,
und beide sannen auf eine herkulische Tat. Peirithoos entschloß sich
nämlich, die Gemahlin des Hades, Persephone, der Unterwelt zu entführen
und sich durch ihren Besitz für den Verlust Helenas zu entschädigen.
Daß ihnen dieser Versuch mißglückte und sie von Hades
zu ewigem Sitzen in der Unterwelt verdammt wurden, daß Herakles,
der beide befreien wollte, nur den Theseus aus dem Hades erretten
konnte, ist schon erzählt worden. Während nun Theseus auf diesem
unglücklichen Zuge abwesend war und in der Unterwelt gefangen
saß, machten sich die Brüder Helenas, Kastor und Polluce, auf und
rückten gegen Attika heran, um ihre Schwester Helena zu befreien.
Indessen verübten sie anfangs keine Feindseligkeiten im Lande, sondern
kamen friedlich nach Athen und forderten hier die Zurückgabe Helenas.
Als aber die Leute in der Stadt antworteten, daß sie weder die
junge Fürstin bei sich hätten, noch wüßten, wo Theseus sie zurückgelassen,
wurden sie zornig und schickten sich mit den sie begleitenden
Scharen zum wirklichen Kriege an. Jetzt erschraken die Athener,
und einer aus ihrer Mitte, mit Namen Akademos, der das Geheimnis
des Theseus auf irgend eine Art erfahren hatte, entdeckte den Brüdern,
daß der Ort, wo sie verborgen gehalten werde, Aphidna sei. Vor
diese Stadt rückten nun Kastor und Polluce, siegten in einer Schlacht
und eroberten den Platz mit Sturm.
Zu Athen hatte sich inzwischen auch anderes begeben, was für
Theseus ungünstig war. Menestheus, ein Urenkel des Erechtheus,
hatte sich als Volksführer und Schmeichler der Menge gegen den
leerstehenden Thron aufgelehnt und auch die Vornehmen aufgewiegelt,
indem er ihnen vorstellte, wie der König sie dadurch, daß er sie von
ihren Landsitzen in die Stadt hereingezogen, zu Untertanen und Sklaven
gemacht habe. Dem Volk aber hielt er vor, wie es, dem Traum
der Freiheit zuliebe, seine ländlichen Heiligtümer und Götter habe
verlassen müssen und, statt von vielen guten einheimischen Herren
abhängig zu sein, einem Fremdling und Despoten diene. Als nun
Aphidnäs Eroberung durch die Tyndariden Athen mit Schrecken erfüllte,
da benutzte Menestheus auch diese Stimmung des Volkes. Er
bewog die Bürger, den Söhnen des Tyndareos, welche die Jungfrau
Helena, ihren Wächtern entrissen, mit sich führten, die Stadt zu
öffnen und sie freundlich zu empfangen, da dieselben nur gegen Theseus,
als den Räuber des Mädchens, Krieg führten. Ihr Betragen bewies,
daß Menestheus diesmal wahr gesprochen hatte; denn obgleich
sie durch offene Tore in Athen eingezogen und alles dort in ihrer
Gewalt war, so taten sie doch niemand etwas zuleide, verlangten
vielmehr nur wie andre vornehme Athener und Verwandte des
Herakles, in den Geheimdienst der eleusinischen Mysterien aufgenommen
zu werden, und zogen dann mit ihrer geretteten Helena, von den
Bürgern, die sie liebten und ehrten, zur Stadt hinausgeleitet, wieder
in ihre Heimat.
Des Theseus Ende
In seiner langen Gefangenschaft im Hades hatte Theseus Zeit
gehabt, das Unbesonnene und Unedle seiner letzten Handlungsweise,
die mit seinem übrigen Heldentum gar nicht zusammenstimmte, zu
erkennen und zu bereuen. Er kam als ernster Greis zurück und
vernahm die Rettung Helenas durch ihre Brüder nicht mit Unwillen,
denn er schämte sich seiner Tat. Mehr bekümmerte ihn die
Zwietracht, die er im Staate antraf, und obgleich er die Zügel der
Regierung wieder ergriff und die Partei des Menestheus zurückdrängte,
genoß er doch keine rechte Ruhe mehr sein Leben lang.
Und als er das Ruder des Staates mit Ernst führen wollte, brachen
aufs neue Empörungen gegen ihn aus, an deren Spitze immer
Menestheus stand, welcher hinter sich die Partei der Edlen hatte, die
sich noch immer nach Pallas, seinem Oheim, und dessen besiegten und
erschlagenen Söhnen die Pallantiden nannten. Diejenigen, welche
ihn vorher gehaßt hatten, verlernten allmählich auch die Furcht vor
ihm, und das gemeine Volk hatte Menestheus so verwöhnt, daß es,
anstatt zu gehorchen, immer nur geschmeichelt werden wollte. Anfang
lich versuchte nun Theseus gewaltsame Mittel; als aber aufwieglerische
Umtriebe und offene Widersetzlichkeit alle seine Bemühungen vereitelten,
da beschloß der unglückliche König, seine unbotmäßige Stadt
freiwillig zu verlassen, nachdem er schon vorher seine Söhne Akamas
und Demophon heimlich nach Euböa zu dem Fürsten Elephenor geflüchtet
hatte. In einem Flecken von Attika, Gargettos genannt,
sprach er feierliche Verwünschungen gegen die Athener aus, da wo
man noch lange nachher das Verwünschungsfeld zeigte; dann schüttelte
er den Staub von seinen Füßen und schiffte sich nach Skyros ein.
Die Einwohner dieser Insel hielt er für seine besonderen Freunde, und
er besaß darauf ansehnliche Güter. die er von seinem Vater ererbt hatte.
Damals war Lykomedes König von Skijros. Zu diesem ging
Theseus und bat sich von ihm seine Güter aus, um auf denselben
seinen Sitz zu nehmen. Aber das Geschick hatte ihn einen schlimmen
Weg geführt. Lykomedes, sei es, daß er den großen Ruf des Mannes
fürchtete, sei es, daß er mit Menetheus in geheimem Einverständnis
war, dachte darauf, wie er den in seine Hände gegebenen Gast, ohne
Aufsehen zu erregen, aus dem Wege räumen könnte. Er führte ihn
deswegen auf den höchsten Felsengipfel der Insel, der schroff in das
Land hinaussprang. Er wollte ihn, war sein Vorgeben, die schönen
Güter, die sein Vater auf dem Eilande besessen hatte, mit einem
Blick überschauen lassen. Oben angekommen, ließ Theseus seine Augen
gierig über die schönen Gefilde streifen; da gab ihm der treulose
König einen Stoß von hinten, daß er über die Felsen hinabstürzte
und nur sein zerschmetterter Leichnam in der Tiefe ankam.
Zu Athen war Theseus von dem undankbaren Volke bald vergessen,
und Menetheus regierte, als wenn er den Thron von vielen
Ahnen ererbt hätte. Die Söhne des Theseus zogen mit dem Helden
Elephenor als gemeine Krieger vor Troja. Viele Jahrhunderte später,
nach dem glorreichen Kriege gegen die Perser, befahl das Orakel
von Delphi den Athenern, des Theseus Gebeine zu holen und ehrenvoll
zu bestatten. Aber wo sollten sie diese suchen? Und wenn
sie auch auf der Insel Skijros das Grab gefunden hätten, wie sollten
sie seine überreste aus den Händen roher und den Fremden unzugänglicher
Barbaren erlösend Da geschah es, daß der berühmte
Athener Kimon, der Sohn des Miltiades, auf einem neuen Feldzuge
die Insel Skyros eroberte. Während er nun mit großem Eifer das
Grab des Nationalheros aufsuchte, bemerkte er über einem Hügel
einen Adler schweben. Er machte Halt an dieser Stelle und sah
bald, wie der Vogel herabschoß und die Erde des Grabhügels mit
seinen Krallen aufscharrte. Kimon erblickte in diesem Zeichen eine
göttliche Fügung, ließ nachgraben und fand tief in der Erde den
Sarg eines großen Leichnams, daneben eine eherne Lanze und ein
Schwert. Er und seine Begleiter zweifelten nicht daran, des Theseus
Gebeine gefunden zu haben. Die heiligen überreste wurden von
Kimon auf ein schönes Kriegsschiff mit drei Ruderreihen gebracht
und in Athen mit Jubel unter glänzenden Aufzügen und Opfern
empfangen. Es war, als ob Theseus selbst in die Stadt zurückkehrte.
So bezahlten nach Jahrhunderten die Nachkommen dem Begründer
der Freiheit und Bürgerverfassung Athens den Dank, den ihm eine
schnöde Mitwelt schuldig geblieben war.
Die sage von Ödipus
Des Ödipus Geburt, Jugend, stuss, Vatermord
Laios, Sohn des Labdakos, aus dem Stämme des Kadmos. war
König von Theben und lebte mit Jokaste, der Tochter eines
vornehmen Thebaners, Menökeus, lange in kinderloser Ehe. Da ihn
nun sehnlich nach einem Erben verlangte und er darüber den delphischen
Apollon um Aufschluß befragte, wurde ihm ein Orakelspruch
folgenden Inhalts zuteil: "Laios, Sohn des Labdakos, du begehrest
Kindersegen. Wohl, dir soll ein Sohn gewährt werden.
Aber wisse, daß dir vom Geschick verhängt ist, durch die Hand deines
eigenen Kindes das Leben zu verlieren. Dies ist das Gebot des
Kroniden Zeus, der den Fluch des Pelops erhört hat, dem du den
Sohn geraubt hast." Laios war nämlich in seiner Jugend landesflüchtig
und im Peloponnes am Hofe des Königs Pelops als Gast
aufgenommen worden. Er hatte aber seinem Wohltäter mit Undank
gelohnt und Chrysippos, den schönen Sohn des Pelops, auf den
nemeischen Spielen entführt. Dieser Schuld sich bewußt, glaubte
Laios dem Orakel und lebte lange von seiner Gattin getrennt. Doch
führte die herzliche Liebe, mit welcher sie einander zugetan waren,
trotz der Warnung des Schicksals beide wieder zusammen, und Jokaste
gebar endlich ihrem Gemahl einen Sohn. Als das Kind zur Welt
gekommen war, fiel den Eltern der Orakelspruch wieder ein, und
um dem Spruche des Gottes auszuweichen, ließen sie den neugeborenen
Sohn nach drei Tagen mit durchstochenen und zusammen
gebundenen Füßen in das wilde Gebirge Kithäron werfen. Aber der
Hirt, welcher den grausamen Auftrag erhalten hatte, empfand Mitleid
mit dem unschuldigen Kinde und übergab es einem andern
Hirten, der in demselben Gebirge die Herden des Königs Polybos
von Korinth weidete. Dann kehrte er wieder heim und stellte sich
vor den König und seine Gemahlin Jokaste, als hätte er den Auftrag
erfüllt. Diese glaubten das Kind verschmachtet oder von wilden
Tieren zerrissen und die Erfüllung des Orakelspruchs dadurch unmöglich
gemacht. Sie beruhigten ihr Gewissen mit dem Gedanken,
daß sie durch die Aufopferung des Kindes dieses vor Vatermord
behütet hätten, und lebten jetzt erst mit erleichtertem Herzen.
Der Hirt des Polybos löste indessen dem Kinde, das ihm, ohne
daß er wußte, woher es kam, übergeben worden war, die ganz durchbohrten
Fersen der Füße und nannte ihn nach seinen Wunden
Ödipus, das heißt der Schwellfuß. So brachte er ihn nach Korinth
zu seinem Herrn, dem König Polybos. Dieser erbarmte sich des
Findlings, übergab ihn seiner Gemahlin Merope und zog ihn als
seinen eigenen Sohn auf, für den er auch am Hofe und im ganzen
Lande galt. Zum Jüngling herangereift, wurde er dort stets für
den höchsten Bürger gehalten und lebte selbst in der glücklichen überzeugung,
Sohn und Erbe des Königs Polybos zu sein, der keine
andern Kinder hatte. Da ereignete sich ein Zufall, der ihn aus
dieser Zuversicht plötzlich in den Abgrund der Zweifel stürzte. Ein
Korinther, der ihm schon längere Zeit aus Neid abhold war, rief
an einem Festmahl, von Wein überfüllt, dem ihm gegenüber gelagerten
Ödipus zu, er sei seines Vaters echter Sohn nicht. Von diesem
Vorwurf schwer betroffen, konnte der Jüngling das Ende des Mahles
kaum erwarten; doch verschloß er seinen Zweifel selbigen Tag noch
kämpfend in der Brust. Am andern Morgen aber trat er vor seine
beiden Eltern, die freilich nur seine Pflegeeltern waren, und verlangte
von ihnen Auskunft. Polybos und seine Gattin waren über
den Schmäher, dem diese Rede entfallen war, sehr aufgebracht und
suchten ihrem Sohn seine Zweifel auszureden, ohne ihm jedoch dieselben
durch eine runde Antwort zu heben. Die Liebe. die er in
ihrer Äußerung erkannte, war ihm zwar sehr erquicklich, aber das
Mißtrauen nagte doch seitdem an seinem Herzen, denn die Worte
seines Feindes waren zu tief eingedrungen. Endlich griff er heimlich
zum Wanderstab, und ohne seinen Eltern ein Wort zu sagen, suchte
er das Orakel zu Delphi auf und hoffte von ihm eine Widerlegung
der ehrenrührigen Beschuldigung zu vernehmen. Aber Phöbos
Apollon würdigte ihn dort keiner Antwort auf seine Frage, sondern
deckte ihm nur ein neues, weit grauenvolleres Unglück. das ihm
drohte, auf. "Du wirst,"sprach das Orakel, deines eigenen Vaters
Leib ermorden, deine Mutter heiraten und den Menschen eine Nachkommenschaft
von verabscheuungswürdiger Art zeigen." Als Ödipus
dies vernommen hatte, ergriff ihn unaussprechliche Angst, und da ihm
sein Herz doch immer noch sagte, daß so liebevolle Eltern, wie Polybos
und Merope, seine rechten Eltern sein müssten, wagte er es nicht, in
seine Heimat zurückzukehren, aus Furcht, er möchte, vom Verhängnis
getrieben, Hand an seinen geliebten Vater Polybos legen und, von den
Göttern mit unwiderstehlichem Wahnsinn geschlagen, ein verruchtes
Ehebündnis mit seiner Mutter Merope eingehen. Von Delphi aufbrechend,
schlug er den Weg nach Böotien ein. Er befand sich noch
auf der Straße zwischen Delphi und der Stadt Daulia, als er, an
einen Kreuzweg gelangt, einen Wagen sich entgegenkommen sah, auf
dem ein ihm unbekannter alter Mann mit einem Herold, einem
Wagenlenker und zwei Dienern saß. Der Rosselenker samt dem Alten
trieben den Fußgänger, der ihnen in den schmalen Pfad gekommen
war, ungestüm aus dem Wege. Ödipus, von Natur jähzornig, versetzte
dem trotzigen Wagenführer einen Schlag. Der Greis aber zielte, wie
er den Jüngling so keck auf den Wagen anschreiten sah, scharf mit
seinem doppelten Stachelstab, den er zur Hand hatte, und versetzte
ihm einen schweren Streich auf den Scheitel. Jetzt war Ödipus außer
sich gebracht; zum erstenmal bediente er sich der Heldenstärke, die
ihm die Götter verliehen hatten, erhob seinen Reisestock und stieß
den Alten, daß er sich schnell rücklings vom Wagensitz herabwälzte.
Ein Handgemenge entstand; Ödipus mußte sich gegen ihrer drei
seines Lebens erwehren, aber seine Jugendstärke siegte, er erschlug
sie alle bis auf einen, der entrann. und zog davon.
Ihm kam keine Ahnung in seine Seele, daß er etwas anderes
getan, als sich aus Notwehr an einem gemeinen Phokier oder Böotier
mit seinen Knechten, die ihm alle ans Leben wollten, gerächt habe.
Denn der Greis, der ihm begegnet, trug kein Zeichen höherer Würde
an sich. Aber der Gemordeie war Laios, König von Theben, der
Vater des Mörders, gewesen, der auf einer Reise nach dem pyihischen
Orakel begriffen war; mad also war die gedoppelte Weissagung, die
Vater und Sohn erhalten, und der sie beide entgehen wollten, an
beiden vom Geschick erfüllt worden. Ein Mann aus Platää fand
die Leichen der Erschlagenen am Kreuzwege liegen, erbarmte sich
ihrer und begrub sie. Ihr Denkmal aus angehäuften Steinen mitten
im Kreuzwege sah der Wanderer noch nach vielen hundert Jahren.
Ödipus in Theben — Er heiratet seine Mutter
Nicht lange Zeit, nachdem dies geschehen, war vor den Toren
der Stadt Theben in Böotien die Sphinx erschienen, ein geflügeltes
Ungeheuer, vorn wie eine Jungfrau, hinten wie ein Löwe gestaltet.
Sie war eine Tochter des Typhon und der Echidna, der schlangengestalteten
Nymphe, der fruchtbaren Mutter vieler Ungeheuer, und
eine Schwester des Höllenhundes Kerberos, der Hydra von Lerna
und der feuerspeienden Chimära. Dieses Ungeheuer hatte sich auf
einen Felsen gelagert und legte dort den Bewohnern von Theben
allerlei Rätsel vor, die sie von den Musen erlernt hatte. Erfolgte
die Auflösung nicht, so ergriff sie denjenigen, der es übernommen
hatte, das Rätsel zu lösen, zerriß ihn und fraß ihn auf. Dieser
Jammer kam über die Stadt, als sie eben um ihren König trauerte,
der — niemand wußte von wem — auf einer Reise erschlagen
worden war, und an dessen Stelle Kreon, der Bruder der Königin
Jokaste, die Zügel der Herrschaft ergriffen hatte. Zuletzt kam es,
daß des Kreon eigener Sohn, dem die Sphinx auch ein Rätsel
aufgegeben, und der es nicht gelöst hatte, ergriffen und gefressen
worden war. Diese Not bewog den Fürsten Kreon, öffentlich bekanntzumachen,
daß demjenigen, der die Stadt von der Würgerin
befreien würde, das Reich und seine Schwester Jokaste als Gemahlin
zuteil werden sollte. Eben als jene Bekanntmachung öffentlich
verkündigt wurde, betrat Ödipus an seinem Wanderstabe die
Stadt Theben. Die Gefahr wie ihr Preis reizten ihn, zumal da
er das Leben wegen der drohenden Weissagung, die über ihm
schwebte, nicht hoch anschlug. Er begab sich daher nach dem Felsen,
auf dem die Sphinx ihren Sitz genommen hatte, und ließ sich von
ihr ein Rätsel vorlegen. Das Ungeheuer gedachte dem kühnen
Fremdling ein recht unauflösliches aufzugeben, und ihr Spruch
lautete also: "Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig,
am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit
der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt,
sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten."
Ödipus lächelte, als er das Rätsel vernahm, das ihm selbst gar
nicht schwierig erschien. "Dein Rätsel ist der Mensch," sagte er,
"der am Morgen seines Lebens, solange er ein schwaches und
kraftloses Kind ist, auf seinen zwei Füßen und seinen zwei Händen
geht; ist er erstarkt, so geht er am Mittag seines Lebens nur auf
den zwei Füßen; ist er endlich am Lebensabend als ein Greis angekommen
und der Stütze bedürftig geworden, so nimmt er den
Stab als dritten Fuß zu Hilfe." Das Rätsel war glücklich gelöst,
und aus Scham und Verzweiflung stürzte sich die Sphinx selbst
vom Felsen und zu Tode. Ödipus trug zum Lohn das Königreich
von Theben und die Hand der Witwe, welche seine eigene Mutter
war, davon. Jokaste gebar ihm nach und nach vier Kinder, zuerst
die münnlichen Zwillinge Eteokles und Polyneikes, dann zwei
Töchter, die ältere Antigone und die jüngere Ismene. Aber diese
vier waren zugleich seine Kinder und seine Geschwister.
Die Entdeckung
Lange Zeit schlief das grauenhafte Geheimnis, und Ödipus,
bei manchen Gemütsfehlern ein guter und gerechter König, herrschte
glücklich und geliebt an Jokastes Seite über Theben. Endlich aber
sandten die Götter eine Pest in das Land. die unter dem Volke
grausam zu wüten begann, und gegen welche kein Heilmittel
fruchten wollte. Die Thebaner suchten gegen das fürchterliche übel, in
welchem sie eine von den Göttern gesandte Geißel erblickten, Schutz
bei ihrem Herrscher, den sie für einen Günstling der Götter hielten.
