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Musäus
Deutsche
Volksmärchen
Märchen europäischer Völker
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»Volksmärchen der Deutschen« von
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1. K. A. Musäus
ausgewählt,
nach der Originalfassung bearbeitet
und mit einer Einführung versehen
von Karl Rauch
Illustrationen: Wilhelm M. Busch |
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Lizenzausgabe mit Genehmigung von Interbooks, Zürich
und Verlag Olde Hansen, Hamburg
für Bertelsmann Reinhard Mohn OHG, Gütersloh
die Europäische Bildungsgemeinschaft Verlags-GmbH, Stuttgart
und die Buchgemeinschaft Donauland, Kremayr & Scheriau, Wien
Diese Lizenz gilt auch für die Deutsche Buch-Gemeinschaft
C. A. Koch's Verlag Nachf., Berlin -Darmstadt -Wien
Schutzumschlag- und Einbandgestaltung R. Metke
Gesamtherstellung Mohndruck Reinhard Mohn OHG, Gütersloh
Printed in Germany Buch-Nr. 8687 |
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ZUR EINFÜHRUNG
Innerhalb der Reihe jener Märchensammlungen, die im deutschen
Bereich dem großen Werk der Brüder Grimm zeitlich vorausgingen,
gebührt den »Volksmärchen der Deutschen« eine sehr besondere
Beachtung, die 1. K. A. Musäus - ein Zeitgenosse des Weimarer Ministers
Goethe, während der Jahre 1782 bis 1787 herausgebracht hat.
Zumindest einige davon haben sehr früh schon im Volke Wurzel gefaßt
und sind zu wahrhaften Volksmärchen geworden. Musäus selber, der
stadtbekannte Professor in Weimar, hat berichtet, daß Bauern und
Handwerksburschen, alte Soldaten, Spinnstubenfrauen und wohl auch
Kinder sie ihm erzählt haben. Zusätzlich hat er sich der emsigen Lektüre
alter Kalender, Volksbücher und Schatzgräberscharteken hingegeben
und mit Eifer in alten Chroniken gekramt und darin studiert. Wieland
hat eine Anzahl dieser Märchen in späteren Ausgaben
überarbeitet, dabei aber keine besonders glückliche Hand bekundet. Zu
größter Volkstümlichkeit gelangten die alten Legenden vom Berggeist
Rübezahl im schlesischen Riesengebirge, denen Ludwig Richter und
etliche von dessen Schülern durch prächtige und urwüchsige Holzschnitte
zu phantasievoller Bebilderung verhalfen. Es sind Geschichten
von Geistern und Gespenstern, Schatzgräbergeschichten und solche
von Baumgeistern, Nymphen und Elfen, von Wunschgaben und Zauberkünsten,
gesättigt von vielerlei Spuk und zum Teil ungemein grauser
und krauser Mythologie, von Bären, Adlern und riesigen Fischungeheuern,
von verführerischen und auch diebischen Prinzessinnen.
Musäus hat vielerlei eigene Erfindungskraft besonders in die Legendenkette
um Rübezahl, aber auch in die liebliche Mär von der altböhmischen
Herzogin Libussa sowie in lockerer und loser Ausspinnung
in die Geschichten um Rolands Knappen und das zwischen Grausen
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und scharmanter Liebelei schwebende Märchen von den Tierschwägern
und den Töchtern des egoistischen und sinnlos verschwenderischen
Grafen eingeflochten (»Bücher der Chronika der drei Schwestern«). In
der Sage vom Grafen Heinrich von Hallermünd und seiner jungschönen
Gemahlin Jutta vermengen sich Kunde von tatendurstiger und opfermutiger
Ritterheroik mit romantischem Frauensehnen und Jenseitsgeträume,
jugendlich verschwärmter Pagenliebelei und rächendem
Gespensterspuk (»Liebestreue«).
Musäus entstammte einer weitverzweigten alten thüringischen Familie
der langeingesessenen Bildungsschicht, war der einzige Sohn des Landrichters
Johann Christoph Musäus und kam in Jena zur Welt. Unter
seinen Vorfahren sind zahlreiche Theologen gewesen, und seine besten
Lehrjahre hat er unter der gestrengen und sparsamen Zucht eines
Oheims zugebracht, bei dem er »täglich seinen vollen Napf heilsamer
Katechismusmilch zu leeren hatte und dazu den Pumpernickel lateinischer
Sprichwörter oder die Kartoffelmast aus dem Vokabeltroge verkäute«.
Nachher ist er Student der Theologie geworden, allezeit ein
fleißiger Kollegbesucher und ein lustiger und witziger Geselle gewesen.
Seiner Tanzfreudigkeit wegen ist er bei den Bauern des Dorfes, in dem
er als Pfarrer vorgesehen war, in starken Verruf gekommen. Er sattelte
kurzentschlossen um, warf sich mit sprühender Genialität auf die
Schriftstellerei und gewann schon früh eine Anstellung als Pagenhofmeister
in Weimar.
Nachdem ihn die Herzogin Anna Amalia zum Professor am Gymnasium
ernannt hatte, verehelichte er sich mit Juliane Krüger, deren Vater
Stadtratskämmerer in Wolfenbüttel war. Zwischen der launigen und
leicht erregbaren Frau Professor und dem humorvollen, stark zur
Bequemlichkeit neigenden Herrn Gemahl hat es mancherlei und mitunter
stürmische Auseinandersetzungen gegeben. An der um haben die
beiden ein kleines Gartenhäuschen bewohnt und dort auch zwei muntere
Knaben großgezogen. Zum kärglichen Gehalt wurde durch literarische
und andere gelehrsame Arbeiten sowie mit ausgedehnten Privatstunden
ein zusätzliches Einkommen gewonnen. Vor der Vollendung
des fünfzigsten Lebensjahres hat er sich nach vorangegangenen Unternehmungen
literarischer Zeitmoden der Erschließung deutscher
Volksmärchen zugewandt, von denen auch seine Frau meinte, »daß das
ein ganz lukrativer Artikel werden könnte«.
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Auf mancherlei Wanderungen im thüringischen Land bei Sonne, Regen
und Wind -wobei ihn stets der Regenschirm und ein über der Schulter
getragenes Bündel Wäsche oder für daheim sorglich eingekauftes
»Zeug«begleiteten - und Besuchen bei Landleuten, dazu geselligem
Erzählen mit Handwerksburschen hat er seinem Volke die »Zunge gelöst«.
Sein Sinn war einer romantischen Welt zugewandt. Wie sein
Neffe Kotzebue erzählt hat, »versammelte er öfters eine Menge von alten
Weibern mit ihren Spinnrädern um sich her, setzte sich in ihre Mitte
und ließ sich von ihnen geschwätzig vorplaudern, was er nachher so
reizend nachplauderte. Auch Kinder rief er oft von der Straße herauf,
ließ sich Märchen erzählen und bezahlte jedes Märchen mit einem
Dreier.«Er hat sich wohl auch mal einen alten ausgedienten Tambour
von der Straße geholt, ihn mit Branntwein traktiert und dessen Märchen
gelauscht. Auch hat er in alten Büchern nach Material gesucht, aber
immer mit den überlieferten Stoffen frei nach eigenem Gutdünken gewaltet.
Das Wunderbare der Märchenwelt lockte ihn.
Mit dem überlegenen Lächeln und aller Selbstsicherheit des gebildeten
und aufgeklärten Mannes des 18. Jahrhunderts schwelgte er in buntem
und wirrem Aberglauben und kindhaften Fabeleien und steuerte sein
gut Teil Rationalismus und humorvollen Spott und Satire bei. Seine
hervorstechende Absicht war es, »die Märchen noch zehnmal wunderbarer
zu machen, als sie ursprünglich sind«. Er schuf einen Märchengarten
mit Feenschlössern darin; und als ihm die Nixen der um eines
Tages das geliebte Kanapee seines Gartenhäuschens beinahe davongeschwemmt
hatten, realisierte er schließlich einen schon lange gehegten
Plan und kaufte sich ein Stück Land, darauf er ein eigenes Gartenhaus
errichtete. Die Herzogin selber hat's ihm gönnerhaft möbliert. Dort
hat er häufig seinen so sehr geliebten »Coffee« geschlürft und dabei
eines ums andere seiner Volksmärchen aufgezeichnet. Das tat er sommers
und winters und brachte es mit der Zeit auf mehrere gehaltvolle
Bände.
Während seiner letzten Lebensjahre hat er auch regelmäßig ein »Gartenjournal«
geführt und darin sauber vermerkt, was alles im bunten
Wechsel der Jahreszeiten an Blumen, Gemüsen und Bäumen im Gärtchen
gepflanzt und gesetzt worden ist, was ihn an häuslichen Sorgen
bedrückt hat und welche Besucher empfangen, welche festlichen und
frugalen Mahlzeiten gehalten wurden. Merkwürdigerweise sind
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Goethe und er einander fremd geblieben, während immerhin kein anderer
als Goethe selber Lavater, den berühmten Verfasser der »Physiognomik«,
zu ihm geführt hat, dem er ins Stammbuch notierte: »Mein
Herz strebt Dir entgegen voll reiner Liebe«, während Lavater ihn zum
Abschied zweimal küßte. Wieland dagegen schwärmte von dem »schönen
Hexenmeister - mit schwarzem Augenpaar und Götterblicken,
gleich mächtig zu töten und zu entzücken«.
Im Herbst 1787 hat ein sanfter Tod Musäus ohne vorangegangene längere
Krankheit aus seinem Garten-, Zauber- und Märchenreich heimgeholt.
Die vorliegende Auswahl seiner »Volksmärchen der Deutschen« muß
rein aus Raumgründen auf manches gewichtige Stück verzichten und
wendet sich vornehmlich an Liebhaber, die an altem und gepflegtem
Volksgut Freude und Gefallen haben. Sie stellt die Stücke nach dem
Wortlaut der ursprünglichen Auflagen dar und verzichtet auf sonderliche
Anmerkungen und wissenschaftliche Kommentare.
Musäus gehört an gewichtigem Platz zum Kreis jener Männer des 18.
Jahrhunderts, die als Vorläufer und Schrittmacher von Jacob und Wilhelm
Grimm den gebildeten Deutschen jener Tage das Märchen wieder
ins Bewußtsein gehoben haben, und unser Band möchte dazu beitragen,
von ihm Aufgezeichnetes als echte Volksmärchen und Stücke
deutschen Volksguts in ihrer ursprünglichen Form lesbar und vertraut
zu halten.
1782 schrieb Musäus selber in seiner in Gestalt eines »Vorberichts an
Herrn David Runkel, Denker und Küster an der St.-Sebalds-Kirche
in -«gehaltenen Einleitung:
»Volksmärchen sind keine Volksromane oder Erzählungen solcher
Begebenheiten, die sich nach dem gemeinen Weltlaufe wirklich haben
zutragen können; jene veridealisieren die Welt und können nur unter
gewissen konzentuellen Voraussetzungen, welche die Einbildungskraft,
solang sie ihrer bedarf, als Wahrheit gelten läßt, sich begeben haben.
Ihre Gestalt ist mannigfaltig, je nachdem Zeiten, Sitten, Denkungsart,
hauptsächlich Theogonie und Geisterlehre jedes Volkes auf
die Phantasie gewirkt hat. Doch dünkt mich, der Nationalcharakter
veroffenbare sich darin ebensowohl, als in den mechanischen Kunstwerken
jeder Nation. Reichtum an Erfindung, Üppigkeit und Überladung
an seltsamen Verzierungen zeichnen die morgenländischen Stoffe
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und Erzählungen aus; Flüchtigkeit in der Bearbeitung, Leichtigkeit
und Flachheit in der Anlage die französischen Feereien und Manufakturwaren;
Anordnung und Übereinstimmung und handfeste Komposition
die Gerätschaft der Deutschen und ihrer Dichtungen.
Volksmärchen sind aber auch keine Kindermärchen; denn ein Volk,
weiß Er wohl, bestehet nicht aus Kindern, sondern hauptsächlich aus
großen Leuten, und im gemeinen Leben pflegt man mit diesen anders
zu reden als mit jenen. Es wär also ein toller Einfall, wenn Er meinte,
alle Märchen müßten im Kinderton der Märchen meiner Mutter Gans
erzählet werden. Ob Er gleich Seinem Amt und Beruf nach mit dem
Orgelton nichts zu schaffen hat, wie Ihm im Göttinger Taschenkalender
fälschlich beigemessen wird: so weiß ich doch, daß Er überhaupt
viel auf guten Ton hält. Darum merk Er zu beliebiger Notiz, daß ich
den Ton der Erzählung, soviel möglich, nach Beschaffenheit der Sache
und dem Ohr der Zuhörer, d. h. einer gemischten Gesellschaft aus groß
und klein, zu bequemen bemüht gewesen bin. Hab ichs Ihm, werter
Herr Runkel, damit zu Danke gemacht, so ist mirs angenehm, wo nicht,
so tut mirs leid. Wenn Er sich inzwischen den Erzähler als Komponisten
denkt, der eine ländliche Melodie mit Generalbaß und schicklicher
Instrumentalbegleitung versieht: so hoff ich, wird schon alles recht
sein.«
K. R.
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LEGENDEN VON RÜBEZAHL
Erste Legende
Auf den oft und matt besungenen Sudeten, der Schlesier Parnaß,
hauset in friedlicher Eintracht neben dem Apoll und den neun
Musen der berufene Berggeist, Rübezahl genannt, der das Riesengebirge
traun berühmter gemacht hat als die schlesischen Dichter allzumal.
Dieser Fürst der Gnomen besitzt zwar auf der Oberfläche der
Erde nur ein kleines Gebiet von wenig Meilen im Umfang, mit einer
Kette von Bergen umschlossen, und teilt dies Eigentum noch mit zwei
mächtigen Monarchen, die sein Kondominium nicht einmal anerkennen.
Aber wenige Lachter unter der urbaren Erdrinde hebt seine
Alleinherrschaft an, die kein Partagetraktat zu schmälern vermag, und
erstreckt sich auf achthundertsechzig Meilen in die Tiefe, bis zum Mittelpunkt
der Erde.
Zuweilen gefällt es dem unterirdischen Starosten, seine weitgedehnten
Provinzen in dem Abgrunde zu durchkreuzen, die unerschöpflichen
Schatzkammern edler Fälle und Flöze zu beschauen, die Knappschaft
der Gnomen zu mustern und in Arbeit zu setzen, teils um die Gewalt
der Feuerströme im Eingeweide der Erde durch feste Dämme aufzuhalten,
teils mineralische Dämpfe zu fahen, mit reichhaltigen Schwaden
taubes Gestein zu beschwängern und es in edles Erz zu verwandeln.
Zuweilen entschlägt er sich aller unterirdischen Regierungssorgen, erhebt
sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines Gebietes und hat sein
Wesen auf dem Riesengebirge, treibt da Spiel und Spott mit den Menschenkindern
wie ein froher Obermütler, der, um einmal zu lachen,
seinen Nachbarn zu Tode kitzelt.
Denn Freund Rübezahl, sollt ihr wissen, ist geartet wie ein Kraftgenie,
launisch, ungestüm, sonderbar; bengelhaft, roh, unbescheiden; stolz,
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eitel, wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt;
zuzeiten gutmütig, edel und empfindsam; aber mit sich selbst in stetem
Widerspruch; albern und weise, oft weich und hart in zween Augenblicken,
wie ein Ei, das in siedend Wasser fällt; schalkhaft und bieder,
störrisch und beugsam; nach der Stimmung, wie ihn Humor und innrer
Drang beim ersten Anblick jedes Ding ergreifen läßt.
Von Olimszeiten her, ehe noch Japhets Nachkömmlinge so weit nordwärts
gedrungen waren, daß sie diese Gegenden wirtbar machten, tosete
Rübezahl schon in dem wilden Gebirge, hetzte Bären und Auerochsen
aneinander, daß sie zusammen kämpften, oder scheuchte mit
grausendem Getöse das scheue Wild vor sich her und stürzte es von den
steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden müde, zog er
wieder seine Ehrichsstraße durch die Regionen der Unterwelt und
weilte da Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich
an die Sonne zu legen und des Anblicks der äußeren Schöpfung zu genießen.
Wie nahm's ihn Wunder, als er einst bei seiner Rückkehr, von
dem beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die
Gegend ganz verändert fand! Die düstern undurchdringlichen Wälder
waren ausgehauen und in fruchtbares Ackerfeld verwandelt, wo reiche
Ernten reiften. Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten
die Strohdächer geselliger Dörfer hervor, aus deren Schlot friedlicher
Hausrauch in die Luft wirbelte; hier und da stund eine einsame
Warte auf dem Abhang eines Berges zu Schutz und Schirm des Landes;
in den blumenreichen Auen weideten Schafe und Hornvieh, und aus
den lichten Hainen tönten melodische Schalmeien.
Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeit des ersten Anblicks ergötzten
den verwunderten Territorialherrn so sehr, daß er über die
eigenmächtigen Pflanzer, die ohne seine Vergünstigung hier wirtschafteten,
nicht unwillig ward, noch in ihrem Tun und Wesen sie zu stören
begehrte; sondern sie so ruhig im Besitz ihres angemaßten Eigentums
ließ, wie ein gutmütiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder selbst
dem überlästigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet.
Sogar ward er Sinnes, mit den Menschen, dieser Zwittergattung von
Geist und Tier, Bekanntschaft zu machen, ihre Art und Natur zu erforschen
und mit ihnen Umgang zu pflegen. Er nahm die Gestalt eines rüstigen
Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten besten
Landwirt in Arbeit.
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Alles, was er unternahm, gedieh wohl unter seiner Hand, und Rips, der
Ackerknecht, war als der beste Arbeiter im Dorfe bekannt. Aber sein
Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der den Erwerb des treuen
Knechtes verschwendete und ihm für seine Müh und Arbeit wenig
Dank wußte; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar,
der ihm seine Schafherde anvertraute; er wartete dieser fleißig, trieb sie
in Einöden und auf steile Berge, wo gesunde Kräuter wuchsen.
Die Herde gedieh gleichfalls unter seiner Hand und mehrte sich, kein
Schaf stürzte vom Felsen herab das Genicke, und keins zerriß der Wolf.
Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht nicht
lohnte, wie er sollte: denn er stahl den besten Widder aus der Herde
und kürzte dafür des Hirten Lohn, darum entlief er dem Geizhals und
diente dem Richter als Herrenknecht, ward die Geißel der Diebe und
frönte der Justiz mit strengem Eifer. Aber der Richter war ein ungerechter
Mann, beugte das Recht, richtete nach Gunst und spottete der
Gesetze. Weil Rips nun nicht das Werkzeug der Ungerechtigkeit sein
wollte, sagte er dem Richter den Dienst auf und ward in den Kerker
geworfen, aus welchem er doch auf dem gewöhnlichen Wege der Geister
durchs Schlüsselloch leicht einen Ausgang fand.
Dieser erste Versuch, das Studium der Menschenkunde zu treiben,
konnte ihn unmöglich zur Menschenliebe erwärmen; er kehrte mit
Verdruß auf seine Felsenzinne zurück, überschauete von da die lachenden
Gefilde, welche die menschliche Industrie verschönert hatte, und
wunderte sich, daß die Mutter Natur ihre Spenden an solche Bastardbrut
verlieh. Demungeachtet wagte er noch eine Ausflucht ins Land
fürs Studium der Menschheit, schlich unsichtbar herab ins Tal und
lauschte in Busch und Hecken. Da stund vor ihm die Gestalt eines reizvollen
Mädchens, lieblich anzuschauen, wie die Mediceische Venus und
auch ohne alle Draperie; denn sie stieg eben ins Bad. Rings um sie hatten
sich ihre Gespielinnen ins Gras gelagert an einen Wasserfall, der
seine Silberflut in ein kunstloses Becken goß, scherzten und koseten mit
ihrer Gebieterin in unschuldsvoller Fröhlichkeit. Dieser lüsterne
Anblick wirkte so wundersam auf den lauschenden Berggeist, daß er
schier seiner geistigen Natur und Eigenschaft vergaß, sich das Los der
Sterblichkeit wünschte und mit eben der Begierde, wie ehedem seine
Konsorten in der ersten Welt, nach den Töchtern der Menschen sahe.
Aber die Organe der Geister sind so fein, daß sie keinen festen und
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bleibenden Eindruck annehmen; der Gnome fand, daß es ihm an Körper
gebrach, das Bild der badenden Schönen durch die verfinsterte
Kammer des Auges aufzufassen und in seiner Imagination zu fixieren.
Deshalb verwandelte er sich in einen schwarzen Kolkraben und
schwang sich auf einen hohen Eschenbaum, der das Bad überschattete,
des anmutsvollen Schauspiels zu genießen. Doch dieser Fund war nicht
zum besten ausgedacht: er sah alles mit Rabenaugen und empfand als
Rabe; ein Nest Waldmäuse hatte jetzt für ihn mehr Anziehendes als
die badende Nymphe: denn die Seele wirkt in ihrem Denken und Wollen
nie anders als in Gemäßheit des Körpers, der sie umgibt.
Diese psychologische Bemerkung war nicht so bald gemacht, als der
Fehler auch verbessert war; der Rabe flog ins Gebüsche und gestaltete
sich in einen blühenden Jüngling um. Das war der rechte Weg, ein
Mädchenideal in seiner ganzen Vollkommenheit zu umfassen. Es erwachten
Gefühle in seiner Brust, davon er seit seiner Existenz noch
nichts geahndet hatte; alle Ideen bekamen einen neuen Schwung, er
empfand eine gewisse Unruhe, sein Verlangen rang und strebte nach
einem Etwas außer sich, dafür er keinen Namen hatte. Ein unwiderstehlicher
Trieb zog ihn mechanisch wie ein Flaschenzug nach dem
Wasserfalle hin, und doch fand er in sich eine ebenso mächtige Gegenwirkung,
eine gewisse Scheu, der Mediceerin im Bade sich in der Verkörperung
zu nahen oder durchs Gesträuche hervorzubrechen, durch
welches sein Auge gleichwohl eine verstohlene Aussicht auszuspähen
strebte.
Die schöne Nymphe war die Tochter des schlesischen Pharao, der in
der Gegend des Riesengebirges damals herrschte; sie pflegte oft mit den
Jungfrauen ihres Hofes in den Hainen und Büschen des Gebirges zu
lustwandeln, Blumen und Wohlgeruch duftender Kräuter zu sammeln
oder für die Tafel ihres Vaters in jenem frugalen Zeitalter ein Körbchen
Waldkirschen oder Erdbeeren zu pflücken und, wenn der Tag heiß war,
sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu baden.
Von jeher scheinen die Bäder der Tummelplatz verliebter Abenteuer
gewesen zu sein, und in diesem Rufe stehen sie noch bis auf den
heutigen Tag. Das Bad im Riesengebirge veranlaßte wenigstens die heterogene
Liebesintrige zwischen einem Gnomen und einem sterblichen
Mädchen. Von diesem Augenblick an bannte die Liebe durch ihren süßen
Zauber den inokulierten Berggeist an diesen Platz, den er nicht
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mehr verließ, und täglich der Wiederkehr der reizenden Badegesellschaft
mit Ungeduld entgegenharrte.
Die Nymphe zögerte lange; doch in der Mittagsstunde eines schwülen
Sommertages besuchte sie wieder mit ihrem Gefolge die kühlen Schatten
am Wasserfalle. Ihre Verwunderung ging über alles, da sie den Ort
ganz verändert fand: die rohen Felsen waren mit Marmor und Alabaster
bekleidet, das Wasser stürzte nicht mehr in einem wilden Strom
von der steilen Bergwand; sondern rauschte durch viele Abstufungen
gebrochen mit sanftem Gemurmel in ein weites Marmorbecken herunter,
aus dessen Mitte ein rascher Wasserstrahl emporstrebte und, in
einen dichten Platzregen verwandelt, den ein laues Lüftchen bald auf
diese, bald auf jene Seite warf, in den Wasserhälter zurückplätscherte.
Maßliebe, Zeitlosen und das romantische Blümlein Vergißmeinnicht
blühten an dessen Rande, Rosenhecken mit wildem Jasmin und Silberblüten
vermengt, zogen sich in einiger Entfernung umher und bildeten
das angenehmste Luststück. Rechts und links der Kaskade öffnete sich
der doppelte Eingang einer prächtigen Grotte, deren Wände und
Bogengewölbe mit mosaischer Bekleidung prangten, von farbigen
Erzstufen, Bergkristall und Frauenglas, alles funkelnd und flimmernd,
daß der Abglanz davon das Auge blendete. In Nischen waren die lieblichsten
Erfrischungen aufgetischt, deren Anblick zum Genuß einlud.
Die Prinzessin stund lange in stummer Verwunderung da, wußte nicht,
ob sie ihren Augen trauen, diesen bezauberten Ort betreten oder fliehen
sollte. Aber sie war Mutter Evens Tochter und konnte der Begierde
nicht widerstehen, alles zu beschauen und von den herrlichen Früchten
zu kosten, die für sie aufgetragen zu sein schienen. Nachdem sie nebst
ihrem Gefolge in diesem kleinen Tempel sich sattsam erlustigt und alles
fleißig durchgemustert hatte, gelüstete ihr, in dem Bassin zu baden. Sie
befahl den Dirnen Wacht zu halten und umherzuschauen, damit kein
frivoler Blick irgendeines Lauschers im Gebüsche ihre jungfräuliche
Verschämtheit entweihen möchte.
Kaum war die liebliche Nymphe über den glatten Rand des Marmorbeckens
hinabgeschlüpft, so sank sie in eine endlose Tiefe, obschon der
betrügliche Silberkies, der aus dem seichten Grunde hervorschien,
keine Gefahr vermuten ließ. Schneller als die herzueilenden Jungfrauen
das goldgelbe Haar der blonden Gebieterin erfassen konnten, hatte sie
schon die gefräßige Flut verschlungen. Laut ließ die bange Schar der erschrockenen
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Mädchen Klage, Ach und Weh erschallen, als ihr Fräulein
vor ihren sichtlichen Augen dahinschwand; sie rangen und wanden die
schneeweißen Hände, flehten die Najaden vergebens um Erbarmung
an und liefen ängstlich am marmornen Gestade hin und wieder, indes
das Springwasser recht geflissentlich sie mit einem Platzregen nach dem
andern übergoß. Doch wagte es keine, der Entschwommenen nachzuspringen,
außer Brinhild, ihre liebste Gespielin, die nicht säumte, in den
bodenlosen Mälstrom sich zu stürzen, gleiches Schicksal mit ihrem geliebten
Fräulein erwartend. Aber sie schwamm als ein leichter Kork auf
dem Wasser, und alles Bestrebens ungeachtet war sie nicht vermögend,
unterzutauchen. Hier war kein andrer Rat, als dem Könige die traurige
Begebenheit mit seiner Tochter zu hinterbringen. Wehklagend begegneten
ihm die zagenden Dirnen, da er eben mit seinen Jägern zu Walde
zog. Der König zerriß sein Kleid vor Betrübnis und Entsetzen, nahm
die goldene Krone vom Haupte, verhüllte sein Angesicht mit dem Purpurmantel,
weinte und stöhnte laut über den Verlust der schönen
Emma.
Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tränenzoll entrichtet hatte,
stärkte er seinen Mut und eilte, das Abenteuer am Wasserfalle selbst
zu beschauen. Aber der angenehme Zauber war verschwunden, die
rohe Natur stund wieder da in ihrer vorigen Wildheit, da war keine
Grotte, kein Marmorbad, kein Rosengehege, keine Jasminlaube. Dem
guten König ahndete zum Glück nichts von einer Entführung seiner
Tochter durch irgendeinen irrenden Ritter, denn Entführungen waren
damals noch nicht Sitte im Lande; also erpreßte er von den Dirnen weder
durch Drohungen noch Folter ein Geständnis von dem plötzlichen
Verschwinden der Prinzessin, das glaubwürdiger gewesen wäre als die
Wahrheit. Vielmehr nahm er ihren Bericht auf Treu und Glauben an
und meinte, Thor oder Wodan oder sonst einer der Götter sei bei dieser
wunderbaren Begebenheit mit im Spiele gewesen, setzte darauf die
Jagdpartie fort und tröstete sich bald über seinen Verlust; denn die
Erdenkönige fühlen eigentlich keinen Kummer als den Verlust ihrer
Krone.
Unterdessen befand sich die liebreizende Emma in den Armen ihres
geistigen Liebhabers nicht übel. Meister Schwimmart hatte sie durch
das Gaukelspiel einer theatermäßigen Versenkung nur den Augen ihres
Gefolges entzogen und führte sie durch einen unterirdischen Weg in
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einen prächtigen Palast, mit dem sich die väterliche Residenz nicht vergleichen
ließ. Als sich die Lebensgeister der Prinzessin wieder erholt
hatten, befand sie sich auf einem gemächlichen Sofa, angetan mit einem
Gewand von rosenfarbenem Satin und einem jungfräulichen Gürtel
von himmelblauer Seide, der aus der Garderobe der Liebesgöttin entwendet
zu sein schien. Ein junger Mann von anlockender Physiognomie
lag zu ihren Füßen und tat ihr mit dem wärmsten Gefühl das
Geständnis der Liebe, welches sie mit schamhaftem Erröten annahm.
Der entzückte Gnome unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und
seiner Herkunft, von den unterirdischen Staaten, die er beherrschte,
führte sie durch die Zimmer und Säle des Schlosses und zeigte ihr alle
Pracht und allen Reichtum desselben. Ein herrlicher Lustgarten umgab
das Schloß von drei Seiten, der mit seinen Blumenstücken und Rasenplätzen,
auf deren grüner Fläche ein kühler Schatten schwamm, dem
Fräulein sehr zu behagen schien. Alle Obstbäume trugen purpurröte
goldgesprengte oder zur Hälfte übergoldete Äpfel, dergleichen weder
Hirschfelds Gartenkunst noch sonst ein Gartengenie heutzutage der
Natur abzulocken vermag. Das Gebüsch war mit Singvögeln angefüllt,
die ihre hundertstimmigen Symphonien hervortönten. In den traulichen
Bogengängen lustwandelte das empfindsame Paar, sah zuzeiten
in den Mond, oder der Gnome parentierte einer am Busen seiner
Geliebten welkenden Blume. Sein Blick hing an ihren Lippen und sein
Ohr trank gierig die sanften Töne aus ihrem melodischen Munde; jedes
Wort ging ihm glatt ein wie Honigseim: in einem äonenlangen Leben
hatte er dergleichen selige Stunden noch nie genossen, als ihm jetzt die
erste Liebe gab.
Nicht gleiches Wonnegefühl empfand die reizende Emma in ihrem
Busen, ein gewisser Trübsinn hing über ihrer Stirn, sanfte Schwermut
und zärtliches Hinschmachten, welches der weiblichen Gestalt so viel
Zauberreiz mitteilt, offenbarten allgenugsam, daß geheime Wünsche in
ihrem Herzen verborgen lagen, die nicht völlig mit den seinigen sympathisierten.
Er machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich,
durch tausend Liebkosungen diese Wolken zu zerstreuen und die
Schöne aufzuheitern; wiewohl vergebens. Der Mensch, dachte er bei
sich selbst, ist ein geselliges Tier wie die Biene und die Ameise: der
schönen Sterblichen gebricht's an Unterhaltung. Mann und Weib mag
wohl in die Länge eine tote Gesellschaft sein, wem soll sich Madame
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mitteilen? Für wen ihren Putz ordnen? Mit wem darüber zu Rate gehen,
und was soll ihre Eitelkeit nähren? Konnte es doch das erste Weib
in Edens Gefilden nicht lange mit ihrem ernsthaften Konsorten aushalten
und wählte darum die Schlange zur Vertrauten.
Flugs ging er hinaus ins Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben
aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen Deckelkorb und brachte
diesen der schönen Emma, die melancholisch einsam in der beschatteten
Laube eine Rose entblätterte. »Schönste der Erdentöchter«, redete
sie der Gnome an, »verbanne allen Trübsinn aus deiner Seele und öffne
dein Herz der geselligen Freude; du sollst nicht mehr die Einsamtrauernde
in meiner Wohnung sein. In diesem Korbe ist alles, was du bedarfst,
dir diesen Aufenthalt angenehm zu machen. Nimm den kleinen
buntgeschälten Stab und gib durch die Berührung mit demselben den
Erdgewächsen im Korbe die Gestalten, welche dir gefallen.«
Hierauf verließ er die Prinzessin, und sie zögerte keinen Augenblick,
mit dem Zauberstab laut Instruktion zu verfahren, nachdem sie den
Deckelkorb geöffnet hatte, »Brinhild«, rief sie, »liebe Brinhild, erscheine!«
Und Brinhild lag zu ihren Füßen, umfaßte die Knie ihrer
Gebieterin und benetzte ihren Schoß mit Freudenzähren, liebkoste sie
freundlich, wie sie sonst zu tun pflegte. Die Täuschung war so vollkommen,
daß Fräulein Emma selbst nicht wußte, wie sie mit ihrer
Schöpfung dran war; ob sie die wahre Brinhild hergezaubert hatte oder
ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie überließ sich indessen ganz den
Empfindungen der Freude, ihre liebste Gespielin um sich zu haben,
lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten umher, ließ sie dessen
herrliche Anlagen bewundern und pflückte ihr goldgesprengte Äpfel
von den Bäumen. Hierauf führte sie ihre Freundin durch alle Zimmer
im Palast bis in die Kleiderkammer, wo der weibliche Kontemplationsgeist
so viel Nahrung fand, daß sie bis zu Sonnenuntergang darinnen
verweilten. Alle Schleier, Gürtel, Ohrenspangen wurden gemustert
und anprobiert. Die vorgetäuschte Brinhild wußte sich dabei so gut zu
nehmen, zeigte so viel Geschmack in der Wahl und Anordnung des
weiblichen Putzes, daß, wenn sie ihrer Natur und Wesen nach nichts
als eine Rübe war, ihr doch wenigstens niemand den Ruhm absprechen
konnte, die Krone ihres Geschlechtes zu sein.
Der spähende Gnome war entzückt über den Tiefblick, den er in das
weibliche Herz getan zu haben vermeinte, und freute sich über den guten
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Fortgang in der Menschenkunde. Die schöne Emma dünkte ihm
jetzt schöner, freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ
nicht, ihren ganzen Rübenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab
ihnen die Gestalt der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten,
und weil noch zwei Rüben übrig waren, bildete sie die eine zu einer
Zyperkatze um, so schön und zutätig als weiland Fräulein Rosaurens
Murner war, und aus der anderen schuf sie einen niedlichen hüpfenden
Beni.
Sie richtete nun ihren Hofstaat wieder an, teilte einer jeden der aufwartenden
Dirnen ein gewisses Geschäft zu, und nie wurde eine Herrschaft
besser bedient; das Gesinde kam ihren Wünschen zuvor, gehorchte auf
den Wink und vollstreckte ihre Befehle ohne den mindesten Widerspruch.
Einige Wochen lang genoß sie die Wonne des gesellschaftlichen
Vergnügens ungestört, Reihentänze, Sang und Saitenspiel wechselten
in dem Harem des Gnomen vom Morgen bis zum Abend, nur merkte
das Fräulein nach Verlauf einiger Zeit, daß die frische Gesichtsfarbe ihrer
Gesellschafterinnen etwas abbleichte; der Spiegel im Marmorsaal
ließ ihr zuerst bemerken, daß sie allein wie eine Rose aus der Knospe
frisch hervorblühte, da die geliebte Brinhild und die übrigen Jungfrauen
welkenden Blumen glichen; gleichwohl versicherten sie alle, daß
sie sich wohl befänden, und der freigebige Gnome ließ sie an seiner
Tafel auch keinen Mangel leiden. Dennoch zehrten sie sichtbarlich ab,
Leben und Tätigkeit schwand von Tage zu Tage mehr dahin, und alles
Jugendfeuer erlosch.
Als die Prinzessin an einem heiteren Morgen, durch gesunden Schlaf
gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück,
da ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und
Krücken entgegenzitterte, mit Dumpf und Keuchhusten beladen, unvermögend,
sich aufrechtzuerhalten. Der schäkernde Beni hatte alle
viere von sich gestreckt, und der schmeichelnde Zyper konnte sich vor
Kraftlosigkeit kaum noch regen und bewegen. Bestürzt eilte die Prinzessin
aus dem Zimmer, der schaudervollen Gesellschaft zu entfliehen,
trat heraus auf den Söller des Portals und rief laut den Gnomen, der
alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien. »Boshafter
Geist«, redete sie ihn zornmütig an, »warum mißgönnst du mir die einzige
Freude meines harmvollen Lebens, die Schattengesellschaft meiner
ehemaligen Gespielinnen? Ist diese Einöde nicht genug, mich zu quälen,
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willst du sie noch in ein Spital verwandeln? Augenblicklich gib
meinen Dirnen Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Haß und Verachtung
soll deinen Frevel rächen!« — »Schönste der Erdentöchter«,
entgegnete der Gnome, »zürne nicht über die Gebühr, alles, was in
meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand; aber das Unmögliche fordere
nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen mir, doch vermag ich
nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange vegetierende Kraft
in den Rüben war, konnte der magische Stab ihr Pflanzenleben nach
deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet und
ihr Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin; denn der belebende Elementargeist
ist verraucht. Jedoch das soll dich nicht kümmern,
Geliebte, ein frischgefüllter Deckelkorb kann den Schaden leicht ersetzen,
du wirst daraus alle die Gestalten wieder hervorrufen, die du begehrst.
Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke zurück, die dich so
angenehm unterhalten haben, auf dem großen Rasenplätze im Garten
wirst du bessere Gesellschaft finden!« Der Gnome entfernte sich darauf,
und Fräulein Emma nahm ihren buntgeschälten Stab zur Hand,
berührte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften
Rüben zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeugs, oder
auch Fürsten, die ihrer Favoriten müde sind, zu tun pflegen; sie warf
den Plunder ins Kehricht und dachte nicht mehr dran.
Leichtfüßig hüpfte sie nun über die grünen Matten dahin, den frischgefüllten
Deckelkorb in Empfang zu nehmen, den sie gleichwohl nirgends
fand. Sie ging den Garten auf und nieder, spekulierte fleißig umher;
aber es wollte kein Korb zum Vorschein kommen. Am
Traubengeländer kam ihr der Gnome entgegen mit sichtbarer Verlegenheit,
daß sie seine Bestürzung schon von ferne wahrnahm. »Du hast
mich getäuscht«, sprach sie, »wo ist der Deckelkorb geblieben? Ich suche
ihn schon seit einer Stunde vergebens.« —»Holde Gebieterin meines
Herzens«, antwortete der Geist, »wirst du mir meinen Unbedacht verzeihen?
Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich habe das Land
durchzogen, Rüben aufzusuchen; aber sie sind längst geerntet und welken
in dumpfigen Kellern. Die Fluren trauern, unten im Tale ist's Winter,
nur deine Gegenwart hat den Frühling an diesen Felsen gefesselt,
und unter deinem Fußtritt sprossen Blumen hervor. Harre nur drei
Mondenwechsel in Geduld aus, dann soll dir's nie an Gelegenheit gebrechen,
mit deinen Puppen zu spielen.« Ehe noch der beredsame
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Gnome mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm seine Schöne unwillig
den Rücken zu und begab sich in ihr Gemach, ohne ihn einer Antwort
zu würdigen. Er aber hob sich von dannen in die nächste Marktstadt
innerhalb seines Gebietes, kaufte, als ein Pächter gestaltet, einen Esel,
den er mit schweren Säcken Sämerei belud, womit er einen ganzen
Morgen Landes besäte. Dabei bestellte er einen seiner dienstbaren Geister
zum Hüter, dem er aufgab, ein unterirdisches Feuer anzuschüren,
um die Saat von unten herauf mit linder Wärme zu treiben, wie Ananaspflanzen
in einem Lohkasten.
Die Rübensaat schoß lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche
Ernte, Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, das zu besehen
sie mehr lüstete als die goldenen Äpfel, die aus dem Garten der
Hesperiden in den ihrigen verpflanzt zu sein schienen. Aber Spleen und
Mißmut trübte ihre kornblumfarbenen Augen, sie weilte am liebsten
in einem düsteren melancholischen Tannenwäldchen, am Rande eines
Quellbaches, der sein silberhelles Gewässer ins Tal rauschen ließ, und
warf Blumen hinein, die in den Odergrund hinabflossen, und daß diese
melancholische Zeitkürzung auf geheimen Liebesgram deute, wissen
alle, die sich auf die Symbolik der Liebe verstehen. Der Gnome sah
wohl, daß bei dem sorgfältigsten Bestreben, durch tausend kleine
Gefälligkeiten sich in der schönen Emma Herz zu stehlen, ihr keine
Liebe abzugewinnen war. Desungeachtet ermüdete seine hartnäckige
Geduld nicht, durch die pünktlichste Erfüllung ihrer Wünsche ihren
spröden Sinn zu überwinden. Seine gänzliche Unerfahrenheit in der
Liebe redete ihm ein, die Schwierigkeiten, die sich seinem Verlangen
entgegenstellten, möchten wohl in den Roman irdischer Liebe gehören;
denn er bemerkte sehr fein und richtig, daß dieser Widerstand auch
einen gewissen Reiz habe und sehr geschickt sei, den hoffenden Triumph
dereinst desto mehr zu verherrlichen. Aber der Neuling in der
Menschenkunde hatte keine Gedanken von der wahren Ursache dieser
Widerspenstigkeit seiner Herzensgebieterin; er vermutete, daß ihr
Herz so frei und unbefangen sei wie das seine, und war der Meinung,
dieses noch unberührte Grundstück gehöre nach allen Rechten ihm als
dem ersten Besitznehmer zu.
Doch das war ein großer Irrtum! Ein junger Grenznachbar an den
Gestaden der Oder, Fürst Ratibor, hatte den süßen Minnetrieb in dem
Herzen der holden Emma bereits angefacht und zur Ausbeute ihre erste
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Liebe davongetragen, welche, wie behauptet wird, unzerstörbarer
sein soll als das Grundwesen der vier Elemente. Schon sah das glückliche
Paar dem Tage der Vollziehung ihrer Gelübde entgegen, da die
Braut mit einem Male verschwand. Diese peinliche Nachricht verwandelte
den liebenden Ratibor in einen rasenden Roland; er verließ seine
Residenz, zog menschenscheu in einsamen Wäldern umher, klagte den
Felsen sein Unglück und trieb all den Unfug eines modernen Romanhelden,
den der boshafte Amor schikaniert. Die treue Emma seufzte
unterdessen ihren geheimen Gram in dem anmutigen Gefängnis aus,
verschloß aber ihre Herzgefühle so fest in den aufwallenden Busen, daß
der spähende Gnome nicht enträtseln konnte, was für Empfindungen
sich darinnen regten. Lange schon hatte sie darauf spekuliert, wie sie
ihn überlisten und der lästigen Gefangenschaft entrinnen möchte. Nach
mancher durchwachten Nacht spann sie endlich einen Plan aus, der des
Versuchs würdig schien, ihn auszuführen.
Der Lenz kehrte in die gebirgischen Täler zurück, der Gnome ließ das
unterirdische Feuer in seinem Treibhaus abgeben, und die Rüben, die
durch die Einflüsse des Winters in ihrem Wachstum nicht waren gehindert
worden, gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige
davon aus und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten
zu geben, dem Anschein nach, sich damit zu belustigen; aber ihre
Absicht ging weiter. Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene
werden, um sie abzuschicken, Kundschaft von ihrem Geliebten einzuziehen:
»Fleug, liebes Bienchen, gegen Aufgang«, sprach sie, »zu Ratibor,
dem Fürsten des Landes, und sumse ihm sanft ins Ohr, daß Emma
noch für ihn lebt; aber eine Sklavin ist des Fürsten der Gnomen, der
das Gebirge bewohnt, verlier kein Wort von diesem Gruße und bring
mir Botschaft von seiner Liebe!«Die Biene flog alsbald von dem Finger
ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren
Flug begonnen, so stieß eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang
zu großem Leidwesen des Fräuleins die Botschafterin der Liebe
mit allen Depeschen. Darauf formte sie vermöge des wunderbaren Stabes
eine Grille, lehrte ihr gleichen Spruch und Gruß: »Hüpfe, kleine
Grille, über das Gebirge, zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und
zirpe ihm ins Ohr, daß die getreue Emma begehrt Entledigung ihrer
Banden durch seinen starken Arm.« Die Grille flog und hüpfte, so
schnell sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war; aber ein langbeiniger
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Storch promenierte eben an dem Wege, darauf die Zirpe zog,
erfaßte sie mit seinem langen Schnabel und begrub sie in das Verlies seines
weiten Kropfes.
Diese mißlungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht
ab, einen neuen zu wagen, sie gab der dritten Rübe die Gestalt einer
Elster: »Schwanke hin, beredsamer Vogel«, sprach sie, »von Baum zu
Baume, bis du gelangst zu Ratibor, meinem Sponsen, sag ihm an meine
Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, daß er meiner harre mit Roß und
Mann, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges im
Maientale, bereit, den Flüchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu
zerbrechen wagt und Schutz von ihm begehrt.« Die zwiefarbige Aglaster
gehorchte, flatterte von einem Ruheplätze zum anderen, und die
sorgsame Emma begleitete ihren Flug, so weit das Auge trug.
Der harmvolle Ratibor irrte noch immer melancholisch in den Wäldern
herum, die Rückkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur hatten
seinen Kummer nur gemehrt. Er saß unter einer schattenreichen
Eiche, dachte an seine Prinzessin und er seufzte laut: »Emma!« Alsbald
gab das vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelhaft
zurück; aber zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen
aus. Er horchte auf, sah niemanden, wähnte eine Täuschung und hörte
den nämlichen Ruf wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster,
die auf den Zweigen hin- und widerflog, und ward inne, daß der gelehrige
Vogel ihn bei Namen rief. »Armer Schwätzer«, sprach er, »wer hat
dich gelehrt, diesen Namen auszusprechen, der einem Unglücklichen
zugehört, welcher wünscht von der Erde vertilgt zu sein wie sein
Gedächtnis?« Hierauf faßte er wütig einen Stein und wollte ihn nach
dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma hören ließ. Dieser
Talisman entkräftete den Arm des Prinzen, frohes Entzücken durchschauerte
alle seine Glieder, und in seiner Seele bebt's leise nach,
Emma! Aber der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem Elstergeschlecht
eigenen Wohlredenheit den Spruch, der ihm gelehrt war.
Fürst Ratibor vernahm nicht sobald diese fröhliche Botschaft, so
wurd's hell in seiner Seele, der tödliche Gram, der die Sinne umnebelt
und die Federkraft der Nerven erschlafft hatte, verschwand; er kam
wieder zu Gefühl und Besinnung und forschte mit Fleiß von der
Glücksverkünderin nach den Schicksalen der holden Emma; doch die
gesprächige Elster konnte nichts als mechanisch ihre Lektion ohne
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Aufhören wiederholen und flatterte davon. Schnellfüßig wie Hasael
eilte der auflebende Waldmisanthrop zu seinem Hoflager zurück, rüstete
eilig das Geschwader der Reisigen, saß auf und zog mit ihnen hin
ans Vorgebirge seiner guten Hoffnung, das Abenteuer zu bestehen.
Fräulein Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet,
ihr Vorhaben auszuführen. Sie ließ davon ab, den duldsamen
Gnomen mit tötendem Kaltsinn zu quälen, ihr Auge sprach Hoffnung,
und ihr spröder Sinn schien beugsamer zu werden. Solche glückliche
Aspekte läßt ein seufzender Liebhaber nicht leicht ungenutzt; der
geistige Philogyn empfand vermöge seiner geistigen Empfindsamkeit
gar bald diese scheinbare Sinnesänderung der holden Spröden. Ein
holdseliger Blick, eine freundliche Miene, ein bedeutsames Lächeln
setzten sein entzündbares Wesen in volle Flammen, wie elektrische
Funken einen Löffel voll Weingeist. Er wurde dreister, erneuerte sein
Liebesgewerbe, das lange geruht hatte, bat um Erhörung und wurde
nicht zurückgewiesen. Die Präliminarien waren so gut wie unterzeichnet,
das Fräulein begehrte nur jungfräulichen Wohlstands halber noch
einen Tag Bedenkzeit, den ihr der wonnetrunkene Gnome bereitwillig
zugestand.
Den folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schöne
Emma, geschmückt wie eine Braut, hervor, mit all dem Geschmeide
belastet, das sie in ihrem Schmuckkästlein gefunden hatte, ihr blondes
Haar war in einen Knoten geschürzt, den eine Myrtenkrone überschattete,
der Besatz ihres Kleides funkelte von Juwelen, und da ihr der harrende
Gnome auf der großen Terrasse im Lustgarten entgegenwandelte,
bedeckte sie züchtiglich mit dem Ende des Schleiers ihr
schamhaftes Angesicht. »Himmlisches Mädchen«, stammelte er ihr
entgegen, »laß mich die Seligkeit der Liebe aus deinen Augen trinken
und weigere mir nicht länger den bejahenden Blick, der mich zum
glücklichsten Wesen macht, das jemals die rote Morgensonne bestrahlt
hat!« Hierauf wollt er ihr Antlitz enthüllen, um sein Glück aus ihren
Augen zu lesen: denn er erdreistete sich nicht, ein mündliches Geständnis
von ihr zu erpressen. Das Fräulein aber machte ihre Schleierwolke
noch dichter um sich her und entgegnete gar bescheidentlich also:
»Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, Gebieter meines Herzens?
Deine Standhaftigkeit hat obgesiegt. Nimm dies Geständnis von meinen
Lippen; aber laß mein Erröten und meine Zähren diesen Schleier
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auffassen.« — »Warum Zähren, o Geliebte?« fiel da der beunruhigte
Geist ein. »Jede deiner Zähren fällt wie ein brennender Naphthatropfen
mir aufs Herz, ich heische Lieb um Liebe und will nicht Aufopferung.«
—»Ach!« erwiderte Emma, »warum mißdeutest du meine Tränen?
Mein Herz lohnt deine Zärtlichkeit; aber bange Ahndung zerreißt
meine Seele. Das Weib hat nicht stets die Reize einer Geliebten, du alterst
nimmer; aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt.
Woran soll ich erkennen, daß du der zärtliche, liebevolle, gefällige,
duldsame Gemahl sein werdest, wie du als Liebhaber warest?« Er
antwortete: »Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams
in Ausrichtung deiner Befehle; oder stelle meine Geduld auf die Probe
und urteile daraus von der Stärke meiner unwandelbaren Liebe.« — »Es
sei also!« beschloß die schlanke Emma, »ich heische nur einen Beweis
deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben all auf dem Acker,
mein Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, daß
sie mir zu Kränzeljungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen,
und verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine
Treue prüfen will.«
So ungern der Gnome in diesem Augenblicke von seiner reizenden
Braut schied, so gehorchte er doch sonder Verzug, begab sich rasch an
sein Geschäft und hüpfte so hurtig unter den Rüben herum, wie ein
französischer Lazarettarzt unter den Kranken, die er auf den Kirchhof
zu spedieren hat. Er war durch diese Geschäftigkeit mit seinem Additionsexempel
bald zustande; doch um der Sache recht gewiß zu sein,
wiederholte er die Operation nochmals und fand zu seinem Verdruß
einen Unterschied in der Rechnung, der ihn nötigte, zum drittenmal
den Rübenpöbel durchzumustern. Aber auch diesmal ergab sich eine
neue Differenz, und das war eben nicht zu verwundern: ein Mädchenideal
kann den besten arithmetischen Kopf verwirren.
Die verschmitzte Emma hatte ihren Paladin nicht so bald aus den
Augen verloren, als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftvolle,
wohlgenährte Rübe in Bereitschaft, die sie flugs in ein mutiges
Roß mit Sattel und Zeug metamorphosierte, rasch schwang sie sich in
den Sattel, flog über die Heiden und Steppen des Gebirges dahin, und
der flüchtige Pegasus wiegte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften
Rücken hinab ins Maiental, wo sie dem geliebten Ratibor, der der
Kommenden ängstlich entgegenharrete, sich fröhlich in die Arme warf.
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Der geschäftige Gnome hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft,
daß er von dem, was um und neben ihm geschah, nur wenig verspürte.
Nach langer Müh und Anstrengung seiner Geisteskraft war's ihm endlich
gelungen, die wahre Zahl aller Rüben auf dem Ackerfelde, klein
und groß miteingerechnet, gefunden zu haben, er eilte nun froh zurück,
sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berechnen und durch die
pünktliche Erfüllung ihrer Befehle sie zu überzeugen, daß er der gefälligste
und unterwürfigste Gemahl sein werde, den jemals Phantasie und
Kaprice einer Adamstochter beherrscht hat. Mit Selbstzufriedenheit
trat er auf den Rasenplatz; aber da fand er nicht, was er suchte, er lief
durch die bedeckten Lauben und Gänge; auch da war nicht, was er begehrte;
er kam in den Palast, durchspähte alle Winkel desselben, rief
den holden Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen zurücktönten,
begehrte einen Laut von dem geliebten Munde; doch da war
weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat, flugs warf
er das schwerfällige Phantom der Verkörperung ab wie ein träger Ratsherr
seinen Schlafrock, wenn vom Turme der Feuerwächter Lärm bläst,
schwang sich hoch in die Luft und sah den geliebten Flüchtling in der
Ferne, als eben der rasche Gaul über die Grenze setzte. Wütig ballte
der ergrimmte Geist ein paar friedlich vorüberziehende Wolken zusammen
und schleuderte einen kräftigen Blitz der Fliehenden nach, der
eine tausendjährige Grenzeiche zersplitterte; aber jenseits derselben
war des Gnomen Rache unwirksam, und die Donnerwolke zerfloß in
einen sanften Heiderauch.
Nachdem er die oberen Luftregionen verzweiflungsvoll durchkreuzt,
seine unglückliche Liebe den vier Winden geklagt und seine stürmende
Leidenschaft ausgetobt hatte, kehrte er trübsinnig in den Palast zurück,
schlich durch alle Gemächer und erfüllte sie mit Seufzen und Stöhnen.
Nachher besuchte er noch einmal den Lustgarten; doch diese ganze
Zauberschöpfung hatte keinen Reiz mehr für ihn: ein einziger Fußtapfen
der geliebten Ungetreuen, in den Sand gedrückt, den er bemerkte,
beschäftigte seine Aufmerksamkeit mehr als die goldnen Äpfel an den
Bäumen und die buntfarbige mosaische Ausfüllung der Buchsbaumschnörkel
auf den Blumenstücken. Die Ideen des wonniglichen Genusses
erwachten wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging und stund,
wo sie Blumen gepflückt oder ausgezupft, wo er sie oft unsichtbar belauscht,
oft, mit der körperlichen Hülle umgeben, mit ihr trauliche
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Unterredung gepflogen hatte. Alles das würgte und knotete ihn so zusammen,
preßt' und drückt' ihn dergestalt auf die Zirbeidrüse, daß er
unter der Last seiner Gefühle in dumpfes Hinbrüten versank. Bald hernach
brach sein Unmut in gräßliche Verwünschungen aus, nachdem er
seiner ersten Liebe eine stattliche Parentation gehalten, und er vermaß
sich höchlich der Menschenkunde ganz zu entsagen und von diesem argen
betrüglichen Geschlecht weiterhin keinerlei Notiz zu nehmen. In
dieser Entschließung stampfte er dreimal auf die Erde, und der ganze
Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein ursprüngliches
Nichts zurück. Der Abgrund aber sperrte seinen weiten Rachen auf,
und der Gnome fuhr hinab in die Tiefe bis an die entgegengesetzte
Grenze seines Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde und nahm Spleen
und Menschenhaß mit dahin.
Während dieser Katastrophe im Gebirge war Fürst Ratibor geschäftig,
die herrliche Beute seiner Wegelagerung in Sicherheit zu bringen,
führte die schöne Emma mit triumphalischem Pomp an den Hof ihres
Vaters zurück, vollzog daselbst seine Vermählung, teilte mit ihr den
Thron seines Erbes und erbaute die Stadt Ratibor, die noch seinen
Namen trägt bis auf diesen Tag. Das sonderbare Abenteuer der Prinzessin,
das ihr auf dem Riesengebirge begegnet war, ihre kühne Flucht
und glückliche Entrinnung wurde das Märchen des Landes, pflanzte
sich von Geschlecht zu Geschlechte fort bis in die entferntesten Zeiten,
und die schlesischen Damen nebst ihren Nachbarinnen zur Rechten
und Linken und vom Aufgang zum Niedergang fanden so vielen
Geschmack daran, daß sie das Beispiel der schlauen Emma noch oft benutzen
und den unbehaglichen Ehekonsorten wegschicken, Rüben zu
zählen, wenn sie den Buhlen beschieden haben. Und die Bewohner der
umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem Geisternamen
nicht zu nennen wußten, legten ihm einen Spottnamen auf,
riefen ihn Rübenzähler oder kurzab Rübezahl.
Zwote Legende
Die Mutter Erde war also von jeher der Zufluchtsort, wohin sich gestörte
Liebe barg. Die unglücklichen Wichte unter den Adamskindern,
welche Wunsch und Hoffnung täuscht, öffnen sich unter solchen
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Umständen den Weg dahin durch Strick und Dolch, durch Blei und
Gift, durch Darrsucht und Bluthusten oder sonst auf eine unbequeme
Art. Aber die Geister bedürfen all der Umständlichkeiten nicht und genießen
überdies des Vorteils, daß sie nach Belieben in die Oberwelt zurückkehren
können, wo sie ausgetrotzt oder ihre Leidenschaft ausgetobt
haben, da den Sterblichen der Weg zur Rückkehr auf ewig
verschlossen ist.
Der unmutsvolle Gnome verließ die Oberwelt mit dem Entschluß, nie
wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohltätige Zeit verwischte
nach und nach die Eindrücke seines Grams, gleichwohl erforderte diese
langwierige Operation einen Zeitraum von neunhundertundneunundneunzig
Jahren, ehe die alte Wunde ausheilte. Endlich, da ihn die
Beschwerde der Langeweile drückte und er einmal sehr übel aufgeräumt
war, brachte sein Favorit und Hofschalksnarr in der Unterwelt,
ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs Riesengebirge in Vorschlag,
welchen Seine Herrlichkeit zu goutieren nicht ermangelte. Es brauchte
nicht mehr als den Zeitblick einer Minute, so war die weite Reise vollendet,
und er befand sich mitten auf dem großen Rasenplatze seines
ehemaligen Lustgartens, dem er nebst dem übrigen Zubehör die vorige
Gestalt gab; doch blieb alles für menschliche Augen verborgen: die
Wanderer, die übers Gebirge zogen, sahen nichts als eine fürchterliche
Wildnis.
Der Anblick dieser Objekte, die er in der ehemaligen Liebesepoche in
einem rosenfarbenen Lichte schimmern sahe, erneuerte alle Ideen der
verjährten Liebschaft, und ihm dünkte, die Geschichte mit der schönen
Emma sei erst ehegestern vorgefallen, ihr Bild schwebte ihm noch so
deutlich vor, als stünde sie neben ihm. Aber die Erinnerung, wie sie ihn
überlistet und hintergangen hatte, machte seinen Groll gegen die ganze
Menschheit wieder rege. »Unseliges Erdengewürm«, rief er aus, indem
er aufschaute und vom hohen Gebirge die Türme der Kirchen und Klöster
in Städten und Flecken erblickte, »treibst, seh ich, dein Wesen noch
immer unten im Tale. Hast mich baß geäfft durch Tücken und Ränke,
sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und wohl plagen, daß dir
soll bange werden vorm Treiben des Geistes im Gebirge!«
Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen:
drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge, und der
keckste unter ihnen rief ohn Unterlaß: »Rübezahl, komm herab!
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Rübezahl, Mädchendieb!« Von undenklichen Jahren her hatte die
Lästerchronik die Liebesgeschichte des Berggeistes in mündlichen
Überlieferungen getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften
Zusätzen vermehrt, und jeder Reisende, der das Riesengebirge
betrat, unterhielt sich mit seinem Gefährten von den Abenteuern desselben.
Man trug sich mit unzähligen Spukhistörchen, die sich niemals
begeben hatten, machte damit zaghafte Wanderer zu fürchten, und die
starken Geister, Witzlinge und Philosophen, die am hellen Tage und
in zahlreicher Gesellschaft an keine Gespenster glauben und sich darüber
lustig machen, pflegten aus Übermut oder um ihre Herzhaftigkeit
zu beweisen, den Geist oft zu zitieren, ihn aus Schäkerei bei seinem
Ekelnamen zu rufen und auf ihn zu schimpfen. Man hatte nie gehört,
daß dergleichen Vergehen von dem friedsamen Berggeiste wären gerügt
worden, denn in den Tiefen des Abgrundes erfuhr er von diesem mutwilligen
Hohn kein Wort. Desto mehr war er betroffen, da er seine
ganze Chronique Scandaleuse jetzt so kurz und bündig ausrufen hörte.
Wie der Sturmwind raste er durch den düstern Fichtenwald und war
schon im Begriffe, den armen Tropf, der sich ohne Absicht über ihn
lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem Augenblick bedachte,
daß eine so exemplarische Rache groß Geschrei im Lande erregen, alle
Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die Gelegenheit rauben
würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Drum ließ er ihn
nebst seinen Konsorten geruhig ihre Straßen ziehen, mit dem Vorbehalt,
seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungenossen hingehen
zu lassen.
Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen
beiden Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in
Hirschberg, seiner Heimat, an. Aber der unsichtbare Geleitsmann war
ihm bis zur Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden.
Jetzt trat er seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf Mittel, sich
zu rächen. Von ungefähr begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher
Israelit, der nach Hirschberg wollte. Da kam ihm in den Sinn, diesen
zum Werkzeug seiner Rache zu gebrauchen. Also gesellte er sich zu ihm
in der Gestalt des losen Gesellen, der ihn gefoppt hatte, und koste
freundlich mit ihm, führte ihn unvermerkt seitab von der Straße, und
da sie ins Gebüsche kamen, fiel er dem Juden mörderisch in den Bart,
zausete ihn weidlich, riß ihn zu Boden, knebelte ihn und raubte ihm
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seinen Säckel, worin er viel Geld und Geschmeide trug. Nachdem er
ihn mit Faustschlägen und Fußtritten zuletzt noch gar übel traktiert
hatte, ging er davon, ließ den armen geplünderten Juden, der sich seines
Lebens verzieh, halbtot im Busche liegen.
Als sich der Israelit von seinem Schrecken erholt hatte und wieder
Leben in ihm war, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen,
denn er fürchtete, in der grausenvollen Einöde zu verschmachten. Da
trat ein feiner ehrbarer Mann zu ihm, dem Ansehen nach ein Bürger
aus einer der umliegenden Städte, frug, warum er also jammere, und
wie er ihn geknebelt fand, löste er ihm die Banden von Händen und
Füßen und leistete ihm alles das, was der barmherzige Samariter im
Evangelium dem Manne tat, der unter die Mörder gefallen war. Nachher
labte er ihn mit einem herrlichen Schluck Kordialwasser, das er bei
sich trug, führte ihn wieder auf die Landstraße und geleitete ihn
freundlich, wie der Engel Raphael den jungen Tobias, bis er ihn brachte
gen Hirschberg an die Tür der Herberge. Dort reichte er ihm einen
Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der Jud, da er beim
Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch erblickte, so frei und
unbefangen als ein Mensch sein kann, der sich keiner Übeltat bewußt
ist. Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und gute
Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern, neben ihm lag der nämliche
Wadsack, in welchen er den geraubten Säckel geborgen hatte. Der
bestürzte Jud wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich sich
in einen Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu seinem
Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich, sich in der
Person geirret zu haben, darum drehte er unbemerkt sich zur Tür hinaus,
ging zum Richter und brachte seinen Diebesgruß an.
Die Hirschberger Justiz stund damals in dem Rufe, daß sie schnell und
tätig sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, wenn's was zu liquidieren
gab; wo sie aber ex officio ihrer Pflicht Genüge leisten mußte,
ging sie wie anderwärts ihren Schneckengang. Der erfahrne Israelit war
mit dem gewöhnlichen Gange derselben schon bekannt und verwies
den unentschlossenen Richter, der lange zögerte, die Denunziation
niederzuschreiben, auf das blendende Corpus delicti, und diese güldne
Hoffnung unterließ nicht, einen Verhaftungsbefehl auszuwirken.
Häscher bewaffneten sich mit Spießen und Stangen, umringten das
Schenkhaus, griffen den unschuldigen Verbrecher und führten ihn vor
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die Schranken der Ratsstube, wo sich die weisen Väter indes versammelt
hatten. »Wer bist du?« frug der ernsthafte Stadtrichter, als der
Inquisit hineintrat, »und von wannen kommst du?« Er antwortete freimütig
und unerschrocken: »Ich bin ein ehrlicher Schneider meines
Handwerks, Benedix genannt, komme von Liebenau und stehe hier in
Arbeit bei meinem Meister.«
»Hast du nicht diesen Juden im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen,
gebunden und seines Säckels beraubt?«
»Ich habe diesen Juden nie mit Augen gesehen, hab ihn auch weder geschlagen
noch gebunden, noch seines Säckels beraubt. Ich bin ein ehrlicher
Zünftier und kein Straßenräuber.«
»Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?«
»Mit meiner Kundschaft und dem Zeugnis meines guten Gewissens.«
»Weis auf deine Kundschaft.«
Benedix öffnete getrost den Wadsack, denn er wußte wohl, daß er
nichts als sein wohl erworbnes Eigentum darin verwahrte. Doch wie
er ihn ausleerte, sieh da! da klingelt's unter dem herausstürzenden
Plunder wie Geld. Die Häscher griffen hurtig zu, störten den Kram
auseinander und zogen den schweren Säckel hervor, den der erfreute
Jud alsbald als sein Eigentum deductis deducentis reklamierte. Der
Wicht stund da wie vom Donner gerührt, wollte vor Schrecken umsinken,
ward bleich um die Nase, die Lippen bebten, die Knie wankten,
er verstummte und sprach kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte
sich, und eine drohende Gebärde weissagte einen strengen Bescheid.
»Wie nun, Bösewicht!« donnerte der Stadtvogt, »erfrechst du dich
noch, den Raub zu leugnen?«
»Erbarmung, gestrenger Herr Richter!« winselte der Inkulpat auf den
Knien, mit hochaufgehobnen Händen. »Alle Heiligen im Himmel ruf
ich zu Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube, weiß nicht,
wie des Juden Säckel in meinen Wadsack kommen ist, Gott weiß es.«
»Du bist überwiesen«, redete der Richter fort, »der Säckel zeiht dich
genugsam des Verbrechens, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre und
bekenne freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der
Wahrheit abzufoltern. «
Der geängstigte Benedix konnte nichts als auf seine Unschuld provozieren;
aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn für einen hartnäckigen
Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte.
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Meister Hämmerling, der fürchterliche Wahrheitsforscher, wurde hereinberufen,
durch die stählernen Argumente seiner Beredsamkeit ihn
zu vermögen, Gott und der Obrigkeit die Ehre anzutun, sich um den
Hals zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte Freudigkeit
seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die
seiner warteten. Da der Peiniger im Begriff war, ihm die Daumenstöcke
anzulegen, bedachte er, daß diese Operation ihn untüchtig machen
würde, jemals wieder mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollt
ein verdorbner Kerl bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser,
der Marter mit einemmal abzukommen, und gestund das Bubenstück
ein, davon sein Herz nichts wußte. Der Kriminalprozeß wurde hierauf
kurzerhand abgetan und der Inquisit wurde, ohne daß sich das Gericht
teilte, von Richter und Schöppen zum Strange verurteilt, welcher
Rechtsspruch zur Pflegung prompter Justiz und zur Ersparung der
Atzungskosten gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden
sollte.
Alle Zuschauer, die das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt
hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig;
doch keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu als der barmherzige
Samariter, der sich mit in die Kriminalstube eingedrängt hatte und nicht
satt werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg
zu erheben, und in der Tat hatte auch niemand nähern Anteil an der
Sache, als eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des
Juden Säckel in des Schneiders Wadsack verborgen hatte und kein anderer
als Rübezahl selbst war.
Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt
auf den Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte,
und es regte sich bereits in ihm der Rabenappetit, dem neuen
Ankömmlinge die Augen auszuhacken; aber diesmal harrete er vergebens.
Ein frommer Ordensbruder, der von dem Werte der Bekehrung
auf dem Rabensteine ganz andere Gedanken hegte als einige neoterische
Theologen und alle Malefikanten, die er zum Tode bereitete, mit
dem Geruch der Heiligkeit zu imbibieren sich beeiferte, fand an dem
unwissenden Benedix einen so rohen, wüsten Klotz, daß es ihm unmöglich
schien, in so kurzer Zeit, als ihm zu dem Bekehrungsgeschäft
übrigblieb, einen Heiligen daraus zu schnitzen; er bat deshalb das Kriminalgericht
um einen dreitägigen Aufschub, den er dem frommen
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Magistrat nicht ohne große Mühe und unter Androhung des Kirchenbannes
endlich abzwang. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins
Gebirge, den Exekutionstermin daselbst zu erwarten.
In diesem Zwischenraume durchstrich er nach Gewohnheit die Wälder
und erblickte auf dieser Promenade ein junges Mädchen, das sich unter
einen schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermütig
in den Busen herab, und sie unterstützte solches mit einem schwanenweißen
Arm, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der
Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit wischte sie mit der Hand
eine herabrollende Zähre von den Wangen, und stöhnende Seufzer
quollen aus der vollen Brust hervor. Schon ehemals hatte der Gnome
die mächtigen Eindrücke jungfräulicher Zähren empfunden, auch jetzt
war er so gerührt davon, daß er von dem Gesetz, das er sich auferlegt
hatte, alle Adamskinder, die durchs Gebirge ziehen würden, zu tücken
und zu quälen, die erste Ausnahme machte, die Empfindung des Mitleidens
so gar als ein wohltuendes Gefühl erkannte und Verlangen trug,
die Schöne zu trösten. Er gestaltete sich wieder als ein reputierlicher
Bürger, trat das junge Mädchen freundlich an und sprach: »Mägdlein,
was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle mir nicht deinen
Kummer, daß ich zusehe, wie dir zu helfen stehe.«
Das Mädchen, das ganz in Schwermut befangen war, schreckte auf, da
sie diese Stimme hörte, und erhob ihr erdwärts gesenktes Haupt. Ha,
was für ein schmachtendes lasurfarbenes Augenpaar blickte da hervor,
deren sanftgebrochenes Licht ein Herz von Stahl zu schmelzen fähig
war! Zwei helle Tränen glänzten darinnen wie Karfunkeln, und das
holde jungfräuliche Antlitz war mit dem Ausdruck banger Schmerzensgefühle
übergossen, wodurch die Reize des lieblichen Nonnengesichtes
nur noch mehr erhoben wurden. Da sie den ehrsamen Mann vor
sich stehen sah, öffnete sie ihren Purpurmund und sprach: »Was kümmert
Euch mein Schmerz, guter Mann, sintemal mir nicht zu helfen ist:
ich bin eine Ungückliche, eine Mörderin, habe den Mann meines Herzens
gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und Tränen,
bis mir der Tod das Herz zerbricht.«
Der ehrbare Mann staunte. »Du eine Mörderin?«frug er, »bei diesem
himmlischen Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! —
Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich;
gleichwohl ist mir's hier ein Rätsel.«
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»So will ich's Euch lösen«, erwiderte die trübsinnige Jungfrau, »so Ihr
verlangt, es zu wissen.«
Er sprach: »Sag an!«
Sie: »Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn einer tugendsamen
Witwe, meiner Nachbarin, der mich zu seinem Liebchen erkor,
als er heranwuchs. Er war so lieb und gut, so treu und bieder, liebte
so standhaft und herzig, daß er mir das Herz stahl und ich ihm ewige
Treue gelobte. —Ach, das Herz des lieben Jungen habe ich Natter vergiftet,
hab ihn der Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen gemacht
und zu einer Übeltat verleitet, wofür er das Leben verwirket
hat!«
Der Gnome rief emphatisch: »Du?«
»Ja, Herr«, sprach sie, »ich bin seine Mörderin, hab ihn verlockt, einen
Straßenraub zu begehen und einen schelmischen Juden zu plündern,
da haben ihn die Herren von Hirschberg gegriffen, Haisgericht über
ihn gehegt und, o Herzeleid! morgen wird er abgetan.«
»Und das hast du verschuldet?« frug verwundernd Rübezahl.
Sie: »Ja, Herr! Ich hab's auf meinem Gewissen, das junge Blut!«
»Wie das?«
»Er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge, und als er beim Abschied
an meinem Halse hing, sprach er: >Fein Liebchen, bleib mir treu. Wenn
der Apfelbaum zum dritten Male blüht und die Schwalbe zu Neste
trägt, kehre ich von der Wanderschaft zurück, dich heimzuholen als
mein junges Weib<, und das gelobt ich ihm zu werden durch einen teuren
Eid.
Nun blühte der Apfelbaum zum dritten Male und die Schwalbe nistete,
da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner Zusage und wollte mich
zur Trauung führen. Ich aber neckte und höhnte ihn, wie die Mädchen
oft den Freiem tun, und sprach: >Dein Weib kann ich nicht werden,
mein Bettlein hat für zwei nicht Raum, und du hast weder Herd noch
Obdach. Schaff dir erst blanke Batzen an, dann frage wieder zu.< Der
arme Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt. >Ach Klärchen!<
seufzte er tief, mit einer Träne im Auge, >steht dir dein Sinn nach Geld
und Gut, so bist du nicht das biedre Mädchen mehr, das du vormals
warest! Schlugst du nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue
schwurest? Und was hatte ich mehr als diese Hand, dich einst damit
zu nähren? Woher dein Stolz und spröder Sinn? Ach Klärchen, ich verstehe
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dich: ein reicher Buhler hat mir dein Herz entwendet! Lohnst du
mir also, Ungetreue! Drei Jahre hab ich mit Sehnsucht und Harren
traurig verlebt, habe jede Stunde gezählt bis auf diesen Tag, da ich kam,
dich heimzuführen. Wie leicht und rasch machte meinen Fuß Hoffnung
und Freude, da ich übers Gebirge wandelte, und nun verschmähst du
mich!< Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem Sinn: >Mein
Herz verschmäht dich nicht, o Benedix!< antwortete ich, >nur meine
Hand versag ich dir vorjetzt, zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, und
hast du das, so komm, dann will ich gern mein Bettlein mit dir teilen.<
—>Wohlan<, sprach er mit Unmut, >du willst es so, ich gehe in die Welt,
will laufen, will rennen, will betteln, stehlen, schmorgen, sorgen, und
eher sollst du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden
Preis, um den ich dich erwerben muß. Leb wohl, ich fahre hin. Ade!<
So hab ich ihn betört, den armen Benedix, er ging ergrimmt davon, da
verließ ihn sein guter Engel, daß er tat, was nicht recht war und was
sein Herz gewiß verabscheute.«
Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede und rief nach
einer Pause mit nachdenklicher Miene: »Wunderbar!« Hierauf wendete
er sich zu dem Mädchen: »Warum«, frug er, »erfüllst du aber hier
den leeren Wald mit deinen Wehklagen, die dir und deinem Buhlen
nichts nützen noch frommen können?«
»Lieber Herr«, fiel sie ein, »ich war auf dem Wege nach Hirschberg,
da wollte mir der Jammer das Herz abdrücken, darum weilte ich unter
diesem Baume.«
»Und was willst du in Hirschberg tun?«
»Ich will dem Blutrichter zu Fuße fallen, will mit meinem Klaggeschrei
die Stadt erfüllen, und die Töchter der Stadt sollen mir wehklagen helfen,
ob das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das
Leben zu schenken, und so mir's nicht gelingt, meinen Buhlen dem
schmählichen Tode zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.«
Der Geist wurde durch diese Rede so bewegt, daß er von Stund an seine
Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Buhlen wiederzugeben
beschloß. »Trockne ab deine Tränen«, sprach er mit teilnehmender
Gebärde, »und laß deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur
Rüste geht, soll dein Buhle frank und frei sein. Morgen um den ersten
Hahnenschrei sei wach und horchsam, und wenn ein Finger ans Fenster
klopft, so tu auf die Tür zu deinem Kämmerlein: denn es ist Benedix,
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der davor steht. Hüte dich, ihn nicht wieder wild zu machen durch deinen
spröden Sinn. —Du sollst auch wissen, daß er das Bubenstück nicht
begangen hat, dessen du ihn zeihst, und du hast des gleichfalls keine
Schuld: denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner bösen Tat
reizen lassen.«
Die Dirne verwundert über diese Rede, sah ihm starr und steif ins
Gesicht, und weil darin das Fältlein der Schälkelei oder des Trugs sich
nicht veroffenbarte, gewann sie Zutrauen, ihre trübe Stirn klärte sich
auf, und sie sprach mit froher Zweifelmütigkeit: »Lieber Herr, wenn
Ihr mein nicht spottet und dem also ist, wie Ihr saget, so müßt Ihr ein
Seher oder der gute Engel meines Buhlen sein, daß Ihr das all so wisset.«
«
»Sein guter Engel?« versetzte Rübezahl betroffen, »nein, der bin ich
wahrlich nicht; aber ich kann's werden, und du sollst's erfahren! Ich
bin ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme
Sünder verurteilt wurde; aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht,
fürchte nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Banden zu entledigen,
denn ich vermag viel in der Stadt. Sei gutes Muts und kehre heim
in Frieden.« Das Mädchen machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich
Furcht und Hoffnung in ihrer Seele kämpften.
Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich's die drei Tage des Aufschubs
blutsauer werden lassen, den Delinquenten gehörig zu beschicken,
um seine arme Seele der Hölle zu entreißen, der sie seiner Meinung
nach verpfändet war von Jugend auf. Denn der gute Benedix war ein
unwissender Laie, der um Nadel und Schere ungleich besser Bescheid
wußte als um den Rosenkranz. Den Engelgruß und das Paternoster
mengte er stets durcheinander, und von dem Credo wußte er keine
Silbe, der eifrige Mönch hatte alle Mühe von der Welt, ihm das letztere
zu lehren und brachte mit dieser Arbeit zwei volle Tage zu. Denn wenn
er sich die Formel aufsagen ließ und das Gedächtnis des armen Sünders
auch nicht strauchelte, so unterbrach doch oft ein Gedanke an das Irdische
und der halblaute Seufzer: »Ach Klärchen!« die ganze Lektion,
darum es die religiöse Politik des frommen Bruders zuträglich fand,
dem verlorenen Schafe die Hölle recht heiß zu machen, und das gelang
ihm auch dergestalt, daß der geängstigte Benedix kalten Todesschweiß
schwitzte und zu geheiligter Freude seines Bekehrers Klärchen rein
darüber vergaß. Aber die Vorstellung der angedrohten Martern in der
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Hölle folterte ihn so unablässig, daß er nichts als bocksfüßige gehörnte
Teufel vor Augen sah, die mit Kärsten und Hacken die fasernackten
Scharen verdammter Seelen in den ungeheuren Walfischrachen des höllischen
Feuerschlundes hineinlotseten. Diesen qualvollen Zustand seines
Seelenpfleglings ließ der eifrige Ordensmann insoweit sich zu Herzen
gehen, daß er der geistlichen Klugheit gemäß erachtete, den
Vorhang im Hintergrunde fallen zu lassen und die gräßliche Teufelsszene
zu verbergen, dagegen hitzte er den Schmelzofen des Fegefeuers
nun desto stärker, welches für den feuerscheuen Benedix ein leidiger
Trost war.
Ob sich nun wohl Benedix völlig unschuldig wußte, so glaubte er doch
feste an den Binde- und Löseschlüssel seines Beichtigers, daß er auf die
Revision seines Prozesses in jener Welt gar nicht rechnete; und in dieser
Welt nochmals darauf zu provozieren, schreckte ihn die Furcht vor der
Folter ab. Darum legte er sich aufs Bitten, flehte seinen geistlichen Rhadamant
um Barmherzigkeit an und suchte von den Qualen des Fegfeuers
so viel abzudingen als möglich, wodurch sich denn der strenge
Pönitenziarius bewogen fand, ihn endlich nur bis an die Knie ins Feuerbad
zu versenken, wobei es sein Verbleiben hatte, denn aller Lamenten
ungeachtet, ließ er sich weiter keinen Zollbreit abhandeln.
Eben verließ der unerbittliche Sündenrüger den Kerker, nachdem er
dem trostlosen Delinquenten zum letzten Male gute Nacht gewünscht
hatte, als ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingang begegnete,
noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den Delinquenten in Freiheit
zu setzen, so auszuführen vermöchte, daß den Herren von Hirschberg
der Spaß nicht verdorben würde, einen Aktus ihrer verjährten
Kriminaljurisdiktion auszuüben, denn der Magistrat hatte sich durch
die sträckliche Gerechtigkeitspflege bei ihm in guten Kredit gesetzt. In
dem Augenblicke geriet er auf einen Einfall, der recht nach seinem
Sinne war. Er schlich dem Mönche ins Kloster nach, stahl aus der Kleiderkammer
ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab sich in Gestalt des
Bruders Graurock ins Gefängnis, welches ihm der Kerkermeister ehrerbietig
öffnete.
»Das Heil deiner Seele«, redete er den Gefangenen an, »treibt mich
nochmals hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Sag an, mein Sohn,
was hast du noch auf deinem Herzen und Gewissen, damit ich dich tröste.«
— »Ehrwürdiger Vater«, antwortete Benedix, »mein Gewissen
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beißt mich nicht; aber Euer Fegfeuer bangt und ängstigt mich und preßt
mir das Herz zusammen, als läg's zwischen den Daumenstöcken.«
Freund Rübezahl hatte von kirchlichen Lehrmeinungen sehr unvollständige
und verworrene Begriffe, daher war ihm die Querfrage: »Wie
meinst du das?« wohl zu verzeihen. »Ach«, gegenredete Benedix, »in
dem Feuerpfuhl bis an die Knie zu waten, Herr, das halt ich nicht aus!«
—»Narr«, versetzte Rübezahl, »so bleib davon, wenn dir das Bad zu
heiß ist.« Benedix ward an dieser Rede irre, sah dem Pfaffen starr ins
Gesicht, daß dieser merkte, er habe irgendeine Unschicklichkeit vorgebracht,
darum lenkte er ein: »Davon ein andermal; denkst du auch noch
an Klärchen? Liebst du sie noch als deine Braut? Und hast du ihr etwas
vor deiner Hinfahrt zu sagen, so vertrau es mir.« Benedix staunte bei
diesem Namen noch mehr, der Gedanke an sie, den er mit großer
Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu ersticken bemüht gewesen war,
wurde auf einmal wieder so heftig angefacht, besonders, da vom
Abschiedsgruße die Rede war, daß er überlaut anfing zu weinen und
zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermögend war. Diese
herzbrechende Gebärdung jammerte den mitleidigen Pfaffen also, daß
er beschloß, dem Spiel ein Ende zu machen. »Armer Benedix«, sprach
er, »gib dich zufrieden und sei getrost und unverzagt, du sollst nicht
sterben. Ich hab in Erfahrung gebracht, daß du unschuldig bist an dem
Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt hast, darum bin ich
gekommen, dich aus dem Kerker zu reißen und der Banden zu entledigen.«
Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. »Laß sehen«, fuhr er fort,
»ob er schließe.« Der Versuch gelang, der Entfesselte stund da frank
und frei, das Geschmeide fiel ab von Händen und Füßen. Hierauf
wechselte der gutmütige Pfaff mit ihm die Kleider und sprach: »Gehe
gemachsam wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor
der Tür des Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt
Weichbild hinter dir hast, dann schürze dich hurtig und schreite rüstig
zu, daß du gelangest ins Gebirge endlich, .und raste nicht, bis du in
Liebenau vor Klärchens Tür stehest, klopfe leise an, dein Liebchen harret
deiner mit ängstlichem Verlangen.«
Der gute Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, rieb sich die
Augen, zwickte sich in die Arme und Waden, um zu versuchen, ob er
wache oder schlafe, und da er inne ward, daß sich alles so verhalte, fiel
er seinem Befreier zu Fuß und umfing seine Knie, wollte eine Danksagung
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stammeln und lag da in stummer Freude, denn die Worte versagten
ihm. Der liebreiche Pfaff trieb ihn endlich fort und reichte ihm noch
ein Laib Brot und eine Knackwurst zur Zehrung auf den Weg. Mit
wankendem Knie schritt der Entledigte über die Schwelle des traurigen
Kerkers, fürchtete immer, erkannt zu werden. Aber sein ehrwürdiger
Rock gab ihm einen solchen Wohlgeruch von Frömmigkeit und
Tugend, daß die Wächter nichts von Delinquentenschaft darunter witterten.
Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein, horchte
auf jedes Rauschen des Windes und spähete jeden Fußtritt der Vorübergehenden.
Oft dünkte ihr, es rege sich was am Fensterladen, oder
es klinge der Pfortenring, sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch
die Luke, und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der
Nachbarschaft die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden
Tag; das Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmetten, das ihr
wie Todesruf und Grabeskiang tönte; der Wächter stieß zum letztenmal
ins Horn und weckte die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem
frühen Tagewerke. Klärchens Lämpchen fing an dunkel zu brennen,
weil's ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte sich mit jedem Augenblick
und ließ ihr nicht die herrliche Rose von guter Vorbedeutung bemerken,
die an dem klimmenden Docht brannte, sie saß auf ihrer Bettlade,
weinte bitterlich und erseufzete: »Benedix! Benedix! Was für ein
bänglicher Tag für dich und mich dämmert jetzt heran!« Sie lief ans
Fenster, ach! Blutrot war der Himmel nach Hirschberg hin und
schwarze Nebelwolken schwebten wie Trauerflor und Leichentücher
hin und wider am Horizonte. Ihre Seele bebte von diesem ahndungsvollen
Anblick zurück, sie sank in dumpfes Hinbrüten, und Totenstille
war um sie her.
Da pochte es dreimal leise an ihr Fenster, als ob sich's eignete. Ein froher
Schauer durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten
Schrei: denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: »Fein Liebchen, bist
du wach?« Husch war sie an der Tür: »Ach Benedix, bist du es oder
ist's dein Geist?«Wie sie aber den Bruder Graurock erblickte, sank sie
zurück und starb vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer
Arm, und der Kuß der Liebe, das große Mittel gegen alle hysterischen
Ohnmachten, brachte sie bald wieder ins Leben.
Nachdem die stumme Szene des Erstaunens und die Ergießungen der
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ersten freudigen Herzensgefühle vorüber waren, erzählte ihr Benedix
seine wunderbare Errettung aus dem peinlichen Kerker; doch die
Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und Ermattung.
Klärchen ging ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und nachdem
er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger, aber sie hatte nichts zum
Imbiß, als die Panazee der Liebenden, Salz und Brot, wobei sie voreilig
geloben, zufrieden und glücklich miteinander zu sein ihr Leben lang.
Da gedachte Benedix an seine Knackwurst, zog sie aus der Tasche und
wunderte sich baß, daß sie schwerer war als ein Hufeisen, brach sie
voneinander, siehe! da fielen eitel Goldstücken heraus, worüber Klärchen
nicht wenig erschrak, meinte, das Gold sei eine schändliche Rehquie
von dem Raube des Juden und Benedix sei nicht so unschuldig,
wie ihn der ehrsame Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen
war. Allein der truglose Gesell beteuerte höchlich, daß der fromme
Ordensmann ihm diesen verborgenen Schatz vermutlich als eine
Hochzeitsgabe verliehen habe, und sie glaubte seinen Worten. Darauf
segneten beide mit dankbarem Herzen den edelmütigen Wohltäter,
verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo Meister Benedix mit
Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein wohlbehaltner Mann in
friedlicher Ehe bei reichem Kindersegen lebte.
Inder frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den
Finger ihres Buhlen am Fenster vermerkte, klopfte auch in Hirschberg
ein Finger an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock,
der, vom frommen Eifer aufgeweckt, den Anbruch des Tages kaum erwarten
konnte, die Bekehrung des armen Sünders zu vollenden, und
ihn als einen halben Heiligen dem gewaltsamen Arm des Henkers zu
überantworten. Rübezahl hatte einmal die Delinquentenrolle übernommen
und war entschlossen, sie zur Ehre der Justiz rein auszuspielen.
Er schien wohlgefaßt zum Sterben zu sein, und der fromme Mönch
freute sich darüber und erkannte diese Standhaftigkeit alsbald für die
gesegnete Frucht seiner Arbeit an der Seele des armen Sünders, darum
ermangelte er nicht, ihn in dieser Gemütsfassung durch seinen geistlichen
Zuspruch zu erhalten, und beschloß seinen Sermon mit dem tröstlichen
Weihespruch: »Soviel Menschen du bei deiner Ausführung erblicken
wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, siehe, soviel Engel
stehen schon bereit, deine Seele in Empfang zu nehmen und sie einzuführen
ins schöne Paradeis.«Darauf ließ er ihn der Fesseln entledigen,
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wollte ihn Beichte hören und dann absolvieren; doch fiel ihm ein, vorher
noch die gestrige Lektion zu rekapitulieren, damit der arme Sünder
unterm Galgen, im geschlossenen Kreise, sein Glaubensbekenntnis frei
und ohne Anstoß zur Erbauung der Zuschauer hersagen möchte. Aber
wie erschrak der Ordensmann, da er inne ward, daß der ungelehrige
Delinquent sein Credo die Nacht über völlig ausgeschwitzt hatte! Der
fromme Mönch war gänzlich der Meinung, der Satanas sei hier im Spiel
und wolle dem Himmel die gewonnene Seele entreißen, darum fing er
kräftig an zu exorzisieren; aber der Teufel wollte sich nicht austreiben
und das Credo nicht in des Malefikanten Kopf hineinzwingen lassen.
Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafür, daß
es nun an der Stunde sei, den Leib zu töten, und kümmerte sich nicht
weiter um den Seelenzustand seines Schlachtopfers. Ohne der Exekution
länger Aufschub zu gestatten, wurde der Stab gebrochen, und obwohl
Rübezahl als ein verstockter Sünder ausgeführt wurde, so unterwarf
er sich doch allen übrigen Formalitäten der Hinrichtung ganz
willig. Wie er von der Leiter gestoßen wurde, zappelte er am Strange
nach Herzenslust und trieb das Spiel so arg, daß dem Henker dabei übel
zumute ward, denn es erhob sich ein plötzliches Getöse im Volk und
einige schrien, man solle den Hangmann steinigen, weil er den armen
Sünder über die Gebühr martere. Um also Unglück zu verhüten,
streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an, als sei er tot. Da sich
aber das Volk verlaufen hatte und nachher einige Leute in der Gegend
des Hochgerichts hin- und herwandelten, aus Vorwitz hinzutraten und
den Kadaver beschauen wollten, fing der Scherztreiber am Galgen sein
Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche
Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt ein Gerücht um,
der Gehangene könne nicht ersterben und tanze noch immer am Hochgericht,
welches den Senat bewog, des morgens in aller Frühe durch
einige Deputierten die Sache genau untersuchen zu lassen. Wie sie nun
dahin kamen, fanden sie nichts als ein Wischlein Stroh am Galgen mit
alten Lumpen bedeckt, als man pflegt in die Erbsen zu stellen, die genäschigen
Spatzen damit zu scheuchen. Worüber sich die Herren von
Hirschberg baß wunderten, ließen in aller Stille den Strohmann abnehmen
und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit den leichten
Schneider vom Galgen über die Grenze geweht.
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Dritte Legende
Nicht immer war Rübezahl bei der Laune, denen, die er durch seine
Neckereien in Schaden und Nachteil gebracht hatte, einen so edelmütigen
Ersatz zu geben; oft machte er nur den Plagegeist aus boshafter
Schadenfreude und kümmerte sich wenig darum, ob er einen Schurken
oder einen Biedermann foppte. Oft gesellte er sich zu einem einsamen
Wanderer als Geleitsmann, führte unvermerkt den Fremdling irre, ließ
ihn an dem Absturz einer Bergzinne oder in einem Sumpfe stehen und
verschwand mit höhnendem Gelächter. Zuweilen erschreckte er die
furchtsamen Marktweiber durch abenteuerliche Gestalten wildfremder
chimärischer Tiere, welches Blendwerk zu dem scherzhaften Irrtum
Anlaß gegeben, daß neuerlich unser Produktensammler, unter Büschings
Firma, den leibhaften Rübezahl mit unter Europens Produkte
aufgenommen hat: denn das leopardenähnliche Tier, das sich zuzeiten
im sudetischen Gebirge soll sehen lassen, von den Butterweibern
Rysow genannt, ist nichts anderes als ein Phantom vom Rübezahl.
Oft lähmte er dem Reisigen das Roß, daß es nicht von der Stelle konnte,
zerbrach den Fuhrleuten ein Rad oder eine Achse am Wagen, ließ vor
ihren Augen ein abgerissenes Felsenstück in einen Hohlweg hinabrollen,
das sie mit unendlicher Mühe auf die Seite räumen mußten, um sich
freie Bahn zu machen. Oft hielt eine unsichtbare Kraft einen ledigen
Wagen, daß sechs rasche Pferde ihn nicht fortzuziehen vermochten,
und ließ der Fuhrmann merken, daß er eine Neckerei von Rübezahl
wähne, oder brach er aus Unwillen in Schmähungen gegen den Berggeist
aus, so hatte er ein Hornissenheer, das die Pferde wütig machte,
einen Steinhagel oder eine reichhaltige Bastonade von unsichtbarer
Hand zu erwarten.
Mit einem alten Schäfer, der ein gerader, treuherziger Mann war, hatte
er Bekanntschaft gemacht und so gar eine Art von vertraulicher
Freundschaft errichtet, er gestattete ihm mit der Herde bis an die Hecken
seiner Gärten zu treiben, welches ein anderer nicht hätte waghalsen
dürfen. Der Geist hörte dem Graukopf bisweilen mit eben dem Vergnügen
zu, wenn ihm dieser seinen unbedeutenden Lebenslauf erzählte,
als Hanns Hubrigs Biograph die Leiden und Freuden dieses alten
sächsischen Bauern verschlang, obgleich Rübezahl diese Geschichten
nicht so ekelhaft wie jener wiederkäuete. Dem ungeachtet versah's
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der Alte doch einmal. Da er eines Tages nach Gewohnheit seine Herde
in des Gnomen Gehege trieb, brachen einige Schafe durch die Hecken
und weideten auf den Grasplätzen des Gartens, darüber ergrimmete
Freund Rübezahl dergestalt, daß er alsbald ein panisches Schrecken auf
die Herde fallen ließ, sie in wildem Getümmel den Berg herabscheuchte,
wodurch sie größtenteils verunglückten, und der Nahrungsstand
des alten Schäfers in solchen Verfall kam, daß er sich darüber
zu Tode grämte.
Ein Arzt aus Schmiedeberg, der auf dem Riesengebirge zu botanisieren
pflegte, genoß gleichfalls zuweilen die Ehre, mit seiner prahlerischen
Gesprächigkeit den Gnomen unbekannterweise zu unterhalten, der
bald als Holzhauer, bald als Reisender sich zu ihm fand und den
Schmiedeberger Äskulap seine Wunderkuren mit Vergnügen sich vordozieren
ließ. Er war zuzeiten so gefällig, das schwere Kräuterbündel
ihm ein gut Stück Weges nachzutragen und ihm manche noch unbekannte
Heilkräfte derselben kundzumachen. Der Arzt, der sich in der
Kräuterkunde weiser dünkte als ein Holzhauer, empfand diese Belehrung
übel und sprach mit Unwillen: »Der Schuster soll bei seinem Leisten
bleiben und der Holzhauer soll den Arzt nicht lehren. Weil du aber
der Kräuter und Pflanzen kundig bist, vom Isop an, der auf der Mauer
wächst, bis auf die Zeder zu Libanon: so sag mir doch, du weiser Salomon,
was war eher, die Eichel oder der Eichbaum?« Der Geist antwortete:
»Doch wohl der Baum, denn die Frucht kommt vom Baume.« —
»Narr«, sprach der Arzt, »wo kam denn der erste Baum her, wenn er
nicht aus dem Samen sproßte, der in der Frucht verschlossen liegt?«Der
Holzhauer erwiderte: »Das ist, seh ich, eine Meisterfrage, die mir schier
zu hoch ist. Aber ich will Euch auch eine Frage vorlegen: wem gehört
dieser Erdengrund zu, darauf wir stehen, dem König von Böhmen oder
dem Herrn vom Berge?« So nannten die Nachbarn den Berggeist,
nachdem sie waren gewitzigt worden, daß der Name Rübezahl im
Gebirge konterband war und nur Stöße und blaue Mäler einbrachte.
Der Arzt bedachte sich nicht lange: »Ich vermeine, dieser Grund und
Boden gehöre meinem Herrn dem König von Böhmen zu, denn Rübezahl
ist ja nur ein Hirngespinst, ein Nonsens oder Popanz, die Kinder
damit fürchten zu machen.« Kaum war das Wort aus seinem Munde,
so verwandelte sich der Holzhauer in einen scheußlichen Riesen mit
feuerfunkelnden Augen und wütiger Gebärde, schnauzte den Arzt
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grimmig an und sprach mit rauher Stimme: »Hier ist Rübezahl, der dich
nonsensen wird, daß dir sollen die Rippen krachen«, erwischte ihn darauf
beim Kragen, rannte ihn gegen die Bäume und Felsenwände, riß
und warf ihn hin und her, wie der Teufel dem Doktor Faust weiland
in der Komödie tät, schlug ihm letztlich ein Aug aus, und ließ ihn für
tot auf dem Platze liegen, daß sich der Arzt nachher hoch vermaß, nie
wieder ins Gebirge botanisieren zu gehen.
So leicht war's, Rübezahls Freundschaft zu verscherzen, aber ebenso
leicht war's, sie zu gewinnen. Einem Bauer in der Amtspflege Reichenberg
hatte ein böser Nachbar sein Hab und Gut abgerechtet, und nachdem
sich die Justiz seiner letzten Kuh bemächtigt hatte, blieb ihm
nichts übrig als ein abgehärmtes Weib und ein halb Dutzend Kinder,
davon er gern den Gerichten die Hälfte für sein letztes Stückchen Vieh
verpfändet hätte. Zwar gehörten ihm noch ein paar rüstige gesunde
Arme zu, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen davon
zu nähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach
Brot schrien und er nichts hatte, ihren quälenden Hunger zu stillen.
»Mit hundert Talern«, sprach er zu dem kummervollen Weibe, »wär
uns geholfen, unsern zerfallenen Haushalt wieder anzurichten und fern
von dem streitsüchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen, du
hast reiche Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsre
Not klagen, vielleicht, daß sich einer erbarmet und aus gutem Herzen
von seinem Überfluß uns auf Zinsen leiht, so viel wir bedürfen.«
Das niedergedrückte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines
glücklichen Erfolgs in diesen Vorschlag, weil sie keinen besseren
wußte. Der Mann aber gürtete frühe seine Lenden, und indem er Weib
und die Kinder verließ, sprach er ihnen Trost ein: »Weinet nicht! Mein
Herz sagt es mir, ich werde einen Wohltäter finden, der uns förderlicher
sein wird als die vierzehn Nothelfer, zu welchen ich so oft vergeblich
gewallfahrtet bin.« Hierauf steckte er eine harte Brotrinde zur
Zehrung in die Tasche und ging davon. Müd und matt von der Hitze
des Tages und dem weiten Wege gelangte er zur Abendzeit in dem
Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner wollt ihn kennen,
keiner wollt ihn herbergen. Mit heißen Tränen klagte er ihnen sein
Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf, kränkten den
armen Mann mit Vorwürfen und beleidigenden Sprichwörtern. Einer
sprach: »Junges Blut, spar dein Gut«; der andere: »Hoffart kommt vor
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dem Fall«; der dritte: »Wie du's treibst, so geht's«; der vierte: »Jeder
ist seines Glückes Schmied«. So höhnten und spotteten sie seiner,
nannten ihn einen Prasser und Faulenzer, und endlich stießen sie ihn
gar zur Tür hinaus. Einer solchen Aufnahme hatte sich der arme Vetter
von der reichen Sippschaft seines Weibes nicht versehen, stumm und
traurig schlich er aus dem Dorfe, und weil er nichts hatte, das Schlafgeld
in der Herberge zu bezahlen, mußte er auf einem Heuschober im Felde
übernachten. Hier erwartete er ratlos des zögernden Tages, um sich auf
den Heimweg zu begeben.
