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ERZÄHLUNGEN AUS DEM WESTSUDAN

HERAUSGEGEBEN VON LEO FROBENIUS

1922

VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS/JENA



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TITEL- UND EINBANDZEICHNUNG VON F.H. EHMCKE

MIT DREI TAFELN


II. Kapitel: Lebenslauf der Mahnke

Einleitung. Wenn irgendwo oder -wann einmal die Frage aufgeworfen werden soll, an welchem Volke am besten die Unterschiedlichkeit der Begriffe: Volk, Nation, Rasse dargelegt werden könne, so werde ich die Mali-nke als Schulbeispiel vorschlagen. Die Mahnke fühlen sich als Volk, erinnern sich ihrer einstigen Geschlossenheit als heute zersetzte Nation und betonen ihre Verschiedenartigkeit als Rasse. Und noch weiterhin geben sie reiches Material für das Studium der Gesellschaftsschichtung, die heute eine klar ausgebildete und auch scharf begrenzte, das Produkt jahrhundertelang geführter Kämpfe verschiedener Kulturformen darstellt. Der Vornehme, Adlige kann sich wohl in keinem Volke "edler" fühlen als hier bei den Mahnke.

Das Gebiet, das heute die Mahnke einnehmen, ist nicht geschlossen. Im allgemeinen kann man sagen: im Norden haben sie die Kassonke von Kayes usw., dann die Bammana von Beledugu, im Nordwesten die Bammana von Bole, im Osten jenseits des Fie die Fulbe von Uassulu, im Süden die Tommaund Tukorrostämme, im Osten die Fulbe von Bate, die Diallonke und die Fulbe von Futa Dialon als Nachbarn. Nach Südwesten sind sie weit in das Gambiabecken verschoben. Aber in das so umrandete Gebiet haben sich Niederlassungen von Fulbe, Bammana und Soninke hineingedrängt. Die Staatszusammengehörigkeit hat seit langer Zeit aufgehört; es wird Aufgabe der historischen Kapitel sein, den Beginn und die Auflösung des alten Malireiches festzulegen. Denn die Mahnke sind nichts anderes als die Nachkommen der Bürger eines Reiches, des Mahireiches, das durch Zusammenfassung einer Reihe von verschiedenen Völkern entstanden ist. Das Mahireich entstand als Bund, der sich unter der Führung eines Emirs, Amins, Amils, woraus Mali entstand, bildete. Im übrigen sind die Mahnke hervorgegangen nach dem schon in alter Zeit eingetretenen Verfall des Mandereiches, welches nördlich der heutigen Länder Sankaran und Kangaba herumlag (vgl. Bd. VI).

Die Mahnke (oder Mahinka, wie sie selbst sagen) erklären sich als durchaus überlegen den heute im Lande des oberen Niger lebenden Bammana. Sie sagen außerdem: "Wir sind groß und haben lange Köpfe - die Bammana sind klein und haben runde Köpfe!" Wieweit die anthropologische Angabe richtig ist, wage ich nicht zu sagen, wenn ich auch nicht leugne, daß ich besonders die Angabe über die Schädelbeschaffenheit häufig bestätigt fand. Aber in diesen Ländern ist im Laufe der letzten Jahrhunderte so viel Volk durcheinander-, aus- und eingestürzt, daß die exakt arbeitende Anthropologie bei ihrer Arbeit auf große Schwierigkeiten stoßen wird.



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Dagegen ist das Gefühl der geistigen Überlegenheit durchaus berechtigt. Die Bammana, besonders diejenigen des weltentlegenen Beledugu, sind verhältnismäßig gleichmütige Bauern, die nur abends beim Tanze zu regerem Leben erwachen. Die an den Verkehrsstraßen wohnenden Bammanastämme sind wohl lebhafter, aber hier wie besonders im bunten Treiben von Segu kommt so viel Anregung von außen, daß die Lebendigkeit der Menschen erzogen werden mußte. Aber auch wenn man die Bewohnerschaft dieser bevorzugten Landstriche zum Vergleich heranzieht, fällt die Beurteilung der geistigen Höhe zugunsten der Mahnke aus. Der Mali ist eben der Träger einer großen, historischen Vergangenheit, wahrscheinlich einer sehr intensiven Mischung mit höher stehenden, helleren Völkern und einer grandiosen Erziehung.