Männer und Frauen, Greise und Kinder, die Priester mit Ölzweigen
an ihrer Spitze, erschienen vor dem königlichen Palast,
setzten sich um und auf die Stufen des Altars, der vor demselben
stand, und harrten auf das Erscheinen ihres Gebieters. Als Ödipus,
durch den Zusammenlauf herausgerufen, aus seiner Königsburg trat
und nach der Ursache fragte, warum die ganze Stadt von Opferrauch
und Klagelaut erfüllt sei, antwortete ihm im Namen aller der
älteste Priester: "Du siehst selbst, o Herr, welches Elend auf uns
lastet: Triften und Felder versengt unerträgliche Hitze, in unsern
Häusern wütet die verzehrende Seuche, und umsonst strebt die Stadt
aus den blutigen Wogen des Verderbens ihr Haupt emporzutauchen.
In dieser Not nehmen wir unsere Zuflucht zu dir, geliebter Herrscher.
Du hast uns schon einmal von dem tödlichen Zins erlöst, mit
welchem uns die grimmige Rätselsängerin zehntete. Gewiß ist dies
nicht ohne Götterhilfe geschehen. Und darum vertrauen wir auf
dich, daß du, sei es bei Göttern oder Menschen, uns auch diesmal
Hilfe finden werdest." — "Arme Kinder," erwiderte Ödipus, "wohl
ist mir die Ursache eures Flehens bekannt. Ich weiß, daß ihr
kranket, aber niemand krankt im Herzen so wie ich. Denn mein
Gemüt beseufzt nicht nur einzelne, sondern die ganze Stadt.
Darum erweckt ihr mich nicht wie einen Einschlummerten aus dem
Schlafe, sondern hin und her habe ich im Geiste nach Rettungsmitteln
geforscht, und endlich glaube ich eins gefunden zu haben.
Denn mein eigener Schwager Kreon ist von mir zum pythischen
Apollon nach Delphi abgesandt worden, daß er frage, welches Werk
oder welche Tat die Stadt befreien kann."
Noch sprach der König, als auch Kreon schon unter die Menge
trat und den Bescheid des Orakels dem König vor den Ohren des
Volkes mitteilte. Dieser lautete freilich nicht tröstlich: "Der Gott
befahl, einen Frevel. den das Land beherberge, hinauszujagen und
nicht das zu pflegen, was keine Säuberung zu sühnen vermöge;
denn der Mord des Königs Laios laste als eine schwere Blutschuld
auf dem Lande." Ödipus, ganz ohne Ahnung, daß jener von ihm
erschlagene Greis derselbe sei, um dessentwillen der Zorn der Götter
sein Volk heimsuche, ließ sich die Ermordung des Königs erzählen,
und noch immer blieb sein Geist mit Blindheit geschlagen. Er erklärte
sich berufen, für jenen Toten Sorge zu tragen, und entließ
das versammelte Volk. Sodann ließ er ins ganze Land die Verkündigung
ausgehen, wem irgend eine Kunde von dem Mörder des
Laios geworden wäre, der sollte alles anzeigen, auch wer in fremdem
Lande darum wüßte, dem sollte für seine Angabe der Lohn- und
Dank der Stadt zuteil werden. Wer dagegen, für einen Freund
besorgt, schweigen und die Schuld der Mitwissenschaft von sich abwälzen
wollte, der sollte von allem Götlerdienst, von Opfermahlen,
ja von Umgang und Unterredung mit seinen Mitbürgern ausgeschlossen
werden. Den Täter selbst endlich verfluchte er unter
schauerlichen Beteuerungen, wünschte ihm Not und Plage durch das
ganze Leben an und zuletzt das Verderben. Und das sollte ihm
widerfahren, selbst wenn er am Herde des Königs verborgen lebte.
Zu allem dem sandte er zwei Boten an den blinden Seher Teiresias,
der an Einsicht und Blick ins Verborgene fast dem wahrsagenden
Apollon selber gleichkam. Dieser erschien auch bald, von der Hand
eines leitenden Knaben geführt, vor dem König und in der Volksversammlung.
Ödipus trug ihm die Sorge vor, die ihn und das
ganze Land quälte. Er bat ihn, seine Seherkunst anzuwenden, um
ihnen auf die Spur des Mordes zu verhelfen.
Aber Teiresias brach in einen Wehruf aus und sprach, indem
er seine Hände abwehrend gegen den König ausstreckte: "Entsetzlich
ist das Wissen, das dem Wissenden nur Unheil bringt! Laß mich
heimkehren, König; trag du das deine und laß mich das meine
tragen!" Ödipus drang jetzt um so mehr in den Seher, und das
Volk. das ihn umringte, warf sich flehend vor ihm auf die Knie.
Als er aber auch so keine weiteren Aufschlüsfe geben zu wollen
bereit war, da entbrannte der Jähzorn des Königs Ödipus, und er
schalt den Teiresias als Mitwisser oder gar Fausthelfer bei der Ermordung
des Laios. Ja, wenn er nur sehend wäre, so traute er
ihm allein die Untat zu. Diese Beschuldigung löste dem blinden
Propheten die Zunge. "Ödipus," sprach er, "gehorche deiner eigenen
Verkündigung. Rede mich nicht, rede keinen aus dem Volke fürder
an, denn du selbst bist der Greuel, der diese Stadt besudelt! Ja,
du bist der Königsmörder, du bist derjenige, der mit den Teuersten
in fluchwürdigem Verhältnis lebt."
Ödipus war nun einmal verblendet; er schalt den Seher einen
Zauberer, einen ränkevollen Gaukler; er warf Verdacht auch auf
seinen Schwager Kreon und beschuldigte beide der Verschwörung
gegen den Thron, von welchem sie durch ihre Lügengespinste ihn, den
Erretter der Stadt, stürzen wollten. Aber nur noch näher bezeichnete
ihn jetzt Teiresias als Vatermörder und Gatten der Mutter, weissagte
ihm sein nahe bevorstehendes Elend und entfernte sich zürnend
an der Hand seines kleinen Führers. Auf die Beschuldigung des
Königs war indessen auch der Fürst Kreon herbeigeeilt, und es hatte
sich ein heftiger Wortwechsel zwischen beiden entsponnen, den Jokaste,
die sich zwischen die Streitenden warf, vergeblich zu beschwichtigen
suchte. Kreon schied unversöhnt und im Zorn von seinem Schwager.
Noch blinder als der König selbst war seine Gemahlin Jokaste.
Sie hatte kaum aus dem Munde des Gatten erfahren, daß Teiresias
ihn den Mörder des Laios genannt, als sie in laute Verwünschungen
gegen Seher und Seherweisheit ausbrach. "Sieh nur, Gemahl,"
rief sie, wie wenig die Seher wissen, sieh es an einem Beispiel!
Mein erster Gatte Laios hatte auch einst ein Orakel erhalten, daß
er durch Sohneshand sterben werde. Nun erschlug aber jenen eine
Räuberschar am Kreuzweg, und unser einziger Sohn wurde, an den
Füßen gebunden. ins öde Gebirge geworfen und nicht über drei
Tage alt. So erfüllen sich die Sprüche der Seher!" Diese Worte,
die die Königin mit Hohnlachen sprach, machten auf Ödipus einen
ganz andern Eindruck, als sie erwartet hatte. "Am Kreuzweg,"
fragte er in höchster Gemütsangst, "ist Laios gefallen? O sprich,
wie war seine Gestalt, sein Alters" — "Er war groß," antwortete
Jokaste, ohne die Aufregung ihres Gatten zu begreifen, "die ersten
Greisenlocken schmückten sein Haupt; er war dir selbst, mein Gemahl,
von Gestalt und Aussehen gar nicht unähnlich." — "Teiresias ist nicht
blind, Teiresias ist sehend!" rief entsehensvoll Ödipus, dem die Nacht
seines Geistes auf einmal wie durch einen Blitzstrahl erleuchtet ward.
Doch trieb ihn das Gräßliche selber, weiter danach zu forschen, als
müßten auf seine Fragen Antworten kommen, welche die schreckliche
Entdeckung auf einmal als Irrtum darstellten. Aber alle Umstände
trafen zusammen, und zuletzt erfuhr er, daß ein entronnener Diener
den ganzen Mord gemeldet habe. Dieser Knecht aber habe, sowie
er den Ödipus auf dem Throne sah, flehentlich gebeten, ihn so weit
als möglich von der Stadt weg auf die Weiden des Königs zu
schicken. Ödipus begehrte ihn zu sehen, und der Sklave wurde vom
Lande hereinbeschieden. Ehe er jedoch ankam, erschien ein Bote aus
Korinth, meldete dem Ödipus den Tod seines Vaters Polybos und
rief ihn auf den erledigten Thron des Landes.
Bei dieser Botschaft sprach die Königin abermals triumphierend:
"Hohe Göttersprüche, wo seid ihr? Der Vater, den Ödipus umbringen
sollte, ist, sanft an Altersschwäche verschieden!" Anders
wirkte die Nachricht auf den frömmeren König Ödipus, der, obgleich
er noch immer gern geneigt war, den Polybos für seinen Vater zu
halten, es doch nicht begreifen konnte, wie ein Götterspruch unerfüllt
bleiben sollte. Auch wollte er nicht nach Korinth gehen, weil seine
Mutter Merope dort noch lebte und der andre Teil des Orakels,
seine Heirat mit der Mutter, immer noch erfüllt werden konnte.
Diesen Zweifel benahm ihm freilich der Bote bald. Er war derselbe
Mann, der vor vielen Jahren das neugeborene Kind von einem
Diener des Laios auf dem Berge Kithäron empfangen und ihm die
durchbohrten und gebundenen Fersen gelöst hatte. Er bewies dem
König leicht, daß er nur ein Pflegesohn, wiewohl Erbe des Königs
Polybos von Korinth sei. Ein dunkler Trieb nach Wahrheit ließ
den Ödipus nach jenem Diener des Laios verlangen, der ihn als
Kind dem Korinther übergeben hatte. Von seinem Gesinde erfuhr
er, daß dies derselbe Hirt sei, der, von dem Morde des Laios entronnen,
jetzt an der Grenze das Vieh des Königs weide.
Als Jokaste solches hörte, verließ sie ihren Gemahl und das
versammelte Volk mit einem lauten Wehruf. Ödipus, der sein Auge
absichtlich mit Nacht zu bedecken suchte, mißdeutete ihre Entfernung.
"Gewiß befürchtet sie," sprach er zu dem Volke, "als ein Weib voll
Hochmut die Entdeckung, daß ich unedlen Stammes sei. Ich aber
halte mich für einen Sohn des Glückes und schäme mich dieser Abkunft
nicht." Jetzt nahte sich der greise Hirt, der aus der Ferne
herbeigeholt worden war und von dem Korinther sogleich als derjenige
erkannt wurde, der ihm einst den Knaben auf dem Kithäron
übergeben hatte. Der alte Hirt aber war ganz blaß vor Schrecken
und wollte alles leugnen, nur auf die zornigen Drohungen des Ödipus,
der ihn Stricken zu binden befahl, sagte er endlich die Wahrheit:
wie Ödipus der Sohn des Laios und der Jokaste sei, wie der furchtbare
Götterspruch, daß er den Vater ermorden werde, ihn in seine
Hände geliefert, er aber ihn aus Mitleid am Leben erhalten habe.
Jokaste und Ödipus strafen sich
Aller Zweifel war nun gehoben und das Entsetzliche enthüllt.
Mit einem wahnsinnigen Schrei stürzte Ödipus davon. irrte in dem
Palast umher und verlangte nach einem Schwert, um das Ungeheuer,
das seine Mutter und Gattin sei, von der Erde zu vertilgen. Da
ihm, wie einem Rasenden, alles aus dem Wege ging, suchte er
gräßlich heulend sein Schlafgemach auf, sprengte das verschlossene
Doppeltor und brach hinein. Ein grauenhafter Anblick hemmte
seinen Lauf. Mit fliegendem und zerrauftem Haupthaar sah er
hier, hoch über dem Lager schwebend, Jokaste, die sich mit einem
Strang die Kehle zugeschnürt und erhängt hatte. Nach langem
Hinstarren nahte sich Ödipus der Leiche mit brüllendem Stöhnen,
ließ das hochaufgezogene Seil zur Erde herab, daß sich die Leiche
auf den Boden senkte, und wie sie nun vor ihm ausgestreckt lag,
riß er die goldgetriebenen Brustspangen aus dem Gewande der
Frau. Diese hob er hoch in der Rechten auf, fluchte seinen Augen,
daß sie nimmer schauen sollten, was er tat und duldete. und wühlte
mit dem spitzen Gold in ihnen. bis die Augäpfel durchbohrt
waren und ein Blutstrom aus den Höhlen drang. Dann verlangte
er, ihm, dem Geblendeten, das Tor zu öffnen, ihn hinauszuführen,
ihn dem ganzen Thebanervolk als den Vatermörder. als den Muttergaiten,
als einen Fluch des Himmels und ein Scheusal der Erde
vorzustellen. Die Diener erfüllten sein Verlangen, aber das Volk
empfing den einst so geliebten und verehrten Herrscher nicht mit
Abscheu, sondern mit innigem Mitleid. Kreon selbst, sein Schwager,
den sein ungerechter Verdacht gekränkt hatte, eilte herbei, nicht um
ihn zu verspotten, wohl aber um den fluchbelasteten Mann dem
Sonnenlicht und den Augen des Volkes zu entziehen und ihn dem
Kreise seiner Kinder anzuempfehlen. Den gebeugten Ödipus rührte
so viel Güte. Er übergab seinem Schwager den Thron, den er
seinen jungen Söhnen aufbewahren sollte, und erbat sich für seine
unselige Mutter ein Grab, für seine verwaisten Töchter den Schutz
des neuen Herrschers; für sich selbst aber begehrte er Ausstoßung
aus dem Lande. das er mit doppeltem Frevel besudelt, und Verbannung
auf den Berg Kithäron, den schon die Eltern ihm zum
Grabe bestimmt hatten, und wo er jetzt leben oder sterben wollte,
je nach der Götter Willen. Dann verlangte er noch nach seinen
Töchtern, deren Stimme er noch einmal hören wollte, und legte
seine Hand auf ihre unschuldigen Häupter. Den Kreon segnete er
für alle Liebe, die dieser ihm, der es nicht um ihn verdient hätte,
erwiesen, und wünschte ihm und allem Volke besseren Schutz der
Götter, als er selbst erfahren hatte.
Dann führte ihn Kreon in das Haus zurück, und der jüngst
noch verherrlichte Retter Thebens, der mächtige Herrscher, dem viele
Tausende gehorchten, der Ödipus, der so tiefe Rätsel erforscht und
so spät erst das eigene furchtbare Rätsel seines Lebens gelöst hatte,
sollte, einem blinden Bettler gleich, durch die Tore seiner Vaterstadt
und an die Grenzen seines Königreichs wandern.
Ödipus und Antigone
In der ersten Stunde der Entdeckung wäre der schnellste Tod
dem Ödipus der liebste gewesen; ja, er hätte es als eine Wohltat
aufgenommen, wenn das Volk sich gegen ihn erhoben und ihn
gesteinigt hätte. Und so erschien ihm auch die Verbannung. um
welche er flehte, und welche sein Schwager Kreon ihm bewilligte,
als ein Geschenk. Als er aber in seiner Finsternis zu Hause saß
und der Zorn allmählich auskochte, da fing er auch an, das Gräßliche
zu empfinden, was das Herumirren eines blinden Verbannten
in der Fremde für ihn haben mußte. Die Liebe zur Heimat begann
mit dem Gefühl wieder zu erwachen, daß er für nicht beabsichtigte
und nicht mit Bewußtsein begangene Verbrechen teils durch
den Tod Jokastes, teils durch die Blendung, die er an sich selbst
vollzogen habe, doch eigentlich genug bestraft sei, und er scheute
sich auch nicht, den Wunsch, zu Hause zu bleiben, gegen Kreon und
seine eigenen Söhne Eteokles und Polyneikes laut werden zu lassen.
Aber da zeigte sich, daß die Rührung des Fürsten Kreon nur eine
vorübergehende gewesen war und auch seine Söhne eine harte und
selbstsüchtige Gemütsart hatten. Kreon nötigte seinen unglücklichen
Verwandten, auf seinem ersten Beschlusse zu verharren, und die
Söhne, deren erste Pflicht doch war, dem Vater zu helfen, verweigerten
ihm ihren Beistand. Ja, fast ohne daß ein Wort gewechselt
wurde, gab man ihm den Bettelstab an die Hand und
stieß ihn zum Königspalast von Theben hinaus. Nur seine Töchter
fühlten kindliches Erbarmen mit dem Verstoßenen. Die jüngere
Tochter Ismene blieb im Hause ihrer Brüder zurück, um hier so
viel als möglich der Sache des Vaters zu dienen und gleichsam der
Anwalt des Entfernten zu sein. Die ältere, Antigone, teilte mit
dem Vater die Verbannung und lenkte die Schritte des Blinden.
So zog sie mit ihm auf schwerer Irrfahrt umher, schweifte unbeschuht
und ohne Speise mit ihm durch die wilden Wälder. Sonnenhitze
und Regenguß hielt die zarte Jungfrau mit dem Vater aus,
und während sie zu Hause bei den Brüdern die beste Pflege genießen
konnte, war sie im Elend zufrieden, wenn nur der Vater
satt wurde. Sein Wille war anfangs gewesen, in einer Wüstenei
des Berges Kithäron das elende Leben zu fristen oder zu endigen.
Doch weil er ein frommer Mann war. wollte er auch diesen Schritt
nicht ohne den Willen der Götter tun, und so pilgerte er vorher
zum Orakel des pythischen Apollon. Hier ward ihm ein tröstlicher
Spruch zuteil. Die Götter erkannten, daß Ödipus wider seinen
Willen sich gegen die Natur und die heiligsten Gesetze der Menschengesellschaft
versündigt hatte. Gebüßt mußte ein so schweres Verbrechen
freilich werden, wenn es auch unfreiwillig war, aber ewig
sollte die Strafe nicht währen. Darum eröffnete ihm der Gott:
Nach langer Frist zwar, aber endlich doch harre seiner die Erlösung,
wenn er zu dem ihm vom Schicksal bestimmten Lande gelangt
wäre. wo die ehrwürdigen Göttinnen, die strengen Eumeniden,
ihm eine Zufluchtsstätte gönnten. Nun war aber der Name Eumeniden.
die Wohlwollenden, ein Beiname der Erinnyen oder Furien,
der Göttinnen der Rache, welche die Sterblichen mit einem so begütigenden
Namen ehren und besänftigen wollten. Der Orakelspruch
lautete rätselhaft und schauerlich. Bei den Furien sollte Ödipus für
seine Sünden gegen die Natur Ruhe und Erlösung von seiner
Strafe finden! Dennoch vertraute er auf die Verheißung des
Gottes und zog nun, dem Schicksal überlassend, wann die Erfüllung
eintreten sollte, in Griechenland herum, von seiner frommen Tochter
geleitet und gepflegt und vom Almosen mitleidiger Menschen erhalten.
Immer bat er nur um weniges und erhielt auch nur weniges.
Aber er begnügte sich damit jedesmal; denn die lange Dauer seiner
Verbannung, die Not und seine eigene edle Sinnesart lehrten ihn
Genügsamkeit.
Ödipus auf Kolonos
Nach langer Wanderung bald durch bewohntes, bald durch
wüstes Land waren die beiden eines Abends in einer sehr milden
Gegend bei einem anmutigen Dorfe mitten im lieblichsten Haine
angekommen. Nachtigallen flatterten durch das Gebüsch und sangen
mit süßem Schall, Rebenblüte duftete, mit Oliven- und Lorbeerbäumen
waren die rauhen Felsstücke, welche die Gegend viel mehr
schmückten als entstellten, überkleidet. Der blinde Ödipus selbst hatte
durch seine übrigen Sinne eine Empfindung von der Anmut des
Ortes und schloß aus der Schilderung seiner Tochter, daß derselbe
ein geheiligter sein müsse. Aus der Ferne stiegen die Türme einer
Stadt auf, und ihre Erkundigungen hatten Antigone belehrt, daß sie
sich in der Nähe von Athen befanden. Ödipus hatte sich, von dem
Wege des Tages müde, auf ein Felsstück gesetzt. Ein Bewohner
des Dorfes, der vorüberging, hieß ihn jedoch bald diesen Sitz verlassen,
weil der Boden geheiligt sei und keinen Fußtritt dulde. Da
erfuhren denn die Wanderer bald, daß sie sich im Flecken Kolonos
und auf dem Gebiet und in dem Hain der alles erspähenden
Eumeniden befänden, unter welchem Namen die Athener hier die
Erinnyen verehrten.