Da er nun wieder ins Gebirge kam, übernahm ihn Harm und Bekümmernis
so sehr, daß er der Verzweiflung nahe war. Zwei Tage Arbeitslohn
verloren, dacht er bei sich selber, matt und entkräftet von Gram
und Hunger, ohne Trost, ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst
und die sechs armen Würmer dir entgegenschmachten, ihre Hände aufheben,
von dir Labsal zu begehren und du für einen Bissen Brot ihnen
einen Stein bieten mußt, Vaterherz! Vaterherz! Wie kannst du's tragen!
Brich entzwei, armes Herz, eh du diesen Jammer fühlest! Hierauf warf
er sich unter einen Schlehenbusch, seinen schwermütigen Gedanken
weiter nachzuhängen.
Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Kräfte
anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, jede Hirnfaser aufund
niederläuft, alle Winkel der Phantasie durchspähet, Schutz oder
Frist für den hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem
Bootsmanne, der sein Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinauf
rennt, sich in den Mastkorb zu bergen, oder, wenn er unterm Verdeck
ist, aus der Luke springt, in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige
Tonne zu erhaschen, um sich über Wasser zu halten: so verfiel
unter tausend nichtigen Anschlägen und Einfällen der trostlose Veit auf
den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in seinem Anliegen zu
wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm gehört, wie
er zuweilen die Reisenden getrillt und gehudelt, ihnen manchen Ton
und Dampf angetan, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe. Es war
ihm nicht unbekannt, daß er sich bei seinem Spottnamen nicht ungestraft
rufen lassen, dennoch wußte er ihm auf keine andre Weise beizukommen:
also wagte er's auf eine Prügelei und rief, so sehr er konnte:
»Rübezahl!
Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem rußigen Köhler
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mit einem fuchsroten Barte, der bis an den Gürtel reichte, feurigen
stieren Augen, und war mit einer Schürstange bewaffnet, gleich einem
Weberbaum, die er mit Grimm erhob, den frechen Spötter zu erschlagen.
»Mit Gunst, Herr Rübezahl«, sprach Veit ganz unerschrocken,
»verzeiht, wenn ich Euch nicht recht tituliere, hört mich nur an, dann
tut, was Euch gefällt.« Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene
des Mannes, die weder auf Mutwillen noch Vorwitz deutete, besänftigten
den Zorn des Geistes in etwas: »Erdenwurm«, sprach er, »was
treibt dich, mich zu beunruhigen? Weißt du auch, daß du mir mit Hals
und Kragen für deinen Frevel büßen mußt?« — »Herr«, antwortete
Veit, »die Not treibt mich zu Euch, hab eine Bitte, die Ihr mir leicht
gewähren könnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich zahl sie Euch
mit landüblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich ehrlich bin!«
—»Tor«, sprach der Geist, »bin ich ein Wucherer, der auf Zinsen leiht?
Geh hin zu deinen Menschenbrüdern und borge da, so viel dir nottut,
mich aber laß in Ruh.« — »Ach!« erwiderte Veit, »mit der Menschenbrüderschaft
ist's aus! Auf mein und dein gilt keine Brüderschaft.«
Hierauf erzählte er ihm seine Geschichte nach der Länge und schilderte
ihm sein drückendes Elend so rührend, daß ihm der Gnome seine Bitte
nicht versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid
verdient hätte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein
Kapital zu leihen, so neu und sonderbar, daß er um des guten Zutrauens
willen geneigt war, des Mannes Bitte zu gewähren. »Komm, folge mir«,
sprach er und führte ihn darauf waldeinwärts in ein abgelegenes Tal zu
einem schroffen Felsen, dessen Fuß ein dichter Busch bedeckte. Nachdem
sich Veit nebst seinem Begleiter mit Mühe durchs Gesträuche gearbeitet
hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren Höhle. Dem
guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen
mußte; es lief ihm ein kalter Schauer nach dem andern den Rücken
herab, und seine Haare sträubten sich empor. Rübezahl hat schon manchen
betrogen, dacht er, wer weiß, was für ein Abgrund mir vor den
Füßen liegt, in den ich beim nächsten Schritt hinabstürze; dabei hörte
er ein fürchterliches Brausen als eines Tagewassers, das sich in den tiefen
Schacht ergoß. Je weiter er fortschritt, je mehr engten ihm Furcht
und Grausen das Herz ein. Doch bald sah er zu seinem Trost in der
Ferne ein blaues Flämmchen hüpfen, das Berggewölbe erweiterte sich
zu einem geräumigen Saale, das Flämmchen brannte hell und schwebte
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als ein Hangeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf dem Pflaster
derselben fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit eitel
harten Talern bis an den Rand gefüllt. Da Veit den Goldschatz erblickte,
schwand alle seine Furcht dahin, und das Herz hüpfte ihm vor
Freuden. »Nimm«, sprach der Geist, »was du bedarfst, es sei wenig
oder viel, nur stelle mir einen Schuldbrief aus, wofern du der Schreiberei
kundig bist.« Der Schuldner bejahte das und zählte sich gewissenhaft
die hundert Taler zu, nicht einen mehr und keinen weniger. Der
Geist schien auf das Zahlungsgeschäfte gar nicht zu achten, drehte sich
weg und suchte indes sein Schreibmaterial hervor. Veit schrieb den
Schuldbrief so bündig ihm das möglich war; der Gnome schloß solchen
in einen eisernen Schatzkasten und sagte zum Abschied: »Zieh hin,
mein Freund, und nütze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergiß nicht,
daß du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang in das Tal und
diese Felsenkluft genau. Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du
mir Kapital und Zins zurück; ich bin ein strenger Gläubiger, hältst du
nicht ein, so fordr' ich es mit Ungestüm.« Der ehrliche Veit versprach,
auf den Tag gute Zahlung zu leisten, versprach es mit seiner biedern
Hand, doch ohne Schwur; verpfändete nicht seine Seele und Seligkeit,
wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit dankbarem Herzen
von seinem Schuldherrn in der Felsenhöhle, aus der er leicht den Ausgang
fand.
Die hundert Taler wirkten bei ihm so mächtig auf Seel und Leib, daß
ihm nicht anders zumute war, da er das Tageslicht wieder erblickte, als
ob er Balsam des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig
und gestärkt an allen Gliedern schritt er nun seiner Wohnung zu und
trat in die elende Hütte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald
ihn die abgezehrten Kinder erblickten, schrien sie ihm einmütig entgegen:
»Brot, Vater! Einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen.«
Das abgehärmte Weib saß in einem Winkel und weinte, fürchtete nach
der Denkungsart der Kleinmütigen das Schlimmste und vermutete, daß
der Ankömmling eine traurige Litanei anstimmen werde. Er aber bot
ihr freundlich die Hand, hieß ihr Feuer anschüren auf dem Herde, denn
er trug Grütze und Hirse aus Reichenberg im Zwerchsack, davon die
Hausmütter einen steifen Brei kochen mußte, daß der Löffel innen
stand. Nachher gab er ihr Bericht von dem guten Erfolg seines
Geschäftes. »Deine Vettern«, sprach er, »sind gar rechtliche Leute, sie
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haben mir nicht meine Armut vorgerückt, haben mich nicht verkannt
oder mich schimpflich vor der Tür abgewiesen; sondern mich freundlich
beherbergt, Herz und Hand mir eröffnet und hundert bare Taler
vorschußweise auf den Tisch gezählt.« Da fiel dem guten Weibe ein
schwerer Stein vom Herzen, der sie lange gedrückt hatte. »Wären wir«,
sagte sie, »eher vor die rechte Schmiede gegangen, so hätten wir uns
manchen Kummer ersparen können.« Hierauf rühmte sie ihre Verwandtschaft,
von der sie sich vorher so wenig Gutes versehen hatte, und
tat recht stolz auf die reichen Vettern.
Der Mann ließ ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer
Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufhörte, von den reichen
Vettern zu kosen, und das viele Tage so antrieb, wurde Veit des
Lobposaunens der Geizdrachen satt und müde und sprach zum Weibe:
»Als ich vor der rechten Schmiede war, weißt du, was mir der Meister
Schmied für eine weise Lehre gab?« Sie sprach: »Welche?« — »Jeder,
sagt' er, sei seines Glückes Schmied, und man müsse das Eisen schmieden,
weil's heiß sei, drum laß uns nun die Hände rühren und unserm
Beruf fleißig obliegen, daß wir was vor uns bringen, in drei Jahren den
Vorschuß nebst den Zinsen abzahlen können und aller Schuld quitt und
ledig sein.« Drauf kaufte er einen Acker und einen Heuschlag, dann
wieder einen und noch einen, dann eine ganze Hufe, es war ein Segen
in Rübezahis Gelde, als wenn ein Hecktaler drunter wäre. Veit säete
und erntete, wurde schon für einen wohlhabenden Mann im Dorfe gehalten,
und sein Säckel vermochte noch immer ein klein Kapital zur
Erweiterung seines Eigentums. Im dritten Sommer hatte er schon zu
seiner Hufe ein Herrengut gepachtet, das ihm reichen Gewinn brachte;
kurz, er war ein Mann, dem alles, was er tat, zu gutem Glück gedieh.
Der Zahlungstermin kam nun heran, und Veit hatte so viel erübrigt,
daß er ohne Beschwerde seine Schuld abtragen konnte; er legte das
Geld zurechte, und auf den bestimmten Tag war er früh auf, weckte
das Weib und alle seine Kinder, hieß sie waschen und kämmen und ihre
Sonntagskleider anziehen, auch die neuen Schuhe und die scharlachenen
Mieder und Brusttücher, die sie noch nicht auf den Leib gebracht
hatten. Er selbst holte seinen Gottestischrock herbei und rief zum Fenster
hinaus: »Hanns, spann an!« — »Mann, was hast du vor?«frug die
Frau, »es ist heute weder Feiertag noch ein Kirchweihfest, was macht
dich so guten Mutes, daß du uns ein Wohlleben bereitet hast, und wo
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gedenkest du uns hinzuführen?« Er antwortete: »Ich will mit euch die
reichen Vettern jenseits des Gebirges heimsuchen und dem Gläubiger,
der mir durch seinen Vorschub wieder aufgeholfen hat, Schuld und
Zins bezahlen, denn heute ist der Zahltag.« Das gefiel der Frau wohl,
sie putzte sich und die Kinder stattlich heraus, und damit die reichen
Vettern eine gute Meinung von ihrem Wohlstande bekämen und sich
ihrer nicht schämen dürften, band sie eine Schnur gekrümmter Dukaten
um den Hals. Veit rüttelte den schweren Geldsack zusammen, nahm
ihn zu sich, und da alles in Bereitschaft war, saß er auf mit Frau und
Kind. Hanns peitschte die vier Hengste an, und sie trabten mutig über
das Blachfeld nach dem Riesengebirge zu.
Vor einem steilen Hohlwege ließ Veit den Rollwagen halten, stieg ab
und hieß den andern gleiches tun, dann gebot er dem Knechte: »Hanns,
fahr gemachsam den Berg hinan, oben bei den drei Linden sollst du unser
warten, und ob wir auch verziehen, so laß dich's nicht auf echten,
laß die Pferde verschnauben und einstweils grasen, ich weiß hier einen
Fußpfad, er ist etwas um, doch lustig zu wandeln!« Darauf schlug er
sich in Geleitschaft des Weibes und der Kinder waldein durch dicht
verwachsenes Gebüsche und spekulierte hin und her, daß die Frau
meinte, ihr Mann habe sich verirrt, ermahnte ihn darum, zurückzukehren
und der Landstraße zu folgen. Veit aber stund plötzlich still, versammelte
seine sechs Kinder um sich her und redete also: »Du wähnst,
liebes Weib, daß wir zu deiner Verwandtschaft ziehen, dahin steht jetzt
nicht mein Sinn. Deine reichen Vettern sind Knauser und Schurken,
die, als ich weiland in meiner Armut Trost und Zuflucht bei ihnen
suchte, mich gefoppt, gehöhnt und mit Übermut von sich gestoßen haben.
—Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unsern Wohlstand verdanken,
der mir aufs Wort das Geld geliehen, das in meiner Hand so
wohl gewuchert hat. Auf heute hat er mich herbeschieden, Zins und
Kapital ihm wieder zu erstatten. Wißt ihr nun, wer unser Schuldherr
ist? Der Herr vom Berge, Rübezahl genannt!« Das Weib entsetzte sich
heftig über dieser Rede, schlug ein großes Kreuz vor sich, und die Kinder
bebten und gebärdeten sich ängstlich vor Furcht und Schrecken, daß
sie der Vater zu Rübezahl führen wollte. Sie hatten viel in den Spinnstuben
von ihm gehört, daß er sei ein scheußlicher Riese und Menschenfresser.
Veit aber erzählte ihnen sein ganzes Abenteuer, wie ihm
der Geist in Gestalt eines Köhlers auf sein Rufen erschienen sei und was
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er mit ihm verhandelt habe in der Höhle, pries seine Mildtätigkeit mit
dankbarem Herzen und so inniger Rührung, daß ihm die warmen Tränen
über die freundlichen rotbraunen Backen herabträufelten. »Verzieht
hier«, fuhr er fort, »jetzt geh ich in die Höhle, mein Geschäft auszurichten.
Fürchtet nichts, ich werde nicht lange sein, und wenn ich's
vom Gebirgsherrn erlangen kann, so bring ich ihn zu euch. Scheuet
euch nicht, eurem Wohltäter treuherzig die Hand zu schütteln, ob sie
gleich schwarz und rußig ist, er tut euch nichts zuleide und freut sich
seiner guten Tat und unsers Danks gewiß! Seid nur beherzt, er wird
euch goldne Äpfel und Pfeffernüsse austeilen.«
Ob nun gleich das bängliche Weib viel gegen die Wallfahrt in die Felsenhöhle
einzuwenden hatte und auch die Kinder jammerten und
weinten, sich um den Vater herlagerten, und da er sie auf die Seite
schob, ihn an den Rockfalten zurückzuziehen sich anstemmten, so riß
er sich doch mit Gewalt von ihnen in den dichtverwachsenen Busch und
gelangte zu dem wohlbekannten Felsen. Er fand alle Merkzeichen der
Gegend wieder, die er sich wohl ins Gedächtnis geprägt hatte; die alte
halberstorbene Eiche, an deren Wurzel die Kluft sich öffnete, stund
noch, wie sie vor drei Jahren gestanden hatte, doch von einer Höhle
war keine Spur mehr vorhanden. Veit versuchte es auf alle Weise, sich
den Eingang in den Berg zu eröffnen, er nahm einen Stein, klopfte an
den Felsen, er solle, meint' er, sich auftun; er zog den schweren Geldsack
hervor, klingelte mit den harten Talern und rief, so laut er nur
konnte: »Geist des Gebirges nimm hin, was dein ist«; doch der Geist
ließ sich weder hören noch sehen. Also mußte sich der ehrliche Schuldner
entschließen, mit seinem Säckel wieder umzukehren. Sobald ihn das
Weib und die Kinder von ferne erblickten, eilten sie ihm freudenvoll
entgegen; er aber war mißmutig und sehr bekümmert, daß er seine
Zahlung nicht an die Behörde abliefern konnte, setzte sich zu den Seinen
auf den Rasenrain und überlegte, was nun zu tun sei. Da fiel ihm
sein altes Wagestück wieder ein: »Ich will«, sprach er, »den Geist bei
seinem Ekelnamen rufen, wenn's ihn auch verdrießt, mag er mich
bläuen und zausen, wie er Lust hat, wenigstens hört er auf diesen Ruf
gewiß«, schrie darauf aus Herzenskraft: »Rübezahl! Rübezahl!« Das
angstvolle Weib bat ihn zu schweigen, wollte ihm den Mund zuhalten:
er ließ sich nicht wehren und trieb's immer ärger. Plötzlich drängte sich
jetzt der jüngste Bube an die Mutter heran, schrie bänglich: »Ach, der
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schwarze Mann!« Getrost frug Veit: »Wo?« — »Dort lauscht er hinter
jenem Baume hervor«, und alle Kinder krochen in einen Haufen zusammen,
bebten vor Furcht und schrien jämmerlich. Der Vater blickte
hin und sah nichts, es war Täuschung, nur ein leerer Schatten, kurz,
Rübezahl kam nicht zum Vorschein, und alles Rufen war umsonst.
Die Familienkarawane trat nun den Rückweg an und Vater Veit ging
ganz betrübt und schwermütig auf der breiten Landstraße vor sich hin.
Da erhob sich vom Walde her ein sanftes Rauschen in den Bäumen, die
schlanken Birken neigten ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen
zitterte, das Brausen kam näher und der Wind schüttelte die weitausgestreckten
Äste der Steineichen, trieb dürres Laub und Grashalme vor
sich her, kräuselte im Wege kleine Staubwolken empor, an welchem artigen
Schauspiel die Kinder, die nicht mehr an Rübezahl dachten, sich
belustigten und nach den Blättern haschten, womit der Wirbelwind
spielte. Unter dem dürren Laube wurde auch ein Blatt Papier über den
Weg geweht, auf das der kleine Geisterseher Jagd machte; doch sobald
er darnach griff, hob es der Wind auf und führte es weiter, daß er's nicht
erlangen konnte. Drum warf er seinen Hut darnach, der's endlich bedeckte;
weil's nun ein schöner weißer Bogen war und der ökonomische
Vater jede Kleinigkeit in seinem Haushalt zu nutzen pflegte, so brachte
ihm der Knabe den Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als
dieser das zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es
wär, fand er, daß es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt
hatte, von oben herein zerrissen und unten stund geschrieben: zu
Dank bezahlt.
Wie das Veit inne ward, rührt's ihm tief in der Seele, und er rief mit
freudigem Entzücken: »Freue dich, liebes Weib, und ihr Kinder allesamt
freuet euch; er hat uns gesehn, hat unsern Dank gehört, unser guter
Wohltäter, der uns unsichtbar umschwebte, weiß, daß Veit ein ehrlicher
Mann ist. Ich bin meiner Zusage quitt und ledig, nun laßt uns
mit frohem Herzen heimkehren.« Eltern und Kinder weinten noch
viele Tränen der Freude und des Dankes, bis sie wieder zu ihrem Fuhrwerk
gelangten, und weil die Frau groß Verlangen trug, ihre Verwandtschaft
heimzusuchen, um durch ihren Wohlstand die filzigen
Vettern zu beschämen, denn der Bericht des Mannes hatte ihre Galle
gegen die Knauser rege gemacht: so rollten sie frisch den Berg hinab,
gelangten in der Abendstunde in die Dorfschaft und hielten bei dem
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nämlichen Bauernhof an, aus dem Veit vor drei Jahren war herausgestoßen
worden. Er pochte diesmal ganz herzhaft an und frug nach dem
Wirte. Es kam ein unbekannter Mann zum Vorschein, der gar nicht zur
Freundschaft gehörte; von diesem erfuhr Veit, daß die reichen Vettern
ausgewirtschaftet hatten. Der eine war gestorben, der andere verdorben,
der dritte davongegangen, und ihre Stätte ward nicht mehr gefunden
in der Gemeine.
Veit übernachtete nebst seiner Rollwagengesellschaft bei dem gastfreien
Hauswirt, der ihm und seinem Weibe das alles weitläufiger erzählte,
kehrte Tags darauf in seine Heimat und an seine Berufsgeschäfte
zurück, nahm zu an Reichtum und Gütern und blieb ein rechtlicher und
wohlbehaltner Mann sein Lebelang.
Vierte Legende
So sehr sich's auch des Gnomen Günstling hatte angelegen sein lassen,
den wahren Ursprung seines Glücks zu verhehlen, um nicht ungestüme
Nachläufer anzureizen, den gebirgischen Patron um ähnliche Spenden
mit dreister Zudringlichkeit zu überlaufen, so wurde die Sache doch
endlich ruchbar; denn, wenn das Geheimnis des Mannes der Frau zwischen
den Lippen schwebt, weht es das kleinste Lüftchen fort wie eine
Seifenblase vom Strohhalm. Veitens Frau vertraut's einer verschwiegenen
Nachbarin, diese ihrer Gevatterin, diese ihrem Herrn Paten, dem
Dorfbarbier, und der allen seinen Bartkunden, so kam's im Dorfe und
nachher im ganzen Kirchspiel herum. Da spitzten die verdorbenen
Hauswirte, die Lungerer und Müßiggänger das Ohr, zogen scharenweise
in das Gebirge, bedrängten den Gnomen, hoben an ihn zu zitieren
und zu beschwören; zu ihnen gesellten sich die Schatzgräber und
Landfahrer, die das Gebirge durchkreuzten, allenthalben einschlugen
und den Schatz in der Braupfanne zu heben vermeinten. Rübezahl ließ
sie eine Zeitlang ihr Wesen treiben, wie sie Lust hatten, achtet's der
Mühe nicht wert, sich über die Gauche zu erzürnen, trieb nur seinen
Spott mit ihnen, ließ zur Nachtzeit da und dort ein blaues Flämmchen
auflodern, und wenn die Laurer kamen, ihre Mützen und Hüte drauf
warfen, ließ er sie manchen schweren Geldtopf ausgraben, den sie mit
Freuden heimtrugen, neun Tage lang stillschweigend verwahrten, und
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wenn sie nun hinkamen, den Schatz zu besehen, fanden sie Stank und
Unrat im Topf oder Scherben und Steine. Gleichwohl ermüdeten sie
nicht, das alte Spiel wieder anzuheben und neuen Unfug zu treiben.
Darüber wurde der Geist endlich unwillig, stäupte das lose Gesindel
durch einen kräftigen Steinhagel aus seinem Gebiete hinaus und wurde
gegen alle Wanderer so barsch und grämisch, daß keiner ohne Furcht
das Gebirge betrat, auch selten ohne Staupe entrann, und der Name
Rübezahl wurde nicht mehr gehört im Gebirge bei Menschengedenken.
Eines Tages sonnte sich der Geist an der Hecke seines Gartens, da kam
ein Weiblein ihres Weges daher in großer Unbefangenheit, die durch
ihren sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte
ein Kind an der Brust liegen, eins trug sie an dem Rücken, eins leitete
sie an der Hand, und ein etwas größrer Knabe trug einen ledigen Korb
nebst einem Rechen, denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden.
Eine Mutter, dachte Rübezahl, ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf,
schleppt sich mit vier Kindern und wartet dabei ihres Berufs ohne Murren,
wird sich noch mit der Bürde des Korbes belasten müssen: das
heißt die Freuden der Liebe teuer bezahlen! Diese Betrachtung versetzte
ihn in eine gutmütige Stimmung, die ihn geneigt machte, sich mit
der Frau in eine Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre Kinder auf
den Rasen, streifte Laub von den Büschen, indes wurde den Kleinen
die Zeit lang und sie fingen an heftig zu schreien. Alsbald verließ die
Mutter ihr Geschäfte, spielte und tändelte mit den Kindern, nahm sie
auf, hüpfte mit ihnen singend und scherzend herum, wiegte sie in Schlaf
und ging wieder an ihre Arbeit.
Bald darauf stachen die Mücken die kleinen Schläfer; sie fingen ihre
Symphonien von neuem an; die Mutter wurde darüber nicht ungeduldig,
sie lief ins Holz, pflückte Erdbeere und Himbeere, und legte das
kleinste Kind an die Brust. Diese mütterliche Behandlung gefiel dem
Gnomen ungemein wohl. Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter
Rücken ritt, wollte sich durch nichts befriedigen lassen, war ein
störrischer, eigensinniger Junge, der die Erdbeere, die ihm die liebreiche
Mutter darreichte, von sich warf und dazu schrie, als wenn er gespießt
wär. Darüber riß ihr doch endlich die Geduld aus: »Rübezahl«,
rief sie, »komm und friß mir den Schreier.«Augenblicks versichtbarte
sich der Geist in der Köhlergestalt, trat zum Weibe und sprach: »Hie
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bin ich, was ist dein Begehr?« Die Frau geriet über diese Erscheinung
in großen Schrecken, wie sie aber ein frisches herzhaftes Weib war,
sammelte sie sich bald und faßte Mut. »Ich rief dich nur«, sprach sie,
»meine Kinder schweigen zu machen, nun sie ruhig sind, bedarf ich
deiner nicht, sei bedankt für deinen guten Willen.« —»Weißt du auch«,
gegenredete der Geist, »daß man mich hier ungestraft nicht ruft? Ich
halte dich beim Wort, gib mir deinen Schreier, daß ich ihn fresse, so
ein leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen.« Drauf streckte
er die rußige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen.
Wie eine Gluckhenne, wenn der Weih hoch über dem Dache in den
Lüften schwebt oder der schäkerhafte Spitz auf dem Hofe hetzt, mit
ängstlichen Glucksen vorerst ihre Küchlein in den sichern Hühnerkorb
lockt, dann ihre Gefieder emporsträubt, die Flügel ausbreitet und mit
dem stärkern Feinde einen ungleichen Kampf beginnt: so fiel das Weib
dem schwarzen Köhler wütig in den Bart, ballte die kräftige Faust und
rief: »Ungetüm! Das Mutterherz mußt du mir erst aus dem Leibe reißen,
eh du mir mein Kind raubest.« Eines so mutvollen Angriffes hatte
sich Rübezahl nicht versehen, er wich gleichsam schüchtern zurück,
dergleichen handfeste Erfahrung in der Menschenkunde war ihm noch
nie vorgekommen. Er lächelte das Weib freundlich an: »Entrüste dich
nicht! Ich bin kein Menschenfresser, wie du wähnst, will dir und deinen
Kindern auch kein Leids tun; aber laß mir den Knaben, der Schreier
gefällt mir, will ihn halten wie einen Junker, will ihn in Sammet und
Seide kleiden und einen wackern Kerl aus ihm ziehn, der Vater und
Brüder einst nähren soll. Fordre hundert Schreckenberger, ich zahl sie
dir.«
»Ha!« lachte das rasche Weib, »gefällt Euch der Junge? Ja, das ist ein
Junge wie'n Daus, der wär mir nicht um aller Welt Schätze feil.«
»Törin!« versetzte Rübezahl, »hast du nicht noch drei Kinder, die dir
Last und Überdruß machen? Mußt sie kümmerlich nähren und dich mit
ihnen placken Tag und Nacht.«
Das Weib: »Wohl wahr, aber davor bin ich Mutter, muß tun, was meines
Berufs ist. Kinder machen Überlast, aber auch manche Freude.«
Der Geist: »Schöne Freude! Sich mit den Bälgen tagtäglich zu schleppen,
sie zu gängeln, zu säubern, ihre Unart und Geschrei zu ertragen.«
Sie: »Wahrlich, Herr! Ihr kennt die Mutterfreuden leider wenig, all
Arbeit und Müh versüßt ein einziger freundlicher Anblick, das holde
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Lächeln und Lallen der kleinen unschuldigen Würmer. —Seht mir nur
den Goldjungen da, wie er an mir hängt, der kleine Schmeichler! Nun
ist er's nicht gewesen, der geschrien hat. —Ach, hätte ich doch hundert
Hände, die euch heben und tragen und für euch arbeiten könnten, ihr
lieben Kleinen!«
Der Geist: »So! Hat denn dein Mann keine Hände, die arbeiten können?«
Sie: »O ja, die hat er! Er rührt sie auch, und ich fühl's zuweilen.«
Der Geist, aufgebracht: »Wie? Dein Mann erkühnt sich, die Hand gegen
dich aufzuheben? Gegen solch ein Weib? Das Genick will ich ihm
brechen, dem Mörder!«
Sie, lachend: »Da hättet Ihr traun viel Hälse zu brechen, wenn alle
Männer mit dem Halse büßen sollten, die sich an der Frau vergreifen.
Die Männer sind eine schlimme Nation, drum heißt's Ehstand Wehstand,
muß mich drein ergeben, warum hab ich gefreit.«
Der Geist: »Nun ja, wenn du wußtest, daß die Männer eine schlimme
Nation sind, so war's auch ein dummer Streich, daß du freitest.«
Sie: »Mag wohl! Aber Steffen war ein flinker Kerl, der guten Erwerb
hatte, und ich eine arme Dirne ohne Heiratsgut. Da kam er zu mir und
begehrte mich zur Eh', gab mir einen Wildemannstaler auf den Kauf
und der Handel war gemacht. Nachher hat er mir den Taler wieder genommen,
aber den wilden Mann hab ich noch.«
Der Geist lächelte. »Vielleicht hast du ihn wild gemacht durch deinen
Starrsinn.«
Sie: »Oh, den hat er mir schon ausgetrieben! Aber Steffen ist ein Knauser,
wenn ich ihm einen Engelgroschen abfordere, so rasaunt er im
Hause ärger als Ihr zuzeiten im Gebirge, wirft mir meine Armut vor,
und da muß ich schweigen. Wenn ich ihm eine Aussteuer zugebracht
hätte, wollt' ich ihm schon den Daumen aufs Auge halten.«
Der Geist: »Was treibt dein Mann für ein Gewerbe?«
Sie: »Er ist ein Glashändler, muß sich seinen Erwerb auch lassen sauer
werden, schleppt der arme Tropf die schwere Bürde aus Böhmen herüber
jahraus, jahrein; wenn ihm nun unterwegs ein Glas zerbricht, muß
ich's und die armen Kinder freilich entgelten; aber Liebesschläge tun
nicht weh.«
Der Geist: »Du kannst den Mann noch lieben, der dir so übel mitspielt?«
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Sie: »Warum nicht lieben? Ist er nicht der Vater meiner Kinder? Die
werden alles gutmachen und uns wohl lohnen, wenn sie groß sind.«
Der Geist: »Leidiger Trost! Die Kinder danken auch der Eltern Müh
und Sorgen! Werden dir die Jungen den letzten Heller aus dem
Schweißtuch pressen, wenn sie der Kaiser zum Heer schickt ins ferne
Ungerland, daß die Türken sie erschlagen.«
Das Weib: »Ei nun, das kümmert mich auch nicht, werden sie erschlagen,
so sterben sie für den Kaiser und fürs Vaterland in ihrem Beruf;
können aber auch Beute machen und der alten Eltern pflegen.«
Hierauf erneuerte der Geist den Knabenhandel nochmals; doch das
Weib würdigte ihn keiner Antwort, raffte das Laub in den Korb, band
obendrauf den kleinen Schreier mit der Leibschnur fest, und Rübezahl
wandte sich, als wollte er weitergehen. Weil aber die Bürde zu schwer
war, daß das Weib nicht aufkommen konnte, rief sie ihn zurück: »Ich
habe Euch einmal gerufen«, sprach sie, »so helft mir nun auch auf, und
wenn Ihr ein übriges tun wollt, so schenkt dem Knaben, der Euch gefallen
hat, ein Gutfreitagsgröschel zu einem paar Semmeln, morgen
kommt der Vater heim, der wird uns Weißbrot aus Böhmen mitbringen.«
Der Geist antwortete: »Aufhelfen will ich dir wohl, aber gibst
du mir den Knaben nicht, so soll er auch keine Spende haben.« — »Auch
gut!« versetzte das Weib und ging ihres Weges.
Je weiter sie ging, je schwerer wurde der Korb, daß sie unter der Last
schier erlag und alle zehn Schritte verschnauben mußte. Das schien ihr
nicht mit rechten Dingen zuzugehen, sie wähnte, Rübezahl hab ihr
einen Possen gespielt und eine Last Steine unter das Laub praktiziert,
darum setzte sie den Korb ab auf dem nächsten Rande und stürzt' ihn
um; doch es fielen eitel Laubblätter heraus und keine Steine, also füllte
sie ihn wieder zur Hälfte und raffte noch so viel Laub ins Vortuch, als
sie darein fassen konnte; doch bald war ihr die Last von neuem zu
schwer, sie mußte nochmals ausleeren, welches die rüstige Frau groß
Wunder nahm; sie hatte gar oft hochgepanste Graslasten heimgetragen
und solche Mattigkeit noch nie gefühlt. Desungeachtet beschickte sie
bei ihrer Heimkunft den Haushalt, warf den Ziegen und den jungen
Hipplein das Laub vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte sie
in Schlaf, betete ihren Abendsegen und schlief flugs und fröhlich ein.
Die frühe Morgenröte und der wache Säugling, der mit lauter Stimme
sein Frühstück heischte, weckten das geschäftige Weib zu ihrem Tagewerke
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aus dem gesunden Schlaf. Sie ging zuerst mit dem Melkfasse, ihrer
Gewohnheit nach, zum Ziegenstalle. Welch schreckensvoller
Anblick! Das gute, nahrhafte Haustier, die alte Ziege, lag da rohhart
und steif, hatte alle viere von sich gestreckt und war verschieden; die
Hipplein aber verdrehten die Augen gräßlich im Kopfe, steckten die
Zunge weit von sich, und gewaltsame Zuckungen verrieten, daß sie der
Tod ebenfalls schüttelte. So ein Unglücksfall war der guten Frau noch
nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz betäubt von Schrecken
sank sie auf ein Bündlein Stroh hin, hielt die Schürze vor die Augen,
denn sie konnte den Jammer der Sterblinge nicht ansehen und erseufzete
tief: »Ich unglückliches Weib, was fang ich an! Und was wird mein
harter Mann beginnen, wenn er nach Hause kommt? Ach, hin ist mein
ganzer Gottessegen auf dieser Welt!« —Augenblicklich strafte sie das
Herz dieses Gedankens wegen. Wenn das liebe Vieh dein ganzer Gottessegen
ist auf dieser Welt, was ist denn Steffen und was sind deine
Kinder? Sie schämte sich ihrer Übereilung; laß fahren dahin aller Welt
Reichtum, dachte sie, hast du doch noch deinen Mann und deine vier
Kinder. Ist doch die Milchquelle für den lieben Säugling noch nicht versiegt,
und für die übrigen Kinder ist Wasser im Brunnen. Wenn's auch
einen Strauß mit Steffen absetzt und er mich übel schlägt, was ist's mehr
als ein böses Ehestündlein; hab ich doch nichts verwahrlost. Die Ernte
steht bevor, da kann ich schneiden gehn, und auf den Winter will ich
spinnen bis in die tiefe Mitternacht, eine Ziege wird ja wohl wieder zu
erwerben sein, und hab ich die, so wird's auch nicht an Hipplein fehlen.
Indem sie das bei sich gedachte, ward sie wieder frohen Mutes, trocknete
ihre Tränen ab, und wie sie die Augen aufhob, lag da vor ihren
Füßen ein Blättlein, das fütterte und blinkte so hell, so hochgelb wie
gediegen Gold, sie hob es auf, besah's, und es war schwer wie Gold.
Rasch sprang sie auf, lief damit zu ihrer Nachbarin, zeigte ihr den Fund
mit großer Freude, und diese erkannt's für reines Gold, schachert's ihr
ab und zählte ihr dafür zween Dicktaler bar auf den Tisch. Vergessen
war nun all ihr Herzeleid. Solchen Schatz an Barschaft hatte das arme
Weib noch nie im Besitz gehabt. Sie lief zum Bäcken, kaufte Strözel und
Butterkringel und eine Hammelkeule für Steffen, die sie zurichten
wollte, wenn er müd und hungrig am Abend von der Reise käme.
Wie zappelten die Kleinen der fröhlichen Mutter entgegen, da sie hereintrat
und ihnen ein so ungewohntes Frühstück austeilte! Sie überließ
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sich ganz der mütterlichen Freude, die hungrige Kinderschar abzufüttern,
und nun war ihre erste Sorge, das ihrer Meinung nach von einer
Unholdin gesterbte Vieh beiseite zu schaffen, dieses häusliche Unglück
vor dem Manne so lange als möglich zu verheimlichen. Aber ihr
Erstaunen ging über alles, als sie von ungefähr in den Futtertrog sahe
und einen ganzen Haufen goldner Blätter darin erblickte. Wenn sie der
griechischen Volksmärchen kundig gewesen wäre, so würde sie leicht
darauf geraten haben, daß ihr liebes Hausvieh an der Indigestion des
Königs Midas gestorben sei. Ihr ahndete gleichwohl so etwas, darum
schärfte sie geschwind das Küchenmesser, brach den Ziegenleichnam
auf und fand im Magenschlunde einen Klumpen Gold, so groß wie
einen Paullinerapfel, und so auch nach Verhältnis in den Mägen der
Zicklein.
Jetzt wußte sie ihres Reichtums kein Ende; doch mit der Besitznehmung
empfand sie auch die drückenden Sorgen desselben, sie wurde
unruhig, scheu, fühlte Herzklopfen, wußte nicht, ob sie den Schatz in
die Lade verschließen oder in den Keller vergraben sollte, fürchtete
Diebe und Schatzgräber, wollt auch dem Knauser Steffen nicht gleich
alles wissen lassen, aus gerechter Besorgnis, daß er vom Wuchergeist
angetrieben, den Mammon an sich nehmen und sie dennoch nebst den
Kindern darben lassen möchte. Sie sann lange, wie sie's klug genug damit
anstellen wollte, und fand keinen Rat.
Der Pfaff im Dorfe war der Schutzpatron aller bedrängten Weiber; der
aus Gutmütigkeit oder aus Neigung dem weiblichen als dem schwächsten
Werkzeug seine gebührende Ehre gab und durchaus nicht gestattete,
daß bengelhafte Ehekonsorten seine Beichttöchter mißhandelten,
sondern legte den ungestümen Haustyrannen, wenn Klage einlief,
schwere Bußen auf und nahm stets der Weiber Partei; auch hatte er die
magische Hechtleber der Pönitenz bei dem mürrischen Steffen nie geschont,
zu Nutz des guten Weibes den Asmodi aus der Ehekammer damit
wegzuräuchern. Sie nahm also ihre Zuflucht zu dem trostreichen
Seelenpfleger, berichtete ihm unverhohlen das Abenteuer mit Rübezahl,
wie er ihr zu großem Reichtum verholfen und was sie dabei für
Anliegen habe, belegte auch die Wahrheit der Sache mit dem ganzen
Schatze, den sie bei sich trug. Der Pfaff kreuzte sich über das Wunderbare
dieser Begebenheit mächtig, freute sich gleichwohl über das Glück
des armen Weibes innig, rückte drauf sein Käpplein hin und her, für
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sie guten Rat zu suchen, um ohne Spuk und Aufsehen sie im ruhigen
Besitz ihres Reichtums zu erhalten und auch Mittel auszufinden, daß
der zähe Steffen sich desselben nicht bemächtigen könne.
Nachdem er lange simuliert hatte, redete er also: »Hör an, meine Tochter,
ich weiß guten Rat für alles. Wäge mir das Gold zu, daß ich es dir
getreulich aufbewahre, dann will ich einen Brief schreiben in welscher
Sprache, der soll dahin lauten: dein Bruder, der vor Jahren in die
Fremde ging, sei in der Venediger Dienst nach Indien geschifft und daselbst
gestorben, habe all sein Gut dir im Testament vermacht, mit dem
Beding, daß der Pfarrer des Kirchspiels dich bevormunde, damit es dir
allein und keinem andern zu Nutz komme. Ich begehre weder Lohn
noch Dank von dir, nur gedenke, daß du der heiligen Kirche einen
Dank schuldig bist für den Segen, den dir der Himmel bescheret hat,
und gelobe ein reiches Meßgewand in die Sakristei.«Dieser Rat behagte
dem Weibe herrlich, sie gelobte dem Pfarrer das Meßgewand; er wog
in ihrem Beisein das Gold gewissenhaft bis auf ein Quintlein aus, legte
es in den Kirchenschatz, und das Weib schied mit frohem und leichtem
Herzen von ihm.
Rübezahl war nicht minder Weiberpatron als der gutmütige Parochus
zu Kirsdorf, doch mit Unterschied. Der letztere verehrte das weibliche
Geschlecht überhaupt, weil, wie er sagte, die heilige Jungfrau dazu gehöre,
ohne gegen einzelne Dirnen eine Vorliebe blicken zu lassen, weshalb
das lästerzüngige Gerücht seinen Ruf hätte verdächtig machen
können; jener im Gegenteil haßte das ganze Geschlecht um eines Mädchens
willen, die ihn überlistet hatte, ob ihn gleich seine Launen zuweilen
auf den milden Ton stimmten, ein einzelnes Weiblein in Schutz zu
nehmen und ihr gefällig zu sein.
So sehr die wackere Dörferin mit ihren Gesinnungen und Benehmen
seine Gewogenheit erworben hatte, so ungehalten war er auf den barschen
Steffen, trug groß Verlangen, das biedre Weib an ihm zu rächen,
ihm einen Possen zu spielen, daß ihm Angst und Weh dabei würde, und
ihn dadurch so kirre zu machen, daß er der Frau untertan würde und
sie ihm nach Wunsch den Daumen aufs Auge halten könne. Zu diesem
Behufe sattelte er den raschen Morgenwind, saß auf und galoppierte
über Berg und Tal, spionierte wie ein Ausreuter auf allen Landstraßen
und Kreuzwegen von Böhmen her, und wo er einen Wandrer erblickte,
der eine Bürde trug, war er hinter ihm her und forschte mit dem Scharfblick
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eines Korbbeschauers nach seiner Ladung. Zum Glück führte kein
Wandrer, der diese Straße zog, Glasware, sonst hätte er für Schaden
und Spott nicht sorgen dürfen, ohne einen Ersatz zu hoffen; wenn er
auch gleich der Mann nicht gewesen wäre, den Rübezahl suchte.
Bei diesen Anstalten konnte ihm der schwer beladene Steffen allerdings
nicht entgehen. Um Vesperzeit kam ein feiner, frischer Mann angeschritten
mit einer großen Bürde auf dem Rücken. Unter seinem rüstigen
sichern Tritt ertönte jedesmal die Last, die er trug. Der Laurer
freute sich, sobald er ihn in der Ferne witterte, daß ihm nun seine Beute
gewiß war, und rüstete sich, seinen Meisterstreich auszuführen.
Der keuchende Steffen hatte beinahe das Gebirge erstiegen, nur die
letzte Anhöhe war noch zu gewinnen, so ging es bergab nach der Heimat
zu, darum sputete er sich, den Gipfel zu erklimmen; aber der Berg
war steil und die Last war schwer. Er mußte mehr als einmal ruhen,
stützte den knotigen Stab unter den Korb, um das drückende Gewicht
desselben zu mindern, und trocknete den Schweiß, der ihm in großen
Tropfen vor der Stirne stund. Mit Anstrengung der letzten Kräfte erreichte
er endlich die Zinne des Berges, und ein schöner gerader Pfad
führte zu dessen Abhang. Mitten am Wege lag ein abgesägter Fichtenbaum,
und der Überrest des Stammes stund daneben, kerzengerade
und aufrecht, oben geebnet wie eine Tischplatte. Rings umher grünete
Tunkagras, Schwallenzagel und Marienflachs. Dieser Anblick war dem
ermüdeten Lastträger so anlockend und zu einem Ruheplatz so bequem,
daß er alsbald den schweren Korb auf den Klotz absetzte und
sich gegenüber im Schatten auf das weiche Gras streckte. Hier übersann
er, wieviel reinen Gewinn ihm seine Ware diesmal einbringen würde,
und fand nach genauem Überschlag, daß, wenn er keinen Groschen ins
Haus verwendete und die fleißige Hand seines Weibes für Nahrung
und Kleider sorgen ließ, er gerade so viel lösen würde, auf dem Markte
zu Schmiedeberg sich einen Esel zu kaufen und zu befrachten. Der
Gedanke, wie er in Zukunft dem Grauschimmel die Last aufbürden
und gemächlich nebenher gehen würde, war ihm zu der Zeit, wo seine
Schultern eben wund gedrückt waren, so herzerquickend, daß er ihm,
wie es bei frohen Idealen sehr natürlich ist, weiter nachhing. Ist einmal
der Esel da, dacht er, so soll mir bald ein Pferd draus werden, und hab
ich nun den Rappen im Stalle, so wird sich auch ein Acker dazu finden,
darauf sein Haber wächst. Aus einem Acker werden dann leicht zwei,
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aus zweien vier, mit der Zeit eine Hufe und endlich ein Bauerngut, und
dann soll Ilse auch einen neuen Rock haben.
Er war mit seinen Projekten beinahe so weit wie Herzog Michel oder
das Milchmädchen, da tummelte Rübezahl seinen Wirbelwind um den
Holzstock herum und stürzte mit einemmal den Glaskorb herunter,
daß der zerbrechliche Kram in tausend Stücke zerfiel. Das war ein
Donnerschlag in Steffens Herz! Zugleich vernahm er in der Ferne ein
lautes Gelächter, wenn's anders nicht Täuschung war und das Echo den
Laut der zerschollenen Gläser nur wieder zurückgab. Er nahm's für
Schadenfreude, und weil ihm der unmäßige Windstoß unnatürlich
schien, auch da er recht zusah, Klotz und Baum verschwunden war, so
riet er leicht auf den Unglücksstifter. »Oh!«wehklagte er, »Rübezahl,
du Schadenfroh, was hab ich dir getan, daß du mein Stückchen Brot mir
nimmst, meinen sauren Schweiß und Blut! Ach, ich geschlagner Mann
auf Lebenszeit!« Hierauf geriet er in eine Art von Wut, stieß alle
erdenklichen Schmähreden gegen den Berggeist aus, um ihn zum Zorn
zu reizen. »Halunke!« rief er, »komm und erwürge mich, nachdem du
mir mein Alles auf der Welt genommen hast.« Inder Tat war ihm auch
das Leben in dem Augenblick nicht mehr wert als ein zerbrochenes
Glas; Rübezahl ließ indessen von sich weiter nichts sehen noch hören.
Der verarmte Steffen mußte sich entschließen, wenn er nicht den ledigen
Korb nach Hause tragen wollte, die Bruchstücken zusammenzulesen,
um auf der Glashütte wenigstens ein paar Spitzgläser zu Anfang
eines neuen Gewerbes dafür einzutauschen. Tiefsinnig wie ein Reeder,
dessen Schiff der gefräßige Ozean mit Mann und Maus verschlungen
hat, ging er das Gebirg hinab, schlug sich mit tausend schwermütigen
Gedanken, machte zwischenein dennoch auch allerlei Spekulationen,
wie er den Schaden ersetzen und seinem Handel wieder aufhelfen
könne. Da fielen ihm die Ziegen ein, die seine Frau im Stalle hatte; doch
sie liebte sie schier wie ihre Kinder, und im Guten, wußt er, waren sie
ihr nicht abzugewinnen. Darum erdachte er diesen Kniff, sich seines
Verlustes gar nicht daheim auszutun, auch nicht bei Tage in seine Wohnung
zurückzukehren, sondern um Mitternacht sich in das Haus zu
stehlen, die Ziegen nach Schmiedeberg auf den Markt zu treiben und
das daraus gelöste Geld zum Ankauf neuer Ware zu verwenden; bei
seiner Zurückkunft aber mit dem Weibe zu hadern und sich bärbeißig
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zu stellen, als habe sie durch Unachtsamkeit das Vieh in seiner Abwesenheit
stehlen lassen.
Mit diesem wohlersonnenen Vorhaben schlich der unglückliche Fragmentensammler
nahe beim Dorfe in einen Busch und erwartete mit
sehnlichem Verlangen die Mitternachtsstunde, um sich selbst zu bestehlen.
Mit dem Schlag zwölfe machte er sich auf den Diebesweg, kletterte
über die niedrige Hoftür, öffnete sie von innen und schlich mit
Herzpochen zum Ziegenstalle; er hatte doch Scheu und Furcht vor seinem
Weibe, auf einer unrechten Tat sich erfinden zu lassen. Wider
Gewohnheit war der Stall unverschlossen, welches ihn wunder nahm,
ob's ihn gleich freute, denn er fand in dieser Fahrlässigkeit einen Schein
Rechtens, sein Vorhaben damit zu beschönigen. Aber im Stalle fand er
alles öd und wüste, da war nichts, was Leben und Odem hatte, weder
Ziege noch Böcklein. Im ersten Schrecken vermeinte er, es habe ihm bereits
ein Diebeskonsorte vorgegriffen, dem das Stehlen geläufiger sei
als ihm; denn Unglück kommt selten allein. Bestürzt sank er auf die
Streu und überließ sich, da ihm auch der letzte Versuch, seinen Handel
wieder in Gang zu bringen, mißlungen war, einer dumpfen Traurigkeit.
Seitdem die geschäftige Ilse vom Pfaffen wieder zurück war, hatte sie
mit frohem Mute alles fleißig zugeschickt, ihren Mann mit einer guten
Mahlzeit zu empfangen, wozu sie den geistlichen Weiberfreund auch
eingeladen hatte, welcher verhieß, ein Kännlein Speisewein mitzubringen,
um beim fröhlichen Gelag dem aufgemunterten Steffen von der
reichen Erbschaft des Weibes Bericht zu geben und unter welcherlei
Bedingungen er daran Genuß und Anteil haben solle.
Sie sah gegen Abendzeit fleißig zum Fenster hinaus, ob Steffen käme,
lief aus Ungeduld hinaus vors Dorf, blickte mit ihren schwarzen Augen
gegen die Landstraße hin, war bekümmert, warum er so lange weile,
und da die Nacht hereinbrach, folgten ihr bange Sorgen und Ahndungen
in die Bettkammer, ohne daß sie an das Abendbrot gedachte.
Lange kam ihr kein Schlaf in die ausgeweinten Augen, bis sie gegen
Morgen in einen unruhigen matten Schlummer fiel. Den armen Steffen
quälten Verdruß und Langeweile im Ziegenstalle nicht minder; er war
so niedergedrückt und kleinlaut, daß er sich nicht traute, an die Tür zu
klopfen. Endlich kam er doch hervor, pochte ganz verzagt an und rief
mit wehmütiger Stimme: »Liebes Weib, erwache und tu auf deinem
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Manne!«Sobald Ilse seine Stimme vernahm, sprang sie flink vom Lager
wie ein muntres Rehe, lief an die Tür und umhalsete ihren Mann mit
Freuden; er aber erwiderte diese herzigen Liebkosungen gar kalt und
frostig, setzte seinen Korb ab und warf sich mißmutig auf die Hellbank.
Wie das fröhliche Weib das Jammerbild sah, ging's ihr ans Herz. »Was
schad't dir, lieber Mann«, sprach sie bestürzt, »was hast du?« Er antwortete
nur durch Stöhnen und Seufzen, dennoch frug sie ihm bald die
Ursache seines Kummers ab, und weil ihm das Herz zu voll war,
konnte er sein erlittenes Unglück dem trauten Weibe nicht länger verhehlen.
Da sie vernahm, daß Rübezahl den Schabernack verübt hatte,
erriet sie leicht die wohltätige Absicht des Geistes und konnte sich des
Lachens nicht erwehren, welches Steffen bei mutiger Gemütsfassung
ihr übel würde gelohnt haben. Jetzt ahndete er den scheinbaren Leichtsinn
nicht weiter und frug nur ängstlich nach dem Ziegenvieh. Das
reizte noch mehr des Weibes Zwerchfell, da sie merkte, daß der Hausvogt
schon allenthalben umherspioniert hatte. »Was kümmert dich
mein Vieh?«sprach sie, »hast du doch noch nicht nach den Kindern gefragt,
das Vieh ist wohl aufgehoben draußen auf der Weide. Laß dich
auch die Tücke von Rübezahl nicht anfechten und gräme dich nicht, wer
weiß, wo er oder ein anderer uns reichen Ersatz dafür gibt.« — »Da
kannst du lange warten«, sprach der Hoffnungslose. »Ei nun«, versetzte
das Weib, »unverhofft kommt oft. Sei unverzagt, Steffen, hast
du gleich keine Gläser und ich keine Ziegen mehr, so haben wir doch
vier gesunde Kinder und vier gesunde Arme; sie und uns zu nähren,
das ist unser ganzer Reichtum.« —»Ach, daß es Gott erbarme!«rief der
bedrängte Mann, »sind die Ziegen fort, so trag die vier Bälge nur gleich
ins Wasser, nähren kann ich sie nicht!« —»Nun, so kann ich's«, sprach
Ilse.
Bei diesen Worten trat der freundliche Pfaff herein, hatte vor der Tür
schon die ganze Unterredung abgelauscht, nahm das Wort, hielt Steffen
eine lange Predigt über den Text, daß der Geiz eine Wurzel alles Übels
sei; und nachdem er ihm das Gesetz gnugsam geschärft hatte, verkündigte
er ihm nun auch das Evangelium von der reichen Erbschaft des
Weibes, zog den welschen Brief heraus und verdolmetschte ihm daraus,
daß der zeitige Parochus in Kirsdorf zum Vollstrecker des Testaments
bestellt sei und die Verlassenschaft des abgeschiedenen Schwähers zu
sichrer Hand bereits empfangen habe.
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Steffen stund da wie ein stummer Olgötz, konnte nichts, als sich dann
und wann verneigen, wenn bei Erwähnung der durchlauchten Republik
Venedig der Pfaff ehrerbietig ans Käpplein griff. Nachdem er wieder
zu mehrerer Besonnenheit gelangt war, fiel er dem trauten Weibe
herzig in die Arme und tat ihr die zwote Liebeserklärung in seinem
Leben, so warm als die erste, und ob sie wohl jetzt aus andern Beweggründen
abstammte, so nahm sie Ilse doch für gut auf. Steffen wurde
von nun an der schmeidigste, gefälligste Ehemann, ein liebevoller Vater
seiner Kinder und dabei ein fleißiger, ordentlicher Wirt, denn Müßiggang
war nicht seine Sache.
Der redliche Pfaff verwandelte nach und nach das Gold in klingende
Münze, kaufte davon ein groß Bauerngut, worauf Steffen und Ilse
wirtschafteten ihr Lebelang. Den Überschuß lieh er auf Zins aus und
verwaltete das Kapital seiner Kurantin so gewissenhaft als den Kirchenschatz,
nahm keinen andern Lohn dafür wie ein Meßgewand, das
Ilse so prächtig machen ließ, daß kein Erzbischof sich desselben hätte
schämen dürfen.
Die zärtliche treue Mutter erlebte noch im Alter große Freude an ihren
Kindern, und Rübezahls Günstling wurde gar ein wackrer Mann und
diente im Heere des Kaisers lange Zeit unter Wallenstein im Dreißigjährigen
Kriege.
Fünfte Legende
Seitdem Mutter Ilse von dem Gnomen so herrlich war dotiert worden,
ließ er lange Zeit nichts wieder von sich hören. Zwar trug sich das Volk
mit allerlei Wundergeschichten, welche die Phantasie der Hausmütter
in geselligen Winterabenden so lang und fein ausspann als den Faden
am Rocken; es war aber eitel Fabelei, zur Kurzweil ausgedacht. Wie's
immer hundert Narren und Tollhäusler gegen einen Besessenen, hundert
Fanatiker gegen einen Inspirierten, hundert Träumer gegen einen
Geisterseher geben soll, so gab's auch im Riesengebirge von jeher hundert
lügenhafte Volkssagen von Rübezahl gegen eine authentische
Geschichte. Der Gräfin Cecilie, Voltairens Zeitgenossin und Schülerin,
war noch in unsern Tagen die letzte Entrevue mit dem Gnomen aufbehalten,
bevor er seine jüngste Hinabfahrt in die Unterwelt antrat.
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Diese Dame, mit all den Gichtern und vornehmen Gebrechen beladen,
welche die gallische Küche und Sitte den verzärtelten Töchtern Teuts
zur Ausbeute gibt, machte nebst zwei gesunden blühenden Töchtern
die Reise ins Karlsbad. Die Mutter verlangte so sehr nach der Badekur
und die Fräuleins nach der Badegesellschaft, nach den Bällen, Serenaden
und den übrigen Lustbarkeiten des Bades, daß sie sonder Rast Tag
und Nacht reisten. Es traf sich, daß sie gerade mit Sonnenuntergang in
das Riesengebirge gelangten. Es war ein schöner warmer Sommerabend,
kein Lüftchen regte sich. Der nächtliche Himmel war mit funkelnden
Sternen besäet; die goldne Mondsichel, deren milchfarbenes
Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten milderte, und die
beweglichen Funken unzähliger leuchtender Insekten, die in den
Gebüschen scherzten, gaben die Beleuchtung zu einer der schönsten
Naturszenen, wiewohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm;
denn Mama war, da es gemachsam bergan ging, von der schaukelnden
Bewegung des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden, und die
Töchter nebst der Zofe hatten sich in ein Eckchen gedrückt und
schlummerten gleichfalls.
Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutschbocks
kein Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er
vorzeiten so inbrünstig angehört hatte, kamen ihm jetzt auf dem Tummelplatz
dieser Abenteuer wieder in den Sinn, und er hätte wohl gewünscht,
nie etwas davon gehört zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach
dem sicheren Breslau zurück, wohin sich nicht leicht ein Gespenst
wagt! Er sah schüchtern nach allen Seiten umher und durchlief mit den
Augen oft alle zweiunddreißig Regionen der Windrose in weniger als
einer Minute, und wenn er etwas ansichtig wurde, das ihm bedenklich
schien, lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter, und die Haare
stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine Besorgnisse den Schwager
Postillon merken und forschte von ihm, ob's auch geheuer sei im
Gebirge. Wiewohl ihm dieser nun die heile Haut durch einen kräftigen
Fuhrmannsschwur verassekurierte, bangte ihm doch das Herz unablässig.
Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Postkutscher die
Pferde an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt
nochmals an und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine
Augen fest geschlossen hatte, ahndete aus diesem Kutschermanöver
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nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sah mit Entsetzen in der Weite
eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt daherwandeln,
von übermenschlicher Größe, mit einem weißen spanischen
Halskragen angetan, und das Bedenklichste bei der Sache war,
daß der Schwarzmantel keinen Kopf hatte. Hielt der Wagen, so stund
der Wandrer, und regte Wipprecht die Pferde an, so ging er auch förder.
»Schwager, siehst du was?«rief der zaghafte Tropf vom hohen Kutschbock
herab mit berganstehendem Haar. »Freilich seh ich was«, antwortete
dieser ganz kleinlaut; »aber schweig nur, daß wir's nicht irren.«
Johann waffnete sich mit allen Stoßgebetlein, die er wußte, das Benedicite
und Gratias mit eingeschlossen, schwitzte dabei vor Angst kalten
Todesschweiß. Und wie ein Blitzscheuer, wenn es in der Nacht wetterleuchtet
und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus
rege macht, ohne sich durch die Geselligkeit für der gefürchteten
Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nämlichen Instinkt der verzagte
Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und
klopfte hastig ans Fensterglas. Die erwachende Gräfin, unwillig, daß
sie aus ihrem sanften Schlummer gestöret wurde, frug: »Was gibt's?«
— »Ihr Gnaden, schaun Sie einmal aus«, rief Johann mit zagender
Stimme, »dort geht ein Mann ohne Kopf.« —»Dummkopf, der du bist«,
antwortete die Gräfin, »was träumt deine Pöbelphantasie für Fratzen!
Und wenn dem so wär«, fuhr sie scherzhaft fort, »so ist ja ein Mann
ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb genug.«
Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama
diesmal nicht schmecken, ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie
schmiegten sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten:
»Ach, das ist Rübezahl, der Bergmönch!«
Die Dame aber, die von der Geisterwelt eine ganz andre Theorie hatte
als die Töchter und an keine Geister glaubte als Schöngeister und starke
Geister, strafte die Fräuleins dieser pfahlbürgerischen Vorurteile halber,
bewies, daß alle Gespenster und Spukgeschichten Ausgeburten
einer kranken Einbildungskraft wären, und erklärte mit Weisheit die
Geistererscheinungen samt und sonders aus natürlichen Ursachen.
Ihre Suada war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf
einige Augenblicke dem Gespensterspäher aus den Augen geschwunden
war, wieder aus dem Busch hervor an den Weg trat. Da war nun
deutlich wahrzunehmen, daß Johann falsch gesehen hatte: der Wandersmann
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hatte allerdings einen Kopf, nur, daß er ihn nicht wie gewöhnlich
zwischen den Schultern, sondern wie einen Schoßhund im
Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei Schritten erregte
innerhalb und außerhalb des Wagens großes Entsetzen. Die holden
Fräuleins und die Zofe, welche sonst nicht gewohnt war miteinzureden,
wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem
Munde einen lauten Schrei, ließen den seidenen Vorhang herabrollen,
um nichts zu sehen, und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß,
wenn er dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummem
Schrecken die Hände zusammen, und ihre unphilosophische
Gebärdung ließ vermuten, daß sie insgeheim die Palinodie ihrer zuversichtlichen
Behauptungen gegen die Gespenster anstimmte.
Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel ein besonderes Absehen
gerichtet zu haben schien, erhob in der Angst seines Herzens das gewöhnliche
Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßt zu werden
pflegen: »Alle guten Geister -«; doch eh er ausgeredet hatte, schleuderte
ihm das Ungetüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, daß er
überzwerch von der Zinne des Polsters über dem Ringnagel herabstürzte;
in dem nämlichen Augenblicke lag auch der Postkutscher durch
einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt, und das Phantom
keuchte aus hohler Brust in dumpfem Ton diese Worte aus: »Nimm
das von Rübezahl, dem Bannwart des Gebirges, daß du ihm ins Gehege
fuhrst; verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung.«Hierauf schwang
sich das Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr über Stock
und Stein, daß vor dem Rasseln der Räder und dem Schnauben der
Rosse von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war.
Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter
trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar
nicht zu bemerken, daß diesem der Kopf fehlte; ritt vor dem Wagen
her, als wenn er dazu gedungen wäre. Dem Schwarzmantel schien diese
Gesellschaft eben nicht zu behagen, er lenkte nach einer andern Direktion
um, der Reiter tat dasselbe, und so oft auch jener aus dem Wege
bog, so konnte er den lästigen Geleitsmann nicht los werden, der wie
zum Wagen gebannt war. Das nahm den Fuhrmann groß wunder, absonderlich,
da er deutlich wahrnahm, daß der Schimmel des Reisigen
einen Fuß zu wenig hatte, obgleich der dreibeinige Rosinant übrigens
ganz schulgerecht traversierte. Dabei wurde dem schwarzen Kondukteur
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auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute, und er fürchtete, seine
Rübezahisrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich
ins Spiel zu mischen schien.
Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter, daß er dicht neben den
Fuhrmann kam, und frug ihn ganz traulich: »Landsmann ohne Kopf,
wo geht die Reise hin?« — »Wo wird's hingehen«, antwortete das Kutschergespenst
mit furchtsamem Trutz, »wie Ihr seht, der Nase nach.«
—»Wohl!«sprach der Reiter, »laß sehn, Gesell, wo du die Nase hast!«
Drauf fiel er den Pferden in die Zügel, packte den Schwarzmantel beim
Leibe und warf ihn so kräftig zur Erde, daß ihm alle Glieder dröhnten;
denn das Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie sie ordentlicherweise zu
haben pflegen. Behend war der Tavarro demaskiert, da kam ein wohlproportionierter
Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet war wie ein
gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und die
schwere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte, der Reisige
sei der leibhafte Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen
hatte, ergab er sich auf Diskretion und bat flehentlich um sein Leben.
»Gestrenger Gebirgsherr«, sprach er, »habt Erbarmen mit einem
Unglücklichen, der die Fußtritte des Schicksals von Jugend auf erfahren
hat; der nie sein durfte, was er wollte; der jederzeit aus dem Charakter
mit Gewalt herausgestoßen wurde, in den er sich mit Mühe hineinstudiert
hatte, und nachdem seine Existenz unter den Menschen vernichtet
ist, auch nicht einmal Gespenste sein darf.«
Diese Anrede war ein Wort geredt zu seiner Zeit. Der Gnome war gegen
seinen Rivalen so ergrimmt als damals König Philipp gegen den
Pseudosebastian; oder der Zar Boris gegen den Mönch Griska, der den
falschen Demetrius spielte, und würde nach Maßgabe der oftbelobten
Hirschberger Justizpflege augenblicklich mit sträcklicher Exekution
gegen den Wicht verfahren sein und ihn erdrosselt haben, wenn nicht
seine Neugierde wäre rege gemacht worden, die Schicksale des Abenteuers
zu vernehmen. »Sitz auf, Gesell«, sprach er, »und tu, was du geheißen
wirst.« Drauf zog er vorerst dem Schimmel den vierten Fuß
zwischen den Rippen hervor, trat an den Schlag, öffnete solchen und
wollte die Reisegesellschaft freundlich salutieren.
Aber drinnen war's still wie in einer Totengruft; der übermäßige
Schrecken hatte das weibliche Nervensystem so gewaltsam erschüttert,
daß alle Lebensgeister aus den äußern Werkzeugen der Empfindung
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hinter das Schutzgitter der Herzkammern sich geflüchtet hatten. Alles
was innerhalb des Wagens Leben und Odem hatte, von der gnädigen
Frau bis auf die Zofe, lag in ohnmächtigem Hinbrüten. Der Reisige
wußte indessen bald Rat zu schaffen, er schöpfte aus dem vorüberrieselnden
Bächlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser,
sprengte den erstorbenen Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das
Riechgias vor, rieb ihnen von der flüchtigen Essenz in die Schläfe und
brachte sie wieder ins Leben. Sie schlugen eine nach der andern die
Augen auf und erblickten einen wohlgestalten Mann von unverdächtigern
Ansehen, der durch seine Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen
erwarb. »Es tut mir leid, meine Damen«, redete er sie an, »daß Sie in
meinem Gerichtsbezirk von einem verlarvten Bösewicht sind belästigt
worden, der ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie
sind in Sicherheit, ich bin der Oberste von Riesental. Erlauben Sie, daß
ich Sie zu meiner Wohnung geleite, die nicht fern ist.« Diese Einladung
kam der Gräfin sehr gelegen, sie nahm solche mit Freuden an; der
Krauskopf bekam Befehl fortzufahren und gehorchte mit zagender
Bereitwilligkeit. Um den Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken
zu erholen, gesellete sich der Kavalier wieder zum Fuhrmann, hieß
ihn bald rechts, bald links wenden, und dieser bemerkte deutlich, daß
der Ritter zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermäusen zu
sich berief und ihr geheime Ordre erteilte, welches sein Grausen noch
vermehrte.
In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden
zwei und endlich vier; es kamen vier Jäger herangesprengt mit
brennenden Windlichtern, die ihren Herrn, wie sie sagten, ängstlich
gesucht hatten und erfreut schienen, ihn zu finden. Die Gräfin war nun
wieder in vollem Gleichgewichte, und da sie sich außer Gefahr sah,
dachte sie an den ehrlichen Johann und war um sein Schicksal bekümmert.
Sie eröffnete ihrem Schutzpatron dieses Anliegen, der alsbald
zwei von den Jägern fortschickte, die beiden Unglückskameraden aufzusuchen
und ihnen benötigten Beistand zu leisten. Bald darauf rollte
der Wagen durchs düstre Burgtor in einen geraumen Vorhof hinein und
hielt vor einem herrlichen Palast, der völlig erleuchtet war, der Kavalier
bot der Gräfin den Arm und führte sie in die Prachtgemächer seines
Hauses in eine große Gesellschaft ein, die daselbst versammelt war. Die
Fräuleins befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, daß sie in Reisekleidern
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in einen so illustern Zirkel traten, ohne vorher ihre Toilette
gemacht zu haben.
Nach den ersten Höflichkeitsbezeugungen gruppierte sich die Gesellschaft
wieder in verschiedene kleine Zirkel, einige setzten sich zum
Spiel, andre unterhielten sich durch Gespräche.
Das Abenteuer wurde viel beredet, und wie es bei Erzählung überstandener
Gefahren gewöhnlich der Fall ist, zu einer kleinen Epopée ausgebildet,
in welcher Mama sich gern die Rolle der Heldin zugeteilt hätte,
wenn sich das Riechfläschchen des hilfreichen Ritters hätte wegräsonieren
lassen. Bald darauf führte der aufmerksame Wirt einen Mann ein,
der recht wie gerufen kam; es war ein Arzt, der nach dem Gesundheitszustande
der Gräfin und ihrer schönen Töchter forschte, den Puls
prüfte und mit bedeutender Miene mancherlei bedenkliche Symptome
ahndete. Ob sich die Dame nach Beschaffenheit ihrer Umstände gleich
so wohl befand wie jemals, so machte ihr doch die angedrohte Gefahr
für das Leben bange, denn aller Leibesbeschwerden ungeachtet, war ihr
der gebrechliche Körper noch so lieb wie ein langgewohntes Kleid, das
man nicht gern entbehrt, ob es gleich abgetragen ist. Auf Verordnung
des Arztes verschluckte sie starke Dosen temperierender Pulver und
Tropfen, und die gesunden Töchter mußten wider Willen und Dank
dem Beispiel der besorgten Mutter gleichfalls folgen.
Allzu nachgiebige Patienten machen strenge Ärzte; der blutsüchtige
Theophrast bestund nun sogar auf einer Aderlässe, zog in Ermangelung
seines Handlangers, des Wundarztes, die rote Binde hervor, und
die Gräfin bequemte sich zu dem angerühmten Präservativ gegen alle
schädlichen Wirkungen des Schreckens unweigerlich, sie würde nicht
widersprochen haben, wenn seine Forderungen für die Gesundheitspflege
bis zum Klystier gestiegen wären. Zum Glück kam er nicht auf
den Einfall, dieses heroische Mittel zu verordnen, welches die schamhaften
Fräuleins zur Verzweiflung würde gebracht haben; denn nur mit
Mühe vermochte es die Überredungskunst des Arztes und die mütterliche
Autorität über sie, daß sie die Furcht für den stählernen Zahn des
Schneppers überwanden und den Fuß ins Wasser setzten. Die verschleimte
Lymphe der Mutter und der purpurfarbene Balsam der
Gesundheit aus den Adern der Töchter rieselte nun ohne Verzug in das
silberne Becken. Zuletzt kam auch die Kammerjungfer noch an den
Reihen; ob sie gleich hoch beteuerte, sie sei so blutscheu, daß die kleinste
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Verwundung von einer Nähnadel ihr Schwindel und Ohnmachten zu
erregen pflege, so kehrte sich der unerbittliche Arzt an kein Protestieren,
entstrumpfte den Fuß des niedlichen Mädchens ohne Barmherzigkeit
und bediente sie kunstmäßig und sorgfältig wie ihre Herrschaft.
Diese chirurgische Operation war kaum vollendet, so begab man sich
zur Tafel in den Speisessal, wo ein königliches Mahl aufgetischt wurde,
die Schenktische waren bis an den Karnies des Deckengewölbes mit Silberwerk
aufgeputzt, es prangten da goldene und übergüldete Pokale
und giganteske Willkommen nebst den dazugehörigen Kredenzschalen
von getriebener Arbeit. Eine herrliche Symphonie tönte aus den
Nebenzimmern und flötete den leckerhaften Schmaus und die feinen
Weine den Gästen lieblich hinunter. Nach dem Abhub der Schüsseln
ordnete der Speisemeister das bunte Dessert, das aus Bergen und Felsen
von gefärbtem Zucker und Gummi Tragant bestund. Der tändelhafte
Zuckerbäckerwitz, der den Gaumen und das Auge immer leichter zu
befriedigen weiß als den Verstand, hatte das ganze Abenteuer der Gräfin
in kindischen Wachsfiguren, wie sie oft auf den Tafeln der Großen
zu paradieren pflegen, darauf abgebildet. Die Gräfin unterließ nicht,
das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie wandte
sich an ihren bebänderten Stuhinachbar, seiner Angabe nach einen
böhmischen Grafen, frug neugierig, was für ein Galatag hier gefeiert
werde, und erhielt zur Antwort, daß nichts Außerordentliches vorgehe,
es sei nur eine freundschaftliche Kollation guter Bekannten, die
hier zufälligerweise zusammenträfen. Es nahm sie wunder, von dem
wohlhabenden gastfreien Obersten von Riesental weder in noch
außerhalb Breslau nie ein Wort gehört zu haben, und so emsig sie auch
die genealogischen Geschlechtstafeln durchlief, davon ihr Gedächtnis
einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter
nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirte selbst
zu erforschen, wovon sie Aufschluß und Belehrung begehrte; aber dieser
wußte ihr so geschickt auszuweichen, daß sie nie mit ihm zum
Zwecke kam. Geflissentlich riß er den genealogischen Faden ab und zog
die Unterredung in die luftigen Regionen des Geisterreichs hinüber;
und in einer Gesellschaft, die sich auf den Ton der Vademekumsgeschichtchen
und Geisterseherei stimmt, wird's selten bald Feierabend,
wenigstens gebricht's in diesen Fächern nie an Worthaltern und horchsamen
Zuhörern.
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Ein wohigenährter Domherr wußte viel wundersame Geschichten vom
Rübezahl zu erzählen, man stritt für und wider die Wahrheit derselben;
die Gräfin, die recht in ihrem Elemente war, wenn sie den Lehrton anstimmen
und gegen Vorurteile zu Felde ziehen konnte, setzte sich an
die Spitze der philosophischen Partei und trieb einen gelähmten
Finanzrat, an dem nichts Gelenkes war als die Zunge, und der sich zu
Rübezahls rechtlichem Anwalt aufwarf, durch ihre Starkgeisterei sehr
in die Enge. »Meine eigene Geschichte«, fügte sie zum Beschlusse noch
hinzu, »ist ein augenscheinlicher Beweis, daß alles, was man von dem
berufenen Berggeiste sagt, leere Träume sind. Wenn er hier im Gebirge
sein Wesen hätte und die edlen Eigenschaften besäß, die ihm Fabler und
müßige Köpfe zueignen: so würde er einem Schurken nicht gestattet
haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu treiben. Aber das
armselige Unding von Geiste konnte seine Ehre nicht retten, und ohne
den edelmütigen Beistand des Herrn von Riesental hätte der freche
Bube sein Spiel mit uns so weit treiben können, wie er Lust hatte.«
Der Herr vom Hause hatte an diesen philosophischen Debatten bisher
wenig Anteil genommen, jetzt mischte er sich mit ins Gespräch und
nahm das Wort: »Sie haben die Geisterwelt völlig entvölkert, gnädige
Frau, die ganze Schöpfung der Einbildungskraft ist durch Ihre Belehrung
wie ein leichter Nebel vor unsern Augen dahingeschwunden. Sie
haben auch das Nichtsein des alten Bewohners dieser Gegenden mit
guten Gründen allgenugsam bewährt, und sein rechtlicher Beistand,
unser Finanzrat, ist verstummt. Dennoch dünkt mich, ließen sich gegen
ihren letzten Beweis noch einige Einwürfe machen. Wie, wenn der fabelhafte
Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung aus der Hand des verlarvten
Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wär? Wie, wenn dem Freund
Nachbar beliebt hätte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser
unverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen? und wenn ich Ihnen
sagte, daß ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht
einen Fußbreit entfernt habe? Daß sie durch einen Unbekannten in
meine Wohnung sind eingeführt worden, der nicht mehr vorhanden
ist? Sonach wär's doch möglich, daß der Nachbar Berggeist seine Ehre
gerettet hätte, und daraus würde folgen, daß er nicht ganz das Unding
wär, dafür Sie ihn halten.«
Diese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung, und die
schönen Fräuleins legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand, sahen
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dem Tischwirt starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob
das im Scherz gesagt oder geernstet sei. Die nähere Erörterung dieses
Problems unterbrach die Ankunft des wieder aufgefundenen Bedienten
und des Postkutschers. Der letztere fühlte eben die Wonne bei Erblickung
seiner vier Rappen im Staue, die der erstere empfand, als er frohlockend
ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine Herrschaft vergnügt
und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das corpus delicti, das
ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels, einher, durch welches er
wie von einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt
wurde dem Arzte übergeben, um es als Landphysikus legal zu zerlegen
und sein visum repertum darüber auszustellen. Doch ohne sein anatomisches
Messer anzusetzen, erkannte er es alsbald für einen ausgehöhlten
Kürbis, der mit Sand und Steinen angefüllt und durch den Zusatz
einer hölzernen Nase und eines langen Flachbartes zu einem grotesken
Menschenantlitz auf gestutzt war.
Nach aufgehobener Tafel schied die Gesellschaft auseinander, da der
Morgen bereits herandämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetes
Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind
überraschte, daß die Phantasie nicht Zeit hatte, ihnen die
Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und
durch ihr gewöhnliches Schattenspiel ängstliche Träume anzuspinnen.
Es war hoch am Tage, da Mama erwachte, der Zofe klingelte und die
Fräuleins weckte, die gern noch einen Versuch gemacht hätten, in den
weichen Daunen auch auf dem andern Ohr zu schlafen. Allein die Gräfin
verlangte so sehr, die Heilkräfte des Bades aufs baldeste zu versuchen,
daß sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu bewegen
war, einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fräuleins dem
Balle beigewohnt hätten, den er ihnen zu geben verhieß. Sobald das
Frühstück eingenommen war, schickten sich die Damen zur Abreise an.
Gerührt durch die freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse
des Herrn von Riesental genossen hatten, der auf die höflichste Art bis
an die Grenzen seines Gebietes ihnen das Geleite gab, beurlaubten sie
sich mit der Verheißung, auf der Rückreise wieder vorzusprechen.
Kaum war der Gnome in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf
ins Verhör geführt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge,
die da kommen würden, die Nacht in einem unterirdischen Kerker zugebracht
hatte. »Elender Erdenwurm«, redete ihn der Geist an, »was
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hält mich ab, daß ich dich nicht zertrete für die in meinem Eigentum
mir zu Spott und Hohn verübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit
Haut und Haar für diese Frechheit.« »Großguter Regent des Riesengebirges«,
fiel der Schlaukopf ihm ein, »so allprätendierend Eure
Gerechtsame über diesen Grund und Boden sein mögen, die ich Euch
auch nicht streitig mache, so sagt mir erst, wo Eure Gesetze angeschlagen
sind, die ich übertreten habe, und dann verurteilt mich.« Diese Virtuosensprache
und die dreiste Ausflucht, die der Gefangene seinem
strengen Richter im Wege Rechtens entgegenstellte, ließen ein sonderbares
Original und keinen gewöhnlichen Menschen vermuten, darum
mäßigte der Geist seinen Unwillen einigermaßen und sprach: »Meine
Gesetze hat dir die Natur ins Herz geschrieben; aber damit du nicht
sagen kannst, daß ich dich unverhörter Sache verurteilt habe, so rede
und bekenne mir frei: Wer bist du? und was trieb dich, hier im Gebirge
als Gespenst zu tosen? damit ich dich richte, wie ich dich finde.« Das
war dem Verhafteten lieb zu hören, daß er zum Worte kommen sollte,
hoffte durch die getreue Erzählung seiner Schicksale sich von der verwirkten
Rache des Geistes loszuschwatzen oder die Strafe doch wenigstens
zu mindern.
»Weiland«, fing er an, »hieß ich der arme Kunz, und lebte in der Sechsstadt
Lauban als ein ehrlicher Beutler meiner Profession kümmerlich
von meiner Hände Arbeit; denn es gibt kein Gewerbe, das kärglicher
nährt als die Ehrlichkeit. Obgleich meine Beutel guten Vertrieb fanden,
weil die Rede ging, das Geld ruhe darinnen wohl, indem ich als der siebente
Sohn meines Vaters eine glückliche Hand hätte, so widerlegte sich
doch dieser Glaube durch mich selbst; mein eigner Beutel blieb immer
leer und ledig wie ein gewissenhafter Magen am Fasttage. Daß aber bei
meinen Kunden sich das Geld in den von mir erhandelten Beuteln so
wohl konservierte, lag meinem Bedünken nach weder an der glücklichen
Hand des Meisters noch an der Güte der Arbeit, sondern an der
Materie meiner Beutel: sie waren von Leder. Ihr sollt wissen, Herr, daß
ein lederner Beutel das Geld allzeit fester hält als ein netzförmiger
durchlöcherter von Seide. Wem an einem ledernen Beutel genügt, der
ist nicht leicht ein Verschwender, sondern ein Mann, der, wie das
Sprichwort sagt, den Knopf auf den Beutel hält; die durchsichtigen aber
von Seide und Goldzwirn befinden sich in den Händen vornehmer
Prasser, und da ist's kein Wunder, wenn sie an allen Orten ausrinnen
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wie ein durchlöchert Faß, und so viel man auch hineinschüttet, dennoch
immer leer und ledig bleiben.
Mein Vater prägte seinen sieben Buben fleißig die goldne Lehre ein:
>Kinder, was ihr tut, das treibt mit Ernst<, darum trieb ich mein
Gewerbe unverdrossen, ohne daß mein Nahrungsstand dadurch gefördert
wurde. Es kam Teurung, Krieg und bös Geld ins Land; meine
Mitmeister dachten: leicht Geld, leichte Ware, ich aber dachte: ehrlich
währt am längsten, gab gute Ware für schlecht Geld, arbeitete mich an
den Bettelstab, ward in den Schuldturm geworfen, aus der Innung gestoßen,
und als mich meine Gläubiger nicht länger ernähren wollten,
ehrlich des Landes verwiesen.
Auf dieser Wanderschaft ins Elend begegnete mir einer meiner alten
Kunden, ritt auf einem stolzen Roß stattlich einher, rief mich an und
höhnte mich: >Du Pfuscher, du Lump, bist, seh ich wohl, deiner Kunst
nicht Meister, verstehst sie gar schlecht, weißt den Darm aufzublasen
und ihn nicht zufüllen; machst den Topf und kannst nicht drin kochen;
hast Leder und keinen Leisten dazu; machst so herrliche Beutel und
hast kein Geld.< —>Hör, Gesell<, antwortete ich dem Spötter, >du bist
ein elender Schütze, triffst mit deinen Pfeilen nicht ans Ziel. Es sind
mehr Dinge in der Welt, die zusammengehören und die man nicht beieinander
findet; hat mancher einen Stall und kein Pferd hineinzuziehen;
oder eine Scheuer und keine Garben auszudreschen; einen Brotschrank
und kein Brot; oder einen Keller und keinen Haustrunk, und
so sagt auch das Sprichwort: Einer hat den Beutel, der andre das Geld.<
—>Besser ist doch beides zusammen<, versetzte er; >bist du gesonnen,
bei mir in die Lehre zu treten, so will ich einen vollkommenen Meister
aus dir machen, und weil du das Beutelmachen so wohl verstehst, will
ich dich auch lehren, den Beutel zu füllen; denn ich bin ein Geldmacher
meines Handwerks. Da nun beide Professionen einander in die Hände
arbeiten, ist's billig, daß die Kunstverwandten gemeine Sache machen.<
—>Wohl<, sprach ich, >seid Ihr ein zünftiger Meister in irgendeiner
Münzstadt, so mag's darum sein; aber münzt Ihr auf Eure eigne Rechnung,
so ist's halsbrecherische Arbeit, die mit dem Galgen lohnt, dann
scheid ich davon.< —>Wer nicht wagt, der nicht gewinnt<, sprach er, >und
wer bei der Schüssel sitzt und nicht zulangt, der mag darben. Am Ende
lauft's auf eins hinaus, ob du erstickst oder verhungerst, einmal muß
es doch gestorben sein.< —>Nur mit Unterschied<, fiel ich ihm ein, >ob
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einer als ein ehrlicher Mann stirbt oder als ein Übeltäter.< —>Vorurteil<,
rief er, >was kann das für eine Übeltat sein, wenn einer ein Stück Metall
rundet? Der Jud Ephraim hat dessen von dem nämlichen Schrot und
Korn als das unsre gnug gerundet; was dem einen recht ist, das ist dem
andern billig.<
Kurz, der Mann hatte eine Gabe zu überreden, daß ich mir seinen Vorschlag
gefallen ließ, ich fand mich bald ins Metier, war eingedenk der
väterlichen Lehre, mein Geschäfte mit Ernst zu treiben, und erfuhr, daß
die Geldmacherkunst besser und gemächlicher nähre als die Beutlerprofession.
Aber im besten Fortgange unsrer Fabrik wachte der Handwerksneid
auf; der Jud Ephraim erregte eine schwere Verfolgung gegen
seinen Aftergenossen; der Verräter schlief nicht, wir wurden entdeckt,
und der kleine Umstand, daß wir nicht zünftig waren wie Meister
Ephraim, brachte uns auf den Festungsbau, laut Urteil und Recht auf
Lebenszeit. Hier lebt ich einige Jahre nach der Regel der büßenden
Brüder, bis ein guter Engel, der damals im Lande herumzog, alle
Gefangenen los und ledig zu machen, die knochenfest und rüstig waren,
mir die Tür des Gefängnisses auftat. Es war ein Werbeoffizier, der
mir, anstatt für den König zu karren, den edlem Beruf gab, für ihn zu
fechten, und mich unter die Freipartie enrollierte. Mit diesem Tausch
war ich wohl zufrieden, ich nahm mir nun vor, ganz Soldat zu sein,
zeichnete mich bei jeder Gelegenheit aus, war immer der erste beim
Angriff, und wenn wir retirierten, war ich so gewandt, daß mich der
Feind nie einholen konnte. Das Glück wollte mir wohl, schon führte
ich eine Rotte Reuter an und hoffte bald höher zu steigen. Da wurd
ich einstmals auf Furagierung ausgeschickt und befolgte meine Ordre
so streng und pünktlich, daß ich nicht nur Speicher und Scheuern, sondern
auch Kisten und Kasten, in Häusern und Kirchen, rein ausfuragierte.
Zum Unglück war es in Freundes Land, das gab großen Lärm;
gehässige Leute nennten die Expedition eine Plünderung, man machte
mir als Marodeur den Prozeß, ich wurde degradiert und durch eine
Gasse von fünfhundert Mann eilends aus dem ehrsamen Stande herausgestäupt,
in welchem ich gedachte Fortune zu machen.
Jetzt wußte ich keinen andern Rat, als wieder zu meiner ersten Profession
zu greifen, aber es fehlte mir an Barschaft, Leder einzukaufen, und
an Lust, zu arbeiten. Weil ich nun wegen des allzu wohlfeilen Verkaufs
ein unstreitiges Recht auf meine ehemalige Ware zu haben vermeinte,
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so faßte ich den Anschlag, mich derselben mit guter Art wieder zu bemächtigen,
und ob sie schon durch langen Gebrauch abgenutzt wär,
mich dennoch meines Schadens in etwas dadurch zu erholen. Darum
fing ich an die Taschen zu sondieren und hielt jeden Beutel, den ich witterte,
für einen von meiner Arbeit, machte Jagd darauf, und alle, deren
ich mich bemächtigen konnte, kondemniert ich alsbald als gute Prisen.
Bei dieser Gelegenheit hatte ich die Freude, einen guten Teil meiner
eigenen Münze wieder einzukassieren; denn ob sie gleich verrufen war,
so kursierte sie nach wie vor in Handel und Wandel. Dies Gewerbe ging
eine Zeitlang wohl vonstatten, ich besuchte unter mancherlei Gestalten,
bald als Kavalier, bald als Handelsmann oder Jude, Messen und
Märkte, hatte mich so gut in mein Fach einstudiert, meine Hand war
so geübt und behend, daß sie nie einen Fehlgriff tat und mich reichlich
nährte. Diese Lebensart behagte mir trefflich, daß ich beschloß, dabei
zu verharren; doch der Eigensinn meines Geschickes gestattete mir nie,
das zu sein, was ich wollte. Ich bezog den Jahrmarkt zu Liegnitz und
hatte da den Beutel eines reichen Pächters aufs Korn genommen, der
von Gelde strotzte wie der Bauch seines Besitzers von Schmer. Durch
die Unbehilflichkeit des schweren Säckels mißriet der Kunstgriff meiner
Hand, ich wurde auf der Tat ergriffen und unter der gehässigen
Anklage als ein Beutelschneider vor Gericht gestellt, ob ich schon diesen
Namen nicht in einer unehrlichen Bedeutung verdiente. Ich hatte
zwar ehedem Beutel genug zugeschnitten; aber nie hatte ich einem
Menschen den Geldbeutel abgeschniten, wie man mich doch beschuldigte,
sondern alle, die ich erbeutet hatte, waren mir gleichsam freiwillig
in die Hand gelaufen, als wenn sie zu ihrem ersten Eigentümer zurückkehren
wollten. Diese Ausreden halfen zu nichts, ich wurde in den
Stock gelegt, und mein Unstern wollte, daß ich abermals nach Urteil
und Recht aus meinem Nahrungsstande herausgestäupt werden sollte.
Diesem lästigen Zeremoniell kam ich zuvor, ersah meine Gelegenheit
und strich mich in der Stille aus dem Gefängnis.
Ich war unentschlossen, was ich nun anheben und treiben sollte, um
nicht zu hungern; auch der Versuch, ein Bettler zu werden, mißriet. Die
Polizei in Großglogau nahm mich in Anspruch, wollte mich wider Willen
und Dank verpflegen und mit Gewalt in einen Beruf hineinzwängen,
der mir widerstund. Mit Müh und Not entkam ich dieser strengen
Gerichtsbarkeit, die sich herausnimmt, die ganze Welt zu bevormunden;
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denn mein Grundsatz ist von jeher gewesen: mit der Polizei unbeworren.
Ich mied darum die Städte und trieb mich als ein peregrinierender
Weltbürger auf dem Lande herum. Hier traf sich's, daß die
Gräfin gerade durch den Flecken reiste, wo ich meinen Aufenthalt
hatte, es war etwas an ihrem Wagen zerbrochen, das wieder ausgebessert
werden mußte, und unter mehrern müßigen Leuten, welche die
Neugierde trieb, nach der fremden Herrschaft zu gaffen, trat ich auch
mit unter den Haufen und machte Bekanntschaft mit dem schäfernen
Bedienten, der mir in der Einfalt seines Herzens anvertraute, daß ihm
vor Euch, Herr Rübezahl, gewaltig bange sei, weil wegen des Verzugs
die Reise nun in der Nacht durch das Gebirge gehen würde. Das brachte
mich auf den Einfall, die Zaghaftigkeit der Reisegesellschaft zu nutzen
und in der Geisterwelt meine Talente zu versuchen. Ich schlich mich
seitab in die Wohnung meines Patrons und Pflegers, des Dorf küsters,
der eben abwesend war, bemächtigte mich seiner Amtskleidung, eines
schwarzen Mantels, zugleich fiel mir ein Kürbis ins Gesicht, der zum
Aufputz des Kleiderschrankes diente. Mit dieser Zurüstung und einem
handfesten Bläuel versehen, begab ich mich in den Wald und staffierte
da meine Maske aus. Welchen Gebrauch ich davon gemacht habe, ist
Euch gnugsam bekannt, und daß ich ohne Eure Dazwischenkunft meinen
Meisterstreich glücklich ausgeführt hätte, ist außer Zweifel, mein
Spiel war bereits gewonnen. Nachdem ich mich der beiden feigen Kerle
entlediget hatte, war meine Absicht, den Wagen tief in den Wald hineinzuführen
und, ohne den Damen auch nur das geringste zuleide zu
tun, nur einen kleinen Trödelmarkt zu eröffnen und den schwarzen
Mantel, der in Absicht seiner mir geleisteten Dienste von keinem geringen
Wert war, gegen ihre Barschaft und Geschmeide zu vertauschen,
ihnen eine glückliche Reise zu wünschen und mich hernach bestens zu
empfehlen.
Aufrichtig gesprochen, Herr, von Euch fürchtete ich am wenigsten, daß
Ihr mir den Markt verderben würdet. Die Welt ist so ungläubig, daß
man nicht einmal die Kinder mit Euch mehr zu fürchten machen kann,
und wenn nicht etwan noch hier und da ein Tropf wie der Bediente der
Gräfin oder ein Weib hinter dem Rocken Eurer zuweilen erwähnte, so
hätte Euch die Welt längst vergessen. Ich dachte, wer Rübezahl sein
wolle, der dürft es; bin nun freilich eines andern belehrt und befinde
mich in Eurer Gewalt, hab mich auf Gnad und Ungnad ergeben und
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hoffe, daß meine offenherzige Erzählung Euren Unwillen mildern
werde. Euch wär's ein kleines, einen ehrlichen Kerl aus mir zu machen.
Wenn Ihr mich, mit einem guten Zehrpfennig aus Eurer Braupfanne
begabt, entließet; oder mir, so wie jenem hungrigen Passagier, ein
Schock Heckenschlehen von Eurem Zaune pflücktet, der sich auf
Eurem Obst zwar einen Zahn ausbiß, aber die Schlehen hernach in eitel
goldne Knöpfe verwandelt fand; oder wenn Ihr von den acht goldnen
Kegeln, die Euch noch übrig sind, mir einen verehrtet, davon ihr den
neunten weiland einem Prager Studenten schenktet, der mit Euch boseite;
oder den Milchkrug, dessen geronnene Milch sich in Goldkäse
verwandelte; oder wenn ich straffällig bin, mich sowie jenen wandernden
Schuster schulmeisterhaft mit der goldenen Rute strichet und mir
solche hernach zum Andenken verehrtet, wie die Handwerker auf ihren
Gelagen und Herbergen von Euch zu erzählen wissen: so wär mein
Glück mit einemmal gemacht. Wahrlich, Herr! Wenn Ihr die Bedürfnisse
der Menschen fühltet, so würdet Ihr ermessen, daß es schwer hält,
ein Biedermann zu sein, wenn man an allem Mangel leidet; denn wenn
man zum Exempel Hunger fühlt und keinen Scherf im Beutel hat, so
ist es eine Heldentugend, eine Semmel nicht zu stehlen von dem Brotvorrat,
den ein reicher Bäcker-Krösus auf seinem Laden zur Schau ausgestellt
hat. Das Sprichwort sagt: Not hat kein Gebot.«
»Geh, Schurke«, sprach der Gnome, nachdem der Krauskopf ausgeredet
hatte, »so weit dich deine Füße tragen und ersteige den Gipfel deines
Glückes am Galgen!« Hierauf verabschiedete er den Arrestanten
mit einem kräftigen Fußtritt, und dieser war froh, daß er mit so gelinder
Strafe abkam, und pries seine Suada, die, seiner Meinung nach, ihn
diesmal aus seiner sehr kritischen Lage gezogen hatte. Er sputete sich
fleißigst, dem gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen,
und ließ aus Eilfertigkeit den schwarzen Mantel zurück. So sehr er aber
eilte, so schien es doch nicht, als wenn er von der Stelle käm, er sah immer
die nämlichen Gegenden und Berge vor sich, ob er gleich die Burg,
in welcher er ein Gefangener gewesen war, aus dem Gesichte verloren
hatte. Abgemattet von diesem endlosen Kreislauf, streckte er sich unter
einen Baum im Schatten, ein wenig auszuruhen und auf irgendeinen
Wanderer zu lauern, der ihm zum Wegweiser dienen könnte. Darüber
fiel er in einen festen Schlaf, und als er erwachte, war um ihn her dicke
Finsternis, er wußte gar wohl, daß er unter einem Baume eingeschlafen
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war, gleichwohl hörte er kein Säuseln des Windes in den Ästen, sah
auch keinen Stern durch das Laub schimmern, noch die geringste
Nachthellung. Im ersten Schrecken wollte er aufspringen, da hielt ihn
eine unbekannte Kraft zurück, und die Bewegung, die er machte, gab
ein lautes widerhallendes Geräusch als das Geklirr von Ketten; nun
wurd er gewahr, daß er in Fesseln lag, und vermeinte, viel hundert
Lachter unter der Erde wieder in Rübezahls Gewahrsam zu sein, worüber
ihm große Furcht und Entsetzen ankam.
Nach einigen Stunden begann es um ihn her zu tagen, doch fiel das
Licht nur kärglich durch das eiserne Gitter eines kleinen Fensters zwischen
den Mauern herein. Ohne zu wissen, wo er sich eigentlich befand,
kam ihm der Kerker doch nicht ganz fremd vor; er hoffte auf den
Gefangenenwärter, wiewohl vergebens. Es verlief eine lange Stunde
nach der andern, Hunger und Durst peinigten den Verhafteten, er fing
an Lärm zu machen, rasselte mit den Ketten, pochte an die Wand, rief
ängstlich um Hilfe und vernahm Menschenstimmen in der Nähe; aber
niemand wollte die Tür des Gefängnisses auftun. Endlich waffnete sich
der Kerkermeister mit einem Gespenstersegen, öffnete die Tür, schlug
ein großes Kreuz vor sich und fing an den Teufel zu exorzisieren, der
seiner Einbildung nach in dem ledigen Kerker tobte. Doch da er die
Spukerei näher betrachtete, erkannte er seinen entwichenen Gefangenen,
den Beutelschneider, und Kunz den Kerkermeister in Liegnitz.
Jetzt wurde er inne, daß ihn Rübezahl wieder ad locum unde zurückspediert
hatte. »Sieh da, Krauskopf!« redete ihn der Gerichtsfron an,
»bist du wieder in deinen Käfig gehüpft? Woher des Landes?« —
»Immer da zum Tor hinein«, antwortete Kunz, »bin des Herumlaufens
müde, hab mich, wie Ihr seht, in Ruhe gesetzt und mein altes Quartier
wieder aufgesucht, so Ihr mich beherbergen wollt.«Obgleich niemand
begreifen konnte, wie der Gefangene wieder in den Turm gekommen
sei und wer ihm die Fesseln angelegt habe, so behauptete Kunz, der sein
Abenteuer nicht wollte kund werden lassen, dennoch dreiste, er habe
sich freiwillig wieder eingefunden, ihm sei die Gabe verliehen, nach
Gefallen durch verschloßne Türen aus und ein zu gehen, die Fesseln
anzulegen und sich derselben, wenn er wolle, wieder zu entledigen;
denn ihm sei kein Schloß zu feste. Durch diesen scheinbaren Gehorsam
bewogen, verschonten ihn die Richter mit der verwirkten Strafe und
legten ihm nur auf, so lange für den König zu karren, bis er sich nach
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Gefallen der Fesseln entledigen würde. Man hat aber nicht vernommen,
daß er von dieser Verwilligung jemals Gebrauch gemacht hätte.
Die Gräfin Cecilie war indessen mit ihrer Begleitung glücklich und
wohlbehalten im Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war, den
Badearzt zu sich zu berufen und ihn wie gewöhnlich über ihren
Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu konsultieren. Trat
herein der weiland hochberühmte Arzt, Doktor Springsfeld aus Merseburg,
der die güldene Quelle des Karlsbades nicht mit dem paradiesischen
Fluß Pison würde vertauscht haben. »Sein Sie uns willkommen,
lieber Doktor«, riefen Mama und die holden Fräuleins ihm traulich und
freudig entgegen. »Sie sind uns zuvorgekommen«, fügte erstere hinzu,
»wir vermuteten Sie noch bei dem Herrn von Riesental; aber, loser
Mann, warum haben Sie uns dort verschwiegen, daß Sie der Badearzt
sind?« —»Ach, Herr Doktor«, fiel Fräulein Hedwig ein, »Sie haben mir
die Ader durchgeschlagen, der Fuß schmerzt mich, ich werde hier nun
hinken und nicht walzen können.«Der Arzt stutzte, sann lange hin und
her und erinnerte sich nicht, die Damen irgendwo gesehen zu haben.
