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ERZÄHLUNGEN AUS DEM WESTSUDAN

HERAUSGEGEBEN VON LEO FROBENIUS

1922

VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS/JENA



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TITEL- UND EINBANDZEICHNUNG VON F.H. EHMCKE

MIT DREI TAFELN

Kinder- und Familienleben. — Die Sitte verlangt, daß das Kind während eines Monats nur Muttermilch erhält, dann verabreicht ihm die Mutter aber als Erweiterung der Kost erst morgens und nachher auch abends gut gereinigte, selbstgewonnene Kuhbutter. Daneben wird nach Vorhandensein und Bedürfnis die natürliche Nahrung gereicht. Im sechsten Monat streicht die Mutter dem Geschöpfchen schon gehörige Portionen des üblichen Breies in den Mund, und damit beginnt schon jenes gewaltige Anschwellen des Bauches, das den Umfang europäischer Kinderkörper weit übertrifft.

Sehr interessant ist die Zeit- und Entwicklungsstaffel, die die Malinkemütter und -väter für ihre Sprossen aufstellen und die nicht genau den Angaben Preiers entspricht:

Im 1. bis 4. Monat liegt das Kind auf der Erde und kann noch nicht kriechen. Die Mutter muß es meist herumtragen, achtet aber höchstens 14 Tage darauf, daß der Kopf nicht nach hinten fällt.

Im 4. bis 14. Monat rutschen die Kinder knieend und auf allen vieren auf der Erde herum.

Im 15. Monat beginnen sie sich langsam an der kleinen Türbrüstung aufzurichten und in hockender Stellung über die ca. 30-50 cm hohe Schwelle zu sehen.

Im 16. Monat kriechen sie über die Schwelle und beginnen die ersten Schritte. Das ständige Taumeln und Hinfallen währt 4 Monate.

Im 20. Monat können sie so laufen, daß sie nur noch selten hinfallen. Die Beinchen sind übrigens wenig gekrümmt, und monströse O-Bildungen, die bei uns so häufig sind, sieht man nicht. Es verdient aber auch bemerkt zu werden, daß die Eltern nur sehr selten die Kinder zu zu frühzeitigem Gehen verführen. Vielmehr überläßt man dies der natürlichen Entwicklung.

Im 25. bis 26. Monat beginnen die Kinder zu sprechen, und zwar sind die ersten Worte: "Ma" für Mutter und "Papa" für Vater. Sie wenden diese Ausdrücke noch lange für Mann und Frau an. Das dritte Wort pflegt "nja" gleich Wasser zu sein. Die weitere Entwicklung der Sprachkenntnis ist eine anscheinend sehr schnelle, doch wage ich nicht, mir nach den vielen verschiedenen Angaben der Elternversammlung, die ich zum Zwecke dieses Studiums einberufen hatte, ein endgültiges Urteil zu fällen.

Im 40. Monat rechnet man endlich Vollendung der Stubenreinheit. Erst dann gehen sie seitwärts und verrichten ihre kleinen Geschäftchen. Ein eigentliches Abhalten kommt bei den Mahnke auf dem Lande nicht vor.



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Dagegen wird die Kinderreinlichkeit sehr intensiv betrieben. Morgens und abends wäscht die Frau ihre Kleinen, wobei sie sie über eine große Kalebasse hält, die Haut mit Wasser reibt, und mehrmals in der Woche, wenn nicht täglich, selbstgemachte Seife zur Anwendung kommt. Die Haltung ist so, daß die Hand erst das Hinterteil des Kindes umfaßt und den Rücken gegen den Unterarm lehnt, und wenn das Kind umgedreht wird, die Hand die Brust des Würmchens umspannt und so die vier Extremitäten seitwärts herunterbaumeln läßt. Ist die Abspülung zu Ende, so wird das Würmchen selbst in die Kalebasse gesetzt und nochmals gründlich abgespült.

Das Leben der Kinder ist besonders in den vielen außerhalb der Städte gelegenen Landweilern, in den Ackerbaugehöften, ein so glückliches und gesundes, wie man es sich nur denken kann. Dafür wimmelt es denn auch geradezu an Nachwuchs. Die Verwüstung an Menschen, die zu Zeiten Samoris und vorher hier eingetreten ist, wird in, 15 Jahren vollkommen ersetzt sein. Das Volk wurde damals arg erschöpft, aber es hat den Aderlaß überstanden, und ein so ungeheurer Kindersegen ist über das Land ausgesät, daß man sich unwillkürlich fragt, was daraus werden soll, wenn diese gewaltige Fortpflanzung ohne Unterbrechung weitergedeiht. Mütter, Väter und nicht zum wenigsten die Großeltern legen ununterbrochen regstes Interesse für den kleinen Nachwuchs an den Tag, und die Seligkeit, mit der ein junger, vom Acker heimkommender Bauer seine kleine Kinderschar begrüßt, sich in ihrer Mitte lagert und mit ihnen spielt, entspricht ganz genau europäischen Empfindungsäußerungen.

Mit dem dritten Jahre spielen die Kinder "Arbeiten", mit dem vierten haben sie sich in die Arbeit hineingespielt. Als Kinderspielzeug gibt es kleine Flinten, Mausefallen aus Pferdehaaren und Bambus usw. Aus Lehm werden Hühnerställe und ähnliches gebaut, und Stöckchen dienen als Steckenpferde. Sobald die Mutter aufhört, das Kind in der üblichen Sudanart auf dem Rücken immer mit sich herumzuschleppen, und sobald es sich selbst überlassen ist, beginnt es auch hier zu spielen.

Im vierten resp. fünften Jahre sind besonders die kleinen Mädchen schon emsig neben der Mutter im Haushalte tätig. Sie tragen Wasser, stoßen das Getreide, tragen Holz zum Feuer, blasen es an, schüren es und achten darauf, daß die Töpfe nicht überkochen. Ihnen ist es überlassen, den Hof zu fegen, sie warten die kleinen Geschwister und gehen auch schon mit der Mutter zum Fischfang. Denn bei den Mahnke betreiben auch die Frauen diesen Nahrungserwerbszweig, und zwar liegen sie der Fischerei mit den Kommonjo (den Netzen) in den Sümpfen ob, während die Männer mit



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Bambusreisern (=dalla-mun-su) in den tieferen Wassern fischen. —Die kleinen Buben helfen erst der Mutter im Haushalt und tragen dann dem Vater das Gerät auf den Acker, bis etwa im achten Jahre für sie eine genaue Arbeitsteilung eintritt. Sie arbeiten nämlich fünf Tage der Woche für den Vater und zwei für die Mutter. An diesen beiden, welche Donnerstag und Freitag sind, verrichten sie schwerere Arbeit, schlagen Holz und dergleichen.

Nachher kommt dann das Beschneidungsalter, und die wichtigste Zeremonie im Leben der Mahnke findet statt.


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