Nun erkannte Ödipus, daß er am Ziele seiner Wanderung angekommen
und der friedlichen Lösung seines feindseligen Geschickes
nahe sei. Seine Worte machten den Koloneer nachdenklich, und er
wagte es jetzt schon nicht mehr, den Fremdling von seinem Sitz zu
vertreiben, ehe er den König von dem Vorfall unterrichtet hätte.
"Wer gebietet denn in eurem Lande?" fragte Ödipus, dem in seinem
langen Elend die Geschichten und Verhältnisse der Welt fremd geworden
waren. — "Kennst du den gewaltigen und edlen Helden
Theseus nicht?"fragte der Dorfbewohner. "Ist doch die ganze Welt
voll von seinem Ruhme!" — "Nun, ist euer Herrscher so hochgesinnt,"
erwiderte Ödipus, "so werde du mein Bote zu ihm und
bitte ihn, nach dieser Stelle zu kommen; für so kleine Gunst verspreche
ich ihm großen Lohn." — "Welche Wohltat könnte unserm
König ein blinder Mann reichen?" sagte der Bauer und warf einen
lächelnden, mitleidigen Blick auf den Fremdling. "Doch," setzte er
hinzu, "wäre nicht deine Blindheit, Mann, du hättest ein edles,
hohes Aussehen, das mich zwingt, dich zu ehren. Darum will ich
dein Verlangen erfüllen und meinen Mitbürgern und dem König
deine Bitte melden. Bleib so lange hier sitzen, bis ich deinen Auftrag
ausgerichtet habe. Jene mögen dann entscheiden, ob du hier
bleiben kannst oder gleich wieder weiter wandern sollst."
Als sich Ödipus mit seiner Tochter wieder allein sah, erhob er
sich von seinem Sitz, warf sich zu Boden und ergoß sein Herz in
einem brünstigen Gebet zu den Eumeniden, den furchtbaren Töchtern
des Dunkels und der Mutter Erde, die eine so liebliche Wohnung
in diesem Haine aufgeschlagen. "Ihr Grauenvollen und doch
Gnädigen," sprach er, "zeigt mir jetzt nach dem Ausspruch Apollons
die Entwicklung meines Lebens, wenn anders ich in meinem mühseligen
Leben nicht immer noch zu wenig erduldet habe! Erbarmet
euch, ihr Töchter des Dunkels, erbarme dich, ehrenwerte Stadt Athenes,
über das Schattenbild des Königs Ödipus, das vor euch steht, denn
er selbst ist es nicht mehr!"
Sie blieben nicht lange allein. Die Kunde, daß ein blinder
Mann von ehrfurchtgebietendem Aussehen sich in dem Furienhaine
gelagert, den zu betreten Sterblichen sonst nicht vergönnt war, hatte
bald die Ältesten des Dorfes, welche die Entweihung zu hindern
gekommen waren, um ihn versammelt. Noch größerer Schrecken
ergriff sie, als der Blinde sich ihnen als einen vom Schicksal verfolgten
Mann zu erkennen gab. Sie fürchteten den Zorn der Gottheit
auf sich zu laden, wenn sie einen vom Himmel Gezeichneten
länger an diesem heiligen Orte duldeten, und befahlen ihm, auf der
Stelle ihre Landschaft zu verlassen. Ödipus bat sie inständig, ihn
von dem Ziele seiner Wanderschaft, das ihm die Stimme der Gottheit
selbst angewiesen habe, nicht zu verstoßen. Antigone vereinigte
ihr Flehen mit dem seinen. "Wenn ihr euch der grauen Haare
meines Vaters nicht erbarmen wollt," sprach die Jungfrau, so
nehmet ihn doch um meiner, der Verlassenen, willen auf, denn auf
mir lastet ja keine Schuld. Eilet, bewilligt uns eure Gunst unverhofft!"
Während sie solche Zwiesprache pflegten und die Einwohner
zwischen Mitleid und Furcht vor den Erinnyen in ihrem
Entschlusse zweifelhaft hin und her schwankten, sah Antigone ein
Mädchen, auf einem kleinen Rosse sitzend, das Angesicht mit einem
Reisehut vor der Sonne geschützt, heraneilen. Ein Diener, gleichfalls
zu Rosse, folgte ihr. "Es ist meine Ismene,"sagte sie in freudigem
Schrecken, "schon glänzt mir ihr liebes, helles Auge! Gewiß bringt
sie uns neue Kunde aus der Heimat!" Bald war die Jungfrau,
das jüngste Kind des verstoßenen Königs, bei ihnen angelangt und
vom Saumrosse gesprungen. Mit einem einzigen Knechte, den sie
allein treu befunden, hatte sie sich von Theben aufgemacht, um dem
Vater Nachricht von dem Stande der dortigen Angelegenheiten zu
bringen. Dort waren seine Söhne von großer, selbstverschuldeter
Not bedrängt. Anfangs hatten sie die Absicht, ihrem Oheim Kreon
den Thron ganz zu überlassen, denn der Fluch ihres Stammes
schwebte ihnen drohend vor Augen. Allmählich aber, je mehr ihres
Vaters Bild in die Ferne trat, verlor sich diese Regung; das Verlangen
nach Herrschaft und Königswürde und mit ihm die Zwietracht
erwachte bei ihnen. Polyneikes, der das Recht der Erstgeburt auf
seiner Seite hatte, setzte sich zuerst auf den Thron. Aber Eteokles,
der jüngere, nicht zufrieden. abwechselnd mit ihm zu herrschen,
wie der Bruder vorschlug. verführte das Volk und stieß den älteren
Bruder aus dem Lande fort. Dieser, so ging in Theben das Gerücht,
war nach Argos im Peloponnes entflohen, wurde dort der
Schwiegersohn des Königs Adrastos, verschaffte sich Freunde und
Bundesgenossen und bedrohte seine Vaterstadt mit Eroberung und
Rache. Zugleich aber war ein neuer Götterspruch ruchbar geworden,
welcher dahin lautete, daß die Söhne des Ödipus ohne ihn selbst
nichts vermögen, daß sie ihn suchen müßten, tot oder lebendig, wenn
ihr eigenes Heil ihnen lieb wäre.
Dies waren die Nachrichten, welche Ismene ihrem Vater brachte.
Der Chor horchte staunend, und Ödipus hob sich empor von seinem
Sitze. "Also stehet es mit mir," sprach er, und königliche Hoheit
strahlte von dem blinden Angesicht, "bei dem Verbannten, bei dem
Bettler sucht man Hilfen Nun, da ich nichts bin, werde ich erst
ein rechter Mann?" — "So ist es," fuhr Ismene in ihren Nachrichten
fort. Auch wisse, Vater, daß eben deswegen unser Oheim
Kreon in ganz kurzer Zeit hierher kommen wird, und daß ich mich
sehr beeilt habe, ihm zuvorzukommen; denn er will dich überreden
oder fangen, wegführen und an die Grenze des thebanischen Gebietes
stellen, damit der Orakelspruch sich zu seinen und unseres
Bruders Eteokles Gunsten erfülle und deine Gegenwart die Stadt
doch nicht entweihe." — "Von wem weißt du alles dieses?" fragte
der Vater. — "Von Opferpilgern, die nach Delphi ziehen." — Und
wenn ich dort sterbe," fragte Ödipus weiter, werden sie mich in
thebanischer Erde begraben?" — Nein," erwiderte die Jungfrau,
"das duldet deine Blutschuld nicht." — "Nun," rief der alte König
entrüstet, "so sollen sie auch meiner niemals mächtig werden. Wenn
bei meinen beiden Söhnen die Herrschsucht stärker ist als die kindliche
Liebe, so soll ihnen auch der Himmel nie ihre verhängnisvolle Zwietracht
löschen, und wenn auf mir die Entscheidung ihres Streites
beruht, so soll weder der, der jetzt das Zepter in Händen hat, auf
dem Throne sitzen bleiben, noch der Verjagte je sein Vaterland
wiedersehen! Nur diese Töchter sind meine wahren Kinder! In
ihnen ersterbe meine Schuld, für sie erflehe ich den Segen des
Himmels, für sie bitte ich auch um euren Schutz, mitleidige Freunde.
Gewähret ihnen und mir euern tätigen Beistand, und ihr erwerbet
dadurch eurer Stadt eine mächtige Brustwehr!"
Ödipus und Theseus
Die Koloneer hatte große Ehrfurcht vor dem blinden Ödipus
erfüllt, der in seiner Verbannung noch so gewaltig erschien; sie rieten
ihm, durch ein Trankopfer die Entweihung des Furienhaines zu
sühnen. Erst jetzt erfuhren auch die Greise den Namen und die
unverschuldete Schuld des Königs Ödipus, und wer weiß, ob das
Grauen vor seiner Tat sie nicht aufs neue gegen ihn verhärtet hätte,
wenn nicht ihr König Theseus, den die Botschaft herbeigerufen hatte,
jetzt eben in ihren Kreis getreten wäre. Dieser ging freundlich und
ehrerbietig auf den blinden Fremdling zu und redete ihn mit liebreichen
Worten an: "Armer Ödipus, mir ist dein Geschick nicht unbekannt,
und schon deine gewaltsam geblendeten Augen sagen mir,
wen ich vor mir habe. Dein Unglück rührt mich tief in der Seele.
Sage mir, was du bei der Stadt und mir suchst. Die Tat, zu der
du meine Beihilfe verlangst, müßte eine schreckliche sein, wenn ich
mich von dir abwenden könnte. Ich hab' es nicht vergessen, daß
auch ich gleich dir in fremden Landen herangewachsen bin und viele
Fährlichkeiten ausgestanden habe." — "Ich erkenne deinen Seelenadel
in dieser kurzen Rede," antwortete Ödipus, "ich komme, dir
eine Bitte vorzutragen, die eigentlich eine Gabe ist. Ich schenke dir
diesen meinen leidensmüden Leib, freilich ein sehr unscheinbares Gut,
aber doch ein großes Gut. Du sollst mich begraben und reichen
Segen von deiner Milde ernten!" — "Fürwahr," sagte Theseus
erstaunt, "die Gunst, um welche du flehst, ist klein. Verlange etwas
Besseres, etwas Höheres, und es soll dir alles von mir gewährt
sein." — Die Gunst ist nicht so leicht, als du glaubst, o König,"
fuhr Ödipus fort, "du wirst einen Streit um diesen meinen elenden
Leib zu bestehen haben." Nun erzählte er ihm seine Verjagung und
das späte und eigennützige Verlangen seiner Verwandten, ihn wieder
zu besitzen; dann bat er ihn flehentlich um seinen Heldenbeistand.
Theseus hörte aufmerksam zu und sprach endlich feierlich: "Schon
weil jedem Gastfreunde mein Haus offen steht, darf ich meine Hand
nicht von dir abziehen; wie sollte ich es tun, da du noch dazu mir
und meinem Lande so viel Heil versprichst und von der Hand der
Götter an meinen Herd geleitet worden bist!" Er ließ dem Ödipus
hierauf die Wahl, mit ihm nach Athen zu gehen oder hier in Kolonos
als Gast zu bleiben. Dieser wählte das letztere, weil ihm vom
Schicksal bestimmt sei, an der Stelle, wo er sich jetzt eben befinde,
den Sieg über seine Feinde davonzutragen und sein Leben rühmlich
zu beschließen. Der Athenerkönig versprach ihm den kräftigsten Schutz
und kehrte in die Stadt zurück.
Ödipus und Kreon
Bald darauf drang der König Kreon von Theben mit Bewaffneten
in Kolonos ein und eilte auf Ödipus zu. "Ihr seid von
meinem Eintritt in das attische Gebiet überrascht," sprach er, zu den
noch immer versammelten Dorfbewohnern gewendet, "doch sorget und
zürnet nicht, ich bin nicht so jung, im übermut gegen die stärkste
Stadt Griechenlands einen Kampf zu unternehmen. Ich bin ein
Greis, den seine Mitbürger nur abgesandt haben, diesen Mann hier
durch gütliche überredung zu bewegen, mit mir nach Theben zurückzukehren."
Dann kehrte er sich zu Ödipus und drückte in den ausgesuchtesten
Worten eine erheuchelte Teilnahme an seinem und seiner
Töchter Elend aus. Aber Ödipus erhob seinen Stab und streckte
ihn aus, zum Zeichen, daß Kreon ihm nicht näher kommen solle.
"Schamlosester Betrüger," rief er, das fehlte noch zu meiner Pein,
daß du kämest und mich gefangen mit dir fortführestl Hoffe nicht,
durch mich deine Stadt von der Züchtigung zu befreien, die ihr
bevorsteht. Nicht ich werde zu euch kommen, sondern nur den Dämon
der Rache werde ich euch senden, und meine beiden lieblosen Söhne
sollen nur so viel von thebanischem Boden besitzen, als sie brauchen,
um sterbend darauf zu liegen!" Kreon wollte nun versuchen, den
blinden König mit Gewalt hinwegzuführen, aber die Bürger von
Kolonos erhoben sich dagegen, stützten sich auf Theseus' Wort und
duldeten es nicht. Inzwischen hatten in dem Getümmel auf einen
Wink ihres Herrn die Thebaner Ismene und Antigone ergriffen und
von der Seite ihres Vaters weggerissen. Diese schleppten sie fort
und wehrten den Widerstand der Koloneer ab. Kreon aber sprach
höhnend: "Deine Stäbe wenigstens habe ich dir entrissen. Versuch
es jetzt, Blinder, und wandere weiter!" Und durch diesen Erfolg
kühner gemacht, ging er aufs neue auf Ödipus los und legte schon
Hand an ihn, als Theseus, den die Nachricht vom bewaffneten Einfall
in Kolonos zurückgerufen hatte, auftrat. Sobald dieser hörte
und sah, was geschehen und noch im Werke sei, entsandte er Diener
zu Fuß und zu Roß auf der Straße hin, auf der die Töchter von
den Thebanern als Raub fortgeführt wurden, dem Kreon aber erklärte
er, ihn nicht eher freilassen zu wollen, als bis er dem Ödipus
die Töchter zurückgegeben. "Sohn des Ägeus," hob dieser beschämt
an, "ich bin wahrlich nicht gekommen, dich und deine Stadt zu bekriegen.
Wußte ich doch nicht, daß deine Mitbürger ein solcher Eifer
für diesen meinen blinden Verwandten, dem ich Gutes tun wollte,
befallen habe, daß sie den Vatermörder, den Gatten seiner Mutter,
lieber bei sich hegen würden, als ihn in sein Vaterland entlassen!"
Theseus befahl ihm zu schweigen, ohne Verzug mit ihm zu gehen
und den Aufenthalt der Jungfrauen anzuzeigen, und in kurzem führte
er die geretteten Töchter dem tiefgerührten Ödipus in die Arme.
Kreon und seine Diener waren abgezogen.
Ödipus und Poyneikes
Aber noch sollte der arme Ödipus keine Ruhe haben. Theseus
brachte die Nachricht von einem kurzen Zuge mit, daß ein naher
Blutsverwandter desselben, jedoch nicht aus Theben kommend, Kolonos
betreten und sich an dem Altar des benachbarten Poseidontempels,
wo Theseus eben geopfert hatte, als Schutzflehender niedergelassen
habe. "Das ist mein hassenswerter Sohn Polyneikes," rief Ödipus
zürnend aus. "Es wäre mir unerträglich, ihn anhören zu müssen."
Doch Antigone, die diesen Bruder als den sanfteren und besseren
liebte, wußte die Zornaufwallung des Vaters zu dämpfen und dem
Unglücklichen wenigstens Gehör zu verschaffen. Nachdem sich Ödipus
auch gegen diesen den Arm seines Beschützers ausgebeten hatte, falls
er ihn mit Gewalt hinwegführen wollte, ließ er den Sohn vor sich.
Polyneikes zeigte schon durch sein Auftreten eine ganz andere
Gemütsart als sein Oheim Kreon, und Antigone versäumte nicht,
ihren blinden Vater darauf aufmerksam zu machen. "Ich sehe jenen
Fremdling," rief sie, "ohne Begleiter herschreiten. Ihm strömen die
Tränen aus den Augen." —"Ist er es?" fragte Ödipus und wendete
sein Haupt ab. — "Ja, Vater," erwiderte die gute Schwester, "dein
Sohn Polyneikes steht vor dir." Polyneikes warf sich vor dem Vater
nieder und umschlang seine Knie. An ihm hinaufblickend, betrachtete
er jammernd seine Bettlerkleidung, seine hohlen Augen, sein ungekämmt
in der Luft flatterndes Greisenhaar. "Ach, zu spät erfahre
ich alles dieses," rief er, "ja, ich selbst muß es bezeugen, ich habe
meines Vaters vergessen! Was wäre er ohne die Fürsorge meiner
Schwester! Ich habe mich schwer an dir versündigt, Vater! Kannst
du mir nicht vergebens Du schweigst? Sprich doch etwas, Vater!
Zürne nicht so unerbittlich hinweggewandt! O ihr lieben Schwestern,
versucht ihr es, den abgekehrten Mund meines Erzeugers zu rühren!"
— "Sage du selbst zuvor, Bruder, was dich hergeführt hat," sprach
die milde Antigone, "vielleicht öffnet deine Rede auch seine Lippen."
Polyneikes erzählte nun seine Verjagung durch den Bruder, seine
Aufnahme beim König Adrastos in Argos, der ihm die Tochter zur
Gemahlin gegeben. und wie er dort sieben Fürsten mit siebenfacher Schar
für seine gerechte Sache geworben habe und diese Bundesgenossen
das thebanische Gebiet bereits umringt hätten. Dann bat er den
Vater unter Tränen, sich mit ihm aufzumachen und, nachdem durch
seine Hilfe der übermütige Bruder gestürzt sei, die Krone von Theben
aus Sohnes Händen zum zweitenmal zu empfahen. Doch die Reue
des Sohnes vermochte den harten Sinn des gekränkten Vaters nicht
zu erweichen. "Du Verruchter," sprach er und hob den Niedergeworfenen
nicht vom Boden auf, als Thron und Zepter noch in
deinem Besitz waren, hast du den Vater selbst aus der Heimat verstoßen
und in dieses Bettlerkleid eingehüllt, das du jetzt an ihm bemitleidest,
wo gleiche Not über dich gekommen ist! Du und dein
Bruder, ihr seid nicht meine wahren Kinder; hinge es von euch ab,
so wäre ich längst tot. Nur durch meine Tochter lebe ich. Auch
harret euer schon der Götter Rache. Du wirst deine Vaterstadt nicht
vertilgen; in deinem Blute wirst du liegen, und dein Bruder in dem
seinen. Dies ist die Antwort, die du deinen Bundesfürsten bringen
magst!" Antigone nahte sich jetzt ihrem Bruder, der bei dem Fluche
des Vaters entsetzt vom Boden aufgesprungen und rückwärts gewichen
war. "Höre mein inbrünstiges Flehen, Polyneikes," sprach sie, ihn
umfassend, "kehre mit deinem Heere nach Argos zurück, bekriege deine
Vaterstadt nicht!" -"Es ist unmöglich," erwiderte zögernd der Bruder;
"die Flucht brächte mir Schmach, ja Verderben. Und wenn wir
Brüder beide zugrunde gehen müssen, dennoch können wir nicht Freunde
sein!" So sprach er, wand sich aus der Schwester Armen und stürzte
verzweifelnd davon.
So hatte Ödipus den Versuchungen seiner Verwandten nach
beiden Seiten hin widerstanden und sie dem Rachegott preisgegeben.
Jetzt war sein eigenes Geschick vollendet. Donnerschlag auf Donnerschlag
erscholl vom Himmel. Der Greis verstand seine Stimme und
verlangte sehnlich nach Theseus. Die ganze Gegend hüllte sich in
Gewitterfinsternis. Eine große Angst bemächtigte sich des blinden
Königs, er fürchtete von seinem Gastfreunde nicht mehr lebend oder
nicht mehr unverstörten Sinnes getroffen zu werden und ihm den
vollen Dank für so viele Wohltaten nicht mehr bezahlen zu können.