»Ihr Gnaden verwechseln ohne Zweifel mich mit einem andern«,
sprach er, »ich habe vordem nicht die Ehre gehabt, Ihnen persönlich
bekannt zu sein; der Herr von Riesental gehört auch nicht zu meiner
Bekanntschaft, und während der Kurzeit pfleg ich mich nie von hier
zu entfernen.« Die Gräfin konnte keinen andern Grund von diesem
strengen Inkognito, das der Arzt so ernsthaft behauptete, sich angeben,
als daß er ganz gegen die Denkungsart seiner Kollegen für seine geleisteten
Dienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte lächelnd: »Ich
verstehe Sie, lieber Doktor; Ihre Delikatesse geht aber zu weit, sie soll
mich nicht abhalten, mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für
Ihren guten Beistand dankbar zu sein.« Sie nötigte ihm darauf eine
goldne Dose mit Gewalt auf, die der Arzt jedoch nur als Vorausbezahlung
annahm und, um die Dame als eine gute Kundin nicht unwillig
zu machen, ihr nicht weiter widersprach.
Er erklärte sich übrigens das Rätsel ganz leicht durch die medizinische
Hypothese, daß die ganze gräfliche Familie von einer Art Kribbelkrankheit
befallen sei, wobei seltsame und unbegreifliche Wirkungen
der Imagination nichts Ungewöhnliches sind, und verordnete viel gelinde
Abführungen.
Doktor Springsfeld war keiner der unbehilflichen Ärzte, die außer der
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Gabe, ihre Pillen und Latwergen anzupreisen, keine andere besitzen,
sich ihren Patienten lieb und angenehm zu machen; er wußte seine
Kunden mit artigen Geschichtchen, Stadtneuigkeiten und kleinen
Anekdoten wohl zu unterhalten und ihre Lebensgeister dadurch aufzumuntern.
Da er vom Besuch der Gräfin seine medizinische Ronde
ging, gab er die sonderbare Entrevüe mit der neuen Kundschaft in jedem
Besuchzimmer zum besten, ließ bei der oftmaligen Wiederholung
die Sache unvermerkt wachsen und kündigte die Dame bald als eine
Kranke, bald als Schweberin oder Seherin an. Man war begierig, eine
so außerordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Gräfin Cecilie
wurde im Karlsbad das Märchen des Tages. Alles drängte sich in der
Gesellschaft zu ihr, da sie mit ihren schönen Töchtern zum erstenmal
erschien.
Es war ihr und den Fräuleins ein höchst überraschender Anblick, die
ganze Gesellschaft hier anzutreffen, in welche sie vor einigen Tagen in
dem Schlosse des Herrn von Riesental waren eingeführt worden. Der
bebänderte Graf, der wohlbebauchte Domherr, der gelähmte Finanzrat
fielen ihnen gleich zuerst in die Augen. Sie waren des steifen Zeremoniells
überhoben, gegen Unbekannte sich zu beknicksen; es war für sie
kein fremdes Gesicht im Saale. Mit freimütiger Unbefangenheit wendete
sich die gesprächige Dame bald zu dem, bald zu jenem von der
Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namen und Charakter, sprach
viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf die bei diesem gastfreien
Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungen und wußte sich
nicht zu erklären, wohin das fremde und kalte Benehmen aller der Herren
und Damen deuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaft und
Vertraulichkeit gegen sie geäußert hatten. Natürlich geriet sie auf den
Wahn, das sei eine abgeredete Sache und der Herr von Riesental würde
der Schäkerei dadurch ein Ende machen, daß er unvermutet selbst zum
Vorschein käme. Sie wollte ihm gleichwohl nicht den Triumph gönnen,
über ihren Scharfsinn gesiegt zu haben, und gab dem bekrückten
Finanzrat scherzweise den Auftrag, seine vier Füße in Bewegung zu
setzen und den Obersten aus dem verborgenen Hinterhalt hervorzurufen
und zu introduzieren.
Alle diese Reden bewiesen nach der Meinung der Badegesellschaft so
sehr eine überspannte Phantasie, daß sie samt und sonders die Gräfin
bemitleideten, die nach dem Urteil aller Anwesenden eine sehr vernünftige
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Frau schien und in ihren Reden und dem Gange der Gedanken
nichts Ausschweifendes verriet, wenn ihre Phantasie nicht den Weg
über das Riesengebirge nahm. Die Gräfin ihrerseits erriet aus den bedeutsamen
Gesichtszügen, Winken und Blicken der um sie her versammelten
Herrschaften, daß man sie schief beurteile und daß man wähne,
ihre Krankheit habe sich aus den Gliedern ins Gehirn versetzt. Sie
glaubte, die beste Widerlegung dieses kränkenden Vorurteils sei die
aufrichtige Erzählung ihres Abenteuers auf der schlesischen Grenze.
Man hörte sie mit der Aufmerksamkeit, mit der man ein Märchen anhört,
das auf einige Augenblicke angenehm unterhält, davon man aber
kein Wort glaubt. Sie hatte das Schicksal der Seherin Cassandra, welcher
Apoll die Gabe der Wahrsagung verliehen, aber den Aussprüchen
seiner spröden Priesterin, aus Verdruß über ihre wenige Gefälligkeit,
die Glaubwürdigkeit entzogen hatte. »Wunderbar!« riefen alle Zuhörer
aus einem Munde, und sahen bedeutsam den Doktor Springsfeld
an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte, die Patientin
nicht eher seiner Pflege zu entlassen, bis das mineralische Wasser das
abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Phantasie rein würde weggespült
haben. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und die
Kranke davon erwartet hatten. Da die Gräfin sahe, daß ihre Geschichte
bei den Karlsbadern wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden
Menschenverstand verdächtig machte, redete sie nicht mehr davon, und
Doktor Springsfeld unterließ nicht, dieses Schweigen den Heilkräften
des Bades zuzuschreiben, das doch auf eine ganz andere Art gewirkt
und die Gräfin aller Gichter und Gliederschmerzen entledigt hatte.
Nachdem die Badekur geendigt war, die schönen Fräuleins sich genug
hatten begaffen und bewundern lassen, den lieblichen Weihrauch der
Schmeichelei von den süßen Herren reichlich eingeatmet, und sich satt
und müde gewalzet hatten, kehrten Mutter und Töchter nach Breslau
zurück. Sie nahmen mit gutem Vorbedacht den Weg wieder durchs
Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten Wort zu halten, bei der
Rückreise bei ihm vorzusprechen, denn von ihm hoffte die Gräfin Auflösung
des ihr unbegreiflichen Rätsels, wie sie zur Bekanntschaft der
Badegeselischaft gelangt sei, die sich so wildfremd gegen sie gebärdete,
und wodurch das seltsame Alibi wäre veranlaßt worden, das sich nicht
bunter träumen ließ. Aber niemand wußte den Weg nach dem Schlosse
des Herrn von Riesental nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen,
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dessen Name sogar weder diesseit noch jenseit des Gebirges bekannt
war. Dadurch wurde die verwunderte Dame endlich überzeugt,
daß der Unbekannte, der sie in Schutz genommen und beherbergt
hatte, kein anderer gewesen sei als Rübezahl, der Berggeist. Sie gestund,
daß er das Gastrecht auf eine edelmütige Art an ihr ausgeübt
hätte, verzieh ihm seine Neckerei mit der Badegeseilschaft und glaubte
nun von ganzem Herzen an die Existenz der Geister, ob sie gleich um
der Spötter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbar
werden zu lassen.
Seit der Vision der Gräfin Cecilie hat Rübezahl nichts mehr von sich
hören lassen. Er kehrte in seine unterirdischen Staaten zurück, und da
bald nach dieser Begebenheit der große Erdbrand ausbrach, der Lissabon
und nachher Quatimala zerstörte, seitdem immer weiter fortgewütet
und sich neuerlich bis an die Grundveste des deutschen Vaterlandes
verbreitet hat: so fanden die Erdgeister so viel Arbeit in der Tiefe,
den Fortgang der Feuerströme zu hemmen, daß sich seitdem keiner
mehr auf der Oberfläche der Erde hat blicken lassen. Denn daß die
Weissagung des Buchs Chevila nicht in Erfüllung gegangen und der berüchtigte
Seher in Zellerfeld ein Lügenprophet worden ist; daß die
Länder am Rhein und Neckarstrom auf ihrer alten Erdscholle noch so
grund- und bodenfeste stehn wie der Brocken und das Riesengebirge,
und daß die Herren von Hirschberg noch keine Flotte in See stechen
lassen und an dem amerikanischen Seekrieg Anteil genommen haben:
das ist das Werk der wachsamen Gnomen und ihrer unermüdlichen
Arbeit.
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LIBUSSA
Tief im Böhmer Walde, wovon jetzt nur ein Schatten übrig ist,
wohnte vor Zeiten, da er sich noch weit und breit ins Land erstreckte,
ein geistiges Völklein, lichtscheu und luftig, auch unkörperlich,
feiner genaturt als die aus fettem Ton geformte Menschheit und
darum unempfindbar dem gröbern Gefühissinn, aber dem verfeinerten
haibsichtbar bei Mondenlicht und wohlbekannt den Dichtern unter
dem Namen der Dryaden und den alten Barden unter dem Namen der
Elfen. Seit undenklichen Zeiten hatten sie hier ihr Wesen ungestört, bis
der Wald plötzlich von lautem Kriegsgetümmel ertönte.
Herzog Czech von Ungerland brach mit seinen slawischen Horden
über die Gebirge herein, sich in diesen unwirtbaren Gegenden einen
neuen Wohnplatz zu suchen. Die schönen Bewohnerinnen der bejahrten
Eichen, der Felsen, Klüfte und Grotten, auch des Schilfs in Teichen
und Sümpfen, flohen vor dem Geräusche der Waffen und dem Wiehern
der Streitrosse. Selbst dem gewaltsamen Erlenkönig war des Lärms zuviel,
und er verlegte seine Hofstatt in entlegenere Wüsteneien. Nur eine
der Elfen konnte sich nicht entschließen, von ihrer Lieblingseiche zu
scheiden, und als der Wald da und dort umgehauen wurde, um das
Land urbar zu machen, hatte sie allein den Mut, ihren Baum gegen die
Gewalt der neuen Ankömmlinge zu verteidigen, und wählte den emporragenden
Wipfel zu ihrem Aufenthalte.
Unter dem Hofgesinde des Herzogs befand sich ein junger Knappe,
Krokus genannt, voll Mut und Jugendfeuer, rüstig und wohlgebaut,
auch von edler Bildung, dem die Hut der Leibrosse seines Herrn anbefohlen
war, die er zuweilen weit in den Wald auf die Weide trieb. Oft
rastete er unter der Eiche, welche die Elfe bewohnte. Sie bemerkte den
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Fremdling mit Wohlgefallen, und wenn er zur Nachtzeit unten an der
Wurzel schlummerte, flüsterte sie ihm angenehme Träume ins Ohr,
verkündete ihm in bedeutsamen Bildern die Begegnisse des künftigen
Tages; oder wenn sich irgendein Pferd in die Wildnis verlaufen hatte
und der Hüter die Spur verloren hatte, es aufzusuchen, und mit Kummer
einschlief, sah er im Traume die Merkzeichen des verborgenen
Pfades, der zu dem Orte führte, wo der verirrte Gaul weidete.
Je weiter sich die neuen Anpflanzer ausbreiteten, desto näher rückten
sie an die Wohnung der Elfe, und vermöge der Gabe ihrer Divination
sah sie ein, wie bald die Axt ihren Lebensbaum bedrohen würde;
darum beschloß sie, ihrem Gastfreunde diesen Kummer zu entdecken.
An einem mondhellen Sommerabend trieb Krokus seine Herde später
als gewöhnlich in die Verzäunung und eilte unter den hochgegipfelten
Eichbaum zu seiner Lagerstatt. Sein Weg dahin krümmte sich um einen
fischreichen Weiher, in dessen Silberwellen die güldne Mondsichel in
Form eines leuchtenden Kegels sich spiegelte, und über diesen schimmernden
Teil des Sees hinweg, am jenseitigen Gestade in der Gegend
der Eiche, erblickte er eine weibliche Gestalt, die an dem kühlen Ufer
zu lustwandeln schien. Diese Erscheinung befremdete den jungen
Kriegsmann. Woher dies Mädchen, dachte er bei sich selbst, so allein
in dieser Wüste, zur Zeit der nächtlichen Dämmerung? Aber das Abenteuer
war doch von einer solchen Beschaffenheit, daß es für einen Jüngling
mehr anlockend als abschreckend schien, die Sache zu untersuchen.
Er verdoppelte seine Schritte, ohne die Gestalt, die seine Aufmerksamkeit
beschäftigte, aus den Augen zu verlieren, und gelangte bald an den
Ort, wo er sie zuerst wahrgenommen hatte, unter der Eiche. Jetzt
kam's ihm vor, als sei's mehr Schatten als Körper, was er sah. Er stund
verwundernd da, und es überlief ihm die Haut mit einem kalten
Schauer. Aber er vernahm eine sanfte Stimme, die ihm diese Worte entgegenlispelte:
»Tritt herzu, lieber Fremdling, und scheue dich nicht, ich
bin keine Truggestalt, kein täuschender Schatten: ich bin die Elfe dieses
Hains, die Bewohnerin der Eiche, unter deren dichtbelaubten Ästen du
oft gerastet hast. Ich wiegte dich in süße, ergötzende Träume und verkündete
dir deine Begegnisse, und wenn ein Mutterpferd oder ein Füllen
von der Herde sich verirrt hatte, wies ich dir den Ort, wo es zu finden
war. Vergilt diese Gunst durch einen Gegendienst, den ich von dir
fordere: sei der Beschützer dieses Baumes, der dich vor Sonnenbrand
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und Regen so oft in Schutz genommen hat, und wehre der mörderischen
Axt deiner Brüder, welche die Wälder verheeren, daß sie diesen
ehrwürdigen Stamm nicht verletze.«
Der junge Krieger, durch diese sanfte Rede wieder beherzt gemacht,
antwortete also: »Göttin oder Sterbliche, wer du auch sein magst, heische
von mir, was dich lüstet, so ich's vermag, will ich's enden. Aber
ich bin ein geringer Mann aus meinem Volk, meines Herrn, des Herzogs,
Knecht. So der zu mir spricht, heut oder morgen: Weide hie,
weide da, wie soll ich deines Baums hüten in diesem fernen Walde?
Doch so du gebeutst, will ich mich abtun des Fürstendienstes, im Schatten
deines Eichbaumes wohnen und seiner hüten mein Leben lang.« —
»Tue also«, sprach die Elfe, »es soll dich nicht gereuen.« Hierauf verschwand
sie, und es rauschte oben in dem Wipfel nicht anders, als ob
sich ein lautes Abendlüftchen darin verfangen hätte und das Laub bewegte.
Krokus stund noch eine Weile ganz entzückt über die himmlische
Gestalt, die ihm erschienen war. So ein zartes weibliches Geschöpf
von schlankem Wuchs und herrlichem Anstand war ihm unter den
kurzstämmigen slavischen Dirnen nie vorgekommen. Endlich streckte
er sich aufs weiche Moos, ob ihm gleich kein Schlaf in die Augen kam.
Die Morgendämmerung überraschte ihn im Taumel süßer Empfindungen,
die ihm so fremd und neu waren wie der erste Lichtstrahl den geöffneten
Augen eines Blindgebornen. Er flog beim frühen Morgen zum
Hoflager des Herzogs, begehrte seinen Abschied, packte seine Heergeräte
zusammen und wandelte mit einem Kopf voll glühender Schwärmerei
und seiner Bürde auf dem Rücken der Waldeinsiedelei zu.
Indessen hatte in seiner Abwesenheit ein Kunstmeister im Volke, seinem
Gewerbe nach ein Müller, den gesunden, geraden Stamm der Eiche
zu einem Wellbaum sich ausersehen und ging mit seinen Mühlknappen
hin, sie zu fällen. Die zagende Elfe erseufzte, als die gefräßige Schrotsäge
anhub, mit stählernem Gebiß die Grundfeste ihrer Wohnung zu
benagen. Sie schaute von der Höhe des Gipfels ängstlich nach ihrem getreuen
Champion umher, doch ihr Scharfblick vermochte ihn nirgends
zu entdecken, und die Bestürzung machte die ihrem Geschlecht verliehene
Gabe der Vorherverkündigung diesmal so unwirksam, daß sie ihr
bevorstehendes Schicksal so wenig zu entziffern sich zutraute, als die
Söhne des Äskulap mit ihrer gerühmten Prognosis sich selber zu beraten
wissen, wenn der Tod an ihre eigne Tür anklopft.
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Krokus war gleichwohl im Anzuge und dem Schauplatze dieser traurigen
Katastrophe so nahe, daß das Geräusch der keuchenden Säge ihm
in die Ohren drang. Von diesem Getöse im Walde ahndete ihm nichts
Gutes, er beflügelte seine Füße und sah den Greuel der bevorstehenden
Verwüstung des von ihm in Schutz genommenen Baumes vor Augen.
Wie ein Rasender stürmte er flugs auf die Holzhauer ein mit seinem
Spieß und blankem Schwert und scheuchte sie von der Arbeit, denn sie
glaubten einen Bergdämon zu sehen und entflohen in großer Bestürzung.
Zum Glück war die Wunde des Baums noch heilbar, und die
Narbe verlief in wenigen Sommern.
In der Feierstunde des Abends, nachdem der neue Ankömmling sich
den Platz zu seiner künftigen Wohnung ausersehen, auch den Raum,
einen kleinen Garten einzuzäunen, abgeschritten hatte und die ganze
Anlage seiner Einsiedelei nochmals in Gedanken erwog, wo er in der
Abgeschiedenheit von der menschlichen Gesellschaft seine Tage zu
verleben gedachte, im Dienst einer Schattengesellschafterin, die nicht
viel mehr Realität zu haben schien als eine Kalenderheilige, die ein
frommer Ordensmann zur geistlichen Liebschaft sich erkieset, erschien
ihm die Elfe am Gestade des Weihers und redete ihn mit holdseliger
Gebärdung also an: »Dank dir, lieber Fremdling, daß du dem gewaltsamen
Arme deiner Brüder gewehrt hast, diesen Baum zu fällen, mit
dem mein Leben verschwistert ist; denn du sollst wissen, daß die Mutter
Natur, die meinem Geschlechte so mancherlei Kräfte und Wirksamkeit
verliehen, dennoch das Schicksal unsers Lebens mit dem
Wachstum und der Dauer der Eiche vereinbart hat. Durch uns erhebt
die Königin der Wälder ihr ehrwürdiges Haupt über den Pöbel der übrigen
Bäume und Gesträuche empor, wir fördern den Umtrieb ihrer
Säfte durch Stamm und Äste, daß sie Kraft gewinnt, mit den Sturmwinden
zu kämpfen und lange Jahrhunderte der zerstörenden Zeit zu trotzen.
Hinwiederum ist unser Leben an das ihrige gekettet: altert die
Eiche, die das Los des Schicksals zur Mitgenossin des Lebens uns zugeteilt
hat, so altern wir mit ihr; und stirbt sie ab, so sterben wir dahin
und schlafen gleich den Sterblichen auch eine Art von Totenschlaf, bis
durch den ewigen Kreislauf aller Dinge der Zufall oder eine verborgene
Anordnung der Natur unser Wesen mit einem neuen Keim zusammengattet,
der, durch unsere belebende Triebkraft aufgeschlossen,
nach langer Zeiten Verlauf zum mächtigen Baum hinaufsproßt und des
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Lebens Genuß uns von neuem gestattet. Daraus magst du abmerken,
welchen Dienst du mir durch deinen Beistand geleistet hast und welcher
Dank dir dafür gebührt. Fordre von mir den Lohn deiner edlen Tat,
offenbare mir den Wunsch deines Herzens, und er soll dir zur Stunde
gewährt sein.«
Krokus schwieg. Der Anblick der reizenden Elfe hatte auf ihn mehr
Eindruck gemacht als ihre Rede, von welcher er nur wenig begriff. Sie
bemerkte seine Verlegenheit, und um ihn daraus zu ziehen, ergriff sie
ein dürres Schilfrohr am Ufer des Weihers, zerbrach's in drei Stücke
und sprach: »Wähle eine von diesen drei Hülsen oder nimm eine ohne
Wahl. In der ersten ist Ehre und Ruhm, in der anderen Reichtum und
dessen weiser Genuß, in der dritten Minneglück für dich eingeschlossen.«
Der junge Mann schlug die Augen zur Erde nieder und antwortete:
»Tochter des Himmels, wenn du den Wunsch meines Herzens zu
gewähren gedenkst, so wisse, daß er nicht in den drei Hülsen eingeschlossen
ist, die du mir darbeutst; mein Herz trachtet nach einem größern
Lohn. Was ist Ehre als der Zunder des Stolzes, was ist Reichtum
als die Wurzel des Geistes, und was ist Liebe als die Falltür der Leidenschaft,
die edle Freiheit des Herzens zu berücken? Gewähre mir den
Wunsch, im Schatten deines Eichbaumes von der Ermattung des Heereszugs
zu rasten und aus deinem süßen Munde Lehren der Weisheit
zu hören, um die Geheimnisse der Zukunft dadurch zu enträtseln.« —
»Dein Begehr«, gegenredete die Elfe, »ist groß, aber dein Verdienst um
mich ist es nicht minder, es geschehe also, wie du gebeten hast. Die
Binde vor deinen körperlichen Augen soll schwinden, die Geheimnisse
verborgener Weisheit zu schauen. Nimm nun mit dem Genuß der
Frucht zugleich die Schale dahin; denn der Weise ist auch ein geehrter
Mann; er allein ist reich, denn er braucht nicht mehr, als er bedarf, und
kostet den Nektar der Liebe, ohne ihn mit unreinen Lippen zu vergiften.«
Als sie das gesagt hatte, reichte sie ihm nochmals die drei Schilfhülsen
dar und schied von ihm.
Der junge Eremit bereitete sich sein Bette von Moos unter der Eiche,
höchst zufrieden über die Aufnahme, die ihm die Elfe hatte widerfahren
lassen. Der Schlaf überfiel ihn wie ein gewappneter Mann, heitere
Morgenträume umtanzten seinen Scheitel und nährten seine Phantasie
mit dem Dunste glücklicher Ahndungen. Beim Erwachen begann er
fröhlich sein Tagewerk, erbaute sich eine bequeme Einsiedlerhütte,
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grub seinen Garten und pflanzte Rosen und Lilien, auch andere Wohlgeruch
düftende Blumen und Kräuter, nicht minder Kohl und Küchengewächse
nebst fruchtbringenden Obstbäumen hinein.
Die Elfe unterließ nie, jeden Abend im Zwielichte ihm einen Besuch
zu machen, erfreute sich über den Gewinn seines Fleißes, lustwandelte
mit ihm Hand in Hand am schilfreichen Gestade des Weihers auf und
ab, und der bewegliche Schilf flötete dem traulichen Paare einen melodischen
Abendgruß zu, wenn es die Luft durchsäuselte. Sie unterwies
ihren horchsamen Lehrjünger in den Geheimnissen der Natur, unterrichtete
ihn von dem Ursprung und dem Wesen der Dinge, lehrte ihn
die natürlichen und magischen Eigenschaften und Wirkungen derselben
und bildete den rohen Kriegsmann zu einem Denker und Weltweisen
um.
In dem Maße, wie durch den Umgang mit der schönen Schattengestalt
die Empfindungen und der Gefühlssinn des jungen Mannes sich verfeinerten,
schien sich die zarte Form der Elfe zu verdichten und mehr
Konsistenz zu gewinnen. Ihr Busen empfing Wärme und Leben, ihre
bräunlichen Augen sprühten Feuer, und sie schien mit der Gestalt einer
jungen Dirne auch die Gefühle eines blühenden Mädchens angenommen
zu haben. Die empfindsame Schäferstunde, die dazu recht wie gemacht
ist, schlafende Gefühle aufzuwecken, tat die gewöhnliche Wirkung:
nach wenigen Mondenwechseln von der ersten Bekanntschaft an
war der seufzende Krokus im Besitz des Minneglücks, welches die
dritte Schilfhülse ihm verheißen hatte, und bereute es nicht, durch die
Falltür der Liebe die Freiheit des Herzens eingebüßt zu haben.
Obgleich die Vermählung des zärtlichen Paares nur unter vier Augen
geschah, so wurde sie doch mit eben dem Vergnügen als das geräuschvollste
Beilager vollzogen, und es fehlte in der Folge nicht an sprechenden
Beweisen der belohnten Liebe. Die Elfe beschenkte ihren Gemahl
mit drei Töchtern, die zu gleicher Zeit geboren wurden. Und der über
die Fruchtbarkeit seiner andern Hälfte entzückte Vater nannte bei der
ersten Umarmung die, welche früher als die beiden Zwillingsschwestern
seine vier Wände beschrie, Bela, die nachgeborne Therba und die
jüngstgeborene Libussa.
Alle glichen den Genien an Schönheit der Gestalt, und ob sie gleich
nicht aus so zartem Stoff gebaut waren wie die Mutter, so war doch ihre
körperliche Beschaffenheit feiner als die vergröberte irdene Form des
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Vaters. Dabei waren sie von allen Infirmitäten der Kindheit befreit, lagen
sich nicht wund, zahnten ohne epileptische Krämpfe, schrien nicht
über Stuhlzwang, bekamen keine rachitischen Anfälle, hatten keine
Pocken und mithin auch keine Narben, kein Fell übers Auge oder ein
zusammengeflossenes Gesicht zu fürchten; auch bedurften sie keines
Gängelbandes, denn nach den ersten neun Tagen liefen sie schon wie
die Rebhühner, und wie sie heranwuchsen, veroffenbarten sich an ihnen
alle Talente der Mutter, verborgene Dinge zu erraten und zukünftige
zu weissagen.
Krokus erlangte mit Hilfe der Zeit in diesen Geheimnissen gleichfalls
gute Kundschaft. Wenn der Wolf die Viehherden im Walde zerstreut
hatte und die Hirten ihre verlornen Schafe und Rinder aufsuchten;
wenn die Holzhauer eine Axt oder ein Beil vermißten, holten sie sich
Rats bei dem weisen Krokus, der ihnen anzeigte, wo sie das Verlorne
suchen sollten. Wenn ein böser Nachbar etwas von gemeinem Gut entwendet,
zur Nachtzeit in die Herde oder die Wohnung seines Nachbarn
eingebrochen, ihn beraubt oder den Wirt erschlagen hatte und
niemand auf den Verbrecher raten konnte, befragte man den weisen
Krokus. Der beschied die Gemeine auf einen Anger, hieß sie männiglich
einen Kreis beschließen, dann trat er mitten unter sie und ließ das
unbetrügliche Sieb laufen, das nie verfehlte, den Missetäter zu veroffenbaren.
Dadurch breitete sich sein Ruf aus über das ganze Böhmer
Land, und wer ein Anliegen oder ein wichtiges Gewerbe hatte, ratfragte
den weisen Mann über den Ausgang des Geschäftes. Auch Krüppel und
Kranke begehrten von ihm Genesung und Hilfe, selbst das gebrechliche
Vieh wurde zu ihm gebracht, und er verstund sich so gut darauf, die
kranken Kühe durch seinen Schatten gesund zu machen, wie der renommierte
Sankt Martin von Schierbach. Dadurch vermehrte sich der
Zulauf des Volks bei ihm von Tag zu Tage, nicht anders, als wenn der
Dreifuß des delphischen Apoll in den Böhmer Wald wäre versetzt
worden. Und obgleich Krokus ohne Lohn und Gewinn den Ratfragenden
Bescheid gab und die Kranken und Preßhaften heilte, so zinste ihm
doch der Schatz seiner geheimnisvollen Weisheit reichlich und brachte
ihm großen Gewinn; das Volk drängte sich zu ihm mit Gaben und
Geschenken und erdrückte ihn schier mit den Beweisen seines guten
Willens. Er offenbarte zuerst das Kunstgeheimnis, aus dem Eibsande
Gold zu waschen, und empfing den Zehenten von allen Goldfischern.
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Dadurch mehrte sich sein Gut und Vermögen, er baute feste Schlösser
und Paläste, hatte große Viehherden, besaß fruchtbare Ländereien,
Felder und Wälder und befand sich unvermerkt im Besitz alles des
Reichtums, den die freigebige Elfe vorbedeutend in die zwote Schilfhülse
für ihn eingeschlossen hatte.
An einem schönen Sommerabend, als Krokus mit seinen Reisigen von
einem Flurzuge heimkehrte, wo er auf Erfordern die Grenzstreitigkeiten
zwoer Gemeinden geschlichtet hatte, erblickte er seine Gemahlin
am Ufer des Schilfteiches, da, wo sie ihm zuerst erschienen war. Sie
winkte ihm mit der Hand, darum ließ er seine Diener von sich und eilte,
sie zu umarmen. Sie empfing ihn nach Gewohnheit mit zarter Liebe,
aber ihr Herz war traurig und beklommen; aus ihren Augen träufelten
ätherische Tränen, so fein und flüchtig, daß sie im Fallen von den Lüften
gierig eingesogen wurden, ohne die Erde zu erreichen. Krokus bestürzte
über diesen Anblick, er hatte die Augen seiner Gemahlin nie
anders als heiter und im Glanze jugendlicher Fröhlichkeit gesehen.
»Was ist dir, Geliebte meines Herzens?«sprach er, »bange Ahndungen
zerreißen meine Seele. Sag an, welche Deutung haben diese Zähren?«
Die Elfe erseufzte, lehnte ihr Haupt wehmütig an seine Schulter und
sprach: »Teurer Gemahl, in Eurer Abwesenheit habe ich im Buche des
Schicksals gelesen, daß meinem Lebensbaume ein unglückliches Verhängnis
droht; ich muß mich ewig von Euch scheiden. Folgt mir in das
Schloß, daß ich meine Kindlein gesegne, denn von heute an werdet ihr
mich nimmer sehen.« — »Oh, Geliebte«, gegenredete Krokus, »laßt
diesen traurigen Gedanken schwinden! Was kann Eurem Baume für ein
Unglück drohen? Steht er nicht stamm- und wurzelfeste? Seht seine gesunden
Äste, wie sie mit Laub und Früchten belastet sich ausbreiten
und wie er seine Wipfel zu den Wolken erhebt. Solange dieser Arm sich
regt, soll er ihn gegen jeden Frevler schützen, der seinen Stamm zu verletzen
wagt.« —»Ohnmächtiger Schutz«, versetzte sie, »den ein sterblicher
Arm gewähren kann! Ameisen können nur den Ameisen, Mücken
nur den Mücken, und alles Erdengewürm kann nur dem Erdengewürm
abwehren. Aber was vermag der Mächtigste unter euch gegen die Wirkungen
der Natur oder die unwandelbaren Ratschlüsse des Schicksals?
Erdenkönige können nur kleine Erdhügel umwälzen, die ihr Festen
und Schlösser nennt, aber das kleinste Lüftchen spottet ihrer Macht,
säuselt, wo es will, und achtet nicht auf ihr Gebot. Du hast vormals diesen
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Eichbaum gegen die Gewalt der Menschen geschützt, kannst du
auch dem Sturmwind wehren, wenn er sich aufmacht, seine Äste zu
entblättern, oder wenn ein verborgner Wurm in seinem Marke nagt,
kannst du ihn hervorziehn und zertreten?«
Unter diesen Gesprächen gelangte das traute Paar ins Schloß. Die
schlanken Fräuleins hüpften, wie sie bei dem abendlichen Besuch ihrer
Mutter zu tun pflegten, derselben freudig entgegen, gaben Rechenschaft
von ihrem Tagewerke, brachten ihre Stickerei und Nähwerk zum
Beweis ihres kunstreichen Fleißes herbei; doch diesmal war die Stunde
des häuslichen Glückes freudenlos. Sie bemerkten bald, daß dem
Angesichte des Vaters die Spuren tiefer Schmerzen eingedruckt waren,
und sahen mit teilnehmendem Kummer die mütterlichen Zähren, ohne
daß sie es wagten, nach deren Ursach zu fragen. Die Mutter gab ihnen
viel weise Lehren und gute Vermahnungen; ihre Rede aber glich einem
Schwanengesange, als ob sie die Welt gesegnen wollte. Sie weilte noch
bei ihren Geliebten, bis der Morgenstern am Himmel heraufzog, darauf
umarmte sie Gemahl und Kinder mit wehmütiger Zärtlichkeit, begab
sich bei Anbruch des Morgens durch das verborgene Pförtchen
nach Gewohnheit wieder zu ihrem Baume und überließ ihre Lieben
den Gefühlen banger Ahndung.
Die Natur stund in horchsamer Stille bei Aufgang der Sonne, aber
schwere, düstere Wolken verbargen bald wieder ihr strahlendes Haupt.
Es wurde ein schwüler Tag, die ganze Atmosphäre war elektrisch.
Ferne Donner rollten über den Wald daher, und das hundertstimmige
Echo wiederholte in den gekrümmten Tälern das grausenvolle Getöse
derselben. In der Mittagsstunde schlängelte sich ein gezackter Blitz
herab auf die Eiche, zersplitterte in einem Augenblick mit unwiderstehlicher
Kraft Stamm und Äste, und die Trümmer lagen weit im
Walde umher zerstreuet. Da das dem Vater Krokus angesagt wurde,
zerriß er sein Kleid, ging hinaus, den Lebensbaum seiner Gemahlin
nebst seinen drei Töchtern zu beweinen und die Splitter davon als köstliche
Reliquien zu sammeln und aufzubewahren. Die Elfe aber wurde
von dem Tage an nicht mehr gesehen.
Nach einigen Jahren wuchsen die zarten Fräuleins heran, ihre jungfräuliche
Wohlgestalt blühte auf wie die aus der Knospe hervorschlüpfende
Rose, und der Ruf ihrer Schönheit breitete sich aus über das ganze
Land. Die edelsten Jünglinge aus dem Volke drängten sich herzu und
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hatten mancherlei Anliegen dem Vater Krokus vorzutragen, um sich
bei ihm Rats zu erholen; doch im Grunde war's mit diesem scheinbaren
Vorwand auf die schönen Töchter gemeint, die sie zu beäugeln trachteten,
wie junge Gesellen pflegen, die sich bei den Vätern so gern ein
Gewerbe machen, wenn sie die Töchter beschleichen wollen. Die drei
Schwestern lebten in großer Eintracht und Unbefangenheit beieinander,
mit ihren Talenten noch wenig bekannt. Die Gabe der Weissagung
war ihnen im gleichen Maße verliehen, und ihre Reden waren Orakel,
ohne daß sie es wußten. Doch bald wurde ihre Eitelkeit durch die
Stimme der Schmeichelei rege gemacht, die Wortklauber haschten jeden
Laut aus ihrem Munde auf, die Seladons deuteten jede Miene, spähten
das kleinste Lächeln, kundschafteten den Blick ihrer Augen, zogen
mehr oder minder günstige Vorbedeutungen daraus, vermeinten, ihre
Schicksale dadurch zu erraten, und von dieser Zeit an ist es bei den Liebenden
Sitte, dem Horoskop der Augen ihren Glücks- oder Unstern
in der Liebe abzufragen. Kaum hatte sich die Eitelkeit in das jungfräuliche
Herz eingeschlichen, so stund der Hoffart, ihr lieber Getreuer,
außen an der Tür, nebst dem losen Gesindel seines Gefolges, Eigenliebe,
Eigenlob, Eigennutz, Eigensinn, und sie stahlen sich allesamt
hinein.
Die ältern Schwestern beeiferten sich, in ihren Künsten der jüngern es
zuvorzutun und beneideten sie insgeheim wegen des Übergewichtes
ihrer körperlichen Reize. Denn ob sie gleich alle sehr schön waren, so
war doch Libussa die schönste unter ihnen. Fräulein Bela legte sich vornehmlich
auf die Kräuterkunde, wie in der Vorwelt Fräulein Medea;
sie kannte die verborgenen Kräfte derselben und wußte wirksames Gift
und Gegengift daraus zu ziehen; auch verstund sie die Kunst, den unsichtbaren
Mächten Wohlgeruch und Ekelgeruch daraus zu bereiten.
Wenn ihre Rauchpfanne dampfte, lockte sie damit die Geister aus dem
unermeßlichen Raume des Äthers jenseits des Mondes herab, und sie
wurden ihr untertan, um mit ihren feinen Organen diese süßen Dämpfe
einzuatmen, aber wenn sie Ekelgeruch auf das Rauchfaß streute, hätte
sie die Zihim und Ohim damit aus der Wüste wegräuchern können.
Fräulein Therba war sinnreich wie Circe, allerlei Zaubersprüche zu erdenken,
die kräftig waren, den Elementen zu gebieten, Sturm und Wirbelwinde,
auch Schlossen und Ungewitter zu erregen, das Eingeweide
der Erde zu erschüttern oder sie selbst aus ihren Angeln zu heben. Sie
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bediente sich dieser Künste, das Volk zu erschrecken, um wie eine Göttin
geehrt und gefürchtet zu werden, und wußte die Witterung in der
Tat mehr nach dem Wunsch und Eigensinn der Menschen zu bequemen
als die weise Natur. Zwei Brüder haderten miteinander, weil sie nie in
ihren Wünschen übereinkamen. Der eine war ein Ackersmann und
wünschte immer Regen zum Wachstum und Gedeihen seiner Saaten.
Der andre war ein Töpfer und wollte stets Sonnenschein, um seine irdenen
Gefäße zu trocknen, welche der Regen zerstörte. Weil's ihnen
nun der Himmel nie zu Danke machen konnte, begaben sie sich eines
Tages mit reichen Geschenken zu der Wohnung des weisen Krokus
und brachten ihr Anliegen der Therba vor. Die Tochter der Elfe lächelte
über das ungestüme Murren der Brüder gegen die wohltätige Haushaltung
der Natur und befriedigte beider Verlangen: sie ließ Regen fallen
auf die Saaten des Landmanns, und auf den Töpferacker daneben ließ
sie die Sonne scheinen. Durch diese Zaubereien erwarben sich die beiden
Schwestern großen Ruf und vielen Reichtum; denn sie verliehen
ihre Gaben nie ohne Lohn und Gewinn, bauten von ihren Schätzen
Schlösser und Landhäuser, legten herrliche Lustgärten an, wurden des
Bankettierens und der Erlustigungen nie müde, täuschten und foppten
die Freier, die sich um ihre Liebe bewarben.
Libussa hatte nicht den stolzen, eiteln Sinn ihrer Schwestern. Ob sie
gleich die nämlichen Fähigkeiten besaß, in die Geheimnisse der Natur
einzudringen und sich ihrer verborgenen Kräfte zu bedienen, so genügte
ihr dennoch an dem Anteil der wundersamen Gaben aus der
mütterlichen Erbschaft, ohne solche höher zu treiben, um damit zu
wuchern. Ihre Eitelkeit erstreckte sich nicht weiter als auf das Bewußtsein
ihrer Wohlgestalt, sie geizte nicht nach Reichtümern, wollte weder
geehrt noch gefürchtet sein wie ihre Schwestern. Wenn diese auf ihren
Landhäusern herumtoseten, von einer rauschenden Freude zur andern
eilten und den Kern der böhmischen Ritterschaft an ihren Triumphwagen
fesselten, blieb sie daheim in der väterlichen Wohnung, führte das
Hausregiment, erteilte den Ratfragenden Bescheid, leistete den
Gedrückten und Preßhaften freundlichen Beistand, und das alles aus
gutem Willen ohne Entgelt. Ihre Gemütsart war sanft und bescheiden
und ihr Wandel tugendsam und züchtig, wie es einer edlen Jungfrau
ziemt. Sie freute sich zwar insgeheim der Siege, die ihre Schönheit über
der Männer Herzen gewann, und nahm das Seufzen und Girren der
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schmachtenden Anbeter als einen billigen Tribut ihrer Reize an; aber
keiner durfte ihr ein Wort von Liebe sagen oder sich herausnehmen,
um ihr Herz zu werben. Doch Amor, der Schalk, übt an den Spröden
seine Gerechtsame am liebsten und schleudert oft seine brennende Fackel
auf ein niedriges Strohdach, wenn er einen hohen Palast in Flammen
zu setzen gedenkt.
Tief im Walde hatte ein alter Ritter, der mit dem Heere der Czechiten
ins Land gekommen war, sich angesetzt, die Wüste urbar gemacht und
ein Landgut angelegt, wo er den Überrest seiner Tage der Ruhe zu pflegen
und vom Ertrag des Feldbaues sich zu nähren vermeinte. Ein gewaltsamer
Grenznachbar bemächtigte sich seines Eigentums und vertrieb
den Ritter daraus, den ein gastfreier Landmann aufnahm und ihm
in seiner Wohnung Schirm und Obdach gab. Der dürftige Greis hatte
ernen Sohn, welcher noch der einzige Trost und die Stütze seines Alters
war, ein wackerer Jüngling, der aber nichts mehr als einen Jagdspieß
und eine geübte Faust besaß, den grauen Vater damit zu nähren. Der
Raub des ungerechten Nabals reizte seine Rache, er rüstete sich, Gewalt
mit Gewalt zu vertreiben; doch der Befehl des sorgsamen Greises, der
das Leben des Sohnes keiner Gefahr bloßstellen wollte, entwaffnete
den edlen Jüngling. Gleichwohl wollte er in der Folge von seinem ersten
Vorhaben sich nicht abbringen lassen. Da berief ihn der Vater zu
sich und sprach: »Ziehe hin, mein Sohn, zum weisen Krokus oder zu
den klugen Jungfrauen, seinen Töchtern, und befrage dich Rats, ob die
Götter dein Unternehmen billigen und dir einen glücklichen Ausgang
desselben verleihen werden. Ist dem also, so magst du dich mit dem
Schwert gürten, den Speer in deine Hand nehmen und um dein Erbgut
kämpfen. Wo nicht, so bleibe hier, bis du mir die Augen zugedrückt
hast, dann tue, was dir gut dünkt.«
Der Jüngling machte sich auf und gelangte zuerst an den Palast der Bela,
welcher das Ansehen eines Tempels hatte, den eine Göttin bewohnt.
Er klopfte an und begehrte eingelassen zu werden; aber da der Türhüter
sah, daß der Fremdling mit leerer Hand erschien, wies er ihn als
einen Bettler ab und schlug die Tür vor ihm zu. Er ging traurig förder
und kam zu der Wohnung der Schwester Therba, klopfte an und begehrte
Gehör. Da kam der Türhüter ans Fensterlein und sprach:
»Trägst du auch Gold in deinem Säckel, das du darwägen kannst meiner
Gebieterin, so wird sie dich eins von ihren guten Sprüchlein lehren, das
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dir dein Schicksal verkündet. Wo nicht, so gehe hin und sammle dessen
am Ufer der Elbe, soviel Körner als der Baum Blätter, die Garbe Ähren
und der Vogel Federn hat, dann will ich dir auftun diese Pforte.«Der
getäuschte Jüngling schlich sich ganz mutlos seitab, besonders da er
vernahm, daß Seher Krokus nach Polen gezogen sei, um den Zwist
einiger mißhelliger Magnaten als Schiedsrichter zu vergleichen. Er
versprach sich von der dritten Schwester keine günstigere Aufnahme,
und wie er ihre väterliche Waldburg von einem Hügel in der Ferne erblickte,
wagte er's nicht, hinzuzunahen, sondern verbarg sich in ein
dichtes Gebüsch, seinem trüben Gram nachzuhängen. Bald aber weckte
ihn ein Getümmel aus diesen spleenetischen Betrachtungen, er vernahm
ein Trappeln wie von Rosses Hufen. Ein fliehendes Reh brach
durchs Gesträuche, verfolgt von einer lieblichen Jägerin und ihren
Dirnen auf stattlichen Rossen. Sie schwang einen Wurfpfeil, und er
flog schwirrend aus ihrer Hand durch die Luft, jedoch ohne das Wild zu
erreichen. Rasch ergriff der lauschende Jüngling seine Armbrust und
schnellte einen befiederten Bolzen von der rauschenden Sehne, welcher
augenblicks das Herz des Gewildes durchbohrte, daß es zusammenstürzte.
Das Fräulein, über diese unversehene Erscheinung verwundert,
schaute nach dem unbekannten Jagdgenossen umher; als der Schütze
das inne ward, trat er hervor und neigte sich demütig gegen sie zur Erde.
Fräulein Libussa glaubte nie einen schönern Mann gesehen zu haben.
Sie empfand gleich beim ersten Anblick einen so mächtigen Eindruck
von seiner Gestalt, daß sie ihm unwillkürliches Wohlwollen, das Prärogativ
einer glücklichen Bildung, nicht weigern konnte. »Sag mir, lieber
Fremdling«, redete sie ihn an, »wer bist du und welcher Zufall führt
dich in dieses Gehege?« Der Jüngling urteilte gar recht, daß ihm sein
gutes Glück habe finden lassen, was er suchte. Er offenbarte ihr bescheidentlich
sein Anliegen, verschwieg auch nicht, wie schimpflich er
vor der Tür ihrer Schwestern sei abgewiesen worden und wie ihn das
bekümmert habe. Sie heiterte sein Gemüt mit freundlichen Worten auf.
»Folge mir in meine Wohnung«, sprach sie, »ich will das Buch des
Schicksals für dich ratfragen und dir morgen Bescheid geben beim Aufgang
der Sonne.«
Der Jüngling tat, wie ihm geboten war. Kein bengelhafter Türhüter
versperrte ihm hier den Eingang des Palastes, die schöne Bewohnerin
übte Gesetze des Gastrechtes an ihm sehr edelmütig. Er war von dieser
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günstigen Aufnahme entzückt, aber noch mehr von den Reizen seiner
holden Wirtin. Ihre bezaubernde Gestalt schwebte ihm die ganze
Nacht vor Augen, er erwehrte sich sorgfältig der Überraschung des
Schlummers, damit er keinen Augenblick die Begebenheiten des vergangenen
Tages, die er mit Entzücken überdachte, aus den Gedanken
verlieren möchte.
Fräulein Libussa ihrerseits genoß zwar des sanften Schlummers, denn
die Abgeschiedenheit von den Einwirkungen der äußern Sinne, welche
die feinem Vorgefühle der Zukunft stören, ist der Gabe der Weissagung
unentbehrlich. Die glühende Phantasie der schlummernden Elfentochter
kettete das Bild des jungen Fremdlings an alle bedeutsame
Traumgestalten, die ihr dieselbe Nacht vorschwebten. Sie fand ihn da,
wo sie ihn nicht suchte, in Verhältnissen, davon sie nicht begreifen
konnte, wie sie auf diesen Unbekannten Beziehung haben könnten.
Beim frühen Erwachen, wo die schöne Seherin die nächtlichen Gesichter
zu sondern und zu enträtseln pflegte, war sie geneigt, dieselben insgesamt
als Irrtümer einer Nacht, die aus Störungen des richtigen Ganges
der Phantasie entsprungen wären, zu verwerfen und nicht weiter
darauf zu achten. Aber ein dunkles Gefühl sagte ihr, daß die Schöpfung
ihrer Phantasie nicht ganz leerer Traum sei, sondern auf gewisse Ereignisse
deute, welche die Zukunft enthüllen werde, und daß diese prophetische
Phantasie in vergangener Nacht mehr als jemals dem Verhängnis
seine verborgenen Ratschlüsse abgelauscht und ihr ausgeplaudert
habe. Durch eben diesen Weg erfuhr sie, daß der Gast unter ihrem
Dache gegen sie in heißer Liebe entzündet sei, und ebenso unverhohlen
tat ihr das Herz das nämliche Geständnis in Ansehung seiner. Aber sie
drückte alsbald das Siegel der Verschwiegenheit auf die Novelle, so wie
der bescheidene Jüngling seines Orts sich gleichfalls hoch gelobt hatte,
seiner Zunge und seinen Augen Schweigen zu gebieten, um sich keiner
verächtlichen Zurückweisung auszusetzen, denn die Scheidewand,
welche das Glück zwischen ihn und die Tochter des Krokus gezogen
hatte, schien ihm unüberwindbar.
Ob nun wohl der schönen Libussa vollkommen bewußt war, was sie
dem jungen Mann auf seine Frage zu antworten hatte, so fiel es ihr doch
schwer, ihn so eilig von sich zu lassen. Bei Aufgang der Sonne beschied
sie ihn zu sich in den Lustgarten und sprach: »Noch hängt die Decke
der Dunkelheit vor meinen Augen, dein Verhängnis zu durchschauen.
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Harre bis zu Sonnenuntergang«; und am Abend sprach sie: »Bleibe bis
zu Sonnenaufgang«, und den folgenden Tag: »Verzeuch noch heute«,
und den dritten: »Gedulde dich bis morgen!« Am vierten Tage entließ
sie ihn endlich, weil sie keinen Vorwand fand, ihn länger zurückzuhalten,
ohne ihr Geheimnis zu verraten, und erteilte ihm mit freundlichen
Worten diesen Bescheid: »Die Götter wollen nicht, daß du rechten
sollst mit einem Gewaltigen im Lande, tragen und dulden ist der
Schwächeren Los. Ziehe hin zu deinem Vater, sei der Trost seines
Alters und nähre ihn durch die Arbeit deiner fleißigen Hand. Nimm
zwei weiße Stiere aus meiner Herde zum Geschenke und diesen Stab,
sie zu regieren, und wenn er blüht und Früchte trägt, wird der Geist
der Weissagung auf dir ruhen.« Der Jüngling schätzte sich der
Geschenke der holden Jungfrau unwert und wurde schamrot, daß er
eine Gabe dahinnehmen sollte, ohne sie erwidern zu können. Er nahm
mit unberedtem Munde, aber desto beredtsamerer Gebärdung wehmütigen
Abschied und fand unten an der Pforte zwei große Stiere angebunden,
so schmuck und glänzend als ehemals der göttliche Stier, auf
dessen glattem Rücken die Jungfrau Europa durch blaue Meeresfluten
schwamm. Freudig löste er sie ab und trieb sie gemachsam vor sich
her.
Der Heimweg dünkte ihm nur wenige Ellen lang, so sehr war seine
Seele mit dem Gedanken an die schöne Libussa beschäftigt, und er gelobte
sich, weil er ihrer Liebe doch nie teilhaftig werden könne, auch
keine andere zu lieben sein Leben lang. Der alte Ritter freute sich der
Wiederkunft seines Sohnes, und noch mehr, da er vernahm, daß der
Ausspruch der Tochter des weisen Krokus so gut mit seinen Wünschen
übereintraf. Weil nun dem Jüngling von den Göttern der Ackerbau
zum Beruf angewiesen war, säumte er nicht, die weißen Stiere anzuschirren
und an den Pflug zu spannen. Der erste Versuch geriet nach
Wunsche. Die Stiere besaßen so viel Kräfte und Munterkeit, daß sie an
einem Tage mehr Land umrissen, als zwölf Joch Ochsen gewöhnlich
zu bewältigen vermögen; denn sie waren rasch und gurrig, wie der Stier
im Kalender abgebildet wird, der im Zeichen des Aprilmonats aus den
Wolken herabspringt, und nicht so lässig und träge wie der Ochs, der
im Evangelienbuch sich so phlegmatisch neben seinen heiligen Gefährten
hinfiegelt wie ein Schäferhund.
Herzog Czech, der den ersten Heereszug seines Volks nach Böhmen
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geführt hatte, war lange schon entschlafen, ohne daß seine Nachkommen
Erben seiner Würde und des Fürstentums wurden. Die Magnaten
traten zwar nach seinem Hinscheiden zu einer neuen Wahl zusammen,
aber ihre wilde, stürmische Gemütsart ließ keine vernünftige Entschließung
reifen. Eigennutz und Eigendünkel verwandelten den ersten
böhmischen Landtag in einen polnischen Reichstag. Indem zuviel
Hände nach dem Fürstenmantel griffen, zerrissen sie ihn gar und keiner
erlangte ihn. Das Regiment zerfiel in eine Art von Anarchie, jeder tat,
was ihm gut dünkte, der Starke unterdrückte den Schwachen, der
Reiche den Armen, der Große den Kleinen. Es war keine gemeine
Sicherheit mehr im Lande, gleichwohl meinten die wüsten Köpfe, ihre
neue Republik sei gar wohl bestellt. Alles, sprachen sie, ist in der Ordnung,
und jedes Ding geht seinen Gang bei uns so gut als anderwärts:
der Wolf frißt das Lamm, der Weih die Taube, der Fuchs das Huhn.
Diese unsinnige Verfassung konnte keinen Bestand haben.
Nachdem der erträumte Freiheitstaumel nach und nach verdunstete
und das Volk wieder nüchtern wurde, behauptete die Vernunft ihre
Rechte. Die Patrioten, die biedern Bürger und wer sonst aus der Nation
Vaterlandsliebe fühlte, beschlossen einen Rat, das Idol der vielköpfigen
Hydra zu zerstören und das Volk wieder unter ein Haupt zu vereinigen.
»Lasset uns«, sprachen sie, »einen Fürsten wählen, der über uns
herrsche nach väterlicher Sitte und Gewohnheit, der die Frechheit
zähme und Recht und Gerechtigkeit handhabe. Nicht der Mächtigste,
der Kühnste oder der Reichste, der Weiseste sei unser Herzog!« Das
Volk, das der Plackereien der kleinen Tyrannen längst müde war, hatte
diesmal nur eine Stimme und gab diesem Vorschlag lauten Beifall. Es
wurde ein Landtag anberaumt, und die einmütige Wahl fiel auf den
weisen Krokus. Man ordnete eine Ehrenbotschaft ab, zur Besitznehmung
der Fürstenwürde ihn einzuladen. Obgleich er nicht nach hoher
Ehre geizte, so säumte er doch nicht, dem Verlangen des Volkes nachzugeben.
Man bekleidete ihn mit dem Purpur, und er zog mit großem
Pomp nach Vizegrad, dem Wohnsitz der Fürsten, wo ihm das Volk
entgegenjauchzte und ihm als Regenten huldigte. Dadurch wurde er
inne, daß nun auch die dritte Schilfhülse der freigebigen Elfe ihre Gabe
an ihn ausgespendet hatte.
Seine Gerechtigkeitsliebe und weise Gesetzgebung breitete seinen Ruf
bald in alle umliegende Länder aus. Die sarmatischen Fürsten, die einander
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unaufhörlich zu befehden gewohnt waren, brachten aus der
Ferne ihren Hader vor seinen Richterstuhl. Er wog ihn mit untrüglichem
Maße und Gewicht der natürlichen Billigkeit auf der Waage des
Rechtes, und wenn er seinen Mund auftat, war's, als ob der ehrwürdige
Solon oder der weise Salomon zwischen den zwölf Löwen von seinem
Thron herab das Urteil spräch. Als einstmals einige Aufwiegler sich gegen
die Ruhe ihres Vaterlandes konföderiert und die reizbare polnische
Nation in Harnisch gebracht hatten, zog er an der Spitze seines Heeres
nach Polen, tilgte den Bürgerkrieg, und ein großer Teil des Volkes erkiesete
ihn aus Dankbarkeit für den geschenkten Frieden gleichfalls
zum Herzog. Er baute daselbst die Stadt Krakau, die nach seinem
Namen genannt ist und das Recht hat, die polnischen Könige zu krönen
bis auf diesen Tag. Krokus regierte bis ans Ende seiner Tage mit großem
Ruhm. Wie er vermerkte, daß er am Ziele derselben sei und nun
bald davonscheiden würde, ließ er sich aus den Trümmern der Eiche,
die seine Gemahlin Elfe bewohnt hatte, eine Truhe zimmern, die seine
Gebeine verwahren sollte. Drauf verschied er in Frieden, beweint von
den Fräuleins, seinen drei Töchtern, welche den väterlichen Leichnam
in die Truhe legten und ihn zur Erde bestatteten, wie er befohlen hatte;
und das ganze Land trug Leid um ihn.
Sobald das Trauergepränge geendigt war, versammelten sich die
Stände, zu beratschlagen, wer den erledigten Fürstenthron wieder einnehmen
sollte. Das Volk stimmte einmütig für eine Tochter des Krokus,
nur konnte man sich nicht über die Wahl unter den drei Schwestern
vergleichen. Fräulein Bela hatte im Grunde die wenigsten Adhärenten,
denn sie besaß kein gutes Herz und bediente sich ihrer Zaubertalente
oft, Schaden anzurichten; aber sie hatte sich bei dem Volke in solche
Furcht gesetzt, daß es niemand wagte, aus Sorge, ihre Rache zu reizen,
eine Einwendung gegen sie vorzubringen. Da nun gestimmt wurde,
waren alle Wahlherren stumm, keine Stimme war für sie, aber auch
keine gegen sie. Mit Sonnenuntergang gingen die Volksrepräsentanten
auseinander und verlegten das Wahlgeschäft auf den folgenden Tag. Da
wurde Fräulein Therba in Vorschlag gebracht; aber das Vertrauen auf
ihre Kraftsprüche hatte ihr den Kopf schwindelnd gemacht, sie war
stolz und übermütig, begehrte, wie eine Göttin verehrt zu sein, und
wenn ihr nicht stets Weihrauch duftete, war sie launisch, mißmutig,
eigensinnig und offenbarte alle die Eigenschaften, die das schöne
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Geschlecht um den Besitz dieses schmeichelhaften Beiworts bringen.
Sie wurde zwar weniger gefürchtet als ihre ältere Schwester, aber darum
nicht mehr geliebt. Um dieser Ursache willen ging's auf dem Wahlfeld
so stille zu wie bei einem Totenmahle, und es kam nicht zum Umstimmen.
Am dritten Tage wurde Fräulein Libussa proponiert. Sobald dieser
Name ausgesprochen wurde, hörte man trauliches Flüstern im Wahlkreis,
die ernsten Gesichter wurden entfaltet und klärten sich auf, jeder
der Wahlherren wußte seinem Beisitzer eine gute Eigenschaft von dem
Fräulein anzurühmen. Der eine lobte ihre Sittsamkeit, der andere ihre
Bescheidenheit, der dritte ihre Klugheit, der vierte ihre Unfehlbarkeit
in der Weissagung, der fünfte ihre Uneigennützigkeit gegen die Ratfragenden,
der zehnte ihre Keuschheit, andere neunzig ihre Schönheit und
der letzte ihre Häuslichkeit. Wenn ein Liebhaber ein solches Realregister
von den Vollkommenheiten seiner Geliebten entwirft, so ist immer
zweifelhat, ob sie die Inhaberin einer einzigen davon sei; allein das
Publikum irrt sich nicht leicht zum Vorteil, wohl aber oft zum Nachteil
des guten Rufs in seinen Urteilen. Bei so allgemein anerkannten lobenswerten
Eigenschaften war nun Fräulein Libussa freilich die wichtigste
Thronkompetentin, wenigstens in petto der Wählenden; doch
der Vorzug der jüngeren Schwester vor der älteren hat in Ehehaften laut
Zeugnis der Erfahrung sogar oft den Hausfrieden gestört, daß zu besorgen
war, er dürfe in einer noch wichtigem Angelegenheit den edlen
Landfrieden unterbrechen. Diese Betrachtung setzte die weisen Vormünder
des Volks in große Verlegenheit, daß sie zu keinem Beschluß
kamen.
Es fehlte ein Sprecher, der das Schwunggewicht seiner Beredtsamkeit
an den guten Willen der Wahlherren anhängen mußte, wenn die Sache
in Gang kommen und die guten Gesinnungen tätig und wirksam
werden sollten, und dieser trat auf wie gerufen.
Wladomir, einer der böhmischen Magnaten, der nächste nach dem
Herzog, hatte schon lange nach der reizvollen Libussa geseufzt und bei
Lebzeiten des Vater Krokus um sie geworben. Er war einer seiner getreuesten
Vasallen und von ihm wie ein Sohn geliebt, darum hätte der
gute Vater wohl gewünscht, daß die Liebe beide zusammenpaaren
möchte, doch der spröde Sinn des Fräuleins war unüberwindbar, und
er wollte ihrer Neigung auf keinerlei Art Gewalt tun. Fürst Wladomir
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ließ sich durch diese zweifelhaften Aspekte gleichwohl nicht abschrecken
und vermeinte, durch Treue und Beständigkeit den harten Sinn des
Fräuleins auszuharren und durch seine Zärtlichkeit geschmeidig zu
machen. Er begab sich in das Gefolge des Herzogs, solang erlebte, ohne
daß er dem Ziele seiner Wünsche dadurch um einen Schritt näher kam.
Jetzt glaubte er eine Gelegenheit gefunden zu haben, durch eine verdienstliche
Tat ihr verschlossenes Herz sich zu eröffnen und ihrer edelmütigen
Dankbegierde abzugewinnen, was ihm die Liebe nicht freiwillig
zu gewähren schien. Er beschloß, dem Haß und der Rache der
beiden gefürchteten Schwestern sich preiszugeben und mit Gefahr des
Lebens seine Geliebte auf den väterlichen Thron zu erheben. Da er die
Unentschlossenheit des hin und her schwankenden Wahirates bemerkte,
nahm er das Wort und sprach: »So ihr mich hören wollt, ihr
männlichen Ritter und Edlen im Volk, so will ich euch ein Gleichnis
vorlegen, daraus ihr abmerken könnt, wie ihr das vorhabende Wahlgeschäfte
zu Nutz und Frommen des Vaterlandes gedeihlich vollenden
mögt.« Nachdem man nun Stillschweigen geboten hatte, fuhr er also
fort: »Die Bienen hatten ihren Weisel verloren, und der ganze Stock
war unlustig und traurig. Sie flogen träge und sparsam aus, hatten zur
Honigbereitung wenig Lust und Mut, und ihr Gewerbe und Nahrung
geriet in Verfall. Darum dachten sie mit Ernst auf ein neues Oberhaupt,
das ihrer Polizei vorstünde, damit nicht Zucht und Ordnung gar zerfiel.
Da kam die Wespe geflogen und sprach: >Wählt mich zu eurer Königin,
ich bin mächtig und furchtbar, das stolze Roß scheut meinen Stachel,
selbst eurem Erbfeinde, dem Löwen kann ich damit Trotz bieten und
ihn in die Schnauze stechen, wenn er sich eurem Honigbaume nahet;
ich will euch schützen und wahren.<Diese Rede gefiel den Bienen wohl.
Aber nach reifer Überlegung antworteten die weisesten unter ihnen:
>Du bist rüstig und furchtbar; doch eben diesen Stachel, der uns verteidigen
soll, fürchten wir; du kannst nicht unsere Königin sein.< Darauf
kam die Hummel herbeigesummt und sprach: >Nehmt mich zu eurer
Königin! Hört ihr nicht, daß das Geräusch meiner Flügel Hoheit und
Würde ankündigt? Es fehlt mir auch nicht an einem Stachel zu eurem
Schutze.<Die Bienen antworteten: >Wir sind ein friedsames und geruhiges
Volk, das stolze Geräusch deiner Flügel würde uns nur Unlust
machen und die Geschäftigkeit unseres Fleißes stören; du kannst nicht
unsere Königin sein.<Da begehrte die Imme Gehör: >Ob ich gleich größer
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und stärker bin als ihr<, sprach sie, >so kann euch meine Übermacht
doch nie zum Nachteil und Schaden gereichen, denn seht, der gefährliche
Stachel fehlt mir ganz. Ich bin sanften Gemüts, über das eine
Freundin der Ordnung und Häuslichkeit, weiß dem Honigbau vorzustehen
und die Arbeit zu fördern.< Da sprachen die Bienen: >Du bist
würdig, uns zu regieren, wir gehorchen dir, sei unsre Königin!«
Wladomir schwieg. Die ganze Versammlung erriet den Sinn seiner
Rede, und die Gemüter befanden sich in einer vorteilhaften Stimmung
für Fräulein Libussa. Doch in dem Augenblicke, da man Umfrage halten
wollte, flog ein krächzender Rabe über das Wahlfeld. Dieses ungünstige
Anzeichen unterbrach alle fernern Deliberationen, und die
Fürstenwahl wurde bis auf den zukünftigen Tag verschoben. Fräulein
Bela hatte den Vogel von schlimmer Bedeutung abgeschickt, das Wahlgeschäft
zu stören, denn sie wußte wohl, wohin sich die Gemüter der
Wahlherren neigten, und Fürst Wladomir hatte ihren bittersten Groll
gegen sich erregt. Sie hielt mit ihrer Schwester Therba einen Rat, worin
sie beschlossen, an ihrem gemeinschaftlichen Verunglimpfer Rache
auszuüben und einen schwerbeleibten Alp abzuschicken, der ihm die
Seele aus dem Leibe drücken sollte. Der kecke Ritter ahndete nichts von
dieser Gefahr, ging, wie er gewohnt war, seiner Gebieterin aufzuwarten,
und erhielt den ersten freundlichen Blick von ihr, aus dem er sich
einen Himmel voll Wonne weissagte, und wenn sein Entzücken noch
durch etwas vermehrt werden konnte, so war es das Geschenk einer
Rose, die an dem Busen des Fräuleins prangte und welche sie ihm darreichte
mit dem Gebot, sie an seinem Herzen welken zu lassen. Er deutete
diese Worte ganz anders, als sie gemeint waren; denn es gibt keine
trüglichere Wissenschaft als die Hermeneutik der Liebe, da sind die
Irrtümer recht wie zu Hause. Dem verliebten Ritter war daran gelegen,
die Rose so lang wie möglich frisch und blühend zu erhalten, er stellte
sie in einen Blumentopf in frisches Wasser und schlief mit den schmeichelhaftesten
Hoffnungen ein.
In der schauerlichen Mitternachtsstunde kam der Würgengel, von
Fräulein Bela ausgesandt, herangeschlichen, blies mit seinem keuchenden
Atem die Riegel und Schlösser an den Türen des Schlaf gemachs auf,
fiel mit Zentnergewicht auf den schlafenden Ritter und würgte ihn so
zusammen, daß er im Erwachen vermeinte, es sei ein Mühlstein ihm
auf den Hals gewälzt. In dieser ängstlichen Beklemmung, da er wähnte,
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der letzte Augenblick seines Lebens sei gekommen, dachte er zum
Glück noch an die Rose, die im Blumentöpfe vor seinem Bette stund,
drückte sie an die Brust und sprach: »Welke mit mir dahin, schöne
Rose, und stirb an meinem erkaltenden Busen, zum Beweise, daß mein
letzter Gedanke noch an deine holde Besitzerin gerichtet war.«Augenblicklich
wurde ihm leicht ums Herz, der schwere Alp konnte der magischen
Kraft der Blume nicht widerstehen, sein drückendes Gewicht
wog keine Flaumfeder mehr auf, die Antipathie des Rosenduftes
scheuchte ihn bald darauf gar aus dem Schlafgemach, und die narkotische
Eigenschaft dieses Wohlgeruchs wiegte den Ritter wieder in
einen erquickenden Schlummer. Bei Sonnenaufgang saß er frisch und
munter wieder auf und ritt auf das Wahlfeld, zu erforschen, welchen
Eindruck seine Gleichnisrede auf die Gemüter der Wahlherren gemacht
habe, und acht zu haben, welchen Gang diesmal das Geschäft nehmen
werde; auch allenfalls, wenn ein widriger Wind sich erhübe, der den
schwankenden Nachen seiner ganzen Hoffnung und Wünsche auf den
sicheren Strand zu setzen drohen möchte, sich ans Ruder zu legen und
solchen zurechte zu steuern.
Doch das hatte diesmal eben keine Gefahr, der ernste Wahisenat hatte
Wladomirs Parabel die Nacht über so sorgfältig wiedergekäut und verdaut,
daß sie in Geist und Herz übergegangen war. Ein flinker Ritter,
der diese günstige Krisis witterte und in Ansehung der Herzensangelegenheiten
mit dem zärtlichen Wladomir sympathisierte, strebte, diesem
die Ehre, das Fräulein auf den böhmischen Thron zu setzen, entweder
zu entreißen oder doch mit ihm zu teilen.
Wladomir trat auf, zückte das Schwert, rief mit lauter Stimme Fräulein
Libussa zur Herzogin von Böhmen aus und gebot, wer es also meine,
solle gleich ihm das Schwert zücken, die Wahl zu verteidigen. Alsbald
blinkten viele hundert blanke Schwerter auf dem Wahlfelde; ein lautes
Freudengeschrei kündigte die neue Regentin an, und allenthalben ertönte
der freudige Volksruf: »Libussa sei unsre Herzogin!« Man ordnete
einen Ausschuß ab, an dessen Spitze Fürst Wladomir und der
Schwertzieher sich befanden, dem Fräulein die Erhebung zur Fürstenwürde
kundzutun. Sie nahm mit dem bescheidenen Erröten, das den
weiblichen Reizen den höchsten Ausdruck von Grazie mitteilt, die
Herrschaft über das Volk an, und der Zauber ihres wonniglichen
Anblicks machte jedes Herz ihr untertan. Das Volk huldigte ihr mit
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großem Frohlocken, und obgleich die beiden Schwestern sie beneideten
und ihre geheimsten Künste anwendeten, sich an ihr und dem Vaterlande
der vermeinten Verschmähung halber zu rächen, durch den Sauerteig
der Verunglimpfung und des Tadels aller Handlungen und Taten
ihrer Schwester unter der Nation eine schädliche Gärung zu bewirken
und die Ruhe und Glückseligkeit der sanften jungfräulichen Regierung
zu untergraben: so wußte Libussa doch diesem unschwesterlichen
Beginnen weislich zu begegnen und alle feindseligen Anschläge und
Zaubereien dieser Unholdinnen zu vernichten, bis sie müde wurden,
ihre unwirksamen Kräfte weiter an ihr zu versuchen.
Der seufzende Wladomir harrte indes mit sehnlichem Verlangen auf die
Entwicklung seines Schicksals. Er wagte es mehr als einmal, den endlichen
Erfolg desselben aus den schönen Augen seiner Gebieterin zu lesen,
aber Libussa hatte ihnen tiefes Stillschweigen über die Gesinnungen
ihres Herzens geboten, und einer Geliebten ohne vorgängige
Unterhandlung mit den Augen und ihren bedeutsamen Blicken eine
mündliche Erklärung abzufordern, ist immer ein mißliches Unternehmen.
Das einzige günstige Anzeichen, welches noch seine Hoffnung
belebte, war die unverwelkliche Rose, die nach Verlauf eines Jahres
noch immer so frisch blühte wie an dem Abend, da er sie aus der Hand
der schönen Libussa empfing. Eine Blume aus der Hand eines Mädchens,
ein Strauß, eine Bandschleife oder eine Haarlocke ist freilich immer
mehr wert als ein ausgefallener Zahn, aber alle diese schönen Dinge
sind doch auch nur zweideutige Pfänder der Liebe, wenn sie nicht darüber
hinaus durch zuverlässigere Äußerungen eine bestimmte Deutsamkeit
erhalten.
Wladomir spielte also in der Stille die Rolle eines seufzenden Schäfers
an dem Hofe seiner Huldgöttin und harrte, was Zeit und Umstände
in der Folge zu seinem Vorteil ergeben würden. Der ungestüme Ritter
Mizisla betrieb seine Intrige weit lebhafter, er drängte sich bei jeder
Gelegenheit hervor, um bemerkt zu werden. Am Tage der Huldigung
war er der erste Lehnsmann, welcher der neuen Fürstin den Eid der
Treue schwur; er folgte ihr untrennbar allenthalben nach wie der Mond
der Erde, um durch ungeforderte Dienstbeflissenheit seine Anhänglichkeit
an ihre Person darzutun, und bei öffentlichen Feierlichkeiten
und Aufzügen plänkelte er mit dem Schwert ihr in die Augen, um die
Verdienste desselben in gutem Andenken zu erhalten.
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Doch Libussa schien nach dem gewöhnlichen Weltlaufe die Beförderer
ihres Glücks gar bald vergessen zu haben; denn wenn ein Obelisk einmal
aufrecht steht, so achtet man nicht mehr auf die Hebel und Werkzeuge,
die ihn in die Höhe gehoben haben; wenigstens erklärten sich
die Kompetenten ihres Herzens also des Fräuleins Kaltsinn. Indessen
irrten sie beide in ihrer Meinung: die edle Thronbesitzerin war weder
unempfindlich noch undankbar, aber ihr Herz war nicht mehr ein freies
Eigentum, damit zu schalten und zu walten, wie sie wollte. Der Machtspruch
der Liebe hatte bereits zum Vorteil des schlanken Wildschützen
entschieden.
Der erste Eindruck, den sein Anblick auf ihr Herz gemacht hatte,
wirkte noch so mächtig, daß kein zweiter ihn auslöschen konnte. In
einer Zeit von drei Jahren war von den Farben der Einbildungskraft,
womit diese das Konterfei des anmutsvollen Jünglings entworfen
hatte, nichts abgebleicht oder verwischt, und die Liebe war also vollkommen
bewährt. Denn die Leidenschaft des schönen Geschlechts ist
von der Natur und Beschaffenheit, daß, wenn sie drei Mondenwechsel
die Probe aushält, sie alsdann auch dreimal drei Jahre und länger
Bestand zu haben pflegt, laut Zeugnis und Beweis des augenscheinlichen
Beispiels unserer Tage. Als die Heldensöhne Deutschlands über
ferne Meere schwammen, den Hauszwist der eigenwilligen Tochter
Britanniens mit dem Mutterlande auszufechten, rissen sie sich aus den
Armen ihrer Schönen unter wechselseitigen Eidschwüren der Treue
und Beständigkeit; doch ehe sie noch die letzte Tonne des Weserstroms
im Rücken hatten, waren die Entschwommenen gutenteils von ihren
Chloen vergessen. Die wankelmütigen Mädchen ersetzten flugs den
leeren Raum aus Kummer, ihr Herz unbeschäftigt zu fühlen, durch das
Surrogat neuer Intrigen. Aber die Lieben und Getreuen, die Standhaftigkeit
genug besaßen, die Weserprobe auszuhalten und, da sich ihre
Herzensbesieger schon jenseits der schwarzen Tonne befanden, noch
keine Untreue sich hatten zuschulden kommen lassen, wie man sagt,
bis zur Wiederkehr der edlen Heldenscharen ins deutsche Vaterland ihr
Gelübde unverbrüchlich bewahrt und erwarten nun von der Hand der
Liebe die Belohnung ihrer ausharrenden Beständigkeit.
Es war also minder wundernswert, daß unter diesen Umständen Fräulein
Libussa dem Gewerbe der blühenden Ritterschaft, die um ihr Herz
buhlte, widerstehen konnte, als daß die schöne Königin von Ithaka eine
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ganze Freierkohorte vergeblich nach sich seufzen ließ, da ihr Herz nur
den graubärtigen Ulyß im Hinterhalte hatte.
Rang und Geburt hatten indessen die Verhältnisse des Fräuleins und
des Geliebten ihres Herzens so sehr aus dem Gleichgewicht gerückt,
daß ein näheres Verein als die platonische Liebschaft, die jedoch als ein
leeres Schattenspiel weder nährt noch wärmt, nicht leicht zu hoffen
stand. Ob man gleich in diesen fernen Zeiten die Geschlechtsklitterung
so wenig nach Stammbaum und Pergamenthaut wertete, als man die
Käfergeschlechter nach Fühlhörnern und Flügeldecken, oder die Blumen
nach Staubfäden, Staubwegen, Kelch und Honigbehältnis ordnete:
so wußte man doch, daß mit der hohen Ulme sich nur die köstliche
Rebe paart und nicht der Gartenzwirn, der an dem Zaune kriecht.
Eine Mißheirat von einer Differenz des Standes um einen Zoll breit erregte
damals freilich nicht soviel pedantischen Lärm wie in unsern klassischen
Zeiten, dennoch fiel ein Unterschied von einer Eile breit, zumal
wenn in den Zwischenraum Mitwerber eintraten, welche die Entfernung
der beiden Endpunkte versichtbarten, damals schon merklich in
die Augen. Alles das und noch viel mehr erwog das Fräulein reiflich
in ihrem klugen Sinn, darum gab sie der Leidenschaft, dieser betrüglichen
Schwätzerin, kein Gehör, so laut diese auch zum Vorteil des vom
Amor begünstigten Jünglings sprach. Sie tat als eine keusche Vestalin
das unwiderrufliche Gelübde, in jungfräulicher Verschlossenheit ihres
Herzens lebenslang zu verharren und keine Anfrage der Ehewerber zu
beantworten, weder mit den Augen oder durch Gebärden oder mit
Worten und dem Munde; doch mit dem Vorbehalte, zu billiger Entschädigung
dafür zu platonisieren, soviel ihr beliebte. So ein klostermäßiges
System war den beiden Aspiranten so wenig zu Sinne, daß sie
den ertötenden Kaltsinn ihrer Gebieterin nicht reimen konnten. Die
Gefährtin der Liebe, die Eifersucht, raunte ihnen peinlichen Argwohn
ins Ohr; einer meinte, der andere sei ein glücklicher Nebenbuhler, und
ihr Beobachtungsgeist spähte unermüdet, Entdeckungen zu machen,
die sie beide scheuten. Doch Fräulein Libussa wog mit Vorsicht und
Schlauheit den beiden ehrenfesten Rittern ihre sparsamen Gunstbezeigungen
auf so gleicher Waage zu, daß keine Schale das Übergewicht bekam.
Des fruchtlosen Harrens müde, verließen beide das Hoflager ihrer
Fürstin und begaben sich mit geheimer Unzufriedenheit auf ihre
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Kriegspfründen, die ihnen Herzog Krokus verliehen hatte. Beide
brachten so viel Unmut mit in ihre Heimat, daß Fürst Wladomir allen
seinen Vasallen und Nachbarn zur Last fiel. Ritter Mizisla dagegen
wurde ein Weidmann, verfolgte Rehe und Füchse über die Äcker und
Gehege seiner Untertanen und ritt oft nebst seinem Gefolge, um einen
Hasen zu hetzen, zehn Malter Getreide zunichte. Darüber entstund
groß Seufzen und Wehklagen im Lande; gleichwohl war kein Richter
da, dem Unfug zu steuern: denn wer rechtet gern mit einem Mächtigern?
Und so gelangten die Bedrückungen des Volks nie zum Throne
der Herzogin. Jedoch vermöge ihres Seherblickes blieb ihr kein
Unrecht innerhalb der weiten Grenzen ihres Gebietes verborgen, und
weil ihre Gemütsart den sanften Zügen ihrer lieblichen Gestalt entsprach,
betrübte sie sich innig über den Frevel ihrer Lehnsleute und die
Gewaltsamkeit der Großen. Sie ratschlagte mit sich selber, wie diesem
Unheil abzuwehren sei. Da gab ihr die Klugheit ein, den weisen Göttern
nachzuahmen, welche bei ihrer Gerechtigkeitspflege die Verbrecher
nicht flugs auf frischer Tat strafen, obgleich die langsam nachschreitende
Rache sie früher oder später dennoch erreicht. Die junge
Fürstin betagte ihre Ritterschaft und Stände zu einem gemeinsamen
Landgerichte und ließ öffentlich ausrufen, wer eine Klage habe oder
eine Unbill rügen wolle, solle frei und ungescheut hervortreten und sicher
Geleit haben. Da kamen von allen Orten und Enden des Reichs
die Geklemmten und Bedrückten herbei, auch Haderer und Streitköpfe
und alle, die eine rechtliche Notdurft zu verrichten hatten.
Libussa saß auf dem Throne wie die Göttin Themis mit Schwert und
Waage und sprach das Recht ohne Ansehen der Person mit untrüglichem
Urteil: denn die labyrinthischen Gänge der Schikane führten sie
nicht irre wie die stumpfen Köpfe dämischer Schöppen, und jedermann
verwunderte sich über die Weisheit, mit welcher sie die verworrene
Zaspel der Prozesse in Sachen des Mein und Dein auseinanderwirrte,
und über die unermüdete Geduld, den verborgnen Faden des Rechts,
ohne ein falsches Ende zu reißen, herauszufinden, durchzustecken und
aufzuwinden.
Nachdem das Gewühl der Parteien um die Schranken der Gerichtsbühne
sich nach und nach vermindert hatte und die Sitzungen sollten
aufgehoben werden, begehrten noch am letzten Tage des gehegten
Rügegerichts ein ansässiger Grenznachbar des reichbegüterten Wladomir
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und die Deputierten von den Untertanen des jagdbaren Mizisla
Gehör, um eine Beschwerde anzubringen. Sie wurden vorgelassen, der
Landsaß hub zuerst sein Wort also an: »Ein fleißiger Pflanzer«, sprach
er, »umzäunte ein kleines Bezirk am Ufer eines breiten Flusses, dessen
Silberstrom mit sanftem Getöse ins lustige Tal hinabgleitete: denn er
dachte, der schöne Strom wird mir von dieser Seite zum Schutze dienen,
daß das gefräßige Wild meine Saaten nicht verwüstet, und dann wird
er die Wurzeln meiner Fruchtbäume wässern, daß sie bald aufwachsen
und mir reiche Früchte bringen. Aber da der Gewinn seiner Arbeit
reifte, trübte sich der betrügliche Fluß, seine stillen Gewässer fingen an
zu brausen und aufzuschwellen, überströmten das Gestade, rissen ein
Stück des fruchtbaren Ackers nach dem andern mit sich fort und wühlten
sich ein Bett mitten durch das angebaute Ackerland, zum großen
Herzeleid des armen Pflanzers, der sein Eigentum der Willkür des gewaltsamen
Nachbarn zum boshaften Freudenspiel dahingeben mußte,
dessen reißender Flut er selbst kümmerlich entrann. Mächtige Tochter
des weisen Krokus, dich fleht der arme Pflanzer an, dem übermütigen
Strome zu gebieten, daß er seine stolzen Wellen nicht mehr über die
Flur des arbeitsamen Landmanns wälze und dessen sauren Schweiß, die
Hoffnung der fröhlichen Ernte, verschlinge, sondern innerhalb der
Grenzen seines eigentümlichen Bettes ruhig dahinfließe.«
Während dieser Rede umwölkte sich die heitere Stirn der schönen
Libussa, männlicher Ernst leuchtete ihr aus den Augen, und alles um
sie her war Ohr, ihren Rechtsspruch zu vernehmen, der also lautete:
»Deine Sache ist schlicht und gerade; keine Gewalt soll deine
Gerechtsame beugen. Ein fester Damm soll dem ungezähmten Flusse
Maß und Ziel setzen, den er nicht übersteigen soll, und von seinen
Fischen will ich dir siebenfältigen Ersatz geben des Raubes seiner verwüstenden
Fluten.«Drauf winkt sie dem Ältesten der Gemeinde zu reden,
und er neigte sein Angesicht zur Erde und sprach: »Weise Tochter
des ruhmvollen Krokus, sag uns an, wes ist die Saat auf dem Felde, des
Sämanns, der das Samenkorn in die Erde verborgen hat, daß es aufkeime
und Frucht bringe, oder des Sturmwinds, der sie zerknickt und
zertrümmert?« Sie antwortete: »Des Sämanns.« — »So gebiete dem
Sturmwind«, sprach der Worthalter, »daß er nicht unsere Fruchtäcker
zum Tummelplatze seines Mutwillens wähle, die Saaten zertrete und
die Obstbäume schüttele.« — »Dem geschehe also«, gegenredete die
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Herzogin; »ich will den Sturmwind bezähmen und aus eurer Flur verbannen,
er soll mit den Wolken kämpfen und sie zerstreuen, die von
Mitternacht heraufziehen und das Land mit Hagel und schweren Wettern
bedräuen.«
Fürst Wladomir und Ritter Mizisla waren beide Beisitzer des allgemeinen
Landgerichtes. Als sie die angebrachte Klage und die ernste Sentenz
der Fürstin hörten, erbleichten sie und sahen mit verbissener Wut stier
vor sich hin zur Erde, durften sich's nicht austun, wie sehr sie's wurmte,
daß sie durch den Urteilsspruch aus einem weiblichen Munde belastet
wurden. Denn obwohl zu Schonung ihrer Ehre die Kläger gar bescheidentlich
der Anklage einen allegorischen Schleier umgehangen hatten
und der rechtliche Bescheid der Oberrichterin diese Decke selbst klüglich
respektierte: so war das Gewebe davon doch so fein und durchsichtig,
daß jeder, der Augen hatte, wohl sehen konnte, wer dahinterstand.
Weil sie nun von dem Richterstuhle der Fürstin an das Volk zu appellieren
nicht wagen durften, da das gegen sie gefällte Urteil ein allgemeines
Frohlocken erregte, so unterwarfen sie sich demselben, wiewohl
mit großem Unwillen. Wladomir leistete seinem Nachbar, dem Landsassen,
siebenfältigen Ersatz des ihm zugefügten Schadens, und Nimrod
Mizisla mußte bei ritterlichen Ehren angeloben, nicht mehr die
Kornfelder seiner Untertanen zum Jagdrevier der Hasenhetze zu wählen.
Zugleich wies ihnen Libussa eine rühmlichere Beschäftigung an,
ihre Tätigkeit zu üben und ihrem Rufe, der wie ein zerschelltes Gefäß
jetzt nur Ubellaut von sich hören ließ, wieder den Anklang ritterlicher
Tugenden zu geben. Sie stellte beide an die Spitze ihres Heeres, das sie
aussandte gegen Zornebock, den Fürsten der Sorben, welcher ein Riese
und dabei ein mächtiger Zauberer war und damals eben damit umging,
Böhmen zu bekriegen. Dabei legte sie ihnen allen beiden die Pönitenz
auf, nicht eher zum Hoflager zurückzukehren, bis der eine den Federbusch,
der andere die güldnen Sporen des Unholds zum Siegeszeichen
ihr darbringen würde.
Die unverweikliche Rose bewies auch in diesem Kriegszuge ihre magische
Kraft. Fürst Wladomir wurde dadurch für sterbliche Waffen so
unverwundbar wie Achill, der Held, und so schnell, leicht und gewandt
wie Achill, der Schmetterling. Die Heere trafen auf der mitternächtlichen
Grenzscheidung des Reichs zusammen, man gab das Zeichen zur
Schlacht. Die böhmischen Helden flogen durch die Geschwader wie
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Sturm und Wirbelwind und mähten die dichte Lanzensaat wie die Sense
des Schnitters einen Weizenacker. Zornebock erlag unter ihren kräftigen
Schwertstreichen; sie kehrten im Triumph mit der bedungenen
Beute nach Vizegrad zurück und hatten die Makel und Flecken, die
vorher ihre ritterliche Tugend beschmutzten, in dem Blute der Feinde
rein abgewaschen. Die Herzogin Libussa begabte sie mit allen Ehrenzeichen
der Fürstengunst, entließ sie, da das Heer auseinanderging, in
ihre Heimat und gab ihnen, gleichsam als einen neuen Beweis ihrer
Gunst einen purpurroten Apfel aus ihrem Lustgarten zum Andenken
auf den Weg, mit dem Beifügen, solchen friedlich unter sich zu teilen,
ohne ihn zu zerschneiden. Sie zogen nun ihre Straße, legten den Apfel
auf einen Schild und ließen ihn zur Schau vor sich hertragen, indem sie
zusammen beratschlagten, wie sie es mit der Teilung klüglich anstellen
möchten, um den Sinn der milden Geberin nicht zu verfehlen.
Ehe sie an den Scheideweg kamen, der sie trennen sollte, um jeden nach
seiner Wohnung zu führen, pflogen sie ihren Partagetraktat in aller
Güte; jetzt aber kam's drauf an, wer den Apfel, an welchem sie beide
gleichen Anteil hatten, verwahren sollte, denn einem konnte er doch
nur zuteil werden, und beide versprachen sich davon große Wunderdinge,
die jeden nach dem Besitze lüstern machten. Darüber wurden
sie mißhellig, und es war an dem, daß das Schwert entscheiden sollte,
wem das Waffenglück den unteilbaren Apfel zugedacht habe. Da trieb
ein Schäfer mit seiner Herde denselben Weg daher, den wählten sie,
vermutlich, weil die drei wohlbekannten Göttinnen sich auch an einen
Schäfer gewendet hatten, ihren Apfelstreit zu entscheiden, zum
Schiedsrichter und trugen ihm die Sache vor. Der Schäfer bedachte sich
ein wenig und sprach: »In dem Geschenke des Apfels liegt tiefer, verborgener
Sinn; wer vermag ihn aber auszugraben als die kluge Jungfrau,
die ihn darin verborgen hat? Ich wähne, der Apfel sei eine betrügliche
Frucht, die an dem Baume der Zwietracht gereift ist, und die
purpurröte Schale deute auf blutige Fehden unter euch, ihr Herren Ritter,
daß einer den andern aufreibe und keinen Genuß von der Spende
habe. Denn sagt mir, wie ist's möglich, einen Apfel zu teilen, ohne ihn
zu zerlegen?«
Die beiden Ritter nahmen die Rede des Schafhirten zu Herzen und gedachten,
es liege große Weisheit darinnen. »Du hast recht geurteilt«,
sprachen sie, »hatte der schändliche Apfel nicht schon Zorn und Hader
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unter uns erregt? Stunden wir nicht gerüstet, um die betrügliche Gabe
des stolzen Fräuleins zu kämpfen, die uns hasset? Stellte sie uns nicht
an die Spitze ihres Heeres, daß sie gedachte, uns zu fällen? Und weil's
ihr damit nicht gelungen ist, waffnet sie nun unsern Arm mit dem Dolche
der Zwietracht gegen uns selbst. Wir sagen uns los von dem arglistigen
Geschenke, keiner von uns soll den Apfel haben. Er soll dein sein
zum Lohne deines ehrlichen Bescheids: dem Richter gebührt die Frucht
des Prozesses und den Parteien die Schelfen.«
Die Ritter zogen hierauf ihre Straße, während daß der Hirte das
Objektum Litis mit all der Gemächlichkeit, die den Richtern gewöhnlich
ist, verzehrte. Die zweideutige Spende der Herzogin wurmte sie
sehr, und da sie bei ihrer Heimkunft fanden, daß sie nicht mehr mit ihren
Lehnsleuten und Untertanen so willkürlich schalten konnten wie
vorhin, sondern den Gesetzen gehorchen mußten, die Fräulein Libussa
zu allgemeiner Sicherheit ins Land hatte ergehen lassen, vermehrte sich
ihr Unmut noch viel mehr.
Die Ritter traten miteinander in Verein zu Trutz und Schutz, machten
sich einen Anhang im Lande, und es gesellten sich viele Aufwiegler zu
ihnen, die schickten sie in den Gespanschaften herum, das weibliche
Regiment zu verschreien und zu verunglimpfen. »O der Schande!«
sprachen sie, »daß wir einem Weibe untertan sind, die unsere Siegeslorbeeren
sammelt, einen Spinnrocken damit aufzuschmücken. Dem
Manne gebührt, Herr zu sein im Hause, und nicht der Frau, das ist sein
eigentümliches Recht, so ist es Sitte überall bei allem Volk. Was ist ein
Heer ohne Herzog, der vor dem Kriegsvolk einherzeucht, anders als
ein unbehilflicher Rumpf ohne Haupt? Lasset uns einen Fürsten setzen,
der über uns Herr sei und dem wir gehorchen.«
Diese Reden blieben der wachsamen Fürstin nicht verborgen, sie wußte
auch wohl, von wannen der Wind kam und was sein Sausen verkündete.
Darum beschied sie einen Ausschuß der Stände zu sich, trat mit
dem Glanze und der Würde einer Erdengöttin mitten unter sie, und
die Rede ihres Mundes floß wie Honigseim von ihren jungfräulichen
Lippen. »Es ist ein Gerücht im Lande«, redete sie die Versammlung an,
»daß ihr einen Herzog begehrt, der vor euch herziehe im Streit, und
daß ihr es unrühmlich achtet, mir ferner zu gehorchen. Gleichwohl habt
ihr durch eine freie und unbeschränkte Wahl nicht einen Mann aus
eurem Mittel, sondern eine von den Töchtern des Landes erkieset und
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mit dem Purpur bekleidet, daß sie über euch herrschen sollte nach der
Sitte und Gewohnheit des Landes. Wer mich nun eines Fehis in Verwaltung
des Regiments zeihen kann, der trete frei und öffentlich auf
und zeuge wider mich. Hab ich aber nach der Weise meines Vaters
Krokus Rat und Gerechtigkeit gehandhabt, die Hügel eben, die Krümmen
gerade, die Tiefen wegsam gemacht, hab ich eure Ernten gesichert,
eure Herden dem Wolf entrissen und den Obstbaum gehütet, hab ich
den steifen Nacken der Gewaltsamen gebeugt, dem Niedergedrückten
aufgeholfen und dem Schwachen einen Stab gegeben, sich daran zu halten:
so kommt es euch zu, eurer Zusage nachzuleben und mir treu, hold
und gewärtig zu sein, wie ihr mir gehuldigt habt. Wenn ihr vermeint,
es sei unrühmlich, einem Weibe zu gehorchen, so hättet ihr das bedenken
sollen, ehe ihr mich zu eurer Fürstin bestelltet; ist ein Unglimpf
darinnen, so fällt er ganz auf euch zurück. Aber euer Beginnen veroffenbart,
daß ihr euren eignen Vorteil nicht versteht: die weibliche Hand
ist sanft und weich, gewöhnt, mit dem Wedel nur kühle Luft zu fächeln;
aber sehnig und rauh ist der männliche Arm, drückend und schwer,
wenn er das Gewicht der Obergewalt erfaßt. Und wisset ihr nicht, wo
ein Weib regiert, daß da die Herrschaft in der Männer Gewalt ist? Denn
sie gibt weisen Räten Gehör: wo man aber die Spindel vom Thron ausschließt,
da ist Weiberregiment; denn die Dirnen, die des Königs
Augen gefallen, haben sein Herz in Händen. Darum bedenkt euer Vornehmen
wohl, daß der Wankelmut euch nicht zu spät gereue.«
Die Rednerin vom Throne schwieg, und ein tiefes ehrerbietiges Stillschweigen
herrschte im Versammlungssaale, niemand unterstund sich,
ein Wort gegen sie vorzubringen. Doch Fürst Wladomir und seine
Konföderierten gaben drum ihr Vorhaben nicht auf und flüsterten sich
ins Ohr: »Die schlaue Waldgemse sträubt sich, die fette Weide zu verlassen,
aber das Jägerhorn soll noch lauter ertönen und sie dennoch
fortscheuchen.«Tages darauf erregten sie die Ritterschaft, daß diese mit
Ungestüm der Fürstin anliegen mußte, sich binnen drei Tagen einen
Gemahl auszusuchen und durch die Wahl ihres Herzens dem Volke
einen Fürsten zu geben, der mit ihr die Regierung teilte. Bei dieser raschen
Anforderung, welche die Stimme der Nation zu sein schien,
färbte eine jungfräuliche Schamröte die Wangen der reizenden Libussa,
ihr helles Auge sah alle Klippen unter Wasser, die ihr bei dieser Gelegenheit
Gefahr drohten. Wenn sie auch nach der Sitte der großen Welt
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ihre Neigung gefangennehmen wollte unter den Gehorsam der Staatsklugheit,
so konnte sie ihre Hand doch nur einem Ehewerber geben,
und da sah sie wohl ein, daß alle übrigen Prätendenten diese Zurücksetzung
für Verschmähung nehmen und auf Rache sinnen würden. Oberdem
war ihr das geheime Gelübde ihres Herzens unverletzbar und heilig,
darum strebte sie, dieses zudringliche Verlangen der Stände klüglich
abzulehnen und noch einen Versuch zu machen, die Herzogswahl ihnen
ganz auszureden. »Nach dem Tode des Adlers«, sprach sie, »wählte
das Geflügel die Waldtaube zur Königin, und alle Vögel gehorchten ihrem
sanften, girrenden Ruf. Doch leicht und luftig, wie der Vögel
Natur ist, änderten sie bald diesen Beschluß und ließen sich solchen gereuen.
Der stolze Pfau meinte, ihm stehe besser an, zu herrschen, der
gierige Sperber, geübt, das kleine Gefieder zu beizen, hielt es für
schimpflich, der friedsamen Taube untertan zu sein; sie machten sich
einen Anhang und dingten den blödsinnigen Uhu zum Sprecher ihrer
Konföderation, eine neue Königswahl in Vorschlag zu bringen. Der
dämische Trappe, der schwerbeleibte Auerhahn, der träge Storch, der
hirnarme Reiher und alle größern Vögel balzten, klapperten und
krächzten ihm lauten Beifall zu, und das Heer der kleinen Vögel zwitscherte
aus Unverstand in Busch und Hecken die nämliche Weise. Da
erhob sich der wehrhafte Weih kühn in die Luft, und alle Vögel schrien:
>Welch ein majestätischer Flug! Welcher Blitzblick in dem herumschauenden
Feuerauge und welcher Ausdruck von Übermacht in dem
gekrümmten Schnabel und den weitgreifenden Fängen! Der kecke,
mannfeste Weih soll unser König sein!<
Kaum hatte der räuberische Vogel den Thron eingenommen, so bewies
er an den gefiederten Untertanen seine Mannskraft und Tätigkeit mit
großer Tyrannei und Übermut: er rupfte dem großen Geflügel die
Federn aus und zerfleischte die kleinen Sangvögel.«
So deutsam diese Rede war, so machte sie doch nur wenig Eindruck auf
die nach einem Regierungswechsel lüsternen Gemüter, und es blieb bei
dem Volksschluß, daß sich Fräulein Libussa binnen drei Tagen einen
Gemahl wählen sollte. Des war Fürst Wladomir in seinem Herzen
froh, denn jetzt gedacht er die schöne Beute zu erlangen, nach der er
solange vergeblich gestrebt hatte. Liebe und Ehrgeiz befeuerten seine
Wünsche und machten seinen Mund beredt, der sich bisher nur geheime
Seufzer erlaubt hatte. Er kam nach Hofe und begehrte Gehör
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bei der Herzogin. »Huidreiche Beherrscherin deines Volks und meines
Herzens«, redete er sie an, »dir ist kein Geheimnis verborgen, du
kennst die Flammen, die in diesem Busen lodern, so heilig und rein wie
auf dem Altar der Götter, und du weißt, welches himmlische Feuer sie
angezündet hat. Jetzt ist es an dem, daß du auf Geheiß des Volkes dem
Lande einen Fürsten geben sollst. Kannst du ein Herz verschmähen,
das für dich lebt und schlägt? Deiner wert zu sein, habe ich Blut und
Leben dran gewagt, dich auf den Thron deines Vaters zu erheben. Laß
mir das Verdienst, auch dich darauf zu erhalten durch das Bündnis zarter
Liebe; laß uns den Besitz des Throns und deines Herzens teilen:
jener sei dein und dieses mein, so wirst du mein Glück über das Los
der Sterblichen erheben.« Fräulein Libussa gebärdete sich gar jungfräulich
bei Anhörung dieser Rede und bedeckte ihr Angesicht mit dem
Schleier, um die sanfte Schamröte, die ihre Wangen höher färbte, darunter
zu verbergen. Sie winkte dem Fürsten Wladomir mit der Hand,
abzutreten, ohne ihren Mund aufzutun, gleichsam, um zu überlegen,
wessen sie ihn in Absicht seines Gewerbes zu bescheiden hätte.