Endlich erschien Theseus, und nun sprach Ödipus seinen feierlichen
Segen über die Stadt Athen. Dann forderte er den König auf,
dem Heroldrufe der Götter zu folgen und ihn allein an die Stelle
zu begleiten, wo er, von keiner sterblichen Hand berührt und nur
vom Auge des Theseus geschaut, enden sollte. Keinem Menschen
sollte er sagen, wo Ödipus die Erde verlassen. Bleibe das heilige
Grab, das ihn verschlingen würde, verborgen, so werde es mehr als
Speer und Schild und alle Bundesgenossen eine Schutzwehr gegen
alle Feinde Athens sein. Seinen Töchtern und den Bewohnern von
Kolonos erlaubte er dann, ihn eine Strecke weit zu begleiten, und
so vertiefte sich der ganze Zug in die schauerlichen Schatten des
Furienhaines. Keines durfte an Ödipus rühren; er, der Blinde, bisher
von der Tochter Hand geleitet, schien auf einmal ein Sehender
geworden, ging wunderbar gestärkt und aufgerichtet allen andern
voran und zeigte ihnen den Weg zu dem vom Schicksal ihm bestimmten
Ziele.
Mitten in dem Haine der Erinnyen sah man einen geborstenen
Erdschlund, dessen Öffnung mit einer ehernen Schwelle versehen war.
Mehrere Kreuzwege führten zu ihm. Von dieser Höhle ging von
uralter Zeit her die Sage, daß sie einer der Eingänge in die Unterwelt
sei. In einen jener Kreuzwege nun trat Ödipus ein, doch ließ
er sich von dem Gefolge nicht bis zu der Grotte selbst begleiten,
sondern unter einem hohlen Baume machte er Halt, setzte sich auf
einen Stein nieder und löste den Gürtel seines schnmtzigen Bettlerkleides.
Dann rief er nach einer Spende fließenden Wassers, wusch
sich von aller Unreinigkeit der langen Wanderung und zog ein
schmuckes Gewand an, das ihm durch seine Töchter aus einer nahen
Wohnung herbeigebracht wurde. Als er nun völlig umgekleidet und
wie erneuert dastand, tönte unterirdischer Donner vom Boden herauf.
Bebend warfen sich die Jungfrauen, die bisher um ihren Vater
bemüht gewesen waren, in seinen Schoß; Ödipus aber schlang seinen
Arm um sie, küßte sie und sprach: "Kinder, lebet wohl, von diesem
Tage an habt ihr keinen Vater mehr!" Aus dieser Umarmung
weckte sie eine donnergleiche Stimme, von der man nicht wußte, ob
sie vom Himmel herab oder von der Unterwelt herauftönte: "Was
säumest du, Ödipus? Was zögern wir zu gehen?" rief es. Als der
blinde König die Stimme vernahm und wußte, daß der Gott ihn
abfordere, machte er sich aus den Armen seiner Kinder los, rief den
König Theseus zu sich und legte seiner Töchter Hände in die Hand
desselben zum Zeichen seiner Verpflichtung, sie nimmermehr zu lassen.
Dann befahl er allen andern, umgewendet sich zu entfernen. Nur
Theseus an seiner Seite durfte auf die eherne Schwelle mit ihm zuschreiten.
Seine Töchter und das Gefolge waren seinem Winke gefolgt
und schauten sich erst um, als sie eine gute Strecke rückwärts
gegangen waren. Da hatte sich ein großes Wunder ereignet. Von
dem König Ödipus war keine Spur mehr zu erblicken. Kein Blitz
war zu sehen, kein Donner zu hören, kein Wirbelwind zu spüren;
die tiefste Stille herrschte in der Luft. Die dunkle Schwelle der
Unterwelt schien sich sanft und lautlos für ihn aufgetan zu haben,
und durch den Erdspalt war der entsündigte Greis ohne Stöhnen
und Pein sachte wie auf Geisterflügeln zur Unterwelt hinabgetragen
worden. Den Theseus aber erblickten sie allein, mit der Hand die
Augen sich überschattend, als hätte er ein göttliches, überwältigendes
Gesicht gehabt. Dann sahen sie, wie er, die Hände hoch gen Himmel
gehoben, zu den Olympiern und dann, demütig auf den Boden
niedergeworfen, zu den Göttern der Unterwelt flehte. Nach kurzem
Gebet kehrte der König zu den Jungfrauen zurück, versicherte sie
seines väterlichen Schuhes und wandelte mit ihnen, in tiefsinnige
Betrachtungen versunken, nach Athen zurück.
Me Sieben gegen Theben
Adrastos, der Sohn des Talaos, König von Argos, hatte fünf
Kinder, darunter zwei schöne Töchter, Argeia und Deipyle.
Über diese war ihm ein seltsamer Orakelspruch geworden: er werde dieselben
dereinst einem Löwen und einem Eber zu Gemahlinnen geben.
Vergebens besann sich der König, welchen Sinn dieses dunkle Wort
haben könnte, und als die Mägdlein herangewachsen waren, gedachte
er sie so zu vermählen, daß die ängstliche Wahrsagung auf keine
Weise erfüllt werden könnte. Aber das Götterwort sollte nicht zuschanden
werden. Von zweierlei Seiten kamen Flüchtlinge durch Argos'
Tore. Aus Theben war Polyneikes von seinem Bruder Eteokles verjagt
worden; Tydeus, des Öneus Sohn, war aus Kalydon geflohen,
wo er auf der Jagd einen Verwandtenmord, nicht absichtlich, verübt
hatte. Beide Flüchtlinge trafen sich vor dem Königspalast von Argos.
In der Dunkelheit der Nacht hielten sie sich für Feinde und gerieten
miteinander ins Handgemenge. Adrastos hörte das Waffengetümmel
unter seiner Burg, stieg bei Fackelschein von ihr herab und
trennte die Streitenden. Als nun zu seinen beiden Seiten einer der
Heldensöhne stand, die noch eben miteinander gekämpft hatten, so
erstaunte der König wie vor einem plötzlichen Gesicht, denn von
dem Schilde des Polyneikes blickte ihm ein Löwenhaupt, von des
Tydeus Schild starrte ihm ein Eberkopf entgegen. Der erstere trug
ein solches Abzeichen auf dem Schilde zu Ehren des Herakles, der
andere hatte sich das Wappen zum Andenken an die Jagd des
kalydonischen Ebers gewählt. Adrastos sah jetzt die Deutung jenes
dunkeln Orakelwortes vor sich, und aus den Flüchtlingen wurden
ihm Schwiegersöhne. Polyneikes erhielt die Hand der älteren Tochter
Argeia; die jüngere Tochter Deipyle wurde dem Tydeus zuteil.
Beiden gab er zugleich das Versprechen, sie in ihre väterlichen
Reiche, aus denen sie vertrieben waren. wieder einzuführen.
Zuerst wurde der Feldzug gegen Theben beschlossen, und Adrastos
sammelte seine Helden, sieben Fürsten, ihn selbst einbegriffen, mit
sieben Scharen, um sich. Ihre Namen waren Adrastos, Polyneikes,
Tydeus; Amphiaraos und Kapaneus, der erstere der Schwestergemahl
Adrastos', der andere ein Schwestersohn; endlich seine zwei Brüder
Polyneikes und Tydeus bei Adrastos
Hippomedon und Parthenopäos. Aber Amphiaraos, der Schwager
des Königs, der früher lange sein Feind gewesen, war ein Prophet,
und als solcher sah er den unglückseligen Ausgang des ganzen Feldzuges
voraus. Nachdem er sich nun vergebens bemüht hatte, den
Adrastos und die übrigen Helden von ihrem Vorhaben abwendig zu
machen, suchte er einen Schlupfwinkel auf, den nur seine Gemahlin,
Eriphyle, die Schwester des Königs, kannte, und verbarg sich dort
aufs sorgfältigste. Zange suchten ihn die Helden vergebens, und
ohne ihn, den er das Auge seines Heeres zu nennen pflegte, wagte
Adrastos den Feldzug nicht zu unternehmen. Nun hatte Polyneikes,
als er aus Theben flüchtig werden mußte, das Halsband und den
Schleier mitgenommen, die unglückbringenden Geschenke, die einst
Aphrodite der Harmonia bei ihrer Vermählung mit Kadmos, dem
Gründer Thebens, verehrt hatte, und die jedem, der sie trug, Verderben
brachten. Diese Gaben hatten auch wirklich schon der Harmonia
selbst, der Semele, der Mutter des Bacchos, und der Jokaste
den Untergang gebracht. Zuletzt hatte sie Argeia, die Gemahlin des
Polyneikes, die auch unglücklich werden sollte, besessen, und jetzt
beschloß ihr Gemahl, mit einem derselben, dem Halsbande, die
Eriphyle zu bestechen, daß sie ihm und seinen Kampfgenossen den
Aufenthalt ihres Gatten verriete. Als das Weib, das längst seine
Schwester um den herrlichen Schmuck, den ihr der Fremdling zugebracht,
beneidet hatte, die funkelnden Edelsteine und Goldspangen
an dem Halsbande sah, konnte sie der Lockung nicht widerstehen,
hieß den Polyneikes folgen und zog den Amphiaraos aus seiner
Zufluchtsstätte hervor. Jetzt konnte dieser sich der Anschließung an
den Feldzug um so weniger entziehen, als er schon früher, da er
sich mit dem Adrastos ausgesöhnt und von ihm die Schwester zur
Ehe erhalten hatte, sich anheischig gemacht, bei jeder künftigen Streitigkeit
mit dem Schwager die Entscheidung seiner Gattin zu überlassen.
Er tat seine Rüstung an und sammelte seine Krieger. Bevor er jedoch
auszog, rief er seinen Sohn Alkmäon zu sich und verpflichtete
ihn mit einem heiligen Schwur, sich nach seinem Tode, sobald ihm
derselbe kund würde, an der treulosen Mutter zu rächen.
Auszug der Helden — Hypsipyle und Opheltes
Auch die übrigen Helden rüsteten sich, und bald hatte Adrastos
ein gewaltiges Heer um sich versammelt, das, in sieben Heerhaufen
abgeteilt und von sieben Helden befehligt, unter dem Schall der
Zinken und Trompeten, jauchzend und voll Hoffnung die Stadt
Argos verließ. Aber schon auf dem Wege stellte sich das Unglück
ein. Sie waren in den Wald von Nemea gelangt, wo alle
Quellen, Flüsse und Seen ausgetrocknet waren und des Tages
Hitze mit brennendem Durst sie quälte. Panzer und Schilde wurden
ihnen zu schwer, der Staub, der sich von dem Zug auf der
Straße erhob, setzte sich ihnen auf den dürren Gaumen, selbst ihren
Rossen .trocknete der Schaum von dem Maul hinweg, und sie bissen
knirschend mit trockenen Nüstern in den Zaum. Während nun
Adrastos nebst einigen Kriegern vom Heere die Waldungen vergebens
nach Quellen durchirrte, stießen sie auf einmal auf ein
trauriges Weib von seltener Schönheit, das, einen Knaben an der
Brust, mit wallenden Haaren und in ärmlicher Kleidung, doch mit
königlicher Miene unter dem Schatten eines Baumes saß. Der überraschte
König glaubte nicht anders. als eine Nymphe des Waldes
vor sich zu sehen, warf sich vor ihr auf ein Knie und flehte sie für
sich und die Seinigen um Rettung aus der Not an, mit welcher
der Durst sie bedrohe. Aber die Frau antwortete mit gesenktem
Auge und demütiger Stimme: "Fremdling, ich bin keine Göttin;
du magst, wie dein herrliches Aussehen mich vermuten läßt, von
Göttern stammen. Wenn an mir etwas übermenschliches ist, so
muß es nur mein Leiden sein; denn ich habe mehr geduldet. als
sonst Sterblichen zu leiden auferlegt wird. Ich bin Hypsipyle,
einst die gefeierte Königin der Amazonen auf Lemnos, die Tochter
des herrlichen Thoas, jetzt nach unnennbarem Jammer von Seeräubern
entführt und verkauft, die gefangene Sklavin des Königs
Lykurgos von Nemea. Der Knabe, den ich säuge, ist nicht mein
eigenes Kind; er ist Opheltes, der Sohn meines Herrn, und ich bin
ihm zur Wärterin bestellt. Aber was ihr von mir begehret, will
ich euch gern verschaffen. Noch eine einzige Quelle sprudelt in
dieser trostlosen Einöde, und ihren geheimen Zugang kennt niemand
als ich. Sie ist ergiebig genug, euer ganzes Heer zu erquicken.
Folget mir!" Die Frau stand auf, legte den Säugling sorglich ins
Gras und lullte ihn mit einem Wiegenlied in den Schlaf. Die
Helden riefen ihre Genossen, und nun drängte sich das ganze Heer
Hypsipyles Tritten nach auf geheimen Pfaden, die durchs dichteste
Waldgebüsch führten. Bald gelangten sie zu einer felsigen Talschlucht,
aus der kühler Wasserstaub empordrang und die erhitzten
Angesichter der vordersten Krieger, die der Führerin und ihrem
König vorangeeilt waren, mit leichtem Schaum erfrischte. Zugleich
rauschte das Murmeln eines starken Wasserfalls an ihr Ohr.
"Wasser!" so tönte der Freudenruf aus dem Munde der Voran
gedrungenen, die mit einigen Sprüngen schon unten in .der Schlucht
und mitten-auf dem bespülten Felsgestein standen und die Strahlen
des herabfließenden Quells mit den Helmen auffingen. "Wasser,
Wasser!" wiederholte das ganze Heer, und der Jubelruf übertönte
den Wasserfall und hallte von den Bergen wider, welche die Schlucht
umgaben. Nun warfen sich alle am grünenden Ufer des weithin
sich schlängelnden Baches nieder und genossen mit tiefen Zügen die
langentbehrte Lust. Bald fand man auch für Wagen und Rosse
Pfade, die durch den Wald bequem in die Tiefe hinabführten, und
die Wagenlenker fuhren, ohne die Rosse auszuspannen, mitten in die
wallende Flut hinein, da wo der Bach sich zu ebenem Laufe ausbreitete,
und ließen die Rosse, die ihren Leib in den Wellen kühlten,
unausgeschirrt den langen Durst stillen.
Alles war erquickt, und die gute Führerin Hypsipyle, die Taten
und Leiden der Weiber von Lemnos erzählend, führte den Adrastos
und seine Helden, denen jetzt das Heer in ehrerbietiger Entfernung
folgte, auf die breitere Straße zurück, dahin, wo sie dieselbe mit
ihrem Pflegekind unter dem gewölbten Baume hatten sitzen sehen.
Aber ehe sie jener Stelle noch ansichtig wurden, erschreckte die feinhörige
Pflegerin aus der Ferne ein klägliches Kindeswimmern, das
ihre Begleiter kaum vernahmen, sie selbst aber sogleich als die
Stimme ihres kleinen Opheltes erkannte. Hypsipyle war selbst die
Mutter großer und kleiner Kinder, die sie, von den Räubern entführt,
in Lemnos hatte zurücklassen müssen. Nun hatte sie ihre
ganze Mutterliebe auf diesen Säugling übertragen, dem sie als
Sklavin beigegeben war. Eine bange Ahnung durchzuckte ihr zärtliches
Herz. Sie flog den Helden voraus und dem wohlbekannten
Platze zu, wo sie mit dem Kind an der Brust zu ruhen pflegte.
Aber ach, der Kleine war verschwunden, und ihre irrenden Augen
fanden keine Spur von ihm und vernahmen auch die Stimme nicht
mehr. Als sie ihre Blicke in weiterem Kreise umhersandte. ward
ihr bald das entsetzliche Schicksal klar, das ihr Pflegekind getroffen
hatte, während sie dem Heere der Argiver den frommen Liebesdienst
leistete. Denn nicht weit von dem Baume lag eine gräßliche
Schlange geringelt, ihren Kopf auf den schwellenden Bauch zurückgelegt,
in träger Ruhe das eben abgehaltene Mahl verdauend. Der
unseligen Pflegemutter sträubte sich das Haar, und ihr Jammergeschrei
erfüllte die Lüfte. Auf dieses waren auch die Helden herbeigeeilt.
Der erste, der den Drachen erblickte, war Hippomedon; ohne
zu säumen, riß er ein Felsstück aus dem Boden und schleuderte es
auf das Ungetüm, aber sein gepanzerter Rücken schüttelte den Wurf
ab. als wäre es eine Handvoll Erde. Da sandte Hippomedon
seinem ersten Wurfe den Speer nach, und dieser verfehlte sein Ziel
nicht; er fuhr der Schlange in den Rachen, durchs hervorspritzende
Gehirn, und die Spitze drang heraus zum Kamm. Das Untier
drehte sich wie ein Kreisel mit dem langvorragenden Speer in der
Wunde und hauchte endlich zischend seinen Atem aus.
Als die Schlange erlegt war, getraute sich erst die arme Pflegemutter
der Spur ihres Kindes nachzugehen; sie fand weithin die
Gräser vom Blute gerötet und endlich fernab von dem Ort ihrer
Ruhe das nackte Gebein des Kindleins. Die Verzweifelnde sammelte
es in ihren Schoß und übergab es den Helden, die mit ihrem ganzen,
Heere dem unglücklichen Knaben, der ihnen zum Opfer gefallen war,
nachdem sie seine überreste feierlich bestattet, herrliche Leichenspiele
bereiteten, ihm zu Ehren die nemeischen heiligen Kampfspiele stifteten
und ihn unter dem Namen Archemoros, d. h. der Frühvollendete.
zuerst als Halbgott verehrten.
Hypsipyle entging der Wut nicht, in welche die Mutter des
Kindes, die Gemahlin des Lykurgos, Eurydike, der Verlust ihres
Sohnes versetzte. Sie wurde in ein grausames Gefängnis geworfen,
und der fürchterlichste Tod war ihr geschworen. Das Glück wollte,
daß die verlassenen ältesten Söhne Hypsipyles ihrer Mutter schon
auf der Spur waren und nicht lange nach dieser Begebenheit in
Nemea eintrafen, wo sie die gefangene Mutter befreiten.
Via Helden vor Theben angekommen
"Da habt ihr ein Vorzeichen, wie der Feldzug sich enden wird!"
sprach der Seher Amphiaraos finster, als das Gebein des Knaben
Opheltes entdeckt war. Aber die andern alle dachten mehr an die
Erlegung der Schlange und priesen diese als eine glückliche Vorbedeutung.
Und weil sich das Heer eben von einer großen Bedrängnis
erholt hatte, so war alles guter Dinge; der schwere Seufzer des
Unglückspropheten wurde überhört, und der Zug ging lustig weiter.
Es währte nicht viele Tage mehr, so war das Heer der Argiver
unter den Mauern von Theben angekommen.
In dieser Stadt hatte Eteokles mit seinem Oheim Kreon alles
zu einer hartnäckigen Verteidigung vorbereitet und sprach zu den
versammelten Bürgern: "Bedenket jetzt, ihr Mitbürger, was ihr
eurer Vaterstadt schuldig seid, die euch in ihrem milden Schoße
aufgezogen und zu wackeren Kriegern gebildet hat. Ihr alle, vom
Jüngling, der noch nicht Mann ist, bis zum Mann, dessen Locke
schon grau wird, wehret euch für sie, für die Altäre der heimischen
Götter, für Väter, Weiber und Kinder und für euren freien Boden!
Mir meldet der Vogelschauer, daß in der nächsten Nacht das
Argiverheer sich zusammenziehen und einen Angriff auf die Stadt
machen wird. Darum eilt alle auf die Mauerzinnen, an die Tore.
Brecht vor mit allen Waffen! Besetzt die Schanzen, stellt euch in
die Türme mit euern Geschossen, bewahret jeden Ausgang sorgfältig
und fürchtet euch nicht vor der Menge der Feinde! Draußen
schleichen meine Kundschafter umher, und ich bin gewiß, daß sie
mir genaue Kunde bringen. Nach ihren Meldungen werde ich
handeln."
Während Eteokles so zu seinen Reitern sprach, stand auf der
höchsten Zinne des Palastes mit einem greisen Waffenträger ihres
Großvaters Laios die Jungfrau Antigone. Sie war nach ihres
Vaters Tode nicht lange unter dem liebevollen Schutze des Königs
Theseus zu Athen geblieben, sondern hatte mit ihrer Schwester Ismene
in ihre Heimat zurückverlangt, wohin sie eine unbestimmte
Hoffnung, ihrem Bruder Polyneikes nützlich werden zu können, und
auch die Liebe zu ihrer Vaterstadt trieb, deren Belagerung durch
den Bruder sie nicht billigen konnte, und deren Schicksal sie teilen
wollte. Dort war sie von dem Fürsten Kreon und ihrem Bruder
Eteokles mit offenen Armen aufgenommen worden, denn sie betrachteten
die Jungfrau als eine freiwillige Geisel und eine willkommene
Vermittlerin. Diese war jetzt die alte Zedertreppe des
Palastes emporgestiegen und stand auf der Plattform desselben, wo
ihr der Greis die Stellung der Feinde erklärte. Ringsum auf den
Fluren um die Stadt, die Ufer des Ismenos entlang und um die
von alters berühmte Quelle Dirke her war das mächtige Feindesheer
gelagert. Es hatte sich eben in Bewegung gesetzt, und Truppenschar
sonderte sich von Truppenschar. Das ganze Gefilde schimmerte
von Erzglanz wie ein wogendes Meer. Massen von Fußvolk und
Reiterei schwärmten brausend um die Tore der belagerten Stadt.