Alsbald meldete sich der kecke Ritter Mizisla und verlangte, eingelassen
zu werden. »Reizendste der Fürstentöchter«, sprach er beim Eintritt
in das Audienzgemach, »die schöne Taube, die Königin der Luftgefilde,
soll, wie dir wohl bewußt ist, nicht mehr einsam girren,
sondern sich einen Gatten suchen. Der stolze Pfau spiegelt ihr, wie die
Rede geht, sein buntes Gefieder in die Augen und vermeint, sie durch
den Glanz seiner Federn zu blenden; aber sie ist klug und bescheiden
und wird sich nicht mit dem übermütigen Pfauen gatten. Der gierige
Sperber, vormals ein räuberischer Vogel, hat ganz seine Natur ausgezogen,
ist fromm und bieder, auch ohne Falsch: denn er liebt die schöne
Taube und trachtet, daß sie sich zu ihm geselle. Daß er einen krummen
Schnabel und spitze Krallen hat, darf dich nicht irren; er bedarf ihrer
zum Schutz der schönen Taube, seiner Geliebten, daß ihr kein Gefieder
schade oder den Stuhl ihrer Herrschaft verrücke; denn er ist treu und
hold und hat ihr zuerst gehuldiget am Tage ihrer Erhebung. Nun sage
mir, weise Fürstin, ob die sanfte Taube ihren getreuen Sperber der
Liebe würdigt, nach der ihn verlangt?«
Fräulein Libussa tat wie vorhin, bedeutete dem Ritter gleichfalls, abzutreten,
und nachdem sie ihn hatte etwas verziehen lassen, berief sie die
beiden Mitbewerber herein und redete also: »Ich weiß es euch großen
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Dank, edle Ritter, daß ihr mir beide förderlich gewesen seid, die Böhmische
Fürstenkrone, die mein Vater Krokus mit Ruhm getragen hat,
nach ihm zu erlangen, und habe euren Diensteifer, dessen ihr mich
erinnert, nicht in Vergessenheit gestellt; auch ist mir unverborgen, daß
ihr mich züchtiglich minnet, denn eure Blicke und Gebärden waren
längst die Dolmetscher eurer Herzgefühle. Daß ich aber mein Herz für
euch verschlossen und nicht Liebe mit Liebe erwidert habe, achtet nicht
für spröden Sinn; es war nicht gemeint zu Schimpf und Schmach, sondern
zu glimpflicher Auskunft einer zweifelhaften Wahl. Ich wog eure
Verdienste, und das Zünglein der prüfenden Waage stund innen.
Darum beschloß ich, die Entscheidung eures Schicksals euch selbst zu
überlassen, und bot euch den Besitz meines Herzens unter dem rätselhaften
Apfel dar, um zu erforschen, wem unter euch das größere Maß
von Sinneskraft und Weisheit gegeben sei, die unteilbare Spende sich
zuzueignen. So sagt mir nun ohne Verzug, in wessen Hand der Apfel
ist. Wer ihn dem andern abgewonnen hat, nehme von Stund an meinen
Thron und mein Herz zum Gewinn dahin.« Die beiden Mitbewerber
sahen einander verwundernd an, erbleichten und verstummten. Endlich
brach Fürst Wladomir nach langer Pause das Stillschweigen und
sprach: »Des Weisen Rätsel sind für den Unverständigen eine Nuß in
einem zahnlosen Munde; eine Perle, die das Huhn aus dem Sande
scharrt; eine Leuchte in der Hand des Blinden. O Fürstin, zürne nicht,
daß wir dein Geschenk weder zu brauchen noch zu schätzen wußten!
Wir mißdeuteten deine Absicht, die wir nicht kannten, gedachten, du
habest einen Zankapfel unter uns geworfen, der uns zu Fehden und
Zweikampf reizen sollte, darum begab sich jeder seines Anteils, und
wir entledigten uns der zwiespältigen Frucht, deren alleinigen Besitz
keiner dem andern friedlich würde gestattet haben.«
»Ihr habt euch selbst das Urteil gesprochen«, erwiderte das Fräulein,
»wenn ein Apfel schon eure Eifersucht entfiammte, welchen Kampf
würdet ihr um einen Myrtenkranz gekämpft haben, der sich um eine
Krone schlingt.« Mit diesem Bescheide ließ sie die Ritter von sich, die
sich hoch betrübten, daß sie dem unweisen Schiedsrichter Gehör gegeben
und das Pfand der Liebe unbedachtsam verschleudert hatten, welches
doch das Mittel war, die Braut zu dingen und den Finger zu benngen.
Sie überlegten nun jeder absonderlich, wie sie dennoch ihr
Vorhaben ausführen und den böhmischen Thron nebst der reizenden
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Inhaberin desselben durch List oder Gewalt erlaufen oder erringen
möchten.
Fräulein Libussa war indessen die drei Tage, die ihr zur Bedenkzeit gegeben
waren, auch nicht müßig, sondern ratschlagte fleißig mit sich
selbst, wie sie dem zudringlichen Verlangen des Volks entgegenkommen,
der Nation einen Herzog und sich einen Gemahl nach der Wahl
ihres Herzens geben möchte. Sie fürchtete, Fürst Wladomir dürfte sich
ihr dennoch mit Gewalt aufdringen oder ihr wenigstens den Thron
rauben. Die Notwendigkeit bot der Liebe die Hand, sie entschlossen
zu machen, den Plan auszuführen, mit welchem sie sich oft als mit
einem angenehmen Traume unterhalten hatte; denn welchem Sterblichen
spukt nicht ein Phantom im Kopfe, nach welchem er in einer leeren
Stunde hascht, um damit als mit einer Puppe zu spielen? Es gibt
keinen artigern Zeitvertreib für ein engbeschuhtes Mädchen, wenn sie
sich eben die Leichdorn beschneidet, als an eine stattliche und bequeme
Equipage zu denken; die spröde Schöne träumt sich gern einen Grafen,
der zu ihren Füßen seufzt; die Eitle ordnet einen Juwelenschmuck; die
Gewinnsucht errät eine Quaterne, dem Verhafteten im Schuidturm fällt
eine große Erbschaft anheim; der Prasser grübelt das hermetische
Geheimnis aus, und der arme Holzbauer findet einen Schatz im hohlen
Baum: alles das zwar in der Einbildung, aber doch nicht ohne Genuß
eines geheimen Vergnügens. Die Sehergabe ist von jeher mit einer glühenden
Phantasie vergeseilschaftet gewesen, folglich gab die schöne
Libussa dieser angenehmen Gespielin zuzeiten auch gern Gehör, und
diese gefällige Vertraute unterhielt sie immer mit dem Bilde des jungen
Wildschützen, der einen so bleibenden Eindruck auf ihr Herz gemacht
hatte. Es kamen ihr tausend Entwürfe in den Sinn, die ihr die Einbildungskraft
als leicht und tunlich anschmeichelte.
Bald machte sie einen Plan, den lieben Jüngling aus der Dunkelheit
hervorzuziehen, ihn im Heere anzustellen und von einer Ehrenstaffel
zur andern zu erheben; dann schlang die Phantasie flugs einen Lorbeerkranz
um seine Schläfe und führte ihn mit Ruhm und Sieg gekrönt
an den Thron, welchen sie mit Vergnügen mit ihm teilte. Bald gab sie
dem Roman eine andere Wendung; sie rüstete ihren Liebling als einen
irrenden Ritter aus, der auf Abenteuer ausgezogen sei, führte ihn an
ihrem Hoflager ein, wandelte ihn in einen Hüon um, und es gebrach
ihr auch nicht an der wunderbaren Gerätschaft, ihn ebenso zu begraben
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wie Freund Oberon seinen Pflegling. Aber wenn die Besonnenheit sich
wieder der jungfräulichen Sinnen bemeisterte und für dem Lichtstrahl
der Klugheit die bunten Gestalten der Zauberlaterne erbleichten, war
der schöne Traum verschwunden. Sie überlegte alsdenn, was für ein
Wagestück sie mit einem solchen Beginnen unternehmen würde und
welches Unheil für Land und Leute daraus zu befahren sei, wenn Eifersucht
und Neid die Herzen der Magnaten gegen sie empören und die
Lärmstange der Zwietracht das Signal zu Meuterei und Aufruhr geben
würde. Drum verhehlte sie die Neigungen und Wünsche ihres Herzens
sorgfältig vor dem scharfsichtigen Auge der Späher und ließ nichts davon
offenbar werden.
Doch jetzt, da das Volk nach einem Fürsten lüstete, hatte die Sache eine
andere Gestalt gewonnen, und es kam nur drauf an, ihre Wünsche mit
dem Verlangen der Nation zu vereinbaren. Sie stärkte ihren Mut mit
männlicher Entschlossenheit, und da der dritte Tag heranbrach, legte
sie all ihr Geschmeide an, und auf ihrem Haupte prangte die keusche
Myrtenkrone. Sie bestieg im Gefolge ihrer Jungfrauen, allesamt mit
Blumenkränzen geschmückt, den Fürstenthron, voll hohes Muts und
sanfter Würde. Die Versammlung der Ritter und Vasallen um sie her
war ganz Ohr, um aus ihrem holden Munde den Namen des glücklichen
Prinzen zu vernehmen, mit dem sie Herz und Thron zu teilen entschlossen
sei.
»Ihr Edlen meines Volks«, redete sie die Versammlung an, »noch liegt
das Los eures Schicksals unberührt in der Urne der Verborgenheit,
noch seid ihr frei gleich meinen Rossen, die in der Aue weiden, ehe sie
Zaum und Stangengebiß bändigt und ihren schlanken Rücken die
Bürde des Sattels und die Last des Reuters drückt. Euch kommt es jetzt
zu, mir kundzutun, ob die Frist, die ihr mir zur Wahl eines Gemahls
vergönnt habt, die heiße Begierde, einen Fürsten über euch herrschen
zu lassen, abgekühlt und zu ruhiger Prüfung dieses Vorhabens euch
angemahnt hat oder ob ihr auf eurem Sinn noch unwandelbar beharrt.«
Sie schwieg einen Augenblick, aber der Aufruhr im Volk, das Geräusch
und Flüstern nebst den Gebärden der sämtlichen Senatoren ließen sie
nicht lange in Ungewißheit, und der Sprecher bestätigte das Konklusum,
daß es bei der Herzogswahl verbleiben sollte.
»Wohlan«, sprach sie, »das Los ist geworfen, ich stehe für nichts! Die
Götter haben dem Reiche Böhmen einen Fürsten ausersehen, der sein
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Zepter mit Weisheit und Gerechtigkeit erheben wird. Der junge
Zedernbaum ragt noch nicht über die stämmigen Eichen hervor, versteckt
unter den Bäumen des Waldes grünt er, umringt von unedlem
Gesträuche; doch bald wird er seine Zweige ausbreiten, daß sie der
Wurzel Schatten geben, und sein Wipfel wird die Wolken berühren.
Macht einen Ausschuß unter euch, ihr Edlen im Volk, von zwölf redlichen
Männern aus eurer Mitte, daß sie eilen, den Fürsten aufzusuchen
und zum Throne zu geleiten. Mein Leibroß soll ihnen Weg und Bahn
anzeigen, ledig und frei soll es vor ihnen hertraben, und zum Wahrzeichen,
daß ihr gefunden habt, was ihr zu suchen ausgesandt seid, so
merkt, daß der Mann, den die Götter euch zum Fürsten ausersehen haben,
zur Zeit, wenn ihr euch zu ihm naht, sein Mahl halten wird auf
einem eisernen Tische, unter freiem Himmel im Schatten eines einsamen
Baumes. Diesem sollt ihr huldigen und seinen Leib bekleiden mit
den Zeichen der Fürstenwürde. Das weiße Roß wird ihn aufsitzen lassen
und ihn hierher zum Hoflager bringen, daß er mein Gemahl und
euer Herr sei.«
Sie entließ hierauf die Versammlung mit der heitern, aber doch verschämten
Miene, die den Bräuten gewöhnlich ist, wenn sie die Ankunft
des Bräutigams erwarten. Ober ihre Rede verwunderte sich männiglich,
und der prophetische Geist, welcher daraus hervorblickte, wirkte auf
die Gemüter wie ein Götterspruch, dem der Pöbel blindlings Glauben
beimißt und worüber nur die Denker klügeln. Man sonderte die
Ehrenboten aus, das edle Roß stund in Bereitschaft, mit asiatischer
Pracht gezäumt und geschmückt, als wenn es den Großherrn hätte sollen
zur Moschee tragen. Die Kavalkade setzte sich in Bewegung unter
dem Zulauf und Freudengeschrei des neugierigen Volks, und das weiße
Roß trabte stolz voran. Doch bald verschwand der Zug den Zuschauern
aus den Augen, man sah nichts als eine Staubwolke in der Ferne emporwirbeln:
denn der mutige Gaul setzte sich bald in Atem, als er ins Freie
kam, und begann ein wütiges Rennen wie ein britischer Wettläufer,
also, daß ihm das Geschwader der Abgeordneten nur kümmerlich folgen
konnte.. Obgleich der rasche Traber sich selbst überlassen schien,
so regierte doch eine unsichtbare Gewalt seinen Gang, lenkte den Zügel
und spornte seine Lenden. Fräulein Libussa hatte durch das magische
Erbteil von der Mutter Elfe den Gaul so abzurichten gewußt, daß er
weder zur Rechten noch zur Linken aus der Bahn wich, sondern mit
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flüchtigem Gange seiner Bestimmung zueilte; und sie harrte, da sich
jetzt alles zur Erreichung ihrer Wünsche neigte, des Kommenden mit
zärtlichem Verlangen.
Die Botschafter wurden indessen wacker gehetzt, sie hatten bereits
einen Weg von vielen Meilen gemacht, bergauf, bergab, waren durch
die Moldau und Elbe geschwommen, und weil der Magen sie an das
Mittagsmahl erinnerte, gedachten sie wieder an den wunderbaren
Tisch, woran ihr neuer Fürst nach dem Ausspruche des Fräuleins tafeln
sollte. Sie machten darüber mancherlei Glossen und Anmerkungen, ein
vorlauter Ritter sprach zu seinen Konsorten: »Mich will bedünken,
unsre Frau, die Herzogin, habe vor, uns zu äffen, und wir seien von
ihr in den April geschickt; denn wer hat wohl je gehört, daß ein Mann
in Böhmen sei, der an einem eisernen Tische Tafel halte? Was gilt's, unser
hastiges Treiben wird uns nichts einbringen als Schimpf und Hohngelächter?«
Aber ein anderer, der verständiger war, meinte, der eiserne
Tisch könne eine sinnbildliche Bedeutung haben, vielleicht würden sie
einem irrenden Ritter begegnen, der nach Gewohnheit der wandernden
Brüderschaft unter einem Feldbaume raste und sein frugales Mittagsmahl
auf dem ehernen Schilde sich aufgetischt habe. Ein dritter sagte
scherzweise: »Ich fürchte, daß unser Weg gerade hinab zur Werkstatt
der Zyklopen führe und wir den lahmen Vulkan oder einen seiner
Gehilfen, der irgend auf dem Schmiedeamboß tafelt, unsrer Venus zuführen
sollen.«
Unter diesen Gesprächen sahen sie ihren Geleitsmann, den Schimmel,
der einen weiten Vorsprung genommen hatte, zwerch über ein frischgeackertes
Feld traben und bei einem Pflüger zu ihrer Verwunderung
stille stehen. Sie flogen rasch hinzu und fanden einen Bauersmann auf
umgestürztem Pfluge sitzen, der sein schwarzes Brot auf der eisernen
Pflugschar, deren er sich zum Tische bediente, unter dem Schatten eines
Birnbaums verzehrte. Er schien an dem schönen Pferde Gefallen zu haben,
tat ihm freundlich, bot ihm seinen Bissen, und es fraß aus seiner
Hand. Die Ambassade wurde durch diese Erscheinung zwar sehr überrascht,
dem ungeachtet zweifelte keiner der Abgeordneten, daß sie ihren
Mann gefunden hätten. Sie nahten ihm ehrerbietig, der Älteste unter
ihnen nahm das Wort und sprach: »Die Herzogin von Böhmen hat
uns zu dir gesandt und läßt dir entbieten, der Wille und Ratschluß der
Götter sei, daß du diesen Ackerpflug mit dem Stuhle dieses Reichs und
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deinen Treiberstecken mit dem Zepter vertauschen sollst. Sie wählt dich
zum Gemahl, mit ihr über Böhmen zu herrschen«. Der junge Bauer
glaubte, man wolle Scherz mit ihm treiben, welches ihm eben nicht zu
Sinne war, besonders weil er wähnte, man habe sein Liebesgeheimnis
erraten und käme nun, seiner Schwachheit zu spotten. Darum antwortete
er etwas trotzig, um Hohn mit Hohn zu erwidern: »Laßt sehen,
ob euer Herzogtum dieses Pflugs wert sei! Wenn der Fürst sich nicht
satter essen, fröhlicher sich trinken und ruhiger schlafen kann als der
Bauer, so lohnt es wahrlich nicht der Mühe, das Reich Böhmen mit diesem
nahrhaften Ackerfelde oder diesen glatten Ochsenstecken mit
einem Zepter zu vertauschen: denn sagt mir, dient ein Salzfaß nicht
ebensogut, meinen Bissen zu würzen als ein Scheffel?«
Da antwortete einer von den Zwölfen: »Der lichtscheue Maulwurf
wühlt unter der Erde nach Gewürm, davon er sich nähre, denn er hat
keine Augen, die das Tageslicht vertragen, und keine Füße, die gemacht
sind zum Laufen wie das flüchtige Reh; der beschalte Krebs kriecht im
Schlamme der Seen und Sümpfe, wohnt am liebsten unter Baumwurzeln
und Gesträuchen am Gestade der Flüsse, denn ihm mangeln die
Floßfedern zum Schwimmen; und der Haushahn im Hühnerzwinger
eingesperrt, wagt keinen Flug über die niedre Bleichwand, denn er ist
zu verzagt, auf seine Fittiche sich zu verlassen wie der emporschwebende
Stößer. Sind dir Augen zum Sehen, Füße zum Gehen, Floßfedem
zum Schwimmen und Schwingen zum Flug verliehen, so wirst du
nicht als ein Maulwurf die Erde umwühlen, als ein schwerfälliges Schaltier
im Sumpfe dich verbergen oder als der Prinz des Hausgeflügels nur
auf dem Dünger krähen, sondern hervor ans Tageslicht treten, laufen,
schwimmen oder an die Wolken fliegen, je nachdem die Natur dich mit
ihren Gaben ausgerüstet hat. Denn einem tätigen Manne genügt nicht,
das zu sein, was er ist, sondern er strebt zu werden, was er sein kann.
Darum versuche zu sein, wozu die Götter dich auffordern: so wirst du
urteilen können, ob das Reich Böheim des Tausches um einen Morgen
Ackerfeld wert sei oder nicht.«
Diese ernsthafte Rede des Abgesandten, welcher kein scherztreibender
Spott abzumerken war, noch mehr die Abzeichen der Fürstenwürde,
das Purpurgewand, der Regimentsstab und das goldne Schwert, welche
die Gesandten als Beleg und Kredenzbrief ihrer wahrhaften Sendung
hervorzogen, überwältigten endlich das Mißtrauen des zweifelhaften
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Pflügers. Auf einmal wurd's Licht in seiner Seele; ein entzückender
Gedanke erwachte in ihm, daß Fräulein Libussa die Gefühle seines
Herzens erraten, seine Treue und Beständigkeit vermöge ihrer Kunde,
das Verborgene zu schauen, erkannt habe und solche auf eine Art belohnen
wolle, die er im Traume zu ahnden nie gewagt hatte.
Die durch ihr Orakel ihm verheißene Gabe der Weissagung kam ihm
jetzt wieder in den Sinn, und er bedachte, daß jetzt oder niemals solche
in Erfüllung gehen müßte. Flugs ergriff er seinen häselnen Stab, stieß
ihn tief in den Acker, häufte lockere Erde umher, wie man einen Baum
pflanzt, und siehe da! alsbald gewann der Stab Knospen, trieb Sprossen
und Äste mit Laub und Blüten. Zwei von den grünenden Zweigen aber
verwelkten, und das dürre Laub ward ein Spiel der Winde; der dritte
wuchs desto kräftiger und seine Früchte reiften. Da fiel der Geist der
Weissagung auf den entzückten Pflüger, er tat seinen Mund auf und
sprach: »Ihr Boten der Fürstin Libussa und des Böhmischen Volkes,
vernehmt die Worte Primislas, des Sohns Mnatha des ehrenfesten Ritters,
dem, angeweht vom Geiste der Weissagung, sich die Nebel der
Zukunft enthüllen. Den Mann, der den Pflug regierte, ruft ihr auf, die
Handhaben eures Fürstentums zu ergreifen, ehe sein Tagewerk vollendet
war. Ach, daß der Pflug den Acker mit Furchen umzogen hätte bis
an den Grenzstein, so wär Böhmen ein unabhängiges Reich geblieben
zu ewigen Zeiten! Nun ihr die Arbeit des Pflügers zu früh gestört habt,
werden die Grenzen eures Reichs des Nachbars Teil und Erbe sein, und
die ferne Nachkommenschaft wird ihm anhangen in unwandelbarer
Einigung. Die drei Zweige des grünenden Stabes verheißen eurer Fürstin
drei Söhne aus meinen Lenden, zwei davon werden als unreife
Schößlinge zeitig dahinwelken, aber der dritte wird des Thrones Erbe
sein, und durch ihn wird die Frucht später Enkel reifen, bis der Adler
sich übers Gebirge schwingt und im Lande nistet, doch bald davonfleucht
und wiederkehrt als in sein Eigentum. —Wenn dann hervorgeht
der Göttersohn, der seines Pflügers Freund ist und ihn entledigt der
Sklavenketten, Afterwelt, merke drauf! so wirst du dein Schicksal segnen.
Denn wenn er den Lindwurm des Aberglaubens unter seine Füße
getreten hat, wird er seinen Arm ausstrecken, dem wachsenden Mond
entgegen, ihn aus den Wolken zu reißen und selbst als ein wohltätiges
Gestirn die Welt zu erleuchten.«
Die ehrwürdige Deputation stund in stiller Verwunderung da. Sie
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staunten den prophetischen Mann an wie die stummen Olgötzen; es
war, als ob ein Gott aus ihm redete. Er aber wandte sich von den Abgesandten
hinweg zu den Konsorten seiner mühsamen Arbeit, den beiden
weißen Stieren, schirrte sie vom Joch ab, entließ sie ihres Ackerdienstes
und gab ihnen die Freiheit, worauf sie lustig auf der grasreichen Flur
hin und her sprangen, aber zusehends abzehrten, wie leichte Nebel in
Luft zerflossen und aus den Augen verschwanden. Hierauf entledigte
sich Primislas seiner bäuerischen Holzschuhe und ging an den nahen
Bach, sich zu reinigen. Es wurden ihm köstliche Kleider angetan, er
umgürtete sich ritterlich mit dem Schwerte und ließ sich die goldenen
Sporen anlegen; mutig schwang er sich nun auf das weiße Roß, welches
ihn folgsam aufsitzen ließ. Als es nun an dem war, daß er sein bisheriges
Eigentum verlassen wollte, gebot er den Abgesandten, daß sie die abgelegten
Holzschuhe ihm nachtragen und wohl verwahren sollten, zum
Wahrzeichen, daß einst der Geringste im Volk zur höchsten Würde von
den Böhmen sei erhoben worden, und zum Gedächtnis, daß er und
seine Nachkommenschaft der erlangten Hoheit sich nicht überheben,
sondern ihres Ursprungs eingedenk den Bauernstand, aus welchem sie
hervorgezogen worden, ehren und schirmen möchten. Daher stammte
vordem der alte Brauch, daß den Königen von Böhmen an ihrem Krönungsfeste
ein Paar Holzschuhe vorgezeigt wurden, welcher so lange
beobachtet wurde, bis Primislas' Mannsstamm erloschen war. Der gepflanzte
häselne Stab wuchs und trug Früchte, wurzelte weit umher
und trieb neue Schößlinge, daß endlich das ganze Ackerfeld in einen
Haselwald verwandelt wurde, welches der nächstgelegnen Dorfschaft,
die diesen Bezirk mit in ihre Flur zog, zu gutem Vorteil gedieh; denn
die Gemeinde erhielt zum Andenken dieser wundersamen Pflanzung
einen Freiheitsbrief von den böhmischen Königen, daß sie zu keiner
Schatzung im Lande jemals mehr steuern sollte als ein Nösel Haselnüsse,
welches herrlichen Vorrechtes, der Sage nach, die späte Nachkommenschaft
sich zu erfreuen hat bis auf diesen Tag.
Obgleich das Freudenpferd, welches jetzt den Bräutigam seiner Eigentümerin
stolz entgegentrug, den Winden vorzulaufen schien, so ließ
ihm dennoch Primislas zuzeiten der güldnen Sporen fühlen, um es noch
mehr anzutreiben; ihn dünkte der rasche Trab nur ein Schildkrötenschritt
zu sein, so heiß war sein Verlangen, die schöne Libussa, deren
Gestalt nach sieben Jahren noch so neu und reizend seinen Sinnen vor-
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schwebte, wieder von Angesicht zu schauen, nicht zu leerer Augenweide
wie eine ausgezeichnete Anemone in der bunten Flor eines Blumenpflegers,
sondern zum seligen Verein sieggekrönter Liebe. Er
dachte nur an die Myrtenkrone, welche in der Rangordnung der Liebenden
weit über Königskronen pranget, und wenn er Hoheit und
Liebe gegeneinander gewogen hätte, würde das Reich Böhmen ohne
Fräulein Libussen weit hinaufgeschnellt sein, wie ein beschnittener
Dukaten auf der Goldwaage eines Wechslers.
Die Sonne neigte sich bereits zum Untergang, als der neue Fürst triumphierend
in Vizegrad eingeführt wurde. Fräulein Libussa befand sich
eben im Lustgarten wo sie ein Körbchen reifer Pflaumen gepflückt
hatte, da man ihr die Ankunft ihres zukünftigen Gemahls hinterbrachte.
Sie ging ihm züchtiglich mit allen Dirnen des Hofs entgegen,
empfing ihn als einen von den Göttern ihr zugeführten Bräutigam und
beschattete die Wahl ihres Herzens mit einer scheinbaren Resignation
in den Willen der unsichtbaren Mächte. Die Augen des Hofs waren mit
großer Neubegierde auf den Ankommenden gerichtet, sie sahen in ihm
aber nur den schönen schlanken Mann. In Betracht der äußeren Körperform
befanden sich mehrere Höflinge, die sich mit ihm in Gedanken
maßen und nicht begreifen konnten, warum die Götter die Antichambre
verschmäht und nicht vielmehr aus ihrer Mitte einen rotwangigen
Kämpen, statt des bräunlichen Pflügers der jungen Fürstin zum
Reichsgehilfen und Bettgenossen auserkoren hätten; besonders war
dem Fürsten Wladomir und dem Ritter Mizisla anzumerken, daß sie
ihren Ansprüchen mit Unwillen entsagten. Darum lag dem Fräulein
daran, das Werk der Götter zu rechtfertigen und kund werden zu lassen,
daß Junker Primislas für den Mangel einer glanzreichen Geburt
durch ein billiges Äquivalent an barem Menschenverstande und Scharfsinn
sei entschädigt worden. Sie hatte ein herrliches Mahl zubereiten
lassen, das dem, womit die gastfreie Königin Dido ehemals den frommen
Äneas bewirtete, nichts nachgab. Nachdem der Willkommen fleißig
von Mund zu Mund herumgegangen war, die Geschenke des Freudengebers
Heiterkeit und frohe Laune angefacht hatten und schon ein
Teil der Nacht unter Scherz und Kurzweil verschwunden war, brachte
sie ein Rätselspiel in Vorschlag, und weil das Erraten verborgener
Dinge ohnehin ihre Sache war, löste sie zum Vergnügen aller Anwesenden
die Rätsel, die auf die Bahn gebracht wurden.
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Da nun die Reihe an sie kam, eins aufzugeben, berief sie den Fürsten
Wladomir, den Ritter Mizisla und den Junker Primislas zu sich und
sprach: »Ihr wackern Gesellen, jetzt schickt euch an, von mir ein Rätsel
zu lösen, damit offenbar werde, wer unter euch der Weiseste und Verständigste
sei. Ich habe euch allen dreien eine Spende zugedacht aus
diesem Körbchen, von den Pflaumen, die ich gepflückt habe in meinem
Garten. Einer unter euch soll die Hälfte davon haben und eine drüber,
der andere soll wieder die Hälfte haben und eine drüber, der dritte soll
nochmals die Hälfte haben und drei drüber. So sich nun befindet, daß
der Korb ausgeleert ist, sagt mir an, wieviel Pflaumen jetzt drinnen
sind?« Der voreilige Ritter Mizisla maß das Fruchtkörbchen mit den
Augen und nicht den Sinn der Aufgabe mit dem Verstande und sprach:
»Was sich mit dem Säbel lösen läßt, das unterfange ich mich wohl zu
lösen, aber deine Rätsel, holdselige Fürstin, sind mir fast zu spitzig eingefädelt.
Dennoch will ich nach deinem Begehr auf gut Glück einen
Vorwurf ins Blaue wagen: Ich vermeine, daß ein Schock Pflaumen
wohigezählt in dem Korbe beisammenliegen.« — »Du hast einen Fehlwurf
getan, lieber Ritter«, antwortete Fräulein Libussa. »Es müßten
ihrer noch einmal soviel, einhaibmal und ein Drittel soviel sein als das
Körbchen in sich faßt, und überdas noch fünfe hinzugezählt werden,
so wären ihrer gerade soviel übers Schock, als jetzt daran fehlen.« Fürst
Wladomir kalkulierte lange und mühsam, als wenn mit der Auflösung
des Rätsels der Posten eines General-Kontrolleurs der Finanzen wär
zu erwerben gewesen, und brachte endlich das Fazit der berüchtigten
Zahl fünfundvierzig heraus. Das Fräulein sprach abermals: »Wenn ihrer
ein Drittel, einhalbmal und ein Sechstel soviel wären, als ihrer sind,
sie würden gerade soviel über fünfundvierzig in meinem Körbchen liegen,
als jetzt daran fehlen.«
Ob nun wohl der gemeinste Rechenmeister, der seiner Kunst nur um
ein Haar breit kundiger gewesen wär als die unbelehrte K-lenberger
Rechengilde, die Aufgabe ohne Mühe würde entziffert haben: so ist für
einen schlechten Rechner die Gabe der Divination doch unumgänglich
erforderlich, wenn er sich mit Ehren aus der Sache ziehen und nicht mit
Schimpf bestehen will. Da nun dem weisen Primislas solche zum Glück
verliehen war, so kostete es ihn weder Kunst noch Anstrengung, den
Aufschluß des Rätsels zu finden. »Vertraute Gespielin der himmlischen
Mächte«, sprach er, »wer deinen hochschwebenden Göttersinn auszuspähen
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unternimmt, der wagt es, dem Adler nachzufliegen, wenn er
sich in den Wolken verbirgt. Dennoch will ich deinem verborgenen
Schwunge folgen, so weit das Auge trägt, welchem von dir Lichtblick
verliehen ist. Ich urteile, daß du der Pflaumen dreißig an der Zahl in
deinem Körbchen verborgen hast, nicht eine mehr und keine weniger.«
Das Fräulein blickte ihn freundlich an und sprach: »Du spürest den
glimmenden Funken auf, der tief in der Asche verborgen ist, dir dämmert
das Licht aus Finsternis und Nebel hervor: Du hast mein Rätsel
erraten.«Darauf tat sie ihr Körbchen auf und zählte dem Fürsten Wladomir
fünfzehn Pflaumen in den Hut nebst einer drüber, und es blieben
ihr noch vierzehn, davon gab sie dem Ritter Mizisla sieben und
noch eine, und es lagen noch sechs in dem Fruchtkörbchen; die Halbscheid
davon teilte sie dem weisen Primislas zu, hernach auch die drei
übrigen, und der Korb war ledig. Der ganze Hof verwunderte sich
höchlich über die arithmetische Weisheit der schönen Libussa und über
den Scharfsinn ihres klugen Sponsen. Niemand konnte begreifen, wie
der menschliche Witz auf der einen Seite eine gemeine Zahl so rätselhaft
in Worte verschränken und auf der andern mit solcher Zuverlässigkeit
solche aus dieser kunstreichen Verborgenheit herauszuklauben vermöge.
Den ledigen Korb verlieh das Fräulein den beiden Rittern, die
ihrer Liebe nicht teilhaftig werden konnten, zum Andenken der erloschenen
Liebschaft. Daher kommt die Gewohnheit, daß man von
einem zurückgewiesenen Freier sagt, er habe von seinem Liebchen
einen Korb bekommen, bis auf den heutigen Tag.
Nachdem alles zur Huldigung und dem Beilager in Bereitschaft war,
wurden beide Feierlichkeiten mit großem Pomp vollzogen. Das böhmische
Volk hatte nun einen Herzog und die schöne Libussa einen
Gemahl, beide nach dem Wunsch ihres Herzens, und welches zu bewundern
war, vermöge einer Wirkung der Schikane, die sonst eben
nicht in dem Rufe steht, daß sie die schicklichste Unterhändlerin sei.
Wenn indessen ja ein Teil von beiden der Betrogene gewesen wär, so
war es wenigstens nicht die kluge Libussa, sondern das Volk, wie das
ohnehin der gewöhnliche Fall ist. Das Reich Böhmen hatte dem Namen
nach einen Herzog, aber die Regierung fand sich nach wie vor in der
weiblichen Hand. Primislas war ein rechtes Muster eines folgsamen
unterwürfigen Ehegemahls, der seiner Herzogin weder das Hausregiment
noch die Landesregierung streitig machte. Seine Gesinnungen
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und Wünsche sympathisierten so vollkommen mit den ihrigen wie zwo
gleichgestimmte Saiten, wovon die unberührte den Ton freiwillig
nachhallt, den die lautertönende anspricht. Libussa hatte aber auch
nicht den stolzen, eiteln Sinn der Damen, die für große Partien gelten
wollen und den armen Wicht, dessen Glück sie wähnen gemacht zu haben,
in der Folge mit Übermut stets an die Holzschuhe erinnern, sondern
sie ahnte der berühmten Palmyrenerin nach und herrschte wie
Zenobia über ihren gutmütigen Odenat vermöge des Übergewichtes
ihrer Geistestalente.
Das glückliche Paar lebte im Genuß unwandelbarer Liebe nach der Sitte
damaliger Zeit, wo der Instinkt, der die Herzen verbindet, so fest und
dauerhaft war wie der Kitt und Mörtel, der die Mauern der alten Welt
so unzerstörbar machte. Herzog Primislas wurde bald einer der streitbarsten
Ritter seiner Zeit und der böhmische Hof der glänzendste in
Deutschland. Es zogen sich unvermerkt viel Ritter und Edle, auch eine
große Volksmenge aus allen Gegenden des Reichs herbei, daß die Residenz
für die Einwohner zu enge wurde, darum beschied Libussa ihre
Amtleute zu sich und befahl ihnen, eine Stadt zu bauen an dem Orte,
wo sie den Mann finden würden, der in der Mittagsstunde den weisesten
Gebrauch von den Zähnen zu machen wisse. Sie zogen aus und
fanden zu der bestimmten Zeit einen Mann, welcher sich angelegen sein
ließ, einen Block entzweizusägen. Sie urteilten, daß dieser geschäftige
Mann von den Zähnen der Säge in der Mittagsstunde einen ungleich
bessern Gebrauch mache als der Schmarotzer von den Zähnen seines
Gebisses an der Tafel der Großen, und zweifelten nicht, daß sie den
Platz gefunden hätten, den ihnen die Fürstin zur Anlage der neuen
Stadt angewiesen hatte. Daher umzogen sie den Raum des Feldes mit
der Pflugschar, den Umfang der Stadtmauer zu bezeichnen. Auf Befragen,
was der Arbeitsmann aus dem zerschnittenen Werkstück zurichten
wollte, antwortete er: »Pah«, welches in der böhmischen Sprache
eine Türschwelle bedeutet. Darum nannte Libussa die neue Stadt
Praha, das ist Prag, die wohlbekannte Königsstadt an der Moldau in
Böhmen. In der Folge ging die Weissagung des Primislas in Absicht
seiner Nachkommenschaft in pünktliche Erfüllung. Seine Gemahlin
wurde Mutter von drei Prinzen, davon zwei in der Jugend starben, der
dritte aber wuchs heran, und aus ihm sproßte ein glänzendes Königsgeschlecht,
das auf dem böhmischen Throne Jahrhunderte blühte.
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DIE BÜCHER DER CHRONIKA
DER DREI SCHWESTERN
Erstes Buch
Ein reicher, reicher Graf vergeudete sein Gut und Habe. Er lebte
königlich, hielt alle Tage offne Tafel; wer bei ihm einsprach, Ritter
oder Knappe, dem gab er drei Tage lang ein herrliches Bankett, und
alle Gäste taumelten mit frohem Mut von ihm hinweg. Er liebte Brettspiel
und Würfel; sein Hof wimmelte von goldgelockten Edelknaben,
Läufern und Heiducken in prächtiger Livree, und seine Ställe nährten
unzählige Pferde und Jagdhunde. Durch diesen Aufwand zerrannen
seine Schätze. Er verpfändete eine Stadt nach der anderen, verkaufte
seine Juwelen und Silbergeschirr, entließ die Bedienten und erschoß die
Hunde: von seinem ganzen Eigentum blieb ihm nichts als ein altes
Waldschloß, eine tugendsame Gemahlin und drei wunderschöne
Töchter.
In dem Schlosse hauste er von aller Welt verlassen, die Gräfin versah
mit ihren Töchtern selbst die Küche, und weil sie allerseits der Kochkunst
nicht kundig waren, wußten sie nichts als Kartoffeln zu sieden.
Diese frugalen Mahlzeiten behagten dem Papa so wenig, daß er grämlich
und mißmutig wurde und in dem weiten, leeren Hause so lärmte
und fluchte, daß die kahlen Wände seinen Unmut widerhallten. An
einem schönen Sommermorgen zog er zu Walde, ein Stück Wild zu fällen,
um sich eine leckerhafte Mahlzeit davon bereiten zu lassen.
Von diesem Walde ging die Rede, daß es darin nicht geheuer sei; manchen
Wanderer hatte es schon irregeführt, und mancher war nie daraus
zurückgekehrt, weil ihn entweder böse Gnomen erdrosselt oder wilde
Tiere zerrissen hatten.
Der Graf glaubte nichts und fürchtete nichts von unsichtbaren Mächten,
er stieg rüstig über Berg und Tal und kroch durch Busch und Dikkicht,
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ohne eine Beute zu erhaschen. Ermüdet setzte er sich unter einen
hohen Eichbaum, nahm einige gesottne Kartoffeln und ein wenig Salz
aus der Jagdtasche, um hier sein Mittagsmahl zu halten. Von ungefähr
hob er seine Augen auf, siehe da! ein grausam wilder Bär schritt auf ihn
zu. Der arme Graf erbebte über diesen Anblick, entfliehen konnte er
nicht, und zu einer Bärenjagd war er nicht ausgerüstet. Zur Notwehr
nahm er den Jägerspieß in die Hand, sich damit zu verteidigen, so gut
er konnte. Das Ungetüm kam nahe heran; auf einmal stund's und
brummte ihm vernehmlich diese Worte entgegen: »Räuber, plünderst
du meinen Honigbaum? Den Frevel sollst du mit dem Leben büßen!«
— »Ach«, bat der Graf, »ach, freßt mich nicht, Herr Bär, mich lüstet
nicht nach Eurem Honig, ich bin ein biedrer Rittersmann. Seid Ihr bei
Appetit, so nehmt mit Hausmannskost vorlieb und seid mein Gast.«
Hierauf tischte er dem Bären alle Kartoffeln in seinem Jagdhute auf.
Dieser aber verschmähte des Grafen Tafel und brummte unwillig fort:
»Unglücklicher, um diesen Preis lösest du dein Leben nicht; verheiß
mir deine große Tochter Wulfild augenblicks zur Frau, wo nicht, so
fress' ich dich!« In der Angst hätte der Graf dem veramorten Bären
wohl alle drei Töchter verheißen und seine Gemahlin obendrein, wenn
er sie verlangt hätte; denn Not kennt kein Gesetz. »Sie soll die Eure
sein, Herr Bär«, sprach der Graf, der anfing, sich wieder zu erholen;
doch setzte er trüglich hinzu: »unter dem Beding daß Ihr nach Landes
Brauch die Braut löst und selber kommt, sie heimzuführen.« —»Topp«,
murmelte der Bär, »schlag ein«, und reichte ihm die rauhe Tatze hin,
»in sieben Tagen löse ich sie mit einem Zentner Gold und führ mein
Liebchen heim.« —»Topp«, sprach der Graf, »ein Wort, ein Mann!«
Darauf schieden sie in Frieden auseinander, der Bär trabte seiner Höhle
zu, der Graf säumte nicht, aus dem furchtbaren Walde zu kommen, und
gelangte bei Sternenschimmer kraftlos und ermattet in seinem Waldschloß
an.
Zu wissen ist, daß ein Bär, der wie ein Mensch vernünftig reden und
handeln kann, niemals ein natürlicher, sondern ein bezauberter Bär sei.
Das merkte der Graf wohl, darum dachte er, den zottigen Eidam durch
List zu hintergehen und sich in seiner festen Burg so zu verpalisadieren,
daß es dem Bären unmöglich wär, hineinzukommen, wenn er auf den
bestimmten Termin die Braut abholen würde. Wenngleich einem Zauberbär,
dachte er bei sich, die Gabe der Vernunft und Sprache verliehen
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ist, so ist er doch gleichwohl ein Bär und hat übrigens alle Eigenschaften
eines natürlichen Bären. Er wird also doch wohl nicht fliegen können
wie ein Vogel oder durchs Schlüsselloch in ein verschlossenes Zimmer
eingehen wie ein Nachtgespenst oder durch ein Nadelöhr schlüpfen.
Den folgenden Tag berichtete er seiner Gemahlin und den Fräuleins das
Abenteuer im Walde. Fräulein Wulfild fiel vor Entsetzen in Ohnmacht,
als sie hörte, daß sie an einen scheußlichen Bären vermählt werden
sollte, die Mutter rang und wand die Hände und jammerte laut, und
die Schwestern bebten und bangten vor Wehmut und Entsetzen. Papa
aber ging hinaus, beschaute die Mauern und Graben ums Schloß her,
untersuchte, ob das eiserne Tor schloß- und riegelfest sei, zog die Zugbrücke
auf und verwahrte alle Zugänge wohl, stieg darauf auf die Warte
und fand da ein Kämmerlein, hochgebaut unter der Zinne und wohlvermauert,
darin verschloß er das Fräulein, die ihr seidenes Flachshaar
zerraufte und sich schier die himmelblauen Augen ausweinte.
Sechs Tage waren verflossen und der siebente dämmerte heran, da erhob
sich vom Walde her großes Getöse, als sei das wilde Heer im
Anzuge. Peitschen knallten, Posthörner schallten, Pferde trappelten,
Räder rasselten. Eine prächtige Staatskarosse, mit Reutern umringt,
rollte übers Blachfeld daher ans Schloßtor. Alle Riegel schoben sich, das
Tor rauschte auf, die Zugbrücke fiel, ein junger Prinz stieg aus der
Karosse, schön wie der Tag, angetan mit Sammet und Silberstück, um
seinen Hals hatte er eine goldne Kette dreimal geschlungen, in der ein
Mann aufrecht stehen konnte; um seinen Hut lief eine Schnur von Perlen
und Diamanten, welche die Augen verblendete, und um die
Agraffe, welche die Straußfeder trug, wär ein Herzogtum feil gewesen.
Rasch wie Sturm und Wirbelwind flog er die Schneckentreppe im Turm
hinauf, und einen Augenblick nachher bebte in seinem Arm die erschrockne
Braut herab.
Ober dem Getöse erwachte der Graf aus seinem Morgenschlummer,
schob das Fenster im Schlafgemach auf, und als er Roß und Wagen und
Ritter und Reisige im Hofe erblickte und seine Tochter im Arm eines
fremden Mannes, der sie in den Brautwagen hob, und nun der Zug zum
Schloßtor hinausging, fuhr's ihm durchs Herz, und er erhob groß Klagegeschrei:
»Ade, mein Töchterlein! Fahr hin, du Bärenbraut!«Wulfild
vernahm die Stimme ihres Vaters, ließ ihr Schweißtüchlein zum Wagen
herauswehen und gab damit das Zeichen des Abschieds. Die Eltern waren
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bestürzt über den Verlust ihrer Tochter und sahen einander stumm
und staunend an. Mama traute gleichwohl ihren Augen nicht und hielt
die Entführung für Blendwerk und Teufelsspuk, ergriff ein Bund
Schlüssel und lief auf die Warte, öffnete die Klause, fand aber ihre
Tochter nimmer, auch nichts von ihrer Gerätschaft; doch lag auf dem
Tischlein ein silberner Schlüssel, den sie zu sich nahm, und als sie von
ungefähr durch die Luke blickte, sah sie in der Ferne eine Staubwolke
gegen Sonnenaufgang emporwirbeln, hörte Getümmel und Jauchzen
des Brautzugs bis zum Eingang des Waldes. Betrübt stieg sie vom Turm
herab, legte Trauerkleider an, bestreute ihr Haupt mit Asche, weinte
drei Tage lang, und Gemahl und Töchter halfen ihr wehklagen. Am
vierten Tage verließ der Graf das Trauergemach, um frische Luft zu
schöpfen. Wie er über den Hof ging, stund da eine feine dichte Kiste
von Ebenholz, wohiverwahrt und schwer zu heben. Er ahndete leicht,
was drinnen sei, die Gräfin gab ihm Schlüssel, er schloß auf und fand
einen Zentner Goldes, eitel Dublonen eines Schlags. Erfreut über diesen
Fund vergaß er all sein Herzeleid, kaufte Pferde und Falken, auch
schöne Kleider für seine Gemahlin und die holden Fräulein, nahm Diener
in Sold, hob von neuem an zu prassen und zu schwelgen, bis die
letzte Dublone aus dem Kasten flog. Dann machte er Schulden, und die
Gläubiger kamen scharenweis, plünderten das Schloß rein aus und ließen
ihm nichts als einen alten Falken. Die Gräfin bestellte wieder mit
ihren Töchtern die Küche, und er durchstreifte tagtäglich das Feld mit
seinem Federspiel aus Verdruß und Langeweile.
Eines Tages ließ er den Falken steigen, der hob sich hoch in die Lüfte
und wollte nicht auf die Hand seines Herrn zurückkehren, ob er ihn
gleich lockte. Der Graf folgte seinem Flug, so gut er konnte, über die
weite Ebene. Der Vogel schwebte dem grausenvollen Walde zu, welchen
zu betreten der Graf nicht mehr waghalsen wollte und sein liebes
Federspiel verlorengab. Plötzlich stieg ein rüstiger Adler über dem
Walde auf und verfolgte den Falken, welcher den überlegenen Feind
nicht sobald ansichtig wurde, als er pfeilgeschwind zu seinem Herrn
zurückkehrte, um bei ihm Schutz zu suchen. Der Adler aber schoß aus
den Lüften herab, schlug einen seiner mächtigen Fänge in des Grafen
Schulter und zerdrückte mit dem anderen den getreuen Falken.
Der bestürzte Graf versuchte mit dem Speer von dem gefiederten
Ungeheuer sich zu befreien, schlug und stach nach seinem Feinde. Der
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Adler ergriff den Jagdspieß, zerbrach ihn wie ein leichtes Schilfrohr und
kreischte ihm mit lauter Stimme diese Worte in die Ohren: »Verwegner,
warum beunruhigest du mein Luftrevier mit deinem Federspiel?
Den Frevel sollst du mit deinem Leben büßen.« Aus dieser Vogeisprache
merkte der Graf bald, was für ein Abenteuer er zu bestehen habe.
Er faßte Mut und sprach: »Gemach, Herr Adler, gemach! Was hab ich
Euch getan? Mein Falk hat seine Schuld ja abgebüßt, den lass' ich Euch,
stillt Euren Appetit.« —»Nein«, fuhr der Adler fort, »mich lüstet eben
heut nach Menschenfleisch, und du scheinst mir ein fetter
Fraß.« — »Pardon, Herr Adler«, schrie der Graf in Todesangst,
»heischt, was Ihr wollt, von mir, ich geb es Euch: nur schont meines
Lebens.« — »Wohl gut«, versetzte der mörderische Vogel, »ich halte
dich beim Wort; du hast zwo schöne Töchter, und ich bedarf ein Weib.
Verheiß mir deine Adelheid zur Frau, so lass' ich dich mit Frieden ziehen
und löse sie von dir mit zwo Stufen Gold, jede einen Zentner
schwer. In sieben Wochen führ ich mein Liebchen heim.« Hierauf
schwang sich das Ungetüm hoch empor und verschwand in den Wolken.
In der Not ist einem alles feil. Da der Vater sah, daß der Handel mit
den Töchtern so gut vonstatten ging, gab er sich über ihren Verlust zufrieden.
Er kam diesmal ganz wohlgemut nach Hause und verhehlte
sorgfältig sein Abenteuer; teils den Vorwürfen, die er von der Gräfin
fürchtete, auszuweichen, teils der lieben Tochter das Herz vor der Zeit
nicht schwerzumachen. Zum Schein klagte er nur über den verlorenen
Falken, von dem er vorgab, er habe sich verflogen.
Fräulein Adelheid war eine Spinnerin wie keine im Lande. Sie war auch
eine geschickte Weberin und schnitt eben damals ein Stück köstlicher
Leinwand vom Webstuhl so fein wie Batist, welche sie unfern der Burg
auf einem frischen Rasenplatze bleichte. Sechs Wochen und sechs Tage
vergingen, ohne daß die schöne Spinnerin ihr Schicksal ahndete: obgleich
der Vater, der doch etwas schwermütig wurde, als der Termin
der Heimsuchung nahte, ihr unterderhand manchen Wink davon gab,
bald einen bedenklichen Traum erzählte, bald die Wulf Wulfild wieder in
Andenken brachte, die längst vergessen war.
Adelheid war frohen und leichten Sinnes, wähnte, das schwere Herzblut
des Vaters erzeuge hypochondrische Grillen. Sie hüpfte sorgenlos
bei Anbruch des bestimmten Tages hinaus auf den Bleichrasen, breitete
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ihre Leinwand aus, damit sie vom Morgentau getränkt würde. Wie sie
ihre Bleiche beschickt hatte und nun ein wenig umherschauete, sah sie
einen herrlichen Zug Ritter und Knappen herantraben. Sie hatte ihre
Toilette nicht gemacht, darum verbarg sie sich hinter einen wilden
Rosenbusch, der eben in voller Blüte stand, und spähte hervor, die
prächtige Kavalkade zu schauen.
Der schönste Ritter aus dem Haufen, ein junger schlanker Mann in offnem
Helm, sprengte an den Busch und sprach mit sanfter Stimme: »Ich
sehe dich, ich suche dich, fein Liebchen, ach, verbirg dich nicht; rasch
schwing dich hinter mich aufs Roß, du schöne Adlerbraut!« Adelheid
wußte nicht, wie ihr geschah, da sie diesen Spruch hörte; der liebliche
Ritter gefiel ihr baß, aber der Beisatz, Adlerbraut, machte das Blut in
ihren Adern erstarren; sie sank ins Gras, ihre Sinne umnebelten sich,
und beim Erwachen befand sie sich in den Armen des holden Ritters
auf dem Wege nach dem Walde.
Mama bereitete indes das Frühstück, und als Adelheid dabei fehlte,
schickte sie die jüngste Tochter hinaus, zu sehen, wo sie bliebe. Sie ging
und kam nicht wieder. Der Mutter ahndete nichts Gutes, sie wollte sehen,
wo ihre Töchter so lange weilten. Sie ging und kam nicht wieder.
Papa merkte, was vorgegangen sei, das Herz schlug laut in seiner Brust,
er schlich sich auch nach dem Rasenplatze, wo Mutter und Tochter noch
immer nach der Adelheid suchten und ängstlich sie beim Namen riefen.
Er ließ seine Stimme gleichfalls weidlich erschallen, wiewohl er wußte,
daß alles Rufen und Umsuchen vergeblich war. Sein Weg führte ihn vor
dem Rosenbüsche vorüber, da sah er was blinken, und wie er's genau
betrachtete, waren's zwo goldene Eier, jedes einen Zentner schwer.
Nun konnte er nicht länger anstehn, seiner Gemahlin das Abenteuer
seiner Tochter zu offenbaren. »Schandbarer Seelenverkäufer«, rief sie
aus, »o Vater! o Mörder! Opferst du um schändlichen Gewinstes willen
also dein Fleisch und Blut dem Moloch auf?«
Der Graf, sonst wenig beredsam, machte jetzt seine Apologie aufs beste
und entschuldigte sich mit der dringenden Gefahr seines Lebens. Aber
die trostlose Mutter hörte nicht auf, ihm die bittersten Vorwürfe zu
machen. Erwählte also das souveräne Mittel, allem Wortstreit ein Ende
zu machen, er schwieg und ließ seine Dame reden, solange sie wollte,
brachte indessen die goldenen Eier in Sicherheit und wälzte sie gemachsam
vor sich her, legte darauf wohlstandshalber drei Tage lang Familientrauer
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an und dachte nur darauf, seine vorige Lebensart wieder zu
beginnen.
In kurzer Zeit war das Schloß wieder die Wohnung der Freude, das
Elysium gefräßiger Schranzen. Ball, Turnier und prächtige Feten
wechselten täglich ab. Fräulein Berta glänzte am Hofe ihres Vaters den
stattlichen Rittern in die Augen wie der Silbermond den empfindsamen
Wandlern in einer heitern Sommernacht. Sie pflegte bei den Ritterspielen
den Preis auszuteilen und tanzte jeden Abend mit dem siegenden
Ritter den Vorreihen. Die Gastfreigebigkeit des Grafen und die Schönheit
der Tochter zogen von den entlegensten Örtern die edelsten Ritter
herbei. Viele buhlten um das Herz der reichen Erbin, aber unter so vielen
Freiwerbern hielt die Wahl schwer, denn einer übertraf den anderen
immer an Adel und Wohlgestalt. Die schöne Berta kürte und wählte
so lange, bis die goldenen Eier, bei welchen der Graf die Feile nicht gespart
hatte, auf die Größe der Haselnüsse reduziert waren.
Die gräflichen Finanzen gerieten wieder in den vorigen Verfall, die
Turniere wurden eingestellt, Ritter und Knappen verschwanden allgemach,
das Schloß nahm wieder die Gestalt einer Eremitage an, und die
gräfliche Familie kehrte zu den frugalen Kartoffelmahlzeiten zurück.
Der Graf durchstrich mißmutig die Felder, wünschte ein neues Abenteuer
und fand keins, weil er den Zauberwald scheute.
Eines Tags verfolgte er ein Volk Rebhühner so weit, daß er dem schauervollen
Walde nahe kam, und ob er gleich sich nicht hineinwagte, so
ging er doch eine Strecke an der Brahne hin und erblickte da einen großen
Fischweiher, der ihm noch nie zu Gesichte gekommen war, in dessen
silberhellem Gewässer er unzählige Forellen schwimmen sah. Dieser
Entdeckung freute er sich sehr. Der Teich hatte ein unverdächtiges
Ansehen, daher eilte er nach Hause, strickte sich ein Netz, und den folgenden
Morgen stand er bei guter Zeit am Gestade, um solches auszuwerfen.
Glücklicherweise fand er einen kleinen Nachen mit einem
Ruder im Schilfe, er sprang hinein, ruderte lustig auf dem Teich herum,
warf das Netz aus, fing mit einem Zuge mehr Forellen, als er tragen
konnte, und ruderte vergnügt über diese Beute dem Strande zu. Ungefähr
einen Steinwurf vom Gestade stund der Nachen im vollen Lauf
fest und unbeweglich, als säße er auf dem Grunde. Der Graf glaubte
das auch und arbeitete aus allen Kräften, ihn wieder flottzumachen,
wiewohl vergebens. Das Wasser verrann ringsumher, das Fahrzeug
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schien auf einer Klippe zu hangen und hob sich hoch über die Oberfläche
empor. Dem unerfahrenen Fischer war dabei nicht wohl zumute;
obgleich der Nachen wie angenagelt stand, so schien sich doch von allen
Seiten das Gestade zu entfernen, der Weiher dehnte sich zu einer großen
See aus, die Wogen schwollen auf, die Wellen rauschten und
schäumten, und mit Entsetzen wurde er inne, daß ein ungeheurer Fisch
ihn und seinen Nachen auf dem Rücken trug. Er ergab sich in sein
Schicksal, ängstlich harrend, welchen Ausgang es nehmen würde.
Urplötzlich tauchte der Fisch unter, der Nachen war wieder flott, doch
einen Augenblick nachher war das Meerwunder über Wasser, sperrte
einen abscheulichen Rachen gleich der Höllenpforte auf, und aus dem
finstern Schlunde schallten wie aus einem unterirdischen Gewölbe vernehmlich
diese Worte hervor: »Kühner Fischer, was beginnst du hier?
Du mordest meine Untertanen? Den Frevel sollst du mit dem Leben
büßen!«
Der Graf hatte nun bereits so viel Routine in den Abenteuern erlangt,
daß er wußte, wie er sich bei dergleichen Gelegenheiten zu benehmen
hatte. Er erholte sich bald von seiner ersten Bestürzung, da er merkte,
daß der Fisch doch ein vernünftig Wort mit sich reden ließ, und sprach
ganz dreist: »Herr Behemot, verletzt das Gastrecht nicht, vergönnt mir
ein Gericht Fische aus Eurem Weiher, sprächt Ihr bei mir ein, so stünd
Euch Küch und Keller gleichfalls offen.« — »So traute Freunde sind wir
nicht«, versetzte das Ungeheuer, »kennst du noch nicht des Stärkern
Recht, daß der den Schwächern frißt? Du stahlst mir meine Untertanen,
sie zu verschlingen, und ich verschlinge dich!« Hier riß der grimmige
Fisch den Rachen noch weiter auf, als wollte er Schiff mit Mann und
Maus verschlingen. »Ach, schonet, schont mein Leben«, schrie der
Graf, »Ihr seht, ich bin ein mageres Morgenbrot für Euren Walfischbauch!«
Der große Fisch schien sich etwas zu bedenken: »Wohlan«,
sprach er, »ich weiß, du hast eine schöne Tochter, verheiß mir die zum
Weibe und nimm dein Leben zum Gewinn.« Als der Graf hörte, daß
der Fisch aus diesem Tone zu reden anfing, verschwand ihm alle
Furcht: »Sie steht zu Befehl«, sprach er, »Ihr seid ein wackrer Eidam,
dem kein biedrer Vater sein Kind versagen wird. Doch, womit löst Ihr
die Braut nach Landes Brauch?« — »Ich habe«, erwiderte der Fisch,
»weder Gold noch Silber, aber im Grunde dieser See liegt ein großer
Schatz von Perlenmuscheln, du darfst nur fordern.« —»Nun«, sagte der
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Graf, »drei Himten Zahlperlen sind wohl nicht zu viel für eine schöne
Braut.« —»Sie sind dein«, beschloß der Fisch, »und mein die Braut, in
sieben Monden führ ich mein Liebchen heim.«Hierauf stürmte er lustig
mit dem Schwanze und trieb den Nachen bald an den Strand.
Der Graf brachte seine Forellen heim, ließ sie sieden und sich diese
Kartäusermahlzeit nebst der Gräfin und der schönen Berta wohlschmecken;
die letztere ahndete nicht, daß ihr dies Mahl teuer würde
zu stehen kommen. Unterdessen nahm der Mond sechsmal ab und zu,
und der Graf hatte sein Abenteuer beinahe vergessen; als aber der Silbermond
zum siebentenmal sich zu runden begann, dachte er an die bevorstehende
Katastrophe, und um kein Augenzeuge davon zu sein,
drückte er sich ab und unternahm eine kleine Reise ins Land. In der
schwülen Mittagsstunde, am Tage des Vollmonds, sprengte ein stattlich
Geschwader Reuter ans Schloß; die Gräfin, bestürzt über so vielen
fremden Besuch, wußte nicht, ob sie die Pforte öffnen sollte oder nicht.
Als sich aber ein wohlbekannter Ritter anmeldete, ward ihm aufgetan.
Er hatte gar oft zur Zeit des Wohlstandes und Überflusses in der Burg
den Turnieren beigewohnt und zu Schimpf und Ernst gestochen, auch
manchen Ritterdank von der schönen Berta Hand empfangen und mit
ihr den Vorreihen getanzt; doch seit der Glücksveränderung des Grafen
war er gleich den übrigen Rittern verschwunden. Die gute Gräfin
schämte sich vor dem edlen Ritter und seinem Gefolge ihrer großen
Armut, daß sie nichts hatte, ihm aufzutischen. Er aber trat sie freundlich
an und bat nur um einen Trunk frisch Wasser aus dem kühlen Felsenbrunnen
des Schlosses, wie er auch sonst zu tun gewohnt war, denn
er pflegte nie Wein zu trinken, daher nannte man ihn scherzweise nur
den Wasserritter. Die schöne Berta eilte auf Geheiß der Mutter zum
Brunnen, füllte einen Henkelkrug und kredenzte dem Ritter eine kristallene
Schale, er empfing solche aus ihrer niedlichen Hand, setzte sie
da an den Mund, wo ihre Purpurlippen die Schale berührt hatten, und
tat ihr mit innigem Entzücken Bescheid.
Die Gräfin befand sich indessen in großer Verlegenheit, daß sie nicht
vermögend war, ihrem Gaste etwas zum Imbiß aufzutragen; doch besann
sie sich, daß im Schloßgarten eben eine saftige Wassermelone
reifte. Augenblicklich drehte sie sich nach der Tür, brach die Melone
ab, legte sie auf einen irdenen Teller, viel Weinlaub darunter und die
schönsten wohlriechenden Blumen ringsumher, um sie dem Gaste aufzutragen.
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Wie sie aus dem Garten trat, war der Schloßhof leer und öde,
sie sah weder Pferde noch Reisige mehr, im Zimmer war kein Ritter,
kein Knappe; sie rief ihre Tochter Berta, suchte sie im ganzen Hause
und fand sie nicht. Im Vorhause aber waren drei Säcke von neuer Leinwand
hingestellt, die sie in der ersten Bestürzung nicht bemerkt hatte
und die von außen anzufühlen waren, als wären sie mit Erbsen gefüllt;
genauer sie zu untersuchen, ließ ihre Betrübnis nicht zu. Sie überließ
sich ganz ihrem Schmerz und weinte laut bis an den Abend, wo ihr
Gemahl heimkehrte, der sie in großem Jammer fand. Sie konnte ihm
die Begebenheit des Tages nicht verhehlen, so gern sie es getan hätte,
denn sie befürchtete von ihm große Vorwürfe, daß sie einen fremden
Ritter in die Burg gelassen, der die liebe Tochter entführt hätte. Aber
der Graf tröstete sie liebreich und frug nur nach den Erbssäcken, von
welchen sie ihm gesagt hatte, ging hinaus, sie zu beschauen, und öffnete
einen in ihrer Gegenwart. Wie groß war das Erstaunen der betrübten
Gräfin, als eitel Perlen herausrollten, so groß wie die großen Gartenerbsen,
vollkommen gerundet, fein gebohrt und vom reinsten Wasser.
Sie sah wohl, daß der Entführer ihrer Tochter jede mütterliche Zähre
mit einer Zahiperle bezahlt hatte, bekam von seinem Reichtum und
Stande eine gute Meinung und tröstete sich damit, daß dieser Eidam
kein Ungeheuer, sondern ein stattlicher Ritter sei, welche Meinung ihr
der Graf auch nicht benahm.
Nun gingen die Eltern zwar aller schönen Töchter verlustig, aber sie
besaßen einen unermeßlichen Schatz. Der Graf machte bald einen Teil
davon zu Gelde. Vom Morgen bis zum Abend war ein Gewühl von
Kaufleuten und Händlern im Schlosse, um die köstlichen Zahlperlen
zu handeln. Der Graf löste seine Städte ein, tat das Waldschloß an einen
Lehnsmann aus, bezog seine vormalige Residenz, richtete den Hofstaat
wieder an und lebte nicht mehr als ein Verschwender, sondern als ein
guter Wirt, denn er hatte nun keine Tochter mehr zu verhandeln. Das
edle Paar befand sich in großer Behäglichkeit, nur die Gräfin konnte
sich über den Verlust ihrer Fräuleins nicht beruhigen, sie trug beständig
Trauerkleider und wurde nimmer froh. Eine Zeitlang hoffte sie, ihre
Berta mit dem reichen Perlenritter wiederzusehen, und wenn ein
Fremder bei Hofe gemeldet wurde, ahndete sie den wiederkehrenden
Eidam. Der Graf vermochte es endlich nicht länger über sich, sie mit
leerer Hoffnung hinzuhalten; in der traulichen Bettkammer, welche so
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manchem Männergeheimnis Luft machte, eröffnete er ihr, daß dieser
herrliche Eidam ein scheußlicher Fisch sei. »Ach«, erseufzte die Gräfin,
»ach, ich unglückliche Mutter! Hab ich darum Kinder geboren, daß sie
ein Raub grausender Ungeheuer werden sollten? Was ist alles Erdenglück,
was sind alle Schätze für eine kinderlose Mutter!« — »Liebes
Weib«, antwortete der Graf, »beruhigt Euch, es ist nun einmal nicht
anders, wenn's von mir abhing, sollt es Euch an Kindersegen nicht gebrechen.«
Die Gräfin nahm sich diese Worte zu Herzen, meinte, ihr
Gemahl mache ihr Vorwürfe, daß sie altere und die Unfruchtbare im
Hause sei, denn er war noch ein feiner, rüstiger Mann. Darüber betrübte
sie sich so sehr, daß sie in große Schwermut fiel, und Freund
Hein wäre ihr wohl ein willkommener Gast gewesen, wenn er bei ihr
eingesprochen hätte.
Zweites Buch
Alle Jungfrauen und Dirnen am Hofe nahmen großen Teil an den Leiden
ihrer guten Frau, jammerten und weinten mit ihr und suchten sie
zuzeiten auch durch Sang und Saitenspiel aufzuheitern; aber ihr Herz
war der Freuden nicht mehr empfänglich. Jede Hofdame gab weisen
Rat, wie der Geist des Trübsinns weggebannt werden möchte, gleichwohl
war nichts zu erdenken, den Kummer der Gräfin zu mindern. Die
Jungfrau, welche ihr das Handmesser reichte, war vor allen andern
Dirnen klug und sittsam und bei ihrer Gebieterin wohlgelitten, sie
hatte ein empfindsames Herz, und der Schmerz ihrer Herrschaft lockte
ihr manche Träne ins Auge. Um nicht vorlaut zu scheinen, hatte sie immer
geschwiegen, endlich konnte sie dem innern Drange nicht widerstehen,
auch ihren guten Rat zu erteilen. »Edle Frau«, sagte sie, »wenn
Ihr mich hören wolltet, so wüßte ich Euch wohl ein Mittel zu sagen,
die Wunden Eures Herzens zu heilen.« Die Gräfin sprach: »Rede!« —
»Unfern von Eurer Residenz«, fuhr die Jungfrau fort, »wohnt ein
frommer Einsiedler in einer schauervollen Grotte, zu dem viel Pilger
in mancherlei Not ihre Zuflucht nehmen; wie wär's, wenn Ihr von dem
heiligen Manne Trost und Hülfe begehrtet? Wenigstens würde sein
Gebet Euch die Ruhe Eures Herzens wiedergeben.« Der Gräfin gefiel
dieser Vorschlag, sie hüllte sich in ein Pilgerkleid, wallfahrtete zu dem
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frommen Eremiten, eröffnete ihm ihr Anliegen, beschenkte ihn mit
einem Rosenkranze von Zahiperlen und bat um seinen Segen, welcher
so kräftig war, daß, eh ein Jahr verging, die Gräfin ihrer Traurigkeit
quitt und ledig war und eines jungen Sohnes genas.
Groß war die Freude der Eltern über den holden Spätling, die ganze
Grafschaft verwandelte sich in einen Schauplatz der Wonne, des Jubels
und der Feierlichkeiten bei der Geburt des jungen Stammerben. Der
Vater nennte ihn Reinald, das Wunderkind. Der Knabe war schön wie
der Amor selbst, und seine Erziehung wurde mit solcher Sorgfalt betrieben,
als wenn die Morgenröte der philantropistischen Methode damals
schon wäre angebrochen gewesen. Er wuchs lustig heran, war die
Freude des Vaters und der Mutter Trost, die ihn wie ihren Augapfel
wahrte. Ob er nun wohl der Liebling ihres Herzens war, so verlosch
doch das Andenken an ihre drei Töchter nicht in ihrem Gedächtnis.
Oft, wenn sie den kleinen lachenden Reinald in die Arme schloß, träufelte
eine Zähre auf seine Wangen, und als der liebe Knabe etwas heranwuchs,
fragte er oft wehmütig: »Gute Mutter, was weinest du?« Die
Gräfin verhehlte ihm aber mit Vorbedacht die Ursache ihres geheimen
Kummers, denn außer dem Gemahl wußte niemand, wo die drei jungen
Gräfinnen hingeschwunden waren. Manche spekulative Köpfe
wollten wissen, sie wären von irrenden Rittern entführt worden, welches
damals nichts Ungewöhnliches war; andere behaupteten, sie lebten
in einem Kloster versteckt; noch andere wollten sie im Gefolge der
Königin von Burgund oder der Gräfin von Flandern gesehen haben.
Durch tausend Schmeicheleien lockte Reinald der zärtlichen Mutter
dennoch das Geheimnis ab; sie erzählte ihm die Abenteuer der drei
Schwestern nach allen Umständen, und er verlor kein Wort von diesen
Wundergeschichten aus seinem Herzen. Er hatte keinen anderen
Wunsch als den, wehrhaft zu sein, um auf das Abenteuer auszugehen,
seine Schwestern im Zauberwalde aufzusuchen und ihren Zauber zu
lösen. Sobald er zum Ritter geschlagen war, begehrte er vom Vater
Urlaub, einen Heereszug, wie er vorgab, nach Flandern zu tun. Der
Graf freute sich des ritterlichen Mutes seines Sohnes, gab ihm Pferde
und Waffen, auch Schildknappen und Troßbuben und ließ ihn mit
Segen von sich, so ungern auch die sorgsame Mutter in den Abschied
willigte.
Kaum hatte der junge Ritter seine Vaterstadt im Rücken, so verließ er
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die Heerstraße und trabte mit romantischem Mute auf das Waldschloß
zu, begehrte von dem Lehnsmann Herberge, der ihn ehrlich empfing
und wohihielt. Am frühen Morgen, da im Schloß noch alles in süßem
Schlummer lag, sattelte er sein Roß, ließ sein Gefolge zurück und jagte
voll Mut und Jugendfeuer nach dem bezauberten Walde hin. Je weiter
er hineinkam, je dichter wurde das Gebüsch, und vom Huf seines Pferdes
schallten die schroffen Felsen wider. Alles um ihn her war einsam
und öde, und die dichtverwachsenen Bäume schienen dem jungen
Waghals den weitern Eingang mitleidig zu versperren. Er stieg vom
Pferde, ließ es grasen und machte sich mit seinem Schwert einen Weg
durch den Busch, klimmte an steilen Felsen hinan und gleitete in
Abgründe hinab. Nach langer Mühe gelangte er in ein gekrümmtes Tal,
durch das sich ein klarer Bach schlängelte. Er folgte den Krümmungen
desselben, in der Ferne öffnete eine Felsengrotte ihren unterirdischen
Schlund, vor welcher etwas, das einer menschlichen Figur ähnlich war,
sich zu regen schien.
Der kecke Jüngling verdoppelte seine Schritte, nahm den Weg zwischen
den Bäumen hin, blickte der Grotte gegenüber hinter den hohen
Eichen durch und sah eine junge Dame im Grase sitzen, die einen kleinen
ungestalten Bären auf dem Schoße liebkoste, indes noch ein größerer
um sie schäkerte, bald ein Männchen machte, bald einen possierlichen
Purzelbaum schlug, welches Spiel die Dame sehr zu amüsieren
schien. Reinald erkannte nach der mütterlichen Erzählung die Dame
für seine Schwester Wulf Wulfild, sprang hastig aus dem Hinterhalt hervor,
sich ihr zu entdecken. Sobald sie aber den jungen Mann erblickte, tat
sie einen lauten Schrei, warf den kleinen Bär ins Gras, sprang auf, dem
Kommenden entgegen, und redete ihn mit wehmütiger Stimme und
ängstlicher Gebärde also an: »O Jüngling, welcher Unglücksstern führt
dich in diesen Wald? Hier wohnt ein wilder Bär, der frißt alle Menschenkinder,
die seiner Wohnung nahen, flieh und errette dich!« Er
neigte sich züchtiglich gegen die bildschöne Dame und antwortete:
»Fürchtet nichts, holde Gebieterin, ich kenne diesen Wald und seine
Abenteuer und komme, den Zauber zu lösen, der Euch hier gefangenhält.«
—»Tor«, sprach sie, »wer bist du, daß du es wagen darfst, diesen
mächtigen Zauber zu lösen, und wie vermagst du das?«Er: »Mit diesem
Arm und durch dies Schwert! Ich bin Reinald, das Wunderkind genannt,
des Grafen Sohn, dem dieser Zauberwald drei schöne Töchter
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raubte. Bist du nicht Wulfild, seine Erstgeborene?« Ob dieser Rede
entsetzte sich die Dame noch mehr und staunte den Jüngling mit stummer
Verwunderung an. Er nutzte diese Pause und legitimierte sich
durch soviele Familiennachrichten, daß sie nicht zweifeln konnte, Reinald
sei ihr Bruder. Sie umhalste ihn zärtlich, aber ihre Knie wankten
vor Furcht wegen der augenscheinlichen Gefahr, worin sein Leben
schwebte. Sie führte hierauf ihren lieben Gast in die Höhle, um da einen
Winkel auszuspähen, ihn zu beherbergen. In diesem weiten, düstern
Gewölbe lag ein Haufen Moos, welches dem Bären und seinen Jungen
zum Lager diente; gegenüber aber stund ein prächtiges Bett mit rotem
Damast behangen und mit goldenen Tressen besetzt für die Dame.
Reinald mußte sich bequemen, eiligst unter der Bettlade Platz zu suchen
und da sein Schicksal zu erwarten. Jeder Laut und alles Geräusch
war ihm bei Leib und Leben untersagt, besonders prägte ihm die angstvolle
Schwester wohl ein, weder zu husten noch zu niesen. Kaum war
der junge Waghals an seinem Zufluchtsorte, da brummte der fürchterliche
Bär zur Höhle herein, schnoberte mit blutiger Schnauze allenthalben
umher; er hatte den edlen Falben des Ritters ausgespürt und ihn
zerrissen. Wulfild saß auf dem Thronbette wie auf Kohlen, ihr Herz
war eingepreßt und beklommen, denn sie sah sehr bald, daß der Herr
Gemahl seine Bärenlaune hatte, weil er vermutlich den fremden Gast
in der Höhle merkte. Sie unterließ deshalb nicht, ihn zärtlich zu liebkosen,
streichelte ihn sanft mit ihrer samtweichen Hand den Rücken
herab, kraute ihm die Ohren; aber das grämliche Vieh schien nicht auf
diese Liebkosungen zu achten. »Ich wittere Menschenfleisch«, murmelte
der Fresser aus seiner weiten Kehle. »Herzensbär«, sagte die
Dame, »du irrst dich, wie käm ein Mensch in diese traurige Einöde?«
—»Ich wittere Menschenfleisch«, wiederholte er und spionierte um das
seidene Bett seiner Gemahlin herum. Dem Ritter war dabei nicht wohl
zumute. Ungeachtet seiner Herzhaftigkeit trat ihm ein kalter Schweiß
vor die Stirn; indessen machte die äußerste Verlegenheit die Dame
herzhaft und entschlossen: »Freund Bär«, sprach sie, »bald treibst du
mir's zu bunt, fort hier von meiner Lagerstatt, sonst fürchte meinen
Zorn.«
Der Schnauzbär kümmerte sich wenig um diese Drohung, er hörte
nicht auf, um den Bettumhang herumzutosen. Allein sosehr er auch Bär
war, so stund er gleichwohl unter dem Pantoffel seiner Dame. Wie er
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Miene machte, seinen Dickkopf unter die Bettlade zu zwängen, faßte
sich Wulf Wulfild ein Herz und versetzte ihm einen so nachdrücklichen Fußtritt
in die Lenden, daß er ganz demütig auf seine Streu kroch, sich niedertat,
brummend an den Tatzen sog und seine Jungen leckte. Bald
darauf schlief er ein und schnarchte wie ein Bär. Hierauf erquickte die
traute Schwester ihren Bruder mit einem Glase Sekt und etwas Zwieback,
ermahnte ihn, guten Muts zu sein, nun sei die Gefahr größtenteils
vorüber. Reinald war von seinem Abenteuer so ermüdet, daß er bald in
tiefen Schlaf fiel und mit dem Schwager Bär um die Wette schnarchte.
Beim Erwachen befand er sich in einem herrlichen Prunkbette, in einem
Zimmer mit seidenen Tapeten, die Morgensonne blickte freundlich
zwischen den aufgezogenen Gardinen herein, neben dem Bette lagen
auf einigen mit Samt bekleideten Taburetts seine Kleider und die ritterliche
Waffenrüstung, auch stund ein silbernes Glöcklein dabei, den
Dienern zu schellen. Reinald begriff nicht, wie er aus der schaudervollen
Höhle in einen prächtigen Palast sei versetzt worden, und war
zweifelhaft, ob er jetzt träume oder vorhin das Abenteuer im Walde
geträumt habe. Aus dieser Ungewißheit zu kommen, zog er die
Glocke. Ein zierlich gekleideter Kammerdiener trat herein, frug nach
seinen Befehlen und meldete, daß seine Schwester Wulfild und ihr
Gemahl Albert der Bär seiner mit Verlangen warteten. Der junge Graf
konnte sich von seinem Erstaunen nicht erholen. Ob ihm gleich bei
Erwähnung des Bären der kalte Schweiß an die Stirn trat, so ließ er sich
doch rasch ankleiden, trat ins Vorgemach heraus, wo er aufwartende
Edelknaben, Läufer und Heiducken antraf, und mit diesem Gefolge
gelangte er durch eine Menge Prachtgemächer und Vorsäle zum
Audienzzimmer, wo ihn seine Schwester mit dem Anstande einer Fürstin
empfing. Neben sich hatte sie zwei allerliebste Kinder, einen Prinzen
von sieben Jahren und ein zartes Fräulein, das noch am Gängelbande
geleitet wurde.
Einen Augenblick hernach trat Albert der Bär herein, der jetzt sein
grausendes Ansehen und alle Eigenschaften eines Bären abgelegt hatte
und als der liebenswürdigste Prinz erschien. Wulfild präsentierte ihren
Bruder an ihn, und Albert umhalste seinen Schwager mit aller Wärme
der Freundschaft und Bruderliebe.
Der Prinz war mit all seinem Hofgesinde durch einen feindseligen Zauber
auf Tage verzaubert. Das heißt, er genoß die Vergünstigung, alle
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sieben Tage von einer Morgenröte bis zur anderen des Zaubers entledigt
zu werden. Sobald aber die silbernen Sternlein am Himmel erbleichten,
fiel der eherne Zauber wieder mit dem Morgentau aufs Land;
das Schloß verwandelte sich in einen schroffen unersteigbaren Felsen,
der reizende Park rinsumher in eine traurige Einöde, die Springbrunnen
und Kaskaden in stehende trübe Sümpfe, der Inhaber des Schlosses
wurde ein Zottenbär, die Ritter und Knappen Dachse und Marder;
Hofdamen und Zofen wandelten sich in Eulen und Fledermäuse um,
die Tag und Nacht girrten und wehklagten. An einem solchen Tage der
Entzauberung war es, wo Albert seine Braut heimführte. Die schöne
Wulfild, die sechs Tage geweint hatte, daß sie an einen zottigen Bären
vermählt werden sollte, ließ ihren Trübsinn schwinden, als sie sah, daß
sie sich in den Armen eines jungen, wohlgemachten Ritters befand, der
sie so minniglich umfaßte und sie in einen herrlichen Palast einführte,
wo ein glänzendes Brautgepränge ihrer wartete. Sie wurde von schönen
Dirnen in Myrtenkränzen mit Gesang und Saitenspiel empfangen, ihrer
ländlichen Kleidung entledigt und mit königlichem Brautschmuck
angetan. Ob sie gleich nicht eitel war, so konnte sie doch das geheime
Entzücken über ihre Wohlgestalt nicht verhehlen, da ihr die kristallenen
Spiegel von allen Wänden des Brautgemachs tausend Schmeicheleien
sagten. Ein splendides Gastmahl folgte auf die Vermählungszeremonie,
und ein glänzender Bal paré beschloß die Feierlichkeit des
festlichen Tags.
Die reizende Braut atmete Wonne und Seligkeit in den Gefühlen der
Liebe, die an ihrem Brauttage nach der Sitte der keuschen Vorwelt sich
zum erstenmal in ihrem jungfräulichen Herzen regten, und das sie anwidernde
Bärenideal war ganz aus ihrer Phantasie verdrungen. In der
Mitternachtsstunde wurde sie von ihrem Gemahl mit Pomp in die
Brautkammer eingeführt, wo alle Liebesgötter im Plafond von Freude
belebt ihre goldenen Flügel zu regen schienen, da das liebende Paar
hineintrat.
Der süßeste Morgentraum schwand eben dahin, als die Neuvermählte
erwachte und ihren Gemahl mit einem liebevollen Kuß gleichfalls aus
dem Schlafe zu wecken vorhatte; wie groß war ihr Erstaunen, da sie
ihn nicht an ihrer Seite fand und, den seidenen Vorhang aufhebend, sich
in ein düsteres Kellergewölbe versetzt sah, wo das gebrochene Tageslicht
durch den Eingang hineinfiel und nur so viel Heilung gab, daß sie
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einen furchterweckenden Bär wahrnehmen konnte, der aus einem
Winkel hervor trübsinnig nach ihr hinblickte.
Sie sank auf ihr Lager zurück und starb vor Entsetzen hin. Nach einer
langen Pause kam sie erst wieder zu sich und sammelte so viel Kräfte,
eine laute Klage anzuheben, welche die krächzenden Stimmen von
hundert Eulen außerhalb der Höhle beantworteten. Der empfindsame
Bär konnte es nicht aushalten, diese Jammerszene mit anzusehen, er
mußte hinaus unter Gottes freien Himmel, den Schmerz und Unwillen
über sein hartes Schicksal auszukeuchen. Schwerfällig hob er sich vom
Lager und zottete brummend in den Wald, aus dem er nicht eher als
am siebenten Tage kurz vor der Verwandlung zurückkehrte.
Die sechs traurigen Tage wurden der untröstlichen Dame zu Jahren.
Ober der hochzeitlichen Freude hatte man außer acht gelassen, die
Bettlade der Braut mit einigen Lebensmitteln und Erfrischungen zu
versehen, denn über alle leblosen Dinge, welche Wulf Wulfild unmittelbar
berührte, hatte der Zauber keine Macht; aber ihr Gemahl würde auch
selbst in ihren Umarmungen in der Stunde der Verwandlung zum
Bären geworden sein. In der Beklommenheit ihres Herzens schmachtete
die Unglückliche dahin, ohne an Nahrungsmittel zu denken, endlich
aber forderte die Natur die Mittel ihrer Erhaltung mit großem
Ungestüm und erregte einen wilden Heißhunger, der sie aus der Höhle
trieb, einige Nahrung zu suchen. Sie schöpfte mit der hohlen Hand ein
wenig Wasser aus dem vorüberrieselnden Bächlein und erquickte damit
ihre heißen, trockenen Lippen, pflückte einige Hagebutten und Brombeeren
und verschlang in wilder Betäubung eine Handvoll Eicheln, die
sie gierig auflas und noch eine Schürze voll aus mechanischem Instinkt
mit in die Höhle zurücknahm, denn um ihr Leben war sie wenig bekümmert,
sie wünschte nichts sehnlicher als den Tod.
Mit diesem Wunsche schlief sie am Abend des sechsten Tages ein und
erwachte am frühen Morgen in ebendem Gemache wieder, in das sie
als Braut eingetreten war; sie fand da alles noch in der nämlichen Ordnung,
wie sie es verlassen hatte, und den schönsten, zärtlichen Gemahl
an ihrer Seite, der in den rührendsten Ausdrücken ihr sein Mitleid über
den traurigen Zustand bezeigte, in den seine unwiderstehliche Liebe zu
ihr sie gebracht hätte, und sie mit Tränen in den Augen um Verzeihung
bat; er erklärte ihr die Beschaffenheit des Zaubers, daß jeder siebente
Tag solchen unwirksam mache und alles in seiner natürlichen Gestalt
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darstelle. Wulf Wulfild wurde durch die Zärtlichkeit ihres Gemahls gerührt;
sie bedachte, daß eine Ehe noch gut genug wäre, wo der siebente Tag
immer heiter sei, und daß nur die glücklichsten Ehen sich dieser Prärogative
rühmen könnten, sie fand sich in ihr Schicksal, vergalt Liebe mit
Liebe und machte ihren Albert zum glücklichsten Bären unter der
Sonne. Um nicht wieder in den Fall zu kommen, in der Waldhöhle zu
darben, legte sie jederzeit, wenn sie zur Tafel ging, ein Paar weite
Poschen an, diese füllte sie mit Konfekt, süßen Orangen und anderm
köstlichen Obst. Auch den gewöhnlichen Nachttrunk ihres Herrn, der
ins Schlafgemach gestellt wurde, verbarg sie sorgfältig in ihrer Bettlade,
und so war ihre Küche und Keller immer für die Zeit der Metamorphose
zureichend bestellt.
Einundzwanzig Jahr hatte sie bereits im Zauberwalde verlebt, und
diese lange Zeit hatte keinen ihrer jugendlichen Reize verdrungen, auch
war die wechselseitige Liebe des edlen Paares noch Gefühl des ersten
mächtigen Instinkts. Die Mutter Natur behauptete aller anscheinenden
Störungen ungeachtet allenthalben ihre Rechte, auch in der Zauberwelt
wacht sie mit großer Sorgfalt und Strenge dafür und wehrt allem Fortschritt
und den allmählichen Veränderungen der Zeit ab, solange durch
die heterogenen Eingriffe der Zauberei die Dinge dieser Unterwelt ihrer
Botmäßigkeit entzogen sind. Laut Zeugnis der heiligen Legende
stiegen die frommen Siebenschläfer, nachdem sie ihren hundertjährigen
Schlaf ausgeschlafen hatten, so munter und rüstig aus den römischen
Katakomben hervor, wie sie hineingegangen waren, und waren nur um
einzige Nacht gealtert.
Die schöne Wulfild hatte nach der Komputation der guten Mutter
Natur in den einundzwanzig Jahren nur drei Jahre verlebt und befand
sich noch in der vollen Blüte des weiblichen Alters. Ebendiese Beschaffenheit
hatte es auch mit ihrem Gemahl und dem ganzen verzauberten
Hofstaat.
Alles das eröffnete das edle Paar dem holden Ritter auf einer Promenade
im Park, unter einer Laube, woran sich wilder Jasmin und Hills
kletterndes Geißblatt zusammen verflochten. Der glückliche Tag
schwand unter dem Gepränge einer bunten Hof gala und wechselseitigen
Freundschaftsbezeugungen nur zu bald dahin. Man nahm das Mittagsmahl
ein, nachher war Appartement und Spiel, ein Teil der Höflinge
lustwandelte mit den Damen im Park, trieb Scherz und
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Minnespiel, bis man zur Abendtafel trompetete, wo in einer Spiegelgalene
unter Beleuchtung unzähliger Wachskerzen gespeist wurde. Man
aß, trank und war fröhlich bis zur Mitternachtsstunde, Wulfild versorgte
nach Gewohnheit ihre Poschen und riet ihrem Bruder, seine
Taschen auch nicht zu vergessen. Als abgetragen war, schien Albert unruhig
zu werden, flüsterte seiner Gemahlin etwas ins Ohr, sie nahm
darauf ihren Bruder beiseite und sprach wehmütig also: »Geliebter
Bruder, wir müssen uns scheiden, die Stunde der Verwandlung ist nicht
mehr fern, wo alle Freuden dieses Palastes hinschwinden; Albert ist um
dich bekümmert, er fürchtet für dein Leben; er würde dem tierischen
Instinkt nicht widerstehen können, dich zu zerreißen, wenn du die bevorstehende
Katastrophe hier abwarten wolltest; verlaß diesen unglücklichen
Wald und kehre nie wieder zu uns zurück.« —»Ach«, erwiderte
Reinald, »es begegne mir, was das Verhängnis über mich
beschlossen hat, scheiden kann ich mich nicht von euch, ihr Lieben!
Dich, o Schwester, aufzusuchen, war mein Beginnen, und da ich dich
gefunden habe, verlaß ich diesen Wald nicht ohne dich. Sag, wie ich den
mächtigen Zauber lösen kann.«
»Ach«, sprach sie, »den vermag kein Sterblicher zu lösen!« Hier
mischte sich Albert ins Gespräch, und wie er den kühnen Entschluß des
jungen Ritters vernahm, mahnte er ihn mit liebreichen Worten von seinem
Vorhaben so kräftig ab, daß dieser endlich dem Verlangen des
Schwagers und den Bitten und Tränen der zärtlichen Schwester nachgeben
und zum Abschied sich bequemen mußte.
Signor Albert umarmte den wackeren Jüngling brüderlich, und nachdem
dieser seine Schwester umhalset hatte und nun scheiden wollte,
zog Albert seine Brieftasche hervor und nahm daraus drei Bärenhaare,
rollte sie in ein Papier und reichte sie dem Ritter gleichsam scherzweise
als ein Wahrzeichen, sich dabei des Abenteuers im Zauberwalde zu
erinnern. »Doch«, setzte er ernsthaft hinzu, »verachtet nicht diese
Kleinigkeit, sollt Euch irgendeinmal Hilfe not tun, so reibt diese drei
Haare zwischen den Händen und erwartet den Erfolg.« Im Schloßhofe
stand ein prächtiger Phaethon mit sechs Rappen bespannt, nebst vielen
Reutern und Dienern. Reinald stieg hinein: »Ade, mein Bruder!« rief
Albert der Bär am Schlage; »ade, mein Bruder!« antwortete Reinald das
Wunderkind, und der Wagen donnerte über die Zugbrücke dahin, auf
und davon.
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Die goldenen Sterne funkelten noch hell am nächtlichen Himmel, der
Zug ging über Stock und Stein, bergauf, bergab, durch Wüsten und
Wälder, über Steppen und Felder, sonder Ruh noch Rast, in vollem
Trab. Nach einer guten Stunde begann der Himmel zu grauen; urplötzlich
verloschen alle Windlichter, Reinald fand sich unsanft auf die
Erde gesetzt, wußte nicht, wie ihm geschah; der Phaethon mit Roß und
Wagen war verschwunden, aber bei dem Schimmer der Morgenröte sah
er sechs schwarze Ameisen zwischen seinen Füßen dahingaloppieren,
die eine Nußschale fortzogen. Der mannhafte Ritter wußte sich das
Abenteuer nun leicht zu erklären, er hütete sich sorgfältig, eine Ameise
etwa unversehns zu zertreten, erwartete ganz geruhig den Aufgang der
Sonne, und weil er sich noch innerhalb der Grenzen des Waldes befand,
beschloß er, seine beiden jüngsten Schwestern gleichfalls aufzusuchen,
und wenn es ihm nicht gelingen sollte, sie zu entzaubern, ihnen wenigstens
einen Besuch zu machen.
Drei Tage irrte er vergebens im Wald umher, ohne daß ihm ein Abenteuer
aufstieß. Eben hatte er die letzten Überbleibsel eines Milchbrotes
von Schwager Albert des Bären Tafel aufgezehrt, als er hoch über sich
in der Luft etwas rauschen hörte, wie wenn ein Schiff in vollem Segeln
die Wellen durchschneidet. Er schaute auf und erblickte einen mächtigen
Adler, der sich aus der Luft herab aufs Nest tat, das er auf dem
Baume hatte. Reinald war über diese Entdeckung hoch erfreut, verbarg
sich im Unterwuchs der Holzung und lauerte, bis der Adler wieder
auffliegen würde. Nach sieben Stunden hob er sich vom Neste; alsbald
trat der lauschende Jüngling hervor ins Freie und rief mit lauter
Stimme: »Adelheid, geliebte Schwester, wenn du auf dieser hohen
Eiche hausest, so antworte meiner Stimme, ich bin Reinald, das Wunderkind
genannt, dein Bruder, der dich sucht und die Banden des
mächtigen Zaubers zu zerstören strebt, die dich fesseln.«Sobald er aufgehört
hatte zu reden, antwortete eine sanfte weibliche Stimme von
oben, wie aus den Wolken: »Bist du Reinald das Wunderkind, so sei
willkommen deiner Schwester Adelheid, säume nicht, zu ihr heraufzuklimmen,
die Trostlose zu umarmen.« Entzückt über diese frohe Botschaft,
wagte der Ritter freudig den Versuch, den hohen Baum hinaufzuklettern,
aber vergebens. Dreimal lief er rund um den Stamm, aber
er war zu dicke, ihn zu umfassen, und die nächsten Äste viel zu hoch,
sie zu erfassen. Indem er begierig auf Mittel sann, seinen Zweck zu erreichen,
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fiel eine seidene Strickleiter herab, durch deren Beihilfe er bald
bis in den Gipfel des Baumes zu dem Adlerneste gelangte; es war so
geräumig und so fest gebauet wie ein Altan auf einer Linde. Er fand
seine Schwester unter einem Thronhimmel sitzend, dieser war von
außen gegen die Witterung mit Wachstaffet bekleidet, inwendig mit
rosenfarbnem Atlas ausgeschlagen; auf dem Schoße seiner Schwester
lag ein Adlerei, das auszubrüten sie beschäftigt war. Der Empfang war
auf beiden Seiten sehr zärtlich. Adelheid hatte genaue Kundschaft von
ihres Vaters Hause und wußte, daß Reinald ihr nachgeborner Bruder
war.
Edgar der Aar, ihr Gemahl, war auf Wochen verwünscht, alle sieben
Wochen war eine von der Bezauberung frei, in dieser Zwischenzeit
hatte er seiner Gemahlin zuliebe unerkannterweise oft das Hoflager
seines Schwiegervaters besucht und sagte ihr von Zeit zu Zeit an, wie
es in ihres Vaters Hause stand. Adelheid lud ihren Bruder ein, die nächste
Verwandlung bei ihr abzuwarten; obgleich der Termin erst in sechs
Wochen bevorstand, so willigte er doch gern ein. Sie versteckte ihn in
einem hohlen Baum und beköstigte ihn täglich aus dem Magazin unter
ihrem Sofa, das mit Schiffsprovision, das heißt solchen Eßwaren, die
sich konservieren, auf sechs Wochen reichlich versehen war. Sie entließ
ihn mit der wohlmeinenden Vermahnung: »So dir das Leben lieb ist,
hüte dich vor Edgars Adlerblick, sieht er dich in seinem Gehege, so ist's
um dich geschehen; er hackt dir die Augen aus und frißt dir das Herz
ab, wie er nur erst gestern dreien deiner Knappen tat, die dich hier im
Walde suchten.«
Reinald schauderte über das Schicksal seiner Diener zurück, versprach,
seiner wohl zu wahren, und harrte in dem Patmos des hohlen Baumes
sechs langweilige Wochen aus; doch genoß er das Vergnügen, mit seiner
Schwester zu kosen, wenn der Adler vom Neste flog. Aber für diese
Prüfung seiner Geduld wurde er hernach durch sieben freudenvolle
Tage sattsam entschädigt.
Die Aufnahme beim Schwager Aar war nicht minder freundschaftlich
als beim Schwager Bär. Sein Schloß, seine Hofstatt, alles war hier so
wie dort, jeder Tag war ein Freudenfest, und die Zeit der fatalen Verwendlung
rückte nur zu geschwind herbei. Am Abend des siebenten
Tages entließ Edgar seinen Gast mit den zärtlichsten Umarmungen,
doch warnte er ihn, sein Gehege nicht wieder zu betreten. »Soll ich
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mich«, sprach Reinald wehmütig, »ewig von euch scheiden, ihr Geliebten?
Ist's nicht möglich, den unglücklichen Zauber zu lösen, der euch
hier gefangenhält? Hätte ich hundert Leben zu verlieren, ich wagte sie
alle, euch zu erlösen.«Edgar drückte ihm herzlich die Hand: »Dank,
edler junger Mann, für Eure Lieb und Freundschaft, aber laßt das kecke
Unterfangen schwinden. Es ist möglich, unseren Zauber zu lösen, aber
Ihr sollt's, Ihr dürft's nicht. Wer's beginnt, wenn's mißlingt, dem kostet
es das Leben, und Ihr sollt nicht das Opfer für uns werden.« Durch
diese Rede wurde Reinalds Heldenmut nur noch mehr angefeuert, das
Abenteuer zu bestehen. Seine Augen funkelten vor Verlangen, und die
Wangen rötete ein Strahl von Hoffnung, seinen Zweck zu erreichen;
er drang den Schwager Edgar, ihm das Geheimnis mitzuteilen, wie der
Zauber des Waldes aufzulösen sei; doch dieser wollte ihm nichts enträtseln,
aus Sorge, das Leben des kühnen Jünglings in Gefahr zu setzen.
»Alles, was ich Euch sagen kann, lieber Kumpan«, sprach er, »ist, daß
Ihr den Schlüssel der Bezauberungen finden müßt, wenn es Euch gelingen
soll, uns zu erlösen. Seid Ihr vom Schicksal bestimmt, unser
Befreier zu sein, so werden Euch die Sterne Weg und Bahn anzeigen,
wo Ihr ihn zu suchen habt; wo nicht, so ist Torheit all Euer Beginnen.«
Hierauf zog er seine Brieftasche hervor und nahm daraus drei Adlerfedem,
die er dem Ritter darreichte, sich seiner dabei zu erinnern. Wenn
ihm einst Hilfe not tät, sollte er sie zwischen den Händen reiben und
den Erfolg erwarten. Darauf schieden sie freundlich voneinander.
Edgars Hofmarschalk und das Hofgesinde begleiteten den lieben
Fremdling durch einen langen Gang, mit emporstrebenden Weymouthskiefern
und Eibenbäumen bepflanzt, bis zum Ausgang des
Geheges, und als er außerhalb desselben war, schlossen sie das Gattertor
zu und kehrten eilig zurück, denn die Zeit der Verwandlung stand
bevor. Reinald setzte sich unter eine Linde, das Wunder mit anzusehen.
Der Vollmond leuchtete hell und klar, er sah das Schloß noch gar deutlich
über die Gipfel der hohen Bäume hervorragen; doch in der Morgendämmerung
war um ihn ein dicker Nebel, und wie diesen die aufgehende
Sonne niederdrückte, war Schloß und Park und Gattertor
verschwunden, er befand sich in einer traurigen Einöde, oben auf einer
Felsenwand neben einem unermeßlichen Abgrunde.
Der junge Abenteurer blickte ringsumher, einen Weg hinab ins Tal zu
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finden; da wurde er in der Ferne einen See gewahr, dessen Spiegelfläche
der Abglanz der Sonnenstrahlen versilberte. Mit großer Mühe arbeitete
er sich den ganzen Tag durch den dichtverwachsenen Wald, sein Dichten
und Trachten war nur auf den See gerichtet, wo er seine dritte
Schwester Berta vermutete; aber je weiter er in den wilden Busch hineinkam,
je undurchdringlicher wurde er, der See verlor sich aus seinen
Augen und auch die Hoffnung, ihn wieder zu erblicken. Doch gegen
Sonnenuntergang sah er die Wasserfläche wieder zwischen den Bäumen
durchschimmern, da der Wald lichter wurde, dennoch erreichte er das
Ufer nicht eher als mit hereinbrechender Nacht. Ermüdet schlug er sein
Lager unter einem Feldbaum auf und erwachte nicht eher, bis die Sonne
schon hoch am Himmel stand.