Die Jungfrau erschrak bei diesem Anblick, der Greis jedoch sprach
ihr Trost ein: "Unsere Mauern sind hoch und fest, unsere Eichentore
liegen in schweren eisernen Riegeln. Von innen bietet die Stadt
alle Sicherheit und ist voll mutiger, den Kampf nicht scheuender
Krieger." Darauf fing er an, die Fragen des Mädchens nach einzelnen
hervorragenden Führern zu beantworten: Der dort im
leuchtenden Helm, der, seinen blanken Erzschild mit Leichtigkeit
schwingend, einer Heerschar voranzieht, das ist der Fürst Hippomedon,
der um das Gewässer Lernas in Mykene wohnt. Hoch ragt
sein Wuchs empor wie der eines erdentsprossenen Giganten. — Weiter
rechts dort. der am Dirkequell wandelt in fremder Waffentracht
wie ein Halbbarbar, das ist deines Bruders Schwager Tydeus, des
neus Sohn; er und seine Ätolier sind Schildträger und die besten
Lanzenwerfer. Ich kenne ihn an seinem Wappenschilde, denn ich bin
schon als Unterhändler in das feindliche Lager abgeschickt worden."
— "Wer ist denn," fragte jetzt das Mägdlein, "der jugendliche Held
dort im unjugendlichen Haar, der mit wildem Blick an jenem Heldengrabmal
vorüberschreitet, und dem völlig gerüstetes Volk langsam
nachfolgte" — Das ist Parthenopäos," belehrte sie der Alte, "der
Sohn Atalantes, der Freundin der Artemis. Aber siehst du dort
die zwei Helden am Grabe der Niobetöchter? Der ältere ist
Adrastos, der Führer des ganzen Zuges, den jüngeren, kennst du
den?" — Ich sehe," rief Antigone schmerzlich bewegt, "nur die
Brust und den Umriß seines Leibes, und doch erkenne ich ihn: es
ist mein Bruder Polyneikes! O könnte ich mit den Wolken fliegen
und bei ihm sein und meinen Arm um den Hals des lieben Flüchtlings
schlagen! Wie funkelt seine goldene Rüstung gleich der Sonne
Morgenstrahl! — Doch wer ist der dort, der, mit fester Hand die
Rosse zügelnd, einen weißen Wagen lenkt und die Geißel so ruhig
und besonnen schwingt?" — "Das ist," sprach der Greis, "der
Seher Amphiaraos, meine Herrin!" — "Aber siehst du dort den,
der an den Mauern auf und ab geht und sie mißt und sorglich die
Stellen erkundet, an welchen die Basteien dem Sturme zugänglich
warens" - "Das ist der übermütige Kapaneus, der unserer Stadt
so schrecklich Hohn spricht, der euch zarte Jungfrauen an Lernas
Gewässer in die Knechtschaft führen will!" —Antigone erblaßte und
verlangte umzukehren; der Greis reichte ihr die Hand und geleitete
sie hinunter in die Mädchenzelle.
Menökeus
Inzwischen hielten Kreon und Eteokles Kriegsrat und besetzten
infolge der gefaßten Beschlüsse jedes der sieben Tore Thebens mit
einem Führer, indem sie der Feinde Zahl die gleiche Zahl gegenüberstellten.
Doch wollten sie, bevor der Kampf um die Stadt ausbrach,
auch vorher die Zeichen erforschen, welche die Vogelschau ihnen
über den Ausgang des Kampfes gewähren könnte. Nun lebte unter
den Thebanern, wie die Sage von Ödipus schon erzählt hat, der
Seher Teiresias. Dieser hatte als Jüngling die Göttin Athene bei
seiner Mutter überrascht und geschaut, was er nicht schauen sollte.
Dafür war er von der Göttin mit Blindheit geschlagen worden.
Seine Mutter hatte ihre Freundin zwar flehentlich gebeten, ihm das
Gesicht wiederzugeben, aber Athene vermochte dies nicht mehr; doch
erbarmte sie sich seiner und reinigte ihm dafür sein Gehör, daß er
alle Stimmen der Vögel verstand. Und so war er von Stund an
der Vogelschauer der Stadt.
Zu diesem jetzt greisen Seher schickte Kreon seinen jungen Sohn
Menökeus, daß er ihn in den Königspalast geleite. Mit wankendem
Knie, von seiner Tochter Manto und dem Knaben geführt, erschien
auch bald darauf der Alte vor Kreon. Dieser drang in ihn zu
melden, was der Vögel Flug ihm vom Schicksal der Stadt verkündige.
Teiresias schwieg lange; endlich sprach er die traurigen
Worte: "Die Söhne des Ödipus haben sich an ihrem Vater schwer
versündigt; sie bringen ins Thebanerland bittere Trübsal. Argiver
und Kadmeer werden sich morden, die Söhne einer von des andern
Hand fallen. Nur eine Rettung weiß ich für die Stadt: aber sie
ist für die Geretteten selbst zu bitter, als daß mein Mund sie offenbaren
sollte. Lebet wohl!" Er wandte sich und wollte gehen, aber
Kreon flehte so lange, bis er blieb. Du willst dennoch hören?"
sprach der Seher in strengem Tone; "so vernimm es! Aber sage
mir zuvor, wo weilt dein Sohn Menökeus, der mich hergeleitete?"
— "Er steht neben dir!" erwiderte Kreon. - "Nun, so fliehe er,
soweit er kann, hinweg von meinem Götterspruch!" sagte der Greis.
— "Warum das?" fragte Kreon. "Menökeus ist seines Vaters
Kind; er kann schweigen, wenn er soll, und wird sich freuen, wenn
er das Mittel erfährt, das uns retten soll." — "So vernehmet denn,
was ich aus dem Fluge der Vögel gelesen habe," sprach Teiresias.
"Es kommt das Heil, aber über harte Schwelle. Der Jüngste von
der Drachenzähnesaat muß fallen; nur unter dieser Bedingung wird
euch der Sieg!" — "Wehe mir," rief Kreon, "was bedeutet dieses
Wort, o Greis?" — "Daß der jüngste Enkel des Kadmos sterben
soll, wenn die Stadt gerettet sein will!" — "Du verlangst den Tod
meines geliebtesten Kindes, meines Sohnes Menökeus?" fuhr der
Fürst entrüstet auf. "Packe dich fort ,in die Stadt! Ich bedarf deines
Seherspruches nicht." — "Ist die Wahrheit ungültig, weil sie dir
Leid bringt?" fragte Teiresias ernst. Jetzt warf sich Kreon ihm zu
Füßen, umfaßte seine Knie und flehte den blinden Propheten bei seinem
grauen baare an, den Spruch zurückzunehmen. Aber der Seher blieb
unerbittlich. "Die Forderung ist unabwendbar," sprach er. "Am
Dirkequell, wo einst der Lindwurm gelagert hat, muß er sein Blut
im Opfertode vergießen; dann werdet ihr die Erde zur Freundin
haben, wenn sie für das Menschenblut, das sie einst dem Kadmos
aus den Drachenzähnen emporsandte, wieder Menschenblut, und zwar
verwandtes, empfangen hat. Wenn dieser Jüngling hier sich für seine
Stadt aufopfert, so wird er im Tode ihr Erretter sein, und für
Adrastos und sein Heer wird die Heimkehr grauenvoll werden. Wähle
dir nun, Kreon, welches Los von zweien du willst."
Also sprach der Wahrsager und entfernte sich an der Hand
seiner Tochter. Kreon stand in Schweigen versunken. Endlich rief
er angstvoll: "Wie gern wollte ich selbst für mein Vaterland sterben!
Aber dich. Kind, soll ich opfern? Flieh, mein Sohn, flieh, soweit
dich deine Füße tragen, aus diesem verfluchten Lande, das zu schlimm
ist für deine Unschuld. Geh über Delphi, Ätolien, Thesprotia zum
Heiligtum Dodonas. dort birg dich in des Orakels Schutz!" —
"Gern," sprach Menökeus mit leuchtendem Blick; "versieh mich mit
den nötigen Reisebedürfnissen, Vater, und glaube mir, ich werde den
rechten Weg nicht verfehlen." Als sich Kreon bei der Willigkeit des
Knaben beruhigte und auf seinen Posten geeilt war, warf sich dieser,
sobald er allein war, auf die Erde nieder und betete mit Inbrunst
zu den Göttern: "Verzeihet mir, ihr himmlischen Reinen, wenn ich
gelogen habe, wenn ich meinem alten Vater durch falsche Worte die
unwürdige Furcht benommen. Zwar daß er, der Greis, sich fürchtet,
ist verzeihlich; aber welch ein Feiger wäre ich, wenn ich das Vaterland
verriete, dem ich das Leben verdanke! Höret darum meinen
Schwur, ihr Götter, und nehmet ihn gnädig auf. Ich gehe, mein
Vaterland durch meinen Tod zu erretten. Flucht würde mich schänden.
Auf den Mauerkranz will ich treten, mich selbst in die tiefe, dunkle
Kluft des Drachen stürzen und so, wie der Seher angezeigt hat, das
Land erlösen."
Freudig sprang der Knabe auf, eilte nach der Mauer und tat,
wie er gesagt hatte. Er stellte sich auf die höchste Höhe der Burgmauer,
überschaute mit einem Blick die Schlachtordnung der Feinde
und verwünschte sie in kurzem, feierlichem Fluche, dann zog er einen
Dolch hervor, den er unter dem Gewande verborgen gehalten, durchbohrte
sich den Hals mit einer einzigen Wunde und stürzte von der
Höhe herab zerschmettert am Ufer des Dirkequells zusammen.
Der Sturm auf die Stadt
Der Orakelspruch war erfüllt; Kreon bezähmte seinen Jammer;
Eteokles teilte den sieben Torbeschirmern sieben Scharen zu; und
wo er diese hinweggenommen, stellte er Reiter hinter Reitern zum
Ersatz auf, dazu leichtes Fußvolk hinter die Schildträger, um
überall, wo die Mauern durch den Angriff leiden sollten, sie mit
Heeresmacht schirmen zu können. Auch das Heer der Argiver brach
jetzt auf, und der Sturm auf den Wall nahm seinen Anfang. Der
Kriegsgesang erscholl, und vom feindlichen Heere wie von den
Mauern der Thebaner herab schmetterten zu gleicher Zeit die
Trompeten. Zuerst führte Parthenopäos, der Sohn der Jägerin
Atalanta, den Trupp der Seinigen, Schild an Schild gedrängt,
wider eines der Tore. Auf dem Felde seines Schildes war seine
Mutter abgebildet, wie sie einen ätolischen Eber mit fliegendem
Pfeil erlegte. Auf ein zweites Tor zog, Opfertiere auf seinem
Wagen, der priesterliche Seher Amphiaraos los; er trug schmucklose
Waffen, ohne Wappenschild oder sonstigen Prunk. Aufs dritte
Tor rückte Hippomedon heran. Auf seinem Schilde war der hundertäugige
Argos zu schauen, wie er die von Hera in eine Kuh verwandelte
Jo bewacht. Zum vierten Tor lenkte Tydeus seine Scharen,
der eine struppige Löwenhaut im Schilde führte und mit wilder
Gebärde in der Rechten eine Brandfackel schwang. Der vertriebene
König Polyneikes befehligte den Sturm auf das fünfte Tor; sein
Schild stellte ein in Wut sich bäumendes Rossegespann vor. Zum
sechsten Tor führte seine Kriegerschar Kapaneus, der sich vermaß,
mit dem Gott Ares um die Wette streiten zu können. Auf dem
Eisenrücken seines Schildes war ein Gigant ausgeprägt, der eine
ganze Stadt, ihrem Grunde enthoben, auf den Schultern trug,
ein Schicksal, das dieser Schildträger der Stadt Theben zugedacht
hatte. Zum siebenten und letzten Tor endlich kam Adrastos, der
Argiverkönig, herangerückt. Auf dem Felde seines Schildes waren
hundert Schlangen abgebildet, welche in ihren Kiefern thebanische
Kinder davontrugen. Als alle nahe genug vor die Tore gerückt
waren, wurde der Kampf zuerst mit Schleudern, dann mit Bogen
und Speeren eröffnet. Aber den ersten Angriff wehrten die Thebaner
siegreich ab, so daß die Scharen der Argiver rückwärts gingen.
Da riefen Tydeus und Polyneikes schnell besonnen: "Ihr Brüder,
was brechet ihr nicht, ehe die Geschosse euch niederwerfen, mit vereinigter
Macht auf die Tore ein, Fußoölker, Reiter, Wagenlenker,
alle miteinander?" Dieser Ruf, der sich schnell durch das Heer verbreitete,
belebte den Mut der Argiver aufs neue. Alles lebte wieder
auf, und der Sturm begann mit verstärkter Macht, aber nicht glücklicher
denn zuvor. Mit blutbespritzten Köpfen sanken sie zu den
Füßen der Verteidiger nieder, und ganze Linien röchelten unter den
Mauern ihr Leben aus, so daß der dürre Boden vor der Stadt
von Blutbächen floß. — Da stürzte der Arkadier Parthenopäos wie
ein Sturmwind auf sein Tor und rief nach Feuer und Äxten, um
es in den Grund zu hauen. Ein thebanischer Held, der auf der
Mauer nicht fern seinen Posten hatte, beobachtete seine Anstrengungen
und riß, als es höchste Zeit war, ein Stück der steinernen Brustwehr
von der Mauer, so groß, daß es eine ganze Wagenlast ausgemacht
hätte; dieser Wurf zermalmte dem Stürmer sein blond
gelocktes Haupt und zerriß ihm die Knochen, daß er zerschmettert
zu Boden stürzte. Sobald nun Eteokles dieses Tor gesichert sah,
flog er den andern zu. Am vierten traf er den Tydeus, der wütete
wie ein Drache, den die Sonne sticht. Er schüttelte sein Haupt unter
dem fliegenden Helmbusch, und sein Schild, den er über dasselbe
hielt, tönte von gellenden Glocken, die den Rand umgaben. Er selbst
schwang mit der Rechten die Lanze hoch nach der Mauer. und eine
ganze Schar Schildträger umgab ihn, die einen Hagel von Speeren
auf den höchsten Burgsaum aufwärts schleuderten, so daß die Thebaner
sich von dem Rande der Brustwehr flüchten mußten. In
diesem Augenblick erschien Eteokles, sammelte sie wie ein Jäger
zerstreute Hunde und führte sie auf die Mauerzinne zurück. Dann
eilte er weiter von Tor zu Tor. Da stieß er auch auf den tobenden
Kapaneus, der eine vielsprossige Sturmleiter wider die Stadt herantrug
und prahlend ausrief, selbst des Zeus Blitz solle ihn nicht aufhalten,
die Grundfeste der eroberten Stadt zu brechen. Mit solchen
Trotzworten legte er die Leiter an und klomm unter seinem Schilde,
umsaust von Steinen, die glatten Sprossen empor. Aber ihn für
seinen Frevelmut zu züchtigen, blieb nicht den Thebanern überlassen;
Zeus selbst übernahm es und traf ihn, als er schon über den
Mauerkranz drang, mit seinem Donnerkeil. Es war ein Schlag,
daß die Erde dröhnte; seine zerrissenen Gliedmaßen flogen weit
umher von der Leiter, das entflammte Haar flatterte gen Himmel,
das Blut floß auf die Erde; Hände und Füße rollten im Kreise
wie ein Rad; der Rumpf stürzte endlich feurig auf den Boden
nieder.
Der König Adrastos erkannte aus diesem Zeichen, daß der Göttervater
seinem Vorhaben feindselig sei; er führte seine Scharen aus
dem Stadtgraben heraus und wich mit ihnen rückwärts. Die Thebaner
dagegen, als sie das glückbringende Zeichen, das ihnen Zeus
gesandt hatte, erkannten, brachen zu Fuß und zu Wagen aus der
Stadt hervor. Ihr Fußvolk stürzte mitten unter die argivische Heerschar,
Wagen rannten an gegen Wagen, Leichname lagen zu Haufen;
der Sieg blieb den Thebanern, und erst nachdem sie die Feinde auf
eine gute Strecke von der Stadt zurückgeworfen, kehrten sie in
dieselbe zurück. Auf dieser Flucht der Argiver 'geschah es auch, daß
der thebanische Held Periklymenos den Seher Amphiaraos nach
dem Strande des Flusses Ismenos verfolgte. Hier hemmte den
mit Roß und Wagen Fliehenden das Wasser. Der Thebaner war
ihm auf den Fersen. In der Verzweiflung hieß der Seher seinen
Wagenlenker die Pferde ihren Weg durch die tiefe Furt suchen,
aber ehe er im Wasser war, hatte der Feind das Ufer erreicht, und
sein Speer drohte seinem Nacken. Da spaltete Zeus, der seinen
Seher nicht auf unrühmlicher Flucht umkommen lassen wollte, mit
einem Blitze den Boden, daß er sich auftat wie eine schwarze Höhle
und die Rosse, die eben den übergang suchten, mitsamt dem Wagen,
dem Seher und seinem Genossen verschlang.
Der Brüder Zweikampf
Auf solche Weise endete der Sturm auf die Stadt Theben.
Als Kreon und Eteokles mit den Ihrigen in die Mauern zurückgekehrt
waren, ordnete sich das geschlagene Heer der Argiver wieder.
und bald war es von neuem imstande, der belagerten Stadt näher
zu rücken. Als dies die Thebaner inne wurden und die Hoffnung,
das zweite Mal zu widerstehen, nachdem auch ihre Kräfte durch den
ersten Angriff nicht wenig geschwächt worden, ziemlich gesunken war,
faßte der König Eteokles einen großen Entschluß. Er sandte seinen
Herold zur Stadt hinaus nach dem Argiverheere, das, wieder dicht
um die Mauern Thebens gelagert, am Rande des Stadtgrabens lag,
und ließ sich Stille erbitten. Dann rief er, auf der obersten Höhe
der Burg stehend, seinen eigenen innerhalb der Stadt aufgestellten
Scharen und den die Stadt umringenden Argivern mit lauter Stimme
zu: "Ihr Danaer und Argiver alle, die ihr hierher gezogen seid,
und ihr Völker Thebens, gebet doch so vielfaches Leben nicht, ihr
einen dem Polyneikes, noch mir, seinem Bruder, ihr anderen,
preis! Laßt vielmehr mich selbst die Gefahr dieses Kampfes übernehmen
und so allein im Gefecht mit meinem Bruder Polyneikes
mich messen. Töte ich ihn, so läßt mich allein den Herrn im Hause
bleiben; fall' ich von seiner Hand, so sei ihm das Zepter überlassen,
und ihr Argiver senket dann die Waffen und kehret in euer Heimatland
zurück, ohne vor diesen Mauern euer Leben nutzlos zu verbluten."
Aus den Reihen der Argiver sprang jetzt Polyneikes hervor
und rief zur Burg empor, daß er den Vorschlag seines Bruders
anzunehmen bereit sei. Von beiden Seiten war man des blutigen
Krieges, der nur einem von zwei Männern zugute kommen sollte,
schon lange müde. Daher klatschten beide Heere dem gerechten Gedanken
Beifall. Es wurde ein Vertrag darüber abgeschlossen, und
der Eid der Führer bekräftigte ihn von beiden Seiten auf dem
Felde, das zwischen beiden Heeren lag. Jetzt hüllten sich die Söhne
des Ödipus in ihre vollen Waffenrüstungen; den Beherrscher Thebens
schmückten die edelsten Thebaner, den vertriebenen Polyneikes die
Häupter der Argiver. So standen beide im Stahle prangend da,
stark und festen Blickes. "Bedenke," riefen die Freunde dem Polyneikes
zu, "daß Zeus von dir ein Siegesdenkmal zu Argos erwartet
Die Thebaner aber ermunterten ihren Fürsten Eteokles:
"Du kämpfest für die Vaterstadt und für das Zepter; dieser doppelte
Gedanke verleihe dir den Sieg!" Ehe der verhängnisvolle Kampf
begann, opferten auch noch die Seher, aus beiden Heeren zusammentretend,
um aus den Gestaltungen der Opferflamme den Ausgang
des Streites zu mutmaßen. Das Zeichen war zweideutig, es schien
Sieg oder Untergang beiden zugleich zu verkünden. Als das Opfer
vorbei war und die beiden Brüder sich noch immer zwischen beiden
Heeren einander gegenüber in kampfbereiter Stellung befanden,
erhob Polyneikes flehend seine Hände, drehte sein Haupt rückwärts
dem Argiverlande zu und betete: Hera, Beherrscherin von Argos,
aus deinem Lande habe ich ein Weib genommen, in deinem Lande
wohne ich; laß deinen Bürger im Gefecht siegen, laß ihn seine Rechte
färben mit des Gegners Blute!" Auf der andern Seite kehrte sich
Eteokles zum Tempel der Athene in Theben. "Gib, o Tochter des
Zeus," flehte er, "daß ich die Lanze siegreich zum Ziele schleudere,
in die Brust dessen, der mein Vaterland zu verwüsten kam!" Mit
seinem letzten Worte schmetterte der Trompetenklang, das Zeichen
des blutigen Kampfes, und die Brüder stürzten wilden Laufes aufeinander
ein und packten sich wie zwei Eber, die die Hauer grimmig
aufeinander gewetzt haben. Die Lanzen sausten aneinander vorüber
und prallten beide von den Schilden ab; nun zielten sie mit den
Speeren sich gegenseitig nach dem Gesicht, nach den Augen, aber die
schnell vorgehaltenen Schildränder vereitelten auch diesen Stoß. Den
Zuschauern selbst floß der Schweiß in dichten Tropfen vom Leibe
beim Anblick des erbitterten Kampfes. Endlich vergaß sich Eteokles,
und während er beim Ausfallen mit dem rechten Fuße einen Stein,
der ihm im Wege lag, beiseite stoßen wollte, streckte er das Bein
unvorsichtig unter dem Schilde hervor. Da stürzte Polyneikes mit dem
Speere heran und durchbohrte ihm das Schienbein. Das ganze
Argiverheer jubelte bei seinem Stoße und sah darin schon den entscheidenden
Sieg. Aber während des Stoßes hatte der Verwundete,
der seine Besinnung keinen Augenblick verlor, die eine Schulter an
seinem Gegner entblößt gesehen und warf seinen Wurfspieß nach
derselben, der auch in der Schulter haftete, doch so, daß die Spitze
ihm abbrach. Die Thebaner ließen nur einen halben Laut der
Freude von sich hören. Eteokles wich zurück, ergriff einen Marmelstein
und zerschlug die Lanze seines Gegners in zwei Hälften. Der
Kampf war jetzt gleich, da beide sich ihres Wurfgeschosses beraubt
sahen. Nun faßten sie rasch die Griffe ihrer Schwerter und rückten
einander ganz nahe auf den Leib; Schild schlug gegen Schild, und
lautes Kampfgetöse hallte. Da besann sich Eteokles auf einen Kunstgriff,
den er im thessalischen Lande gelernt. Er wechselte plötzlich
seine Stellung, zog sich nach hinten auf seinen linken Fuß zurück,
deckte sich den eigenen Unterleib mit Sorgfalt, setzte dann den
vorderen Fuß voran, und stach den Bruder, der auf eine so veränderte
Haltung des Gegners nicht gefaßt war und den unteren
Teil des Leibes nicht mehr mit dem Schilde gedeckt hatte, mitten
durch den Leib über den Hüften. Schmerzlich neigte sich nun Polyneikes
auf die Seite und sank bald unter Strömen Blutes zusammen.
Eteokles, nicht mehr an seinem Siege zweifelnd, warf sein Schwert
von sich und legte sich über den Sterbenden, ihn zu berauben.
Dies aber war sein Verderben, denn jener hatte im Sturze sein
Schwert doch noch fest mit der Hand umklammert, und jetzt, so
schwach er atmete, war ihm doch noch Kraft genug geblieben, dasselbe
dem über ihn gebeugten Eteokles tief in die Leber zu stoßen.
Dieser sank um und hart neben dem sterbenden Bruder nieder.
Nun öffneten sich die Tore Thebens, und die Frauen nebst den
Dienern stürzten heraus, die Leiche ihres Herrschers zu bejammern.
Antigone aber warf sich über ihren geliebten Bruder Polyneikes, um
seine letzten Worte von den Lippen zu vernehmen. Mit Eteokles war
es schneller zu Ende gegangen als mit diesem: nur noch ein tiefer
Seufzer aus röchelnder Brust, und er war verschieden. Polyneikes
aber atmete noch, wandte sein brechendes Auge nach der Schwester
und sprach: "Wie beklage ich dein Los, Schwester, wie auch das
Los des toten Bruders, der aus einem Freunde mein Feind geworden
ist! Jetzt erst, im Tode, empfinde ich, daß ich ihn geliebt
habe. Du aber, liebe Schwester, begrabe mich in meiner Heimat
und versöhne die zürnende Vaterstadt, daß sie mir, obschon ich der
Herrschaft beraubt worden bin, wenigstens so viel gewähre! Drücke
mir auch die Augen mit deiner Hand zu, denn schon breitet die
Nacht des Todes ihre Schatten über mich aus."
So starb auch er in der Schwester Armen. Nun erhob sich
lauter Zwist von beiden Seiten unter der Menge. Die Thebaner
schrieben ihrem Herrn Eteokles den Sieg zu, die Feinde jenem.
Derselbe Hader war unter den Anführern und den Freunden der
Gefallenen. "Polyneikes führte den ersten Lanzenstoß!"hieß es da.
"Aber er war auch der erste, der unterlegen ist!" scholl's von der
andern Seite entgegen. Unter diesem Streite wurde zu den Waffen
gegriffen. Zum Glück für die Thebaner hatten sich diese geordnet
und sich in voller Waffenrüstung teils vor dem Zweikampfe, teils
während desselben und bei seinem Schlusse eingefunden, während
die Argiver die Waffen abgelegt und, wie des Sieges gewiß, sorglos
zugeschaut hatten. Die Thebaner warfen sich also plötzlich aufs
Argiverheer, ehe sich dieses mit Rüstungen bedecken konnte. Sie
fanden keinen Widerstand; die waffenlosen Feinde füllten in ungeregelter
Flucht die Ebene, das Blut floß in Strömen, denn der
Wurf der Lanzen streckte zu Hunderten die Fliehenden nieder. Bald
war die Umgebung Thebens von sämtlichen Feinden gereinigt. Von
allen Seiten her brachten die Thebaner die Schilde der erlegten
Feinde und andere Beute herbei und trugen sie triumphierend in
die Stadt.
Kreons Beschluss
Hierauf wurde an die Bestattung der Toten gedacht. Die
Königswürde von Theben war nach dem Tode der beiden gefallenen
Brüder an ihren Oheim Kreon gekommen, und dieser hatte
nun über das Begräbnis seiner beiden Neffen zu verfügen. Sofort
ließ er den Eteokles, weil er bei der Verteidigung der Stadt gefallen,
mit königlichen Ehren und aller sonstigen Gebühr feierlich zur
Erde bestatten; alle Bewohner der Stadt folgten dem Leichenzuge,
während Polyneikes unbegraben und in Unehren dalag. Dann ließ
Kreon unter Heroldsruf durch die ganze Stadt verkündigen, den
Feind des Vaterlandes, der gekommen sei, die Stadt mit Feuerglut
zu zerstören, sich am Blute der Seinigen zu sättigen, die Landesgötter
selbst zu vertreiben, und was übrig bliebe, in Knechtschaft zu
stürzen — den weder zu beklagen, noch ihm ein Grab angedeihen
zu lassen, vielmehr den Leichnam des Verfluchten unbegraben den
Vögeln und Hunden zum Fraße zu übergeben. Zugleich gebot er
den Bürgern, selbst Aufsicht darüber zu führen, daß diese königliche
Willensmeinung vollzogen würde, und stellte noch besondere Späher
zu dem Leichnam, welche dafür zu sorgen hatten, daß niemand käme,
denselben zu stehlen oder zu begraben. Der Lohn dessen, der dies
doch täte, sollte unerbittlich der Tod sein; in offener Stadt sollte er
gesteinigt werden.
Diese grausame Verkündigung hatte auch Antigone, die fromme
Schwester, mit angehört und war ihres Versprechens, das sie dem
Sterbenden gegeben, wohl eingedenk. Sie wandte sich mit beschwertem
Herzen an ihre jüngere Schwester Ismene und wollte
diese bereden. mit ihr gemeinschaftlich das Wagestück zu unternehmen,
mit Hand anzulegen und den Leib des Bruders seinen
Feinden zu entreißen. Aber Ismene war ein schwaches Mädchen
und solchem Heldenmute nicht gewachsen. "Hast du denn, Schwester,"
sagte sie weinend, "den grauenhaften Untergang unseres Vaters und
unserer Mutter schon so ganz vergessen, ja, ist dir das frische Verderben
unserer Brüder schon aus dem Gedächtnis verschwunden, daß
du auch uns Zurückgebliebene noch ins gleiche Todeslos hineinziehen
willst?" Antigone wandte sich mit Kälte von ihrer furchtsamen
Schwester ab. "Ich will dich gar nicht zur Helferin," sagte sie.
"Ich gehe hin, den Bruder allein zu begraben. Wenn ich dies getan
habe, sterbe ich mit Freuden und lege mich nieder neben dem,
den ich im Leben geliebt habe."
Bald darauf kam einer der Wächter mutlos und zögernden
Schrittes vor den König Kreon. "Der Leichnam, den du uns zu
bewahren gegeben, ist begraben," rief er dem Herrscher entgegen,
"und der unbekannte Täter ist uns entkommen. Wir wissen auch
nicht, wie es geschehen ist. Als der erste Tageswächter uns die
Tat anzeigte, war es uns allen ein Bekümmernis. Nur ein dünner
Staub lag auf dem Toten, so viel als notwendig ist, wenn ein Begräbnis
vor den Göttern der Unterwelt für ein solches gelten soll.
Kein Hieb, kein Schaufelwurf zeigte sich, keine Wagenspuren gingen
durch den Boden. Unter uns Wächtern entstand Streit darüber,
jeder beschuldigte den andern, und am Ende kam es zu Schlägen.
Zuletzt jedoch einigte man sich, dir, o König, den Vorgang auf der
Stelle zu melden, und mich traf dieses unselige Los." Kreon geriet
auf diese Nachricht in großen Zorn. Er bedrohte alle Wächter, sie
lebendig aufhängen zu lassen, wenn sie ihm den Täter nicht unverzüglich
in die Hände lieferten. Diese mußten auch auf seinen
Befehl den Leichnam wieder von aller Erde entblößen und hielten
nach wie vor die Wache bei demselben. So saßen sie vom Morgen
bis zum Mittag im heißesten Sonnenschein. Da erhob sich plötzlich
ein Sturm, und der Luftkreis füllte sich mit Staub. Die Wächter
besannen sich noch über das unerwartete Zeichen, als sie eine Jungfrau
herankommen sahen, die so wehmütig klagte wie ein Vogel,
der sein Nest ausgeleert findet. Sie hatte in der Hand eine eherne
Gießkanne, die sie schnell mit Staub füllte, dann näherte sie sich —
denn die Wächter, um von der Nähe des nun schon so lange unbegraben
daliegenden Leichnams nicht zu leiden, saßen ziemlich fern
auf einem Hügel — mit Vorsicht der Leiche und spendete dem
Toten anstatt des Begräbnisses einen dreifachen Aufguß von Erde.
Da zögerten die Wächter nicht länger, sie eilten herbei, griffen sie
und schleppten die auf der Tat selbst Ertappte vor den zürnenden
Herrscher.
Antigone und Kreon
Kreon erkannte in der Täterin seine Nichte Antigone. "Törin,"
rief er ihr entgegen, "die du die Stirn zur Erde senkst, gestehst oder
leugnest du dieses Werk?" — "Ich gestehe es," erwiderte die Jungfrau
und richtete ihr Haupt in die Höhe. "Und kanntest du," fragte
der König weiter, das Gesetz, das du so ohne Scheu übertratest?"
— "Wohl kannte ich es," sprach Antigone fest und ruhig, aber von
keinem der unsterblichen Götter stammt diese Satzung. Auch kenne
ich andere Gesetze, die nicht von gestern und von heute sind, die in
Ewigkeit gelten, und von denen niemand weiß, von wannen sie kommen.
Kein Sterblicher darf diese übertreten, ohne dem Zorn der Götter
anheimzufallen. Ein solches Gesetz hat mir befohlen, den toten Sohn
meiner Mutter nicht unbegraben zu lassen. Erscheint dir diese
Handlungsweise töricht, so ist es ein Tor. der mich der Torheit beschuldigt
— "Meinst du," sprach Kreon, noch mehr erbittert durch
den Widerspruch der Jungfrau, "deine starre Sinnesart sei nicht zu
beugen? Zerspringt doch auch der sprödeste Stahl am ersten. Wer
in eines andern Gewalt ist, der soll nicht trotzen!" Darauf antwortete
Antigone: Du kannst mir doch nicht mehr antun als den Tod,
wozu darum Aufschub? Mein Name wird nicht ruhmlos dadurch
werden, daß ich sterbe, auch weiß ich, daß deinen Bürgern hier nur
die Furcht den Mund verschließt, und daß alle meine Tat im Herzen
billigen; denn den Bruder lieben, ist die erste Schwesterpflicht." —
"Nun, so liebe denn im Hades," rief der König immer erbitterter,
"wenn du lieben mußt!" Und schon hieß er die Diener sie ergreifen,
als Ismene, die vom Los ihrer Schwester vernommen hatte, herbei
gestürmt kam. Sie schien ihre weibliche Schwäche und ihre Menschenfurcht
ganz abgeschüttelt zu haben. Mutig trat sie vor den grausamen
Oheim, bekannte sich als Mitwisserin und verlangte mit der Schwester
in den Tod zu gehen. Zugleich erinnerte sie den König daran, daß
Antigone nicht nur seiner Schwester Tochter, daß sie auch die verlobte
Braut seines eigenen Sohnes Hämon sei und er durch ihren Tod
seinem eigenen Sprößling die Ehe wegmorde. Statt aller Antwort
ließ Kreon auch die Schwester ergreifen und beide durch seine
Schergen in das Innere des Palastes führen.
Hämon und Antigone
Als Kreon seinen Sohn herbeieilen sah, glaubte er nichts anderes,
als das über seine Braut gefällte Urteil müsse diesen gegen den
Vater empört haben. Hämon setzte jedoch seinen verdächtigenden
Fragen Worte voll kindlichen Gehorsams entgegen, und erst nachdem
er den Vater von seiner frommen Anhänglichkeit überzeugt hatte,
wagte er es, für seine geliebte Braut Fürbitte zu tun. "Du weißt
nicht, Vater," sprach er, "was das Volk spricht, was es zu tadeln
findet. Dein Auge schreckt jeden Bürgersmann zurück, irgend etwas
zu sprechen, das deinem Ohre nicht willkommen ist; mir hingegen
wird es möglich, auch derlei Dinge im Dunkeln zu hören. Und so
laß mich dir denn sagen, daß diese Jungfrau von der ganzen Stadt
bejammert. daß diese Handlung von der ganzen Bürgerschaft als
wert des Nachruhms gepriesen wird, daß niemand glaubt, sie, die
fromme Schwester, die ihren Bruder nicht von den Hunden und
Vögeln zerfleischen ließ, habe den Tod als Lohn verdient. Darum.
geliebter Vater, gib der Stimme des Volkes nach! Tu es den Bäumen
gleich, die, längs des angeschwollenen Waldstromes gepflanzt, sich ihm
nicht entgegenstemmen, sondern der Gewalt des Wassers nachgeben
und unverletzt bleiben, während diejenigen Bäume, die es wagen,
Widerstand zu leisten, durch die Wellen von Grund aus entwurzelt
werden." — "Will der Knabe mir Verstand lehren?" rief Kreon
verächtlich aus; "es scheint, er kämpft im Bunde mit dem Weibe!"
— "Ja, wenn du ein Weib bist!" — antwortete der Jüngling
schnell und lebhaft — "denn nur zu deinem Besten ist dies alles
gesagt!" — "Ich merke wohl," endete der Vater entrüstet, "blinde
Liebe zu der Verbrecherin hält deinen Sinn in Banden. aber lebendig
wirst du diese nicht freien! Denn wisse: ferne, wo keine Menschen
tritte schallen, soll sie bei lebendem Leibe in einem verschlossenen
Felsengrabe geborgen werden. Nur wenig Speise wird ihr mitgegeben,
so viel. als nötig ist, die Stadt vor der Befleckung zu bewahren,
die der Greuel eines unmittelbaren Mordes ihr zuziehen
würde. Mag sie dann von dem Gotte der Unterwelt, den sie doch
allein ehrt, sich Befreiung erflehen; zu spät wird sie erkennen, daß
es klüger ist, den Lebenden zu gehorchen als den Toten."
Zornig wandte sich Kreon mit diesen Worten von seinem Sohne
ab. und bald waren alle Anstalten getroffen, den gräßlichen Beschluß
des Tyrannen zu vollziehen. Öffentlich vor allen Bürgern Thebens
wurde Antigone nach dem gewölbten Grabe abgeführt, das ihrer
wartete; sie stieg unter Anrufung der Götter und der Geliebten, mit
welchen sie vereinigt zu werden hoffte, unerschrocken hinab.
Noch immer lag der verwesende Leichnam des erschlagenen
Polyneikes unbegraben da. Die Hunde und Vögel nährten sich von
ihm und befleckten die Stadt, indem sie die überreste des Toten hin
und hertrugen. Da erschien der greise Seher Teiresias vor dem
König Kreon, wie er einst vor Ödipus erschienen war, und verkündete
jenem aus dem Vogelfluge und der Opferschau ein Unheil. Schlimmer,
übelgesättigter Vögel Gekrächz hatte er vernommen, das Opfertier
auf dem Altar, statt hell in Flammen zu verlodern, war unter
trübem Rauche verschmort. Offenbar zürnen uns die Götter,"
endete er seinen Bericht, "wegen der Mißhandlung des erschlagenen
Königssohnes. Sei darum nicht halsstarrig, Herrscher, weiche dem
Toten, siehe nicht nach Ermordeten! Welcher Ruhm ist es, Tote
noch einmal zu töten? Laß ab davon; in guter Meinung rate ich
dir!" Aber Kreon wies wie damals Ödipus den Wahrsager mit
krankenden Worten zurück, schalt ihn geldgierig und bezichtigte ihn
der Lüge. Da entbrannte das Gemüt des Sehers, und ohne
Schonung zog er von den Augen des Königs den Schleier weg, der
die Zukunft bedeckte. "Wisse," sprach er, "daß die Sonne nicht
untergehen wird, ehe du aus deinem eigenen Blute einen Leichnam
für zwei Leichen zum Ersatze bringst. Doppelten Frevel begehst du,
indem du den Toten der Unterwelt vorenthältst, der ihr gebührt,
und die Lebende, die der Oberwelt angehört, nicht heraufläßt zu
ihr! Schnell entführe mich, Knabe! Lassen wir diesen Mann mit
seinem Unglück allein!" So ging er an der Hand seines Führers
auf seinen Seherstab gestützt davon.
Kreons Strafe
Der König blickte dem zürnenden Wahrsager bebend nach. Er
berief die Ältesten der Stadt zu sich und befragte sie, was zu tun
sei. "Entlaß die Jungfrau aus der Höhle, bestatte den preisgegebenen
Leib des Jünglings!" lautete ihr einstimmiger Rat.
Schwer kam es den unbeugsamen Herrscher an, nachzugeben. Aber
das Herz war ihm entsunken. So willigte er geängstigt darein. den
einzigen Ausweg zu ergreifen, der das Verderben, das der Seher
verkündigt hatte, von seinem Hause abwälzen könnte. Er selbst
machte sich mit Dienern und Gefolge zuerst nach dem Felde, wo
Polyneikes lag, und dann nach dem Grabgewölbe. in welches Antigone
verschlossen worden war, auf, und im Palast blieb seine
Gemahlin Eurydike allein zurück. Diese vernahm bald auf den
Straßen ein Klagegeschrei, und als sie auf den immer lauter
werdenden Ruf ihre Gemächer endlich verließ und in den Vorhof
ihres Palastes heraustrat, kam ihr ein Bote entgegen, der ihrem
Gemahl als Führer nach dem hohen Blachfeld gedient hatte, wo
der Leib seines Neffen, erbarmungslos zerrissen, bis hierher nicht
begraben lag. "Wir beteten zu den Göttern der Unterwelt," erzählte
der Bote, "badeten den Toten im heiligen Bade und verbrannten
dann den überrest seines bejammernswürdigen Leichnams.