Durch den Schlaf fand er sich gestärkt und seine Glieder rüstig und
wacker; er sprang rasch auf und wandelte längs dem Ufer hin, voller
Gedanken und Anschläge, wie er zu seiner Schwester im Weiher gelangen
möchte. Vergebens ließ er seinen Spruch und Gruß erschallen:
»Berta, geliebte Schwester, hausest du in diesem Weiher, so gib Antwort
auf meine Rede; ich bin Reinald, das Wunderkind genannt, dein
Bruder, der dich aufsucht, deinen Zauber zu lösen und dich aus diesem
nassen Gefängnis herauszuführen.«Doch ihm antwortete nichts als das
vielstimmige Echo vom Walde her. »Oh, ihr lieben Fische«, fuhr er
fort, als ganze Scharen rotgesprengter Fohren ans Ufer schwammen
und den jungen Fremdling anzugaffen schienen, »ihr lieben Fische,
sagt's eurer Gebieterin an, daß ihr Bruder hier am Ufer harrt, ihr zu
begegnen.«
Er zerpflückte alle Brotfragmente, die er noch in seinen Taschen fand,
und warf sie in den Teich, die Fische damit zu bestechen, ob sie seiner
Schwester von ihm Botschaft bringen möchten; allein die Fohren
schnappten die Semmelbrocken gierig auf, ohne sich um ihren Wohltäter
weiter zu bekümmern. Reinald sah wohl, daß mit seiner Fischpredigt
nichts ausgerichtet war, deshalb versuchte er, auf eine andere
Manier sein Unterfahen auszuführen. Als ein flinker Ritter war er in
allen Leibesübungen wohl geübt, und schwimmen konnte er wie eine
Wassermaus; darum resolvierte er sich kurz, entkleidete sich von seiner
Rüstung, nahm von den Waffen nichts als das blanke Schwert in die
Hand und sprang im Waffenkleide von feuerfarbnem Satin, weil er keines
Nachens ansichtig wurde, wie weiland sein Vater, beherzt in die
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Fluten, um den Schwager Behemot aufzusuchen. Er wird, dachte er,
mich nicht gleich verschlingen und schon ein vernünftiges Wort mit sich
reden lassen, wie er bei meinem Vater tat. Darauf plätscherte er geflissentlich
in den Wellen, das Meerwunder herbeizulocken, und schaukelte
auf den blauen Wogen mitten in den Weiher hinein.
Solang es seine Kräfte erlaubten, verfolgte er den nassen Pfad getrost,
ohne daß ihm ein Abenteuer aufstieß, wie er aber anfing zu ermatten,
schaute er nach dem Gestade um und sah unfern einen dünnen Nebel
aufsteigen, der hinter einer emporstehenden Eisscholle hervorzukommen
schien. Er ruderte aus allen Kräften, das Phänomen näher zu betrachten,
und fand eine kurze Säule von Bergkristall aus dem Wasser
hervorragen, die hohl zu sein schien, denn aus dieser stieg ein herzerquickender
Wohlgeruch in kleinen Dampfwolken in die Höhe, welche
der Windstrom spielend auf das Wasser warf.
Der kühne Schwimmer vermutete, daß das wohl der Schlot zu der unterirdischen
Wohnung seiner Schwester sein könnte; er wagte es also,
darinnen hinabzuschlüpfen. Und diese Vermutung täuschte ihn auch
nicht. Der Rauchfang führte unmittelbar in den Kamin des Schlafgemachs
der schönen Berta, die eben beschäftigt war, im reizenden Morgennegligé
ihre Schokolade bei einem kleinen Feuer von rotem Sandelholz
zu bereiten. Wie die Dame das Geräusch im Schlote vernahm und
urplötzlich zwei Menschenfüße den Kamin herabzappeln sah, wurden
ihre Lebensgeister von dieser unerwarteten Visite so sehr überrascht,
daß sie vor Schrecken den Schokoladentopf umstieß und rücklings auf
ihren Armstuhl in Ohnmacht sank. Reinald rüttelte sie so lange, bis sie
wieder zu sich selbst kam, und sobald sie sich ein wenig erholt hatte,
sprach sie mit matter Stimme: »Unglücklicher, wer du auch seist, wie
darfst du es wagen, diese unterirdische Wohnung zu betreten? Weißt
du nicht, daß diese Vermessenheit dir den unvermeidlichen Tod
bringt?« —»Fürchte nichts, meine Liebe«, sprach der wackre Ritter, »ich
bin dein Bruder Reinald, das Wunderkind genannt, scheue nicht
Gefahr noch Tod, meine geliebten Schwestern aufzusuchen und die
Banden des mächtigen Zaubers aufzulösen, der sie fesselt.« Berta umarmte
ihren Bruder zärtlich, aber ihr schlanker Leib zitterte vor Furcht.
Ufo der Delphin, ihr Gemahl, hatte den Hof seines Schwiegervaters
gleichfalls zuweilen im strengen Inkognito besucht und unlängst in
Erfahrung gebracht, daß Reinald ausgezogen sei, seine Schwestern aufzusuchen.
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Dies kühne Vorhaben des Jünglings hatte er oft beklagt;
»wenn ihn«, sprach er, »Schwager Bär nicht frißt, noch Schwager Aar
die Augen aushackt, so wird ihn doch Schwager Hai verschlingen; ich
fürchte, in der Anwandlung tierischer Wut dem Triebe nicht widerstehen
zu können, ihn hinunterzuschlurfen, und wenn du ihn mit deinen
zarten Armen umfaßtest, du Liebe, ihn zu schützen, so würde ich deine
kristaline Wohnung zertrümmern, daß dich die hereinströmenden
Fluten ersäuften, und ihn würde ich in meinem Walfischbauch begraben;
denn zur Zeit der Verwandlung, weißt du, ist unsre Wohnung jedem
Fremdling unzugänglich.«
Alles das verhehlte die schöne Berta ihrem Bruder nicht; er aber antwortete:
»Kannst du mich nicht vor den Augen des Meerwunders verbergen,
wie deine Schwestern taten, daß ich hier weile, bis der Zauber
schwindet?« — »Ach«, versetzte sie, »wie könnte ich dich verbergen?
Siehst du nicht, daß diese Wohnung von Kristall ist, und daß alle
Wände so durchsichtig sind wie der Eishimmel?« — »Es wird doch irgendein
undurchschaubarer Winkel im Hause sein«, entgegnete Reinald,
»oder bist du die einzige deutsche Frau, welche die Augen ihres
Mannes nicht zu täuschen vermag?« Die schöne Berta war in dieser
Kunst ganz unerfahren, sie sann und sann, endlich fiel ihr noch zum
Glück die Holzkammer ein, wohin sie ihren Bruder bergen könnte. Er
akzeptierte den Vorschlag ohne Einwendung, verschränkte das Holz
in der durchsichtigen Kammer so kunstvoll wie ein Biber seinen unterirdischen
Bau und verbarg sich darin aufs beste.
Die Dame eilte an ihre Toilette, setzte sich so reizend auf als möglich,
legte eins der schönsten Kleider an, das ihren schlanken Wuchs begünstigte,
ging ins Audienzgemach, harrend auf den Besuch ihres Gemahls,
des Delphins, und stand da so minniglich wie eine der drei Grazien in
der Einbildungskraft des Dichters. Ufo der Delphin konnte des
Umganges seiner liebenswerten Gemahlin während der Zeitperioden
der Verzauberung nicht anders genießen, als daß er ihr täglich einen
Besuch machte, sie von außen durch das gläserne Haus sah und sich an
dem Anblick ihrer Schönheit weidete.
Kaum hatte die holde Berta ihr Sprachzimmer betreten, so kam der ungeheure
Fisch herangeschwommen. Das Wasser fing schon von weitem
an zu rauschen, die Fluten kräuselten sich in Wirbeln rings um den kristallenen
Palast. Das Meerwunder stund von außen vor dem Gemach,
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atmete Ströme von Wasser ein und stürzte sie wieder aus seinem weiten
Schlunde hervor, gaffte dabei mit glotzenden meergrünen Augen die
schöne Frau stumm und staunend an. Sosehr sich auch die gute Dame
angelegen sein ließ, ein unbefangenes Air zu affektieren, so wenig war
das in ihrer Gewalt: alle Schälkelei und Verstellung war ihr ganz fremd,
das Herz bebte und bangte ihr, der Busen hob sich hoch und schnell,
ihre Wangen und Lippen glühten und erbleichten plötzlich wieder. Der
Delphin hatte ungeachtet seiner dämischen Fischnatur dennoch so viel
physiognomisches Gefühl, daß er aus diesen Signalementen Unrat
merkte, scheußliche Grimassen machte und pfeilgeschwind fortschoß.
Er umkreiste den Palast in unzähligen Schraubengängen und trieb solchen
Unfug in den Wogen, daß die kristallene Wohnung davon erbebte
und die erschrockne Berta nichts anders glaubte, er würde diese augenblicks
zerschellen. Der spähende Delphin konnte indessen bei dieser
strengen Haussuchung nichts wahrnehmen, was seinen Verdacht zu
bestärken schien, daher wurde er allgemach ruhiger, und zum Glück
hatte er durch sein Toben das Wasser so getrübt, daß er nicht sehen
konnte, in welchem Zustand die bängliche Berta sich befand. Er
schwamm fort, die Dame erholte sich wieder von ihrem Schrecken,
Reinald verhielt sich still und ruhig in der Holzkammer, bis die Zeit
der Verwandlung herankam; und obgleich allem Ansehen nach Schwager
Walfisch nicht allen Verdacht schwinden ließ, denn er vergaß nie
bei seinem täglichen Besuch, dreimal die Ronde ums Haus zu schwimmen
und alle Winkel des kristallenen Palastes zu durchspähen, so gebärdete
er sich doch nicht so wütig dabei als das erstemal. Die Stunde
der Verwandlung befreite endlich den duldsamen Gefangenen aus der
einsamen Holzkammer.
Als er eines Tages erwachte, befand er sich in einem königlichen Palast
auf der kleinen Insel. Gebäude, Lustgärten, Marktplätze, alles schien
auf dem Wasser zu schwimmen, hundert Gondeln schwankten auf den
Kanälen auf und ab, und alles lebte und schwebte auf den offenen Plätzen
in fröhlicher Geschäftigkeit; kurz, das Schloß des Schwagers Delphin
war ein kleines Venedig. Der Empfang des jungen Ritters war hier
ebenso herzig und freundschaftsvoll wie an den Höfen der beiden anderen
Schwäger. Ufo der Delphin war auf Monde verwünscht, der siebente
war jedesmal der Rastmonat der Verzauberung: von einem Vollmond
bis zum andern gedieh alles in seinem natürlichen Zustand. Weil
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Reinalds Aufenthalt hier länger dauerte, so wurde er mit dem Schwäher
Ufo auch bekannter und lebte mit ihm vertrauter als mit den anderen.
Seine Neugierde peinigte ihn schon lange, zu erfahren, durch welches
Schicksal die drei Prinzen in den unnatürlichen Zustand der Verzauberung
versetzt worden wären. Er forschte fleißig deshalb an der Schwester
Berta, aber die konnt ihm keine Auskunft geben, und Ufo beobachtete
über diesen Punkt ein geheimnisvolles Stillschweigen. Reinald
erfuhr also nicht, was er wünschte. Unterdessen eilten die Tage der
Freude auf den Fittichen der Winde dahin, der Mond verlor seine Silberhörner
und rundete seine Gestalt mehr mit jedem Tage. Bei einer
empfindsamen Abendpromenade verständigte Ufo seinen Schwäher
Reinald, daß die Zeit der Trennung in wenigen Stunden bevorstehe,
und mahnte ihn, zu seinen Eltern zurückzukehren, die seinethalben in
großer Sorge lebten; die Mutter sei untröstlich, seitdem es am Hofe
kund geworden, daß er nicht nach Flandern, sondern in den Zauberwald
auf Abenteuer ausgegangen sei. Reinald frug, ob der Wald noch
viele enthalte, und vernahm, es sie nur noch eins übrig, davon er bereits
Kundschaft habe: um den Minnesold den Schlüssel der Bezauberungen
zu suchen und den kräftigen Talisman zu zerstören; solange dieser
wirke, sei für die Prinzen keine Erledigung zu hoffen. »Aber«, fügte
Ufo der Delphin freundschaftlich hinzu, »folgt gutem Rate, junger
Mann, dankt den translunarischen Mächten und der Protektion der
Damen, Eurer Schwestern, daß Ihr nicht das Opfer Eures kühnen
Unterfangens geworden seid, den Zauberwald zu durchstreifen. Laßt
Euch genügen an dem Ruhm, den Ihr erworben habt, zieht hin und
gebt Euren Eltern Bericht von alledem, was Ihr gesehen und gehört
habt, und führt durch Eure Rückkehr die gute Mutter vom Rande des
Grabes zurück, wohin sie Harm und Gram um Euch gebracht hat.«
Reinald versprach, was Schwäher Ufo verlangte, mit Vorbehalt, zu tun,
was er wollte; denn die Herren Söhne, wenn sie mütterlicher Zucht
entwachsen, groß und bengelhaft geworden sind und sich auf den tollen
Rappen schwingen, kümmern sich wenig um die treuen Mutterzähren.
Ufo merkte bald, worauf des Jünglings Sinn gestellt war, deshalb zog
er seine Brieftasche hervor und nahm daraus drei Fischschuppen,
reichte sie ihm zum Geschenk dar und sprach: »Wenn Euch einst Hilfe
not tut, so reibt sie zwischen den Händen, daß sie flugs erwärmen, und
erwartet den Erfolg.«
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Reinald bestieg eine schön vergoldete Gondel und ließ sich durch zwei
Gondelierer ans feste Land rudern. Kaum war er am Gestade, so verschwand
die Gondel, das Schloß, die Gärten, die Marktplätze, und es
blieb von all der Herrlichkeit nichts übrig als ein Fischteich, mit hohem
Schilf bewachsen, welches ein kühles Morgenlüftchen durchsäuselte.
Der Ritter befand sich wieder an dem Platze, wo er vor einem Monat
kühnlich ins Wasser sprang. Sein Schild und Harnisch lagen noch auf
der Stelle, und der Speer stand daneben gepflanzt, wie er seine Waffen
verlassen hatte. Er aber gelobte sich, nicht eher zu rasten, bis der
Schlüssel der Bezauberungen in seiner Hand wäre.
Drittes Buch
Wer sagt mir an den geraden Weg und wer leitet meinen Fuß auf die
rechte Bahn, die zu dem wunderbarsten Abenteuer führt in diesem
grenzenlosen Walde? Oh, ihr translunarischen Mächte, blickt freundlich
auf mich herab, und wenn ein Erdensohn diesen mächtigen Zauber
lösen soll, so laßt mich dieser glückliche Sterbliche sein. So sprach Reinald
in sich gekehrt und ging fürbaß seine unwegsame Straße waldeinwärts.
Er durchstrich sieben Tage lang sonder Furcht noch Grausen die
endlose Wildnis und schlief sieben Nächte lang unter freiem Himmel,
daß seine Waffen vom nächtlichen Tau rosteten. Am achten Tage erstieg
er eine Felsenzinne, von der er wie vom Sankt-Gotthards-Berge
in unwirtbare Tiefen hinabblickte. Von der Seite öffnete sich ein Tal
mit grüner Vinca überzogen, von hohen Granitfelsen umschlossen,
welche Schierlingstannen und traurige Zypressen überragten. In der
Ferne kam's ihm vor, als säh er da ein Monument aufgerichtet. Zwo
giganteske Marmorsäulen mit ehernen Knäufen und Füßen trugen ein
dorisches Gebälke, welches an eine Felsenwand gelehnt war und ein
stählernes Tor überschattete, mit starken Bändern und Riegeln versehen;
auch lag noch zum Überfluß ein Anwurf davor, von der Größe
eines Scheffels. Unfern des Portals weidete ein schwarzer Stier im
Grase, mit funkelnd umherschauenden Augen, als wenn er den Eingang
zu bewachen schien.
Reinald zweifelte nicht, daß er das Abenteuer gefunden habe, von dem
ihm Schwäher Ufo der Delphin Erwähnung getan hatte. Alsbald beschloß
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er, solches zu bestehen, und schlüpfte von der Felsenzinne gemachsam
hinab ins Tal. Er nahte dem Stier auf einen Bogenschuß, eh
ihn dieser zu bemerken schien. Aber nun sprang er rasch auf, lief wütig
hin und her, als rüste er sich zum Kampfe gegen den Ritter wie ein andalusischer,
schnaubte gegen den Erdboden, daß sich Staubwolken emporhoben,
stampfte mit den Füßen, daß der Grund erbebte, und schlug
mit den Hörnern gegen die Felsen, daß sie in Stücken sprangen. Der
Ritter setzte sich in eine angreifende Stellung, und wie der Stier auf ihn
anlief, vermied er das gewaltsame Horn durch eine geschickte Wendung
und führte einen so kräftigen Schwertstreich nach dem Halse des
Ungetüms, daß er vermeinte, das Haupt vom Rumpfe zu sondern, wie
der tapfre Skanderbeg. O Jammer! der Hals des Stiers war für Stahl und
Eisen unverwundbar: das Schwert zerbrach in Stücken, und der Ritter
behielt nur das Heft in der Hand. Er hatte nichts zu seiner Verteidigung
übrig als eine Lanze von Ahornholz mit einer zweischneidigen Spitze
von Stahl, aber auch die zerknickte beim zweiten Angriff wie ein
schwacher Strohhalm. Der stößige Ochs erfaßte den wehrlosen Jüngling
mit den Hörnern und schleuderte ihn wie einen leichten Federball
hoch in die Luft, auflauernd, ihn aufzufangen oder mit den Füßen zu
zertreten. Glücklicherweise geriet er im Fallen zwischen die ausgebreiteten
Äste eines wilden Birnbaums, die ihn wohltätig umfaßten. Ob
ihm gleich alle Rippen im Leibe knackten, so blieb ihm doch so viel
Besinnungskraft, daß er sich fest an den Baum anklammerte, denn der
wütige Ochs stieß mit seiner ehernen Stirne so gewaltig gegen den
Stamm, daß dieser sich aus der Wurzel hob und zum Fall neigte.
In der Zwischenzeit, als der mörderische Stier sich wendete, einen
Anlauf zu nehmen, den gewaltsamen Stoß zu wiederholen, dachte Reinald
an die Geschenke seiner Schwäher. Der Zufall führte ihm das
Papier mit den drei Bärenhaaren zuerst in die Hand. Er rieb sie aus allen
Kräften, und in dem Augenblicke kam ein grimmiger Bär dahergetrabt,
der einen harten Kampf mit dem Stier begann; der Bär wurde seiner
bald mächtig, würgte ihn nieder und zerriß ihn in Stücken. Wie sich der
hohle Bauch öffnete, kam daraus hervor ein scheuer Entenvögel, der
mit großem Geschrei davonflog. Reinald ahndete, daß dieser Zauber
des Sieges, den der Bär erkämpft hatte, spottete und den Gewinn desselben
davontrage; er griff deshalb flugs nach den drei Federn und rieb
sie zwischen den Händen. Darauf erschien ein mächtiger Adler hoch
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in der Luft, vor dem der furchtsame Entenvögel sich nieder ins Gebüsche
drückte; der Adler schwebte in unermeßner Höhe über ihm. Wie
der Ritter das bemerkte, scheuchte er den Entrich auf und verfolgte ihn,
bis der Wald lichter wurde, und weil er sich nicht mehr bergen konnte,
flog er auf und nahm seinen Flug gerade nach dem Weiher zu. Der
Adler aber schoß aus den Wolken herab, ergriff und zerfleischte ihn mit
seinen mächtigen Fängen. Indem er starb, ließ er ein goldenes Ei in den
Weiher fallen.
Der aufmerksame Reinald wußte auch dieser neuen Täuschung zu begegnen.
Er rieb flugs die Fischschuppen zwischen den Händen, da hob
sich ein Walfisch aus dem Wasser, der das Ei in seinem weiten Rachen
auffing und es ans Land spie. Des war der Ritter froh in seinem Herzen,
schlug das goldne Ei mit einem Stein voneinander, da fiel ein kleiner
Schlüssel heraus, den er triumphierend für den Schlüssel der Bezauberungen
erkannte.
Schnellfüßig eilte er nun zu dem stählernen Portal zurück. Der Zwergschlüssel
schien für das riesenmäßige Vorlegeschloß nicht gemacht zu
sein, inzwischen wollte er doch einen Versuch damit machen, aber
kaum berührte der Schlüssel das Schloß, so sprang es auf, die schweren
eisernen Riegel schoben sich von selbst zurück, und die stählerne Pforte
tat sich auf. Frohen Mutes stieg er in die düstere Grotte hinab, in der
sieben Türen in sieben verschiedene unterirdische Zimmer führten, allesamt
prächtig aufgeputzt und herrlich mit Wairatlichtern erleuchtet.
Reinald durchwandelte alle nach der Reihe und trat aus dem letztem
in ein Gemach, wo er einer jungen Dame ansichtig wurde, die auf einem
Sofa in einem unerwecklichen magischen Schlummer ruhte. Bei diesem
herzanfassenden Anblick erwachte in seiner Brust das Gefühl der
Liebe; still und staunend stand er da und verwandte kein Auge von ihr,
ein Beweis seiner großen Unerfahrenheit! Unser erleuchtetes Jahrhundert
weiß dergleichen glückliche Situationen ganz anders zu nutzen.
Nachdem Ritter Reinald sich von seinem Erstaunen erholt hatte,
blickte er ein wenig im Zimmer umher und sah der schlafenden Dame
gegenüber eine alabasterne Tafel voll wunderbarer Charaktere. Er vermutete,
daß darauf der Talisman eingegraben sei, der alle Zaubereien
des Waldes in ihrer Kraft erhielt. Aus gerechtem Unwillen ballte er
seine Faust, mit dem eisernen Handschuh bewaffnet, und schlug mit
Manneskraft dagegen. Sogleich fuhr die schöne Schläferin schreckhaft
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zusammen, erwachte, tat einen scheuen Blick nach der Tafel und sank
in ihren betäubenden Schlummer zurück.
Reinald wiederholte den Schlag, und es erfolgte alles so wie vorher.
Nun war er darauf bedacht, den Talisman zu zerstören; aber er hatte
weder Schwert noch Speer, nichts als zwei rüstige Arme. Mit diesen erfaßte
er die magische Tafel und stürzte sie vom hohen Postament auf
das Marmorpflaster herab, daß sie in Stücken zerfiel. Augenblicks erwachte
die junge Dame wieder aus ihrem Totenschlummer und bemerkte
nun erst beim dritten Erwachen die Gegenwart eines Ritters,
der sich gar tugendlich und ehrlich auf ein Knie vor ihr niederließ. Doch
eh er zu reden anhub, verhüllte sie ihr holdseliges Angesicht mit ihrem
Schleier und sprach gar zornmütig: »Hinweg von mir, schändlicher
Unhold! Auch in der Gestalt des schönsten Jünglings sollst du weder
meine Augen täuschen noch mein Herz betrügen. Du kennst meine
Gesinnung, laß mir meinen Totenschlaf, worein mich deine Zauberei
versetzt hat.« Reinald begriff den Irrtum der Dame, darum ließ er sich
diese Sprache nicht befremden und gegenredete also: »Holdes Fräulein,
zürnet nicht! Ich bin nicht der gefürchtete Unhold, der Euch hier gefangenhält,
ich bin Graf Reinald, das Wunderkind genannt; seht hier
den Zauber zerstört, der Eure Sinnen umnebelt hatte!« Das Fräulein
glostete ein wenig unter dem Schleier hervor, und als sie die alabasterne
Tafel zertrümmert sah, wunderte sie sich sehr über die kühne Tat des
jungen Abenteurers, blickte ihn holdselig an, und er gefiel ihren Augen.
Sie hob ihn freundlich auf, indem sie ihm die Hand reichte, und sprach:
»Ist's so, wie Ihr sagt, edler Ritter, so vollendet Euer Werk und führt
mich aus dieser grausenvollen Höhle, daß ich Gottes Sonne glänzen
sehe, wenn's draußen tagt, oder die güldnen Sternlein am nächtlichen
Himmel.«
Reinald bot ihr den Arm, sie durch die sieben Prunkzimmer zu führen,
durch welche er eingetreten war. Er öffnete die Tür; aber draußen war's
ägyptische Finsternis, daß man das Dunkel greifen konnte wie im
Anfang der Schöpfung, ehe der elektrische Strahl des Lichts angezündet
war. Alle Kerzen waren erloschen, und die kristallenen Kronleuchter
gossen nicht mehr ihren sanften Schimmer von den hohen Kuppeln der
Basaltgewölbe herab. Das edle Paar tappte lange im Dunkeln, eh sie
sich aus diesen labyrinthischen Gängen herausfanden und des Tages
Schimmer durch den fernen Eingang einer unförmlichen Felsenhöhle
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hereindämmern sahen. Die Entzauberte empfand die herzerquickende,
balsamische Kraft der allbelebenden Natur und atmete mit Entzücken
den Blumenduft, den ihr der laue Zephir über die blühenden Auen entgegenwehte.
Sie setzte sich mit dem schlanken Ritter ins Gras, und er
entbrannte gegen sie in heißer Liebe, denn sie war schön wie das Meisterstück
der Schöpfung, das erste Weib aus Adams Rippe geformt.
Doch quält ihn eine andre Leidenschaft schier noch mehr, das war die
Begierde, zu erfahren, wer die schöne Unbekannte sei und wie sie in
diesen Wald verzaubert worden wäre. Er bat sie züchtiglich, ihm davon
Bescheid zu geben, und das Fräulein tat ihren Rosenmund auf und
sprach:
»Ich bin Hildegard, die Tochter Radbods, des Fürsten von Pommerland.
Zornebock, der Sorbenfürst, begehrte mich von meinem Vater
zur Gemahlin; weil er aber ein scheußlicher Riese und ein Heide war,
auch in dem Rufe stund, daß er ein großer Schwarzkünstler sei, wurde
er unter dem Vorwande meiner zarten Jugend abgewiesen, worüber
der Heide so sehr ergrimmte, daß er meinen guten Vater befehdete, ihn
in einem Treffen erlegte und sich seiner Länder bemächtigte. Ich war
zu meiner Tante, der Gräfin von Vohburg, geflohen, und meine drei
Brüder, allesamt stattliche Ritter, waren der Zeit außer Landes auf ihren
Ritterzügen. Dem Zauberer konnte mein Aufenthalt nicht verborgen
bleiben. Sobald er meines Vaters Land in Besitz genommen hatte,
kam ihm ein, mich zu entführen, und vermöge seiner magischen Künste
war ihm das ein leichtes. Mein Oheim, der Graf, war ein Liebhaber von
der Jagd, ich pflegte ihn oft dahin zu begleiten, und alle Ritter seines
Hofes wetteiferten bei dieser Gelegenheit, mir immer das bestgerüstete
Pferd anzubieten. Eines Tages drängte sich ein unbekannter Stallmeister
mit einem herrlichen Apfelschimmel zu mir heran, bat mich im
Namen seines Herrn, dieses Pferd zu besteigen und es zu würdigen,
als mein Eigentum aufzunehmen. Ich fragte nach dem Namen seines
Herrn, er entschuldigte sich, diese Frage nicht eher beantworten zu
können, bis ich den Gaul erprobt und nach der Rückkehr von der Jagd
mich würde erklärt haben, daß ich das Geschenk nicht verschmähe. Ich
konnte dieses Anerbieten wohl nicht ausschlagen, überdies war das
Pferd so prächtig gerüstet, daß es die Augen des ganzen Hofes auf sich
zog. Gold und Edelsteine und prächtige Stickerei war an der purpurfarbenen
Satteldecke verschwendet. Ein roter, seidner Zaum lief vom
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Gebiß am Halfe hinauf, Stangen und Bügel waren von gediegenem
Golde, dicht mit Rubinen besetzt. Ich schwang mich in den Sattel und
hatte die Eitelkeit, bei dieser Kavalkade mir selbst zu gefallen. Der
Gang des edlen Rosses war so leicht und so gemachsam, daß es mit dem
Huf kaum die Erde zu berühren schien. Leichtfüßig setzte es über Gräben
und Hecken, und die kühnsten Reuter vermochten nicht, ihm zu
folgen.
Ein weißer Hirsch, der mir bei der Jagd aufstieß und dem ich nacheilte,
zog mich tief in den Wald und trennte mich von dem Gefolge der Jäger.
Um mich nicht zu verirren, verließ ich den Hirsch, zum Sammelplatz
der Jagd zurückzukehren, aber das Pferd sträubte sich, mir zu gehorchen,
bäumte sich auf, schüttelte die Mähne und wurde wild. Ich versuchte
es zu begütigen, aber in dem Augenblick nahm ich mit Entsetzen
wahr, daß sich der Apfelschimmel unter mir in ein gefiedertes Ungetüm
verwandelte: Die Vorderfüße breiteten sich in ein Paar Flügel aus, der
Hals verlängerte sich, an dem Kopf streckte sich ein breiter Schnabel
hervor; ich sah einen hochbeinigen Hippogryphen unter mir, der einen
Anlauf nahm, sich mit mir in die Luft schwang und in weniger als einer
Stunde in diesen Wald versetzte, wo er sich vor der stählernen Pforte
eines antiken Schlosses niederließ.
Mein erster Schrecken, von dem ich mich noch nicht erholt hatte, vermehrte
sich, als ich den Stallmeister erblickte, der mir den Morgen den
Apfelschimmel vorgeführt hatte und sich jetzt ehrerbietig nahete, mir
aus dem Sattel zu helfen. Betäubt von Schrecken und Unmut ließ ich
mich schweigend durch eine Menge Prachtgemächer zu einer Gesellschaft
in Gala gekleideter Damen begleiten, die mich als ihre Gebieterin
empfingen und meine Befehle erwarteten.
Alle beeiferten sich, mich aufs beste zu bedienen, aber niemand wollte
mir sagen, wo und in wessen Gewalt ich mich befände. Ich überließ
mich einer stummen Traurigkeit, welche Zornebock der Zauberer auf
einige Augenblicke unterbrach, der in der Gestalt eines gelben Zigeuners
zu meinen Füßen lag und um meine Liebe bat. Ich begegnete ihm
so, wie mir mein Herz eingab, dem Mörder meines Vaters zu begegnen.
Des Wütrichs Sitten waren wild, seine Leidenschaften stürmten in seiner
Brust, er wurde leicht aufgebracht; ich rang mit der Verzweiflung,
trotzte seiner Wut und forderte ihn auf, seine Drohungen zu erfüllen,
den Palast zu zertrümmern und mich unter den Ruinen zu begraben;
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aber schnell verließ mich der Unhold und gab mir Frist, mich zu bedenken.
Nach sieben Tagen erneuerte er seinen verhaßten Antrag; ich wies ihn
mit Verachtung von mir, und er stürzte wütend aus dem Zimmer. Kurz
nachher erbebte die Erde unter meinen Füßen, das Schloß schien in den
Abgrund hinabzurollen. Ich sank auf mein Sofa, und meine Sinnen
schwanden dahin. Aus diesem Todesschlummer erweckte mich des
Zauberers furchtbare Stimme: >Erwache<, sprach er, >liebe Schläferin,
aus deinem siebenjährigen Schlummer und sage mir an, ob die wohltätige
Zeit den Haß gegen deinen getreuen Paladin gemildert hat. Erfreue
mein Herz mit dem kleinsten Strahl von Hoffnung, und diese traurige
Grotte soll sich in den Tempel der Freude verwandeln.< Ich würdigte
den schändlichen Zauberer keiner Gegenrede noch eines Anblicks, verhüllte
mit meinem Schleier mein Angesicht und weinte. Mein Trübsinn
schien ihn zu rühren, er bat, er flehte, er jammerte laut und wand sich
wie ein Wurm zu meinen Füßen. Endlich ermüdete seine Geduld, er
sprang rasch auf und sprach: >Wohlan, es sei drum, in sieben Jahren
sprechen wir uns wieder!< Darauf hob er die alabasterne Tafel aufs
Postament; sogleich fiel ein unwiderstehlicher Schlaf auf meine Augenlider,
bis der Grausame meine Ruhe von neuem unterbrach. >Unempfindliche<,
redete er mich an, >wenn du noch gegen mich grausam bist,
so sei es wenigstens nicht gegen deine drei Brüder. Mein untreuer Stallmeister
hat ihnen dein Schicksal entdeckt, aber er ist bestraft, der Verräter.
Sie sind gekommen, diese Unglücklichen, mit Heereskraft, dich
aus meiner Hand zu reißen: aber diese Hand war ihnen zu schwer, und
sie beseufzen ihre Unbesonnenheit unter mancherlei Gestalten in diesem
Walde.< Eine so armselige Lüge, zu welcher der Unhold seine
Zuflucht nahm, meine Standhaftigkeit zu überwinden, erbitterte mein
Herz nur noch mehr gegen ihn. Hohn saß auf meinen Lippen und die
bitterste Verachtung. >Unglückliche<, fuhr der tobende Heide auf, >dein
Schicksal ist entschieden! Schlafe so lange, wie die unsichtbaren Mächte
diesem Talisman gehorchen!<Flugs schob er die alabasterne Tafel zurechte,
und der magische Taumel raubte mir Leben und Empfindung.
Ihr habt mich, edler Ritter, durch Zerstörung des Zaubers derselben aus
diesem Totenschlafe erweckt. Aber ich begreif's nicht, durch welche
Macht Ihr diese Tat habt ausrichten mögen und was den Zauberer abhalten
mag, Euch zu widerstehen. Zornebock muß nicht mehr am
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Leben sein, Ihr würdet sonst an seinem Talisman ungestraft Euch nicht
haben vergreifen dürfen.«
Die reizvolle Hildegard urteilte ganz recht: Der Unhold war mit seinen
Sorben ins Böhmerland eingefallen, wo damals die Fürstin Libussa aus
dem Feengeschlecht regierte, und hatte an ihr, wie der mächtige Cyrus
an der Scythen Königin Tomyris, seine Meisterin gefunden. Zornebock
war gegen die berühmte Böhmer Königin der Zauberkunst nur ein
Lehrling. Sie hatte ihn mit ihren Künsten überholt, daß er das Schlachtfeld
räumen und den Streichen eines handfesten Ritters unterliegen
mußte, dem sie magische Waffen gab, welchen die Passauer Kunst nicht
widerstund.
Als die schöne Hildegard schwieg, nahm Reinald das Wort und erzählte
ihr sein Abenteuer. Wie er ihr Meldung tat von den drei verwünschten
Prinzen im Walde, die seine Schwäger waren, nahm sie das groß wunder,
denn sie vermerkte nun, daß Zornebocks Novelle keine Lüge, sondern
Wahrheit gewesen sei. Der Ritter war eben im Begriff, seine
Geschichte zu enden, da erhob sich im Gebirge groß Triumphieren und
Freudengeschrei. Bald darauf brachen drei Geschwader Reuter aus dem
Wald hervor, an deren Spitze Hildegard ihre Brüder und Reinald seine
Schwestern erkannte. Der Zauber des Waldes war gelöst. Nach wechselseitigen
Umarmungen und Freudenbezeugungen verließ die Karawane
der Entzauberten die schauervolle Einöde und begab sich in das
alte Waldschloß. Reitende Boten flogen nach der Residenz des Grafen,
die frohe Botschaft von der Ankunft seiner Kinder zu verkünden. Der
Hof befand sich eben in tiefer Trauer über den Verlust des jungen Grafen,
den man als einen Toten beweinte; die Eltern glaubten, daß ihn
der Zauberwald auf ewig verschlungen habe. Die trauernde Mutter
hatte auf Erden keinen Trost mehr und fühlte kein Vergnügen als das,
für ihre Kinder Totengepränge anzustellen. Eben war man im Begriff,
Reinalds Exequien zu feiern, aber schneller konnte weiland der täuschende
Nicolini seinen pantomimischen Schauplatz nicht wandeln, als
in der Residenz des Grafen bei dieser frohen Botschaft alle Dinge eine
andere Gestalt annahmen: alles atmete nun wieder Leben und Freude.
In wenigen Tagen empfand das ehrwürdige Elternpaar die Wonne, ihre
Kinder und Enkel zu umarmen. Adelheid hatte seit dem Besuch ihres
Bruders aus dem Ei ein liebevolles Fräulein gebrütet, das von der mütterlichen
Brust seine kleinen Arme dem Großpapa lächelnd entgegenstreckte
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und ihm beim Empfang die silberfarbenen Locken zauste.
Unter allen Feierlichkeiten dieser glücklichen Wiederkehr zeichnete
sich Reinalds Beilager mit der schönen Hildegard besonders aus. Ein
ganzes Jahr verging unter mancherlei Abwechslungen von Freude und
Ergötzlichkeiten.
Endlich bedachten die Prinzen, daß ein allzu langer Genuß des Vergnügens
den männlichen Mut und die Tatkraft ihrer Ritter und Knappen
erschlaffen möchte; auch war die Residenz des Grafen zu eng, so
viel Hofhaltung bequem zu fassen. Die drei Eidame rüsteten sich also
mit ihren Damen zum Abzug. Reinald der Stammerbe verließ seine
grauen Eltern nimmer und drückte ihnen als ein frommer Sohn die
Augen zu. Albert der Bär kaufte die Herrschaft Askanien und gründete
die Stadt Bernburg, Edgar der Aar zog in der Helvetier Land unter den
Schatten der hohen Alpen und baute Aarburg an einem Fluß ohne
Namen, der aber von der Stadt, an welcher er hingleitet, nachher benannt
worden ist; Ufo der Delphin tat einen Heereszug nach Burgund,
bemächtigte sich eines Teiles dieses Reiches und nannte die eroberte
Provinz das Deiphinat. Und wie die drei Prinzen bei den Namen ihrer
Städte und Dynastien auf das Andenken ihrer Bezauberungen anspielten,
so nahmen sie auch ihre Tiergestalten aus der Zauberepoche zum
Symbol ihrer Wappen an. Daher kommt es, daß Bernburg einen goldgekrönten
Bären, Aarburg einen Adler und das Delphinat einen Meerfisch
im Wappen führt bis auf diesen Tag. Die köstlichen Zahlperlen
aber, welche an Galatagen den Olympus der sämtlichen Erdengöttinnen
unseres Weltteils verherrlichen und schmücken und für orientalische
geachtet werden, sind die Ausbeute des Weihers im Zauberwald
und befanden sich ehemals in den drei leinwandenen Säcken.
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ROLANDS KNAPPEN
Vetter Roland hatte, wie alle Welt weiß, seines Oheims, Kaiser
Karls Kriege mit Glück und Ruhm geführt und unsterbliche Taten
getan, von Dichtern und Romanciers besungen, bis ihm Ganelon,
der Verräter bei Ronceval, am Fuß der Pyrenäen den Sieg über die Sarazenen
und zugleich das Leben entriß. Was half's dem Helden, daß er
den Enakssohn, den Riesen Ferracutus, den hochsprechenden Syrer aus
Goliaths Nachkommenschaft, erlegt hatte, da er den Säbelstreichen der
Ungläubigen dennoch unterliegen mußte, wogegen ihn sein gutes
Schwert Durande diesmal nicht schützen konnte; denn er hatte seine
Heldenbahn durchlaufen und befand sich am Ende derselben.
Von aller Welt verlassen lag er da, unter den Scharen der Erschlagnen,
schwer verwundet und von brennendem Durst gequält. In diesem
traurigen Zustande nahm er alle Kräfte zusammen und stieß dreimal
in sein wundersames Horn, um Karln das verabredete Zeichen zu geben,
daß es mit ihm am letzten sei. Obgleich der Kaiser mit seinem Heer
acht Meilen weit vom Schlachtfelde kampierte, vernahm er doch den
Schall des wunderbaren Horns, hob alsbald die Tafel auf, zu großem
Verdruß seiner Schranzen, die eine leckerhafte Pastete witterten, die
eben zerlegt wurde, und ließ sein Heer flugs aufbrechen, seinem Neffen
zu Hilfe zu eilen, obwohl es damit zu spät war, denn Roland hatte so
gewaltig intoniert, daß das güldene Horn geborsten war, er hatte sich
alle Adern am Halse zersprengt und seinen Heldengeist bereits ausgeatmet.
Die Sarazenen aber freuten sich ihres Sieges und legten ihrem
Heerführer den Ehrennamen Malek al Nasser oder des siegreichen
Königes bei.
In dem Getümmel der Schlacht waren die Schildknappen und Waffenträger
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des tapfern Rolands, indem er sich mitten in die feindlichen
Geschwader warf, von ihrem Herrn getrennt worden und hatten ihn
aus den Augen verloren. Da nun der Held fiel und das mutlose Heer
der Franken sein Heil in der Flucht suchte, wurden die mehresten von
ihnen in die Pfanne gehauen. Nur dreien gelang es, aus dem Haufen
durch die Leichtigkeit ihrer Füße dem Tode oder den Sklavenfesseln
zu entrinnen. Die drei Unglückskameraden flüchteten tief ins Gebirge,
in unbetretene wüste Gegenden, und schauten nicht rückwärts auf ihrer
Flucht, denn sie meinten, der Tod trabe mit raschen Schritten hinter ihnen
her. Von Durst und Sonnenbrand ermattet, lagerten sie sich unter
eine schattige Eiche, um da zu rasten, und nachdem sie ein wenig verschnoben
hatten, ratschlagten sie zusammen, was sie nun beginnen
wollten.
Andiol, der Schwertträger, brach zuerst das pythagorische Stillschweigen,
das ihnen die Eile der Flucht und die Furcht vor den Sarazenen
auferlegt hatte. »Was Rats, Brüder«, fragte er, »wie gelangen wir zum
Heere, ohne den Ungläubigen in die Hände zu fallen, und welche
Straße sollen wir ziehen? Laßt uns einen Versuch machen, durch diese
wilden Gebirge zu dringen; jenseits derselben, meine ich, hausen die
Franken, die uns sicher ins Lager geleiten werden.« — »Dein Anschlag
wär gut, Kompan«, versetzte Amarin, der Schildhalter, »wenn du uns
Adlerfittiche gäbest, uns damit über den Wall der schroffen Felsen zu
schwingen; aber mit diesen gelähmten Knochen, aus welchen Mangel
und Sonnenglut das Mark verzehrt hat, werden wir traun nicht diese
Zinnen erklimmen, die uns von den Franken scheiden. Laßt uns vorerst
eine Quelle aufsuchen, unsern Durst zu löschen und die Kürbisflaschen
zu füllen, und hernach ein Wild erlegen, daß wir was zu zehren haben:
dann wollen wir wie leichtfüßige Gemsen über die Felsen hüpfen und
bald einen Weg zu Karls Heerlager finden.«
Sarron, der dritte Knappe, der dem Ritter Roland die Sporen anzulegen
pflegte, schüttelte den Kopf und sprach: »Für den Magen, Kamerad,
ist dein Rat nicht übel, aber Euer beider Anschlag ist gefahrvoll für den
Hals. Meint ihr, daß es uns Karl Dank wissen würde, wenn wir ohne
unsern guten Herrn zurückkehrten und auch seine köstliche Rüstung,
die uns anvertraut war, nicht zurückbrächten? Wenn wir nun an den
Teppich seines Throns knieten und sprächen: >Held Roland ist gefallen!<
Und er spräche: >Viel schlimm ist diese Botschaft, aber wo ist Durande,
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sein gutes Schwert, geblieben?< Was wolltest du antworten,
Andiol? Oder er spräch: >Knappen, wo habt ihr seinen spiegelblanken,
stählernen Schild?< Was wolltest du darauf sagen, Amarin? Oder er
fragt nach den goldenen Sporen, die er unserm Herrn anlegte, als er ihn
weiland zum Ritter schlug, müßt ich nicht mit Scham Verstummen?«
— »Du erinnerst wohl«, erwiderte Andiol, »dein Verstand ist hell wie
Rolands Schild, durchdringend, fein und scharf wie Rolands Schwert.
Wir wollen nicht ins Heerlager der Franken zurückkehren; Karl
möchte ungehalten sein und uns lassen Profeß tun im Kloster zu den
dürren Brüdern.«
Ober diese Konsultationen war die grausenvolle Nacht hereingebrochen;
kein Sternlein flimmerte am umnebelten Himmel, kein Lüftchen
regte sich. In der weiten Einöde war tiefe Totenstille umher, die nur
durch das Krächzen irgendeines Nachtvogels zuweilen unterbrochen
wurde. Die drei Flüchtlinge streckten sich unter die Eiche auf den Rasen
und gedachten, den bellenden Hunger, welchen das strenge Fasten des
langen Tages erregt hatte, durch den Schlaf zu betäuben; aber der
Magen ist ungestümer Gläubiger, der den Zahlungstermin seiner
Intraden nicht gern vierundzwanzig Stunden lang kreditiert. Ihrer
Ermüdung ungeachtet gestattete ihnen der Hunger keinen Schlaf, obgleich
sie ihr Wehrgehenke zum Schmachtriemen gebraucht und sich
damit so eng gegürtet hatten wie möglich. Indem sie aus Unmut und
Langerweile wieder anfingen miteinander zu kosen, erblickten sie
durchs Gebüsch ein fernes Lichtlein, das sie anfangs für das Dunstkind
salpetrischer schwefliger Dämpfe ansahen.
Weil aber das vermeintliche Irrlicht nach einiger Zeit weder den Ort
noch den Schein veränderte, faßten sie den Entschluß, die Sache genauer
zu untersuchen. Sie verließen ihr Standquartier unter der Eiche, und
nachdem sie manche Schwierigkeit überwunden, in der Finsternis über
manchen Stein gefallen und mit dem Kopf gegen manchen Ast angerannt
waren, gelangten sie auf einen freien Platz vor einer aufrechtstehenden
Felsenwand, wo sie zu ihrer großen Freude einen Kochtopf auf
dem Dreifuß über dem Feuer fanden. Und die auflodernde Flamme ließ
ihnen zugleich den Eingang einer Höhle wahrnehmen, über die sich
von oben Efeuranken herabschiangen und welche durch eine feste Tür
verschlossen war. Andiol ging hinzu und pochte an, vermutend, der
Bewohner der Höhle möchte irgendein frommer, gastfreier Einsiedler
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sein. Aber er vernahm eine weibliche Stimme von innen, welche fragte:
»Wer klopft, wer klopft an meinem Hause?«
»Gutes Weib«, sprach Andiol, »tut uns auf die Tür zu Eurer Grotte,
drei irrende Wanderer harren hier an der Schwelle und verschmachten
vor Durst und Hunger.« —»Geduld! Geduld!« antwortete die Stimme
von innen, »daß ich vorerst das Haus beschicke und es zum Empfang
der Gäste bereite.« Der Horcher an der Tür hörte darauf von innen
groß Geräusch, als würde das ganze Haus aufgeräumt und ausgescheuert.
Erwartete eine Zeitlang, solang es seine Ungeduld verstattete; als
aber die Hausmütter kein Ende finden konnte, ihre Wohnung zu säubern,
klopfte er nochmals etwas soldatisch an die Tür und verlangte,
mit seinen Gefährten eingelassen zu werden. Die vorige Stimme antwortete:
»Gemach, ich höre! Laßt mir doch Zeit, meine Dormöse aufzustürzen,
daß ich vor den Gästen mich kann sehen lassen. Schüret indessen
draußen das Feuer an, daß der Topf wohl siede, und nascht mir
nichts von der Brühe.«
Sarron, der in Ritter Rolands Küche immer der Topfgucker gewesen
war, hatte aus natürlichem Instinkt sich der Funktion, das Feuer zu unterhalten,
bereits unterzogen, auch den Topf vorläufig sondiert und
eine Entdeckung gemacht, die ihm eben nicht behagte. Denn da er die
Stürze aufhob und mit der Fleischgabel zu Boden fuhr, zog er einen
stachlichten Igel hervor, dessen Anblick seine Eßlust dergestalt verminderte,
daß der Magen von allen ungestümen Forderungen abstund.
Er ließ sich aber nichts von dieser Küchenbeobachtung gegen seine
Gefährten merken, damit, wenn das Igelragout unter dem Inkognito
einer leckerhaften Brühe aufgetischt würde, er ihnen den Appetit nicht
verderben möchte. Amarin war vor Müdigkeit eingeschlummert und
hatte beinahe ausgeschlafen, ehe die Bewohnerin der Grotte mit ihrer
Toilette fertig war. Wie er erwachte, gesellte er sich zu dem lärmenden
Andiol, der unter heftigen Kontestationen mit der Eignerin der Höhle
über den Einlaß kapitulierte. Nachdem endlich alles zur Richtigkeit gebracht
war, hatte sie zum Unglück den Hausschlüssel verkramt, und
weil sie noch dazu aus großer Eile ihre Lampe umgestoßen hatte,
konnte sie solchen nicht wiederfinden. Die schmachtenden Wanderer
mußten also die ihnen gleich anfangs angepriesene Geduld üben, bis nach
langer Pause der Schlüssel gefunden war und die Tür aufgetan wurde.
Aber ein neuer Verzug, die Kontenanz der Fremdlinge zu prüfen!
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Kaum war die Tür halb geöffnet, so sprang eine große schwarze Katze
heraus, mit feuerfunkelnden Augen. Sogleich schlug die Hausmütter
die Tür wieder zu und verriegelte sie wohl, schalt und schmähte auf die
ungestümen Gäste, die ihre Wohnung verunruhigten und sie um ihr
liebes Hausvieh gebracht hätten. »Hascht meinen Kater ein, ihr
Wichte«, rief sie von innen, »oder laßt euch nicht einfallen, meine
Schwelle zu betreten!«
Die drei Kameraden sahn einander ratschlagend an, was sie tun wollten.
»Die Hexe!«murmelte Andiol zwischen den Zähnen, »hat sie uns nicht
lange genug geäfft, und nun schilt und droht sie! Soll ein Weib drei
Männer narren? Bei Rolands Schatten, das soll sie nicht! Laßt uns die
Tür erbrechen und auf gut soldatisch uns hier einquartieren.« Amarin
stimmte bei, aber der weise Sarron sprach: »Bedenkt, Brüder, was ihr
tut; der Versuch könnt übel ablaufen, ich ahnde hier sonderbare Dinge.
Lasset uns die Befehle unsrer Wirtin aufs pünktlichste befolgen; wenn
unsre Geduld nicht ermüdet, so wird ihre Laune ermüden, uns zu foppen.«
Dieser gute Rat wurde angenommen und auf den schwarzen
Murner alsbald eine allgemeine Jagd gemacht. Aber der war waldein
geflohen und in der düstern Nacht nicht ausfindig zu machen. Denn
obgleich seine Augen so hell funkelten wie die Augen der Lieblingskatze
des Petrarca, deren Schimmer dem Dichter zur Lampe diente, ein
unsterbliches Lied an seine Laura dabei niederzuschreiben, so schien
der pyrenäische Murner doch eben die Launen seiner Domina zu haben,
die drei Wanderer zu äffen, und blinzte entweder geflissentlich die
Augen zu oder drehte sie so, daß sie ihn nicht verrieten. Gleichwohl
wußt ihm der verschmitzte Sarron beizukommen. Er verstand sich darauf,
die Minnesprache des Katzengeschlechts so natürlich zu miaulen,
daß der Anachoret im Walde, der sich auf einen Eichbaum geflüchtet
hatte, dadurch betrogen wurde, und weil er in der unterirdischen
Klause keine andere Gesellschaft genoß als die seiner Pflegerin und
einiger Kellermäuse, mit welchen er sich zuweilen herumtummelte, so
vermutete er eine angenehme Gespielin in der Nähe, der nachzuspüren
er den Baum verließ und den disharmonischen Kanon der nächtlichen
Serenade anstimmte, welcher die Schlafenden aus der Ruhe stört und
sie antreibt, das Nachtgeschirr auf die lästigen Minnesänger unter dem
Kammerfenster auszuleeren.
Sobald sich der queilende Kater durch seine Stimme verriet, war der
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lauersame Knappe zur Hand, beschlich ihn und brachte den eingehaschten
Flüchtling im Triumph an den Eingang der Felsenhöhle, der
nun nicht mehr versperrt war. Hocherfreut traten die drei Knappen
unter Geleitschaft des entflohnen Penaten hinein, begierig, die
Bekanntschaft der Wirtin zumachen; aber bänglich schauderten sie zurück,
als sie ein lebendiges Skelett, ein dürres, steinaltes Mütterchen erblickten.
Sie trug einen langen Talar, hielt in der Hand eine Mistelstaude,
berührte damit auf eine feierliche Art die Ankömmlinge, indem
sie dieselben bewillkommnete, und nötigte sie, an einem gedeckten
Tische Platz zu nehmen, auf welchem eine frugale Mahlzeit von Milchspeisen,
gerösteten Kastanien und frischem Obst aufgetragen war. Es
bedurfte keiner Zunötigung: die hungrigen Gäste fielen wie gierige
Wölfe über die Speisen her, und in kurzer Zeit waren die Schüsseln so
rein abgeleert, daß keine genäschige Maus von den Überbleibseln zu
sättigen gewesen wäre. Sarron tat es in der Eilfertigkeit, den Magen zu
befriedigen, seinen beiden Spießgesellen zuvor, denn er wähnte noch
einen zweiten Gang, wo das Igelragout zum Vorschein kommen
würde, welches er seinen Gefährten allein zu überlassen gedachte; da
die Hausmütter nichts mehr auftrug, glaubte er, daß sie diesen Leckerbissen
für sich selbst aufgespart habe.
Die Alte war indessen geschäftig, von Matratzen, aus spanischer Wolle
gewebt, ein Nachtlager zu bereiten; aber es war so knapp und schmal,
daß unmöglich drei Personen darauf Platz finden konnten. Der Schläfer
Amarin machte diese Bemerkung, gab sie der geschäftigen Wirtin zum
besten und bat sie, auch den dritten Mann nicht zu vergessen.
Die Alte tat ihren zahnlosen Mund auf und sprach lächelnd: »Liebe
Kinder, seid unbekümmert, der dritte Mann soll nicht auf der Erde
schlafen, ich hab ein breites Bette, darin ist Platz für mich und ihn.«
Die drei Gesellen nahmen diese Rede für einen guten Schwank auf,
freuten sich, daß das graue Mütterlein noch so bei Laune sei, und belachten
den Einfall aus vollem Halse. Der kluge Sarron aber bedachte,
daß alte Matronen zuweilen seltsame Schrullen im Kopf haben, untersuchte
nicht lang, ob hier gescherzt oder geernstet sei, stellte sich urplötzlich
schlaftrunken, taumelte aufs Lager, um sich auf jeden Fall in
Posseß zu setzen, und überließ es seinen Kameraden, die Neckerei mit
der Wirtin um ihre Bettgenossenschaft fortzusetzen. Die beiden
Champions wurden das Strategem nicht sobald inne, als sie in gleicher
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Absicht einander das Prävenire zu spielen gedachten, und weil keiner
dem andern den Platz einzuräumen willens war, mußte das Faustrecht
entscheiden. Die Alte sah eine Zeitlang ruhig zu, wie sich die Boxer
herumzogen, und der schlaue Sarron schnarchte dazu aus allen Kräften.
Wie aber der Streit hitzig wurde und die goldgelben Haarlocken der
Wettkämpfer, welche die Sarazenen verschont hatten, den Fußboden
bedeckten, ergriff sie den Mistelstengel und berührte damit die beiden
Athleten. Da stunden sie starr und steif wie zwei Bildsäulen, waren unvermögend,
einen Finger zu regen; die Alte aber streichelte mit ihrer
kalten, dürren Totenhand ihnen freundlich die glühenden Backen und
sprach: »Friede, Kinder! blinder Eifer schadet nur. Ihr habt alle gleiche
Rechte und gleiche Ansprüche auf meine Bettgenossenschaft; nach den
Rechten dieses Hauses trifft jeden die Reihe. Laßt mich in eurer Umarmung
erwärmen, daß ich mich noch einmal verjünge vor meinem Hinscheiden.«
Hierauf löste sie den Zauber der beiden rüstigen Ringer auf
und gebot ihnen, den Schläfer Sarron zu wecken, der aber durch kein
Rütteln und Schütteln, auch durch keinen Rippenstoß zu ermuntern
war. Die Alte wußte gleichwohl ein Mittel, ihn aus dem scheinbaren
Totenschlaf zu erwecken: kaum hatte sie ihn mit der geheimnisvollen
Mistel berührt, so fing der Knappe an, seltsame Kontorsionen zu machen,
krümmte und wand sich wie ein Wurm auf dem Nachtlager,
klagte über heftiges Bauchweh, als plagte ihn die Kolik von Poitou, und
bat die Hausmütter demütig um ein linderndes Klistier. Sie aber hatte
flugs eine bewährte Salbe zur Hand, damit hieß sie ihn den Nabel bestreichen,
worauf alle Schmerzen bald verschwanden.
Die drei Knappen hätten sich jetzt wohl unter den Eichbaum zurückgewünscht;
sie sahen, daß sie einer mächtigen Zauberin in die Hände
gefallen waren, die sie auf mancherlei Art trillte und foppte; doch half
hier nichts, als zum bösen Spiel gute Miene zu machen. »Kinder«,
sprach sie, »es ist spät, die kühle Nacht streut Schlummerkörner, das
Los mag entscheiden, welcher unter euch heute in meiner Bettkammer
rasten soll.«Drauf brachte sie ein Büschel Werg herbei, nahm ein wenig
davon, drehte ein Küglein daraus, ganz leicht und luftig, stellte es auf
den Tisch und hieß den drei Gesellen gleiches zu tun, welche auch ohne
Widerrede Folge leisteten; der schlaue Sarron aber drehte das seinige
so derb und dicht, als er konnte. Hierauf nahm die Drude einen
fichtenen Span, zündete all die Häuflein an und sprach: »Wer mir
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zuerst nachfleugt, sei diese Nacht mein Bettgenoß.« Die glimmende
Asche ihres Häufleins hob sich empor, darauf folgte Andiols und hernach
Amarins Häuflein, nur Sorrans Aschenhaufen blieb auf der Tafel
zurück, wegen Schwere und Dichtigkeit der Kugel. Darauf umfaßte die
Alte ihren Schlafkompan herzhaft, zog ihn zur Kammer hinein, und
er folgte ihr schaudernd mit berganstehndem Haar wie der Dieb dem
Schergen zur Leiter am Hochgericht. Es war traun ein harter Strauß für
den armen Wicht, neben einem solchen Furchtgerippe zu pernoktieren.
Wenn die Alte eine Ninon dc l'Enclos gewesen wär, die in ihrem höchsten
Stufenjahre, nachdem sie neunmal neun Sommer durchlebt hatte,
noch so viel Reize besaß, daß ihr Sohn unerkannterweise gegen sie in
heißer Liebe entbrannte, so wäre das Abenteuer allenfalls noch zu
bestehen gewesen. Aber der Zahn der Zeit hatte also an ihrer Gestalt
gezehrt, daß das Konterfei der hundertjährigen Jungfer aus den physiognomischen
Fragmenten oder der Hexe zu Endor nach dem Holzschnitt
der Wittenberger Bibelausgabe gegen ihre Fratze noch immer
für Schönheiten gelten konnten.
Mit der Lauersamkeit einer Spinne saß sie in dem Mittelpunkt ihres
magischen Gewebes und haschte jeden peregrinierenden Weltbürger
auf, der sich in ihr Zaubernetz verwickelte. Alle Wanderer, die ihr Territorium
betraten, zwang sie zu ihrer Bettgenossenschaft, wenn sie sich
zu diesem diätetischen Gebrauch qualifizierten, und eine solche Nacht
verjüngte sie jederzeit um dreißig Jahr; denn nach dem Lehrsatz des
Celsus sog ihr ausgetrockneter Körper alle gesunden, jugendlichen
Exhalationen des rüstigen Schlafgesellen gierig ein. Außerdem verabsäumte
sie nie, abends vor Schlafengehen mit Igelfett den alten Pergamentband
ihrer Haut wohl zu salben, sie lind und schmeidig zu erhalten,
um nicht bei lebendigem Leibe zur Mumie zu werden.
Ohne das Gesetz der Keuschheit weder mit Gedanken, Worten oder
Werken im mindesten zu verletzen, hatten die drei Knappen notgedrungen
der Alten den verlangten Ehrendienst geleistet. Sie hatte sich
mit guter Manier neunzig lästige Jahre vom Halse geschafft, ging wieder
ganz flink und keck einher, und der kluge Sarron, den seine Schlauheit
diesmal nicht von dem Schicksal seiner Konsorten befreit hatte,
machte die Bemerkung, daß die größten Übel mehrenteils nur in der
Einbildung bestünden und daß eine schlecht zugebrachte Nacht nicht
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mehr Stunden und Minuten zähle als die glücklichste. Da am dritten
Tage die neubelebte Alte die drei Bettkonsorten beurlaubte und sie mit
freundlichen Worten förderziehen hieß, trat der Redner Sarron auf und
sprach: »Es ist nicht Sitte im Lande, einen Gast unbegabt von sich zu
lassen; zudem haben wir einen Dank oder Zehrpfennig von Euch verdient:
Ihr habt uns baß getrillt und wohl geplagt um einen Bissen Brot
und einen Trunk Wasser. Haben wir nicht das Feuer beim Kochtopf
angeschürt wie die Küchenmägde? Haben wir nicht Euren Hausfreund,
den schwarzen Kater, wieder eingehascht, der entsprungen war? Und
haben wir Euch nicht an unserm Herzen erwarmen lassen, da der Frost
des Alters Euer Knochengerippe schüttelte? Was wird uns dafür, daß
wir Euch getaglöhnert und hofiert haben?«
Die Mutter Drude schien sich zu bedenken. Sie war nach Gewohnheit
alter Matronen zäher Natur und schenkte nicht leicht etwas weg;
gleichwohl hatte sie die drei Wichte in Affektion genommen und schien
geneigt, ihrer Anforderung Genüge zu leisten. »Laßt sehen«, sprach
sie, »ob ich euch mit einer Gabe bedenken kann, dabei sich jeder meiner
erinnere.«Sie trippelte darauf in ihre Rumpelkammer, kramte darinnen
lange, schloß Kasten auf und Kasten zu und rasselte mit den Schlüsseln,
als wenn sie die hundert thebanischen Pforten im Beschluß hätte. Nach
langem Verharren kam sie wieder zum Vorschein und trug im Zipfel
ihres Kleides etwas verborgen, wendete sich gegen den weisen Sarron
und frug: »Wem soll das, was ich in meiner Hand habe?« Er antwortete:
»Dem Schwertträger Andiol.« Sie zog hervor einen verrosteten
Kupferpfennig und sprach: »Nimm hin und sage mir, wem das soll, was
ich mit meiner Hand fasse?« Der Knappe, welcher mit der Spende übel
zufrieden war, antwortete trotzig: »Mag's nehmen, wer's will, was
kümmert's mich!« Die Drude sprach: »Wer mag's?« Da meldete sich
Amarin, der Schildhalter, und empfing ein Tellertüchlein von feinem
Treu, sauber gewaschen und geplättet. Sarron stund auf der Lauer und
gedachte, das beste zu erhaschen: aber er empfing nichts als einen
Däumling von einem ledernen Handschuh und wurde von seinen
Kameraden derb ausgelacht.
Die drei Gesellen zogen nun ihre Straße, nahmen kaltsinnig Abschied,
ohne sich für die milden Gaben zu bedanken oder die Freigebigkeit der
kargen Matrone zu rühmen; möchten ihr wohl gar Injurien gesagt haben,
wenn sie nicht der Mistelstengel, dessen Kraft sie allerseits erprobt
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hatten, in Respekt gehalten hätte. Nachdem sie eines Feldwegs fortgewandert
waren, fing's dem Schwertträger Andiol erst an zu wurmen,
daß sie sich in der Drudenhöhle nicht besser bedacht hätten. »Hörtet
ihr nicht, Kameraden«, sprach er, »wie die Unholdin in ihrer Rumpelkammer
Kasten auf- und zuschloß, um den Plunderkram zusammenzusuchen,
womit sie uns gefoppt hat? In ihren Kasten war gewiß
Reichtum und Überfluß. Wären wir klug gewesen, so hätten wir danach
getrachtet, der Zauberrute, ohne welche sie nichts vermochte, uns
zu bemächtigen, wären in die Vorratskammer gedrungen und hätten,
wie's der Kriegsleute Sitte und Brauch ist, Beute gemacht, ohne uns von
einem alten Weibe trillen zu lassen.« Der unwillige Knappe fuhr noch
lange in diesem Ton fort und schloß damit, daß er den verrosteten
Pfennig hervorzog und aus Verdruß von sich warf. Amarin folgte dem
Beispiel seines Konsorten, schwenkte das Tellertuch um den Kopf und
sprach: »Was soll mir der Lappen in einer Wüste, wo wir nichts zu beißen
haben; wenn wir einen wohlbesetzten Tisch finden, wird auch kein
Träufeltuch fehlen«, überließ es drauf den wehenden Winden, die es
einem nahen Dornstrauch zuwehten, welcher den Minnesold der alten
Liebschaft an seinen spitzen Zacken festhielt.
Der weitreichende Sarron witterte indes etwas von verborgenen Kräften
der verschmähten Gaben, tadelte die Unbesonnenheit seiner Spießgesellen,
die nach dem gemeinen Weltlauf die Dinge nur von der
Außenseite beurteilten, ohne den innern Gehalt zu prüfen: aber er predigte
tauben Ohren. Dagegen war er auch nicht zu bereden, sich des
unansehnlichen Däumlings zu entledigen, vielmehr nahm er durch
diese Geschichten Anlaß, ein und den andern Versuch damit anzustellen.
Er zog ihn über den Daumen der rechten Hand ohne Wirkung,
hierauf wechselte er mit dem Daumen der linken, und so schlenderten
die drei Gefährten noch eine Weile fort. Urplötzlich blieb Amarin stehen
und frugverwundernd: »Wo ist Freund Sarron geblieben?«Andiol
antwortete: »Laß ihn, der Geizhals wird aufsammeln, was wir weggeworfen
haben.«Still und staunend hörte Sarron diese Rede. Es überlief
ihn ein kalter Schauer, und er wußte sich in seiner Freude kaum zu mäßigen,
denn das Geheimnis des Däumlings war ihm nun enträtselt.
Seine Kameraden machten halt, ihn zu erwarten. Er aber ging seinen
Schritt rüstig fürbaß, und als er einen guten Vorsprung gewonnen
hatte, rief er mit lauter Stimme: »Ihr Trägen, was weilt ihr dahinten?
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Wie lange soll ich eurer harren?« Hoch aufhorchend vernahmen die
beiden Knappen die Stimme ihres Gefährten vorwärts, den sie weit zurück
vermuteten, verdoppelten deshalb ihre Schritte und liefen hastig
vor ihm vorüber, ohne ihn zu sehen. Darüber freute er sich nur noch
mehr, weil er nun gewiß war, daß ihm der Däumling die Gabe der
Unsichtbarkeit mitgeteilt hatte. Und so trillte er sie wacker, ohne daß
sie auf die Ursache dieser Täuschung rieten, ob sie sich gleich weidlich
den Kopf darüber zerbrachen. Sie vermeinten, ihr Gefährte sei von
einer Felsenwand ins tiefe Tal hinabgegleitet, habe sich den Hals abgestürzt
und sein leichter Schatten umschwebe sie nun, ihnen das Valet
zuzurufen. Darüber kam ihnen große Furcht an, daß sie Judasschweiß
schwitzten.
Seines Spiels endlich müde, versichtbarte sich Sarron wieder und belehrte
die horchsamen Gefährten über die Beschaffenheit des wundersamen
Däumlings, schalt ihren Unbedacht, und sie stunden da ganz
verblüfft wie die stummen Olgötzen. Nachdem sie sich von ihrem
Hinstaunen erholt hatten, liefen sie spornstreichs zurück, die verschmähten
Gaben der Mutter Drude wieder in Besitz zu nehmen.
Amarin jauchzte laut auf, als er schon in der Ferne das Tellertuch am
Wipfel des Dornbuschs wehen sah, der das anvertraute Gut, obgleich
die vier Winde des Himmels um dessen Besitz zu kämpfen schienen,
getreuer verwahrt hatte als mancher Depositionsschrank das Erbteil
der Unmündigen unter gerichtlichem Schloß und Riegel. Mehr Schwierigkeiten
kostete es, den verrosteten Pfennig wieder im Grase aufzufinden;
doch Eigennutz und Geldsucht gaben dem spähenden Eigentümer
Argusaugen und dienten ihm zur Wünschelrute, seine Schritte zu
leiten und den Ort zu treffen, wo der Schatz verborgen lag. Ein hoher
Luftsprung und lautes Freudengeschrei verkündeten den glücklichen
Fund des verrosteten Pfennigs.
Von der langen Promenade war die Reisegesellschaft sehr ermüdet und
suchte den Schatten eines Feldbaums, sich vor den drückenden Sonnenstrahlen
zu bergen, denn es war hoher Mittag, der Hungerwurm
dehnte sich achtzehn Ellen lang durch die leeren Gedärme und erregte
im Grimmdarm unangenehme Empfindungen. Dem ungeachtet waren
die drei Abenteurer frohen Mutes, ihr Herz schwoll vor freudiger
Hoffnung, und die beiden Gesellen, welche die Kräfte ihrer Wundergaben
noch nicht erprobt hatten, stellten damit allerlei Versuche an,
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solche zu erforschen. Andiol suchte seine wenige Barschaft zusammen,
legte dazu den Kupferpfennig und fing an zu zählen, vorwärts, rückwärts,
mit der Rechten, mit der Linken, von oben herunter, von unten
hinauf, ohne die vermuteten Eigenschaften eines Heckpfennigs zu entdecken.
Amarin hatte sich auf die Seite gemacht, knüpfte gar ehrbar sein Tellertuch
ins Knopfloch, betete in aller Stille sein Benedicite, tat darauf die
beiden Flügeltüren seiner geräumigen Brotpforte weit auf und erwartete
nichts Geringeres, als daß ihm eine gebratene Taube in den Mund
fliegen würde; aber die Prozedur war viel zu links, als daß das magische
Tüchlein operieren konnte, darum begab er sich wieder zur Gesellschaft,
erwartend, was der Zufall entziffern werde. Die Empfindung
des Heißhungers begünstigt zwar eben nicht die frohe Laune, aber
wenn die Federkraft der Seele einmal gespannt ist, so erschlafft sie auch
nicht gleich von jeder kleinen Wetterveränderung. Bei Amarins
Zurückkunft riß ihm Sarron auf eine lustige Art das Tüchlein aus der
Hand, breitete es auf den Rasen unter den Baum und rief: »Heran,
Gesellen! Der Tisch ist gedeckt, bescher uns nun die Kraft des Tellertuchs
einen wohlgekochten Schinken darauf und Weißbrot vollauf.«
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so regnete es Raspelsemmeln
auf das Laken vom Baum herunter und zugleich stund eine antike
Majolika in Form einer bauchigen Schüssel da, mit einem gesottenen
Schinken. Hinstaunen und Eßlust malten auf den Gesichtern der hungrigen
Tischgenossen einen seltsamen Kontrast; der Instinkt aus dem
Magen besiegte jedoch bald die Bewunderung. Mit froher Gierigkeit
regten sie nun die Kinnbacken, daß man hätte glauben sollen, das taktmäßige
Geräusch einer Stampfmühle zu hören. Keinem entfiel während
der Mahlzeit ein Wort, bis die letzte Fleischfaser von den Knochen
geschält war.
Der Hunger war bald überflüssig gestillt, nun meldete sich der peinliche
Zwillingsbruder desselben, der Durst, an, besonders da der
Schmecker Sarron die Bemerkung machte, daß der Schinken etwas zuviel
Salz gehabt habe. Der ungestüme Andiol bezeigte zuerst seine
Unzufriedenheit über die halbe Mahlzeit, wie er sie nannte. »Der mich
speist ohne Trank«, sprach er, »dem weiß ich's wenig Dank«, und kannegießerte
noch viel über die mangelhafte Wundergabe des Tellertuchs.
Amarin, der sein Eigentum nicht wollte heruntersetzen lassen, fand
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sich durch diese Kritik beleidigt, faßte das Tuch bei den vier Enden, es
samt der Schüssel wegzutragen; doch wie er's zusammennahm, war
Schüssel und Schinkenknochen daraus verschwunden. »Bruder«,
sprach er zu dem übermütigen Krittler, »wenn du in Zukunft mein
Gast sein willst, so nimm mit dem vorlieb, was dir mein Tisch darbeut,
und suche für deine durstige Milz eine ergiebige Quelle; was den Trunk
betrifft, das kommt hier aufs andre Blatt; wo ein Backhaus steht, sagt
das Sprichwort, da hat kein Brauhaus Platz.« — »Wohlgesprochen!«
versetzte der Schlaukopf Sarron, »laß doch sehn, was dein anderes Blatt
besagt«, entriß ihm nochmals das Tellertuch und breitete es links auf
die Matten, mit dem Wunsche, daß der dienstbare Geist desselben
möchte darauf erscheinen lassen Weinfiaschen ohne Zahl, mit dem besten
Malvasier gefüllt. Im Umsehen stund eine Majolika da, dem Ansehen
nach zum vorigen Service gehörig, als ein Henkekrug geformt, mit
dem herrlichsten Malvasier gefüllt.
Jetzt hätten die glücklichen Knappen beim Genuß des süßen Nektars
ihren Zustand nicht mit Kaiser Karis Throne vertauscht. Der Wein flutete
alle Sorgen des Lebens auf einmal fort und perlte schäumend in den
ehernen Pickelhauben, die sie statt der Pokale gebrauchten. Selbst
Andiol, der Splitterrichter, ließ nun den Talenten des Tellertüchleins
Gerechtigkeit widerfahren, und wenn's dem Eigentümer feil gewesen
wäre, so hätt er's flugs um den verrosteten Pfennig und dessen noch
unerkannte Meriten eingetauscht. Dieser wurd ihm gleichwohl immer
werter, und er fühlte jeden Augenblick danach, um zu erfahren, ob er
noch zur Stelle sei. Er zog ihn hervor, das Gepräge zu beschauen, davon
die geringste Spur so gar verloschen war. Drauf wendete er ihn um, die
Rückseite zu betrachten: das war die rechte Methode, dem Pfennig
seine Spenden abzulocken. Wie er auch hier weder Bild noch Überschrift
entdeckte und ihn wieder einstecken wollte, fand er unter dem
Wunderpfennig ein Goldstück von gleicher Größe und ebenso dick als
derselbe. Er wiederholte den Versuch noch oftmals unbemerkt, um seiner
Sache gewiß zu sein, und fand das Manöver zuverlässig. Mit der
ausgelassenen Freude, welche der alte Syrakuser Philosoph empfand,
als er im Bade die Wasserprobe des Goldes ausgespäht hatte und aus
frohem Unsinn in unverschämter Nacktheit sein grec durch alle
Gassen posaunte, erhob sich Andiol, der Schwertträger, von seinem
Rasensitze, hüpfte mit krummen Bocksprüngen um den Baum und
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schrie aus voller Kehle: »Kameraden, ich hab's, ich hab's!« und verhehlte
ihnen nicht seinen alchymischen Prozeß. Im ersten Feuer seines
freudigen Enthusiasmus bracht er in Vorschlag, augenblicks die wohltätige
Mutter Drude wieder aufzusuchen, die ihre kleinen Neckereien
so edelmütig vergütet hatte, sich ihr zu Füßen zu werfen und ihr zu
danken. Ein gleichmäßiger Trieb beseelte sie alle, geschwind rafften sie
ihre Habseligkeiten zusammen und trabten frisch den Weg zurück, wo
sie hergekommen waren. Aber entweder wurden ihre Augen gehalten
oder die Weindünste führten sie irre, oder die Mutter Drude verbaten
sich geflissentlich vor ihnen: genug, es war nicht möglich, die Grotte
wiederzufinden, ob sie gleich die Pyrenäen fleißig durchkreuzten und
die abenteuerlichen Gebirge schon im Rücken hatten, ehe sie merkten,
daß sie irregegangen wären und sich auf der Heerstraße nach dem
Königreich Leon befänden.
Nach einer gemeinschaftlichen Konsultation wurde beschlossen, diese
Marschroute zu verfolgen und allgemach der Nase weiter nachzugehen.
Das glückliche Kleeblatt der Knappen sah nun wohl, daß sie sich im
Besitz der wünschenswertesten Dinge befanden, die, wenn sie auch
nicht geradezu das größte Erdenglück gewährten, doch die Grundlage
zur Erreichung jedes Wunsches enthielten. Der alte lederne Däumling,
so unscheinbar er war, hatte alle Eigenschaften des berufenen Ringes,
welchen Gyges ehemals besaß; der verrostete Pfennig war so gut und
brauchbar wie der Säckel des Fortunatus, und dem Tellertuch war
außer der ursprünglichen Gabe noch nebenher der Segen jener berühmten
Wunderflasche des heiligen Remigius verliehen. Um sich des
wechselseitigen Genusses dieser herrlichen Geschenke bedürfenden
Falls zu versichern, machten die drei Gesellen einen Bund, sich nie voneinander
zu trennen und ihre Güter gemeinschaftlich zu gebrauchen.
Indessen rühmte jeder, nach der gewöhnlichen Vorliebe für sein Eigentum,
seine Gabe als die vorzüglichste, bis der weise Sarron bewies, daß
sein Däumling alle Vollkommenheiten der übrigen Wunderspenden in
sich vereinige. »Mir«, sprach er, »steht in den Häusern der Prasser Küch
und Keller offen, ich genieße des Vorrechts der Stubenfliegen, mit dem
König aus einer Schüssel zu speisen, ohne daß er mir's wehren kann;
auch den Geldkasten der Reichen zu leeren und selbst die Schätze aus
Jndostan mir anzueignen, steht in meiner Macht, wenn ich mir den Weg
dahin nicht verdrießen lasse.«
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Unter diesen Gesprächen langten sie zu Astorga an, wo König Garsias
von Suprarbien hofhielt, nachdem er mit der Prinzessin Urraca von
Aragonien, die ihre Schönheit ebenso berühmt gemacht hat wie ihre
Koketterie, sich vermählt hatte. Der Hof war glänzend, und die Königin
schien die lebendige Musterkarte ihrer Residenz zu sein, an der man
alles, was die Eitelkeit zum Prunk der Damen erfand, übersehen
konnte. In den pyrenäischen Wüsteneien waren die Begierden und Leidenschaften
der drei Wanderer eng begrenzt und mäßig. Sie begnügten
sich an der Gabe des Tellertüchleins; wo sie einen schattenreichen
Baum fanden, breiteten sie es aus und hielten offene Tafel. Sechs Mahlzeiten
des Tages war das wenigste, und es gab keinen Leckerbissen
mehr, den sie sich nicht auftischen ließen. Wie sie aber in die Königsstadt
einzogen, erwachten in ihrer Brust tobende Leidenschaften. Sie
machten große Projekte, sich durch ihre Talente vorzustreben und aus
dem Knappenpöbel in den Herrenstand hinaufzuschwingen. Unglücklicherweise
sahen sie die schöne Urraca, deren Reize sie so bezauberten,
daß sie den Anschlag faßten, bei dieser Prinzessin ihr Heil zu versuchen,
um sich für das Abenteuer in der Drudenhöhle zu entschädigen.
Sie merkten nicht sobald einander ihre Sympathien ab, so erwachte in
ihren Herzen eine nagende Eifersucht, das Band der Eintracht wurde
zerrissen, und wie überhaupt drei Glückliche schwerlich unter einem
Dache zusammen hausen können, denn die Eintracht ist die Tochter
wechselseitiger Bedürfnisse: so zerfiel die Konföderation mit einemmal,
die Erbverbrüderten trennten sich und gelobten einander nur das
einzige, ihr Geheimnis nicht zu verraten.
Andiol setzte, um seinen Nebenbuhlern zuvorzukommen, seinen
Taschenprägstock alsbald in Bewegung, verschloß sich in eine einsame
Kammer und ermüdete nicht, den kupfernen Pfennig umzuwenden,
um den Säckel mit Goldstücken anzufüllen. Sobald er bei Kasse war,
staffierte er sich als ein stattlicher Ritter heraus, erschien bei Hofe,
nahm Bestallung und zog bald durch seine Pracht die Augen von ganz
Astorga auf sich. Die Neugierigen forschten nach seiner Herkunft, aber
er beobachtete über diesen Punkt ein geheimnisvolles Stillschweigen
und ließ die Klügler raten; doch widersprach er nicht dem Gerüchte,
welches ihn für einen Sprossen aus Karl des Großen wilder Ehe ausgab,
und nannte sich Childerich, den Sohn der Liebe. Die Königin entdeckte
vermöge ihres Scharfblicks diesen Trabanten, der in dem Wirbel ihrer
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Zauberreize seine Bahn beschrieb, mit Vergnügen und verabsäumte
nicht, ihre anziehende Kraft auf ihn wirken zu lassen, und Freund
Andiol, dem in den höheren Regionen der Liebe noch alles neu und
fremd war, schwamm in dem Strom des Äthers, der ihn fortriß, wie eine
leichte Seifenblase dahin. Die Koketterie der schönen Urraca war nicht
ganz Temperament oder Stolz, auf den Faden ihrer Eitelkeit nur Herzen
anzureihen, um mit dieser blendenden Garnitur, die in den Augen
der Damen sonst wohl ihren Wert haben mag, zu paradieren. Der
Eigennutz, ihre Paladins zu plündern, und das boshafte Vergnügen, sie
hernach zu verhöhnen, hatte an ihren Intrigen großen Anteil. Ob sie
gleich einen Thron besaß, so strebte sie doch, alles zu haben, worauf
die Menschen einen Wert legen, wenn sie auch weiter keinen Gebrauch
davon zu machen wußte. Ihre Gunst wurde nur um den höchsten Preis
verliehen, welchen die betörten Champions darauf zu setzen vermochten;
sobald ein verliebter Duns geplündert war, erhielt er mit höhnender
Verachtung den Abschied. Von diesen Opfern einer unglücklichen
Leidenschaft, die den Honigseim des Genusses mit bittrer Reue vergällte,
wußte Frau Fama im ganzen Königreich Suprarbien viel zu erzählen.
Dem ungeachtet fehlte es nicht an dummdreisten Motten, die
um das verderbliche Licht flogen, in dessen Flamme sie ihren Untergang
fanden.
Sobald Krösus Andiol von der raubsüchtigen Königin gewittert wurde,
nahm sie sich vor, seiner als eines sinesischen Apfels sich zu bedienen,
den man ganz ausschalt, um des süßen Marks zu genießen. Die Sage
von seiner illustern Abkunft und der große Aufwand, den er machte,
gaben ihm bei Hofe so viel Gewicht und Ansehen, daß auch den scharfsichtigsten
Augen durch diese glänzende Hülse der Schildknappe nicht
durchschien, obgleich seine handfesten Sitten die vormalige Troßgenossenschaft
oft verrieten. Diese Anomalien der feinem Lebensart
kursierten am Hofe vielmehr für baren Originalgeist und Charakterzüge
eines Kraftgenies. Es gelang ihm, unter den Günstlingen der
Königin den ersten Platz zu erhalten, und um ihn zu behaupten,
scheute er weder Mühe noch Kosten. Täglich gab er prächtige Feten,
Turniere, Ringeirennen, königliche Gastmahle, fischte mit goldenen
Netzen und würde, wie der Verschwender Heliogabal, die Königin in
einem See von Rosenwasser oder Lavendelgeist herumgeschifft haben,
wenn sie die römische Geschichte studiert hätte oder von selbst auf diesen
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sinnreichen Einfall gekommen wär. Indessen fehlte es ihr nicht an
ähnlichen Ideen. Bei einer Jagdpartie, die ihr Favorit verantstaltet hatte,
äußerte sie den Wunsch, den ganzen Wald in einen herrlichen Park mit
Grotten, Fischteichen, Kaskaden, Springbrunnen, Bädern von panschem
Marmor, Palästen, Lusthäusern und Kolonnaden umgeschaffen
zusehen, und den Tag darauf waren vieltausend Hände geschäftig, den
großen Plan auszuführen und das Ideal der Königin womöglich noch
zu verschönern. Wenn das lange so fortgedauert hätte, würde das ganze
Königreich umgeformt worden sein; wo ein Berg stund, wollte sie eine
Ebene haben, wo der Landmann ackerte, wollte sie fischen, und wo
Gondeln schwammen, wünschte sie Karussell zu reiten. Der kupferne
Pfennig ermüdete so wenig, Goldpfennige auszubrüten, wie die erfindsame
Dame, solche durchzubringen. Ihr einziges Bestreben war,
den hartnäckigen Verschwender mürbe zu machen und ihn zugrunde
zu richten, um seiner loszuwerden.
Indes Andiol am Hofe sich auf eine so glänzende Art produzierte, mästete
sich der träge Amarin von den Wohltaten seines Tellertuchs. Doch
verleideten ihm Neid und Eifersucht gar bald den Hochgeschmack seiner
Tafel. »Bin ich nicht ebensowohl«, dachte er, »Ritter Rolands
Knappe gewesen wie Andiol, der stolze Prasser? Und ist die Mutter
Drude nicht auch in meinen Armen erwarmt? Gleichwohl hat sie ihre
Gaben so ungleich ausgeteilt: er hat alles, und ich habe nichts! Ich darbe
im Überfluß, habe kein Hemd auf dem Leibe und keinen Heller im
Säckel; er lebt prächtiger als ein Prinz, glänzt am Hofe und ist der
Günstling der schönen Urraca.«Unwillig nahm er sein Tellertuch zusammen,
steckt's in die Tasche und ging auf den Marktplatz promenieren,
als eben der Mundkoch des Königs öffentlich ausgestäupt wurde,
weil er durch eine schlecht zugerichtete Mahlzeit dem Monarchen eine
starke Indigestion zugezogen hatte. Wie Amarin diese Geschichte erfuhr,
fiel ihm auf, und er dachte bei sich selbst: in einem Lande, wo man
Küchenversehen streng ahndet, werden ohne Zweifel auch Küchenverdienste
hoch belohnt. Stehenden Fußes ging er in die Hofküche, gab
sich für einen reisenden Koch aus, der Dienste suche, und verhieß, in
Zeit von einer Stunde das Probestück zu liefern, welches man von ihm
fordern würde.
Das Küchendepartement wurde am Hofe zu Astorga, wie billig, für
eins der wichtigsten erkannt, welches auf das Wohl oder Weh des Staates
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zunächst Einfluß habe. Denn die gute oder böse Laune des Regenten
und seiner Minister hängt doch größtenteils von der guten oder
schlechten Dauungskraft des Magens ab, und daß diese durch die chymische
Operation der Küche befördert oder gehindert werde, ist eine
bekannte Sache. Nun aber hat der weiseste der Könige in seinen Sprüchen,
vermutlich aus eigner Erfahrung, gelehrt, daß ein grimmiger Leu
minder furchtbar sei als ein übelhumorisierter König; darum war es ein
höchst vernünftiger Grundsatz, mit der Wahl des Mundkochs sorgfältiger
zu Werk zu gehen als mit der Wahl des Ministers. Amarin, dessen
Außenseite ihn eben nicht empfahl, denn er hatte völlig das Ansehen
eines Vagabunden, mußte seine ganze Beredsamkeit, das ist das Talent
der Windbeutelei, annehmen, um unter die Aspiranten der Kochsbestallung
aufgenommen zu werden. Nur die Dreistigkeit und Zuverlässigkeit,
mit welcher er von seiner Kunst sprach, bewogen den Speisemeister,
ihm ein cochon farci en haut gout, an welcher Zurichtung die
Kunst der erfahrensten Köche oft gescheitert war, zur Probe aufzugeben.
Als er die Ingredienzen dazu fordern sollte, verriet er eine so grobe
Unwissenheit in der Wahl derselben, daß sich die ganze Küchengilde
des Lachens nicht enthalten konnte. Er ließ sich durch dies all nicht beirren,
verschloß sich in eine abgesonderte Küche, schürte zum Schein
großes Feuer an, deckte indes ganz in der Stille sein Tellertuch auf und
begehrte das verlangte Probestück meisterlich zugerichtet. Augenblicklich
erschien das leckere Gericht in der gewöhnlichen antiken
Majolika. Er nahm's und richtete es zierlich auf einer silbernen Schüssel
an und übergab's dem Oberschmecker zur Prüfung, der mit Mißtrauen
ein wenig auf die Zunge nahm, um die feinen Organe seines Gaumens
nicht durch eine so verpfuschte Speise zu verletzen. Allein zu seiner
Verwunderung fand er das Farci köstlich und erkannte es würdig, auf
die königliche Tafel aufgetragen zu werden.
Der König bezeigte seiner Indisposition halber wenig Eßlust, doch
kaum düftete ihm das herrliche Farci Wohlgeruch entgegen, so klärte
sich seine Stirn auf, und der Horizont derselben deutete auf gut Wetter.
Er begehrte davon zu kosten, leerte einen Teller nach dem anderen ab
und würde das ganze Spanferkel aufgezehrt haben, wenn nicht eine
Anwandlung von Wohlwollen gegen seine Gemahlin ihn bewogen
hätte, einige Überbleibsel davon ihr zu senden.
Die Lebensgeister des Monarchen waren durch die gute Mahlzeit so
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angefrischt und wirksam und Se. Majestät fanden sich nach der Tafel
so wohlgemut, daß Sie geruhten, mit dem Minister zu arbeiten und sogar
aus eigner Bewegung die dornigen Geschäfte von der langen Bank
vorzunehmen. Das herrliche Triebrad dieser so glücklichen Revolution
wurde nicht vergessen. Dem kunsterfahrnen Amarin wurden prächtige
Kleider angetan, man führte ihn aus der Küche vor den Thron, und
nach einem langen Panegyrikus seiner Talente wurde er mit Feldhauptmannsrang
zum ersten Mundkoch des Königs ernannt.
In kurzer Zeit erreichte sein Ruhm den höchsten Gipfel. Alle Leibgerichte
der übelberüchtigten römischen Sardanapalen aus dem Altertum,
welche der knausrige Zopf und der frugale Hilmar Curas in ihren historischen
Schulkompendien jenen alten Weltbeherrschern für Beweise
der ausgelassensten Verschwendung und wollüstigsten Schleckerei anrechnen,
die ihrer Meinung nach den Ruin des Reichs und der römischen
Finanzen nach sich gezogen haben sollten, dergleichen zum Beispiel
Krafttorten waren, mit gediegenen Goldkörnern bestreut,
Pasteten von Pfauenzungen, Krammetsvögelhirn, Rebhühnereier,
nach welchen Dingen heutzutage keinem feinen Züngler mehr lüstet,
nicht minder Frikassees von Hahnenkämmen, Karpenaugen, Barbenmäulern,
in welchen letztem, der alten Sage nach, eine Gräfin von Holland
ihre Grafschaft soll vernascht haben: alles das waren nur alltägliche
Gerichte, die der neue Apicius seinem Monarchen auftischte. An Galatagen
oder wenn er den königlichen Gaumen noch leckerhafter zu kitzeln
gutfand, vereinigte er oft die Seltenheiten aus allen drei Teilen der
damals bekannten Welt in einer einzigen Schüssel und schwang sich
durch diese Verdienste zu dem eminenten Posten eines königlichen
Oberküchenmeisters und endlich gar zum Majordomo empor.
Ein so glänzendes Meteor am Küchenhorizont beunruhigte das Herz
der Königin außerordentlich. Sie vermochte bisher alles über ihren
Gemahl und führte ihn am Gängelbande ihrer Willkür; aber nun befürchtete
sie, durch die unvermutete Favoritenschaft um Gewalt und
Ansehen zu kommen. Dem guten König Garsias war die freie Lebensart
seiner Gemahlin nicht verborgen; aber entweder besaß er so viel politisches
oder physisches Phlegma, daß er um des lieben Hausfriedens
willen oder aus körperlicher Indolenz nie an seine Stirn fühlte, und
wenn ihn je zuweilen eine grämliche Laune anwandelte, so griff ihn die
schlaue Donna von der schwachen Seite des Magens an und war so
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sinnreich in Erfindung schmackhafter Brühen und Ragouts, die auf seinen
Geist so mächtig wirkten, als wenn sie mit dem Wasser aus dem
Fluß Lethe wären eingekocht gewesen. Doch seit der Küchenrevolution,
die Amarins Tellertuch bewirkte, kam die Kochkunst der Königin
um alle Reputation. Sie hatte einigemal die Dreistigkeit gehabt, sich mit
dem Majordomo in einen Wettkampf einzulassen, aber allemal zu ihrem
Nachteil. Denn anstatt über Amarins Schüssel zu siegen, wurde die
ihrige gemeiniglich unversucht abgetragen und den Aufwärtern und
Tellerleckern preisgegeben. Ihr Schöpfungsgeist ermüdete in Zubereitung
köstlicher Speisen, Amarins Kunst konnte nicht anders als durch
sich selbst übertroffen werden. Unter so kritischen Konjunkturen
machte die Königin den Entwurf, auf das Herz des neuen Günstlings
ihres Gemahls einen Angriff zu wagen, um ihn durch die Liebe in ihr
Interesse zu ziehen. Sie berief ihn insgeheim zu sich, und durch die
Überredungskunst ihrer Reize gelang es ihr leicht, das von ihm zu erhalten,
was sie wünschte. Er verhieß ihr zu dem nächst bevorstehenden
Geburtstag des Königs eine Zurichtung von seiner Fasson, welche alles
übertreffen sollte, was jemals dem Sinne des Geschmacks geschmeichelt
hätte. Welche Belohnung für diese Gefälligkeit der Majordomo sich
ausbedungen, läßt sich jedoch leichter erraten als erzählen. Genug,
sooft die Königin mit Amarins Kalbe pflügte, behielt ihre Schüssel nach
dem Urteil des Königs und seiner Schranzen jederzeit den Preis.
Die beiden Wichte spielten nun am Hofe zu Astorga die ansehnlichsten
Rollen und strotzten mit unbändigem Stolz und Übermut nach Art
glücklicher Parvenüs einher. Ob sie das Schicksal nach ihrer Trennung
gleich wieder so nahe zusammengebracht hatte, daß sie aus einer Schüssel
aßen, aus einem Becher tranken und die Gunst der schönen Urraca
teilten, stellten sie sich doch ihrer Verabredung gemäß wildfremd gegeneinander
und ließen nichts von ihrer ehemaligen Kameradschaft
merken. Keiner von beiden wußte sich indessen zu erklären, wo der
weise Sarron hingeschwunden sei. Dieser hatte vermöge seines Däumlings
bisher das strengste Inkognito beobachtet und die Vorteile desselben
auf eine Art genossen, die zwar nicht in die Augen fiel, aber dem
ungeachtet ihm alle seine Wünsche gewährte.
Der Anblick der schönen Urraca hatte auf ihn eben den Eindruck gemacht
wie auf seine Spießgesellen. Seine Wünsche und Anschläge waren
die nämlichen, und weil es zur Ausführung derselben keiner
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Umständlichkeit bedurfte, so hatte er in Absicht der königlichen Liebschaft
bereits einen großen Vorsprung gewonnen, ehe seine Nebenbuhler
das mindeste davon ahndeten. Seit der Trennung umschwebte
der weise Sarron die beiden Konsorten unsichtbar und blieb nach wie
vor Amarins Tisch- und Andiols Taschengenoß; füllte den Magen mit
den Überbleibseln von der Tafel des einen und seinen Beutel unbemerkt
mit dem Überfluß des andern. Seine erste Sorge war, sich in ein
romantisches Gewand zu werfen, um seinen Plan auszuführen und die
schöne Königin in ihrer Schäferstunde zu beschleichen. Er kleidete sich
in himmelblauen Atlas mit rosenfarbenen Unterkleidern, in Form eines
arkadischen Schäfers, der in einem Maskensaal seine Herde weidet,
parfümierte sich durchaus und trat durch Hilfe seiner Wundergaben
ungesehen in der Königin Gemach, zur Zeit ihrer Siesta.
Der Anblick der schlafenden Schönheit im reizvollsten Negligé entflammte
seine Begierden so sehr, daß er sich nicht enthalten konnte,
einen feurigen Kuß auf ihre purpurfarbenen Lippen zu drücken, von
dessen Schnalzen die schlummernde Hofdame erwachte, deren Funktion
war, mit einem Fliegenwedel von Pfauenfedern ihrer Gebieterin
kühle Luft zuzufächeln und die geflügelten Insekten zu verscheuchen.
Die Prinzessin erweckte der herzhafte Kuß gleichfalls aus dem süßen
Schlafe, und sie fragte mit lüsterner Verschämtheit, wer im Zimmer sei,
der es wagen dürfe, einen Kuß auf ihren Mund zu drücken.
Die Hofdame setzte ihren Windfächer wieder in Bewegung, als wenn
sie immer munter gewesen wäre, versicherte, daß keine dritte Person
im Zimmer sei, und fügte die Vermutung hinzu, es müsse ein süßer
Traum Ihro Hoheit getäuscht haben. Die Prinzessin war ihrer Empfindung
viel zu gewiß und befahl dem aufwartenden Kammerfräulein,
außen im Vorsaal bei der Wache Nachfrage zu halten. Indem diese ihr
Taburet verließ, um dem Befehl Folge zu leisten, fing der Windfächer
an, sich zu bewegen und der Königin kühle Luft zuzuwehen, welche
Blütenduft und Ambragerüche ausatmete. Ober diese Erscheinung
kam der Königin Grausen und Entsetzen an, sie sprang von ihrem Sofa
auf und wollt entfliehen, fand sich aber von einer unsichtbaren Gewalt
zurückgehalten und vernahm eine Stimme, welche diese Worte ihr zuflüsterte:
»Schönste Sterbliche, fürchtet nichts, Ihr befindet Euch unter
dem Schutze des mächtigen Königs der Feen, Dämogorgon genannt.
Eure Reize haben mich aus den obern Regionen des Äthers in die drükkende
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Atmosphäre des Erdballs herabgezogen, Eurer Schönheit zu
huldigen.« Bei diesen Worten trat die Hofdame ins Zimmer, um von
ihrem Auftrag Rapport zu erstatten, sie wurde aber gleich wieder mit
Protest zurückgeschickt, weil ihre Gegenwart bei dieser geheimen
Audienz entbehrlich schien. Die schöne Urraca fand sich natürlich
durch einen solchen überirdischen Liebhaber ungemein geschmeichelt.
Sie ließ alle Farben der feinsten Koketterie spielen, um durch den bunten
Schimmer ihrer buhlerischen Reize den Beherrscher der Feen zu
blenden und sich eine so wichtige Eroberung zu sichern. Von der bescheidensten
Verlegenheit, die sie anfangs affektierte, ging sie zu den
wärmsten Gefühlen der aufkeimenden Leidenschaft über. Sie fing an,
den Druck der unsichtbaren Hand zu erwidern, darauf folgten
schmachtende halblaute Seufzer und ein innres Stöhnen, das den vollen
Busen bald hob, bald senkte, nur die zaubervollen schwarzen Augen
blieben untätig, weil sie kein Objekt fanden, darauf sie wirken konnten.
Dagegen ließ die liebreizende Königin ihren Witz so mächtig spielen,
daß Sir Dämogorgon Mühe hatte, seinen ätherischen Verstand bei
Ehren zu erhalten.
Die trauliche Zärtlichkeit der Liebenden wuchs mit jedem Augenblick,
die Königin beklagte nur, daß ihr ätherischer Liebhaber ein Wesen
ohne Körper sei, und schien der Körperwelt für die Geisterwelt ein
großes Prärogativ einzuräumen. »Habt Ihr«, sprach sie, »mir nicht eingestanden,
mächtiger Beherrscher des Luftkreises, daß Euch die körperlichen
Reize einer Sterblichen gefesselt haben? Aber was soll mein
Herz an Euch binden? Liebe ohne Sinnlichkeit, dünkt mich, sei ein
Unding.« Der Luftmonarch wußte darauf nichts zu antworten; denn
obgleich die platonische Liebe in den Luftregionen eigentlich haust und
hier der Ort gewesen wäre, durch diese beliebte Theorie sich aus der
Affäre zu ziehen, so war ihm doch weder Plato noch sein System bekannt.