Nachdem wir ihm aus vaterländischer Erde einen Grabhügel aufgetürmt,
gingen wir nach dem steinernen Gewölbe, in das die
Jungfrau hinabgestiegen war, ihr Leben dort im elenden Hungertode
zu enden. Hier vernahm ein vorangeeilter Diener schon aus
der Ferne helltönende Jammerlaute vom Tore des grauenvollen
Gemaches her. Er eilte zu unserm Herrn zurück, ihm solches kundzutun.
Aber auch zu seinem Ohr war jener betrübte Klagelaut
schon gedrungen, und er hatte darin die Stimme des Sohnes erkannt.
Wir Diener eilten auf sein Geheiß heran und blickten durch
den Felsspalt. Wehe uns, was mußten wir hier schauen! Tief
im Hintergrunde der Höhle sahen wir die Jungfrau Antigone in
den Schlingen ihres Schleiers aufgeknüpft und schon entseelt. Vor
ihr lag, ihren Leib umschlingend, dein Sohn Hämon, in heulender
Wehklage die entrissene Braut bejammernd und des Vaters Untat
verfluchend. Inzwischen war dieser vor der Kluft angekommen und
wandelte tiefaufseufzend durch die offene Tür hinein. ,Unseliger
Knabe,' rief er, ,auf was sinnest du? Was droht uns dein verirrter
Blick? Komm heraus zu deinem Vater! Flehend, auf den
Knien liegend, beschwöre ich dich!' Doch der Sohn starrte ihn in
Verzweiflung an und riß ohne Antwort sein zweischneidiges Schwert
aus der Scheide. Der Vater stürzte zu dem Gewölbe hinaus und
entwich dem Stoße. Hierauf bückte der unglückselige Hämon sich
selbst über sein Schwert und trieb den Stahl tief durch seine Seite.
Er sank, aber noch sinkend schlang er seinen Arm fest um die Leiche
der Braut und liegt jetzt tot, wie er die Tote gefaßt hatte, in der
Grabeshöhle." Eurydike hörte diese Botschaft schweigend an und
enteilte dann, ohne ein gutes oder böses Wort zu sprechen. Dem
verzweifelnden König, der, von Dienern begleitet, welche die Leiche
seines einzigen Sohnes trugen, jammernd in den Palast zurückkehrte,
kam die Nachricht entgegen, daß im Innern des Hauses
seine Gemahlin entseelt in ihrem Blute liege mit einer tiefen
Schwertwunde im Herzen.
Bestattung der thebanischen Helden
Vom ganzen Stamme des Ödipus war jetzt außer zwei Söhnen
der gefallenen Brüder nur noch Ismene übrig. Von ihr erzählt die
Sage nichts. Sie starb unvermählt oder kinderlos, und mit ihrem
Tode erlosch das unselige Geschlecht. Von den sieben Helden, die
gegen Theben ausgezogen waren, entkam dem unglücklichen Sturme
und der letzten Schlacht der König Adrastos allein, den sein unsterbliches
Roß Arion auf geflügelter Flucht rettete. Er erreichte glücklich
Athen, nahm dort seine Zuflucht als Schutzflehender an den Altar
der Barmherzigkeit und flehte, einen Ölzweig in der Hand, die Athener
an, ihn zu unterstützen, daß er sich die vor Theben gefallenen Helden
und Mitbürger zu ehrlicher Bestattung erstreiten könne. Die Athener
erhörten seinen Wunsch und zogen unter Theseus mit ihm zu Felde.
Die Thebaner wurden gezwungen, die Beerdigung zu gestatten.
Nun errichtete Adrastos den Leichnamen der gefallenen Helden sieben
getürmte Scheiterhaufen und hielt am Asopos dem Apollon zu Ehren
ein Wettrennen. Als der Scheiterhaufen des Kapaneus brannte,
stürzte sich seine Gattin hinein und verbrannte zugleich mit ihm.
Der Leichnam des Amphiaraos, den die Erde verschlungen hatte,
war nicht zum Begräbnis aufgefunden worden. ES schmerzte den
König, seinem Freunde diese letzte Ehre nicht bezeigen zu können.
"Ich vermisse," sprach er, "das Auge meines Heeres, den Mann,
der beides war, der trefflichste Seher und der tapferste Kämpfer
im Streit!" Als die feierliche Bestattung vorüber war, errichtete
Adrastos der Nemesis oder Vergeltung einen schönen Tempel vor
Theben und zog mit seinen Bundesgenossen, den Athenern, wieder
aus dem Lande.
Anhang
Kurzgefasste Götterlehre der Griechen
me Entstehung der Götter und des
Menschengeschlechts
Nachrichten über die griechischen Götter verdanken wir den griechischen
Dichtern, besonders dem Hesiod und Homer. Nach ihnen war
im Anfang das Chaos. der unermeßliche, leere Raum, ein gähnender
Abgrund. Drei urzeitliche Göttergewalten bewohnten das Chaos:
Gäa, die Erde, Tartaros, der Abgrund unter der Erde. und
Eros, die Lies. Gäa brachte Uranos, den Himmel, Pontos, das
Meer, und die Gebirge hervor. Mit Uranos vermählt, wurde Gäa
die Mutter der Titanen (Kronos, Rhea u. a.), der Kyklopen
und der Giganten (hundertarmigen Riesen). Uranos haßte seine
Kinder und verbarg sie, daß sie nicht ans Tageslicht kommen konnten.
Da entflammte die Mutter Erde ihren Sohn Kronos zur Rache
gegen den unbarmherzigen Vater; Uranos wurde von dem eigenen
Sohne verstümmelt und der Weltherrschaft beraubt. Kronos nahm
seine Schwester Rhea zur Gemahlin. Von ihnen stammen drei
Söhne: Hades, Poseidon und Zeus, und drei Töchter: Hestia,
Demeter und Hera. Um vor dem Geschick seines Vaters bewahrt
zu bleiben, verschlang Kronos seine Kinder sofort nach der Geburt;
weil sie aber unsterbliches Leben besaßen, blieben sie trotzdem erhalten.
Nach der Geburt des jüngsten Sohnes Zeus täuschte Rhea den argwöhnischen
Gatten, indem sie ihm einen in eine Windel gewickelten
Stein zum Verschlingen gab. Der Knabe Zeus aber wuchs auf der
Insel Kreta zum Manne heran, der mit gewaltiger Kraft den Vater
Kronos stürzte und ihn zwang, die verschlungenen Kinder wieder
dem Lichte zurückzugeben.
Zeus trat nun mit seinen Geschwistern die Weltherrschaft an.
Die Titanen aber wollten sich ihm nicht unterwerfen. Da bezwang
er sie mit Hilfe der Kyklopen und Giganten und warf sie
gefesselt in den Tartaros. Hier wurden sie von ehernen Schranken
und dreifacher Nacht umschlossen und von den Giganten bewacht.
Die Kyklopen schenkten Zeus den verderblichen Blitz und den
Donner; einige der Titanen hatten sich freiwillig unterworfen,
z. B. Okeanos, der große Weltstrom, und Themis, ferner die
Titanensprossen Helios, Styx u. a.
Nach der griechischen Götterlehre thronte dieses dritte, neue
Göttergeschlecht auf dem Olympos, einem hoch in die Wolken
hineinragenden Berge an der Grenze zwischen Thessalien und Makedonien.
Die Götter bildeten eine große Familie. Das Oberhaupt
war Zeus, der Herrscher der Welt. Sein Bruder Poseidon beherrschte
das Meer, der zweite Bruder Hades die Unterwelt, welche
selbst auch Hades genannt wird. Die Erde war gemeinschaftlicher
Besitz aller Götter. Zeus vermählte sich mit seiner Schwester Hera;
die Kinder des Zeus nahmen ebenfalls als Götter und Göttinnen
an der Weltherrschaft teil, z. B. Pallas Athene, die aus dem
Haupte des Zeus entsprang, Hephästos, Ares und Hebe;
Apollon, Artemis, Aphrodite, Hermes und Persephone.
Die Götter sind in ihrem Aussehen wie in ihrem Leben nach dem
Vorbild der Menschen geschaffen, nur daß sowohl ihre äußere Erscheinung
als auch ihre Macht und Stärke über menschliches Maß
hinausgeht. Wie die Menschen bedürfen sie des Tranks und der
Speise sowie des Schlafes. Nektar und Ambrosia, den ihnen Hebe
und der liebliche, vom Adler des Zeus entführte Knabe Ganymedes
darreichen, sind den Göttern Speise und Trank und verleihen ihnen
Unsterblichkeit und ewige Jugendfrische. Dies ist ihr wesentlichster
Vorzug vor den Menschen; denn vor Sorge und Angst, Not und
Schmerz sind sie nicht geschützt. Allmacht und Allwissenheit kommt
den griechischen Göttern nicht zu, über ihnen waltet das unabänderliche
Schicksal, dem sie selbst so wenig entgehen wie die Menschen.
Weil die Götter einen Körper haben, sind sie an Ort und Zeit gebunden;
doch sind ihre Sinne schärfer, so daß sie in weite Fernen
sehen und hören und große Räume in kürzester Zeit durcheilen können.
Durch guten Rat, weise Voraussicht und Vorbereitung der Ereignisse,
zweckmäßige Einrichtung der Dinge, manchmal auch durch
gewaltsames Eingreifen, bestimmen sie die Geschicke der Menschen.
Die Vorstellung, daß die Götter die Menschen lieben, steht den
Griechen fern; eine Belohnung des Guten findet nicht statt, dagegen
wird das Böse von ihnen bestraft.
über die Entstehung des Menschengeschlechts hatten die
Griechen keine übereinstimmende Vorstellung. Teilweise herrschte die
Ansicht, daß die Götter die Menschen geschaffen haben; anderseits
wurde angenommen, daß Götter und Menschen aus der gemeinsamen
Mutter, der Erde, hervorgegangen seien. Gott Zeus verlangte von
den Menschen Dienste und Verehrung. Die Griechen hegten große
Scheu und Ehrfurcht vor ihren Göttern, brachten ihnen willig Opfer
dar und suchten den Willen der Götter zu erforschen, um nicht gegen
ihren Ratschluß zu handeln. Neben den Opfern gehörten Gebete
und Gelübde, Darbringung von Geschenken. Reinigung des Körpers,
der Kleider, der heiligen Geräte zu den gottesdienstlichen Handlungen.
Ursprünglich wurden die Götter auf Bergen und in heiligen Hainen
verehrt; später errichtete man ihnen Tempel mit Altären, Säulen,
Standbildern. Die Priester bildeten keinen besonderen Stand, doch
genossen sie hohes Ansehen und gewannen großen Einfluß durch die
Orakel, von denen dasjenige zu Delphi das berühmteste war.
Die Gottheiten des Himmels
1. Zeus (bei den Römern Jupiter genannt) ist der oberste Gott
der Griechen, der Gott des Himmels und seines strahlenden Glanzes
und der Herrscher der Welt. Nach seinem Vater Kronos wird er
auch Kronide oder Kronion genannt. Er ist der Vater der Götter
und Menschen, der stärkste und mächtigste Gott im Himmel, dem die
andern Götter untertan sind. Auch alle weltliche Herrschaft stammt
von ihm. Zeus thront auf dem Olympos; er beruft die Götter zum
Rat zusammen und lenkt die Geschicke von Göttern und Menschen,
soweit nicht das Schicksal mächtiger ist als der Gott. Als Wettergott
sendet er befruchtenden Regen oder den Himmel aufheileinde
Winde. Blitz und Donner sind Zeichen seiner Macht; der himmelanslrebende
Adler ist ihm geweiht, unter den Bäumen war ihm die
Eiche, der königliche Baum, heilig. In den andern Göttern sind
vielfach nur besondere Eigenschaften des Zeus dargestellt, weshalb
sie auch als seine Kinder erscheinen; besonders teuer ist ihm Pallas
Athene, die Göttin der Weisheit, und Apollon, der die Satzungen
des göttlichen Vaters den Menschen verkündet. Denn Zeus ist der
Schützer der Ordnung und des Rechts. der Eid ist dem Gotte heilig.
Er erweist sich dem Flehenden gnädig, bewacht das Menschenleben,
gibt Gutes und Böses, wie es ihm gefällt, obwohl sein Wesen Güte
und Liebe ist. Aber gegen Frevler ist er voll heiligen Zornes und
bestraft den übermut der Ungerechten.
Zeus wurde sowohl als Jüngling als auch als Mann und
Greis dargestellt. Sein berühmtestes Bildnis war die von Phidias
gefertigte Statue in Olympia. Herrscherwürde und königliche Majestät,
aber auch göttliche Milde sprachen aus der wunderbaren Gestalt.
Spätere Bildnisse sind nach diesem Vorbild gemacht. Der Adler.
Zepter und ruhender Blitz sowie die Weltkugel sind Kennzeichen der
Zeusbüsten.
2. Hera (bei den Römern Juno), die Schwester und Gemahlin
des Zeus, ist nach diesem die höchste Gottheit. Sie beschützt die Ehe,
und so milde sie in ehelicher Eintracht mit Zeus erscheint, so finster
und verderblich ist sie, wenn sie Untreue und Ehebruch bestraft. Als
Königin des Olymps müssen ihr die andern Götter dieselbe Ehre
erweisen wie dem Zeus; vor ihrem Zorn zittern die Götter; Blitz
und Donner nimmt sie in ihre Hand, über Sturm und Meer gebietet
sie. Mit Eifersucht wacht sie über ihre Schönheit und ihre
Rechte als Gattin des Zeus. In den von den Dichtern geschilderten
ehelichen Streitigkeiten sehen wir wahrscheinlich einen Ausdruck der
gewaltigen Himmelserscheinungen, wie Sturm und Regen, Gewitter
und Verfinsterung des Himmels, welche die Griechen sich nicht anders
als durch ehelichen Zank der herrschenden Mächte erklären konnten.
In Bildern und Statuen ist Hera als eine hoheitsvolle Erscheinung
von hohem Wuchs dargestellt. Sie badet den reizenden
Leib in Ambrosia und legt das von Athene gefertigte Gewand an,
das mit goldenen Spangen unter der Brust zusammengehalten wird.
Gürtel, seidener Schleier, Ohrgehänge und goldene Sandalen vervollständigen
ihre göttliche Kleidung. In der Hand hält sie häufig
einen Granatapfel. Der Pfau ist ihr heiliger Vogel; auch Gans
oder Kuckuck (der Frühlingsbote) sind manchmal zu ihren Füßen angebracht.
3. Pallas Athene (bei den Römern Minerva genannt) ist dem
Vater Zeus wesensgleich, weil sie seinem Haupte entsprungen ist.
Sie ist eine Kriegsgöttin, die den Donner des Zeus rollen läßt und
den Ägisschild schüttelt, daß die Feinde erschreckt fliehen. Aber sie
ist auch den Künsten des Friedens hold; mit Hephästos verbunden
erfand sie die Gewerbe und ihre Werkzeuge, besonders den Pflug
und die Spindel; auch als erste Schiffbaumeisterin gilt sie. Mit
ihrer Weisheit berät sie die Helden, denen sie wohlgesinnt ist, geleitet
sie auf ihren Wegen, besteigt mit ihnen den Kriegswagen und
wirft alles vor ihnen nieder. Solange ihr Bild in Städten und
Burgen gehegt wird, ist sie dort Schirmgöttin; dem Schutzflehenden,
der ihr Bild, das Palladium, berührt; gewährt sie sichere Zuflucht,
bestraft aber auch den Frevler. Im Bilde wird sie als strenge,
mannhafte Heldenjungfrau dargestellt, stehend, mit gezückter Lanze
und erhobenem Schilde. Ihr Tempel auf der Akropolis zu Athen,
das Parthenon, enthielt das herrliche Bild der Pallas Athene von
Phidias. Auch außerhalb des Tempels trug die Burg von Athen
eine kolossale, fast 25 Meter hohe Erzbildsäule der Göttin von
Phidias. Die Anpflanzung des Ölbaums wird ihr zugeschrieben,
Schlangen und Eule waren ihr heilig.
4. Hephästos (bei den Römern Vulkanus) wird gemeinsam
mit Athene verehrt. Er ist wie diese der Erfinder vieler Künste, der
Verfertiger wunderbarer Meisterwerke, wie z. B. des Bildes der
Pandora, der Pfeile des Eros, des Wagens des Helios, der Waffenrüstung
des Achilleus u. a. Den Göttern hatte er auf dem Olymp
prächtige Paläste erbaut. Besonders übt er als Gott des Feuers
alle Werke der Schmiedekunst. Der Gott wird auf Bildern häßlich
und mit oerkürztem linken Bein dargestellt; denn nach der Sage soll
ihn Zeus wegen seiner Häßlichkeit vom Olymp geschleudert haben,
wodurch er lahm wurde.
5. Phöbos Apollon (lat. Apollo) ist der Lichtgott der Griechen
und ihre herrlichste Gottheit. Wie er als Frühlingsgott die Natur
weckt und von Nachtigallen, Schwalben und Zikaden begrüßt wird,
so besitzt er selbst auch die Gaben des Gesangs und Saitenspiels
sowie der Dichtkunst. Er ist der Meister aller schönen Künste und
Führer der Musen, die sein Spiel beim Mahle der Götter mit ihrem
Gesang begleiten. Auch den Tanz liebt er. Phöbos bedeutet der
"Reine"; er ist auch Heilgott und Arzt (Asklepios oder Äskulap
ist sein Sohn); aber als der "Reine" straft er auch das Böse; seine
Pfeile bringen dem Frevler Tod und Verderben, wie z. B. Niobe
und ihren Kindern und den Griechen vor Troja. Dagegen entsühnt
sein Tempel von ungewolltem Mord und gebietet den Erinnyen Halt.
Als Gott der Weissagung war ihm besonders das Orakel zu Delphi
geweiht. In der bildenden Kunst wird er als strahlender Jüngling
und meist nackt dargestellt; sein Antlitz mit dem erhabenen Ausdruck
ist von herrlichem Lockenschmuck umwallt, er trägt Pfeil und Bogen,
manchmal den Schild (Apollo vom Belvedere) oder eine Leier. Der
Lorbeer ist ihm heilig, unter den Tieren Schwan und Delphin.
6. Artemis (lat. Diana) ist die Zwillingsschwester des Apollon
und mit ihm auch dem Wesen nach verwandt, prangend in ewiger
Jugend, jungfräulich, kühn und stark. Sie ist die Göttin der Jagd,
mit Pfeil und Bogen durchstreift sie, begleitet von ihren Gespielinnen,
den Nymphen, den Wald, das Wild jagend. Ihr Wagen wird von
vier mächtigen Hirschen gezogen, die sie selbst auf einem arkadischen
Berge gefangen. Die Göttin wird als jugendlich schlanke Gestalt
dargestellt, ihr Leib keusch verhüllt; denn sie heißt auch Phöbe, die
"Reine". Das Unterkleid ist hoch geschürzt, wie es der Jagdgöttin
dienlich ist, in der Hand trägt sie die Waffen, zur Seite gehen ihr
Hirschkuh und Hund. Wie dem Phöbos Apollon ist ihr der Lorbeer
geweiht, von Tieren war ihr besonders der Bär heilig, der als großer
Bär ihr zu Ehren unter die Gestirne versetzt ward.
7. Ares (bei den Römern Mars) ist der Gott der Schlachten.
Er freut sich am Kampfe und fährt, gefolgt von seinen Söhnen,
Schrecken und Furcht, begleitet von seiner Schwester, der Zwietracht,
in goldenem Waffenschmuck in die Schlacht. Er fragt nichts darnach,
auf welcher Seite das Recht oder Unrecht ist, sondern kämpft nur
aus Freude am Kampf. Deshalb tritt ihm Athene, durch den
Kampf dem künftigen Frieden dienen will und besonnen die Schlachten
lenkt, öfters entgegen. Im trojanischen Krieg stand Ares auf der
Seite der Troer. Herakles kämpft zweimal mit dem Gotte. Den
Göttern und auch Zeus ist die wilde Kriegslust des Ares verhaßt.
Doch hat ihm die Sage die Göttin der Schönheit, Aphrodite, als
Gemahlin beigesellt. Er wird häufig ruhend neben Aphrodite dargestellt,
wie Eros mit seinen Waffen spielt. Die Römer verehrten
ihn als Mars begeisterter als die Griechen und nannten den ersten
Monat ihres Jahres nach ihm Mars (März).
8. Aphrodite (lat. Venus) ist nach einer anmutigen Sage aus
dem Schaum des Meeres geboren, die glänzende Göttin der Schönheit
und Liebe. Zephire trugen sie nach ihrer Geburt nach Cypern;
als sie ans Ufer trat, sproßten Blumen hervor, wohin ihr Fuß trat.