Darum faßte er das Ding bei einem andern Ende an. »Wisset,
schöne Prinzessin«, sprach er, »daß es wohl in meiner Macht steht, mich
zu verkörpern und in Menschengestalt mich Euren Augen darzustellen,
aber eine solche Erniedrigung ist unter meiner Würde.« Die schöne
Urraca ließ indessen nicht ab, diese Aufopferung so dringend zu begehren,
daß der verliebte Feenkönig ihrem Verlangen nicht widerstehen
konnte. Er willigte dem Anschein nach ungern ein, und die Phantasie
der Prinzessin schob ihr das Bild des schönsten Mannes vor, den sie
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mit gespannter Erwartung zu erblicken vermeinte. Aber welcher Kontrast
zwischen Original und Ideal, da nichts als ein gewöhnliches Alltagsgesicht
zum Vorschein kam, einer von den gewöhnlichen Menschen,
dessen Physiognomie weder Genieblick noch empfindsamen
Geist verriet! Der angebliche Feenprinz hatte in seiner arkadischen
Schäfertracht völlig das Ansehn eines flämischen Bauern nach van Dyks
Komposition. Die Königin verbarg ihre Verwunderung über diese bizarre
Erscheinung so gut sie konnte und beruhigte sich vorderhand damit,
daß der stolze Luftgeist des zudringlichen Begehrens halber, sich
zu verkörpern, ihrer Sinnlichkeit vermutlich eine kleine Pönitenz habe
auferlegen wollen und daß er bei einer anderweitigen Erscheinung sich
schon veradonisieren werde.
Die erste Entrevue endigte sich also, im ganzen genommen, zur Zufriedenheit
beider Teile. Es wurden neue Zusammenkünfte verabredet,
welche der weise Sarron nicht verabsäumte und sich durch die Umarmungen
der reizenden Buhlschaft für die Abenteuer in der Drudenhöhle
allgenugsam entschädigte. Vielleicht wäre er jedoch ohne die
Gabe der Unsichtbarkeit glücklicher gewesen als mit derselben. Unerkannterweise
folgte er seiner Dame wie ihr Schatten, und da konnte es
nicht fehlen, Entdeckungen zu machen, die einem Liebhaber eben nicht
behagen. Er fand, daß die gefällige Prinzessin ihre Gunstbezeugungen
auf Koch und Kämmerling wie auf den Feenherrscher mit gleichmäßiger
Freigebigkeit ausspendete, und diese fatale Kollision mit den vormaligen
Zeltkameraden, die so gut akkreditiert waren wie er selbst, erzeugte
in seinem Herzen eine peinigende Eifersucht. Er sann auf Mittel,
die Nebenbuhler auszubeißen, und fand zufälligerweise Gelegenheit,
seinen Groll an dem Dummkopf Amarin auszulassen.
Bei einem Gastmahle, womit die Königin ihren Gemahl und den ganzen
Hof regalierte, wurde eine verdeckte Schüssel aufgetragen, für welche
König Garsias seinen rüstigen Appetit ganz aufsparte. Denn ob sie
gleich das Tellertuch hergezaubert hatte, so kursierte sie doch unter der
Firma der Königin, und der Oberküchenmeister beteuerte hoch, daß
die Kochkunst von Ihro Hoheit die seinige diesmal so weit übertroffen,
daß er, um seine Reputation nicht aufs Spiel zu setzten, sein gewöhnliches
Kontingent zum Tafelaufsatz zurückbehalten habe. Diese
Schmeichelei ging der Königin so glatt ein, daß sie solche dem Majordomo
mit dem zärtlichsten bedeutsamsten Blicke bezahlte, welcher
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dem unsichtbar auflauernden Sarron durchs Herz schnitt. »Schon gut!«
sprach er unwillig zu sich selbst, »ihr sollt alle nichts davon schmecken.«
Als der Vorschneider die Schüssel aushob und die Glocke abdeckte,
verschwand zum Erstaunen aller umstehenden Hofdiener die darinnen
verborgene Schleckerei, und die Schüssel war leer und ledig. Es erhob
sich unter der Dienerschaft groß Flüstern und Gemurmel, der Vorschneider
ließ vor Schrecken das Messer zur Erde fallen und sagt's an
dem Speisemeister. Dieser lief zum Oberschmecker und hinterbrachte
ihm die Hiobspost, der nicht säumte, sie seinem Chef ins Ohr zu spedieren.
Darauf erhob sich der Majordomo mit ernsthafter Amtsmiene
von seinem Platz und raunte der Königin die traurige Kunde ins Ohr,
welche darüber leichenblaß ward und Schlagwasser begehrte. Der
König harrte indes mit großer Begierde dem Kredenzer entgegen, der
ihm den sehnlich erwarteten Leckerbissen auftragen sollte. Er sah bald
zur Rechten, bald zur Linken nach dem Teller, der da kommen sollte.
Da er aber die Bestürzung der Hofdiener wahrnahm und wie alles in
Verwirrung durcheinanderlief, frug er, was das sei, und die Königin
faßte sich ein Herz und eröffnete ihm mit wehmütiger Gebärde, es habe
sich ein Unfall ereignet, daß ihre Schüssel nicht serviert werden könne.
Ober diese unangenehme Botschaft ergrimmte der hungrige Monarch,
wie leicht zu erachten, gar sehr in seinem Herzen, schob mit Unmut
den Stuhl und begab sich in seine Appartement, bei welchem eilfertigen
Rückzuge sich jedermann wahrte, ihm in den Weg zu treten. Die
Königin weilte auch nicht lange im Speisesaal und begab sich in ihr
Gemach, daselbst über den armen Amarin den Stab zu brechen.
Augenblicklich ließ sie den bestürzten Majordomo, der sich von seinem
Schrecken über die verschwundene Speise und den darüber geäußerten
Unwillen des Königs noch nicht erholt hatte, vor sich bescheiden, und
als er de- und wehmütig der zornigen Gebieterin sich zu Füßen legte,
redete sie ihn emphatisch mit diesen Worten an: »Undankbarer Verräter,
achtest du die Gunstbezeigungen einer Königin so gering, daß du
es wagen darfst, den Unwillen ihres Gemahls gegen sie zu reizen und
sie dem Gelächter des Hofgesindes auszusetzen? Ist dein Ehrgeiz so
unbegrenzt, daß du mir für den höchsten Preis den kleinen Ruhm mißgönnst,
des Königs Tafel mit der niedlichsten Speise zu besetzen? Reute
dich dein Versprechen, auf mein Geheiß das herrlichste Schaugericht
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herzuzaubern, daß du es verschwinden ließest, da ich im Begriffe war,
Lob und Beifall dafür einzuernten? Offenbare mir flugs das Geheimnis
deiner Kunst oder erwarte den Lohn der Zauberei auf dem
Scheiterhaufen, wo du morgenden Tages bei langsamem Feuer braten
sollst.«
Dieser strenge Bescheid engte dem zaghaften Tropf dergestalt das Herz
ein, daß er der Rache der Königin nicht anders zu entrinnen glaubte
als durch ein aufrichtiges Geständnis der Beschaffenheit seiner Kochkunst.
Da nun seine geschwätzige Zunge einmal im Gange war und er
überdies der aufgebrachten Dame den Verdacht zu nehmen wünschte,
daß er das köstliche Ragout neidisch habe verschwinden lassen, verschwieg
er weder die Abenteuer in den Pyrenäen noch auch die Spenden
der Mutter Drude.
Durch diese getreue Erzählung gelangte die Königin auf einmal zu der
längst gewünschten genauen Kundschaft ihrer drei Favoriten und ward
augenblicks Sinnes, sich der magischen Geheimnisse derselben zu bemächtigen.
Sobald der unbedachtsame Schwätzer ausgeschwatzt und
seiner Meinung nach sich hinlänglich gerechtfertigt hatte, nahm sie das
Wort und sprach mit verächtlicher Miene: »Elender Tropf! meinst du
mit einer armseligen Lüge dich zu retten und mich zu täuschen? Laß
mich die Wunder deines Tellertuchs sehen oder fürchte meine Rache.«
Amarin war so willig als schuldig, diesem kategorischen Befehl Folge
zu leisten. Er zog sein Tellertuch hervor, breitete es aus und frug, was
er der Königin auftischen solle; sie begehrte eine reife Muskatennuß in
der frischen Schale.
Amarin gebot dem dienstbaren Geiste des Tüchleins, die Majolika erschien,
und die Königin empfing die reife Muskatennuß in der Schale
an dem grünen Zweige, welchen ihr Amarin ehrerbietig auf den Knien
zu ihrer Verwunderung darreichte. Doch anstatt darnach zu greifen,
erfaßte sie das magische Tellertuch und warf's in eine offene Truhe, die
sie hurtig verschloß. Ohnmächtig sank der betrogene Majordomo zu
Boden, da er den Verlust seiner zeitlichen Glückseligkeit vor Augen
sah. Die schlaue Räuberin aber tat einen lauten Schrei, und als ihre Diener
hereintraten, sprach sie: »Dieser Mann ist mit der fallenden Sucht
behaftet, pfleget sein, doch laßt ihn nie wieder zu mir hereintreten, daß
er mir keinen zweiten Schrecken mache.«
Dämischerweise hatte der kluge Sarron bei all seiner Klugheit sich diesmal
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schlecht vorgesehen, da er seinem Kompan einen hämischen Possen
zu spielen gedachte. Aus Schadenfreude verschlang er gierig die geraubte
Schleckerei, dachte nicht an die goldne Regel, die drei weise
Nationen wegen ihrer Brauchbarkeit so kurz und rund in drei Worte
eingeschlossen haben, und empfand Obelsein und Magendrücken. Aus
Furcht, sichtbare Beweise seiner Unsichtbarkeit im Tafelgemach zurückzulassen,
suchte er das Freie und promenierte im Park, um durch
die Bewegung die Ladung des Magens in einen engem Raum zu drängen.
Er konnte die Königin also diesmal nicht in ihr Gemach begleiten,
sie hatte ihn aber am Tage vorher zu einer partie fine auf den Abend
eingeladen, wo er auch nicht verabsäumte, sich einzufinden.
Die Königin war ungemein bei Laune, auch so zärtlich und liebreizend
wie eine Grazie, daß Freund Dämogorgon im süßen Taumel der Lüste
dahinschwand. In dieser Verzückung reichte ihm die schlaue Buhlerin
eine Nektarschale hin, die sie selbst kredenzte und deren Genuß ihn
bald in süßen Schlummer wiegte, denn es war ein wirksamer Schlaftrunk
darin verborgen. Sobald er laut zu schnarchen begann, bemächtigte
sich die arglistige Räuberin des Däumlings der Unsichtbarkeit,
ließ den Luftmonarchen durch ihre Diener forttransportieren und in
einem Winkel der Stadt auf die freie Straße legen, wo er auf dem Steinpflaster
den narkotischen Taumel ausschnarchte. Der Königin kam vor
Freude kein Schlaf in die Augen, ihr Dichten und Denken war nur darauf
gerichtet, auch das dritte magische Kleinod zu erhaschen.
Kaum vergüldete der erste Morgenstrahl die Zinnen des königlichen
Palastes zu Astorga, so schellte die rastlose Dame ihren Zofen und
sprach: »Sendet Botschaft an Childerich, den Sohn der Liebe, daß er
mich frühe zur Messe geleite und diese Gunst mit einem reichen Opfer
für die Armen löse.« Der verzärtelte Günstling des Glücks und der
schönen Urraca wälzte sich noch auf dem weichen Lager, gähnte hoch
auf, da er diese ehrsame Botschaft empfing, aber ließ sich dennoch von
seinen Kammerdienern halb schlaftrunken ankleiden und verfügte sich
nach Hofe, wo ihm der Kämmerling der Königin ein scheel Gesicht
machte, daß ihm die Ehre widerfahren sollte, sein Stellvertreter zu sein.
Mit andächtigem Pomp ging der Zug diesmal in die Domkirche, wo der
Erzbischof mit seinen Chorherrn ein feierliches Hochamt hielt. Das
Volk hatte sich in großer Anzahl bereits versammelt, die herrliche Prozession
zu begaffen. Die schöne Urraca und noch mehr die reiche
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Schleppe ihres Kleides, von sechs Hofdamen ihr nachgetragen, erregte
allgemeine Bewunderung.
Eine Menge frecher Bettler, Lahme, Blinde, Krüppel, auf Krücken und
Stelzen, umringten den pompösen Kirchzug, verlegten der Königin
den Weg und flehten um Almosen, welche Andiol zur Rechten und
Linken aus seinem Säckel reichlich ausspendete. Ein blinder Greis
zeichnete sich durch seine Dreistigkeit, mit welcher er sich herzudrängte,
und durch sein bängliches Geschrei, womit er Wohltaten forderte,
vor seinen übrigen Konsorten aus. Er kam der Königin nicht von
der Seite, hielt unablässig seinen Hut auf und bat um eine milde Gabe.
Andiol warf ihm von Zeit zu Zeit ein Goldstück hinein, doch eh es der
Blinde fand, stahl es ihm flugs ein diebischer Nachbar weg, und er fing
seine Litanei von neuem an. Die Königin schien dieser unglückliche
Greis zu rühren, sie entriß behende ihrem Begleiter den Säckel und gab
ihn in die Hand des blinden Mannes. »Nimm hin«, sprach sie, »guter
Alter, den Segen, den dir ein edler Ritter durch mich mitteilt, und bete
für das Wohl seiner Seele.«
Andiol erschrak über diese königliche Freigebigkeit auf seine Kosten
dergestalt, daß er aus aller Fassung kam und mit der Hand eine Bewegung
machte, als wenn er den Säckel wiederhaschen wollte, über welche
scheinbare Filzigkeit das andächtige Gefolge der Königin in ein lautes
Gelächter ausbrach. Dadurch wurde seine Bestürzung nur noch größer,
gleichwohl trug er so viel Scheu, den Wohlstand zu beleidigen, daß er
die Königin am Arm in die Kathedrale geleitete und sein Herzeleid, so
gut er konnte, verbarg, bis die Messe gesungen war. Darauf forschte
er mit Fleiß nach dem Bettler und verhieß große Belohnung für eine
alte Gedenkmünze aus dem Säckel, die seinem Vorgeben nach ein seitnes
Kabinettstück sei. Aber niemand wußte zu sagen, wo der Bettler
hingeschwunden war; sobald der Säckel in seiner Hand war, verschwand
er und kam nicht mehr zum Vorschein. Eigentlich wäre der
sehende Blinde im Vorgemach der Königin zu erfragen gewesen, wo
er der Rückkehr derselben harrete, denn er war ihr Hofnarr, den sie
in einen blinden Bettler verkappt hatte, um sich des Heckpfennigs zu
bemächtigen, welchen sie zu ihrer großen Freude auch in dem Säckel
fand, den ihr Geschäftsträger treulich überantwortete.
Die arglistige Frau war nun durch ihre Künste im Besitz aller magischen
Kleinodien der drei Knappen, welche, untröstbar über ihren Verlust,
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stöhnten und jammerten und sich aus Verzweiflung Haar und Knebelbart
zerrauften. Sie aber triumphierte stolz über den guten Erfolg ihrer
Prellerei und kümmerte sich nicht weiter um das Schicksal der drei unglücklichen
Wichte.
Das erste, was sie begann, war eine Prüfung, ob die Wunderdinge ihre
produktive Kraft auch in der Hand der neuen Inhaberin äußern würden.
Der Versuch gelang nach Wunsch: das Tellertuch lieferte auf ihr
Geheiß seine Schüssel, der kupferne Pfennig gebar Dukaten, und unter
der Hülle des Däumlings ging sie ungesehen durch die Wache im Vorsaal,
in die Gemächer ihres Frauenzimmers. Mit frohem Herzklopfen
machte sie Entwürfe zu den glänzendsten Szenen, die sie auszuführen
gedachte, und die Lieblingsidee daraus war, sich in eine leibhafte Fee
zu verwandeln. Sie war sinnreich, ein neues System von der Natur dieser
rätselhaften Damen zu erfinden, deren genauere Kenntnis dem
Forschungsgeiste der Weltweisen selbst verborgen ist. Was ist eine Fee
anders, dachte sie, als die Besitzerin eines oder mehrerer magischen
Geheimnisse, wodurch sie die Wunder ausrichtet, die sie über das Los
der Sterblichen zu erheben scheinen; und kann ich nicht in Absicht dieser
verborgenen Kräfte mich als eine der ersten Feen qualifizieren? Der
einzige Wunsch blieb ihr übrig, einen Drachenwagen oder ein Gespann
Schmetterlinge zu besitzen, denn der Weg durch die freie Luft war ihr
vorderhand noch verschlossen. Doch schmeichelte sie sich, daß ihr auch
diese Prärogative nicht fehlen werde, wenn sie erst in den Feen konvent
aufgenommen wäre. Sie hoffte leicht eine gefällige Schwester zu finden,
welche ihr so eine luftige Equipage durch Tausch gegen eine ihrer
Wundergaben ablassen würde.
Nächtelang unterhielt sie sich mit dem angenehmen Gedankenspiel,
hübsche Jungen zu beschleichen, sie unsichtbarerweise zu necken, ihnen
zu liebkosen, den Kopf zu verrücken, durch Liebesqual sie zu peinigen
und statt der Nymphe sie entweder einen leeren Schatten greifen
zulassen oder nach Beschaffenheit der Umstände auch wohl ihre Wünsche
zu realisieren. Dennoch fühlte die neue Fee den Mangel eines wesentlichen
Bedürfnisses, ehe sie es wagen konnte, mit Anstand auf
Abenteuer auszugehen: es fehlt ihr noch an einer wohlgerüsteten
Feengarderobe. Mit dem frühesten Morgen, der auf eine durchgewachte
Nacht folgte, in der ihre warme Phantasie den sämtlichen Feenornat,
von der Schwungfeder an bis zum Absatz des niedlichen Schuhes,
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assortieret hatte, wurde die gesamte Schneiderzunft zu Astorga in
Arbeit gesetzt, als wenn die erste Maskerade daselbst hätte eröffnet
werden sollen oder die eigensinnigsten Theaterprinzessinnen bei einer
Opera Seria zu bedienen gewesen wären. Doch ehe diese Zurüstung zur
Vollkommenheit gedieh, trug sich etwas zu, worüber das ganze Königreich
Suprarbien, am meisten aber die schöne Urraca, in Erstaunen geriet.
Die lange Anstrengung des Geistes hatte die veridealisierte Königin in
einer Nacht endlich in Schlummer gewiegt, als sie durch eine martialische
Stimme plötzlich aufgeweckt wurde, welche ihr das furchtbarste
de par le roi in die Ohren gellte. Ein wachthabender Offizier gebot,
ohne Verzug ihm zu folgen. Die erschrockene Dame fiel aus den Wolken,
wußte nicht, was sie sagen oder denken sollte, fing an, mit dem
Kriegsmann zu verhandeln, der außer seiner gegenwärtigen Funktion
sonst gar eine leidliche Figur machte, weshalb ihm auch, im Vorbeigehen
gesagt, die Ehre eines Feenbesuchs zugedacht war. Nach einer vergeblichen
Appellation an die höchste Instanz merkte die Königin wohl,
daß sie der schwächere Teil sei und gehorchen müsse. »Des Königs
Wille ist mein Gebot«, sprach sie, »ich folge Euch.« Da sie das sagte,
ging sie zu ihrer Truhe, um ein Regentuch, wie sie vorgab, zum Schutz
gegen die Kälte überzuwerfen, in der Tat aber das Kunststück mit dem
Däumling zu praktizieren und urplötzlich zu verschwinden.
Allein der Hauptmann hatte strenge Ordre und war so unbescheiden,
der schönen Gefangenen diese kleine Bequemlichkeit zu versagen.
Weder Bitten noch Tränen vermochten etwas über den hartherzigen
Kriegsmann; er umfaßte sie mit seinem muskulösen Arm und schob sie
behend zum Zimmer hinaus, welches sogleich die Justiz in Beschlag
nahm und versiegeln ließ. Unten am Portal hielt eine Sänfte, von zwei
Maultieren getragen, in welcher die jammernde Königin im nachlässigsten
Negligé Platz nehmen mußte. Und nun ging der Zug beim Schein
der Windlichter still und trübselig wie eine Nachtleiche durch die einsamen
Straßen zum Tor hinaus, zwölf Meilweges in einer Strecke in ein
abgelegenes Kloster, ringsum hochvermauert, wo die in Tränen zerschmolzene
Gefangene in ein schauervolles Kämmerlein vierzig Klaftern
tief unter der Erde eingesperrt wurde.
König Garsias hatte seit dem unbehaglichen Fasttage, an welchem sein
Leibessen aus der Schüssel verschwunden war, so viel üble Laune gehabt,
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daß kein Auskommen mehr mit ihm war. Die eine Hälfte seiner
Minister und Hofdiener war in Ungnade gefallen, und die andere, die
gleiches Schicksal befürchtete, trachtete mit Fleiß darauf, diese spleenitischen
Anfälle eiligst wegzuschaffen. Der Leibarzt brachte zu diesem
Behuf ein Vomitiv in Vorschlag, der Kammerdiener eine Mätresse, der
Primas regni einen Bußtag, der General der Armee einen Kreuzzug gegen
die Sarazenen, der Oberjägermeister eine Jagdpartie, der Hofmarschall
eine Pastete von roten Rebhühnern im Geschmack des Majordomo;
denn was den letztem selbst betraf, so hatte er nach dem Verlust
seines Tellertuches sich verduftet wie das famose Schaugericht. Unter
diesen Palliativen behielt die Jagdpartie als ein Mittel der Zerstreuung,
womit die wenigste Schwierigkeit verbunden war, die Oberhand, wiewohl
sie das nicht leistete, was man sich davon versprach.
Der König konnte das verschwundene Meisterstück der Kochkunst
nicht verschmerzen und gab deutlich zu verstehen, er sei der Meinung,
daß es mit diesem Verschwinden nicht von rechten Dingen zugegangen
wäre, ja, er äußerte gegen seine Vertrauten von seiner Gemahlin selbst
den schlimmen Verdacht der Zauberei. Die Königin hatte bei Hofe eine
starke Gegenpartei; sobald ihre Widersacher merkten, unter welchem
Aspekt dem Humor des Königs jetzt die Beherrscherin seines Willens
erschien, verabsäumte der Geist der Kabale nicht, diese Gelegenheit zu
nutzen, sie zu verderben, und das gelang um so leichter, weil der Aufenthalt
des Königs auf einem Jagdschlosse die Talente des Tellertuchs,
das in Astorga gar leicht ein schmackhaftes Sühneopfer hätte liefern
können, unwirksam machte. Nachdem die Sache in einem Kabinettsrat
der Vertrauten reiflich war erwogen und von Läufer, Hofzwerg,
Schalksnarren, Kammerdiener, Leibarzt, und wer sonst noch das Ohr
des Monarchen hatte, der Fall der stolzen Königin war beschlossen
worden, berief der König einen geheimen Staatsrat zusammen, durch
welchen er die Sentenz des engem Ausschusses rechtskräftig bestätigen
ließ, worauf solche auch alsbald vollzogen wurde.
Eine Hofkommission war nun unermüdet beschäftigt, den Nachlaß
dieser unglücklichen Prinzessin zu durchstören, um Beweistümer der
Zauberei, irgendeinen Talisman, magische Charaktere, vielleicht auch
gar einen Kontrakt mit dem bösen Feinde oder eine Kopei davon aufzufinden.
Alles Geschmeide und andere Kostbarkeiten, desgleichen der
ganze Feenapparatus, wurde getreulich konsigniert, doch aller angewandten
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Mühe ungeachtet, konnte die blödsüchtige Justiz nichts entdecken,
was auf Zauberkünste eine Beziehung zu haben schien.
Das eigentliche corpus delicti, der Raub der rolandischen Knappschaft,
hatte ein so unverdächtiges und unbedeutendes Ansehen, daß man
diese Schätze der Magie nicht einmal würdigte zu inventieren. Das
köstliche Tellertuch, das durch öftern Gebrauch des ehemaligen Besitzers
etwas unscheinbar geworden war, diente dem unwissenden
Gerichtsschreiber zum Haderlappen, die schwarzen Fluten eines umgestoßenen
Tintenfasses damit aufzutrocknen. Der wunderbare
Däumling, das herrliche Vehikel der Unsichtbarkeit, und der reichhaltige
Kupferpfennig wurden als unnützer Plunder in den Kehricht geworfen.
Was aus der Königin Urraca in dem trübseligen Kloster, wohin
sie vierzig Klaftern tief unter die Erde exiliert war, geworden ist, ob
sie zu lebenslanger Pönitenz verurteilt wurde oder jemals wieder das
Tageslicht erblickt hat, desgleichen ob die drei magischen Geheimnisse
durch Moder, Rost und Verwesung zerstört sind oder von einer glücklichen
Hand dem Schutt- und Kehrichthaufen, dem alle Erdengüter
endlich zur Aufbewahrung anheimfallen, sind entrissen worden, darüber
beobachtet die alte Legende ein tiefes Stillschweigen.
Billig hätte das Glück einem darbenden Tugendhaften, der bei dem
Schweiße seiner Arbeit mit einer ausgehungerten Familie schmachtete
und nur Tränen hatte, wenn die jungen Raben nach Brot schrien, das
nahrhafte Tellertuch oder den wuchernden Pfennig in die Hände spielen
sollen, und einem abgezehrten, harmvollen Liebenden, dem Vätertyrannei
oder Mutterdespotismus sein Mädchen raubte und ins Kloster
stieß, hätte das Kleinod der Unsichtbarkeit sollen zuteil werden, um
seine Geliebte aus der strengen Klausur zu befreien und sich untrennbar
mit ihr zu einigen. Doch solche Anomalie von dem gewöhnlichen
Laufe der Dinge in dieser Unterwelt wäre zu sonderbar gewesen, um
sich wirklich zu begeben. Die wünschenswertesten Erdengüter befinden
sich gewöhnlich unter schlechter Administration, und der Eigen-Sinn
des Glücks versagt sie von jeher denen, die einen bescheidenen und
vernünftigen Gebrauch davon machen würden.
Nach dem Verlust aller Spenden der freigebigen Mutter Drude emigrierten
die geplünderten Inhaber derselben in aller Stille aus Astorga.
Amarin, der ohne sein Tellertuch der Funktion eines Oberküchenmeisters
nicht Genüge leisten konnte, strich sich zuerst, Andiol, der Sohn
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der Liebe, folgte ihm auf dem Fuße nach. Da ihm die große Leichtigkeit
seines Gelderwerbs die gewöhnliche Arbeitsscheu reicher Prasser gelehrt
hatte, so war er zu faul, seinen Pfennig nach dem Verhältnis seiner
Ausgabe umzuwenden, lebte auf Kredit und pflegte nur bei schlimmem
Wetter oder wenn er keine Lustpartie hatte, seine Kasse zu füllen. Jetzt
war er unvermögend, seine Gläubiger zu befriedigen. Er wechselte daher
sonder Verzug die Kleider und ging ihnen aus den Augen. Sobald
Sarron aus seinem Totenschlaf erwachte und merkte, daß er aufgehört
hatte, den Feenkönig zu spielen, schlich er sich mißmutig ins Quartier,
suchte seine alte Rüstung hervor und nahm den ersten besten Weg
gleichfalls zum Tor hinaus.
Der Zufall fügte es, daß die Rolandsche Knappschaft auf der Heerstraße
nach Kastilien wieder zusammentraf. Anstatt mit unnützen
Vorwürfen einander zu kränken, die ihren Zustand jetzt um nichts bessern
konnten, faßten sie sich mit philosophischer Gelassenheit in ihr
Schicksal. Die Gleichheit desselben und das unvermutete Zusammentreffen
erneuerte augenblicklich die alte Kameradschaft, und der weise
Sarron machte die Bemerkung, daß das Los der Freundschaft allein dem
goldnen Mittelstande zugefallen sei und sich schwerlich mit Glück und
großen Talenten vertrage.
Hierauf beschlossen die drei Konsorten einmütig, ihren Weg fortzusetzen,
unter kastilischen Fahnen ihrem ersten Berufe zu folgen und
Rolands Tod an den Sarazenen zu rächen. Sie befanden sich bald am
Ziel ihrer Wünsche, mitten im Getümmel des Schlachtfeldes. Ihr
Schwert trank Sarazenenblut, und mit Siegespalmen umlaubt, starben
sie insgesamt den Tod der Helden.
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LIEBESTREUE
Zwischen der Leine und der Weser war gelegen die Grafschaft
Hallermünd, vor alters eine der vornehmsten unter den sächsischen
Grafschaften. Sie lag, wie eine Perle in Gold oder wie das Honigmagazin
einer lieblichen Blume ringsum mit buntfarbigen Blättern geziert,
mitteninne zwischen vier anderen Grafschaften. Morgenwärts
grenzte sie mit der Grafschaft Poppenburg, abendwärts mit Schaumburg,
gegen Mittag mit Spiegelberg, gegen Mitternacht mit Kalenberg.
Unweit Eldagsen auf dem Burgwege, linker Hand bei dem Steigergrund,
sieht man noch Mauern und Gewölbe, welche Überbleibsel sind
der Ruinen des ehemals prächtigen und festen Residenzschlosses der
Grafen von Hallermünd.
Um die Zeit oder nicht lange nachher, als Herzog Heinrich der Löwe
nebst seinem Reisegefährten, dem getreuen Löwen, in einer Nacht den
berühmten Ritt von Palästina nach Braunschweig auf dem Rücken eines
dienstfertigen Dämons gemacht hatte und frisch und wohlgemut daselbst
angelangt war, lebte zu Hallermünd Graf Heinrich der Wackere
nebst seiner Gemahlin Jutta von Oldenburg, die als ein Muster der
Tugend und Schönheit von ihren Zeitgenossen gepriesen wurde und
alle die Talente und Vollkommenheiten vereint besaß, die der Verfasser
der Schattenrisse in einem dicken Hefte unter die ganze niedersächsische
Gemeinde jetztlebender berühmten schönen und biedern Damen
so weislich zu verteilen gewußt hat. Im Besitz eines solchen Kleinods
ihres Geschlechtes, schätzte sich Graf Heinrich mit Recht für den
glücklichsten Ehegemahl unter dem Monde und liebte die tugendsame
Jutta mit so unverbrüchlicher Treue wie Vater Adam die Mutter aller
Lebendigen in der Unschuldswelt des Paradieses, wo ihresgleichen
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nicht mehr zu finden war. Die edle Gräfin aber war ihrem Herrn auch
mit der zärtlichsten Liebe beigetan, die so rein und lauter war wie ein
hellgeschliffenes Spiegeiglas, das keine Quecksilbermasse im Hinterhalt
hat, wodurch es fremder Eindrücke und Gestalten empfänglich gemacht
wird.
Alle Neigungen und Wünsche des herrlichen Paares schmolzen in sanften
Sympathien ineinander, und wenn sie in den traulichen Stunden,
welche die Liebe den Ergießungen des Herzens geweiht hat, einander
ihre Gefühle entdeckten, entstund kein anderer Wettstreit unter ihnen
als der, ob das männliche oder weibliche Herz stärkerer und beständigerer
Flammen fähig sei. Und wie solche idealische Kontroversen leicht
ins Gebiet der Phantasie hinüberschlüpfen, so begnügten sich beide
nicht an dem gegenwärtigen Liebesgenuß.
Die Dauer des Lebens dünkte ihnen für den Umfang ihrer Glückseligkeit
allzu kurz und flüchtig; ihre liebsten Unterhaltungen betrafen gewöhnlich
sentimentalisch religiöse Betrachtungen über den Zustand
der Liebenden jenseits des Grabes. Aus einem Übermaß weiblicher
Zärtlichkeit beteuerte die Gräfin oftmals ihrem Gemahl, daß sie ohne
ihn die Freuden des Himmels selbst unvollkommen schmecken und die
Gesellschaft ihres Schutzengels für die Abgeschiedenheit von ihm ihr
keinen Ersatz würde leisten können. Ihre religiösen Begriffe von dem
zukünftigen Aufenthalte der Seelen schwebten zwischen Furcht und
Hoffnung; sie wußte nicht, ob sie den Sammelpiatz zur Wiedervereinigung
getreuer Liebe ins Fegefeuer oder in die Vorhöfe des Himmels
verlegen sollte; auch fielen ihr, bei der zahllosen Volksmenge im Schattenreiche,
noch mancherlei Zweifel über das Zurechtfragen und Wiederfinden
ein: denn es gibt nicht leicht seltsamere und verworrenere
Vorstellungen von der himmlischen Hierarchie als in dem weiblichen
Lehrbegriff von den zukünftigen Dingen.
»Ach«, sprach die Gräfin oftmals mit zärtlicher Wehmut, »wär's doch
im Rate der Wächter beschlossen, daß wir beide zu gleicher Stunde ins
dunkle Grab hinüberschlummerten und unsere so eng verflochtenen
Seelen ungetrennt dem Orte ihrer zukünftigen Bestimmung zueilen
möchten, damit sie keinen Augenblick die Wonne des wechselseitigen
Genusses entbehren dürften!«der Graf stimmte zwar diesem Wunsche
bei, doch waren seine Vermutungen, was die zukünftige Wiedervereinigung
betraf, minder ängstlich. Seiner Theorie nach war die himmlische
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Polizei in ganz guter Ordnung; als ein Kriegsmann verglich er den
Aufenthalt der abgeschiedenen Seelen einem wohlgeordneten Heerlager,
wo es leicht sei, sich zurechtzufinden; auch schien ihm die durch
den Unterschied der Lebensdauer erfolgende Trennung nur einer
Abwesenheit von einigen Tagen bei einer Reise über Land ähnlich zu
sein, wo die Hoffnung der Wiederkehr angenehm und die Erfüllung
dieser Erwartung erfreulich sei. Er vermaß sich hoch, auch in jener Welt
der Gesetze der Ritterschaft eingedenk zu sein und nicht eher zu rasten,
bis er seine Dame wiedergefunden hätte, wenn er auch den unermeßnen
Raum des Himmels mehrmals durchkreuzen und sie unter unzählbaren
Schattengestalten heraussuchen sollte.
In dem Zimmer, wo dieses Gespräch vorfiel, war nach dem damaligen
Zeitgeschmack zur Verzierung der Vertäfelung ein Totentanz abgebildet.
Eine von diesen fürchterlichen Gruppen stellte ein zärtliches Paar
vor, in einer vertraulichen Konversation begriffen; Freund Hein trat
herein und forderte das Fräulein zum Vorreihen auf; der Liebhaber ließ
bei dem Anblick des Knochenjunkers den Arm, mit welchem er seine
Geliebte umschlossen zu haben schien, nachlässig sinken, zog sich von
ihr ab und umschlung mit dem andern eine ihm zur Seite sitzende
Dirne, in deren Busen er sein Angesicht verbarg.
»Sehet da, lieber Gemahl«, sprach die Gräfin, »ein Beispiel, wie sich
Männertreue artet! So wankelmütig liebt kein Weib. Sein Liebchen ist
noch nicht erkaltet, und schon ist die heilige Flamme in dem Herzen
ihres Ungetreuen verloschen. Ach, den Gedanken unwandelbarer
Liebe nimmt sie mit aus der Welt! Wenn ihr nun einst sein Schatten
mit einer andern vergesellschaftet begegnet, wird das nicht in den
Gefilden der Ruhe ihre Zufriedenheit stören?« Diese Idee wirkte so
lebhaft auf das empfindsame Herz der Gräfin, daß sie sich darüber in
der Seele betrübte und milde Zähren ihre rosenfarbenen Wangen überströmten.
Den frommen Gemahl rührte dieser Kummer der lieben
Schwärmerin innigst, darum tröstete er sie mit freundlichen Worten.
»Reine Liebe«, sprach er, »ist keinem Wechsel unterworfen, und zwei
vereinbarte Seelen vermag auch die große Kluft nicht zu scheiden, die
zwischen Himmel und Erde befestigt ist. Ein Gelübde wie das unsere
ist auch in jenem Leben unauflösbar und soll uns unverbrüchlich
binden. Und damit Ihr des Beweis und Zeugnis habt, verheiß ich Euch
auf mein Gewissen und bei ritterlichen Ehren, daß, wenn Ihr, Gott
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verhüt's! durch den Tod mir entnommen würdet, kein Gedanke einer
zweiten Liebe mir in den Sinn kommen soll, und eben das verseh ich
mich zu Euch, im Fall ich zuerst davonscheiden sollte. Ja, wenn die
Wiederkehr in diese Unterwelt nach dem Tode noch in meiner Gewalt
ist, soll mein bandenloser Geist unsers Bundes eingedenk sein und
Euch dessen erinnern. Schlagt ein, geliebtes Weib, daß er durch Herz
und Hand bestätigt werde ewiglich.«
Dieser Vorschlag paßte so fein zu den romantischen Begriffen, welche
sich die Gräfin aus den schwankenden Lehrmeinungen von dem
Zustande der Abgeschiedenen zusammengesetzt hatte, daß er ihr recht
aus dem Herzen genommen schien. Sie fand großen Trost und Beruhigung
in der Assekuranz ihrer Liebe in jenem Leben und entsagte bereitwillig
dem gewöhnlichen Ehereservat, wiederzunehmen, wenn der
Tod nimmt. Zum Wahrzeichen dieser Eheberedung schlung sie aus
zweifarbiger Seide, grün und schwarz, als der Farbe der Hoffnung und
der Trauer, einen unauflöslichen Liebesknoten, welches Symbol die
Hoffnung andeutete, daß der überlebende Teil den betrauerten in den
Gesinnungen unveränderter Liebe wiederfinden würde. Sie fertigte
davon ein doppeltes Exemplar, eins für ihren Gemahl, der es als Berlocke
an seine Grafenkette band, das andre für sich selbst, um es an das
goldne Herz zu schließen, das sich als ein Halsgeschmeide in ihrem
schönen Busen verbarg.
Bald darauf gab Graf Heinrich seiner Ritterschaft ein herrliches Gastmahl
und trieb mit seinen Gästen viel Kurzweil und groß Freudenspiel
nach seiner Gewohnheit, denn er liebte Pracht und Vergnügen. Die
Harfner und Geiger ließen sich wacker hören, und alles atmete in Hallermünd
Heiterkeit und Wonne. Eben wollte die zärtliche Jutta am
Arm ihres Herrn, zum fröhlichen Tanze gerüstet, den Ball eröffnen,
da langte ein Herold in der Burg an, der feierlich vor sich her trommeten
ließ und begehrte Gehör. Alsbald gebot der Graf der geräuschvollen
Kurzweil Stillstand, um zu vernehmen, was der ernste Mann im
Waffenrock für ein Anbringen habe. Die Gräfin entfärbte sich vor
Furcht und Beklommenheit ihres Herzens, die Botschaft des Herolds
dünkte ihr Eulengeschrei und Krähenruf zu sein, sie vermutete die
Ankündigung einer Fehde oder eine Ausforderung zum Zweikampf
für ihren lieben Herrn. Doch wie der Herold eingeführt wurde und sie
das Wappen ihres Hauses an seiner Brust erblickte, beruhigte sie sich
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einigermaßen. Der Botschafter aber neigte sich ehrbar gegen den Grafen
und hub seinen Spruch und Gruß also an: »Graf Gerhard von
Oldenburg, Euer Schwäher und erbverbrüderter Bundesfreund,
heischt und ladet Euch nach ritterlicher Sitte und Brauch, heut über drei
Tage ihm zu helfen und beizustehen mit Eurem starken Arm, auch Roß
und Mann, auf einer Kriegsfahrt gegen die Stedinger, die ihm abgesagt
haben. Ist der freundbrüderlichen Willfahrung seiner ziemlichen Bitte
gewärtig und bleibt Euch dafür mit gutem Willen zu allen geliebigen
Gegendiensten beigetan.«
Graf Heinrich bedachte sich nicht lange, dem Herold gewierige Antwort
zu erteilen, und entließ ihn wohlbeschenkt von sich. Bald darauf
verließ er selbst den Tanzsaal, und der Tempel der Freuden verwandelte
sich nun mit einemmal in eine kriegerische Rüstkammer, die sanften
Harmonien der Flötenspieler und Harfenschläger wechselten mit
dem fürchterlichen Geklirr der Waffen, und das Vergnügen wurde zum
Verdruß der flinken Tänzerinnen, die auf Eroberungen dachten, durch
die Dazwischenkunft des Herolds ebenso unangenehm und plötzlich
gestört als der große Ball zu Toulon durch die notorische Stuhlbataille.
Die Hofdiener, die vorher geschäftig waren, Torten und Pasteten in silbernen
Schüsseln und Wein in vergoldeten Pokalen aufzutragen, beeiferten
sich jetzt, die Rüstung ihres Herrn und seines Geschwaders aus
der Rüstkammer herbeizuschaffen. Der eine brachte den geschlossenen
Helm, der andere den ehernen Harnisch und die gelenken Beinschienen,
der dritte trug den stählernen Schild, der vierte den Speer und das
zweischneidige Ritterschwert. Die zärtliche Jutta schmückte selbst mit
zitternder Hand unter dem Beistand ihres Frauenzimmers den Federbusch
auf, der den Helm beschatten sollte, rot und schwarz, nach den
Tinkturen des Wappens ihres Gemahls. Hierauf ließ er sich von seinem
Knappen die Rüstung anlegen, und da die Morgenröte anbrach, befahl
er dem Stallmeister, sein stolzgezäumtes Kriegspferd vorzuführen, um
mit seinem Gefolge flugs aufzusitzen.
Ach, was für Wehklagen und Händeringen begann die schöne Gräfin,
da ihr trauter Gemahl sie liebreich umarmte und den herben
Abschiedskuß auf den reizenden Purpurmund drückte! Ihr Auge gebar
Tränen, die sich mildiglich über die holdseligen Wangen ergossen wie
die Himmelsquelle des Taus, der in der Morgenstunde auf die blühende
Flur herabträufelt. Arm in Arm geschlossen hing sie an seinen Lippen
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und wagte es nicht, das Lebewohl, dieses schauervolle Losungswort der
Trennung, auszusprechen. Vergebens suchte der Graf diese empfindsame
Szene abzukürzen und sich ihren schmerzvollen Empfindungen
zu entreißen; mit magnetischer Kraft zog sie ihn wieder an ihren klopfenden
Busen, bis ihr Geist sich gesammelt hatte und ihr Mund wieder
Worte gewann:
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»Ade, mein trauter Gemahl!« —
»Ade, du Herzgeliebte mein!« —
»Ade zu tausendmal!« —
»Werd' bald wieder bei dir sein.« —
»Ach, wann erfüllst du dies?« —
»Weiß das fürwahr nicht gewiß.« —
»Sag', wenn du hoffen läßt?« —
»Denk' wohl aufs Osterfest.« —
»Ach, wenn umarm' ich dich?« —
»Auf Pfingsten sicherlich.
Wiedersehn macht,
Daß man Scheiden nicht acht'.« |
Mit diesem wehmütigen Abschiedsgruße trennte sich das zärtliche
Ehepaar; der Graf spornte sein gepanzertes Roß aus aller Macht, um
draußen in der Frühlingsflur wieder freier zu atmen; der Kummer seiner
Gemahlin hatte ihm ganz das Herz eingeengt. Die Gräfin aber stieg
hinauf auf die Zinne des Schlosses und weinte ihrem Herrn nach, solang
sie seinen Federbusch in der Ferne vom Helm wehen sah. Drauf verschloß
sie sich in ihr Gemach, fastete und kasteiete sich und tat Gelübde
allen Heiligen und absonderlich dem Engel Raphael, daß er ihren
Herrn geleiten möchte wie vormals den jungen Tobias und ihn ebenso
wie diesen seinen Schutzgenossen sicher und ohne Gefährde in seine
Heimat zurückbrächte.
Die Gräfin hatte einen sehr schönen Pagen, Irwin genannt, der an Hoffesten
und wenn sie pflegte in die Kirche zu gehen, ihr die Schleppe
nachtrug, den ließ sie mit dem Grafen ziehen und band ihm ein, seinem
Herrn nie von der Seite zu weichen, ihn als ein treuer Waffenträger zu
begleiten, und wenn er von Kriegswut entflammt sein Leben aufs Spiel
setzen würde, ihn bescheidentlich zu erinnern, um der Liebe willen auf
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seine Erhaltung zu denken und nicht als ein kecker Glücksritter Gefahr
und Abenteuer zu suchen. Irwin war des Gebotes der schönen Frau
eingedenk, folgte dem Grafen wie sein Schatten, denn der wackere
Held hatte gelobt, den Ermahnungen des treuen Pagen Gehör zu geben,
soweit es Ehre und Ritterpflicht verstatte.
Träge und zaudernd reihten sich nach der Empfindung der Gräfin die
Tage der Abwesenheit aneinander; sie zählte jeden Stundenschlag.
Wenn die Sonne hinter die westlichen Gebirge hinabsank, tat's ihr
wohl, denn sie vermeinte, mit dem Ende jedes Tages dem Ziel ihrer
Wünsche um einen Schritt näher gekommen zu sein; aber der Fortgang
der Zeit gleicht einem Schwungrade, das, durch den Hauch sterblicher
Wünsche angeweht, keinen schnellem Umtrieb gewinnt, doch auch in
seinem gleichmäßigen Gange nicht gehemmt wird, wenn ein vorwitziger
Arm in die Speichen greift, es zurückzuhalten. Und so kam Ostern
heran, nicht eine Stunde früher und keine später, als das Zeitmaß es
verlangte, sosehr die gute Gräfin über die ungerechte Zögerung der
Tage sich beklagte.
Allein Graf Heinrich kam noch nicht zurück. Sie begann nun eine neue
Zeitrechnung von Ostern bis zum Pfingstfest. Fünfzig lange Tage waren
ihr noch bis dahin auszuharren, und fünfzig Tage sind eine Ewigkeit
für ein Herz voll ungeduldigen Verlangens. »Ach«, erseufzte sie,
»der Weinstock hat noch kein Auge gewonnen, der Wind saust über
den dürren Strauch, der rauhe Harz hüllt sich noch in seine Schneekappe
ein; und die Wälder sollen grünen, der Weinstock blühen und
der Harz sein Winterkleid ausgezogen haben, ehe mein Herr wiederkehrt!
Ach, Geliebter meiner Seele, wie lange weilst du ruhig unter den
Lorbeeren deiner Siege, indes ich Einsame in Gram und Sehnsucht verschmachte!
Unter diesen zärtlichen Klagen ward dennoch aus Abend und Morgen
immer ein Tag, der die Zahl von Fünfzigen kleinerte, und selbst der
Kummer der Gräfin und das Schweben ihres Geistes zwischen hoffnungsvoller
Erwartung und der Furcht einer nochmaligen Täuschung
töteten einen Teil der lang weilenden Zeit. Der Schnee zerfloß, die Rebe
schoß, es grünte der Wald, und in der Kirche wurde das veni creator
intoniert, jedoch Graf Heinrich kam noch immer nicht zurück.
Traurige Ahndungen durchschauerten die Seele der Bekümmerten, den
leichten, frohen Mut, der sonst so gern mit Schönheit und Jugend unter
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einem Dache haust, hatte die grämliche Sorge ganz verscheucht, die edle
Gräfin hing nur ängstlichen Gedanken nach. Sie sah nicht die schöne
Natur in ihrem reizenden Morgengewande, hörte nicht die schmelzenden
Melodien der Nachtigall, atmete nicht die würzhaften Blütendüfte,
und der bunte Flor ihres Blumengartens hatte keinen Reiz für sie. Ihr
betrübtes Auge war unbeweglich zur Erde gerichtet, und aus dem beklommenen
Busen drängten sich laute Seufzer empor. Ihre Jungfrauen
durften es nicht wagen, ihr Trost einzusprechen oder sie mit Gespräch
zu unterhalten, still und schweigend nahmen sie aber Anteil an den
Schmerzen ihrer Gebieterin durch heiße Zähren; oder wenn ja das tiefe
Stillschweigen unterbrochen wurde, so geschah es beim Morgengruße,
um die bedeutsamen Träume ihrer Herrschaft auszulegen, die zuweilen
nur vorbildlich, durch einen ausgefallenen Zahn oder eine Schnur Zahlperlen,
einen Todesfall und traurige Tränen weissagten; zuweilen geradezu
zwischen Gräbern und Totenbahren herumirrten, einen Sarg, mit
Schilden und Wappen behangen, oder einen standesgemäßen Leichenzug
vorbildeten.
Es ereignete sich sogar am hellen, lichten Tage in dem gräflichen Hause;
zur Zeit der Mittagsstunde, da die Hof dirnen ihrer Frau bei der Tafel
aufwarteten, gab's einen hellen Klang im Gemach, daß die Gräfin hoch
vom Stuhl aufschreckte, und als man zusah, was es sei, war auf dem
Schenktisch der gewöhnliche Trinkbecher des Grafen zersprungen von
oben bis unten, daß er in Stücken zerfiel. Alle Anwesenden erbleichten,
Bestürzung und Entsetzen war auf ihren Gesichtern zu lesen, die Gräfin
aber sprach: »Ach, daß es Gott und alle Heiligen erbarme! Das bedeutet
meinen Herrn; er ist dahin, tot ist er, kalt und tot!« Sie ließ sich
das auch von Stund an nicht mehr ausreden und tat nichts als weinen
und jammern.
Den dritten Tag darauf hatte sie ein sonderbares Vorgefühl, das sie sich
nicht zu erklären wußte. Eine geheime Ahndung sagte ihr, sie würde
Botschaft von ihrem Herrn empfangen. Darum stieg sie auf den hohen
Söller des Hauses und schaute fleißig nach der Straße, die der Graf genommen
hatte, als er davonzog. Und da sie die Augen aufhob, galoppierte
ein Reuter daher, wohl über Stock, wohl über Stein und über
Berg und Tal, und hinterdrein, bald in der Luft empor, bald unterwärts
der Erde nach, schwamm langgedehnt ein Schweif gleich einem Wimpel,
der am hohen Mast das Spiel der Winde ist. Schwarz war das Roß
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und schwarz der Reuter angetan; seines Pferdes schneller Gang zielte
auf das Schloß. Als er nun vor die Pforte kam, ach, da erkannte Jutta,
daß es Irwin war, in schwarze Trauer eingehüllt, und von dem runden
Hut schwebte ein langer Flor bis zu des Pferdes Huf herab.
»Ach, Irwin, lieber Page mein«, rief hochbetrübt die Gräfin ihm vom
hohen Söller zu, »welch eine Botschaft bringst du mir, sag an, wie
steht's um deinen Herrn?« Da erhob Irwin gar weinerlich seine
Stimme: »Oh, holde, zarte Frau, viel schlimm ist meine Botschaft, die
ich bringe, viel Tränen wird sie Euren schönen Augen kosten! Entreißt
den Blumenkranz den blonden Haaren und wandelt Euer rosenfarbenes
Gewand in schwarzen Boy und Flor! —Graf Heinrich ist dahin, eiskalt
und tot!«—»Oh, Unglücksverkünder!«rief die Gräfin aus, »o Botschaft
voll Jammer und Herzeleid!« Kaum hatte sie das gesagt, so
durchbebte ein kalter Schauer ihre Glieder, und Schatten des Todes
umnebelten alle ihre Sinnen, die Knie wankten, und sie sank ohnmächtig
den aufwartenden Dirnen in die Arme. Die ganze Grafschaft Hailermünd
ertönte von lauten Trauerklagen, da die Zeitung von des Grafen
Tod ins Land erscholl, welche der dumpfe Ton der Sterbeglocken
bestätigte, und die getreuen Hofdiener nebst allen Untertanen beweinten
unverstellt den Tod ihres guten Herrn.
Unter allen Leidenschaften scheint indessen das Schmerzgefühl am wenigsten
geneigt, das Leben zu zerstören, absonderlich bei dem tränenreichen
Geschlecht, das allen Kummer sich so leicht von Herzen weint.
Die tiefgebeugte Wittib unterlag also nicht ihren Schmerzen, sosehr sie
auch wünschte, des Leibes entledigt zu sein, damit ihr von Sehnsucht
beflügelter Geist den geliebten Schatten ihres Gemahls noch auf dem
Wege in die Ewigkeit einholen möchte. Doch diesmal war ihr Wunsch
vergebens; es wäre auch ungerecht gewesen, wenn ihre Seele die reizende
Wohnung, die ihr zum Aufenthalt angewiesen war, so eilfertig
hätte verlassen wollen. Denn ein niedliches, bequemes Obdach zu verschmähen,
um unter freiem Himmel zu wohnen, ist eigentlich Übermut;
ein anders ist's, wenn jemand in einer räucherigen oder gebrechlichen
Hütte hauset, die alle Augenblicke den Einsturz droht, da ist der
Wunsch zu emigrieren verzeihbar. Darum, wenn eine Matrone, bei der
schon jeder Balken im Gesparre knackt, sich nach ihrer Auflösung
sehnt, so ist gegen ein so billiges Verlangen mit Grunde nichts einzuwenden;
aber wenn junge, frische Mädchen so grabesdunstwitterlich
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reden, wenn irgendeine empfindsame Saite in ihrem Gehirn verstimmt
oder eine Intrige gescheitert ist, so ist das eitel Ziererei.
Die schöne Jutta wünschte mit ihrem Herrn zu sterben wie die Gemahlin
des weisen Seneca, die sich zur Gesellschaft mit ihm die Adern öffnen
ließ. Da er aber früher ausgeblutet hatte und der Tod bei ihr noch
zögerte, folgte sie gutem Rat und ließ schnell zubinden, denn sie
meinte, sein entflohener Geist habe bereits einen zu weiten Vorsprung
genommen, um ihn einzuholen.
Nachdem der erste Sturm der Leidensgefühle in einen sanften Tränenregen
sich aufgelöst hatte und das zerrissene Herz der jungen Witwe
einige ruhige Augenblicke genoß, ließ sie den treuen Irwin rufen, um
seinen Bericht vom unglücklichen Geschick ihres Herrn zu vernehmen.
Sie erfuhr, daß an eben dem Tage und zu der Stunde, da es im Schlosse
sich geeignet hatte, die verbündeten Grafen gegen die Stedinger ausgezogen
wären und eine harte Schlacht begonnen hätten. Graf Heinrichen
habe das Los getroffen, zuerst auf die feindlichen Scharen anzusprengen,
da habe im Schlachtgetümmel eine feindliche Streitaxt seinen Harnisch
gespalten und ein mörderischer Wurfspieß darauf die Brust
durchbohrt.
»Unachtsamer Bub«, fiel die Gräfin dem Pagen in das Wort, »gebot ich
dir nicht, meinen Herrn seiner Liebe zu erinnern, wenn er von Siegeslust
trunken seiner vergessen sollte? Warst du stumm, ihn zu vermahnen,
oder war er taub, dich zu hören?« — »Keins von beiden, holde
Frau«, erwiderte Irwin, »ich hab Euch noch nicht alles gesagt. Zur Seite
Eures Gemahls ritt Graf Gerhard von Oldenburg, Euer Bruder, der
tags vorher erst wehrhaft gemacht war und nun seine Waffenprobe tat.
Voll Mut und Jugendfeuer stürzte er in die feindlichen Speere und
wurde umringt.
Hundert Schwerter stürmten auf ihn ein, daß sein Federbusch zerstob
in zarte Flaumen. Als Graf Heinrich die Gefahr seines Schwähers inne
ward, stach er seinen Hengst an und flog, ihm zu helfen. Da rief ich
aus aller Macht: >Gemach, lieber Herr! Gemach! Seid eingedenk Eures
zarten Ehegemahis!<Doch er achtete nicht meiner Worte, wendete sich
zu seiner Ritterschaft und sprach: >Drauf und dran, Roß und Mann!
Mir nach! Es gilt des edlen Jünglings Leben!< Im Nu saß er mitten im
Haufen, bedeckte den Bedrängten mit seinem blanken Schilde, und sein
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mächtiger Arm mähte die dichte Lanzensaat zur Rechten und zur Linken
wie die Sense des Schnitters die reifen Ähren zur Zeit der Ernte.
Graf Gerhard strebte sich aus dem Gewühl hervor und wurde von den
Seinen aus dem Gefecht gebracht; aber sein Erretter fiel und ward ein
Raub des Todes. Ich empfing seine letzten Seufzer an Euch, nachdem
ich ihm das Visier geöffnet hatte. Er erkannte mich und blickte mich
freundlich an: >Treuer Herr, treuer Knecht!<sprach er mit schwacher
Stimme und reichte mir die Hand. >Irwin, zieh heim und vermelde der
Gräfin meinen Sterbensgruß, sag ihr, es tue nicht not, viel um mich zu
weinen und zu jammern, es bliebe bei der Abrede. Ach, möchtest du
bald bei mir sein, Jutta, Herzgeliebte mein!< Mit diesen Worten verschied
der Graf und ich sah's mit meinen eigenen Augen, wie seine reine
Seele, als ein leichter Schatten gestaltet, vom Mund auf gen Himmel
emporschwebte, und die Sonne stund hoch im Mittag, da das geschah.«
Diese Erzählung wirkte heftig, wie leicht zu erachten, auf die Tränendrüsen
der gebeugten Wittib, sie wimmerte und schluchzte laut, und
ihre Augen wurden von bittern gesalzenen Zähren wund. Um ihrer
Gebieterin solch erneutes Herzeleid zu ersparen, hießen die Frauen den
Pagen hinausgehen, aber die Gräfin winkte, daß er bleiben sollte.
»Ach Irwin, lieber Page, noch immer weiß ich nicht genug von deinem
Herrn, erzähle weiter! Ist sein Leichnam im Schlachtgetümmel von den
Rossen zertreten, von dem wütenden Feind zerrissen oder ehrlich, wie
es einem tapfern Ritter zusteht, zur Erde bestattet worden? Lieber
Page, sag mir alles, was dir davon wissend ist!« Irwin trocknete seine
Tränen, die ihm teils aus Mitleid gegen die schöne Gräfin, teils aus
Betrübnis über den Tod seines guten Herrn von den Backen, schön
weiß und rot wie Milch und Blut, träufelnd herabrollten, und fuhr in
seiner Rede also fort: »Wähnet nicht, daß der teure Überrest des Leichnams
von Eurem Gemahl sei zertrümmert oder mißhandelt worden;
die Grafen haben das Feld behalten und einen herrlichen Sieg erfochten.
Nach geendigter Schlacht kamen sie alle herangeritten, ihren Bruder
und Bundesgenossen zu beklagen, seinen Leichnam als eine heilige
Reliquie in Empfang zu nehmen und mit großem Pomp und Leichengepränge
beizusetzen, bis auf das Herz, das den Ärzten übergeben
wurde, es einzubalsamieren, denn der edle Bundesverein hat beschlossen,
es Euch durch eine Ehrenbotschaft mit nächstem überbringen zu
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lassen. Das ganze Heer stund mit gesenkten Fähnlein und Lanzen und
die Ritter mit aufwärtsgekehrtem Schwert in feierlicher Stille, als der
Leichenzug vorüberzog.
Die Heerpauken ließen dumpfen Sterbeklang erschallen, und die
Schalmeier schalmeiten dazu den Totenmarsch. Ein Marschall zog
voran mit seinem schwarzen Stabe, dem folgten vier ehrenfeste Ritter,
der erste trug den Harnisch, der andere den stählernen Schild, der dritte
das blanke Schwert, der vierte trug nichts: er war der Trauermann und
ging im Leide, von tiefem Schmerz gebeugt. Alle Grafen und Edlen
folgten dem schwarzverhüllten Sarge, mit zweiunddreißig Wappen behangen,
und oben drauf grünte ein Lorbeerkranz. Als nun der Leichnam
ins Grab gesenkt war und alle Leidtragenden ein Ave-Maria und
Paternoster für die Ruhe der Seele in der Stille gebeten hatten, ging
mir's durchs Herz, wie die ungeschlachten Totengräber die Erde herbeiharkten,
daß die schweren Schollen mit dumpfem Getöse hinunter
auf den Sarg rollten, welches fürchterliche Geräusch einen Toten hätte
auferwecken mögen. Der Grabeshügel wurde mit Rasen belegt und mit
drei steinernen Kreuzen besetzt, eines zu Häupten, eines zu den Füßen
und eines in die Mitte, zum Gedächtnis, daß hier ein deutscher Held
begraben sei.«
Obgleich dieser ausführliche Bericht des getreuen Irwin den schönen
Augen seiner Herrschaft wieder neue Tränen ablockte, so begnügte sie
sich doch nicht daran, sondern forschte nach tausend kleinen Umständen,
die sie genau zu wissen begehrte, denn die Leidenden wünschen
immer ihre traurigen Ideen sich vollkommener auszumalen; der
Schmerz gewährt endlich selbst ein trübsinniges Vergnügen und dient
dem Geiste zu einer Art von Unterhaltung. Irwin mußte der Gräfin die
nämliche Erzählung täglich wiederholen, und sie fragte ihn bis auf die
unbedeutendsten Kleinigkeiten aus, zum Beispiel, wie lang und breit
die Trauerschleife war, welche die Ritter beim Leichenzuge um den linken
Arm gebunden hatten; ob sie von Krepp oder von seidenem Flor
war; ob ein Rappe zum Trauerpferd und ein Schimmel, ein Falbe, ein
Fuchs oder Tiger zum Freudenpferd gebraucht wurde; ob die Handhaben
am Sarge überzinnt oder übersilbert waren und dergleichen interessante
Dinge mehr, welches ihr indessen niemand verdenken konnte,
denn die kleinste Modifikation einer Hoftrauer interessiert ja noch jetzt
ein ganzes Publikum oft mehr als der Trauerfall selbst.
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Die Apotheker und Wundärzte, denen die Balsamierung des gräflichen
Herzens anvertraut war, brachten damit ein volles halbes Jahr zu, weil
entweder die dazu erforderlichen Spezereien in damaliger Zeit schwer
zu haben waren und aus fremden Orten mußten verschrieben werden
oder weil es bei der Heilzunft Herkommens ist, mit ihren Operationen,
wenn sie Ausbeute geben, gar bedächtlich zu Werke zu gehen. Dagegen
war das Herz auch so köstlich parfümiert, daß die Urne, in welche es
eingeschlossen war, mit gutem Fug als ein Schmuckstück auf eine Konsole
hätte gestellt werden können. Die wehmutsvolle Witwe machte
indessen von dieser heiligen Reliquie keinen so eitlen Gebrauch, sie ließ
in dem Lustgarten ein prächtiges Monument von Alabaster und welschem
Marmor errichten, auf dessen Gipfel die Bildsäule des Grafen
in voller Rüstung, wie er zu Felde gezogen war, hoch emporragte.
Tränenweiden und hohe Balsampappeln überschatteten dieses Grabmal,
sie pflanzte viel Jasmin und Rosmarin rings um den Fuß desselben
und setzte die Reliquie ihres Gemahls in dem porphyrnen Behältnis,
das sie täglich mit frischen Blumen umkränzte, in eine Halle desselben.
Oft einsam trauernd, oft von dem treuen Pagen begleitet, der ihr den
Bericht von dem Hinscheiden des Grafen und den Begräbniszeremonien
wiederholen mußte, saß sie stundenlang in dem Heiligtum der
Liebestreue, bald schweigend und horchsam, bald in kalter melancholischer
Ruhe, bald zu wärmern Gefühlen gestimmt, mit Schmerz und
Tränen übergossen. Zuweilen strömten ihre Empfindungen in Worte
über, und von ihren melodischen Lippen ertönte diese Totenklage:
»Wenn du, geliebter Schatten, noch den edelsten Teil deines irdischen
Leibes umschwebst, den dieser Aschenkrug verschließt, und ein unbemerkter
Zeuge bist der Tränen treuer Liebe, so verbirg dich nicht dem
Weibe deines Herzens, das nach dem Troste deines unsichtbaren
Genusses mit heißer Sehnsucht ringt.
»Laß mich durch ein sinnliches Merkzeichen deine Gegenwart fühlen;
fächle als ein liebkosender Hauch des Zephyrs diesen ausgeweinten
Augen sanfte Kühlung zu; oder rausche feierlich an den Marmorwänden
dieser Grotte zum hohen Dom hinauf, daß die runde Wölbung widerhalle.
»Wandle in leichten Dunst gehüllt vor mir vorüber, daß mein Ohr den
gewohnten Gang deines männlichen Fußtritts vernehme oder mein
Auge aus dem Anblick deiner Gestalt noch einmal Wonne trinke. — —
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»Ach, Schweigen des Todes und Stille des Grabes ist um mich her! Kein
Lüftchen weht, kein Blättlein rauscht, es regt sich kein Odemzug, kein
Hauch des Lebens!
»Der unermeßne Raum des Himmels und der Erde trennt mich von dir!
Jenseits jenes funkelnden Sterns wandelt dein unsterblicher Geist, nicht
mehr meiner eingedenk! Hört meine Klagen nicht, zählt meine Tränen
nicht, blickt nicht mit sanfter Wehmut auf meinen Schmerz herab.
»Weh mir! Ein schwarz Verhängnis zerreißt das eherne Band unsrer
Gelobung! Du fliehst mich, Wankelmütiger! steigst mit leichtem, frohem
Mute über das blaue Luftgefilde hinaus. Ich Elende aber lebe, bin
an die träge Erde gekettet und kann dir nicht folgen!
»Ach, ich habe ihn verloren, auf ewig verloren, den Mann, den meine
Seele liebte: Sein Geist kehrt nicht hernieder, durch ein Merkzeichen
mir den Trost zu gewähren, daß die Fackel seiner Liebe an den Schwellen
der Ewigkeit nicht verloschen sei.
»Hört meine Klagen, ihr Wälder, und du Felsenkind, getreuer Widerhall,
verkünde sie den fernen Auen und den sanft rieselnden Quellen.
— Ich habe meinen Gemahl verloren, auf ewig verloren!
»Nage, unauslöschlicher Schmerz, an diesem kummervollen Herzen
und verzehre mein Leben, daß mein Gebein das Grab empfange, mein
gequälter Schatten in den Wohnungen der Unsterblichkeit ihm begegne,
und wenn er ihn ohne Liebe findet, eine Ewigkeit durchtraure!«
Ein ganzes Jahr besuchte die hochbetrübte Witwe das Monument Tag
vor Tag und überließ sich ganz den schwärmerischen Eingebungen ihres
Herzens. Sie nährte noch immer eine geheime Hoffnung, daß die
Liebe den Geist ihres Gemahls aus dem Schoß der Wonne auf einen
Augenblick in die Unterwelt zurückführen würde, um durch ein
Anzeichen sie von seiner unwandelbaren Treue zu vergewissern.
Jedesmal wiederholte sie die Totenklage, um ihn an der Urne mit neuen
Tränen zu beweinen. Dieses ausnehmende Beispiel der Liebestreue
machte die ganze Nachbarschaft rege; alle Witwen, soweit das Gerücht
von der treuen Jutta von Hallermünd erscholl, bequemten sich, den bereits
verziehenen Raub des Todes wohlstandshalber zu erneuern, und
mancher längst vergessene Ehekonsort kam dadurch wieder in gutes
Andenken. Selbst die Liebenden gingen an dem Mausoleum ihr schönes
Bündnis ein, glaubten solches dadurch fester und feierlicher zu machen,
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und ganze Scharen Minnesinger und empfindsamer Mädchen
versammelten sich an schönen mondhellen Abenden daselbst und sangen
die Liebe Graf Heinrichs des Wackern und der treuen Jutta von
Hallermünd. Von den hochgegipfelten Balsampappeln mischte die
Nachtigall ihre zärtlichen Liebesklagen in diese melodischen Gesänge
mit ein.
Gleichwohl scheinen die allegorischen Köpfe der Dichter und Bildner
ihre Symbole auf sichere Erfahrung gegründet zu haben, wenn sie mit
Vorbedacht die Hoffnung auf einen Anker stützen, die Standhaftigkeit
an eine Säule lehnen und den gewaltsamen Leidenschaften die voliwangigen
Sturmwinde oder die aufgetürmten Meereswogen als Exponenten
ihrer bildlichen Darstellungen zuordnen.
Der hartnäckigste Sturm ermüdet endlich, und das wogende Meer gewinnt
seine Spiegelfläche wieder. Gleichergestalt ebnet sich in der Seele
der bewegsame Umtrieb der Ideen, und der lange Atemzug der Leidenschaften
ermattet; die düstern Wolken verschwinden, der Horizont
klärt sich wieder auf, und die Aspekte deuten auf Sonnenschein und
trockne Witterung. Nach Verlauf eines Jahres erscholl die bange
Totenklage der zärtlichen Jutta weder so laut noch so oft als vorher aus
der Halle des Monuments; sie dispensierte sich von der täglichen Wallfahrt
dahin bei schlechtem Wetter oder der entferntesten Ahndung
eines rheumatischen Zufalls oder einer andern Verhindernis, und wenn
sie keinen Vorwand hatte, ihrer Observanz auszuweichen, so ging sie
so gleichmütig zum Grabmal wie eine Nonne in die Metten, mehr aus
Gewohnheit als aus Antrieb, einer gelobten Pflicht Genüge zu leisten.
Die Augen verweigerten ihr die Tränen und die Brust das Stöhnen, und
wenn sich ja noch ein erpreßter Seufzer davon losriß, so war's nur ein
schwacher Nachhall des vormaligen Gefühls; oder wenn er unwillkürlicher
Ausbruch einer Empfindung war, so hatte er doch keine Beziehung
auf die Urne, und die getreue Jutta errötete, ihr Herz zu befragen,
wohin er gemeint sei. Sie stund indessen ganz von dem schwärmerischen
Gedanken ab, den Geist ihres Gemahls durch eine Totenklage
in die Körperwelt zurückzuzaubern, um ihm eine neue Bestätigung des
geheimen Artikels ihrer Eheberedung abzufordern.
Kurz, die gute Gräfin fand nach genommener Rücksprache mit ihrem
Herzen, was bei einer jungen Witwe eben kein ungewöhnlicher Fall ist,
daß eine Veränderung damit vorgegangen sei und der Planet, unter
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dessen Einfluß es bisher gestanden, sich zum Untergange geneigt habe,
indem ein anderer hoch am Horizont heranstieg, der seine anziehende
Kraft daran äußerte.
Der schwarzäugige Irwin hatte, ohne es zu wissen, diese Revolution
bewirkt. Obgleich seine Funktion eigentlich nur darin bestund, vor
seiner Herrschaft herzugehen, wenn die Tür eines Gemachs aufzutun
war, und ihr zu folgen, wenn sie sich die Schleppe nachtragen ließ, so
hatte er seit dem Ableben seines Herrn noch das Nebengeschäfte, demselben
wöchentlich einigemal zu parentieren, und er besaß eine Wohlredenheit,
wenn er den Bericht von den letzten Stunden des Grafen der
trauervollen Jutta wiederholen mußte, daß sie nie müde wurde, ihn zu
hören. Immer fiel ihm noch eine Anekdote ein, deren er bisher sich
nicht erinnert hatte, er ergänzte nicht nur den Bericht von dem, was der
Graf zuletzt noch gesagt und getan, sondern auch, was er in den
Augenblicken, da die Seele von ihm schied, gedacht zu haben schien.
Er kommentierte jede Bewegung, jede Miene des Sterbenden, die er
beobachtet haben wollte, und wußte etwas Schmeichelhaftes für die
Gräfin daraus zu folgern. Bald beteuerte er, aus seinen Augen gelesen
zu haben, daß ihre reizende Gestalt, da er schon zwischen Tod und
Leben kämpfte, ihm noch vorgeschwebt habe; bald äußerte er den
Wunsch, daß der entflohene Geist den unnachahmlichen Reiz ihrer edlen
Schmerzen möchte beobachtet und das Wonnegefühl empfunden
haben, ihre schönen Tränen ungesehen von den liebreizenden Wangen
weggeküßt zu haben; bald pries er das Glück eines Ritters, von so holden
Augen beweint zu werden, wenn er auf der Bahn der Erde sein
Leben verliere, und maß sie hoch, daß für eine einzige so köstliche
Zähre sein eignes Leben dahinzugeben, er für Gewinn halten würde.
Anfangs, da der Schmerz noch neu war, achtete die Gräfin diese Reden
nicht viel, nachher fand sie gleichwohl ein unschuldiges Wohlgefallen
daran, und endlich taten ihr diese Schmeicheleien so wohl, daß sie den
Panegyristen durch die Erhöhung ihrer Reize, vermöge der Anordnung
des Putzes, geflissentlich dazu aufzufordern schien. Ob sie gleich
in der herben Totenklage den Schmerz herbeigerufen hatte, an ihrer
Gestalt zu zehren, so war doch der verhaßte Zerstörer aller blühenden
Reize zu bescheiden, ihr diesen traurigen Dienst zu leisten. Das
schmachtende Augenpaar harmonierte so fein mit dem sanftrosigen
Kolorit der Wangen, und des Busens wogender Schwanenglanz kontrastierte
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so lieblich mit dem schwarzen Trauerkleide, daß ein unwiderstehlicher
Zauber ihre Wohigestalt umfloß; denn nach dem Urteil
der Kenner tut eine in Halbschatten gestellte Schönheit oft größere
Wirkung, als wenn sie in vollem Lichte glänzt. Der lüsterne Irwin
müßte keine Augen gehabt haben oder kein Page gewesen sein, wenn
er bei dem Anblick so vieler Reize unempfindlich geblieben wäre. Er
hatte den Schmetterlingsglauben, jede Blume sei für ihn gewachsen; es
galt ihm gleich, ob sie in einem umzäunten Lustgarten oder als eine
Feldblume auf der Wiese blühte. Vermöge seiner buntfarbigen
Schwingen, meinte er, sei es ihm vergönnt, sich über Zaun und Mauer
zu heben.
Die Ehrerbietung, die er seiner Gebieterin schuldig war, hielt seine
Leidenschaft zwar in den Schranken seines Herzens eingekerkert, aber
sein Erröten, wenn ihr Auge dem seinigen begegnete, das Streben, aus
jedem Winke ihren Willen zu erraten, die Geflissenheit, solchen zu erfüllen,
und das Verlangen, wenn sie sich mit ihm unterhielt, ihr stets
was Angenehmes zu sagen, veroffenbarten genugsam, diese ungewöhnliche
Anhänglichkeit an seine Herrschaft habe eine andere
Bewegursache als angelobte Pflicht, und die Gräfin erriet das Geheimnis
ohne Mühe, vermöge des ihrem Geschlecht gewöhnlichen hermeneutischen
Scharfsinnes in Herzensangelegenheiten.
Die Entdeckung mißbehagte ihr so wenig, daß sie die stumme Intrige,
wobei es nie zu einer wörtlichen Explikation kam, zur unschuldigen
Beschäftigung des Herzens, weil eine junge Witwe doch nicht immer
wie eine Turteltaube um den verlornen Gatten girren und klagen kann,
zu unterhalten suchte. Doch der genährte Funke fand in ihrem Herzen
soviel Zunder, daß er bald zur lichten Flamme aufloderte.
Der schlaue Irwin bemerkte mit geheimer Freude die zärtlichen Gesinnungen
seiner Gebieterin, und was er vorher seiner Phantasie nicht erlaubt
hatte ihm vorzuträumen, wurde jetzt eine ernsthafte Beschäftigung
seiner Überlegung, und seine Pagendreistigkeit schmeichelte ihm
mit der Hoffnung, dereinst wohl gar der Gemahl seiner Herrschaft zu
werden. Das erste Gefühl der Liebe fachte diesen Gedanken so in seinem
lüsternen Herzen auf, daß er sich zu einem Wagestück entschloß,
sein Glück aufs höchste zu treiben.
Einstmals, als er die Gräfin zum Monument begleitet, von den Gefühlen
der Zärtlichkeit im allgemeinen lange mit ihr gekostet hatte und aus
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ihren Blicken und Gebärden wohl verstund, was für eine Nutzanwendung
sie von dieser philosophischen Abhandlung in ihren Gedanken
machte, kam er mit einem schnellen Obergange auf das Thema, worauf
er sich zubereitet hatte.
»Edle Frau«, hub er seine Rede an, »auf der Welt hat der Mensch keine
bleibende Stätte, und alles Ding hat seine Zeit; das hab ich reiflich bei
erwogen, darum begehr ich von Euch meinen ehrlichen Abschied,
denn es bedünket mich, Zeit zu sein, daß ich nun nach dem Beispiel
meiner Ahnen zur Wehr und Waffen greife, sintemal ich die Kinderschuhe
vertreten habe und forthin es nicht mehr mir ziemen will, einer
Dame die Schleppe nachzutragen.«
»Ach, guter Irwin«, gegenredete die Gräfin, »wie kommt dir so plötzlich
zu Sinne, aus meinem Dienst zu scheiden? Hab ich dich nicht ehrlich
als meinen Diener gehalten und dir alle Lieb und Gunst bewiesen,
die einer frommen Herrschaft gegen ihr Gesinde zusteht? Sag an, was
irrt dich? Was treibt dich, von mir zu ziehen?«
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Irwin:
»Ach, mich quälet dies und das,
Drückt mich, weiß selbst nicht, was,
Quälet mich Seelenpein,
Enget das Herz mir ein,
Muß in die weite Welt,
Rasch über Tal, über Feld,
Obschon sonst keinerwärts,
Wonach verlangt mein Herz,
Als hier in Hallermünd
Ich seh und find.« |
Die Gräfin ließ sich die Qual des guten Irwin gar sehr zu Herzen gehen,
ob sie gleich über seinen Zustand mehr Freude als Mitleiden empfand,
sie wünschte nur eine deutlichere Erklärung von ihm, darum forschte
sie weiter: »Was beunruhigt dein Gemüt? Ist's Durst nach Ehre und
der Ritterwürde oder Überdruß an der Einförmigkeit dieses Wittums
oder Kitzel jugendlichen Übermutes, oder ist ein Funke der betrüglichen
Leidenschaft in deiner Brust entgiommen, der dich bangt und
quält? Sag's frei heraus, was für ein Sturm in deiner Seele braust?«
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Er:
»Ihr wollt es so, es sei!
Mich drückt die Liverei.
Hab lang genug gedient für Knecht
Und sehne mich nach Herrenrecht.
Was hilft mir's, daß die Rose blüht
Und dort die edle Traube glüht?
Hab ich davon Nutz und Genuß,
Wenn ich sie sehn und missen muß?« |
Die Gräfin begriff vollkommen den Sinn dieser Worte und sah wohl
ein, welche Hoffnung und Wünsche Irwin in seinem Busen nährte, die
er seiner Gebieterin in der Qualität eines Ganymeds deutlicher zu offenbaren
sich scheute. Sie wünschte diese Hoffnung zu unterhalten,
ohne die Gesetze des Wohlstandes dabei zu übertreten, darum trug sie
ihren Gebärden auf, das erste auszurichten, und ihrem Munde, das
zweite zu bewirken.
Sie schlug die Augen etwas verschämt zur Erde nieder, zupfte eine
Bandschleife zurecht und sprach mit sanftem Erröten: »Die Rose blüht
und die Traube reifet, unbekümmert, welcher Busen strebt, sich mit jener
zu schmücken und welchen Gaumen nach dieser lüstet. Ihnen genügt,
den Geruch zu erquicken und das Auge zu ergötzen, den Verständigen
erfreut ihr Anblick, und er geht mit Entzücken vorüber. Der
Unverständige streckt seine Hand aus, eine Traube zu erreichen, die er
nicht erlangen kann, oder eine Rose zu pflücken, deren Dornen ihn
verwunden.« Diese allegorische Sentenz aus dem Munde der schönen
Witwe enthielt für den raschen Irwin weniger Trost als der pathognomische
Ausdruck ihrer Gebärden. Der dreiste Page schwieg, er seufzte,
sah trübsinnig vor sich hin zur Erde, und seine Herrschaft war so gefällig,
diese bedeutsame Pantomime nachzuahmen. Doch wenig Tage
darauf war der Junker stattlich ausgerüstet, die Gräfin ließ ihn wehrhaft
machen, er schwang sich auf das Leibroß seines erbleichten Herrn und
zog mit frohem Mute zur ersten Ritterfahrt davon.
Die Abwesenheit war seiner Herzensangelegenheit eher förderlich als
nachteilig. Die Gräfin empfand bald Langeweile in ihrem einsamen
Wittum, da der teilnehmende Zeuge ihrer Totenklage nicht mehr vorhanden
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war. Ihr Schmerz fand keine Nahrung mehr, ganz andere
Gedanken beschäftigten jetzt ihre Seele, sie dachte mit Ernst darauf,
den ehemals so fest verschlungnen Liebesknoten aufzulösen, und weil
sie viel auf sinnbildliche Deutung hielt, so fiel ihr ein, zur angenehmen
Zeitkürzung einen Versuch zu machen, ob die Sache möglich und tunlich
sei.
In einer einsamen Stunde öffnete sie das goldne Herz, das sie im Busen
trug, und nahm das darin verwahrte Dokument der Liebestreue heraus,
besah es lange, den Gang des verborgenen Gewindes auszuspähen und
die Fäden gemachsam auseinanderzuwirren. Ihr kunstreicher Finger
war so geschäftig bei dieser Arbeit, daß es ihr wirklich gelang, die äußeren
Schleifen zu lösen, aber dem innern Kern war durch alle Kunst und
Mühe nichts abzugewinnen. Ihre Geduld ermüdete endlich, und um ihr
Geschäft doch nicht unvollendet zu lassen, nahm sie die wirksame
Schere zu Hilfe, die ihr eben den Dienst tat, den das Schwert des großen
Alexanders bei Auflösung des gordischen Knotens geleistet hatte, und
nun war gegen die Möglichkeit, einen festverschlungenen Liebesknoten
aufzulösen, nichts mehr einzuwenden.
Nach dem Begriff der guten Gräfin hätte ihr nun billig das Recht gebührt,
alsbald einen neuen Knoten zu schürzen und in ihr goldnes
Amulett zu verbergen, da der erste nicht mehr vorhanden war; doch
ein beunruhigender Zweifel begegnete ihr recht zur ungelegensten Zeit,
da sie eben im Begriff war, die Hand ans Werk zu legen. Ein Liebesknoten,
sprach sie zu sich selbst, ist doch eigentlich nur ein Sinnbild irdischer
Verbindung, und ein solches Band ist leicht zu lösen, der Tod
hat mit seiner Sichel das ja bereits schon getan, was die Schere nachgeahmt
hat. Aber mit dem Gelübde für die andre Welt hat es vielleicht
nicht gleiche Bewandtnis. Wie könnt ich mit einem geteilten Herzen
eine Ewigkeit ausharren unter immerwährenden Vorwürfen zweier
Teilhaber, deren jeder zu dem Ganzen berechtigt zu sein glaubte? Diese
Verlegenheit machte sie viel Tage lang mißmutig und traurig, und weil
sie sich in einer solchen Gewissenssache nicht zu raten wußte, beschloß
sie, einem ehrwürdigen Herrn, dem sie eine genauere Bekanntschaft mit
himmlischen Dingen als sich selbst zutraute, ihr Anliegen vorzutragen.
Der Propst zu Eldagsen stund in dem Rufe eines frommen und tiefgelehrten
Mannes, der die spitzigsten Fragen, die intellektuelle Welt betreffend,
mit scholastischer Weisheit aufzulösen wußte. Denn was ist
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spitziger als eine Nähnadel? Und gleichwohl wußte der seraphische
Prälat zu sagen, wieviel himmlische Geister auf diesem Ruhepunkte
Platz nehmen könnten. Warum sollte er nicht auch von den himmlischen
Matrimonial -Gerechtsamen Auskunft geben können? Die Gräfin
ließ anspannen und fuhr mit geängstigtem Herzen zu dem weisen
Prälaten. »Ehrwürdiger Herr!«sprach sie, »mich treibt ein sonderbar
Anliegen zu Euch, welches ich Euch wohl eröffnen möchte, so Ihr mir
Rat und Belehrung erteilen wollt!« Der Propst zu Eldagsen war bei aller
philosophischen Grübelei dem schönen Geschlecht nicht abhold
und tröstete gern die Damen, die sich in ihren Kümmernissen an ihn
wendeten, insonderheit wenn sie jung und schön waren. »Was beunruhigt
Euer edles Herz, tugendsame Frau?« frug er. »Offenbart mir
Euren geheimen Kummer, daß ich Euch mit himmlischem Trost erquicke.«
—»Ein unbedachtsames Gelübde«, antwortete sie, »das mir die
Liebe abgezwungen hat, macht mir Kummer: ich habe verheißen, das
Band der Ehe mit meinem Gemahl jenseits des Grabes zu erneuern und
es zu bestätigen ewiglich. Aber ist ein junges Weib im Lenz des Lebens
wohl Meisterin ihres Herzens? Soll ich meine Jugendzeit als Witwe
einsam vertrauern, um einer Hoffnung entgegenzuharren, von der ich
nicht weiß, ob sie zu gewähren steht? Belehret mich doch, ehrwürdiger
Pater, ob die Liebenden sich einst wieder in Liebe begegnen werden
oder ob alles, was auf Erden gebunden ist, in jenem Leben frei und lebendig
sei.«
»Freilich! Freilich!« erwiderte der korpulente Propst, »ist alle irdische
Verbindung in Edens Gefilden aufgehoben, das versteht sich! Wie kann
davon noch die Frage sein? Wisset Ihr nicht, edle Frau, daß man dort
oben nicht wird freien noch sich freien lassen? Wie könnte auch der
Ehestand im Schoß der Wonne stattfinden, da er ist ein Wehestand;
denn die glücklichsten der Ehen haben laut Zeugnis der Erfahrung
gleichwohl ihr böses Ehestündlein; wie paßte sich aber Ehezwist und
Mißmut zu den Wohnungen des Friedens? Euer Bündnis hat der Tod
zerrissen, Ihr seid so frei und ledig als das Vöglein in den Lüften oder
das Reh in den Wäldern, das den Netzen des Jägers entronnen ist.
Wenn Ihr aber Euer Gewissen mit einem unbedachtsamen Gelübde
beschwert habt, so ist auch dafür Rat: der heiligen Kirche ist gegeben
die Gewalt, Euch davon zu entbinden. Bedenket mein armes Kloster,
so will ich Euch Dispensation vom Bischof verschaffen, soviel Ihr bedürft,
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ein neues Bündnis einzugehen, ohne daß Euch die Sünde soll behalten
werden, weder in diesem noch in jenem Leben.«
Die gewissenhafte Jutta war nun nach Wunsche belehrt, daß die Eheberedung
mit ihrem verstorbenen Herrn nichts weiter als eine zärtliche
Grille gewesen sei; ihr ganzes System von der verklärten Liebe war
umgeformt. Sie beruhigte ihr Gewissen in Ansehung der voreiligen
Gelobung, machte den Handel mit dem Prälaten richtig, bedachte sein
armes Kloster und wurde darauf von ihm zu einer reich mit Silber besetzten
Tafel geführt, so leichten und frohen Mutes als ein entfesselter
Sklave, dem unvermutet die Ketten abgenommen werden und der nun
den Reiz der Freiheit wieder schmeckt. Der Wunsch ihres Herzens war
nur, daß der schöne Irwin von seiner Ritterfahrt bald wieder heimkehren
möchte, um mit ihm den Bund der Liebe zu schließen, doch nicht
über die Grenzen dieses Erdenlebens hinaus, damit wieder eintretenden
Falls keine Dispensation weiter nötig sei. Der flinke Ritter verzog
nur allzulange mit seiner Wiederkehr, und die Sehnsucht goß immer
mehr Öl in die Flammen der Liebe.
Eine der dornigsten Fragen, worüber in der Schule der Liebe pro und
contra gestritten wird, ist die, ob die erste oder die zweite Liebe stärker
und mächtiger sei. Geradezu läßt sich das Problem schwerlich entscheiden;
aber es ist ein richtiger Erfahrungssatz, daß eine junge, rasche
Witwe, die mit dem Gefühl der Zärtlichkeit bereits bekannt ist, bei der
zweiten Wahl stets brünstiger und feuriger liebt als bei der ersten im
dämischen Noviziat der Liebe. Die zärtliche Jutta wußte ihre Leidenschaft
so wenig zu mäßigen, daß sie sogar das bescheidene Gewand der
Sittsamkeit und scheuen Zurückhaltung, das vormals die Gesetze des
Wohlstandes dem schönen Geschlecht aufbürdeten, abzulegen kein
Bedenken trug.
»Ach Irwin, Augentrost!« seufzte sie laut und offenbar; »ach Irwin,
Herzgespiel! Ach Irwin, Löschebrand! Wie lange weilest du im Waffenfelde?
Die Traube glüht dir, die Rose blüht dir und winkt zum
Genuß. Du Lüftchen, das so sanft um meinen Busen spielt, eil meinem
Ritter nach und weihe den Duft von meiner Zärtlichkeit in sein bepanzert
Herz, daß er des Kampfs vergißt und nach dem Siege ringt, den
Liebestreue krönt.«
Ob das Lüftchen so gefällig war, die Botschaft auszurichten, oder ob
der junge Ritter aus eigner Bewegung den Heimweg nahm, daran liegt
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wenig, genug, eh man sich's versah, war Ritter Irwin da, und mit ihm
kehrte die laute Freude wieder nach Hallermünd zurück, die seit dem
großen Balle aus der Residenz verbannt war. Die Gräfin legte die Trauerkleider
ab und empfing den stattlichen Ritter nicht als ihren vormaligen
Diener, sondern als einen Herrn. Sie stellte ihm zu Ehren ein
großes Gastmahl an und ließ ihm den Becher kredenzen, den er ihr
noch vor kurzer Zeit selbst kredenzt hatte. Darüber machten die weisen
Damen aus der Nachbarschaft mancherlei Glossen, und die Scharfsinnigen
errieten, was sie immer wollen vorher gesehen haben, wenn sich
die Sache von selbst veroffenbart, daß sich zwischen der Gräfin und
dem feinen Ritter eine Liebe entsponnen habe, die der Altar bestätigen
würde. Zwar hätten sie noch vor kurzem hundert gegen eins gewettet,
daß die treue Jutta sich nicht wieder vermählen würde; aber nun hätten
sie die Wette gern umgekehrt, wenn jemand zu finden gewesen wär,
der sie hätte eingehen mögen. Indem die vier umliegenden Grafschaften
die Lehre von der Möglichkeit und Wirklichkeit einer zweiten Liebe
der Gräfin von Hallermünd mit metaphysischem Tiefsinn erörterten,
war Ritter Irwin darauf bedacht, sich seiner Liebesbeute zu versichern
und dadurch der ganzen Kontrovers ein Ende zu machen. Er wagte auf
dem Fittich der Liebe den kühnen Flug, sich zu seiner vormaligen
Herrschaft zu erheben und ungescheut um sie zu werben. Die wankelmütige
Jutta hatte den ersten Schritt bereits getan, ihrer Gelübde sich
zu entschlagen, der zweite kostete ihr weniger, aus ihres Standes zu
vergessen und eine Staffel von der Ehrenbühne des Ranges abwärtszusteigen,
das Urteil der großen Welt zu verschmähen und den Trieben
ihres Herzens nachzugeben. Sie kam dem Glücklichen auf halbem Weg
herablassend entgegen, erhörte seine Wünsche und schloß mit ihm den
zärtlichen Liebesverein, welchem nichts mangelte als die priesterliche
Benediktion, die der gefällige Propst zu Eldagsen den Verlobten zu erteilen
bereit und willig war. Alles Nasenrümpfen der gräflichen Sippschaft
war nun vergebliche Grimasse, die Anstalten zum Beilager wurden
mit großem Pomp gemacht, und die reiche Braut beeiferte sich, an
ihrem zweiten Hochzeitsfeste durch Pracht und Glanz das zu ersetzen,
was ihm an Würde gebrach.
Ungefähr einen Mondenwechsel vor Vollziehung dieser Feierlichkeit
lustwandelte die schöne Braut am Arm ihres geliebten Ritters eines
Abends noch ganz spät in dem Lustgarten, um ihn zu belehren, daß
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für ihn die Rose blühe und die Traube reife. Unter dem Geflüster traulicher
Gespräche hatte das liebende Paar nicht acht auf den Weg, den
es genommen hatte, der Zufall führte es unvermerkt in die Gegend des
Monuments, das in einsamer Stille ganz verlassen stund, da die Gräfin
es seit langer Zeit nicht mehr besuchte. Der Mond beleuchtete die Vorderseite
desselben mit vollem Lichte, und die schauerliche Mitternachtsstunde
machte diesen Anblick recht feierlich. Von ungefähr hob
die Neuverlobte die Augen auf, ihr Blick traf auf die Bildsäule oben auf
dem Dom des Grabmals. Da kam's ihr vor, als wenn der kalte Marmor
Leben und Wärme empfing wie das Meisterstück Pygmalions, welches
der Enthusiasmus des Künstlers beseelte. Das Standbild schien sich zu
regen, es erhob die rechte Hand und bildete den Ausdruck einer Warnung
oder Drohung vor. Ein banger Schauer durchbebte das Herz der
Bundbrüchigen bei diesem Wundergesicht, sie schreckte zurück, tat
einen lauten Schrei und verbarg ihr Haupt in des Ritters Busen. Irwin
bestürzte, wußte nicht, was diese ängstliche Gebärdung veranlaßte.
»Woher das Zagen und Beben Eurer zarten Glieder, geliebte Gräfin?«
redete er sie an; »fürchtet nichts, Ihr seid in meinen Armen, die Euch
vor aller Gefahr schützen, solange dieses Herz in meinem Busen
schlägt.«
»Ach, Irwin, trauter Ritter«, lispelte die Erschrockene mit zagender
Stimme, »seht Ihr nicht, wie das Standbild auf dem Grabmal fürchterlich
winket und mit aufgehobener Rechte mich bedroht? Hinweg von
diesem grausenvollen Orte, wo mich Schrecken des Todes umringen!«
Dem verliebten Ritter kam diese Vision jetzt sehr ungelegen, darum
bemühte er sich, solche alsbald wegzuräsonieren. »Ist's nichts mehr als
dieses Gaukelspiel der Phantasie«, sprach er, »was Euch beunruhigt, so
lasset Euren Kummer schwinden. Ein schwankender Schatten der hohen
Ulme, die ein Lüftchen gebeugt, und der bleiche Strahl des einfallenden
Mondenlichtes hat Euer Auge getäuscht, und aus dieser
Mischung des Schattens und Lichtes hat Eure schöpferische Imagination
ein Schreckbild zusammengebaut, das der melancholische Eindruck
der Mitternachtsstunde vollendet hat.« —»Mitnichten!« versetzte
die Gräfin; »mein Auge hat mich nicht betrogen, die Bildsäule hat sich
geregt und mich bedräut, meiner Gelübde eingedenk zu sein. Ach
Irwin, lieber Irwin! ich kann und darf die Deinige nicht werden!« Diese
Rede fiel wie ein erstickender Schwaden auf Irwins Herz, benahm ihm
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Leben und Atem, und das Wort erstarb auf seiner Zunge. Er simulierte
die ganze Nacht, wie er der schönen Jutta den chimärischen Gedanken
entreißen möchte, und da er mit seinem Sinnen und Forschen nicht
fand, was er suchte, saß er früh auf und ritt zum klugen Manne, dem
weisen Propst zu Eldagsen, sich dieses kritischen Umstands halber Rats
zu erholen, denn er wußte selbst eigentlich nicht, was er von der sonderbaren
Vision, auf deren Zuverlässigkeit die Gräfin beharrte, denken
sollte. Er trug ihm sein bängliches Anliegen vor, und der Propst, als
der hellste Kopf seiner Zeit, urteilte davon gar vernünftig, daß die
Erscheinung nichts als Betrug der Sinnen sei, machte sich auf und zog
mit nach Hallermünd zur Gräfin, sie zufriedenzustellen.
»Kümmert Euch nicht, edle Frau, um die Toten«, sagt' er ihr, »die
Toten kümmern sich ja auch nicht um die Lebendigen. Mit dem Tode
hört alle Verbindung auf, welche die Liebe auf Erden geschlossen hat.
Ich bin gewiß, wenn anders Euer Gemahl aus den Fenstern des Himmels
auf Euch herabschauen kann, daß es ihn freuen wird, die Tränen
Eurer Zärtlichkeit versiegt zu sehen, er wird sogar die Wahl Eures Herzens
billigen und Euer Bündnis segnen.« Diese Hypothese eines so
aufgeklärten Kopfes über die Denkungsart der Verklärten verschlang
das Ideal der zärtlichen Schwärmerei so schnell und leicht wie eine der
magern Kühe des Pharao eine von den fetten. Die unterbrochenen
Zubereitungen zum Beilager erhielten wieder ihren Fortgang, und
noch an dem nämlichen Tage wurde das Brautkleid gewählt und in
Arbeit genommen.
Gleichwohl verbreitete sich das Gerücht immer mehr, es gehe bei dem
Monument nicht mit rechten Dingen zu, das Heiligtum der Liebenden
würde durch mancherlei Spukereien entweiht. Manch zärtlich Paar, das
sich dort eine geheime Zusammenkunft gab, wurde von panischem
Schrecken befallen und verscheucht. Es rauschte im Gebüsche, es toste
in der Halle, zuweilen hüpfte ein blaues Flämmlein zwischen den
dichtbelaubten Tränenweiden gleich einem Irrlicht hin und her, und oft
wandelte ein langer weißer Schatten um das Monument herum. Eine
Bande Harfner und Minnesinger, die gekommen waren, das Lied der
Liebestreue nach Gewohnheit ertönen zu lassen, wurde mit einem
nachdrücklichen Steinhagel bewillkommt und in die Flucht getrieben,
und eine helle Feuerflamme brach aus der Grotte hervor, als wenn ein
Vulkan seinen fürchterlichen Schlund darunter eröffnet hätte, der einen
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glühenden Lavastrom ausgoß. Ganz Hallermünd wußte von diesen
Spukgeschichten zu erzählen, aber bei Hofe hatte die Starkgeisterei auf
einmal so überhand genommen, daß man diese Sagen für eitel
Geschwätz und Märchen hielt. Die Höflinge trieben nur ihren Spott
damit oder, wenn sie offenbare Tatsachen geradezu nicht leugnen
konnten, vernünftelten sie doch alles aus natürlichen Ursachen herbei,
obgleich keiner es wagte, nach Sonnenuntergang in den schauervollen
Lustgarten einen Fuß zu setzen.
Der Tag, der zur Vermählung angesetzt war, brach nun heran, es war
einer der längsten des Sommers, demungeachtet reichte er kaum zu, die
Braut mit allen den köstlichen Reizen zu schmücken, welche an Hoffesten
die Eurhythmie der schönen einfachen Natur zu verdrängen
pflegen. Die nächtlichen Schatten bedeckten bereits Täler und Wälder,
und tausend flimmernde Wachskerzen beleuchteten das Schloß, da die
schöngeschmückte Jutta, mit allem Prunk der Üppigkeit belastet, hervorging,
um sich von dem entzückten Irwin an den Altar zur Trauung
führen zulassen, wo der dienstfertige Propst zu Eldagsen in pontivicalibus
ihrer schon lange wartete. Die hohe Burg ertönte von lautem
Freudengetümmel, denn die Gräfin war bedacht gewesen, durch reiche
Spenden sich von ihrem Hofgesinde eitel freundliche Gesichter zu erkaufen,
um in keiner Miene einen Vorwurf über die zweite Heirat zu
lesen. Der stolze Brautzug wälzte sich langsam feierlich über den mit
Blumen bestreuten Schloßhof zur Kapelle hin. Aber hoch auf dem
Dache derselben saß eine ächzende Wehklage und wimmerte ihren
Unglücksruf aus hohler Kehle hervor. Die Hofhunde erhoben dazu ein
fürchterliches Geheul, und die nachbarliche Eule antwortete dieser
grausenden Intonation aus dem düstern Winkel eines alten Turms. Da
winkte der Hochzeiter den Pfeifern, daß sie vom Söller mit Zinken und
Posaunen bliesen, damit die Gräfin nicht das Miaulen der Wehklage
und das kreischende Eulengeschrei vernehmen möchte.
Die Trauung wurde nach den Verordnungen der heiligen Kirche vollzogen;
aber o Wunder! auf dem Rückwege vom Altar nach dem Speisesaal
verlosch plötzlich die hochzeitliche Fackel, mit welcher der Silberpage
als Hymenäus den Neuvermählten vorleuchtete, über welches
sonderbare Ereignis die Schwachen mancherlei sorgsame Spekulationen
zu äußern sich nicht entbrechen konnten, obgleich die Starken nicht
ermangelten, alles aus natürlichen Ursachen zu erklären.
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Bis zur schauerlichen Mitternachtsstunde wurde in aller Fröhlichkeit
bankettiert. Kaum aber hatte der Schloßwächter die zwölfte Stunde abgerufen,
so erhob sich plötzlich im Schlosse ein fürchterliches Getöse,
gleich dem Brausen eines heftigen Windes; es rasselte an den Fenstern,
die Mauern und Wände erbebten, daß die Gläser auf der Tafel klirrten,
die Balken krachten, es schlug mit den Türen auf und zu. Die Wachskerzen
brannten so dunkel wie Totenlichter, dagegen erhellte ein ungewöhnlicher
Schimmer wie eine schnellauflodernde Flamme das Vorgemach,
welches alle, die zur Tafel saßen, in Schrecken und
Verwunderung setzte. Alle Gäste saßen da in stummer Bestürzung,
und keiner hatte das Herz, dieses ungewöhnliche Meteor aus natürlichen
Ursachen zu erklären.
Plötzlich erhob die Gräfin ihre Stimme und rief mit ängstlicher
Gebärde: »Hilf Gott, welch ein Gesicht! Ach, mein Gemahl der Graf
kommt, sich zu rächen!«Als sie das gesagt hatte, sank sie auf den Stuhl
zurück, schloß die schönen Augen zu und gab kein Zeichen des Lebens
mehr von sich. Groß war das Herzeleid in Hallermünd, da die Trauer
so schnell mit der hochzeitlichen Freude wechselte. Ritter Irwin stund
wie versteint vor Bestürzung da, unbewegsamer als das marmorne
Standbild auf dem Monument. Die Ärzte wurden herbeigerufen, die
Erblaßte wieder ins Leben zu bringen, aber ihre Kunst und Mühe war
vergebens. Denn obgleich der entseelte Körper vierundzwanzig Stunden
lang seine natürliche Wärme behielt, wie es geschehen soll bei denen,
die in einer Verzückung gestorben, vom Alp erdrückt oder von
einem Gespenste sind erwürgt worden: so war die Seele doch bereits
entflohen und auf dem Wege nach der Ewigkeit. Die Kunst der Ärzte
begnügte sich, den schönen Leichnam der Verwesung zu entreißen, den
sie aufs fleißigste einbalsamierten, und insonderheit das Herz, das sie
in der Urne unter der Halle des Grabmals verwahrten. Und so wurden
die Herzen, die im Leben untrennbare Einigung sich gelobt hatten, im
Tode dennoch miteinander vereinbaret.
Ob aber die Seelen in jener Welt den auf Erden zerrütteten Liebesbund
erneuert und sich wieder so vereinbaret haben wie ihre Herzen in der
Urne, davon ist bis jetzt noch keine authentische Nachricht in diese
Unterwelt gelangt.
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DER SCHATZGRÄBER
Am Dienstage nach Bartholomäi des Jahrs, als Kaiser Wenzel mit
der schönen Bademagd der Prager Haft entfloh, hielt nach altem
Herkommen die Schäfergilde zu Rothenburg in Franken, so viel Teilhaber
drei Meilweges im Umkreis um diese Reichsstadt weideten, den
jährlichen Umgang, und nachdem sie in der Sankt-Wolfgangs-Kirche
vor dem Klingentor die Messe gehört, zogen sie ins Wirtshaus zum
Güldnen Lamm, lebten den ganzen Tag in Saus und Schmaus, flöteten
und schalmeieten und hielten ihren Schäfertanz auf offnem Markte bis
zu Sonnenuntergang.
Das junge Volk verlief sich dann wieder aus der Stadt; die alten wohlhabenden
Hirten aber saßen beim Zechgelag beisammen um die
Weinkanne bis tief in die Nacht, und wenn der Wein das Band der
Zunge gelöst hatte, wurden sie laut und plauschten von mancherlei
Dingen. Einige machten Wetterbeobachtungen trotz unsern luftigen
Windspähern, und ihre Prophezeiungen aus der Laune, mit der Maria
übers Gebirge gegangen war, aus dem heitern oder trüben Aspekt des
Siebenschläfers und aus der Blüte des Heidekrauts trafen richtiger zu
als der Hahnenruf des Schleswiger Wetterpropheten, ob sie gleich nicht
begehrten, ihr Licht dem gesamten deutschen Vaterlande aufzustecken,
sondern gleichsam nur unter dem Scheffel weissagten. Andere erzählten
die Abenteuer ihrer Jugend, wie sie unter dem Beistande des getreuen
Phylax den Wolf von der Herde abgewehrt und seinen Schrekkensbruder,
den grimmigen Wehrwolf, durch den kräftigen
Andreassegen weggescheucht hatten oder wie sie in Wüsten und Wäldern
von Hexen und Gespenstern zur Nachtzeit gefoppt und geängstigt
worden waren; was sie für Wunderdinge gehört, gesehen und erfahren
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hatten. Diese Erzählungen waren zum Teil so grausig, daß den
städtischen Zuhörern davon die Haut schauerte und die Haare zu Berge
stiegen: denn eine löbliche gemeine Bürgerschaft nahm an dem ländlichen
Schäferfest in den Stunden des Feierabends vergnügten Anteil.
Viel Zünftier und Handwerker begaben sich in die Trinkstube des
Wirtshauses zum Goldnen Lamm, zahlten einen Schoppen Wein, hörten
diesen Schnack und gaben des öfteren ihr Wort auch mit dazu.
Am besagten Abend war der silberbehaarte Martin, ein muntrer Greis
von achtzig Jahren, der wie der fromme Erzhirte Jakob ein ganzes
Schäfergeschlecht aus seinen Lenden hatte hervorsprossen sehen, über
alle Maßen heiter und gesprächig. Er ließ sich, da es schon anfing, in
der Trinkstube an Gästen lichte zu werden, noch einen Becher Fernewein
zum Schlaftrunk zapfen. Es tat ihm wohl, daß das Geräusch um
ihn her sich verminderte und daß er nun auch zu Worte kommen
konnte. »Kameraden«, hob er an, »ihr habt viel von euren Abenteuern
geplaudert, die zum Teil wunderseltsam genug klingen, doch will mich
bedünken, der Wein habe zuweilen mit eingeschwatzt. Ich weiß auch
eins, das mir in meiner Jugend begegnet ist und das euch, ob ich gleich
nur die reine Wahrheit dabei einschenkte, wunderbarer vorkommen
würde als alle die eurigen; aber es ist schon zu weit in die Nacht, ich
kann's nimmer enden.« Alles schwieg, da der ehrwürdige Graukopf
den Mund auftat, es herrschte solche Stille in der Trinkstube, als wenn
der Bischof von Bamberg stille Messe läs ; und da der Greis schwieg,
wurde alles laut um ihn her, und seine Nachbarn und Gefreundten riefen
einmütig: »Vater Martin, laß uns dein Abenteuer hören! Warum
hältst du damit hinterm Berge? Gib's uns zum Feierabend.« Selbst
einige Bürger aus der Stadt, die eben im Begriff waren heimzugehen,
hingen Mantel und Hut wieder an den Haken und ermahnten ihn, zum
Abschied seine Wundergeschichte mitzuteilen. Altvater Martin konnte
dieser dringenden Aufforderung nicht widerstehen und redete also:
»Anfangs ging mir's gar kümmerlich in der Welt. Als ein verlaßner, elternloser
Knabe mußte ich mein Brot vor den Türen suchen, hatte keine
Heimat, war allerorten zu Haus und zog mit meinem Ranzen von Dorf
zu Dorf im Lande herum. Wie ich heranwuchs, stark und bengelhaft
wurde, verdang ich mich als Bub bei einem Schäfer auf dem Harz und
diente ihm bis ins dritte Jahr bei den Schafen. Zu Anfang des Herbstes
des selben Jahres fehlten eines Abends beim Heimtreiben zehn Stück
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von der Herde. Da schickte mich der Großknecht aus, sie im Walde zu
suchen. Der Hund geriet auf eine falsche Spur, ich irrte im Gebüsch
umher, die Nacht brach ein, und weil ich der Gegend unkundig war
und mich nicht wieder heimfinden konnte, beschloß ich, unter einem
Baume zu übernachten. In der Mitternachtsstunde wurde der Hund
unruhig, fing an zu queulen, zog den Schwanz ein und drückte sich
dicht an mich, da vermerkt ich, daß es hier nicht geheuer sei, ich schaute
umher und sah bei hellem Mondschein, daß eine Gestalt mir gegenüberstund.
Es war ein Mann mit zottigen Haaren am ganzen Leibe, er
hatte einen langen Bart, der ihm bis über den Nabel reichte. Um das
Haupt trug er einen Kranz, um die Lenden einen Schurz von Eichenlaub
und hielt einen ausgewurzelten Tannenbaum in der rechten Hand.
Ich zitterte wie ein Espenlaub, daß mir vor Entsetzen die Seele bebte.
Das gespenstische Ungetüm winkte mir mit der Hand, ihm zu folgen,
aber ich rührte mich nicht von der Stelle; drauf vernahm ich eine heisere
grölzende Stimme, die sprach: >Feigherz, fasse Mut, ich bin der Schatzhüter
des Harzes. Gehe mit mir, so du willst, sollst du einen Schatz heben.<
Ob mir die Angst gleich kalten Todesschweiß austrieb, so ermannte
ich mich doch endlich, schlug ein Kreuz vor mich und sprach:
>Hebe dich weg von mir, Satan, ich bedarf deines Schatzes nicht!< Da
grinste mir der Geist ins Gesicht, stach mir den Gecken und rief:
>Tropf, du verschmähest dein Glück! Nun, so bleib ein Lump all dein
Lebtag.<Er wendete sich von mir, als wollte er förder gehen; doch kam
er bald wieder zurück und sprach: >Besinn dich, besinn dich, Schelmendeckel,
ich füll' dir das Ränzel, ich füll' dir den Säckel.< — >Es steht geschrieben<,
antwortete ich: >Laß dich nicht gelüsten, weiche von mir,
du Ungetüm, mit dir hab ich nichts zu schaffen!<
Da der Geist sah, daß ich ihm kein Gehör gab, ließ er ab, in mich zu
dringen, und sprach nur so viel: >Du wirst's bereuen!< sah mich dabei
trübselig an, und nachdem er sich eine Zeitlang bedacht hatte, fuhr er
fort: >Merke, was ich dir sage, und nimm's wohl zu Herzen, ob dir's
einmal frommen möchte, wenn du zu Verstande kommst. Es liegt ein
ungeheurer Schatz an Gold und Edelsteinen tief unter der Erde im
Brocken verwahrt, der im Zwielichten versetzt ist und darum sowohl
am hellen Tage als zur Mitternachtsstunde gehoben werden kann. Ich
hüte sein seit siebenhundert Jahren; aber von heut an wird er wieder
gemeines Gut, daß ihn nehmen kann, wer ihn findet: meine Zeit ist um.
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Darum gedachte ich, ihn in deine Hände zu geben, denn ich gewann
dich lieb, da du auf dem Brocken weidetest.<Darauf gab mir der Geist
Kundschaft von dem Orte, wo der Schatz zu finden sei, und von der
Weise, wie ich dazu gelangen sollte. Es ist mir noch, als wenn's heute
geschähe, so deutlich erinnere ich mich aller seiner Worte. >Geh nach
dem Andreasberg<, sprach er, >und frag dort nach dem schwarzen
Königstale, jetziger Zeit das kleine Morgenbrotstal genannt. Wenn du
an ein Bächlein gelangst, die Duder, Oder auch Eder benamt, so folge
demselben, dem Strom entgegen, bis an die steinerne Brücke, an einer
Sägemühle gelegen. Gehe nicht über die Brücke, sondern halte dich
rechter Hand längs dem Bächlein hinauf, bis dir eine hohe Steinklippe
entgegensteht. Einen Bogenschuß davon wirst du eine eingefallene
Grube wahrnehmen als ein Grab, wo man einen Toten hineinlegt.
Wenn du das Grab hast, so räume es getrost auf; ob du auch saure
Arbeit daran tust, wirst du doch vermerken, daß die Erde mit Fleiß
dareingeschüttet sei. Hast du nun feste Steine auf beiden Seiten, so fahre
mit der Arbeit fort. Bald wirst du eine viereckige Steinplatte eingemauert
finden, eine Ehe hoch und breit, diese zwänge aus der Mauer, so
bist du im Eingang des Schatzbehälters. In diese Öffnung mußt du auf
dem Bauche hineinkriechen, mit dem Grubenlicht im Munde, die
Hände frei, daß du nicht mit der Nase an einen Stein stößt: es fällt darinnen
sehr talein und hat scharfes Gestein. Wenn dir schon die Kniescheiben
etwas bluten, so achte es nicht, denn du bist auf gutem Wege.
Raste nicht, bis du eine breite steinerne Treppe erreichst, von der du
auf zweiundsiebenzig Stufen gemächlich in die Tiefe hinabsteigst, in
eine geräumige Halle mit drei Türen von innen. Zwei davon stehen offen,
die dritte ist feste verwahrt mit eisernem Schloß und Riegel. Gehe
nicht ein durch die zur Rechten, daß du nicht beunruhigst die Gebeine
des ehemaligen Schatzherrn. Gehe auch nicht ein durch die zur Linken:
es ist die Unkenkammer, wo Ottern und Schlangen innen hausen; sondern
öffne die verschlossene Tür mittels der wohlbekannten Springwurzel,
die bei dir zu tragen du nicht vergessen darfst, sonst ist all dein
Tun verloren, und du erreichst nichts mit Werkzeug und Brecheisen.
Wie du sie erlangen mögest, darum frage einen erfahrnen Weidmann:
es ist eine gemeine Jägerkunst, und die Wurzel ist nicht schwer zu bekommen.
Sei unverzagt, ob die Tür gleich mit großem Krachen und
Geprassel auffährt wie der Knall einer Donnerbüchse: es geschieht dir
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kein Leid, und die Kraft kommt aus der Springwurzel. Bedecke nur
dein Grubenlicht, daß es nicht verlösche, so wirst du vermeinen zu erblinden
von dem herrlichen Glanz und Schimmer des Goldes und der
Edelsteine an den Wänden und Pfeilern des innern Gewölbes; aber
hüte dich, deine Hand darnach auszustrecken, es wär, als ob du einen
Kirchenraub begingest. In der Mitte des Kellers steht eine kupferne
Truhe, gleich einem hohen Altar in der Kirche, darinnen findest du
Goldes und Silbers genug und magst daraus nehmen, soviel dein Herz
begehrt. Wenn du so viel hast, als du tragen kannst, so hast du genug
auf deine Lebenszeit, auch magst du dreimal wiederkommen, nur zum
viertenmal wär dein Beginnen umsonst: auch würdest du dann ob deiner
Gierigkeit hart bestraft werden, auf der steinernen Stiege ausgleiten
und ein Bein brechen. Verabsäume nicht, jedesmal den Schurf wieder
zuzuwerfen, wodurch du den Eingang in die Schatzkammer des Königs
Bruktorix dir eröffnet hast.<
Als der Geist das gesagt hatte, spitzte der Hund die Ohren und fing
an zu bellen, ich vernahm das Klatschen von Fuhrmannspeitschen und
das Rasseln der Räder in der Ferne, und da ich mich umsahe, war das
Gespenst verschwunden.« Hiermit endigte der graubärtige Geisterseher
sein Abenteuer, das auf die Zuhörer ganz verschiedenen Eindruck
machte. Einige hatten ihren Spott damit und sprachen: »Alter Vater,
das hat dir geträumt!« Andere gaben der Sache guten Glauben; noch
andere waren Eiertreter, nahmen eine weise Miene an und gingen mit
der Sprache nicht heraus. Der Wirt zum Goldnen Lamm war ein großer
Schlaukopf, sein unvorgreifliches Ermessen der Sache ging dahin, aus
dem Erfolg lasse sich die Kontrovers am sichersten entscheiden: alles
käme darauf an, ob der Altvater die unterirdische Wallfahrt begonnen
habe und mit vollem Säckel wieder zu Tage ausgefahren sei oder nicht.
Er schenkte ihm einen Becher aus der frischen Flasche ein, um seine gesprächige
Laune zu unterhalten, und frug traulich: »Vater Martin, sag
an, bist du im Berge gewesen und hast du gefunden, was dir der Geist
verheißen hat, oder ist er an dir zum Lügner geworden?«
»Mitnichten«, antwortete der ehrliche Weißbart, »ich kann den Geist
nicht Lügen strafen, denn ich habe nie einen Schritt darum getan, das
Grab zu suchen oder es aufzuschürfen.« — »Und warum hast du das
denn nicht getan?«
»Um zweierlei Ursach willen, einmal darum, weil mir mein Hals zu lieb
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war, als daß ich ihn dem Teufelsspuk hätte preisgeben sollen, und hernach
darum, weil mir kein Mensch jemals hat berichten können, wie
die Springwurzel zu erlangen stehe, wo sie wachse und auf welchen Tag
und zu welcher Stunde sie müsse gegraben werden, ob ich gleich manchen
wackern Weidmann darum befragt habe.«
Der Wirt zum Goldnen Lamme war mit seiner Untersuchung nun
schon zu Ende, ohne daß ihm ein Licht im Verstande dadurch angezündet
wurde. Dagegen erhob Nachbar Blas, ein bejahrter Hirt, seine
Stimme und sprach: »Jammer und Schade, Vater Martin, daß deine
Heimlichkeit mit dir veraltet ist. Hättest du vor vierzig Jahren ausgebeichtet,
die Springwurzel sollte dir, traun, nicht gefehlt haben. Ob du
schon den Brocken nimmer besteigen wirst, so will ich doch Kurzweil
halber dir anzeigen, wie sie zu erlangen ist.
Am leichtesten geht das vonstatten mit Hilfe eines Schwarzspechts.
Merke, im Frühling, wo er in einem hohlen Baum nistet, wenn nun die
Brutzeit vorbei ist und er ausfliegt, Nahrung zu suchen, so treibe einen
harten Quast in die Öffnung des Einflugs. Stelle dich hinter den Baum
auf die Lauer, bis der Vogel zurückkommt zur Futterzeit. So er wahrnimmt,
daß das Nest wohl verspündet sei, wird er mit ängstlichem
Geschrei um den Baum schwirren und seinen Flug plötzlich gegen Sonnenuntergang
nehmen. Wenn das geschieht, so sei bedacht, einen roten
scharlachnen Mantel aufzutreiben, oder in dessen Ermanglung geh zum
Krämer und kaufe von ihm vier Ellen rotes Tuch, verbirg's unter deinem
Kleid und harre beim Baum einen, auch wohl zween Tage lang,
bis der Specht wieder zu Neste fliegt, mit der Springwurzel im Schnabel.
Sobald er damit den Pfropf berührt, wird dieser aus dem Astloch
mit großer Gewalt wie ein Kork aus einer gärenden Flasche fahren.
Dann sei behend und breite den roten Mantel oder das Tuch unter den
Baum: so meint der Specht, es sei Feuer, erschrickt davor und läßt die
Wurzel fallen. Einige zünden auch unter dem Baum wirklich ein zartes
Feuerlein an, das nicht viel raucht, und streuen die Blüte von dem Kraut
Spickenardi darauf. Aber es ist damit ein mißlich Tun; wenn die
Flamme nicht rasch genug auflodert, entfliegt der Specht und trägt die
Wurzel mit sich davon. Hast du sie nun in deiner Gewalt, so unterlaß
nicht, jeden Tag ein Stücklein Kreuzdornholz dabeizubinden: denn
wofern du die Wurzel frei aus der Hand legen wolltest, wäre sie ohne
Genuß verloren.«
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Es wurde über diese Prozedur noch mancherlei gekannegießert, und es
war bereits hoch Mitternacht, ehe die Zechgäste auseinanderschieden.
Von aller menschlichen Gesellschaft abgesondert, hatte neben Hund
und Katze hinter dem Ofen in des Wirts ledernem Polsterstuhle ein
Zechgast Posto gefaßt, der den ganzen Abend ein so tiefes Stillschweigen
beobachtet hatte, als wenn er sich vorbereite, in einem Kartäuserkloster
Profeß zu tun.
Sowenig Kontemplationsgeist er sonst besaß: so sehr war er diesmal
ganz in sich gekehrt und in tiefem Nachdenken begriffen, wozu er
durch mehr als eine Ursache Veranlassung fand. Weiland eines weisen
Magistrats und gemeiner Stadt Garkoch und Weinmeister, nachher
Brunnenmeister und endlich als Privatus Lungerer und Hungerer, war
Meister Peter Bloch seit dem letzten Jahrzehnt die große Leiter von
Glück und Ehre Sprosse für Sprosse immer abwärtsgestiegen, welches
der merkliche Abfall vom Weinmeister zum Brunnenmeister allgenugsam
zu erkennen gibt, der dem Abstand vom Kaiser zum Küster wohl
wenig nimmt. Er war in seinem vormaligen Wohlstand ein jovialischer
Mann, recht wie zum Scherztreiber geboren, der auf Ehrenmahlen, die
ihm verdungen wurden, Geist und Magen der Gäste in gleichem Maße
wohl zu nähren und zu vergnügen wußte. In der Kochkunst tat es ihm
nicht leicht ein anderer zuvor. Er verstund, einen Auerhahn mit einem
gehemmerten süßen Sode herrlich zuzurichten, auch hohe Gallerte von
Fischen zu bereiten, desgleichen köstliche Synandtfladen, Quittentorten,
Kuchen mit Oblaten, und allen Schweinsköpfen übergüldete er die
Ohren. Er hatte sich frühzeitig nach einer Gehilfin umgetan; aber unglücklicherweise
war seine Wahl auf ein Mädchen gefallen, das ihrer
bösen Zunge halber, womit sie wie eine Natter stach, in der ganzen
Stadt verschrien war.
Wer ihr in Wurf kam, Freund oder Feind, das kümmerte sie nicht, dem
wußte sie in einem Atem neunerlei Schande nachzusagen. Sie verschonte
selbst die Heiligen im Himmel nicht und war mit ihrer Lästerchronik
weit bekannt, nur glückte es ihr nicht, die Lacher auf ihrer Seite
zu haben. Vollbrechts Ilse war durchgängig verhaßt, die jungen Gesellen
gingen ihr meilenweit aus dem Wege, denn sie wußte auf jeden
einen Ekelnamen. Daher wurde sie überreif, wie eine Hagebutte, die
um der Stachel willen am Stocke sitzenbleibt. Endlich ließ sich Meister
Peter, dem ihre Anstelligkeit und Häuslichkeit vorgelobt wurden, dennoch
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bereden, um sie zu werben. Da ging ein Knitteireim in der Stadt
herum, der lautete also:
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Vollbrechts Ilse,
Niemand will se,
Die böse Hülse:
Da kam der Koch,
Peter Bloch,
Und nahm sie doch. |
Das traute Paar war kaum vom Altar zurück, so führte schon die Zwietracht
den Hochzeitsreihen an. Der Stadt Weinmeister hatte sich in der
Fröhlichkeit des Herzens an seinem Ehrentage vom Wein übermeistern
lassen, welcher Zufall ihm auch wohl an einem gemeinen Werktage begegnete,
und taumelte der Braut in die Arme. Darüber gab's schon
einen harten Strauß, und der Ehekalender prophezeite den Brautleuten
stürmische, unfreundliche Witterung, schwere Donnerwetter mit
Schloßen und Platzregen, wenig Sonnenschein und viel kalte Nächte.
Das Prognostikon traf auch richtig zu, bis auf den letzten Punkt: denn
der reiche Kindersegen, den diese zwiespältige Liebe in der Folge erntete,
ließ wenigstens mitunter fruchtbares Wetter und lauwarme
Nächte vermuten. Demungeachtet hatte Meister Peter lange Zeit nicht
die Freude, den süßen Vaternamen lallen zu hören: seine Deszendenz
bestund aus eitel Sterblingen, die so hinfällig waren, daß sie, wenn sie
kaum die vier Wände beschrien hatten, an heftigen Zuckungen dahinstarben,
gleichwie die jungen Zicklein im kalten Winter. Die Zornwut
des zänkischen Weibes verpestete die nahrhaften Säfte der balsamischen
Muttermilch und verwandelte sie in ätzenden Schirlingssaft, welchen
der zarte Säugling aus der Quelle des Lebens trank.
Obgleich Meister Peter keine großen Güter zu vererben hatte, so war's
ihm doch ungemütlich, kinderlos zu bleiben, er beklagte sich öfter gegen
seine Nachbarn über diesen Unstern, und wenn er ein Kind begraben
ließ, sprach er: »'s hat wieder in die Kirschblüten geblitzt, daß keine
Frucht davon zur Reife kommt.« Da eröffnete ihm eine kluge Frau die
Ursache seiner häuslichen Mortalität, und als ihm ein Sohn geboren
ward, legte er ihn einer gesunden Amme an die Brust. Der Knabe
wuchs und ward stark, und der Vater hatte große Lust und Freude an
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ihm. Er nahm den trauten Görgel ganz allein unter seine Zucht und
Aufsicht, und nachdem er ihn behost hatte, führte er ihn in die Küche
anstatt in die Schule ein, versagte ihm keinen Leckerbissen und zog
einen kleinen Fresser aus ihm. Zur Mittagszeit, wenn den Speisegästen
angerichtet wurde, stund er auf der Lauer, gabelte in die Schüssel nach
einem Leberlein oder deutete auf einen Hahnenkamm, und der tätschelnde
Vater reichte ihm alsbald, in ein wenig Salz getaucht, die verlangte
Schleckerei.
Wenn er aber bei der Mutter so ein feines Stücklein praktizieren wollte,
ging's ihm nicht ungenossen aus, sie schalt und kiff ob dieser Unart und
schlug den kleinen Lecker mit dem Kochlöffel wohl gar auf die Finger.
Da weinte das liebe Kind, daß es das väterliche Herz erbarmte und dem
Meister Koch die Butter ins Feuer entfiel. Er sprach sodann gutmütig
bittend zu der stürmischen Hausehre in seiner fränkischen Mundart:
»Weibelä, gib doch dem Bübelä ä Schlägelä von dem Hennelä.« So
trieb's der gute Vater mit seiner Zucht bis ins siebente Jahr, da war der
traute Görgel zu Tode gefüttert. Es blieb ihm von allen seinen Kindern
keins übrig, als nur eine einzige Tochter von so fester Masse, daß weder
die Bilsenessenz der Muttermilch noch die Mast der Vaterliebe sie vergiften
konnte: sie wurde unter der mütterlichen Strenge und des Vaters
Nachsicht groß und schön; auch ließ sich dieser nie bereden zu glauben,
daß ihm der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt habe, da ihm eine
hübsche Tochter war geboren worden.
Unterdessen hatten sich die Glücksumstände der Familie merklich geändert.
Meister Peter war in der Jugend in der Rechenschule versäumet,
hatte keine Spezies aus dem Grunde begriffen als die Subtraktion, die
Addition und Multiplikation wollten ihm nie ein, und mit der Division
hatte er sich all sein Lebtag nicht zu befassen gewußt. Es kostete ihm
zu viel Anstrengung, Ausgabe und Einnahme in seiner Ökonomie gegeneinander
abzuwägen; hatte er Geld, so versorgte er Küche und Keller
reichlich, gab den Schmarotzern, die seine Speisekunden waren,
Kredit, so viel sie begehrten, hielt die lustigen Brüder, die gute
Schwänke zu erzählen wußten, zechfrei, und füllte allen Hungerleidem,
die sich an ihn wandten und sein Mitleid rege zu machen wußten,
den Magen. War seine Kasse erschöpft, so borgte er vom Wucherer gegen
hohe Zinsen, und weil er das Pantoffelregiment des zänkischen
Weibes fürchtete, gab er gegen die strenge Domina vor, es wären eingegangene
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Schulden. Sein Grundsatz, der sich mit seiner Gemächlichkeit
gar wohl vertrug und nach welchem noch viel bequeme Wirte kalkulieren,
war der: am Ende wird sich wohl alles finden. Und es fand sich
auch wirklich am Ende, daß Meister Peter in Konkurs verfiel und sich
genotdrungen fand, zur allgemeinen Bedauerung aller Gutschmecker
und feinen Züngler seiner Vaterstadt das Küchen- und Kellerschild
einzuziehen. Weil er sich aber mit seinen Küchentalenten viel Tischfreunde
erworben hatte, versah ihn ein wohlweiser Magistrat aus
Kommiseration mit dem dürftigen Amte eines Brunnenmeisters; denn
die Herrn fürchteten eine üble Nachrede, wenn's hieß, in der Reichsstadt
Rothenburg sei der Garkoch verhungert.
Allein auch bei diesem kleinen Amte hatte der Exkoch weder Glück
noch Stern. Meister Peter verlor unverschuldeterweise sein Brunnenamt
unter der Anschuldigung, er habe nicht sorgfältig genug auf die
Wasserbehälter geachtet. Jetzt wußt er weder Rat noch Hilfe: graben
mocht er nicht, so schämte er sich zu betteln. In jenen frugalen Zeiten,
wo sich die stattliche Hausfrau nicht scheute, eigenhändig den schwarzen
Topf ans Feuer zu rücken und ihre Küche zu besorgen, war bei den
Herrschaften um einen Koch eben keine Nachfrage: die gallische Küche
hatte den deutschen Gaumen noch nicht verwöhnt.
In diesem trübseligen Zustande mußt er des beißigen Weibes Gnade
leben, die sich von einem kleinen Mehlhandel dürftig nährte. Für die
Kost leistete er ihr die Dienste eines Esels, welches Haustier bei dem
neuen Wirtschaftsgewerbe ohne diesen Stellvertreter ihr unentbehrlich
gewesen wär. Sie belud die ungewohnte Schulter des trägen Ehgespans
mit manchem schweren Sack Getreide, den er keuchend in die Mühle
trug, maß ihm dafür kärglich genug sein Futter zu, und wenn er sein
Tagewerk nicht förderte, schlug ihn der Satansengel gar mit Fäusten.
Das jammerte der weichgeschaffenen Seele der tugendlichen Tochter
über alle Maßen und kostete ihr manche stille Träne. Sie war der Augapfel
des Vaters, er hatte sie von Jugend auf nach seiner Weise gegängelt,
sie erwiderte auch die väterliche Liebe mit kindlicher Zutätigkeit,
und das tröstete den guten Vater für alle häuslichen Kalamitäten. Die
liebenswürdige Lucine hatte die Nadel zum Nahrungszweig gewählt,
ihren Unterhalt damit zu gewinnen, und sie hatte in der Näherei, und
besonders in der Bildnerei mit der Nadel, große Kunstfertigkeit erlangt:
was ihre Augen sahen, das konnten ihre Hände. Sie stickte Meßgewande,
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Altartücher und köstliche bunfarbige Tischteppiche, die damals
im Gebrauch waren, hatte die biblischen Historien des Alten
Testamentes, von Erschaffung der Welt an bis auf die keusche Susanna,
von Wolle und Seide hineingewebt, und es ist kein Zweifel, daß sie,
wenn sie unsere Zeitgenossin gewesen wär, mit den drei kunstreichen
Schwestern in Zelle würde gewetteifert, seidenes Frauenhaar in ihre
Nadel eingefädelt und mit täuschender Kunst die Schöpfung des Grabstichels
nachgeahmt haben.
Ob sie den Gewinn ihrer Arbeit gleich der strengen Mutter genau berechnen
mußte und solchen auch gern und willig zu den gemeinsamen
häuslichen Bedürfnissen beitrug: so wußte sie doch zuweilen diese um
einen Dreibätzner zu berücken, den sie beiseite legte und dem guten
Vater heimlich zusteckte, daß er in ein Weinhaus schleichen und sich
gütlich davon tun konnte. Zu dem bevorstehenden Schäferfest hatte sie
eine doppelte Zehrung aufgespart, welche sie dem durstigen Vater mit
heimlicher Freude verstohlen in die Hand drückte, nachdem er zur
Abendzeit aus der Mühle zurückkam und eben einen vollen Mehlsack
abgeschultert hatte. Er machte dem lieben Mädchen dafür das freundlichste
Gesicht, das ihm zu Gebote stund, wenn er unter den Lasten
schier erlag, die ihm sein Hausdrache von Weib aufbürdete, wie er hinter
ihrem Rücken die gurrige Ehehälfte aus gerechtem Eifer zu nennen
pflegte. Die Gutmütigkeit der liebevollen Lucine griff ihm diesmal in
die Seele, und er wurde dadurch so gerührt, daß ihm die Augen wässerten,
denn er trug einen Plan mit sich herum, der diesen Abend zur Reife
gedeihen sollte, womit er von seiten der frommen Tochter eben kein
Trinkgeld zu verdienen glaubte. In ernstes Nachdenken vertieft, wandelte
er die Straße hinab ins Wirtshaus zum Güldnen Lamme, drängte
sich durch das Getümmel der Zechgäste, forderte einen Schoppen Wein
und pflanzte sich damit, ohne an der Gesellschaft Anteil zu nehmen,
hinter den Ofen auf des Wirts ledernen Polsterstuhl, der ungeachtet aller
Bequemlichkeit wegen seines ungeselligen Standortes unbesetzt
war. Hier gab er, nachdem der Wein die Wirbel der abgespannten Nerven
ein wenig zurechtegeschraubt und die Lebensgeister aufgefrischt
hatte, seinen Gedanken freie Audienz und zog die kritische Proposition,
die ihm in Ansehung der schönen Lucine war gemacht worden,
in reife Überlegung.
Ein junges Genie, seiner Profession nach ein Maler, hatte sich in
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Rothenburg gesetzt, um daselbst seine Kunst zu treiben. Das höchste
Ideal der weiblichen Schönheit war sein Hauptstudium. Wo er einer
wohigestalten Dirne ansichtig wurde am Fenster, auf freier Straße oder
in der Kirche, da zog er seine Pergamenttafel hervor und konterfeite
sie mit der Bleifeder ab. Hernach setzte er das Bild in Ölfarbe, verkaufte
es in die Klöster für eine heilige Veronika oder Madonna und fand damit
guten Vertreib, sonderlich bei jungen Mönchen, die ihre Andacht
dabei hatten. Am Fronleichnamsfest war ihm bei der feierlichen Prozession
die schöne Lucine in die Augen gefallen, er hatte flugs den
Rötelstift zur Hand genommen, die herrliche Physiognomie zu erhaschen;
allein sie war kein Alltagsgesichte, das sich mit der Leichtigkeit
wie ein Schattenbild an der Wand abnehmen ließ. Die Züge des reizenden
Mädchens waren so sanft ineinander verschmolzen und die ganze
Wohlgestalt so fein abgerundet, daß die Kopie dem Original durchaus
nicht entsprach. Sosehr der Künstler bemüht war, aus dem ersten Entwurf
durch Beihilfe der Einbildungskraft das liebliche Dosenstück herauszupinseln:
so wenig wollte es ihm damit glücken, es blieb immer in
Vergleich des Urbildes ein steifer Haubenkopf, darum strich er aus
Verdruß die unbehilfliche Larve wieder aus.
Bald nachher machte ein reicher Graf zur Ausschmückung eines neuerbauten
Schlosses eine Bestellung bei ihm von verschiedenen Gemälden,
wozu er die Ideen selbst angab.
Das Hauptstück sollte die Geburt der Venus vorstellen, wie sie als Meisterstück
der schönen Natur aus dem Schoße des Meeres hervorstieg,
von Göttern und Meerwundern angestaunt. Zu dieser Komposition
wußte der Maler kein vollkommner Muster, die Liebesgöttin danach
zu schildern, als des vormaligen Garkochs, Meister Peter Blochs,
schöne Tochter; nur war die Frage, ob das züchtige Mädchen die ganze
Summe ihrer Reize dem Auge des Künstlers preisgeben würde, um in
ihre Körperform eine Göttin zu kleiden, die er nach der Natur zu
zeichnen vorhatte.
Um den geradesten Weg einzuschlagen, der zu dieser Absicht führte,
wendete er sich unmittelbar an den Vater, machte sich ein Gewerbe bei
ihm, ließ von ihm Farben reiben und vergalt ihm seine Mühe reichlich.
Nach gemachter Bekanntschaft führte er ihn eines Tages ins Weinhaus,
ließ ihm wacker einschenken und rückte, da er merkte, daß der Gast
bei guter Laune war, mit seiner Petition heraus, nebst angefügter Verheißung
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eines namhaften Präsents im Fall zugestandener Verwilligung.
Aber Meister Peter nahm das Ding schief, erboste sich heftig über den
unziemlichen Antrag, argwöhnte von der angeblichen Befugnis des
Malers, zum Behuf der Kunst die schöne Natur zu entschleiern, unlautere
Absichten auf Ehre und Tugend der schönen Lucine, und sprach
mit zorniger Gebärde: »Wie versteht das der Herr? Ist's gekurzweilet
oder soll's geernstet sein? Meint er, daß ich ihm meine Tochter barleibig,
als ein gerupft Hühnlein, verkaufen soll? Das letzte hab ich wohl
vormals als Garkoch getan; aber das erste ziemt keinem rechtschaffenen
Reichsbürger.«
Das Kunstgenie hatte seine ganze Beredsamkeit nötig, um dem Freund
Garkoch das eigentliche Verständnis zu eröffnen. Er führte ihm das
Beispiel der freien Reichsstadt Kroton in Großgriechenland an, wo
weiland eine löbliche Bürgerschaft sich um die Wette beeifert habe, die
schönsten Stadtjungfern seinem Kunstverwandten, dem Maler Zeuxis,
zu dem nämlichen Behuf vor die Staffelei hinzustellen, und zwar wie
sie aus der Hand der Natur hervorgegangen wären, ihrer jungfräulichen
Ehre und Reputation unbeschadet. Vielmehr wären die fünf auserwählten
Schönheiten, aus welchen der Kunstmeister das Ideal der
Liebesgöttin zusammenstudiert habe, allerseits glücklich an den Mann
gebracht und überdies noch gar viel zu ihrem Lobe poetisiert worden.
So einleuchtend dieses Exempel war, so wenig machte es auf den ehrbaren
Rothenburger Eindruck, der es für unschicklich hielt, mit der sittsamen
Lucine eine Prozedur vornehmen zulassen, für welche in unsern
Tagen ein Vizekönig von Indien responsabel gemacht wird, weil er die
Grazien von Oude im griechischen Kostüm zur Schau soll ausgestellet
haben. »Freund, ich sehe wohl«, sprach der Maler, »daß wir des Handels
nicht einig werden, du hast deinen freien Willen. Inzwischen, wenn
du deinen Vorteil als ein guter Koch verstanden hättest, so würdest du
diese zwanzig Goldgulden, bar aufgezählt, nicht verschmähen, den bildenden
Künsten einen Augenschmaus dafür aufzutischen.«
Der Anblick des Goldes erschlaffte die Strenge der reichsbürgerlichen
Tugend dergestalt, daß sie nachgebend und geschmeidig wurde wie sämisches
Leder.
In den kümmerlichen Umständen, worinne sich Meister Peter befand,
war diese Summe eine zu süße Lockspeise. Er bedachte, wie gütlich er
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sich von einem Goldgulden tun könnte, und zwanzigmal diesen Genuß
zu wiederholen, das überwog alle Bedenklichkeiten. Er versprach, die
Sache in Überlegung zu ziehen und auf Mittel zu denken, die schöne
Lucine dem Künstler in die Hände zu spielen, dem er es überließ, dafür
zu sorgen, wie er zum Anschauen ihrer verborgenen Reize gelangen
möchte. Selber zu einer solchen unsittsamen Gefälligkeit sie zu überreden,
gestund er frei sein Unvermögen. Der junge Weltmann lachte über
diese kleine städtische Delikatesse und nahm es auf sich, diesen Punkt
in Richtigkeit zu bringen. »Meinst du, Vater Peter«, sprach er, »daß es
mir große Schwierigkeit kosten wird, das Mädchen aus dem Eie zu
schälen? Ist dir unbekannt der Wettstreit der Sonne und des Sturmwindes
um den Reisemantel eines Wanderers? Was der Orkan nicht mit
seinem gewaltsamen Sausen vermochte, das wirkte jene mit ihren sanften
Strahlen. Von dir würde sich die schöne Lucine freilich nicht überreden
lassen, ihr Gewand zu enthüllen: du würdest dem Sturmwind
gleichen; aber ich werde ihr Sonnenstrahl sein.«
Der Kontrakt mit dem Maler Duns war so gut als geschlossen, es kam
nur auf die Lieferung an, und dabei fand Meister Peter noch manchen
Skrupel. Er drückte den Polsterstuhl des Wirts zum Goldnen Lamm
schon stundenlang, ohne daß er es spitzig genug einzufädeln wußte,
wie er mit der angesponnenen Schelmerei zum Zweck gelangen, das
Mädchen der Mutter vor den Augen wegstehlen und mit guter Manier
an seinen Kundmann liefern sollte. Der Angstschweiß trat ihn an die
Stirn, wenn er daran gedachte, was am Ehehorizont sich für ein Ungewitter
auftürmen und wie es auf ihn herab blitzen und donnern würde,
wenn Eumenide Ilse den väterlichen Hochverrat an der leiblichen
Tochter in Erfahrung bringen sollte. Überdies pochte der Gewissenshammer
hart an seine Herzenskammer, jeder Tropfen Wein, den ihm
die kindliche Gutmütigkeit gern in Nektar verwandelt hätte, gewann
hinterher einen Gallen- und Wermutgeschmack, wenn er erwog, daß
das liebe Mädchen alles bei Heller und Pfennig zusammensparte, ihm
einen Labetrunk zu gewähren, und dieser sollte ihn jetzt zu einer
Arglist begeistern, ihre Zucht und Scham auf eine harte Probe zu stellen.
Alles wohl ponderiert, war es für einen Vater eben nicht das löblichste
Vorhaben, mit der Frucht seines Leibes unziemlichen Wucher
zu treiben, höchstens ließ es sich durch die Entreprise eines poetischen
Negerhandels mit den Produkten des Geistes entschuldigen.
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Die gierige Habsucht und der altdeutsche Biedersinn kämpften einen
harten Kampf miteinander, und der Sieg war noch zweifelhaft, da der
Altvater Martin sein Abenteuer zu erzählen begann. Dieses sonderbare
Phänomenon reizte die Aufmerksamkeit des Anachoreten hinter dem
Ofen, er gebot den streitenden Parteien Stillstand und postierte Seele
und Geist gerade hinter das Trommelfell seiner beiden Ohren, um die
Geschichte genau zu vernehmen. Es fehlte ihm nicht ein Wort daran,
und je weiter Vater Martin in der Erzählung fortrückte, desto interessanter
wurde sie dem stillen Horcher. Bisher hatte die Neugierde nur
seine Aufmerksamkeit gespannt; als aber Nachbar Blas mit der Theorie
herausrückte, dem Schwarzspecht die Springwurzel, das unumgängliche
Erfordernis der Schatzgräberei, abzulocken, glühte auf einmal seine
ganze Phantasie. Er stund schon mit Leib und Seele in der Einbildung
vor der kupfernen Truhe im Brocken und säckelte Goldstücken ein.
Mit Unwillen verwarf er jetzt die dürftige Malerproposition, seine
Gewinnsucht labte sich an einem fetten Köder. Zwanzig Goldgulden
würde er der Mühe kaum wert geschätzt haben, sich darum zu bücken,
wenn sie ihm vor den Füßen gelegen hätten. Das Harzpotosi und der
Weindunst hatten ihn so begeistert, daß er den raschen Entschluß faßte,
sein Heil auf dem Brocken zu versuchen. Der schwere Kochtopf war
gleichsam vergeistiget und in einen Aerostat verwandelt, der, mit entzündbarer
Luft gefüllt, hoch in den Lüften schwebte, sich's in diesem
ungewohnten Element wohl sein ließ und Schlösser darin erbaute.
Die Wurzel alles Übels, Geldgeiz und Habsucht, waren eigentlich seine
Fehler nicht: solange sein Wohlstand dauerte, ging ihm das Geld gar
glatt durch die Hand; desto unbehaglicher war es ihm nachher, Dürftigkeit
mit Gleichmut zu ertragen. Wenn er sich also goldne Berge
wünschte oder träumte, so geschah es bloß darum, das von seiner
Hausehre ihm aufgebürdete Eselsvikariat mit Anstand zu resignieren,
keine Säcke mehr in die Mühle zu tragen und das liebe Mädchen, seine
Tochter, mit einer reichen Mitgift auszusteuern. Wiewohl es auch Zeiten
gab, wo er sich hätte bereden lassen, nach Art der Tscheremissen,
Zahlung für sie anzunehmen und sie an den Meistbietenden zu verhandeln;
doch das waren nur seine Teufelsaugenblicke. Ehe er sich von des
Wirts oftbelobtem Polsterstuhle erhob, war der Reiseplan nach dem
Harze bis auf eine Kleinigkeit, die Zehrung betreffend, ausgedacht und
der nächste Sonntag zu dessen Ausführung anberaumt.
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Meister Peter ging so leichten frohen Mutes nach Hause, als wenn er
im Güldnen Lamme das kolchische güldne Vlies erobert hätte. Auf dem
Heimwege aber störte der leidige Einfall, daß er noch nicht im Besitz
der magischen Springwurzel sei, schon diese idealische Glückseligkeit,
und da er sich zugleich besann, daß auf Egidi zwar der Hirsch auf die
Brunst trete, aber nicht der Specht zu Neste trage: so war's auf einmal
wieder so finster in seiner Seele, als wenn in einem Hochzeitshause die
Lichter ausgetan werden und der Schmaus zu Ende ist. Er schlich sich
ganz trübsinnig in seine Kammer, warf sich auf die harte Strohmatte,
konnte aber weder ruhen noch rasten. Da war's, als wenn ihm eine innere
Stimme das Sprüchlein zuflüstere: »Aufgeschoben sei drum nicht
aufgehoben.«Flugs schlug er Licht an, spitzte eine Feder und brachte
den ganzen Schatzprozeß von Anfang bis zu Ende treulich zu Papiere,
damit ihm kein Titel davon aus dem Gedächtnis entschwinden möchte.
Und da es ihm so fein aus der Feder floß und alles dastund, als ob er's
vor Augen hätte, tauchte er die spröde Rinde seines Kummers wieder
in den Honigtopf süßer Hoffnung ein und tröstete sich damit, wenn
er gleich noch einen Winter eseln müsse: so werde er doch die Wallfahrt
des Lebens nicht auf dem traurigen Mühlenpfade enden.
Der Tag vertrieb die finstre Nacht, die muntere Hausfrau wurde bereits
rege, orgelte bei der Revision ihrer Ökonomie das gewöhnliche Morgenlied
aus gellender Kehle, und der niedliche Finger der arbeitsamen
Lucine fädelte den seidenen Faden schon wieder in die blanke Nadel
ein, ehe der geschäftige Konzipient die Feder niederlegte. Das hastige
Weib öffnete rasch die Kammertür und fand den trauten Eheschatz in
voller Arbeit. »Du Vollzapf!« war ihr Morgengruß, »hast du die liebe
lange Nacht wieder beim Saufgelag gesessen und das Geld verpraßt, das
du mir aus der Wirtschaft heimlich stiehlst? Ins Spital mit dir, du Trunkenbold!«
Meister Peter, der diese herzige Begrüßung längst gewohnt
war, ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen und wartete, bis
der Sturmwind ausgetobt hatte, dann sprach er mit gelaßnem Mute:
»Liebes Weib, entrüste dich nicht, ich habe ein gutes Geschäfte vor, das
wohl nutzen und frommen mag.« —»Du Lungerer«, schmähte sie, »du
und ein gutes Geschäft! Ja, du siehst mir darnach aus!« —»Weib, laß
dir sagen«, entgegnete er, »ich mache mein Testament, so mein Stündlein
kommt, weiß nicht wie oder wann, daß mein Haus bestellt sei.«
Der frommen Lucine schnitt diese Rede, die ihr ganz unerwartet kam,
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durchs Herz, ihre blauen Augen, heiter wie der Morgen, überströmte
ein milder Tränenregen, und ihr Mund brach in lauter Lamenten aus.
Sie meinte, der gute Vater habe eine böse Ahndung gehabt, die sein baldiges
Hinscheiden ihm verkünde, und es fiel ihr dabei ein, daß ihr die
vergangene Nacht geträumt hatte, sie sähe ein neues Grab. Hierzu kam,
daß es ganz gegen seine Gewohnheit war, an die vier Letzten Dinge,
Tod und Begräbnis, Auferstehung und Gericht, zu gedenken, wenn er
Tages vorher zu Weine gewesen war.
Mutter Ilse dagegen achtete auf keine Ahndungen, ihr felsenhartes
Herz wurde durch die Vorstellung des vermutbaren Verlustes ihres getreuen
Ehekonsorten nicht im geringsten zu einer sanften Empfindung
bewegt, welche dieser, allem Anschein nach, durch den schlauen Vorwand
einer Testamentsverfügung beabsichtet hatte. Vielmehr führte sie
ihr Thema in ebenso rauhen Dissonanzen aus, als sie angehoben hatte.
»Du Schlemmer!«sprach sie, »hast Hab und Gut vergeudet und willst
ein Testament machen? Was hast du denn zu vererben?«
Er: »Meinen Leib, meine Seele, mein Weib und mein Kind.« Sie: »Ei,
da muß ich auch drum wissen! Wen hast du zum Erben eingesetzt?«
Er: »Den Himmel und die Erde, das Liebfrauenkloster und die Hölle,
jedem Part ist ein Legat vermacht.« Sie: »Und welches?« Er: »Mein
Leib der Erde, meine Seele dem Himmel, mein Weib der Hölle und
mein Kind dem Kloster.« Anstatt der Antwort sprang ihm das wütige
Weib wie eine wilde Katze an den Hals, zerzauste dem freimütigen
Testator den Krausbart und war stark dran her, ihm die Augen auszukratzen,
welche wohlmeinende Absicht doch ein kräftiger Bombenwurf
seiner geballten Faust in ihr knöchernes Gesicht, der ihr die ganze
Physiognomie verschob, noch zum Glück verhinderte, wodurch der
ehelichen Fehde sogleich ein Ende gemacht wurde. Der häusliche
Burgfriedebruch wurde, dem Herkommen nach, nicht weiter geahndet,
und unter Verwendung der friedlichen Lucine kam es bald zu einem
gütlichen Austrag der Sache. Meister Peter wandelte wieder auf seinem
Berufswege nach der Mühle, und alles ging den vorigen Gang.
Fünfzigmal hatte er den Storch und die Schwalbe wieder zurückkehren
sehen, ohne achtzuhaben, und gar oft hatte er am grünen Donnerstage
aus Brunnenkresse und acht anderen Kräutern seinen Kunden ein
Gemüse als das Neue vom Jahre aufgetragen, ohne selbst davon zu kosten.
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Aber den magergeschmeizten Kohl, womit ihn seine frugale Speisewirtin
im nächsten Jahre zum erstenmal beköstigte, hätte er nicht um die
Martinsgans vertauscht, und als er der ersten Schwalbe ansichtig wurde,
feierte er ihre glückliche Wiederkunft mit einem Schoppen Wein im
Güldnen Lamme. Außerdem sparte er jede geheime Rente von der fleißigen
Hand der Tochter, um davon Kundschafter zu besolden, die ihm
das Nest eines Schwarzspechts ausspüren sollten. Er wählte dazu einige
müßige Gassenbuben und schickte sie aus in Wälder und Felder. Die
mutwilligen Knaben trieben jedoch nur ihr Gespött mit ihm, führten
den Gecken in April, jagten ihn meilenweit über Berg und Tal, und an
Ort und Stelle fand er Rabenbrut oder ein Gehecke Eichhörnchen in
einem hohlen Baume. Wenn er darüber ungehalten war, lachten sie ihm
ins Gesicht und liefen davon. Einer seiner Spione, der kein Schalk war,
witterte doch in dem Wiesengrunde an der Tauber einmal einen
Schwarzspecht aus, der auf einem halberstorbenen Erlenbaum genistet
hatte, kam außer Atem und verkündigte seinen Fund. Der unbelehrte
Naturforscher ging eilig hinaus, zu untersuchen, was an der Sache sei.
Sein Kundschafter führte ihn zu dem Baum, er sah auch einen Vogel
ab- und zufliegen, der daselbst sein Nest zu haben schien; aber weil der
Specht nicht zu dem Geflügel gehört, dessen die Küchendynastie sich
bemächtigt hat, auch weder so gesellig ist wie der Spatz und die
Schwalbe, noch so häufig wie der Rabe und seine Gefreundin, die
Dohle, gefunden wird, so zweifelte er, ob sein Gewährsmann ihn auch
recht berichtet habe: denn er hatte einen Schwarzspecht je so wenig mit
Augen gesehen wie den Vogel Phönix. Zum Glück zog ein Jäger vorüber,
der den Zweifelsknoten löste und den Ausspruch tat, wie der
Frager wünschte, auch die ganze Naturgeschichte des Vogels ungebeten
abhandelte, ob er gleich von der vorzüglichsten Eigenschaft desselben
keine Kundschaft zu haben schien.
Der geheimnisvolle Planmacher freute sich in der Seele über die gemachte
Entdeckung, ging tagtäglich die Runde nach dem Baume und
las sein angeblich Testament so fleißig wie sein Gebetbuch. Als es ihn
gerechte Zeit zu sein bedünkte, sein Vorhaben ins Werk zu richten, tat
er sich nach einem roten Mantel um. Es war aber in der ganzen Stadt
nicht mehr als ein einziges Exemplar vorhanden, und das befand sich
in der Garderobe eines Mannes, den man ungern um eine Gefälligkeit
anspricht: der Besitzer davon war Meister Hämmerling, der Scharfrichter.
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Es kostete viel Überwindung, ehe sich der wohlachtbare
Reichsbürger entschließen konnte, seine Reputation auf ein so mißliches
Spiel zu setzen, wobei er Gefahr lief, daß ihm, wenn die Sache auskäme,
keiner seiner Zechbrüder im Güldnen Lamm mehr Bescheid tun
würde; indessen sah er sich doch gezwungen, in den sauren Apfel zu
beißen. Er brachte sein Wort bei dem Freund Rotmantel an, und dieser
fand sich auf gewisse Art geehrt dadurch, daß ein rechtlicher Mann sich
seiner Amtskleidung bedienen wollte, und gewährte ihm gern und willig
seine Bitte. Mit diesem nötigen Apparatus versehen, machte sich der
Wurzelsucher auf, laut Instruktion die Prozedur auf das pünktlichste
zu beginnen. Er verspündete das Nest, und alles erfolgte, wie Nachbar
Blas angegeben hatte. Als der Specht mit der Wurzel im Schnabel angeflogen
kam, wischte Meister Peter hurtig hinter dem Baum hervor und
machte sein Manöver so gut und behend, daß dem Vogel über den
Anblick des feuerroten Mantels vor Schrecken die Wurzel samt einer
Beilage entfiel, wodurch der gute Mann leicht hätte um sein Gesicht
kommen können wie der Altvater Tobias. Die Jägerkunst war glücklich
gelungen, und die magische Wurzel als der Kapitalschlüssel zu allen
verschlossenen Türen erlangt, welches den Besitzer in unbeschreibliche
Wonne versetzte. Er unterließ nicht, sie in eine ganze Reisigwelle von
Kreuzdornholz einzuschließen, und wanderte damit so vergnügt, als
wenn er schon den Schatz gehoben hätte, nach Hause.
Natürlicherweise war nun seines Bleibens nicht länger in seiner Vaterstadt,
all sein Dichten und Denken war auf den Brocken gerichtet,
darum machte er schleunige Anstalten, in aller Stille zu dekampieren.
Seine Reisebedürfnisse waren sehr mäßig, sie bestanden in nichts weiter
als in einem handfesten Wanderstabe und einem dichten Wadsack, zu
dessen Akquisition unter einem Vorwande die Sparbüchse der gefälligen
Lucine ihm willigen Vorschuß leistete. Glücklicherweise fügte
sich's, daß an dem zur Emigration bestimmten Tage Mutter und Tochter
zu den Ursulinerinnen gegangen waren, wo eine Nonne eingekleidet
wurde. Vater Peter nahm diese gute Gelegenheit wahr, von der
Schildwache zu desertieren: denn ihm war die Hut des Hauses während
der Abwesenheit der weiblichen Insassen anbefohlen.
Als er eben im Begriff war, die Penaten zu gesegnen, fiel ihm ein, daß
es nicht undienlich sein möchte, einige Vorübungen mit der Springwurzel
zu versuchen, um sich augenscheinlich von der angepriesenen
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Wirksamkeit derselben zu überführen. Mutter Ilse hatte ein in die
Wand ihrer Kammer gemauertes Schränkchen, worin sie unter sieben
Schlössern, als eine kluge Wirtschafterin, ihr Spargut auf den Notfall
nebst dem Patengelde ihrer einzigen Leibeserbin verwahrte; die
Schlüssel dazu trug sie wie ein Amulett stets mit sich herum. In dem
häuslichen Finanzkollegium hatte Vater Peter weder Sitz noch Stimme,
folglich waren ihm diese Arcana domus völlig unbekannt, ihm ahndete
nur so etwas von einem hier verborgenen Schatze: denn wenn ihm der
Schrank in die Augen fiel, schlug ihm das Herz gleich einer Wünschelrute,
und dieses Herzklopfen hielt er immer für ein untrügliches Zeichen,
daß Geld oder Geldeswert in der Nähe sei. Jetzt kam's auf ein
Experiment an, zu erfahren, ob sein Wünschelrutengefühl probat sei
oder nicht. Er zog gar säuberlich die Wurzel hervor und berührte damit
die Schranktür. Zu seinem Erstaunen haspelten sich alsbald die sieben
Schlösser auf, die Tür krachte und öffnete sich mit Geräusch. Da funkelte
ihm der Mammon der sparsamen Hausfrau nebst dem Patenpfennig
der frommen Lucine in die Augen. Er wußte nicht, ob er sich mehr
über die Wirksamkeit der magischen Wurzel oder über den gefundenen
Schatz freuen sollte, und stand voll Verwunderung da wie ein stummer
Olgötz. Endlich dachte er an seinen Schatzgräberberuf und an die vorhabende
Wanderschaft darum eignete er sich den Fund als Viatikum an.
Nachdem er den Schrank rein ausgeleert hatte, schloß er, wie Nikol
List, der Dieb der goldnen Tafel in Lüneburg, die Schlösser insgesamt
gar bedächtiglich wieder ab und zog frohen Mutes unverweilt, nach
wohiverwahrter Haustür, seiner Straße.
Die andächtigen Weiblein, die mit großer Inbrunst dem klösterlichen
Gepränge beigewohnt hatten, wunderten sich baß, daß sie das Haus
verschlossen und den Hüter desselben nicht auf seinem Posten fanden,
sie schellten, sie pochten, sie riefen: »Vater Peter, tu auf!«
Es regte und rührte sich nichts von innen, als das zutätige Hausvieh,
die miaulende Katze. In Ermangelung der wirksamen Wurzel wurde
der Schlosser mit seinem Bund Dieterichen herbeigerufen, das Haus zu
eröffnen. Während der Zeit hatte Mutter Ilse eine gar emphatische Predigt
ausgedacht, die sie dem faulen Heinz, der ihrer Meinung nach der
Ruhe pflegte, zu halten vorhatte, denn sie sprach: »Baal schläft!« Das
ganze Haus wurde vom Söller bis zum Keller durchsucht; aber Baal war
nicht zu finden. Wer weiß, dachte sie, wo das Ungetüm in einem Weinhause
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schon am frühen Morgen schweigt. Urplötzlich durch diesen
Gedanken aufgeschreckt, fühlte sie mit der Hand in die Tasche nach
dem Schlüsselbund: denn sie argwöhnte, das Amulett sei von ihr nicht
in Obacht genommen und der Schatz von dem durstigen Ehekonsorten
entführt worden. Aber das Schlüsselbund fand sich an Ort und Stelle,
und der Schrank machte die ruhigste, unbefangenste Miene von der
Welt, daß sie nichts Arges vermutete.
Es wurde Mittag, hernach Abend, und endlich Mitternacht: Vater Peter
kam nicht zum Vorschein. Nun wurde die Sache bedenklich, Mutter
und Tochter konsultierten ernstlich über Ursache und Zweck dieser
sonderbaren Verschwindung. Es kamen seltsame Vermutungen auf die
Bahn, und da die schauervolle Mitternachtsstunde leichter mit traurigen
und schwermütigen als mit heitern und fröhlichen Ideen sich paart;
auch Mutter Ilse wohl wußte, daß sie für ihren Mann ein wahres Plagholz
war: so brannte sie diese Gewissensrüge wie Feuer auf der Seele
und gebar die schwärzesten Vorstellungen. »Ach«, rief sie mit Händeringen
aus, »daß es Gott im Himmel erbarme! Lucine, es ahndet mir,
dein Vater hat sich ein Leids getan!« Das sorgsame Mädchen, der
gleichwohl ein solcher schreckbarer Gedanke noch nicht eingefallen
war, erbebte vor Entsetzen, tat einen hellen Schrei, alle ihre Sinnen umnebelten
sich, und sie sank ohnmächtig dahin. Die resolute Hausmütter
säumte indessen nicht, mittelst eines brennenden Schwefelfadens ihre
erstorbenen Lebensgeister wieder aufzuwecken. Aber nachdem sie sich
erholt hatte, schrie sie ach und weh! über das vermutbare Unglück,
schluchzte und jammerte bis zum Anbruch des Tages.
Alle Winkel des Hauses wurden nochmals durchsucht, jeder Nagel an
der Wand und jeder Balken beschaut; jedoch wurde Meister Peter zum
Glück an keinem gefunden, und daraus ergab sich denn doch so viel,
daß er sich weder erhenkt noch entgurgelt hatte. Drauf wurden Leute
mit Störstangen ausgeschickt, die alle Tiefen und Timpfel längs der
Tauber untersuchen mußten; allein auch diese Mühe war fruchtlos.
Mutter Ilse war schnellen Sinnes, flugs war bei ihr Feuer im Dache, das
auch bald wieder verlöschte, daher beruhigte sie sich leicht über den
Verlust des abhanden gekommenen Ehekumpans und war zufrieden,
daß er sich nur mit Leib und Seele zugleich aus der Welt gestohlen und
ihr die Schmach erspart hatte, seinen Leichnam durch Meister Hämmerlings
Hausgesinde zur Erde bestatten zu lassen. Nun war sie mit
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Ernst darauf bedacht, seinen vakanten Platz in der Wirtschaft durch
einen rüstigen Esel zu ersetzen, sie traf eine gute Wahl und wurde mit
dem Eigentümer des lastbaren Tieres über den Preis desselben einig,
beschied ihn des folgenden Tages zu sich, um für den Nachfolger des
trauten Ehekonsorten gute Zahlung zu leisten. Sobald sie aus dem Bette
fuhr, war ihre erste Sorge, die Kaufsumme zu berichtigen. Sie öffnete
die sieben Schlösser des Wandschrankes, ein Darlehen aus dem Schatzgelde
zu diesem Behuf zu erborgen. Ach, wie wurde ihr zu Sinne, als
sie alle Fächer leer und ledig fand! Einige Augenblicke stund sie in stiller
Betäubung; bald aber ging ihr ein Licht auf, und sie geriet in eine
solche Wut über den entlaufnen Hausdieb, daß sie wie Madame la
Motte, als diese die Lossprechung des Kardinals vernahm, vor großem
Grimm das Nachtgeschirr sich an der Stirn entzweischlug und sich mit
den Scherben die Haut verletzte. Sie erhob dabei ihre Stimme mit so
greulichen Verwünschungen, daß die schöne Lucine voller Bestürzung
herbeieilte, zu sehen, welches Unglück sich begeben habe. Als ihr nun
die Mutter der Länge nach die gemachte Entdeckung mitteilte, auch ihr
unverhalten ließ, daß der Patenpfennig zugleich mitverschwunden sei,
freute sich die fromme Tochter mehr über den Verlust, als daß sie sich
darüber betrübt hätte: sie war nun augenscheinlich überzeugt, daß der
liebe Vater sich kein Leids getan habe, sondern in die Welt gegangen
sei, sein Glück anderwärts zu versuchen.
Ungefähr einen Monat nach dieser häuslichen Katastrophe schellte jemand
an der Tür; Mutter Ilse ging hinaus aufzutun, in der Meinung,
es sei eine Mehlkundschaft. Da trat herein ein stattlicher junger Mann
von feinem Ansehen, wohigekleidet wie ein Junker, bezeigte ihr große
Reverenz, freute sich ihres guten Wohlseins, frug nach der schönen
Lucine und tat ganz bekannt, ob sich das Weib gleich nicht besann, ihn
jemals mit Augen gesehen zu haben. Die Nachfrage nach der Tochter
belehrte die Mutter zwar bald, daß der Besuch nicht eigentlich ihr gelte,
doch hieß sie den Unbekannten in die Stube treten, rückte ihm einen
Schemel und frug nach seinem Gewerbe. Der Fremdling nahm eine geheimnisvolle
Miene an und begehrte die kunstreiche Näherin zu sprechen,
von der so viel Rühmens gemacht werde, er habe eine Bestellung
an sie. Mutter Ilse hatte ihre eignen Gedanken darüber, was das für eine
Bestellung sein möchte, die ein junger Passagier, der in der Stadt fremd
war, an ein hübsches Mädchen auszurichten habe. Da indessen alles in
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ihrer Gegenwart verabhandelt werden sollte, hatte sie nichts dagegen
und rief die fleißige Tochter, welche auf das mütterliche Geheiß den
Nährahmen verließ und herabkam. Die sittsame Lucine errötete, da sie
des Fremden ansichtig wurde, und schlug beschämt die Augen nieder.
Er faßte traulich ihre Hand, welche sie zurückzog, blickte sie mit innigster
Zärtlichkeit an, wodurch sie noch in größere Verlegenheit kam;
wollte reden, sie schien nicht anhören zu wollen, sondern brach das
Stillschweigen zuerst mit diesen Worten: »Ach Friedlin, wo kommst
du hierher? Ich dachte, du wärest hundert Meilen weit von mir. Du
kennst meine Gesinnung und kommst, mich von neuem zu quälen!«
»Nein, liebes Mädchen«, antwortete er, »ich komme dein und mein
Glück zu vollenden. Mein Schicksal hat sich geändert. Ich bin nicht
mehr der arme Kunz, der ich vormals war: es ist mir ein reicher Vetter
gestorben, ich bin Erbe seines Vermögens und habe Geld und Gut vollauf,
darf mich nun ohne Scheu vor deiner Mutter sehen lassen: Daß ich
dich liebe, das weiß ich, daß du mich liebest, das hoff ich; das erste ist
wahr, drum warb ich um dich; ist das andre wahr, so freist du mich.«
Die blauen Augen der schönen Lucine heiterten sich während dieser
Rede auf, und bei den letzten Worten verzog sich ihr kleiner Mund zu
einem sanften Lächeln; sie warf einen verstohlnen Blick auf die Mutter,
gleichsam ihre Gesinnungen zu erforschen, die in wunderbare Betrachtungen
vertieft schien. Es war ihr unbegreiflich, wie die sittsame Dirne
einen Liebeshandel, ohne daß sie Notiz davon erhielt, habe anspinnen
können. Sie kam nie aus dem Hause als in Begleitung der Mutter, und
im Hause hatte sich, außer dem Vater, nie eine männliche Gestalt blicken
lassen. Mutter Ilse hätte einen körperlichen Eid darauf getan, daß
es ein Mädchenspäher künstlicher würde anstellen müssen, sich in das
Herz ihrer Tochter zu stehlen, als eine Linse durch ein Nadelöhr zu
werfen; gleichwohl bewies die Tatsache, daß der schlaue Friedlin die
mütterliche Wachsamkeit beschlichen und dem unbefangenen jungfräulichen
Herzen die Liebe eingeimpft habe. Die große Lehre aus dieser
Erfahrung war diese, daß das Herz einer schönen Tochter unter der
Hut und Wacht der Mutter für Dieberei so wenig gesichert sei als ein
Sparpfennig unter sieben Schlössern.
Ehe sie noch mit ihren Glossen über diese geheimen Zusammenhänge
zu Ende war, legitimierte der rasche Freiwerber sein Gewerbe auf eine
sehr gültige Weise durch Aufzählung eines ganzen Tisches voll Goldstücken,
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die auf der schwarzen Schiefertafel einen solchen Glanz der
Mutter ins Gesicht strahlten, daß sie nicht umhinkonnte, ein Auge über
den verborgenen Liebeshandel zuzudrücken, von dem sie ohnehin vermutete,
daß er in aller Zucht und Ehrbarkeit sei betrieben worden.
Die schlaue Lucine hatte bisher immer einen kräftigen Exorzismus der
strengen Domina gefürchtet, der den lieben Getreuen aus dem Hause
bannen würde: im Grunde liebte sie ihn so herzig und inbiünstig, wie
die zärtliche Psyche den Amor, denn es war ihre erste Liebe. Doch diese
Sorge war diesmal überflüssig: das stürmische Weib war so fromm wie
ein Lamm, sie hegte den gesunden Grundsatz, daß man mit reifen
Töchtern nicht lange Markt halten, sondern sie um ein leidliches Gebot
losschlagen müsse, über das sei der erste Käufer auch insgemein der beste.
Sie hatte daher ihre mütterliche Einwilligung schon in Gedanken
zurechtegelegt, damit sie gleich beihanden wäre, wenn der reiche Freier
sie darum ansprechen würde.
Sobald er sein Geld aufgezählt hatte, brachte er sein Wort in bester
Form Rechtens bei der harrenden Mutter an, und es war bei ihr alles
Ja und Amen. Das Aufgebot kam rascher zustande als der Handelstraktat
über das getreue Hausvieh, den Esel. Der deklarierte Bräutigam
strich hierauf die Hälfte der Schaumünzen in den Hut und schüttete
sie der Braut in die Schürze, zum Mahlschatz; mit der andern
überströmte er als mit einem goldnen Regen das dürre Land der mütterlichen
Habsucht, um davon die Hochzeit auszurichten. Nachher bat
er seine Geliebte um eine geheime Audienz, die ihm nun als ein legales
Tête-ä-têe unweigerlich zugestanden wurde.
Die reizende Lucine kam mit der heitersten Miene nach Verlauf einer
Stunde wieder zum Vorschein und belohnte den aufrichtigen Friedlin
für die Auflösung manches Zweifelsknotens, in Ansehung seiner
Glücksveränderung, mit dem ersten sanften Kusse von ihrem Rosenmunde.
Die geschäftige Mutter hatte indessen vorallererst ihren Reichtum in
Sicherheit gebracht und solchen, weil sie nicht Zeit hatte, ihn an einem
heimlichen Ort im Keller zu vergraben, dem ungetreuen Wandschrank
vorderhand wieder anvertraut, hierauf das ganze Haus geschmückt und
mit dem Besen gekehrt; auch ließ sie durch eine dienstfertige Nachbarin
Küche und Keller wohl bestellen und schlug in einer ledigen Kammer
ein herrliches Gastbett für den neuen Eidam auf, der ihrer Meinung
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nach allzulange zögerte, seiner Geliebten gute Nacht zu sagen und die
Federn zu suchen.
Die Neugierde, zu erfahren, wes Standes und Herkommens der
Fremdling sei, wie sich die erste Bekanntschaft mit ihm ergeben, wie
das geheimnisvolle Minnespiel der Liebenden angehoben habe und
durch welche List ihre Argusaugen wären geblendet worden, setzte die
Lebensgeister der lauersamen Mutter in so ungewohnte Bewegung,
daß ihr kein Schlaf in die Augen kam, ob sie sonst gleich mit den Hühnern
aufzufliegen pflegte und dabei oft das Sprüchlein anzog: Morgenstunde
hat Gold im Munde.
Der verschwiegenen Lucine stund in der Mitternachtsstunde noch ein
scharfes Examen bevor; aber sie hatte entweder gute Ursachen, nicht
auszubeichten, oder ihre gesprächige Laune war mit dem trauten
Herzgespiel bereits zur Ruhe gegangen.
Da Mutter Ilse mit dem artikulierten Verhör herausrückte, rundete sich
der kleine Mund der lieblichen Dirne zum Gähnen, sie rieb sich die
Augen und vermeldete die Ankunft des Sandmännchens, hatte nicht
Lust, Rede zu stehen, und sprach etwas schlaftrunken: »Liebe Mutter,
das alles steht Euch bevor, der Länge nach zu erfahren, nur gönnt mir
jetzt die Ruhe, deren ich benötigt bin, daß morgen meine Wangen nicht
erbleichen, wenn der junge Gesell seinen Kauf bei frühem Tage besieht.«
Mit dieser Ausflucht mußte sich die weibliche Neugier begnügen
und war wider Gewohnheit so bescheiden, die Decke des Geheimnisses
nicht weiter zu betasten.
Es gab nun vielen Wirrwarr im Hause: die Zurüstungen zur Hochzeit
wurden mit großem Eifer betrieben. Das Gerücht von Lucinens Heirat
lief wie ein Steppenfeuer in der Stadt umher und war die Neuigkeit des
Tages. Wo sich der stattliche Freier auf der Straße blicken ließ, da fuhr
alles an die Fenster, auch blieben die Leute an den Eckhäusern und an
den Kreuzwegen stehen, gafften ihm nach und beredeten die Freierei.
Einige gönnten der wackern Dirne ihr Glück, andere neideten sie deshalb,
und obwohl Friedlin ein schöner Mann war, der in ganz Rothenburg
seinesgleichen suchte, auch sich dabei herrlich kleidete und trug:
so fand die Eifersucht der Stadtdirnen doch bald dies, bald das an ihm
zu meistern: der einen war er zu lang, der andern zu schlank, der dritten
zu rund, der vierten zu bunt. Einige nannten ihn einen Prahler, andere
einen Luftling, hofften zu ihrem Troste, die Freude werde nicht lange
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dauern, verglichen ihn einem Zugvögel, der nur kömmt, im Lande zu
nisten, und wieder davonfliegt.
Indessen mußte Nachbar Neidhard doch eingestehen, daß der fremde
Zugvögel fleißig zu Neste trüge. Eines Tages kam ein Nürnberger
Fuhrmann, mit einem schwerbeladenen Frachtwagen vors Haus gefahren,
der schrotete Kisten und Kasten hinein. Mutter Ilse säumte nicht,
mit Meißel und Hammer sie zu öffnen, erstaunte über den reichen
Segen ihres zukünftigen Tochtermannes, und pries den angeblichen
Erblasser desselben einmals über das andere selig.
Der Hochzeittag war anberaumt und die halbe Stadt dazu eingeladen,
die Ausrichtung geschah im Wirtshaus zum Goldnen Lamm: das
Wohnhaus hatte nicht Raum, alle Gäste zu fassen.
Da die Braut den Kranz auf schmückte, sprach sie zur Mutter: »Dieser
Kranz würde traun! am Ehrentage mir behagen, wenn Vater Peter mich
zur Kirche führte. Ach wär er doch wieder da! Wir haben Gottes Segen
vollauf, und er nagt wohl am Hungertuche.« Dieser Gedanke fiel ihr
so schwer aufs Herz, daß sie darüber anhob zu weinen und zu jammern.
Aus Sympathie oder weil die alte Liebe bei erneuertem Wohlstand
in dem mütterlichen Herzen wieder anfing zu vegetieren,
stimmte die Hochzeitmutter mit ein und sprach: »Ich wär's wohl zufrieden,
daß er wiederkam, möcht ihn doch der Eidam zu Tode füttern.
Es ist immer, als wenn was im Hause fehlte, seitdem der Vater nicht
da ist.« Daran sagte sie auch keine Unwahrheit: im Grunde fehlte in
ihrem Feuerzeug der Stein, woraus ihr stählerner Sinn den Funken hervorsprühen
ließ, durch den der Zunder der Zwietracht entzündet
wurde. Seit seiner Auswanderung war, zu ihrem größten Leidwesen,
beständiger Friede im Hause, und ihre Gallenblase bedurfte doch zuweilen
einer Ausleerung.
Was geschah? Am Polterabend vor der Hochzeit karrte ein Mann mit
einem Schubkarren zum Tore herein, verzollte ein Faß Brettnägel, die
er dem Beschauer vorzeigte, fuhr mit seiner Ladung geradeswegs vors
Hochzeithaus und pochte an die Tür. Die Braut schob das Lied im Fenster
auf, zu sehen, wer da sei: da war's Vater Peter. Darüber entstund
großer Jubel im Hause, die hocherfreute Lucine sprang über Tisch und
Bank ihm entgegen und umhalste ihn zuerst, hernach bot ihm Mutter
Ilse die Hand und verzieh ihm den verübten Diebesgriff in ihr Schatzgeld,
mit den Worten: »Schelm, beßre dich!«
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Endlich bewillkommnete ihn auch Friedlin, der Bräutigam, und Mutter
und Tochter waren zugleich die Dolmetscherinnen aller seiner Freiermeriten:
Denn Vater Peter faßte den wildfremden Mann scharf ins
Auge und schien über ihn allerlei Glossen zu machen. Jedoch da er berichtet
wurde, wie dieser Fremdling die Gerechtsame der Hausgenossenschaft
sich erworben habe, war er wohl mit dem zukünftigen Eidam
zufrieden und tat so vertraut, als wenn er schon lange mit ihm bekannt
gewesen ware.
Nachdem Mutter Ilse dem wiedergefundenen Ehemann etwas zum
Imbiß aufgetragen hatte, war sie begierig, seine Abenteuer zu vernehmen,
und forschte mit Fleiß, wie es ihm in der Fremde ergangen sei.
»Gott segne mir meine Vaterstadt!«sprach er, »ich bin das Land durchzogen,
hab allerlei Gewerbe versucht und zuletzt einen Eisenhandel
getrieben, aber dabei mehr zugesetzt als gewonnen. All mein Reichtum
besteht in diesem Fäßlein Brettnägel, die ich den Brautleuten zum
Hausrat in die Wirtschaft zu steuren gedenke.« Mutter Ilse hatte nun
ihren Feuerstein wieder, und ihre Suada sprühte von neuem helle Funken
von Vorwürfen und von Schmähungen, daß dem Kleeblatt der
Zuhörer davon die Ohren gellten, bis sich Friedlin ins Mittel schlug und
versprach, den Schwiegervater aus der Erbschaftsmasse zu alimentieren
und ihn ehrlich zu halten.
Die fromme Lucine erreichte den Wunsch, daß sie Vater Peter folgenden
Tages in die Kirche führte, herausgeputzt wie eine Magistratsperson,
wenn der neue Rat aufgeführt wird. Die Hochzeit des glücklichen
Paares wurde mit großem Gepränge vollzogen. Bald nachher richteten
die jungen Leute ihre eigne Wirtschaft an, Friedlin hatte das Bürgerrecht
gewonnen, bezog sein neues Haus am Markte neben der Apotheke,
kaufte dazu einen Weinberg und Garten, auch Ackerfeld, samt
Wiesen und Weihern und trieb bürgerliche Nahrung als ein wohlhabender
Mann. Vater Peter aber hatte sich zur Ruhe gesetzt, zehrte, wie
die ganze Stadt glaubte, von dem Segen des reichen Schwiegersohnes,
und niemand vermutete, daß sein Nägelmagazin das eigentliche Füllhorn
sei, aus dem das Öl des Überflusses träufe.
Er hatte die Wallfahrt nach dem Blocksberg, ohne daß eine lebendige
Seele etwas darum wußte, glücklich vollendet, zwar nicht mit der Eile,
wie die löbliche Innung der Druden in der Walpurgisnacht auf der
Besenpost, aber mit mehrerer Muße und Bequemlichkeit. In jedem
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Wirtshaus, zwischen dem Fichtelberg und Brocken in gerader Linie gelegen,
kehrte er ein und hielt Kellerrevision, befand sich mehr unter als
über der Erde auf dieser Ausflucht über die fränkische Grenze und fuhr
nicht eher ganz nüchtern wieder zu Tage aus, bis er in blauer Ferne das
Harzgebirge vor Augen hatte. Nun fand er mancherlei Schwierigkeiten
vor sich, wozu er des freien und ungehinderten Gebrauchs aller obern
und untern Fähigkeiten der Seele benötigt war. Darum legte er sich ein
strenges Fasten in Speise und Trank auf.
Solange er den Brocken noch nicht erreicht hatte, diente ihm seine Nase
zum Reisekompaß, und er ging dieser getreulich nach; aber nun befand
er sich gleichsam unter einer Polhöhe, wo diese Magnetnadel keine
Direktion mehr anzeigte. Er durchkreuzte den Brocken hin und her,
niemand konnte ihm das Morgenbrotstal nachweisen. Zufälligerweise
kam er dennoch auf die rechte Spur, fand den Andreasberg, witterte das
Flüßchen aus, die Eder genannt, aus der er einen frischen Trunk
schöpfte, der ihn mehr begeisterte als die Dichter ein idealischer Labetrunk
aus der Hippokrene, entdeckte das Grab und war so glücklich,
die Streitfrage des Wirts zum Goldnen Lamm zu lösen. Er ging wirklich
in den Berg, die Springwurzel leistete ihre guten Dienste; er fand
den Schatz und belastete seinen Wadsack mit so vielem Golde, als er
zu tragen vermochte, welche Summe er für seine Bedürfnisse auf
Lebenszeit und zur Aussteuer der schönen Lucine hinreichend fand.
Obgleich die goldne Bürde, die er jetzt zu Tage zu fördern bemüht war,
seine Schulter so sehr drückte wie ehedem ein schwerer Mehlsack: so
wurde ihm doch der Weg die zweiundsiebenzig steilen Stufen herauf
lange nicht so sauer und beschwerlich wie der zur Mühle. Er war jetzt
so reich wie Anton Thevenet, der mit seiner Bande den berüchtigten
großen Diebstahl an dem Wechsler Fingerlin zu Lyon beging.
Da er auf dem Rückwege wieder das Tageslicht erblickte, war ihm zumute
wie einem dem Schiffbruch Entronnenen, der lange mit den
Schrecken des Todes in den Wogen gekämpft hat, nun unter seinen
Füßen festen Grund und Boden fühlt und den Strand freudig hinaufklimmt.
Bei aller verheißenen Sicherheit traute er während der unterirdischen
Expedition dem Berggeist nicht allerdings, fürchtete, der
schauervolle Schatzhüter werde ihm in Wildermannsgestalt erscheinen,
ihm einen tödlichen Schrecken einjagen oder die reiche Beute wieder
abnehmen. Die Haut scherte ihm und alle Haare stunden ihm zu Berge,
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da er die steinerne Treppe hinabstieg. Er hielt sich auch so wenig mit
der Betrachtung des Schatzgewölbes auf, daß er sich nachher nicht einmal
zu erinnern wußte, ob die Wände und Pfeiler von Gold und Juwelen
geflimmert und gefunkelt hatten.
Alle seine Gedanken waren nur auf die kupferne Truhe gerichtet, aus
der er so behend wie möglich volle Ladung einnahm. Inzwischen lief
alles nach Wunsch ab, es ließ sich kein Berggeist hören noch sehen; nur
die eiserne Tür tat sich, sobald er den Fuß aus dem Gewölbe herausgesetzt
hatte, mit großem Ungestüm wieder zu. In der Eile hatte der
scheue Schatzsucher die köstliche Springwurzel, die er beim Einraffen
des Goldes aus der Hand gelegt, mit sich herauszunehmen vergessen,
wodurch ihm der zweite Transport unmöglich gemacht wurde, was sich
jedoch der begnügsame Mann, der so viel Reichtum in gediegenem
Golde besaß, wie er fortbringen konnte - und wir wissen, daß er ein
bengelhafter Lastträger war-, eben nicht sehr zu Herzen nahm.
Nachdem er alles getreulich laut Instruktion des Altvaters Martin ausgerichtet
und das scheinbare Grab wieder zugeworfen hatte, zog er in
reifliche Überlegung, wie er das erhobene Schatzkapital in Sicherheit
bringen und davon in seiner Vaterstadt nach Herzensgelüsten, ohne
großes Aufsehen und Maulgesperre, leben und zehren könnte. Auch
lag ihm sehr daran, daß sein böses Weib daheim nichts von der Beerbung
des alten Harzkönigs wittern möchte: denn er befürchtete, daß
sie ihn so lange auf der ehelichen Folter quälen würde, bis er ihr sein
Hab und Gut ausgesäckelt habe. Sie sollte seiner Absicht nach zwar den
Genuß davon haben und aus dem wohltätigen Bächlein ihren Durst löschen,
aber die Quelle davon nie ausspähen. Der erste Punkt war leicht
in Richtigkeit gebracht, allein der andere kostete großes Kopfzerbrechen,
ohne daß Meister Peter damit etwas endete. Er trug seinen Mammon
wohl eingepackt und feste geschnürt ins nächste Dorf, das ihm
aufstieß, kaufte dort beim Rademacher einen Schubkarren, und beim
Faßbinder ließ er sich eine Tonne mit doppeltem Boden zurichten, fuhr
damit auf den nächsten Eisenhammer, füllte sie oben und unten mit
Brettnägeln, und in der Mitte verbarg er gar schlau den Schatz. Mit dieser
Ladung machte er sich allgemachsam auf den Heimweg, hielt, weil
er eben keine Eile hatte, bei jedem Krug an und ließ das Beste auftragen,
was der Wirt hatte.
Als er von der Kästenzeche den Berg hinein nach Ellrich fuhr, in das
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wohlbekannte Städtlein, obwohl damals Amarant und Nanntchen
noch nicht daselbst hausten, gesellte sich ein junger Mann zu ihm, von
feinem Ansehen, dem aber tiefer Kummer auf dem Gesichte saß. Vater
Peter, dem's gar wohl und leicht ums Herz und der eben gesprächiger
Laune war, redete ihn an: »Junger Gesell, wo hinaus?« Er antwortete
gar trübsinnig: »In die weite Welt, guter Vater, oder aus der Welt, wohin
mich meine Füße tragen.«
»Warum aus der Welt?«sprach Meister Peter, »was hat dir die Welt
zuleide getan?« Der Wandersmann: »Sie hat mir nichts zuleide getan,
ich ihr auch nichts, dennoch steht mir's darin nicht länger an.« Der jovialische
Karrenschieber, der, wenn's ihm wohl war, jedermann gern
froh und heiter um sich sah, tat sein Bestes, den Kopfhänger aufzumuntern,
und weil seine Wohiredenheit nichts über ihn vermochte,
vermutete er, die böse Laune möchte wohl unterm Zwerchfell im Osophagus
ihren Sitz haben. Darum lud er ihn zum Abendessen im Wirtshaus
ein und versprach, ihn zechfrei zu halten, was der mißmutige
Gefährte nicht ausschlug. Es war an demselben Abend ein fröhliches
Gelag daselbst, wobei viel Scherz und Kurzweil getrieben wurde. Meister
Peter war recht in seinem Elemente und wurde so aufgeräumt, daß
er auf eigene Kosten für die ganze Gesellschaft einschenken ließ. Da
gab's Schnacken, Schnurren und Charakterzüge, so bunt und kraus,
wie die gedruckten nur immer sein mögen, und in der Schenke nehmen
sie sich vortrefflich aus! Der Murrkopf allein fand keinen Geschmack
daran, saß in einem Winkel, sah auf die Erde, aß kaum drei Mundbissen
und kredenzte den Freudenbecher nur ein wenig mit den Lippen.
Da Meister Peter wahrnahm, daß dem milzsüchtigen Gast auf diese
Weise nicht beizukommen war, vermutete er, daß sein Kummer tiefe
Wurzel im Herzen müsse geschlagen haben, ließ in einer Kammer eine
gute Streu zubereiten und nahm sich vor, den folgenden Tag seinen
Gast auszuforschen: denn er wähnte ein sonderbares Abenteuer und
war begierig, es zu vernehmen. Der schöne Sommermorgen lockte ihn
in die Laube des Hausgartens, er bestellte das Frühstück dahin, und sobald
der Grillenfänger wach war, berief er ihn heraus ins Freie, saß bei
ihm in der Laube, munterte ihn auf und sprach: »Lustig, Gesell! Laß
deinen Kummer schwinden und sei gutes Mutes. Sieh da! Nach einer
trüben Nacht läßt sich's doch zu einem heitern Tage an. Was bangt und
quält dich? Sag an!«
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»Was kann's helfen, guter Vater«, antwortete gar trübselig der Jüngling,
»ob ich dir mein Herz offenbaren wollte, du hast doch weder Rat
noch Trost für mich.« — »Wer weiß«, versetzte Meister Peter, »ob ich
dir nicht helfen kann; singt nicht die christliche Gemeine: Oft kommt
der Trost aus Winkeln her, wo man ihn nicht vermutet?« Er setzte mit
so zudringlicher Gutmütigkeit an den Ritter von der traurigen Gestalt,
daß dieser nicht umhin konnte, ihm endlich zu Willen zu sein. »Die
Ursach meines Kummers«, sprach er, »ist kein Bubenstück, das mich
bangt und nagt, sondern ein Unstern tugendlicher Liebe, darum darf
ich mich nicht entblößen, dir mein Anliegen zu entdecken.
Ich bin der Armbrustschütz des Grafen von Ottingen in Frankenland
und sein geborner Dienstmann. Ich war bei ihm wie Kind im Hause.
Er hat mich auferzogen, und die Leute munkelten, ich sei sein Sohn.
Um die Zeit der Mitfasten brachte ihm ein Maler allerlei Gemälde zum
Kauf, die der Graf bestellt hatte, sein neues Schloß damit zu zieren.
Unter diesen Schildereien befand sich das Konterfei eines wunderschönen
Mädchens, die sie eine Göttin nannten und wovon der Meister behauptete,
daß er die liebliche Gestalt einer zarten Dirne abgestohlen
habe, die an Schönheit die Abkonterfeiung weit übertraf, aber zu verschämt
gewesen sei, dem Maler zu sitzen. Ich konnte nimmer satt werden,
das Bildnis anzuschauen, lief zehnmal des Tages in den Saal, wo
es aufgestellt war, gaffte es stundenlang an, und je länger ich es betrachtete,
desto mehr wurde mein Herz davon entzündet, daß ich keine Ruh
noch Rast mehr finden konnte. Eines Tages rief ich den Maler beiseite
und beschwor ihn, mir zu sagen, wo die feine Dirne anzutreffen sei,
nach der er das Konterfei im Speisesaal abkopeiet habe, und bot ihm
großen Lohn, wenn er mit der Sprache freiheraus gehen wollte.
Der Meister merkte, wo mich der Schuh drückte, lachte über meine
Phantasei und offenbarte mir sonder Trug, was ich zu wissen begehrte.
Die schöne Dirne, sagte er, sei in der Reichsstadt Rothenburg ob der
Tauber seßhaft und des alten Garkochs Tochter; ich könnte bei ihr
mein Heil versuchen, sie sei jedoch gar stolzen und spröden Sinnes.
Alsbald begehrte ich Urlaub vom Grafen, der mir solchen weigerte und
mich nicht entlassen wollte; darum entlief ich bei der Nacht und zog
gen Rothenburg, wo ich bald das Mägdlein auskundschaftete. Aber sie
zu sehen oder zu ihr zu gelangen, war all meine Müh vergebens. Sie
lebt unter dem Gewahrsam einer luchsäugigen Mutter, einem Drachen
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vom Weibe, die sie nicht vor die Tür gehen oder zum Fenster ausschauen
läßt, verschließt das Haus wie einen Jungfernzwinger, und
keine männliche Seele darf hinein.
Das ängstete und quälte mich gar sehr, darum sann ich auf eine List,
zog Frauenkleider an, versteckte das Gesicht unter einer Kappe und
schellte an der Tür. Da ward mir aufgetan, ich sah die liebreizende
Dirne, und ihr Anblick entzückte mich also, daß ich mich schier vergessen
hätte; doch besann ich mich kurz und bestellte einen Teppich mit
Bildwerk bei ihr, denn sie ist eine sehr kunstreiche Näherin.
Nun ging ich täglich im Hause frei aus und ein unter dem Vorwand,
zu sehen, ob die Arbeit vorankam, und genoß der Wonne, mein Liebchen
vor Augen zu haben und mit ihr freundlich zu kosen, stundenlang.
Bald vermerkte ich, daß mich die Jungfrau liebgewann, denn ich tat so
ehrbar und sittsam wie eine ernste Matrone, und sie ist ein rechtes
Tugendbild.
Aber einstmals, als die Mutter außer dem Hause Geschäfte hatte und
ich allein bei der holden Dirne saß, drängte mich die heiße Liebe, mich
ihr zu entdecken. Sie fuhr mit großem Schreck vom Nährahmen auf
und wollte entfliehen. Ich hielt sie flehentlich zurück, daß sie nicht
Lärm machte und Feuer rief, setzte ihr Leib und Seele zum Pfande, daß
ich in ehrlicher Absicht gekommen sei, mit Zucht und Ehrbarkeit um
ihre Gunst zu werben. Endlich glaubte sie meinen Worten, und da sie
ruhiger wurde, eröffnete ich ihr den ganzen Handel, wie sich alles begeben
hatte, daß mein Herz in Liebe gegen sie entbrannt sei. Sie strafte
meinen Leichtsinn mit lieblichen Worten, daß ich Minne halber meinem
Brotherrn, dem Grafen, entlaufen sei, und frug, wovon ich denn
ein Weib ernähren wollte? Da stund ich wie aufs Maul geschlagen und
wußte keine Antwort auf diese verfängliche Frage. Ob ich schon zwei
gesunde Arme habe, so wagte ich doch nicht, freiheraus zu sagen, daß
mich ihr zuliebe diese schon nähren würden, denn ich fürchtete, ein
Tagelöhner sei einer so rechtlichen Dirne zu schlecht.
Sie blickte mich voll Mitleiden an und fuhr also fort: >Friedlin, wir
müssen uns scheiden, du wirst mich nimmer unter dieser trüglichen
Gestalt wiedersehen. Diese Tür bleibt dir auf ewig verschlossen. Meine
Tugend ist unbescholten, aber mein Herz ist schwach! Du hast mich
belehrt, wie leicht die Verführung einen Weg durch verschloßne Türen
zu finden weiß. Mein Vater hat mich fürs Kloster bestimmt, und ich
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eile nun, diesem Beruf zu folgen; die Nadel soll mir erwerben, was ich
dem Kloster steuren muß. Gehab dich wohl, auf hundert Meilen weit,
daß kein Verdacht mir bösen Leumund mache.<
Sie trieb mich, sie zu verlassen. Ich mußte gehorchen und mich von ihr
scheiden. Ach, das war ein bitter Kraut! Ich schlich trübselig in die Herberge,
rang mit Kümmernis und Verzweiflung, hatte weder Ruh noch
Rast, weinte und jammerte Tag und Nacht. Hundertmal zog ich des
Tages die Straße, wo sie wohnte, auf und ab, lief ich sporenstreichs hin,
ihr aufzulauren, um nur den Trost zu haben, sie noch einmal zu sehen.
Umsonst! Sie blieb vor meinen Augen verborgen wie ein Geheimnis.
Dreimal verließ ich die Stadt, in die weite Welt zu gehen; ich konnte
nicht fort: es war, als wenn ich an den Ort gebannt wäre. Noch einmal
versucht ich's eines Morgens, mich, in ein Weib vermummt, ins Haus
zu stehlen, um ihr auf ewig Lebwohl zu sagen. Ich schellte an der Tür
mit großer Beklommenheit. Die Mutter kam heran, doch als sie mich
erblickte, schlug sie das Fenster hastig zu und schalt und schmähte von
innen: >Du Drude! du Trödlerin! sollst meine Schwelle nimmer betreten!
Bist gar eine schlechte Bezahlerin!< Aus diesen Worten verstand
ich, unter welchem Vorwand die kluge Lucine meine Entdeckung der
Mutter verhehlt hatte, die sonst schwerlich eine gute Kundschaft würde
verschlagen haben. Nun gab ich alle Hoffnung auf, das herrliche Mädchen
jemals wieder mit Augen zu sehen, verließ die Stadt und ziehe als
ein herrenloser Knecht im Lande herum, bis mir der Kummer vollends
gar das Herz abfrißt.«
Meister Peter hatte mit großer Aufmerksamkeit die offenherzige
Erzählung seines Reisegefährten angehört und freute sich über den
glücklichen Zufall innig, der ihn zu einem Wanderer gesellet hatte, welcher
ihm von der geheimen Geschichte seines Hauses während seiner
Abwesenheit so authentische Nachricht erteilte. Als Friedlin mit seinem
Referat zu Ende war, sprach er: »Deine Geschichte ist sonderbar;
aber eins ist mir nicht klar darin, du gedachtest eines Vaters deines
Liebchens. Warum vertraust du dich dem nicht an? Er wäre wohl Freiersmann
worden und würde einem so wackern Gesellen, als du zu sein
scheinest, sein Kind schwerlich versagt haben.« — »Ach!« entgegnete
Friedlin, »der Vater ist ein Gauch, ein Saufbold, ein Landfahrer, der
Weib und Kind böslich verlassen hat und von dem niemand weiß, wo
er geblieben ist. Das knurrige Weib führte oft bittre Klage über ihn und
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schalt das liebe Mädchen hart aus, wenn sie des Vaters Partei nahm, ob
er ihr gleich den Patenpfennig zum Zehrgeld entwendet hat, wofür ich
dem Schurken den Bart ausraufen möchte, wenn er mir in die Hände
fiel.« Vater Peter horchte hoch auf, da ihm also sein Lob gepriesen
wurde, und wunderte sich, daß der junge Gesell um alle seine Domestika
so guten Bescheid wußte. Der Eifer desselben beleidigte ihn keineswegs.
Er fand, daß Friedlin vortrefflich in seinem Plan passe, daß
er ihn zum Depositär seiner Reichtümer machen und dadurch alles
Aufsehen beim Genuß derselben in seiner Vaterstadt vermeiden und
auch dem gierigen Weibe seinen Fund verbergen könne. »Kompan«,
sprach er, »zeig mir deine Hand, ich verstehe mich aufs Wahrsagen, laß
sehen, was dein Glücksstern dir verheißt.«
»Was kann er mir verheißen«, antwortete der peregrinierende Liebhaber,
der wieder ganz in seine trübselige Laune verfallen war, »doch
nichts als Unglück.«
Der angebliche Chiromant ließ sich nicht abweisen, und da Friedlin den
freundschaftlichen Gefährten, der ihn zechfrei hielt, nicht wollte unwillig
machen, so reichte er ihm die Hand dar. Meister Peter nahm eine
bedenkliche Miene an, betrachtete alle Lineamente wohl, schüttelte zuweilen
verwundernd den Kopf dabei, und da er das Spiel lang genug
getrieben hatte, sprach er: »Freund, wer's Glück hat, führt die Braut
heim! Morgen, wenn die Sonne aufgeht, mach dich auf und ziehe gen
Rothenburg im Frankenland: dein Liebchen ist dir treu und hold, sie
wird dich wohl empfangen. Es steht dir eine reiche Erbschaft bevor von
einem alten Vetter, den du nicht kennst, bald hast du Geld und Gut
im Überfluß, ein Weib davon zu nähren.« —»Kamerad«, sprach Friedlin
mit Unwillen, der den Wahrsager für einen Possenreißer und
Scherztreiber hielt, »es ziemt sich nicht, mit einem Unglücklichen
Gespött zu treiben, such dir einen, den du foppen kannst, ich bin nicht
dein Mann.« Er stund hastig auf und wollte davon. Vater Peter erfaßte
ihn beim Rockzipfel und sprach: »Bleib, du Murrkopf, ich treibe keinen
Scherz und bin bereit, meine Prophezeiung bei Ehren zu erhalten.