Ihre Dienerinnen sind die Horen, die sie schmücken, die Grazien sind
ihre Gespielinnen, Ihr wertvollster Schmuck ist ihr Gürtel, der alle
Zauber der Liebe und Anmut verleiht. Wie sie selbst in ewiger
Jugend und unvergänglichem Liebreiz strahlt, schenkt sie auch den
jungen Mädchen blühende Gesundheit und lieblichen Reiz. Der stolze
Schwan, Sperling und Taube, als zärtliche Vögel, ferner die Schwalbe
als Frühlingsbote waren ihr heilig; von den Blumen waren ihr
Myrte, Rose und Anemone geweiht, ihr Lieblingsbaum war die Linde.
In der Kunst ist Aphrodite häufig dargestellt, und zwar meistens,
wie sie nackt dem Bade entsteigt, um die Schönheit ihres Körpers
zu zeigen. Phidias stellte sie stets bekleidet dar. Ihr Begleiter ist
ihr Sohn Eros (Amor) mit dem Köcher und den Liebespfeilen.
g. Hermes (lateinisch Merkur), der Sohn des Zeus und der
Nymphe Maja, zeigte gleich nach seiner Geburt die Grundzüge seines
Wesens, Schlauheit, Erfindungsgabe und List. Er erfand die Lyra
(Leier), trat sie aber an Apollon ab, dem er voll Verschlagenheit
fünfzig Rinder stahl. Den Bauern war er Herden- und Weidegott,
den Göttern beflügelter Bote, den Helden ein nie versagender Ratgeber.
Als Bote des Zeus war er der Gott der Wege und Schutzgott
der Straßen, weshalb seine Bildsäulen (Hermessäulen) an öffentlichen
Plätzen und an Straßen aufgestellt wurden. Durch seine List und
Schlauheit eignete er sich zum Gotte des Handels und Verkehrs,
denn bei den südlichen Völkern wurde ehrlicher Handel und betrügerische
übervorteilung nicht so streng auseinander gehalten. Selbst
der Gott der Diebe mußte Hermes sein. Gewöhnlich wurde er als
Götterbote 4nit glockenartigem oder breitkrempigem Hute, ferner mit
dem Heroldstabe, besonders aber mit Flügeln an Hut, Schultern,
Stab und Sohlen dargestellt. Als Gott des Handels und Verkehrs
trägt er einen Beutel in der Hand.
10. Hebe, die Tochter des Zeus und der Hera, ist die Schenkin
der Götter im Olymp. Als sie einst das Ungeschick beging, die dem
Zeus dargereichte Schale fallen zu lassen, wurde das Amt des Schenken
an Ganymed übertragen. Hebe aber vergaß die Kränkung als Gattin
des Herakles, mit dem sie eine glänzende, von den alten Künstlern
vielfach dargestellte Hochzeit feierte. Gewöhnlich begegnet man ihrem
Bilde auf Prachtvasen, wie sie als anmutiges, züchtiges Mädchen aus
emporgehaltener Kanne Nektar einschenkt.
11. Hestia (lateinisch Vesta), eine Schwester des Zeus, war die
Göttin des häuslichen Lebens; der Herd, dessen unverlöschliches Feuer
ihr heilig war, galt als ihr Altar. Hier brachte man ihr regelmäßige
Opfer dar. Ein Schwur beim Herde der Göttin galt als unverletzlich;
zugleich fanden hier Schutzflehende ein Asyl. Auch als Beschützerin
des Staates galt die Göttin, und wenn die Griechen als Kolonisten
in die Fremde zogen, nahmen sie von ihrem Altar Feuer mit für
den Herd der künftigen Ansiedlung. Hestia wird als reine, keusche
Göttin stets bekleidet dargestellt mit ruhigem, ernstem Gesichtsausdruck.
Opferschale, Schöpfgefäß, Fackel und Zepter sind ihre Kennzeichen.
Der Specht und der Häher waren die ihr heiligen Tiere, auch die
Eiche war ihr geweiht.
Untergeordnete Götter
Helios (bei den Römern Sol) war der Sonnengott der Griechen
und Führer des von Hephästos verfertigten Sonnenwagens. Früh
am Morgen steigt er fern im Osten aus dem Meere auf und führt
seinen Wagen mit den vier Rossen die Sonnenbahn dahin, bis er
sich zum Meere des Westens herabsenkt. Auf goldnem Nachen fährt
er dann zu seinem Wohnsitze, badet seine Rosse im Sonnenteich und
ruht bei der Mutter, der Nacht. Nach späteren Sagen hat Helios
am Ende der Erde ein Haus mit Ställen für seine Rosse, ferner
glänzende Gärten unter der Obhut der Hesperiden und schöne Rinderherden,
deren Zahl den Tagen des Mondjahres entspricht (350).
Helios sieht alles, er ist der Allwissende und wurde daher bei Eiden
zum Zeugen angerufen. Der Koloß von Rhodos war sein berühmtes
Standbild.
Eos (Aurora) und Selene (Luna) sind die Schwestern des
Helios. Die erstere, Göttin der Morgenröte, öffnet dem Bruder die
Tore; die letztere, Mondgöttin, löst den Bruder ab, indem sie in
ihrem von zwei weißen Rindern gezogenen Wagen mit mildem Licht
am nächtlichen Himmel dahinzieht. Dieser ist auch sonst noch mit
zahlreichen Sterngottheiten bevölkert worden. Die Hyaden (die
Regenbringenden) waren ursprünglich Nymphen, wurden aber von
Zeus als Sterne an den Himmel versetzt, wo sie mit ihren Schwestern,
den Plejaden, ein Sternbild von zwölf Sternen bilden. Der Aufgang
der Hyaden bedeutete für Griechenland den Eintritt der Regenzeit;
die Plejaden (auch Siebengestirn genannt) waren die Sterne
der Schiffahrt, weil mit ihrem Aufgang die ruhige, mit ihrem Niedergang
die stürmische Zeit auf den Gewässern begann. Auch das Sternbild
des Orion stammt aus der griechischen Mythologie. Orion
war ein gewaltiger Riese, der die Plejaden verfolgte und ihnen selbst
noch als Stern Furcht einjagte; sein Nebenstern Sirius wird als
sein Hund bezeichnet. Der Regenbogen galt den Griechen als Wahrzeichen
der Götterbotin Iris, die, von Zeus und Hera entsandt,
rasch wie der Sturmwind von einem Ende der Welt zum andern,
ja bis in die Tiefen des Meeres dringt.
Von den Windgöttern nennen wir Zephyros, den Westwind,
sein Vater ist Aolos, der Herr der Winde; Boreas ist der wilde
Nordwind, der stärkste der Windgötter.
Die Chariten (las Grazien) haben ihren Namen von Charis,
der Gemahlin des Hephästos; sie sind die Göttinnen der Anmut,
ohne sie entbehrt auch die Schönheit ihres Reizes; deshalb hat die
Sage sie der Aphrodite als ständige Begleiterinnen beigesellt. Ihre
Namen sind Aglaia, die Glänzende, Euphrosyne, die Erfreuende,
und Thalia, die Blühende; sie werden gewöhnlich in einer Gruppe
dargestellt, wie sie sich die Hände reichen oder sich umschlungen halten.
Mit ihnen verbunden erscheinen auch die musen, die Göttinnen
des Gesangs, der Dichtkunst und der Kunst und Wissenschaften
überhaupt. ES sind neun Musen, nämlich:
Alia, die Verkünderin der ruhmwürdigen Taten der Vergangenheit,
Muse der Geschichte; sie wird dargestellt lorbeerbekränzt,
mit Rolle und Griffel in der Hand.
Euterpe, die "Ergötzende", Muse der Tonkunst und der liedartigen
Dichtung, dargestellt mit einer Doppelflöte.
Thalia, die "Blühende", Muse des Lustspiels, bei uns des
Theaters überhaupt, durch komische Maske, Efeukranz und Krummstab
bezeichnet.
Melpomene, die "Singende", Vertreterin des Trauerspiels,
mit der Heroenmaske in der Hand dargestellt.
Terpsicore, die "Tanzfrohe", die Muse der Tanzkunst und
des Chorgesangs, dargestellt mit der Lyra.
Erato, die Muse des Liebesliedes, abgebildet mit der Zither
(Kithara) in der Linken, spielend, singend und tanzend.
Polvmnia (Polyhymnia), die "Hymnenreiche", Vertreterin der
ernsten, gottesdienstlichen Gesänge, sie wird ohne Abzeichen, in einen
Mantel gehüllt, dargestellt.
Urania, die "Himmlische", Muse der Sternkunde, daher gewöhnlich
mit einer Himmelskugel in der Hand abgebildet.
Kalliope, die "Schönstimmige", Muse der erzählenden Dichtkunst
und der Wissenschaft überhaupt, mit Tafel oder Rolle dargestellt.
Die mören (latein. Parzen), die Schicksalsgöttinnen, die jedem
sein Geschick zuteilen, sind ihrer drei: Klotho, die "Spinnerin", spinnt
den Lebensfaden, Lachesis, die Losbestimmerin, bestimmt seine Länge,
und Atropos, die Unabwendbare, schneidet ihn ab. Mehr oder weniger
Schicksalsgöttinnen sind auch Tyche (latein. Fortuna), die Göttin,
die Glück und Unglück bringt, die ihre Gaben wahllos über die
Menschen ausschüttet und nach blindem Zufall den einen beglückt,
an dem andern vorübergeht, ferner Nemesis, eigentlich die Göttin
des gerechten Gleichmaßes, erst später gilt sie als Rächerin von
menschlichem Frevel und ist dadurch mit den Erinnyen verwandt.
Sie wird mit Steuerrad oder Wage oder mit Schwert und Geißel
auf einem von Greifen gezogenen Wagen dargestellt.
Die Horen, die Göttinnen der Jahreszeiten, öffnen und schließen
als Dienerinnen des Zeus den Olymp, führen die Wolken herauf
und zerstreuen sie; der Erde verleihen sie Gedeihen und Fruchtbarkeit,
auch den Menschen bringen sie Jugendschönheit und Glück.
Daher erscheinen sie in Gesellschaft der Aphrodite, die sie mit
Blumen schmücken. Je nachdem die Griechen zwei oder drei Jahreszeiten
für ihr Land annahmen, schwankt ihre Zahl. Die Hore Dike
(Gerechtigkeit) wird von den Dichtern viel besungen.
Die Nymphen galten als niedere Gottheiten und wohltätige
Geister von Bergen, Bäumen, Wiesen, Grotten usw. Sie leben und
weben in Flur und Wald, führen Tänze auf, jagen das Wild,
pflanzen Bäume und erweisen sich den Menschen auf verschiedene
Weise hilfreich. Man unterschied Najaden (Wassernymphen, Dryaden
(Baumnymphen), Oreaden (Bergnymphen) und Nereiden oder
Okeaniden (Meernymphen). Bei den Römern erscheinen in ihrer
Gesellschaft oft Faune, wilde Naturgeister, halb in Menschen-, halb
in Bockgestalt, welche das lustige Völklein der Nymphen schrecken
(siehe auch Pan S. 256).
Die Harpyien sind die Göttinnen des rasenden Sturmes; sie
erscheinen den Menschen zur Plage, blitzschnell wie der Wind sind
sie da, zu schrecken und zu verderben. Die spätere Kunst stellt sie
halb als Jungfrauen, halb als Raubvögel dar; in dieser Gestalt
sind sie auch auf Wappen verwendet.
Die Gottheiten der Gewässer
Poseidon (Neptun), Sohn des Kronos, ist der mächtige Beherrscher
des Meeres, wo er tief auf dem Grunde in einem schimmernden
Palaste wohnt. Seine Rosse führen ihn auf goldigem Wagen über
die Meerflut. Das Zeichen seiner Herrschaft ist der Dreizack; womit
er die Wogen erregt und besänftigt. aber auch Gebirge spaltet, daß
Quellen aus der Erde hervorsprudeln. Er schickt Stürme und Schiffbruch,
wenn ein Frevler auf dem Meere fliehen will; aber auch
sanfte Wogen und günstige Winde sind sein Werk. Als Schöpfer
und Bündiger des Rosses galt er auch als Schutzherr der Wettkämpfe.
Seine Gemahlin war Amphitrite, eine Tochter des Nereus. Als
der Gott um sie warb, floh sie vor ihm, aber ein Delphin erspähte
sie und trug sie auf seinem Rücken Poseidon zu. Der Sohn beider
ist Triton, der mit seinen Eltern im goldenen Meerespalaste wohnt.
Nach ihm sind die Tritonen benannt, niedere Meeresgötter mit
menschlichem Oberkörper und einem Fischschwanz.
Poseidon wird meist thronend dargestellt, ihm zur Seite Amphitrite.
Außer dem Dreizack waren noch Delphin und Pferd sowie der Stier
die Abzeichen seiner Macht. Oft wird er von einem großen Gefolge
von Delphinen, Nereiden, Tritonen und fabelhaften Seegestalten umgeben.
Okeanos, ein Titane, der dem Verderben dadurch entronnen
war, daß er sich an der Empörung der Titanen nicht beteiligt hatte,
ist der Gott des großen Weltstromes. der Erde und Meer rings
umfließt und in sich selbst zurückkehrt. Seine Gemahlin Thetis
schenkte ihm zahlreiche Söhne und Töchter, die Gottheiten der unterirdischen
Gewässer, die Fluß- und Seegötter. Nereus stammt von
Pontos, einem Sohne der Gäa, ab. Er ist ein freundlicher, weissagender
Meergreis, der Vater der Nereiden. Sie sind liebliche
Meeresnymphen, den Menschen freundlich gesinnt und bedrängten
Schiffern stets zur Hilfe bereit. Sie verkörpern in ihrer reizenden
Gestalt das liebliche Spiel der Meereswellen, das Tanzen und Spielen
der Wogen, wie es die leicht vom Winde bewegte Oberfläche des
Meeres zeigt. Nereus wird als Greis mit Zepter, wohl auch mit
dem Dreizack dargestellt.
Die Götter der Unterwelt
Hades (lat. Pluto), ein Sohn des Kronos und der Rhea,
ist der Gott der Unterwelt, der Beherrscher des Schattenreichs und
der Toten. Er ist der unversöhnliche Feind alles Lebens, ein
strenger, unerbittlicher Gott; der die Sterblichen unbarmherzig in sein
Reich herabzieht und sie hier zu einem freudenlosen Dasein verurteilt;
daher ist er bei Göttern und Menschen gefürchtet und gehaßt. Wie
der Gott selbst ist auch sein Palast düster und schaurig. Vor demselben
lagert der dreiköpfige Höllenhund, der Kerberos (Zerberus).
über den Seufzerstrom Acheron führt der Fährmann Charon die
Seelen der Abgeschiedenen. Neben Hades walten Äakos, Minos und
Rhadamanthos des Richteramtes über sie. Hades wird mit ernstem
Herrschergesicht, Stab und Opferschale, manchmal auch mit dem Zweizack
oder Schlüssel in der Hand, abgebildet. Von den Bäumen war ihm
die Zypresse heilig, die deshalb heute noch unsere Gräber schmückt.
Persephone (Proserpina) ist die Gattin des Hades, auch sie
ist eine ernste und strenge Göttin; Hades hat sie ihrer Mutter
Demeter geraubt. Sie wird als thronende Herrscherin mit der Fackel
dargestellt. Oft wird sie vermengt mit
Hekate, einer unheimlichen Göttin der Unterwelt. Sie schickt
Spukgestalten unter die Menschen und schwärmt mit den Geistern
der Abgeschiedenen an Kreuzwegen umher. Daher ist sie die Göttin
der Zauberer und Zauberinnen, welche in stillen Mondnächten heilkräftige
Kräuter aufsuchen. Kirke und Medea haben ihre Künste von
Hekate gelernt.
Thanatos und Hypnos, Tod und Schlaf, sind Zwillingsbrüder,
Söhne der Nacht. Während Thanatos grausam und erbarmungslos
erscheint, bringt der milde Schlafgott allen Wesen Beruhigung und
sendet ihnen liebliche Träume. Er wird mit Mohn und Schlummerhorn,
aus dem er den Schlaf auf die Müden träufelt, dargestellt.
Im Totenreich ist auch die Wohnung der Erinnyen.
Die Götter der Erde
Gäa, die Allmutter, galt den Griechen als uralte und ursprüngliche
Göttin. die alles Leben auf der Erde hervorbringt, und
von der auch alle Götter des Himmels abstammen (siehe S. 243).
Eine Verjüngung feiert Gäa in
Demeter (Ceres), "Mutter Erde", die Göttin des Ackerbaus
und der bürgerlichen Ordnung. Sie ist ein Bild der Fruchtbarkeit
der Erde und die Seherin aller Früchte. Die Pflege des Ackerbaus
und der Feldfrüchte ist daher ihre wichtigste Sorge; außerdem steht
die Ehe als Grundlage der Familie und das menschliche Leben von
der Geburt bis zum Tode unter ihrem Schutz. Sie wird auf einem
Wagen mit der Fackel in der Hand, das Haupt mit Mohn und
Kornähren bekränzt, dargestellt, bei den Römern auf einem Sessel
thronend, Ährenbündel in der Linken haltend und einen mit Ähren
gefüllten Korb zu ihren Füssen. Rührend schildern die Dichter ihre
Klage über die von Hades geraubte Tochter Persephone (Proserpina).
Neun Tage irrte Demeter über die Erde hin, die Tochter zu suchen.
Am zehnten Tage entdeckte ihr Helios, welch ein Mächtiger sie geraubt
habe. Da mied sie im Grimm den Olymp und ließ Mißwachs
und Dürre über die Erde kommen, bis Zeus den Hermes
in die Unterwelt entsandte, Persephone wieder zurückzuholen. Sie
durfte künftig nur den Winter im düstern Totenreich verweilen.
die übrige Zeit aber bei der Mutter bleiben. Da kehrte Demeter
wieder in den Olymp zurück und gab der Erde wieder ihre Frucht.
In Eleusis bei Athen wurden der Göttin geheimnisvolle Feste, die
eleusinischen Mysterien, gefeiert.
Dionysos (Bacchus) ist der Gott des Natursegens überhaupt,
der Gott des Weines im besondern, weil ihm die Stiftung des
Weinbaus zugeschrieben wird. Er ist der Gott des heiteren Lebensgenusses,
fördert Liebe und Gesang, überhaupt gesellige Bildung; freilich
treibt er sein Gefolge nicht selten auch zu Ausbrüchen wilder Lust.
In seiner Begleitung erscheinen zahlreiche wilde Naturgötter, so die
Mänaden oder Bachantinnen, die Satyre, die Silenen u. a.
ES sind dies zum Teil halb tierische Erdgötter: die Satyre mit zugespitzten
Ohren und einem Ziegen- oder Pferdeschwanz, die Silenen
muntere Alte, mit einer Glatze. Sie sind weinfrohe, lustige Gesellen
des Dionysos, lieben den Wein und ausgelassene Lustigkeit; mit
Weinlaub bekränzt, flötenblasend und Pokale schwingend, schwärmen
und rasen sie mit dem Weingotte durch die Fluren und verkörpern
so das ausgelassene Naturleben, besonders zur Zeit der Weinlese.
Pan, ein griechischer Wald- und Weidegott, gehört auch zum
Gefolge des Dionysos; er wurde gehörnt, geschwänzt und bockfüßig
dargestellt, so daß seine Gestalt leicht Schrecken einflößen konnte,
um so mehr als der Gott es liebte, die Menschen zu ängstigen
(panischer Schrecken). Im übrigen ist er auch Beschützer der Herden
und ein tüchtiger Jäger. Er liebt die Musik; die Pansflöte hat er
erfunden; er spielt den Nymphen zu ihren nächtlichen Tänzen auf
und ist verwandt mit den Faunen der Römer.
Halbgötter (Heroen)
Die berühmten Helden der griechischen Sage wurden von den
späteren Geschlechtern über die gewöhnlichen Menschen erhoben und
zu Söhnen der Götter und Göttinnen gemacht; so galten Herakles,
Perseus, Minos u. a. als Söhne des Zeus. Die Heroen sind
durch ihre körperliche Kraft, ihre List und Klugheit gewöhnlichen
Menschen weit überlegen, aber doch wie diese dem Tode unterworfen;
wenn sie der Erde entrückt und dadurch vor dem Tode bewahrt
werden, so ist das eine besondere Huld der Götter.
Namen- und Ortsverzeichnis
(Die fett gedruckten Buchstaben sind bei der Aussprache des Wortes zu betonen. Die zweisilbigen
Namen haben den Ton auf der ersten Silbe, wenn nichts anderes angegeben ist)