Ich bin ein wohlhabender Mann und will dir bar auf einem Brette so
viel auf die Erbschaft vorstrecken, als du begehrst. Folge mir in die
Kammer, daß ich dich von der Wahrheit meiner Worte durch die Tat
überführe.« Der junge Gesell machte große Augen, da er den Freund
Eisenhändler so reden hörte, seine abgebleichten Wangen röteten
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Freude und Erstaunen. Er folgte schweigend in einem Zustande, wo
ihm unbewußt war, ob er wachte oder träumte, dem rätselhaften
Manne, der die Tür abschloß und sein Nägelfaß aufspündete.
Hier entdeckte sich Meister Peter dem getreuen Liebhaber der schönen
Lucine offenherzig, vertraute ihm das Schatzgeheimnis und sein Vorhaben,
daß Friedlin als Tochtermann den reichen Mann spielen, er aber
in der Stille leben und mit ihm des herrlichen Fundes sich freuen wollte.
Die tiefe Melancholie des jungen Wichtes war nun mit einemmal verschwunden;
er wußte keine Worte zu finden, dem ehrlichen Vater seine
Dankbarkeit zu erkennen zu geben, daß er ihn zum glücklichsten
Sterblichen auf Gottes Erdboden machen wolle. Des folgenden Tages
verließen beide Reisegefährten mit der besten Laune die Stadt Ellrich
am Harze und steuerten frisch auf Nürnberg in Franken zu. Hier staffierte
sich Friedlin als ein stattlicher Freier heraus, Vater Peter zahlte
ihm das vorläufige Heiratsgut in die Tasche und nahm den Verlaß mit
ihm, wenn sein Gewerbe glücklich vonstatten gehen würde, sollte er
durch einen geheimen Boten es ihm zu wissen tun, daß er einen Fuhrmann
mit allerlei köstlichem Hausgeräte befrachten könne, damit der
reiche Freier in Rothenburg Aufsehen mache.
Als der präsumtive Schwäher und Eidam voneinander schieden, gab der
erstere dem letztem die Vermahnung mit auf den Weg: »Schweige
deine Zunge und bewahre unser Geheimnis, vertraue keinem Menschen,
was dir wissend ist, als der verschwiegenen Lucine, wenn sie
deine Braut sein wird.« Meister Peter genoß die erkleckliche Rente seiner
Harzreise, ob er gleich keine Beschreibung davon auf Kosten des
Publikums ans Licht stellte, bis ins späteste Alter, hatte soviel im Vermögen,
daß er nicht wußte, wie reich er war; Friedlin aber hatte den
Namen des reichen Mannes, lebte mit der schönen Lucine, seinem tugendsamen
Weibe, glücklich und zufrieden. Und wie ein reicher Mann
auch leicht ein geehrter Mann sein kann, wenn er will, so bewarb er sich
um eine Stelle im Rat, erstieg in der Folge die höchste Stufe reichsstädtischer
Glückseligkeit und wurde regierender Bürgermeister.
Von ihm geht noch bei den Rothenburgern ein Sprichwort im
Schwange, bis auf den heutigen Tag: wenn sie einen bemittelten Mann
beschreiben wollen, so heißt es, er sei so reich wie weiland Peter Blochs
des Garkochs Eidam.
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ULRICH MIT DEM BÜHEL
Nahe beim Fichtelberge an der böhmischen Grenze lebte zu Kaiser
Heinrich des Vierten Zeiten ein wackrer Kriegsmann, mit
Namen Egger Genebald, auf seinem Lehn, das ihm für den welschen
Heerszug zuteil ward, hatte im Dienst des Kaisers viele Städte und
Flecken geplündert und großes Gut erbeutet, davon er drei Raubschlösser
erbaute in einem düstern Walde; Klausenburg auf der Höhe,
Gottendorf im Tal und Sallenstein am Flusse. In diesen Schlössern zog
er mit vielen Reisigen und Knechten aus und ein, mochte sich des Raubens
und Plünderns nicht entwöhnen und übte das Faust- und Kolbenrecht,
wo er konnte.
Oft überfiel er mit seinen Gewappneten aus einem Hinterhalte die
Kaufleute und Reisenden, Christen oder Juden, das galt ihm gleich,
wenn er ihrer nur mächtig zu werden vermeinte; oft brach er eine liederliche
Ursache vom Zaun, seine Nachbarn zu befehden. Ob es ihm
gleich vergönnt war, in den Armen einer liebenswürdigen Gemahlin zu
rasten, um nach dem Ungemach des Krieges das Glück der Liebe zu
schmecken, so hielt er doch die Ruhe für Weichlichkeit; denn nach der
Denkungsart seines ehernen Zeitalters waren Schwert und Speer in der
Hand des deutschen Adels, was Spaten und Sense in der Hand des
friedliebenden Landmannes sind, die Werkzeuge eines ehrlichen
Gewerbes. Und traun! Der Ritter nährte sich seines anmaßlichen
Berufs unverdrossen.
Da er aber mit diesem Unfug allen seinen Grenznachbarn Ueberlast
machte und keiner sein Eigentum vor ihm sichern konnte, beschlossen
sie einen Rat über ihn und verschworen sich, Gut und Blut dran zu setzen,
den räuberischen Weih aus dem Nest zu vertreiben und seine
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Festen zu zerstören. Sie sandten ihm einen Fehde- und Absagebrief,
rüsteten ihre Mannschaft und belagerten, auf einen Tag, seine drei
Schlösser, da er im freien Felde gegen die Verbündeten nicht bestehen
konnte. Hugo von Kotzau zog mit seinem Volk vor Klausenburg auf
der Höhe; der Ritter Rudolph von Rabenstein lagerte sich vor Gottendorf
im Tal, und Ulrich Spareck, der Tummler genannt, legte sich mit
seinen Bogenschützen vor Salenstein am Flusse.
Als Egger Genebald von allen Seiten sich beängstiget sah und hart bedrängt
wurde, faßte er den Anschlag, mit dem Schwerte sich freie Bahn
durch die feindlichen Haufen zu machen und ins Gebirge zu fliehen.
Er sammelte sein Volk um sich her, und nachdem er die Kriegsleute angemahnt
hatte, sich hurtig zu halten, um entweder zu siegen oder zu
sterben, setzte er seine Gemahlin, die sich der Entbindung versah, auf
ein wohizugerittenes Roß und bestellte einen seiner Leibdiener zu ihrer
Aufwartung.
Ehe aber noch die Zugbrücke niedergelassen und das eiserne Tor aufgetan
wurde, rief er ihn beiseite und sprach: »Hüte meines Weibes im
Nachzug als deines Augapfels, solange mein Panier weht und der
Federbusch auf meinem Helm empor steht; sofern ich aber erliege im
Streit, so wende dich nach dem Walde und verbirg sie daselbst in der
Felsenkluft, die dir wohl bekannt ist. Dort erwürge sie in der Nacht
mit dem Schwert, daß sie nicht weiß, wie ihr geschieht. All mein
Gedächtnis soll vertilgt werden auf Erden, daß mein ehelich Gemahl
oder die Frucht ihres Leibes nicht der Spott meiner Feinde werde.«
Nachdem er dies gesagt hatte, tat er einen mutigen Ausfall aus dem
Schlosse, also daß die Feinde in großen Schrecken gerieten und sich
schon nach der Flucht umsahen. Da sie aber das geringe Häuflein gewahr
wurden, das sich ermächtigte, gegen ein ganzes Heer zu streiten,
schöpften sie Mut, stritten als mannhafte Helden, umringten die feindliche
Schar, erschlugen den Ritter samt seinen Knechten, daß nicht einer
davonkam, außer dem Leibdiener, der im Getümmel des Kampfes die
edle Frau davonführte und sie in der Waldhöhle verbarg.
Als sie hineintrat, benahm ihr Kummer und Angst den Odem, daß sie
sich eine Ohnmacht zuzog und sichtlich dahinstarb. Da gedachte der
Diener an das Wort seines Herrn, wollte schon das Schwert zücken und
seiner holden Gebieterin das Herz damit durchbohren. Doch jammerte
ihn des schönen Weibes, und sein Herz wurde in heißer Liebe zu ihr
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entzündet. Wie sie wieder zur Besonnenheit kam, beweinte sie mit
einem Strom von Zähren ihr Unglück und den Tod ihres Gemahls, rang
die Hände und wimmerte laut. Da trat der Versucher zu ihr und sprach:
»Edle Frau, so Ihr wüßtet, was Euer Gemahl über Euch beschlossen
hat, so würdet Ihr Euch nicht so traurig gebärden. Er gab mir Befehl,
Euch in dieser Höhle zu ermorden, aber Eure schönen Augen haben
mir verwehrt, ihm zu gehorchen. So Ihr mich nun hören wollt, weiß
ich guten Rat für mich und Euch. Vergesset, daß Ihr meine Gebieterin
waret: das Geschick hat uns jetzt gleich gemacht. Zieht mit mir gen
Bamberg in meine Heimat, dort will ich Euch zu meiner Hausfrau nehmen,
Euch ehrlich halten und auch des Kindleins, das Ihr unterm Herzen
tragt, als des meinen pflegen. Entsagt dem Stande, worin Ihr geboren
waret: Hab und Gut ist dahin; die Feinde Eures Herrn würden nur
stolzen Spott mit Euch treiben, so Ihr in ihre Hände fielt, und was
wolltet Ihr, als eine verlaßne, trostlose Wittib, ohne mich beginnen?«
Der edlen Frau stieg das Haar zu Berge, und ein Totenschauer lief ihr
längs dem Rücken herab, über dem, was sie zu hören bekam. Sie entsetzte
sich ebensosehr über den grausamen Befehl ihres Gemahls als
über die Vermessenheit des Dieners, der sich erfrechte, ihr seine unwürdige
Liebe zu erklären. Gleichwohl stand ihr Leben jetzt in der
Hand eines Knechtes, der seines Herrn Willen tat und seiner Pflicht
Genüge zu leisten vermeinte, wenn er sie dessen beraubte. Sie wußte
keinen andern Rat, als ihren Schergen und deklarierten Liebhaber bei
Gutem zu erhalten. Darum tat sie sich Gewalt an, eine verschämte
falschfreundliche Miene anzunehmen, und sprach: »Loser Schalk, hast
du mir das Geheimnis meines Herzens aus den Augen gelesen, daß du
weißt, nach welchem Buhlen es verlangt?—Ach! du weckst den Funken
zur lodernden Flamme auf, der unter der Asche meines zerstörten
Glückes für dich glimmt! —Aber laß mich jetzt im Winkel meinem erschlagnen
Gemahl ein Tränlein weinen, morgen alles Unglücks vergessen
und mein Schicksal mit dir teilen.«
Der verliebte Diener, der sich eines so leichten Sieges bei der schönen
Frau nicht versehen hatte, war vor Freuden außer sich, da er hörte, daß
sie ihm mit heimlicher Liebe bereits zugetan sei, er umfaßte ihre Knie,
sich der großen Gunst zu bedanken, und überließ sie ungestört ihrer
stillen Traurigkeit. Er bereitete ihr ein Lager von Moos und legte sich
zu ihrer Hut quer vor den Eingang der Höhle. Der schönen Witwe kam
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kein Schlaf in die Augen, wiewohl sie sich stellte, als ob sie sanft
schlummere. Sobald sie den frechen Wicht schnarchen hörte, sprang sie
hurtig vom Lager auf, zog gemachsam sein Schwert aus der Scheide,
schnitt ihm flugs damit die Gurgel und zugleich den schönsten Traum
seines Lebens entzwei. Er hatte kaum zu ihren Füßen die Seele ausgezappelt,
so schritt sie hurtig über den Leichnam aus der Höhle und irrte
durch den Wald, ohne zu wissen, wo sie der Zufall hinführen werde.
Sie vermied sorgfältig das freie Feld, wenn sich etwas regte oder wenn
sie in der Ferne Menschen erblickte, verbarg sie sich tief ins Gebüsch.
Drei Tage und drei Nächte war sie also in großer Betrübnis herumgeirrt,
ohne etwas anders zur Erquickung zu genießen als einige Walderdbeeren,
und war sehr ermattet. Ach! da vermerkte sie, daß die Zeit
herannahe, daß sie gebären solle. Sie setzte sich unter einen Baum, fing
bitterlich an zu weinen und über ihren Zustand laut zu wehklagen. Da
stand unversehens ein altes Mütterlein vor ihr, als wenn sie aus der Erde
herausgewachsen sei, die tat ihren Mund auf und fragte: »Edle Frau,
was weinet Ihr, und womit steht Euch zu helfen?«
Die Bekümmerte empfand großen Trost, daß sie eine menschliche
Stimme vernahm. Als sie aber aufschaute und ein häßliches, altes Weib
mit zitterndem Haupte, auf einen hainbüchenen Stab gelehnt, neben
sich erblickte, die selbst Hilfe zu bedürfen schien und unter ihren roten
Augen ein lederfarbenes Wackelkinn ihr entgegenstreckte, mißbehagte
ihr der Anblick so sehr, daß sie das Angesicht von ihr wandte und mutlos
antwortete: »Mutter, was begehrst du mein Leiden zu erfahren, es
steht doch nicht in deiner Macht, mir Hilfe zu leisten.«
»Wer weiß«, versetzte die Alte, »ob ich Euch nicht helfen kann, offenbaret
mir Euren Kummer.«
»Du siehst«, sprach die Witwe, »wie es mit mir ist, die Zeit meiner Entbindung
naht heran, und ich irre in diesem wilden Gebirge einsam und
verlassen.«
»Wenn dem also ist«, erwiderte die Alte, »so findet Ihr bei mir freilich
schlechten Trost: ich bin eine Jungfrau meines Zeugnisses, weiß um die
Notdurft kreißender Weiber keinen Bescheid, habe mich nie darum gekümmert,
wie der Mensch in die Welt eingeht, sondern nur, wie ich mit
Ehren herausgehen mag. Folgt mir indes in mein Haus, daß ich Euer
pflege, soviel ich kann.«
Die hilflose Frau nahm den guten Willen für die Tat an und gelangte
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unter der Geleitschaft der Oberältesten ihrer jungfräulichen Zeitgenossenschaft
in einer dürftigen Hütte an, wo sie etwas weniger
Bequemlichkeit fand als unter freiem Himmel. Doch genas sie unter
dem Beistande der Sibylle glücklich eines Töchterleins, welches die
Mutter selbst nottaufte und es der keuschen Wirtin zu Ehren Lukrezia
nannte. Ungeachtet dieser Politesse mußte die Wöchnerin doch mit so
frugaler Kost vorliebnehmen, daß die strenge Diät, welche eigensinnige
Ärzte den Kindbetterinnen zu verordnen pflegen, sardanapalische
Mahlzeiten dagegen genannt zu werden verdienen. Sie lebte bloß von
Kräutersuppen, die ohne Salz und Schmalz gekocht waren, und dabei
wurde ihr von dem zähen Mütterlein das schwarze Brot so kümmerlich
zugeschnitten, als wenn's Marzipan gewesen wäre. Dieser Fastenspeisen
wurde die Wöchnerin, die sich wohlauf befand und, nachdem die
Milchschauer vorüber waren, große Eßlust verspürte, bald überdrüssig,
sie sehnte sich nach einem nahrhaften Fleischgericht oder wenigstens
nach einem Eierkuchen, und der letztere Wunsch schien ihr nicht
unerreichbar: denn sie hörte jeden Tag in der Morgenstunde eine
Henne gackern, die ihr frisch gelegtes Ei laut rezensierte.
Die ersten neun Tage unterwarf sie sich jedoch der magern Kost ihrer
Pflegerin standhaft; nachher gab sie ihr aber das Verlangen nach einer
kräftigen Hühnerbrühe nicht undeutlich zu verstehen, und da die Alte
wenig darauf achtete, erklärte sie sich mit deutlichen Worten. »Gutes
Weib«, sprach sie, »deine Suppen sind so rauh und streng und das Brot
so hart, daß mir der Gaumen davon wund ist. Bereite mir ein Süpplein,
das glatt eingehe und wohl gefettet sei, ich will dir's lohnen. Es schreit
ein Huhn in deinem Hause, das schlachte und richte mir's zu, daß ich
durch eine gute Mahlzeit neue Kräfte zum Abzug mit meinem Kindlein
gewinne. Siehe, diese Perlenschnur, die ich um den Hals trage, will ich
dafür mit dir teilen, wenn ich weiterziehe.«
»Edle Frau«, antwortete die zahnlose Wirtschafterin, »es steht Euch
nicht zu, meine Küche zu meistern, das verträgt keine Hausfrau von
einer Fremden. Ich weiß wohl eine Suppe zu kochen und sie niedlich
und schmackhaft zu bereiten; habe auch, wie mich bedünken will, die
Kochkunst länger getrieben als Ihr. Meine Suppen sind ohne Tadel und
schlagen auf die Milch, was verlangt Ihr mehr? Von meinem Hühnlein
sollt Ihr nichts schmecken, das ist meine Gespielin und Hausgenossin
in dieser Einöde, schläft mit mir in der Kammer und ißt mit mir aus
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der Schüssel. Behaltet Eure Perlenschnur, ich begehre keinen Teil daran
oder Lohn und Gewinn für Eure Pflege.« Die Kindbetterin sah wohl,
daß ihre Wirtin Küchenkritiken nicht liebte, sie schwieg und aß, um sie
wieder zufriedenzustellen, über Vermögen von der Kräutersuppe, die
ihr diese eben auftrug.
Des folgenden Tages nahm die Alte einen Handkorb am Arm und den
hainbüchenen Stab in die Hand und sprach: »Das Brot ist aufgezehrt
bis auf dies Ränftlein, das ich mit Euch teile, ich gehe zum Bäcker,
neuen Vorrat zu kaufen. Wahret indes das Haus, pflegt meines Hühnleins
und hütet Euch, es abzuschlachten. Die Eier sind Euch vergönnt,
wenn Ihr sie suchen wollt, es pflegt sie gern zu vertragen. Harret meiner
Wiederkehr sieben Tage, das nächste Dorf liegt nur eines Feldweges
von hier, für mich sind es aber drei Tagesreisen. Wenn ich in sieben
Tagen nicht wiederkomme, so seht Ihr mich nimmer.« Mit diesen
Worten trippelte sie fort, doch bei ihrem Schneckengange war sie in der
Mittagsstunde noch keinen Bogenschuß von der Hütte, und in der
Abenddämmerung verlor ihre nachschauende Kostgängerin sie erst aus
den Augen. Jetzt führte diese das Küchenregiment und spähte fleißig
nach einem Ei von dem Leghuhn; sie durchsuchte alle Winkel des Hauses,
auch alle Gebüsche und Hecken rings umher, das trieb sie so sieben
Tage lang, ohne eins zu finden. Sie harrte hierauf einen Tag und noch
einen auf die Alte; da diese aber nicht zum Vorschein kam, verzieh sie
sich ihrer Wiederkehr. Die Lebensmittel waren aufgezehrt, darum
setzte sie den dritten Tag zum peremtorischen Termin, wo sie, im
Nichterscheinungsfall der Alten, sich ihrer liegenden und fahrenden
Habe als eines verlaßnen Gutes anzumaßen vornahm.
An dem Huhn, das die Eier vertrug, sollte das Eigentumsrecht vorerst
ausgeübt werden, welches ohne Gnade zum Topfe verurteilt war. Die
neue Besitznehmerin hatte es schon vorläufig in engen Gewahrsam gebracht
und unter einen Korb gesperrt. Am frühen Morgen des folgenden
Tages schärfte sie ein Messer, das Huhn damit zu schlachten, denn
es sollte zur Valetmahlzeit dienen, und setzte Wasser zum Kochen auf
den Herd. Indem sie mit diesen Küchenanstalten geschäftig war, verkündigte
das eingesperrte Huhn mit großem Geschrei ein frisch gelegtes
Ei, welches als ein Zuwachs der Verlassenschaft der Erbnehmerin
sehr willkommen war. Sie gedachte dadurch ein Frühstück obendrein
zu erhalten, ging alsbald es zu holen und fand es unter dem Korbe. Ihr
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Appetit war so lebhaft, daß sie das Abschlachten versparte, bis sie
würde das Ei verzehrt haben. Sie sott es hart; aber da sie es aus dem
Topfe nahm, war es so schwer wie Blei, und nachdem sie die Schale geöffnet
hatte, fand sie nichts Eßbares darinnen, sondern zu ihrer großen
Verwunderung war das Dotter von gediegenem Golde.
Vor Freuden über diesen Fund war ihr alle Eßlust verschwunden, ihre
einzige Sorge ging nun dahin, das wunderbare Huhn zu füttern, es zu
liebkosen und an sich zu gewöhnen. Sie dankte es dem Glücke, daß sie
die herrliche Eigenschaft desselben noch zu rechter Zeit entdeckt hatte,
ehe der Kochtopf die köstliche Eierfabrik zerstörte.
Das alchymische Huhn brachte ihr auch eine ganz andere Meinung von
dem alten Mütterlein bei, als sie vorher von ihr gehegt hatte. Bei der
ersten Bekanntschaft nahm sie das Weib für eine abgelebte Bäuerin,
und als sie ihre ungesalznen Kräutersuppen versucht hatte, hielt sie dieselbe
für eine Bettlerin. Nach der gemachten Entdeckung aber war sie
ungewiß, ob sie eine wohltätige Fee, die aus Mitleid ihr ein reichliches
Almosen verliehen, oder eine Zauberin, die sie durch Blendwerk äffte,
aus ihr machen sollte. So viel ergab sich aus allen Umständen, daß etwas
Übernatürliches hier mit im Spiele war, daher gebot die Klugheit der
bedachtsamen Frau, bei ihrem Abzuge aus der Wildnis des Fichtelbergs
nicht so rasch zu Werke zu gehen, sondern ihr Vorhaben reiflich zu
überlegen, um eine unsichtbare Macht, die ihr wohizuwollen schien,
nicht zu erzürnen. Sie war lange unschlüssig, ob sie sich das wunderbare
Huhn zueignen und mit sich nehmen oder solchem die Freiheit wieder
schenken sollte.
Die Eier hatte ihr die Alte zugestanden, und in drei Tagen war sie die
Besitzerin von drei goldnen Eiern; aber was das Leghuhn betraf, war
sie zweifelhaft, ob sie einen Diebstahl begehen würde, wenn sie es mit
davonnähm, oder ob sie es als eine stillschweigende Schenkung ansehen
sollte. Eigennutz und Bedenklichkeit erhoben einen ungleichen Wettstreit
gegeneinander, worin, wie gewöhnlich, der erste die Oberhand
behielt. Also blieb es bei der Adjudikation des Nachlasses der Alten,
die reisefertige Dame setzte das Huhn in eine Hühnersteige, band ihr
Kindlein in ein Tuch nach Zigeunerbrauch auf den Rücken, und so verließ
das Kleeblatt der Einwohner das kleine einsame Haus in der
Wüste, in welchem nun außer einem Heimchen, das darin zirpte, kein
Hauch des Lebens mehr übrig war.
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Die sorgsame Emigrantin nahm ihren Weg gerade nach dem Walddorfe
zu, wohin die Alte zu gehen vorgegeben hatte, und war alle Augenblicke
einer Erscheinung von ihr gegenwärtig, um das Huhn zurückzufordern.
Kaum war sie eine Stunde gegangen, so kam sie auf einen gebahnten
Weg, der gerade in das Dorf führte. Die Neugierde trieb sie,
im Backhause nach dem alten Mütterlein Nachfrage zu halten, das hier
zuweilen Brot einzukaufen pflege. Allein niemand wollte etwas von ihr
wissen oder sie jemals gesehen haben. Das bewog ihre Hausgenossin,
etwas von dem Aufenthalte in der Einsiedelei der Alten zu erzählen.
Die Bäuerinnen verwunderten sich höchlich über diese Begebenheit,
keine wußte von dem Hause im Gebirge, und nur ein wohlbetagtes
Weib erinnerte sich, von ihrer Großmutter gehört zu haben, daß eine
Waldfrau im Gebirge hause, die sich alle hundert Jahre einmal sehen
lasse, um ein gutes Werk auszuüben, und dann wieder verschwinde.
Dadurch wurde der edlen Frau das Rätsel ziemlich gelöst, sie zweifelte
nicht, daß sie gerade den glücklichen Zeitpunkt getroffen habe, wo es
der unbekannten Bewohnerin des Fichtelberges vergönnt gewesen sei,
ihre wohltätige Hand gegen sie aufzutun. Sie hielt das Huhn, das fortfuhr,
jeden Tag ein goldnes Ei zu legen, nun zwiefacher Ehren wert,
nicht allein um des reichen Gewinns willen, den es ihr einbrachte, sondern
vornehmlich als ein gutes Andenken an ihre treue Pflegerin in dem
hilflosen Zustande, worin sie sich befunden hatte, und sie bedauerte
nur, daß sie mit der alten Mutter nicht nähere Bekanntschaft gemacht
hatte. Dadurch hätte sich die edle Frau allerdings um die wißbegierige
Nachwelt ein unsterbliches Verdienst erwerben können, wenn sie ihre
Wirtin ausgeforscht und von ihrer Natur und Beschaffenheit genaue
Kundschaft eingezogen hätte, so wüßten wir zu sagen, ob sie eine
Nonne oder eine Elfe, eine verwünschte Prinzessin, eine weiße Frau
oder eine Zauberin und Zunftgenossin der Circe oder der Hexe zu
Endor gewesen sei.
Ihre Gastfreundin heuerte in dem Walddorfe einen Wagen mit Ochsen
bespannt und fuhr damit nach Bamberg, wo sie nebst dem zarten Fräulein,
dem Hühnlein und einer Mandel Eier wohlbehalten anlangte und
sich daselbst häuslich niederließ. Anfangs lebte sie daselbst sehr eingezogen
und ließ ihr einziges Geschäfte die Erziehung ihres Töchterleins
und die Pflege des wundersamen Leghuhns sein. Als sich aber mit der
Zeit der Eiersegen mehrte, kaufte sie viel Ländereien und Weinberge,
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auch Landgüter und Schlösser, und lebte als eine reiche Frau von ihren
Renten, tat den Armen Gutes und bedachte die Klöster. Wodurch der
Ruf ihrer Frömmigkeit und ihres großen Vermögens sich so ausbreitete,
daß sie die Aufmerksamkeit des Bischofs auf sich zog, der ihr
wohlwollte und ihr viel Achtung und Freundschaft bewies. Fräulein
Lukrezia wuchs heran und wurde wegen ihrer Sittsamkeit und Schönheit
von Klerus und Laien bewundert, und den geistlichen Herren
dienten ihre Reize zur angenehmen Augenweide.
Um diese Zeit berief der Kaiser einen Reichstag nach Bamberg (das war
im Jahre 1057). Durch soviele Hofhaltungen der Prälaten und Fürsten
wurde die Stadt also eingeengt, daß die Mutter nebst ihrer Tochter, um
dem Getümmel auszuweichen, auf eines ihrer Landhäuser sich begaben.
Der wohlwollende Bischof aber machte bei Gelegenheit der Kaiserin
von dem Fräulein eine so vorteilhafte Schilderung, daß sie Verlangen
trug, diese junge Schönheit am Hof unter ihre Frauenzimmer
aufzunehmen. Kaiser Heinrichs Hofhaltung stand nicht in dem
Geruch, daß sie eine Schule strenger Zucht und Tugend sei, daher
sträubte sich die sorgsame Mutter gegen dieses Vorhaben, soviel sie
konnte, und bedankte sich dieser der Tochter zugedachten Ehre. Die
Kaiserin bestand gleichwohl auf ihrem Sinn, und des Bischofs Ansehen
vermochte so viel über die bedenkliche Frau, daß sie endlich einwilligte.
Die keusche Lukrezia erschien bei Hofe und wurde als eine üppige
Hofdame aufgeschmückt, bekam das Nadelkästchen der Kaiserin in
Verwahrung und trug, nebst andern Jungfrauen von edler Geburt, ihr
an Hoffesten die Schleppe nach. Aller Augen warteten auf sie, wenn die
Kaiserin hervorging, denn nach dem einmütigen Geständnisse der Höflinge
war sie die Grazie unter den Nymphen des kaiserlichen Gefolges.
Bei Hof ist jeder Tag ein Fest. Dieser Taumel von abwechselnden
Vergnügen, die an die Stelle der einförmigen Lebensart unter mütterlicher
Aufsicht traten, erfüllten ihre Seele mit unausredbarem Wonnegefühl,
sie glaubte, wo nicht in den Schoß der Seligkeit, dennoch in den
Vorhof desselben, den empyreischen Himmel, versetzt zu sein. Zum
Nadelgelde hatte ihr, außer dem Gehalt vom Hofe, die gutmütige Mutter
noch ein Schock Eier von dem magischen Huhn ausgesetzt. Daher
fehlte es ihr nicht, sich jeden Wunsch des Herzens gewähren zu können,
der für junge Schöne denkbar ist, welche Amors Pfeil noch nicht
verwundet hat und die das höchste Ideal ihrer Glückseligkeit mit
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kindischem Ergötzen in dem Flitterglanze des Putzes suchen, den sie
nicht um einen Heiligenschein vertauschen würden. Sie tat es an Kleiderpracht
allen Jungfrauen ihrer Gebieterin zuvor, die sie zwar heimlich
darum neideten und ins Angesicht ihren feinen Geschmack lobten,
ihr nach Hofes Sitte freundlich liebkoseten und allen Verdruß und
Unwillen tief ins Herz verschlossen: denn die Kaiserin war ihr mit
Huld und Gunsten zugetan. Die Grafen und Herren schmeichelten und
liebkoseten ihr nicht minder, doch ohne alle Gleisnerei, jedes Wort kam
aus dem Herzen: Frauenlob ist glatt wie Öl in der Männer Munde, aber
wie Essig scharf und beizend auf der weiblichen Zunge.
Da ihr unaufhörlich des Hofes süßer Weihrauch duftete, wär's in
Wahrheit ein größeres Wunder gewesen als ein güldnes Hühnerei,
wenn die helle Politur ihrer reinen weiblichen Seele von dem Roste der
Eitelkeit nicht wäre angefressen worden.
Die süße Näscherei verwöhnte sie zum immerwährenden Verlangen,
sich was Schönes vorsagen zu lassen, und sie forderte, als eine ihr zugehörige
Gerechtsame, das Geständnis, sie sei die schönste aller Jungfrauen
am Hofe. Diese schmeichelnde Idee wurde bald Mutter und gebar
die buhlerische Koketterie, sie ging darauf aus, Fürsten und Grafen
und die Edlen des Hofes an ihren Siegeswagen zu spannen und, wo sie
es vermöchte, das gesamte Römische Reich Deutscher Nation im Triumph
aufzuführen.
Sie wußte diese stolze Absicht unter der Maske der Bescheidenheit zu
verbergen, dadurch gelang ihre Freibeuterei nur desto besser: sie setzte,
wenn sie nur wollte, jedes empfindsame Herz in Brand, und diese Sucht
zu sengen und brennen schien das einzige Erbstück, das aus der väterlichen
Verlassenschaft auf sie gekommen war. Wenn sie ihre Absicht erreicht
hatte, zog sie sich mit sprödern Kaltsinn zurück, täuschte die
Hoffnung aller, die um ihre Gunst buhlten, und sah mit mutwilliger
Schadenfreude, wie geheimer Kummer die Unglücklichen folterte und
Gram und Bleichsucht an ihren vollen Wangen zehrte. Sie selbst aber
hatte mit der ehernen Mauer der Unempfindlichkeit ihr Herz umschlossen,
welche keiner ihrer Champions zu überwältigen vermochte,
um sich hineinzustehlen und zur Wiedervergeltung es gleichfalls in
Flammen zu setzen. Sie wurde geliebt und liebte nicht wieder, entweder
weil ihre Stunde noch nicht gekommen war, oder weil der Ehrgeiz
die zärtliche Leidenschaft überwand oder weil ihre Gemütsart so
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schwankend und unbeständig war wie die offene See, daß der Keim der
Liebe in dem hüpfenden unruhigen Herzen nicht anwurzeln konnte.
Die versuchtesten Minnesöldner, die wohl merkten, daß dem Terrain
nichts abzugewinnen sei, ließen es daher nur immer bei einem blinden
Angriff bewenden, schlugen oft Lärm und defilierten bald wieder in aller
Stille seitab; machten es bald wie unsre luftigen Herren, die an jedes
weibliche Herz anpochen, wenn's in einem schönen Busen schlägt, aber
Hymens reine Fackel, wie die Raubtiere in den afrikanischen Wüsteneien
das Feuer, scheuen. Die Minderkundigen hingegen, die mit dämischem
Zutrauen in vollem Ernste den Angriff wagten, wurden mit
Verlust ihrer Ruhe und Zufriedenheit, weil das Fräulein ihrer Schanze
wohl wahrte, abgeschlagen.
Seit mehrern Jahren folgte dem Hoflager des Kaisers ein junger Graf
von Klettenberg, der, einen kleinen körperlichen Fehler ausgenommen,
der liebenswürdigste Mann bei Hofe war. Er hatte eine verrenkte
Schulter und davon den Beinamen Ulrich mit dem Bühel: seine übrigen
Talente und gefälligen Eigenschaften aber machten, daß auch der
strenge Areopagus der Damen, die die Wohlgestalt eines Adonis zu
meistern wagen, über diese Unvollkommenheit hinweg sah und sie bei
ihm durch keinen Tadel rügte. Er stand bei Hof in gutem Ansehen und
wußte dem schönen Geschlecht so viel Verbindliches zu sagen, daß ihm
alle Damen, die Kaiserin selbst nicht ausgenommen, günstig waren.
Sein Witz war unerschöpflich, neue Vergnügen zu ersinnen und den
gewöhnlichen Hoflustbarkeiten neuen Reiz und Hochgeschmack mitzuteilen,
daß er sich im Frauenzimmer unentbehrlich gemacht hatte.
Wenn der Hof bei üblem Wetter oder bei den bösen Launen des Kaisers,
deren ihm der Vater Papst gar viele machte, in träger Langerweile
schmachtete, so wurde Graf Ulrich berufen, den Geist des Mißmuts zu
verscheuchen und Fröhlichkeit und Scherz in die kaiserliche Hofpfalz
wieder einzuführen.
Obgleich ein Damenzirkel das eigentliche Element war, worin er lebte
und webte, so wußte er doch dem schalkhaften Amor immer auszuweichen,
daß ihn dieser nicht mit der Harpune seines unwiderstehlichen
Wurfpfeils erreichte und er der Leine hätte folgen müssen. Schäkerhafte
Minne war sein Freudenspiel; aber wenn ihm ein Weib Fesseln zugedacht
hatte, zerriß er sie, wie Simson die sieben neuen Bastseile, womit
ihn seine betrügliche Buhlerin band. Er wollte nur, geradeso wie die
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stolze Lukrezia, Fesseln anlegen, aber keine tragen. Es konnte nicht
fehlen, daß zwei so gleichgestimmte Seelen, die der Zufall einander so
nahe gebracht hatte, daß sie unter einem Himmel lebten, unter einem
Dache wohnten, in einem Gemach tafelten und unter einer Laube
Schatten suchten, endlich zusammentreffen und ihre Talente aneinander
versuchen mußten.
Lukrezia faßte den Anschlag, an dem Grafen eine Eroberung zu machen,
und weil er im Rufe war, daß er der wankelmütigste Liebhaber
bei Hofe sei, beschloß sie, ihn fester zu halten als ihre übrigen Champions,
die sie nach den Jahreszeiten, wie die Modewelt ihre Kleider, zu
wechseln pflegte, und ihn nicht eher zu entlassen, bis sie den Ruhm erlangt
habe, den unbeständigen Wandelstern fixiert zu haben. Ihn aber
trieb der Ehrgeiz, mit dem schönsten Hoffräulein ein Spiel anzuspinnen,
alle Nebenbuhler auszustechen und sie seine Überlegenheit in der
Kunst zu lieben empfinden zu lassen, und wenn sie vor ihm die Segel
würden gestrichen haben, dann flugs den Anker zu lichten und auf den
Fittichen der Winde in den Hafen eines andern liebevollen Herzens
einzulaufen. Beide Mächte rüsteten sich zum wechselseitigen Angriff,
und die Operationen gingen auf dem Blumengefilde der Liebe von der
einen und der andern Seite nach Wunsch vonstatten. Es schmeichelte
dem Fräulein ungemein, daß der Liebling des Hofes, auf den sie schon
lange eine geheime Absicht gehabt hatte, jetzt freiwillig kam, ihren
Zauberreizen zu huldigen, und daß sie Gelegenheit fand, an ihm Rache
zu üben, da er ihr bisher widerstanden hatte. Seine Blicke, die vordem
flüchtig an ihr vorübereilten, waren nun allein auf sie gerichtet; er folgte
ihr untrennbar wie der Tag der Sonne.
Alle Feten, die er dem Hofe gab, hatten auf sie Bezug; er zog allein ihren
Geschmack bei der Anordnung derselben zu Rate, was sie guthieß,
wurde mit großer Pracht und Tätigkeit ins Werk gerichtet, und was
nicht ihren Beifall hatte, wenn es auch die Kaiserin selbst proponiert
hatte, kam nicht zustande. Die feinen Nasen spürten leicht aus, welcher
Gottheit dieser Ambra düftete, und man sagte öffentlich, der Hof sei
ein Horn, welches laute, wie Fräulein Lukrezia den Ton angebe.
Die blühendsten weiblichen Physiognomien wurden gelb und bleich
vor Neide über diese ausgezeichnete Liebschaft, bei welcher alle
stumme Zuschauerinnen abgeben mußten, die ihr Herz so gern bei dem
Grafen angebracht hätten oder an dem seinigen Anteil zu haben glaubten.
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Er opferte aber seine Eroberungen samt und sonders der schönen
Bambergerin auf, und sie schenkte zur Vergeltung auch ihren Gefangenen
die Freiheit wieder, umstellte das Herz keines Höflings mehr mit
Netz und Schlingen ihrer entgegenkommenden Zärtlichkeit, und ihr
prüfendes Auge forschte nicht mehr nach den lüsternen Blicken verstohlner
Anbeter.
Bis hierher schritt das Spiel des zärtlichen Paares ganz in der systematischen
Ordnung fort, an die sich beide Teile gebunden hatten, sie glänzten
beide im Vollmond wechselseitigen Genusses. Nun war es Zeit, daß
dieser sich wieder zur Abnahme neigte, und zwar dergestalt, daß die
eine Hälfte ganz dem beobachtenden Seherauge verschwand und in
Schatten zu stehen kam, indes die andere ihren Schimmer auch noch im
letzten Viertel beibehielt. Es kam jetzt darauf an, das Minnespiel durch
einen Meisterstreich zu enden, der die eine Partei vor den Augen des
Hofes sicherte, daß sie nicht die betrogene sei.
Des Grafen Eitelkeit hatte anfangs nichts mehr beabsichtet, als das
Übergewicht über alle Nebenbuhler zu gewinnen, um sich damit zu
brüsten, und wenn ihm dieses gelungen wäre, seine Eroberung zu verlassen
und eine neue zu suchen. Jene Absicht war erreicht; aber unvermerkt
hatte der schlaue Amor, der selten ungestraft mit sich scherzen
läßt, das Spiel des Stolzes und der Eitelkeit in eine ernsthafte Herzensangelegenheit
verwandelt: die schöne Lukrezia hatte sein Herz erbeutet
und ihn an ihren Triumphwagen angekettet. Sie blieb ihrem Plane
treuer. Da ihr Herz noch nicht teilgenommen hatte und sie erwog, daß
ihre Reputation als Herzensbezwingerin auf dem Spiele stehen würde,
wenn ein Insurgent ihr den Gehorsam aufkündigte, ehe sie ihn in Freiheit
setzte, und die Lacher nicht auf ihrer Seite sein dürften, wenn ihr
Paladin die Fesseln zerbrach, was sie im geheimen befürchtete: so beschloß
sie, ihm den Abschied zu geben, als er am eifrigsten sich um die
Fortdauer ihrer Gunst bewarb.
Unversehens ergab sich die Gelegenheit zu dieser Katastrophe. Graf
Ruprecht von Kefernburg, ein Landsmann und Grenznachbar Graf
Ulrichs von Klettenberg, zog nach Goslar, Kaiser Heinrichs gewöhnlichem
Aufenthalt, um eine frische, rotwangige Base an Hof zu führen.
Hier sah er die schöne Lukrezia, und sie sehen und lieben war der gewöhnliche
Fall aller Ritter und Edeln, die von den vier Winden des vaterländischen
Himmels in die altväterische Reichsstadt einritten. Seine
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Physiognomie hatte für die Damen wenig Empfehlendes, und die Pflegerin
seiner Kindheit hatte der Mutter Natur unbedachtsamerweise ins
Amt gegriffen, ihrem Zöglinge mehr verliehen als ihm jene beschied,
und ihn mit einem Auswuchs auf dem Rücken begabt, der so charakteristisch
war, daß er, zum Unterschied seiner Namensvettern, Ruprecht
mit dem Höcker zubenamet wurde. Körperliche Gebrechen wurden in
jenen Zeiten nicht durch Schneiderkunst verhehlt, sondern öffentlich
zur Schau gestellt, in Ehren gehalten und sogar von den Geschichtsschreibern
der Nachwelt sorgfältig aufbewahrt.
Die Hinker, die Stammler, die Schielenden, die Einäugigen, die Speckwänste
und die Darrsüchtigen sind noch in gutem Andenken, wenn das
Gedächtnis ihrer Taten längst erloschen ist. Der Kefernburger besaß
ein großes Maß von Dreistigkeit und Selbstheit.
Ob ihn gleich seine Gestalt eben nicht zu großen Erwartungen in den
Regionen der Liebe berechtigte, so demütigte sie ihn doch so wenig,
daß ihm die Bürde auf den Schultern gleichsam zum Schwunggewichte
der Eigenliebe diente, wenigstens hielt er sie nicht für eine Klippe,
woran die Hoffnung seines Liebesglückes scheitern könnte.
Mutig wagte er einen Angriff auf das Herz der schönen Lukrezia, und
da sie eben diesen Janustempel, der eine Zeitlang geschlossen war, wieder
geöffnet hatte, so nahm sie sein Opfer mit scheinbarem Wohlgefallen
an, und unter diesem glücklichen Aspekt war Goslar ihm Elysium.
Der gute Graf aus der Provinz wußte freilich nicht, daß die schlaue
Hofgrazie ihr Herz nur wie einen Triumphbogen gebrauchte, durch
welchen sie die Scharen, die ihre Fesseln trugen, durchpassieren ließ,
der aber gar nicht von der Beschaffenheit ist, einen beständigen Aufenthalt
darin zu suchen.
Der zeitige Inhaber ihres Herzens ahndete seinen Fall wie ein wankender
Minister, der nicht die Entschließung hat, seinen Posten zu resignieren,
sich hält, solange er kann, und zögert, bis man ihn gehen heißt.
Wenn es in seiner Macht gestanden hätte, mit seiner wankelmütigen
Gebieterin zu brechen, so wär es ihm vielleicht gelungen, daß Spiel
noch zu seinem Vorteil zu drehen, den Anschein eines Verstoßnen zu
verbergen und das Auge der Lauerer irrezuführen. Er würde sich der
ersten besten Liebschaft in die Arme geworfen haben. Die runde, rotwangige
Thüringerin kam wie gerufen, ihm zu diesem Gaukelspiel die
Hand zu bieten. Allein sein ganzes Minnesystem hatte sich durch die
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Dazwischenkunft einer ernsten Leidenschaft ganz verschoben, und er
hatte nun gleiches Schicksal mit den Schauspielern auf unsern Liebhabertheatern,
die sich in die verliebten Rollen so hineinstudieren, daß
sie ihre theatralische Laufbahn mit der Hochzeit zu beschließen pflegen.
Der Schmetterling, der das Licht oftmals ungestraft umgaukelt
hatte, blieb daran bekleben, und die heiße Flamme vereitelte die letzten
Zuckungen seines Strebens nach Freiheit.
Diesen Verlust der Freiheit nahm er erst wahr, da er an seinem Landsmann,
dem Kefernburger, einen Nebenbuhler entdeckte, den er zwar
eben nicht fürchtete; durch welchen er aber doch belehrt wurde, daß
seine Geliebte das Gefühl wahrer Zärtlichkeit mit ihm nicht teile. Zum
erstenmal im Leben empfand er die Qualen unvergoltner Liebe, umsonst
versuchte er's, sich durch rauschende Vergnügen zu zerstreuen
und einer Leidenschaft sich zu entschiagen, die ihm das Leben vergällte;
er wurde bald inne, daß ihm die Kraft fehle, dies Vorhaben ins Werk
zu richten. Er war nicht mehr der Simson, der mit den Locken den
Nagel aus der Wand oder den Dorn, der ihn verwundet hatte, aus dem
Herzen hervorziehen konnte; er war der Simson, der, seiner Stärke beraubt,
in dem Schoße der Tyrischen Buhlschaft ruhte, die ihn überlistet
hatte. Ohne Leben und Tätigkeit schlich er trübsinnig umher, erschien
selten und so einsilbig bei Hofe, daß er den Damen Langeweile machte,
einige bekamen sogar Vapeurs, wenn er sich nur im Vorgemach blicken
ließ: denn tiefe Schwermut hing, wie die Abendwolke, hinter welche
sich die untergehende Sonne verbirgt, ihm von der Stirn herab. Seine
Siegesgöttin dagegen schwebte im stolzen Triumph empor, ohne Mitleid
mit dem qualenvollen Zustande ihres getreuen Paladins zu empfinden.
Die trieb vielmehr ihre Grausamkeit so weit, daß sie zuweilen in
seiner Gegenwart sich nicht scheute, alle ihre Reize auf den scheinbarlich
begünstigten Nebenbuhler spielen zu lassen und mit ihm unverhohlen
zu liebäugeln.
Um ihren Triumph aufs höchste zu treiben, gab sie im Frauenzimmer
eines Tages ein großes Mahl, und als bei Sang und Saitenspiel die Heiterkeit
des Gastgebotes aufs höchste gestiegen war, traten ihre Gespielinnen
zu ihr und sprachen: »Liebe, gib dem Feste einen Namen, daß
wir uns des frohen Tages dabei in der Zukunft erinnern.« Sie antwortete:
»Euch kommt es zu, das Fest mit einem Namen zu krönen, so Ihr
es würdig achtet, seiner in Zukunft zu gedenken.« Als aber die frohen
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Scharen der Gäste in sie drangen, daß sie sich nicht entbrechen konnte,
ihrem Verlangen zu willfahren, nannte sie es aus Übermut: Graf
Ulrichs Kettenfeier.
Inder Liebe ist der Zeitgeschmack so wenig perennierend wie in jedem
andern Dinge. Im letzten Viertel unsers Jahrhunderts wäre Graf Ulrich
mit den Schwermutsgefühlen, mit dem stillen Gram und abgehärmten
Wangen an seinem Platz gewesen, keine weichgeschaffne weibliche
Seele hätte ihm widerstehen können, das Mitleid würde ihm zum Hebel
gedient haben, eine Herzensangelegenheit damit in Gang zu bringen.
Allein zu seiner Zeit kam er mit dieser Empfindelei um viele Jahrhunderte
zu früh und endete damit nichts, als daß er sich den Spöttereien
seiner Zeitgenossen preisgab. Der schlichte Menschenverstand sagte
ihm so oft, daß er auf diesem Wege seinen Zweck nicht erreichen
würde, daß er endlich dem guten Ratgeber Gehör gab, nicht mehr öffentlich
den seufzenden Schäfer machte, wieder Leben und Tätigkeit
gewann und den Versuch machte, die unbezwingliche Schöne mit ihren
eignen Waffen zu bekämpfen.
»Eitelkeit«, sprach er, »ist der anziehende und zurückstoßende Pol dieses
Magneten; aus Eitelkeit begünstigt und verstößt die Stolze ihre
Buhler, darum will ich diese Leidenschaft also nähren, daß sie laut im
Herzen die Stimme erheben und für mich das Wort reden soll.« Er trat
alsbald wieder in seine alte Laufbahn ein, machte wie vorher der spröden
Prinzessin den Hof, kam allen ihren Wünschen zuvor und bestürmte
sie mit Opfern, die der weiblichen Eitelkeit zu schmeicheln
pflegen. Ein reicher Augsburger, der aus Alexandria über Meer kam,
bot der Kaiserin ein herrliches Kleinod zu Kauf an, das sie von sich
wies, weil's ihr zu teuer war. Graf Ulrich handelte es an sich, verschrieb
seine halbe Grafschaft dafür und machte seiner Herzgebieterin ein
Geschenk damit. Sie nahm das Juwel an, heftete damit bei einer Hofgala
den Schleier auf die blonden Flechten ihres seidenen Haares, erregte
bei allen Putzschwestern am Hofe Herzdrücken und Krämpfe,
äugelte dem Ausspender freundlich zu, verwahrte darauf ihre Trophäe
in dem Schmuckkästlein, und in wenigen Tagen war der Graf und sein
Kleinod vergessen. Er ließ sich gleichwohl nicht irremachen, fuhr fort,
durch neue Geschenke die alten bei ihr wieder ins Andenken zu bringen
und alles aufzutreiben, ihren eitlen Sinn zu vergnügen. Dieser Aufwand
nötigte ihn, die andre Hälfte seiner Grafschaft gleichfalls zu verpfänden,
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daß ihm davon nichts übrigblieb als Wappen und Titel, worauf
kein Wuchrer etwas leihen wollte. Indessen fiel seine übermäßige
Verschwendung täglich mehr in die Augen, weshalb die Kaiserin ihn
selbst darüber zur Rede stellte und ihn ermahnte, sein väterliches Erbgut
nicht so unweislich zu vergeuden.
Da offenbarte ihr der Graf sein Anliegen und sprach: »Allergnädigste
Frau, Euch ist meine Liebschaft unverborgen, Lukrezia, die zarte Dirn,
hat mir das Herz gestohlen, daß ich ohne sie nicht leben mag. Aber wie
sie's mit mir treibt, wie sie mich mit trüglicher Minne neckt, davon weiß
Euer ganzer Hof zu sagen. Möchte mir wohl schier die Geduld darüber
ausreißen, dennoch kann ich nicht von ihr ablassen. All mein Hab und
Gut habe ich darangesetzt, ihre Gunst zu erlangen; aber ihr Herz ist
mir verschlossen wie der Freudenhimmel einer abgeschiedenen Seele
unter dem Kirchenbann, ob mir ihr Auge gleich oftmals Minneglück
vorlügt. Darum begehr ich von Euch, daß Ihr, wo sie keine rechtliche
Einrede hat, meine Hand zu verschmähen, sie mir zum ehelichen
Gemahl beileget.« Die Kaiserin verhieß, die Werbung für ihn bei dem
Fräulein zu übernehmen und sie zu überreden, seine Liebestreue nicht
länger auf die Probe zu stellen, sondern mit reiner Gegenliebe zu belohnen.
Ehe sie noch Zeit gewann, bei der stolzen Lukrezia sich für ihn
zu verwenden, begehrte Graf Ruprecht mit dem Höcker bei ihr Gehör
und redete also: »Huldreichste Kaiserin, eine Jungfrau aus Eurem
Gefolge, die keusche Lukrezia, hat meinen Augen gefallen und mir ihr
Herz zugewandt, darum komm ich, um Vergünstigung zu bitten, sie
als meine Braut heimzuführen und nach der Ordnung der christlichen
Kirche mich mit ihr zu vermählen, so Ihr anders Gefallen tragt, ihre
Hand in die meinige zu legen und die edle Jungfrau von Euch zu lassen.«
— Ihre Hoheit war begierig zu vernehmen, was der Graf für
Ansprüche an ein Herz habe, das bereits eines andern Eigentum sei,
und war sehr unwillig, da sie vernahm, daß ihre Favoritin mit zwei
Edeln des Hofes zu gleicher Zeit ein Liebesverständnis unterhalten
habe, welches zu damaliger Zeit ein verpönter Handel war, woraus
nichts minder als ein Zweikampf auf Leben und Tod zu befahren stand,
denn in dergleichen Fällen pflegte kein Nebenbuhler dem andern seine
vermeinte Gerechtsame ohne Blutvergießen zu zedieren. Doch beruhigte
sie sich, da beide Parteien sie zur Oberschiedsrichterin in der
Sache erwählt hatten und zu vermuten stand, daß sie ihrer Entscheidung
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sich mit pflichtschuldigstem Gehorsam unterwerfen würden. Sie
berief das Fräulein zu sich in ihr heimlich Gemach und ließ sie mit harten
Worten an: »Du Balg«, sprach sie, »welche Verwirrung stiftest du
am Hofe mit deiner frevelhaften Minne? Die Junker sind alle wild auf
dich, laufen mich mit Lamenten und Bitten an, dich von mir zur Ehe
zu begehren, weil sie nicht wissen, wie sie mit dir dran sind. Du ziehst
jeden stählernen Helm an dich wie ein Magnet das Eisen, treibst dein
leichtfertiges Spiel mit Rittern und Knappen und verschmähest doch
das Gelübde ihrer Huldigung. Ziemt es einer sittsamen Jungfrau, mit
zwei Parten zu gleicher Zeit zu liebäugeln und sie am Narrenseil zu
führen? Ins Angesicht ihnen zu liebkosen, ihre Hoffnung zu ermuntern
und hinterm Rücken ihnen den Gecken zu stechen? —Das mag dir nicht
ungenossen ausgehen. Einer von den beiden ehrsamen Gesellen soll dir
zuteil werden, Graf Ulrich mit dem Bühel oder Graf Ruprecht mit dem
Höcker. Flugs wähle, bei Vermeidung meiner Ungnade!«
Lukrezia erbleichte, da ihre Frau, die Kaiserin, also ihre Liebeleien
rügte und ihr den Text so scharf las. Sie hatte nicht vermutet, daß diese
kleinen Buschkläppereien der Liebe von der höchsten Instanz im heiligen
römischen Reiche würden gerichtet werden. Darum tat sie der
strengen Domina einen demütigen Fußfall, benetzte ihre Hand mit
milden Zähren, und nachdem sie sich von ihrer Bestürzung erholt hatte,
redete sie also: »Zürnet nicht, großmächtige Frau, wenn mein geringer
Reiz Euren Hof verunruhigt; ich wasche meine Hände in Unschuld.
Ist's nicht überall der Höflinge Art, daß sie den jungen Dirnen frei ins
Auge sehen? Wie kann ich's ihnen wehren? Aber ich habe sie mitnichten
zu Hoffnungen ermuntert, die ihnen den Besitz meines Herzens
verhießen. Dieses ist noch mein freies Eigentum, damit nach meinem
Willen zu schalten. Darum wollet Ihr Eure demütige Magd verschonen,
ihr durch Zwang und Geheiß einen Gemahl aufzudringen, dem das
Herz widersteht.«
»Deine Worte sind in den Wind geredet«, antwortete die Kaiserin, »du
sollst mich mit deiner Ausrede nicht eintreiben, daß ich andres Sinnes
werde. Ich weiß wohl, daß du aus deinen Basiliskenaugen der Liebe süßes
Gift in das Herz der Grafen und Edeln meines Hofes ergossen hast,
nun magst du die Minneschuld abbüßen und selbst die Fesseln tragen,
womit du die Buhlen gebunden hast: denn ich will mein Haupt nicht
eher sanfte legen, bis ich dich habe unter die Haube gebracht.«
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Als die gedemütigte Lukrezia den großen Ernst der Kaiserin sah, wagte
sie keinen Widerspruch weiter, um sie nicht noch mehr zum Zorne zu
reizen, sondern sann auf eine List, um durch diese Falltür zu entrinnen.
»Huidreiche Gebieterin«, sprach sie, »Euer Befehl ist für mich das elfte
Gebot, dem ich so gut Gehorsam schuldig bin als den übrigen zehn.
Ich ergebe mich in Euren Willen, nur erlasset mir die Wahl unter den
beiden Ehewerbern. Sie sind mir beide wert, und ich mag keinen erzürnen.
Darum vergönnt, daß ich ihnen eine Bedingung vorlege, unter der
ich den, der solcher Genüge leistet, zum ehelichen Gemahl anzunehmen
mich nicht weigern will; wofern ihr mir bei Kaiserwort und Ehre
verheißt, daß ich meiner Zusage quitt und ledig sei, wenn sie nicht
durch deren Erfüllung zum Ritterdank meine Hand verdienen wollen.«
Die Kaiserin war mit dieser scheinbaren Unterwürfigkeit der schlauen
Lukrezia wohl zufrieden und billigte den Vorschlag, durch eine Aufgabe
die Liebhaber zu hetzen, ihre Standhaftigkeit zu prüfen und dem
Würdigsten als eine Siegesbeute sich zu ergeben. Sie gestand ihr bei
Kaiserwort und Ehren die Bedingung zu und sprach: »Sage an, um
welchen Preis der wackerste der beiden Sponsen dein Herz verdienen
soll!« Das Fräulein erwiderte lächelnd: »Um keinen andern Preis, als
um den, daß sie Bühel und Höcker ablegen, die sie zur Schau tragen.
Mögen sie zusehen, wie sie sich der Bürden entledigen. Ich begehre mit
keinem Ehewerber den Ring zu wechseln, der nicht sei gerad wie eine
Kerze und schlank wie eine Tanne. Euer Kaiserwort und Ehre sichern
mich, daß weder Bühel noch Höcker die Braut heimführen werde, bis
der Bräutigam des Tadels ledig ist.«
»Oh, du arglistige Schlange!« sprach die zornmütige Fürstin, »hebe
dich weg aus meinen Augen, du hast mein Kaiserwort mir trüglich abgelockt,
doch darf ich's nicht zurücknehmen, weil ich es geredt habe.«
Sie wendete mit Unwillen ihr den Rücken zu, daß sie also überlistet
war, und mußte der schlauen Lukrezia das Spiel gewonnen geben. Beiläufig
wurde sie dadurch belehrt, daß ihr eben nicht die glücklichsten
Talente verliehen waren, in Liebesangelegenheiten eine Unterhändlerin
abzugeben, doch tröstete sie sich leicht damit, daß die Inhaberin
eines Thrones jene entbehren könnte. Sie ließ beiden Prätendenten den
schlechten Erfolg ihrer guten Dienste wissend machen, und Graf Ulrich
war über diese traurige Botschaft untröstlich. Insonderheit fand er es
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kränkend, daß die stolze Lukrezia solchen Mutwillen trieb und ihm
gleichsam sein Leibesgebrechen vorwarf, dessen er sich nicht mehr bewußt
war, weil ihn niemand bei Hofe daran erinnert hatte.
»Konnte die freche Dirne«, sprach er, »keinen glimpflichern Vorwand
finden, mich ehrlich wie den großen Haufen ihrer Anbeter zu verabschieden,
nachdem sie mich rein ausgeplündert hat? Mußte sie gerade
durch die Bedingung, die es mir unmöglich macht, den Besitz ihres
Herzens zu erlangen, das meinige noch mit einem giftigen Natterstich
verwunden? Hab ich es wohl um sie verdient, daß sie mich als einen
Verworfenen mit den Füßen von sich stößt?«
Voll Scham und Verzweiflung verließ er das Hoflager, ohne Abschied
zu nehmen, wie ein Ambassadeur, wenn ein naher Friedensbruch bevorsteht,
und politische Klüglinge weissagten aus dieser plötzlichen
Verschwindung der Übermütigen des Grafen strenge Rache. Sie aber
kümmerte das wenig, sie saß wie eine lauersame Spinne im Mittelpunkt
ihres luftigen Gewebes in stolzer Ruhe und hoffte, daß bald wieder eine
herumschwirrende Mücke an einem ihrer ausgespannten Fäden zucken
und ihr zur neuen Beute heimfallen würde. Graf Ruprecht mit dem
Höcker hatte sich zum Sittenspiegel das Sprüchlein dienen lassen: gebrannt
Kind lernt das Feuer scheuen, er ging ihr aus dem Garne, ehe
er seine Grafschaft in ihr Schmuckkästlein deponiert hatte, und sie ließ
ihn davonfiattern, ohne ihm die Schwingen auszuraufen. Eigennutz
war nicht ihre Leidenschaft. Bei einem goldnen Eierschatze im Hinterhalte
und im blühenden Lenz des Lebens wäre er auch die seltsamste
denkbare Verirrung des Geistes gewesen. Nicht der Besitz der Güter,
sondern die Aufopferung des Grafen machte ihr Freude, daher konnte
sie den bösen Leumund des Gerüchtes und die Vorwürfe der Kaiserin
nicht ertragen, die ihr täglich vorhielt, daß sie den Grafen zugrunde gerichtet
habe. Darum faßte sie den Entschluß, des ungerechten Mammons
sich auf eine Art zu entledigen, die der Eitelkeit dennoch schmeichelte
und ihren Ruf auf eine vorteilhafte Art ausbreitete. Sie stiftete
ein adliges Jungfrauenkloster auf dem Rammelsberg bei Goslar und
dotierte dieses so reichlich wie Madame Maintenon mit König Ludwigs
Spesen das Fräuleinstift Sankt Cyr, ihr geistliches Elysium, in der religiösen
Epoche ihres Lebens. Ein solches Denkmal der Andacht war damals
vermögend, einer Lais den Geruch der Heiligkeit zu erwerben.
Die milde Stifterin wurde als ein Muster der Tugend und Frömmigkeit
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gepriesen, und alle Flecken und Narben ihres sittlichen Charakters waren
dadurch vor den Augen der Welt verschwunden.
Selbst die Kaiserin verzieh es, daß sie ihrem Günstling so übel mitgespielt
hatte, da sie inne ward, zu welcher Absicht die fromme Räuberin
den Gewinn ihrer Freibeuterei anwendete, und um den verarmten
Grafen einigermaßen zu entschädigen, wirkte sie einen Panisbrief vom
Kaiser für ihn aus, den sie ihm nachschicken wollte, sobald der Ort seines
Aufenthaltes ihr kund werde.
Indessen zog Graf Ulrich über Berg und Tal, hatte die trügliche Minne
abgelobt und abgeschworen, und weil er im Zeitlichen kein Glück mehr
zu machen vermutete, wandelte ihn ein plötzlicher Überdruß der Welt
an, er schlug sich zur Partei der Malkontenten unter den Weltkindern
und wurde Sinnes, zum Heil seiner Seele eine Wallfahrt zum Heiligen
Grabe zu tun und nach seiner Rückkehr sich in ein Kloster zu verschließen.
Ehe er aber die Grenze des deutschen Vaterlandes überschritt,
hatte er noch einen schweren Strauß von Dämon Amor auszuhalten,
der ihn wie einen Besessenen marterte, wenn er die alte Wohnung zu
verlassen exorzisiert wird. Das Bild der stolzen Lukrezia drängte sich
bei aller Mühe, es auszulöschen, seiner Phantasie von neuem unwiderstehlich
auf und folgte überall seinen Schritten wie ein Plagegeist. Die
Vernunft befahl dem Willen, die Undankbare zu hassen; aber der störrische
Subaltern lehnte sich gegen seine Gebieterin auf und versagte ihr
den Gehorsam.
Die Abwesenheit goß bei jedem Schritte der weiteren Entfernung ein
Tröpflein Öl ins Feuer der Liebe, daß diese nimmer verlöschte, die
schöne Natter war des Ritters Gedankenspiel auf dem Wege der traurigen
Wanderschaft. Oft stand er in der Versuchung, zu den Fleischtöpfen
Ägyptens umzukehren und nicht in dem gelobten Lande, sondern
in Goslar das Heil seiner Seele zu suchen. Mit gefoltertem Herzen, das
unter dem Kampfe zwischen Welt und Himmel erlag, setzte er seine
Reise fort; aber wie ein Schiff, das mit konträrem Winde segelt.
In diesem qualenvollen Zustande streifte er in den Tyrolischen Gebirgen
herum und hatte beinahe die welsche Grenze, unfern von Roveredo,
erreicht, als er sich in einem Wald verirrte, ohne eine Herberge anzutreffen,
wo er übernachten konnte. Er band sein Pferd an einen Baum
und legte sich daneben ins Gras, denn er war sehr ermüdet; minder von
den Beschwerlichkeiten der Reise, als von dem inneren Seelenkampfe.
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Der Tröster in Beschwerden, der güldne Schlaf, drückte ihm bald die
Augen zu und machte ihn auf einige Zeit seines Ungemachs vergessen.
Da schüttelte ihn plötzlich eine kalte Hand wie die Hand des Todes und
erweckte ihn aus seinem tiefen Schlummer. Als er erwachte, fiel ihm
die Gestalt eines hagern alten Weibes ins Gesichte, die sich über ihn
beugte und ihm mit einer Handlaterne unter die Augen leuchtete. Bei
diesem unerwarteten Anblick überlief's ihm die Haut mit einem kalten
Schauer, er meinte, er sähe ein Gespenst. Doch verließ ihn seine Herzhaftigkeit
nicht ganz, er raffte sich auf und sprach: »Weib, wer bist du,
und warum unterfängst du dich, meine Ruhe zu stören?« Die Alte antwortete:
»Ich bin die Kräuterfrau der Signora Dottorena aus Padua, die
hier auf ihrer Meierei lebt und mich ausgesandt hat, ihr Kräuter und
Wurzeln zu suchen von großer Kraft und Wirkung, wofern sie in der
Mitternachtstunde gegraben werden. Ich fand Euch auf meinem Wege
und hielt Euch für einen Erschlagenen, der unter die Mörder gefallen
sei. Darum rüttelt' und schüttelt' ich Euch baß, um zu sehen, ob noch
Leben in Euch sei.« Durch diese Rede hatte sich der Graf vom ersten
Schrecken wieder erholt und fragte: »Ist die Wohnung deiner Gebieterin
fern von hier?« Die Alte erwiderte: »Ihr Landhaus liegt dort allernächst
im Grunde, ich komme eben davon her. So Ihr eine Nachtherberge
von ihr begehrt, wird sie Euch solche nicht versagen. Aber hütet
Euch, das Gastrecht zu verletzen: sie hat eine liebreizende Tochter, die
dem Mannsvolk nicht abhold ist und mit funkelnden Augen den
Fremdlingen ins Herz sieht. Die Mutter bewahrt ihre Keuschheit wie
ein Heiligtum. Sofern sie bemerken würde, daß ein unbescheidener
Gast der Signora Ughella zu tief in die Augen sähe, verzauberte sie ihn
auf der Stelle; denn sie ist eine mächtige Frau, welcher die Kräfte der
Natur und die unsichtbaren Geister unterm Himmel zu Gebote stehen.«
«
Der Reisige achtete wenig auf diese Rede, er trachtete nur nach einem
guten, gastfreundlichen Bett, um der nötigen Ruhe zu pflegen, und ließ
sich um das übrige unbekümmert. Er zäumte ungesäumt sein Pferd auf
und war bereit, der hagern Wegweiserin zu folgen. Sie geleitete ihn
durch Büsche und Gesträuche in ein angenehmes Tal hinab, durch welches
ein rascher Bergstrom brauste. Auf einem mit hohen Ulmenbäumen
bepflanzten Wege gelangte der ermüdete Pilger, indem er sein
Pferd am Zügel führte, an die Gartenwand des Landhauses, das, vom
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aufgehenden Mond beleuchtet, schon in der Entfernung einen reizenden
Anblick gewährte. Die Alte öffnete eine Hintertür, durch welche
der Ankömmling in einen wohlangelegten Lustgarten gelangte, in dem
die plätschernden Gewässer der Springbrunnen die schwüle Abendluft
erfrischten. Auf einer Terrasse des Gartens lustwandelten einige
Damen, diese angenehme Kühlung und den Anblick des freundlichen
Mondes in der wolkenfreien Sommernacht zu genießen. Die Alte erkannte
darunter die Signora Dottorena und introduzierte bei ihr den
fremden Gast, den die Eigentümerin des Landhauses, da sie an seiner
Rüstung sah, daß er nicht gemeinen Standes war, mit Anständigkeit
empfing. Sie führte ihn in ihre Wohnung ein und ließ eine niedliche
Abendmahlzeit nebst allerlei Erfrischungen auftragen.
Beim hellen Schimmer der Wachskerzen hatte der Graf Gelegenheit,
seine Wirtin nebst ihrer Hausgenossenschaft während der Mahlzeit mit
aller Bequemlichkeit zu betrachten. Sie war eine Frau von mittlerem
Alter und edler Physiognomie. Aus ihren braunen Augen sah Klugheit
und Würde hervor, und ihr welscher Mund öffnete sich mit Anmut und
Wohllaut zum Sprechen. Signora Ughella, ihre Tochter, war die reinste
weibliche Form, welche die warme Phantasie des Künstlers hervorzubringen
vermag. Zärtlichkeit war der Ausdruck ihrer ganzen Figur, und
der schmelzende Blick ihrer Augen durchdrang unwiderstehlich wie
der elektrische Strahl aus den Wolken jeden Panzer und Harnisch, der
ein empfindsames Herz umschloß. Das Gefolge der beiden Damen bestand
aus drei Jungfrauen, die den Nymphen der keuschen Diana, von
Raphaels Pinsel, an Anmut glichen. Außer Sir John Bunkel, dem
glücklichen Mädchenspäher, der hinter jeder schroffen Felsenwand in
Schlüften und Höhlen ein Gynäzeum von reizenden Dirnen entdeckte,
ist es keinem Sterblichen so gut geworden als dem Grafen Ulrich von
Klettenberg, von einem so angenehmen Abenteuer überrascht zu werden,
wie dieses war: da er so unverhofft aus der nächtlichen Einsamkeit
einer unbekannten Wildnis an einen Lustort, den die Liebesgötter zum
Aufenthalte schienen erkoren zu haben, sich versetzt sah. Er hielt wenig
von Zauberei und achtete nicht darauf; desungeachtet hatten Nacht
und Einsamkeit, die Erscheinung der Alten und ihre Reden einigen
Eindruck auf ihn gemacht, daß ihm etwas Übernatürliches von dem
ländlichen Palaste ahndete, in den er eingeführt wurde.
Anfangs trat er mit Mißtrauen in die reizende Versammlung der
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Damen ein, die er da vor sich fand; in der Folge war aber so wenig an
der Signora Dottorena wie an ihren Gesellschafterinnen etwas von magischer
Zauberei abzumerken, daß er wegen dieses irrigen Verdachtes
den Bewohnerinnen der schönen Villa im Herzen Abbitte tat und ihnen
keine andern Künste als die Bezauberungen der Liebe beimaß, wozu
sie insgesamt ungemeine Talente zu besitzen schienen. Die freundliche
Aufnahme, deren er genoß, erfüllte sein Gemüt mit Ehrfurcht und
Achtung gegen die liebreiche Wirtin und ihr reizendes Gefolge; doch
Freund Amor, der in diesem Tempel zu präsidieren schien, hatte keine
Macht über ihn, eine neue Schalkheit auszuüben. Er verglich im geheimen
die jugendlichen Schönheiten, mit denen er umgeben war, mit der
Wohlgestalt der unüberwindlichen Lukrezia, und sein Herz entschied
zu ihrem Vorteil.
Nach einer köstlichen Ruhe, die er genossen hatte, wollte er sich in aller
Frühe wieder empfehlen und seine Reise weiter fortsetzen; aber die
Frau vom Hause ersuchte ihn auf eine so verbindliche Art, zu bleiben,
und Signora Ughella bat mit einem so unwiderstehlichen Blick, ihrer
Mutter diese Gefälligkeit nicht zu versagen, daß er Gehorsam leisten
mußte. Es fehlte nicht an mancherlei Zeitkürzungen und abwechselnden
Vergnügen, den Gast aufs angenehmste zu unterhalten: man tafelte,
promenierte, scherzte und kosete auf eine Art, daß der feine Höfling
dadurch Gelegenheit bekam, sich von dieser Seite aufs
vorteilhafteste zu zeigen.
Abends gaben die Damen eine musikalische Akademie, sie waren insgesamt
der Tonkunst wohl erfahren, und die welschen Kehlen bezauberten
das Ohr des deutschen Dilettanten. Zuweilen wurde unter der
Begleitung einer Spitzharfe und Querflöte ein kleiner Ball eröffnet, und
im Tanzen suchte Graf Ulrich seinen Meister. Seine Gesellschaft schien
den Damen ebenso angenehm zu sein, als ihm die ihrige behagte, und
wie das gesellschaftliche Vergnügen sich immer lieber mit einem kleinen
Zirkel als mit dem lästigen Geräusch zahlreicher Assembleen vereinbart,
auch Vertraulichkeit das Band der Zunge dort leichter löst und
der traulichen Offenherzigkeit den Zugang gestattet, so gewannen die
Gespräche zwischen Wirtin und Gast, da sie sich nicht über die
Gemeinplätze der Wetterbeobachtungen, der Moden und politischen
Angelegenheiten hinwälzten, täglich mehr Anziehendes und Zutrauliches.
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An einem Morgen nach dem Frühstück lustwandelte die Signora mit
ihrem noch unbekannten Gaste im Garten und führte ihn abseits in eine
Laube. Sie hatte seit der ersten Bekanntschaft mit dem Fremdling eine
geheime Schwermut an ihm bemerkt, welche der wonnige Aufenthalt
in ihrem kleinen Tempel nicht hatte vermindern können. Signora war
ein Frauenzimmer, so klug und verständig sie auch war, konnte sie
doch das Attribut ihres Geschlechts, den Hang zur Neugierde, mit aller
Weisheit nicht verleugnen; und sosehr nach dem beglaubten Zeugnis
ihrer Kräuterfrau die unsichtbaren Geister unter dem Himmel ihr zu
Gebote stehen mochten: so hatten sie allem Vermuten nach von dem
fremden Gaste im Hause ihr nichts veroffenbaret. Sie wußte nicht, wer
er war, von wannen er kam und wo er hingedachte, und alles das
wünschte sie gleichwohl zu wissen, ihre Neugier zu vergnügen. Also
ersah sie diese Gelegenheit ihn auszuforschen, und da er ihr Verlangen
nur von ferne merkte, war er willig und bereit, solchem Genüge zu leisten,
und erzählte ihr mit historischer Treue seinen ganzen Lebenslauf,
verschwieg ihr auch nicht den Liebeshandel mit der stolzen Lukrezia
und schüttete ihr sein ganzes Herz aus.
Diese Vertraulichkeit nahm sie sehr günstig auf, erwiderte solche mit
ähnlicher Offenherzigkeit und offenbarte ihm ihre Domestica gleichfalls.
Er erfuhr dadurch, daß sie aus einem angesehenen adligen
Geschlecht aus Padua abstamme, als eine frühzeitige Waise von ihren
Vormündern gezwungen worden sei, einen reichen Arzt von hohem
Alter zu heiraten, der in natürlichen Geheimnissen große Erfahrung
gehabt; aber über dem mißlungenen Prozeß sich zu verjüngen, welcher
dem rätselhaften Grafen Cagliostro der Sage nach besser geglückt ist
und ihm zu einem nestorischen Alter von dreihundert Jahren soll verholfen
haben, den Geist aufgegeben. Durch ihres Mannes Tod sei sie
die Erbin eines beträchtlichen Vermögens und des Nachlasses seiner
Schriften worden. Weil ihr eine zweite Verbindung einzugehen nie gelüstet
habe, sei sie in der Einsamkeit ihres Wittums darauf verfallen,
die Schriften des Erblassers zu studieren, wodurch es ihr gelungen sei,
verschiedene nicht gemeine Kenntnisse in den verborgenen Wirkungen
der Natur zu erlangen. Zugleich habe sie die Arzneikunst getrieben und
dadurch sich einen solchen Ruhm erworben, daß die hohe Schule ihrer
Vaterstadt den Doktorhut ihr aufgesetzt und einen öffentlichen Lehrstuhl
zugestanden habe. Die natürliche Magie sei inzwischen immer das
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Lieblingsfach ihrer Studien gewesen, weshalb sie das Volk für eine
Zauberin halte. Den Sommer pflege sie nebst ihrer Tochter und deren
Gespielinnen auf diesem angenehmen Meierhofe zuzubringen, den sie
um der Alpenkräuter willen in den Tyrolischen Gebirgen erkauft habe;
im Winter halte sie sich zu Padua auf und lehre daselbst die Geheimnisse
der Natur. Ihr Haus sei dort um der jungen Lecker willen allen
Mannspersonen verschlossen, ausgenommen der Hörsaal, der den
Zöglingen des Hippokrates offenstehe. Auf dem Lande sei ihr dagegen
jeder Gast willkommen, der die Ruhe des Hauses nicht störe.
Die Signora lenkte hierauf wieder auf die unglückliche Liebe des Grafen
ein und schien gutmütig an seinen Schicksalen teilzunehmen; insonderheit
konnte sie ihm ihre Verwunderung nicht bergen, daß er der
Undankbaren noch mit so fester Anhänglichkeit ergeben sei. »Edler
Graf«, sprach sie, »Euch stehet schwerlich zu helfen, da Ihr lieber der
Liebe Schmerzen dulden, als die Süßigkeit der Rache schmecken wollt,
die der Verschmäheten Labsal ist. Wenn Ihr die Grausame hassen
könntet, so wär es leicht, Euch ein Mittel anzuzeigen, wie Ihr sie zu
Schande und Spott machen und Ihr zwiefach alles Unrecht, das sie Euch
bewiesen hat, vergelten könntet. Ich weiß ein Limonadenpulver zu bereiten,
das die Eigenschaft hat, heiße Liebesglut in dem Herzen derjenigen
Person gegen die anzufachen, von welcher der Liebesbecher dargereicht
wird. Wenn Eure Spröde nur mit den Lippen von dem
Zaubertranke kostete, würde alsbald ihr Herz Euch entbrennen; wenn
Ihr sie nun ebenso verächtlich von Euch stießet, wie sie Euch getan hat,
Euer Ohr für ihre Liebkosungen verschlösset und ihrer Seufzer und
Tränen spottetet: so wäret Ihr vor den Augen des deutschen Kaiserhofes
und aller Welt an ihr gerochen. Wofern Ihr aber den raschen Minnetrieb
nicht bezähmt hättet und die ungestüme Flamme den brennbaren
Zunder wieder entzündete, daß Ihr die Unbesonnenheit begingt, das
untrennbare Bündnis mit der Sirene einzugehen: so würdet Ihr eine
Furie zum Weibe bekommen, die Euer Herz mit der Schlangengeißel
ihrer Wut zerfleischte: denn wenn die Kraft des Pulvers verdunstet ist,
bleibt Haß und Groll in der toten Kohle der ausgebrannten Leidenschaft
zurück. Wahre Liebe, die durch süße Einigung zwei gleichgestimmte
Seelen ineinander schmelzt, bedarf keines Limonadenpulvers,
die Gefühle der Zärtlichkeit zu erwärmen. Darum, wo Ihr wahrnehmet,
daß die feurigste Liebe oft die kältesten Ehegatten macht, mögt
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Ihr gedenken, daß nicht die Sympathie, sondern das Limonadenpulver
die Liebenden zusammengepaart hat; es findet guten Vertrieb in Eurem
Vaterlande und geht stark über die Alpen.«
Graf Ulrich bedachte sich ein wenig und antwortete darauf: »Die Rache
ist süß; aber süßer noch die Liebe, welche mich an die Unerbittliche fesselt.
Ich empfinde das Beleidigende ihres Übermuts tief in meiner Seele,
dennoch kann ich sie nicht hassen. Ich will sie fliehen wie eine Schlange,
die mich verwundet hat; aber diesen Mutwillen nicht rächen, sondern
ihr verzeihen, und ihr Bild, dieweil ich lebe, in meinem Herzen tragen.«
Die welsche Dame machte die Bemerkung, daß die Empfindlichkeit ihres
Volkes anders sei als die deutsche und daß eine Beleidigung von der
Art nach ihres Landes Brauch und Sitte unverzeihlich sei. Doch billigte
sie des Grafen gutmütige Denkungsart und riet ihm, mit einem so
liebevollen Herzen lieber über das tyrolische Gebirge zu den Füßen
seiner Herzensgebieterin wieder zurückzueilen und ihre Mißhandlungen
zu erdulden als das Vorhaben auszuführen, eine in seiner Lage unfruchtbare
Wallfahrt zum Heiligen Grabe zu tun. So begründet er indessen
diesen guten Rat fand, so wenig bezeigte er Lust, von dem
einmal gefaßten Entschlusse abzustehen, worüber die kluge Frau ohne
weitere Einrede lächelte.
Nach einigen Tagen kam er, sich bei der freundlichen Wirtin und ihrer
schönen Gesellschafterin zu beurlauben, und sie vergönnte ihm jetzt
den Abzug nach seinem Gefallen. Am Vorabend des zur Reise anberaumten
Tages waren die Damen alle sehr heiter, selbst die Signora, die
ihre Würde und Ernsthaftigkeit nicht leicht ablegte. Diesmal bezeigte
sie gleichwohl ein Verlangen, mit ihrem Gaste zum Valet noch eine Sarabande
zu tanzen. Der Graf fühlte sich dadurch sehr geehrt und tat
sein Bestes, sich als ein guter Tänzer zu signalisieren, welches der Dame
so wohl zu gefallen schien, daß sie die Touren des Tanzes mehrmals
wiederholte, bis beide Parten ermüdet waren und dem Grafen der
Schweiß auf der Stirne stand. Als der Tanz geendiget war, führte ihn
die flinke Tänzerin unter dem Schein, sich ein wenig zu verkühlen, in
ein Kabinett besonders, und nachdem sie die Tür zugetan hatte, nestelte
sie ihm, ohne ein Wort zu sagen, das Wams auf, welches den Grafen
von der ehrbaren Frau Wunder nahm; doch ließ er es geschehen, weil
er in dem Augenblick nicht wußte, wie er sich in diesem Falle, der ihm
noch bei keinem Frauenzimmer vorgekommen war, verhalten sollte.
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Diese Verlegenheit machte sich die Signora Dottorena zu Nutzen, berührte
mit gewandter Hand die Schulter des Grafen, rückte und drehte
daran hin und her und zog bald darauf etwas aus dem Wams hervor,
das sie flugs in die Schublade einer Truhe verbarg, die sie sogleich verschloß.
Die ganze Operation war in wenigen Sekunden getan, worauf
die Tochter des Äskulap den duldsamen Patienten vor den Spiegel
führte und sprach: »Seht da, edler Graf! Die Bedingung, unter welcher
die spröde Lukrezia Euch den Besitz ihres Herzens zugesichert hat, ist
erfüllt. Meine Hand hat dem kleinen Makel Eurer körperlichen Vollkommenheit
abgeholfen: Ihr seid jetzt so schlank wie eine Tanne und so
gerade wie eine Kerze. Laßt Eure Traurigkeit nun schwinden und zieht
getrosten Mutes nach Goslar: denn der Eigensinn des Fräuleins hat
keinen Vorwand mehr, Euch zu täuschen.«
Graf Ulrich staunte seine eigne Gestalt lange schweigend im Spiegel an,
das Übermaß der Verwunderung und Freude machte ihn jetzt so
stumm wie vorhin die Verlegenheit. Er ließ sich auf ein Knie nieder,
faßte die wohltätige Hand, welche die Anomalie seines körperlichen
Ebenmaßes so glücklich weggenommen hatte, und fand endlich Worte,
die innigste Dankbegierde seiner Wohltäterin kundzumachen. Sie
führte ihn wieder in den Saal zur Gesellschaft zurück: Signora Ughella
und ihre drei Gespielinnen klatschten vor Freuden in die Hände, da sie
den herrlichen jungen Mann erblickten, der nun ganz ohne Tadel war.
Vor Ungeduld, seine Rückreise anzutreten, konnte er die Nacht kein
Auge schließen. Es gab für ihn kein Heiliges Land mehr: seine Sinnen
und Gedanken waren nur auf Goslar gerichtet. Er erwartete den
Anbruch der Morgenröte mit sehnlichem Verlangen, verabschiedete
sich von der Signora Dottorena und ihren Geseilschafterinnen. Eilig
beflügelte er die Füße des Rosses durch den Stachel seiner ritterlichen
Sporen und trabte voll schmeichelhafter Hoffnung immer den Weg
nach Goslar zurück. Die Sehnsucht, mit der schönen Lukrezia wieder
einerlei Luft zu atmen, unter einem Dache zu hausen, in einem Gemach
zu tafeln und den Schatten eines Baumes mit ihr zu teilen, ließ ihm nicht
Zeit, an den lehrreichen Wahlspruch des Kaisers Augusts zu denken:
eile mit Weile! Als er bei Brixen die Bergstraße herabritt, glitt sein
Rosinant aus, und er tat einen schweren Fall, daß er den Arm an einem
Stein zerschellte. Dieser Aufenthalt auf der Reise bekümmerte ihn sehr:
er fürchtete, Lukrezia möchte in seiner Abwesenheit ihr Herz versagt
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haben, von einem glücklichen Eroberer sich zum Altar fortreißen lassen
und solchergestalt es ihm unmöglich machen, sie beim Worte zu halten.
Um sich auf allen Fall sicherzustellen, schrieb er einen Brief an seine
große Gönnerin, die Kaiserin, worin er ihr authentischen Bericht von
seinem Abenteuer und auch von dem erlittenen Unfall erteilte, nebst
angefügter demütiger Bitte, nichts davon bis zu seiner Ankunft laut
werden zu lassen, und schickte damit einen reitenden Boten eilends
nach Hofe.
Ihrer Hoheit war aber das Talent der Verschwiegenheit nicht verliehen:
ein Geheimnis drückte sie auf dem Herzen wie ein enger Schuh auf dem
Leichdorn. Daher machte sie die empfangene Depesche beim nächsten
Courtage der sämtlichen Antischamber kund, und da der erste Kämmerling
und Hofschmeichler aus Liebedienerei gegen die schöne
Lukrezia einen untertänigen Zweifel in die Sache setzte, kommunizierte
sie ihm die species facti ad statum legendi im Original, um sich
von der Wahrheit zu überzeugen. Dadurch fiel die Relation auch in
Graf Ruprechts Hände, der alsbald mit sich zu Rate ging, ob es nicht
tunlich sei, auf gleiche Weise der Bedingung des Fräuleins Genüge zu
leisten und dabei seinem Rivalen noch obendrein den Rang abzulaufen.
Er berechnete die Zeit, welche bis zur Wiederherstellung des zerschellten
Armes seines Mitkompetenten erforderlich sein dürfte, und fand,
daß er den Weg von Goslar nach Roveredo, um der Signora Dottorena
einen fliegenden Besuch zu machen und von ihr das beneficiilm restitutionis
in integrum gleichmäßig zu erhalten -Aufenthalt und Rückweg
mit eingerechnet -, eher beendigen könne, wenn er sich nur etwas
spute, als die Wundärzte in Brixen ihren Patienten entlassen würden.
Gedacht, getan! Er ließ seinen Wettrenner satteln, saß auf und machte
den Ritt mit der Eilfertigkeit eines Zugvogels, der im Herbste in einem
andern Weltteile ein wärmeres Klima suchte. Es kostete wenig Mühe,
den Aufenthalt der Dame, die er suchte, zu erfragen: sie war allenthalben
im Lande wohlbekannt. In Ermangelung der Kräuterfrau introduzierte
er sich selbst unter dem Incognito eines irrenden Ritters und genoß
eben die freundliche Aufnahme seines Vorgängers. Der sittsamen
Hauspatrona mißfielen indessen gar bald des neuen Gastes freie
Manieren, die vornehme Frechheit, die ihm aus den Augen sah, und
sein zuverlässiger entscheidender Ton; ob sie sich's gleich nicht austat
und seiner höfischen Insolenz mit vieler Schonung begegnete.
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Es war schon einigemal des Abends kleiner Ball nach der musikalischen
Akademie gegeben worden und Graf Ruprecht hatte immer gehofft,
daß ihn die Signora auffordern würde; allein sie schien keinen
Geschmack mehr am Tanzen zu finden und gab eine bloße Zuschauerin
dabei ab. Ungeachtet er keine Mühe sparte, ihre Gunst zu gewinnen,
und die artigsten Schmeicheleien nach seiner Weise ihr vorsagte: so
wurden sie doch ihrerseits nur mit kalter Höflichkeit erwidert. Dagegen
schien sein Glücksstern bei Fräulein Ughella aufgegangen zu sein,
ihr Blick munterte ihn auf, dem Berufe zu folgen, den er als ein Hofjunker
zu haben vermeinte, auf jeden Schleier, der ein Paar schmachtende
Augen verbarg, Jagd zu machen, wie ein Seekaper auf jedes Segel, das
in seinem Gesichtskreise weht. Obgleich seine Figur nicht eben sehr
anziehend war, so war er doch die einzige Mannsperson in der Gesellschaft
auf dem Landhause, und aus Vorliebe für das andere Geschlecht
nahm es Donna Ughella, wenn sie keine Vergleichung unter mehrern
anstellen konnte, eben nicht so genau mit der Körperform: ihr Herz
mußte beschäftigt sein, wenn sie nicht vor Langerweile sterben sollte.
Graf Ruprecht konnte ihren Reizen nicht widerstehen, und da er einer
von den leichtsinnigen Kundleuten war, die ein Quintlein gegenwärtigen
Genusses gern für einen Zentner zukünftiger Hoffnung eintauschen:
so vergaß er der spröden Lukrezia und erklärte einstweilen die
reizende Ughella für die Dame seines Herzens.
Die scharfsichtige Patrona entdeckte bald, daß ein Clodius in ihrer Villa
das Heiligtum der Vesta verwirre; sie empfand dieses sehr hoch, beschloß,
dem Spiel ein Ende zu machen und die Verletzung der
Gerechtsame ihres Hauses zu ahnden. Eines Abends proponierte sie
einen Ball und forderte unverhofft den Paladin des Fräuleins zum Tanz
auf. Dieser Ehre hatte er sich beinahe verziehen, desto größer war die
Freude, die er empfand, daß die Zeit der vermutbaren Entbindung von
seiner bisherigen Leibesbürde ihm so überraschend kam. Er machte alle
die Meisterschritte in der Tanzkunst, die der eigensinnige Vestris der
schönen Lilienkönigin zu versagen sich erdreistete und für diese
Künstierlaune eine wohlverdiente Bastonade nicht empfing, deren er
so würdig war.
Nach geendigter Sarabande winkte Signora ihrem Tänzer ebenso wie
vormals dessen Vorgänger, in das an den Salon stoßende Kabinett ihr
zu folgen, und voll der freudigsten Ahndung folgte ihren Schritten Graf
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Ruprecht mit dem Höcker. Sie nestelte ihm, wie gewöhnlich, das Koller
auf, welche etwas mißständige Handlung für eine ehrbare Frau ihn so
wenig in Verlegenheit setzte, daß er ihrer geschäftigen Hand vielmehr
zu Hilfe kam. Flugs öffnete die Dottorena ihre Truhe und zog aus einer
Schublade eine Substanz hervor, die einem korpulenten Eierkuchen
ähnlich sah, schob ihm diese rasch in den Busen und sprach: »Unbescheidener,
nimm dies zur Ahndung des verletzten Gastrechts, winde
dich in ein Knauel und runde dich wie ein Plauel!« Indem sie dieses
sagte, öffnete sie ein Riechfläschchen und sprengte ihm eine narkotische
Essenz ins Gesicht, davon er betäubt zurück auf ein Sofa sank. Als er
wieder zu einiger Besinnung kam, fand er sich von ägyptischer Finsternis
umgeben, die Wachskerzen waren erloschen und alles um ihn her
war leer und öde. Bald aber regte sich was an der Tür, der Flügel tat
sich auf, da trat ein hageres, altes Weib herein mit einer brennenden
Laterne und leuchtete ihm unter die Augen, welche er alsbald nach der
Beschreibung aus Graf Ulrichs Depesche für die Kräuterfrau der
Signora Dottorena erkannte. Da er sich vom Sofa erhob und inne ward,
mit welchem ansehnlichen Zuwachs von Korpulenz er begabt war, geriet
er in Wut und Verzweiflung, erfaßte die hagere Matrone beim
Leibe und sprach: »Alte Unholdin, sag an, wo ist deine Frau, die
schändliche Zauberin? daß ich mit dem Schwerte die an mir erwiesne
Bosheit räche, oder ich erwürge dich hier auf der Stelle.«
»Lieber Herr«, antwortete die Alte, »erzürnet Euch nicht über eine geringe
Magd, die keinen Teil hat an der von ihrer Frau an Euch verübten
Schmach. Die Signora ist nicht mehr hier, sondern nebst ihrem Gefolge,
sobald sie aus dem Kabinett kam, davongezogen. Unterfahet Euch
nicht, sie aufzusuchen, daß Euch nicht noch etwas Ärgeres widerfahre;
wiewohl Ihr sie auch schwerlich finden würdet. Erträgt mit Geduld,
was nicht zu ändern steht. Die Signora ist eine mitleidige Frau, wenn
sie ihren Unwillen gegen Euch vergessen hat und Ihr nach Verlauf von
drei Jahren hier wieder einsprecht und Euch vor ihr demütiget, kann
sie alles, was sie krumm gemacht hat, wieder so schlicht und gleich machen,
daß Ihr würdet durch einen Fingerreif schlüpfen können.« Der
wohlbepackte Lastträger gab, nachdem er seine Galle ausgetobt hatte,
diesem Vorschlag Gehör, ließ sich bei frühem Morgen von dem Meier
und seinen Knechten in den Sattel heben und ritt nach seiner Heimat,
woselbst er im Verborgnen blieb, bis der Termin abgelaufen sein
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würde, den ihm die botanische Matrone zur Wiederaussöhnung mit ihrer
Signora gesetzt hatte.
Graf Ulrich war indes genesen und zog triumphierend in Goslar ein;
denn er trug keinen Zweifel, daß seine große Gönnerin bei der stolzen
Lukrezia seine Rechte aufs beste werde gewahrt haben. Als er nach Hof
ritt, der Kaiserin aufzuwarten, war ein solcher Zulauf des Volks, die
wunderbare Veränderung, die sich dem Gerüchte nach an dem Grafen
Ulrich mit dem Bühel sollte begeben haben, in Augenschein zu nehmen,
daß eine schwarze Abgesandtschaft des Königs von Abyssinien
die Neugierde der löblichen Bürgerschaft nicht mehr hätte reizen können.
Die Kaiserin empfing ihn mit allen Merkmalen ihrer Huld und führte
ihm das Fräulein wie eine Braut geschmückt entgegen, um sie aus ihrer
Hand als einen Ritterdank, daß er der mißlichsten Bedingung Genüge
geleistet, zu empfangen. Ihr Mund willigte in die Verbindung mit dem
Grafen ein, und im Taumel des ersten Entzückens untersuchte er nicht,
ob dieses Geständnis auch mit den Gesinnungen des Herzens übereinstimme.
Noch weniger hatte er daran gedacht, wovon er seiner zukünftigen
Gemahlin standesmäßigen Unterhalt verschaffen würde, da seine
Grafschaft verpfändet war; oder welches Wittum er ihr in dem Ehekontrakt
anweisen könnte. Er befand sich in keiner geringen Verlegenheit,
als die Kaiserin, die sich diese Freierei eifrigst unterzog, ihn befragte,
welche Gegensteuer er dem Fräulein für den Brautschatz
verschreiben wolle, womit sie dieselbe auszusteuern gedächte; und er
gestand, daß er kein Eigentum weiter besitze als sein Ritterschwert,
welches er gegen die Feinde des Kaisers also zu gebrauchen gedenke,
daß es ihm Ruhm und Belohnung erwerben werde. Das Fräulein wurde
befragt, ob sie an dieser idealischen Gegensteuer ihr wolle genügen lassen,
und der Graf befürchtete schon, daß sie einen neuen Vorwand dadurch
suchen würde, der Verbindung zu entschlüpfen. Aber seit der
Wiederkehr des Grafen schienen sich ihre Gesinnungen gegen den getreuen
Amadis merklich geändert zu haben, sie nahm das Wort und
sprach:
»Ich stelle nicht in Abrede, edler Graf, einer schweren Liebesprobe
Euch unterworfen zu haben. Dieweil Ihr Euch nun dadurch nicht von
Eurer Liebe habt abwendig machen lassen, sondern selbst das Unmögliche
möglich zu machen versucht habt, so ist es billig, daß ich mich in
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Eure Hand ergebe, ohne Eure Hoffnung länger aufzuhalten. Ich begehre
kein andres Heiratsgut Euch zuzubringen als mein Herz und das
bißchen Armut von dem Nachlaß meiner Mutter, wenn sie dereinst die
Welt gesegnen wird: dagegen verlange ich auch keine Gegensteuer oder
Leibgeding als das Eure, welches Ihr mir bereits zugesagt habt.« Die
Kaiserin und all ihr Hofgesinde verwunderten sich höchlich über diese
edle Gesinnung des Fräuleins, und Graf Ulrich wurde dadurch innigst
gerührt. Er erfaßte ihre Hand, drückte sie an seinen Busen und sprach:
»Habt Dank, edles Fräulein, daß Ihr meine Hand jetzt nicht verschmäht;
ich will ehrlich dran sein, Euch als mein Ehegemahl zu nähren, wie es
einem Ritter ziemet, durch diese Faust und mein gutes Schwert.«
Hierauf ließ die Kaiserin den Bischof rufen, das liebende Paar einzusegnen,
und auf ihre Kosten wurde das Beilager bei Hofe mit großem
Pomp vollzogen. Nachdem das hochzeitliche Geräusch vorüber war,
die Heirat bei Hofe und in der Stadt lange genug bekrittelt und beschwatzt,
der neuen Ehe auch, nach Maßgabe der mancherlei Gesinnungen
des teilnehmenden Publikums, die Nativität gestellt war und
nun niemand mehr von den Neuvermählten Notiz nahm, gedachte
Graf Ulrich an sein Versprechen und rüstete sich, ins Heer zu ziehen,
seiner Gemahlin ein Erbgut zu erwerben. Sie wollte ihn aber nicht entlassen
und sprach: »Im Spieljahr der Ehe kommt es Euch zu, meinem
Willen nachzuleben, hernach möget Ihr das Haus regieren und tun, was
Euch gefällt. Jetzt begehr ich, daß Ihr mich gen Bamberg zu meiner
Mutter geleitet, daß ich sie heimsuche und daß Ihr Eure Schwiegermutter
als Eidam grüßt.« Er antwortete: »Ihr habt wohl geredet, traute
Gemahlin, Euer Wille geschehe.«
Drauf machte sich das edle Paar auf und zog gen Bamberg, und in dem
mütterlichen Hause war große Freude und viel Jubilierens bei der
Ankunft der geliebten Gäste. Das einzige, was dem Grafen daselbst
nicht behagte, war, daß alle Morgen in der Nähe seines Schlafgemachs
ein Huhn gackerte, das ihn aus dem Schlafe störte, der in den Armen
seiner zarten Gemahlin ihm so süße war. Er konnte sich nicht enthalten,
seinen Verdruß darüber ihr zu eröffnen, und schwur, dem Huhn
den Hals umzudrehen, wenn er es in seine Gewalt bekäm. Lukrezia
antwortete ihm lächelnd: »Mitnichten sollt Ihr das Hühnlein abwürgen,
das jeden Tag ein frisches Ei legt und dem Hause guten Gewinn
bringt.«Der Graf verwunderte sich, wie eine verschwenderische Hofdame