Diese Erziehung basiert zum großen Teil in den hier fraglos vorhandenen Segnungen des Islam, der den Völkern des Sudan wenigstens einen Teil jener Würde wiedergegeben hat, die die Versklavung durch die Nomadenvölker ihnen geraubt hatte. Zum zweiten ist eben die historische Vergangenheit ein Born für die geistige Erhöhung. Stolz auf große Vorfahren zurückblicken zu dürfen und ihrer würdig leben zu müssen, war stets für alle bevorzugten Rassen, Völker und Stände ein Erziehungsfaktor von enormer Bedeutung. Drittens aber wirkt die eigenartige Familienform der Mali, der absolute Patriarchalismus, das keusche und strenge Leben, die Zucht des regelmäßig pendelnden Sippenpulses sehr gesund und schafft eine gute, wenn auch unserer Zeit veraltet erscheinende Geistesart. Die Zeit des strengen Patriarchalismus ist auch hier verflossen; aber ich konnte im herzlichen Plauderverkehr mit den "Patriarchen" noch so viel von alten Sitten und Anschauungen hören, daß wir uns das Gesamtbild des alten Lebens verhältnismäßig lückenlos herstellen können. Allerdings nicht das des alten Königreichs Mali, wohl aber das der kleinen Städte und Ortschaften zur Zeit des Reichsverfalls und vor der Zersetzung der Sitten und Sippen, die die Neuzeit mit sich gebracht hat.

Ich zeichne im folgenden das Bild des Lebenslaufes der Mahnke, anfangend mit der Geburt der Kinder. Man denke sich den Hintergrund dieses Bildes in folgenden Formen: Auf einer freien Anhöhe strecken einige uralte Baobabs ihre eckig sich aufreckenden Aste aus klobigem Stamme über einer alten Befestigungsmauer, einer Tata (=Stadtmauer), empor. Innerhalb der umschließenden Tata liegen die Gehöfte eng aneinandergeschmiegt. In der Mitte ein gewaltiger Banianenbaum, einen schönen Platz überschattend. Darunter eine Galla, eine Bühne, auf der die Alten, die Patriarchen, hocken und den Ankömmlingen entgegensehen. Sie sind es, die über Wohl und Wehe der Stadt verfügen und den Ausschlag geben;



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man darf sich nicht täuschen lassen, wenn sie den Dorfhäuptling, den Dugutigi, zur Begrüßung und Repräsentation entgegensenden. Der Würde eines solchen Patriarchen strebt jedes Malinkekind als dem denkbar Höchststehenden zu.

Die Geburt.

Die Mahnke nehmen nicht an, daß dem ersten Bei.. schlafe gleich die Konzeption folge. Sie halten mehrmaligen geschlechtlichen Verkehr für notwendig, um die außerordentlich erwünschte Fruchtbarkeit der Weiber zu erzielen. Gewahrt der Gatte, daß das Weib an Unwohlsein leidet, sich erbricht, tiefer liegende Augen hat - alles das beobachtet der Mahnke -, so schließt er auf baldige Familienvermehrung. Er ist vernünftig genug, um dem Ausbleiben der Menstruation keinen allzu großen Wert beizumessen. Denn: "Das kann noch kommen, aber wenn die Frau immer unwohl ist, das ist sicherer." Also gibt ihr der Mann viel und gut zu essen, zumal viel Fleisch. Wenn der dritte Monat um ist, die Frau die Periode der Übelkeit überwunden hat und ständig die Menstruation ausbleibt, gilt die Sache als sicher, und nun heißt es, gleich etwaigen unglücklichen Zufällen vorbeugen und die Zeit der Geburt gut vorzubereiten.

Fehlgeburten und Totgeburten kommen vor und sind sehr gefürchtet. Also muß eine Sicherung geschaffen werden, und demnach bestellt der Mann beim Marabut ein Amulett, das aus einem fein in Leder gebundenen Koranspruche besteht und an einer Schnur befestigt ist. Dies "Sabe" übergibt der angehende Vater seiner Schwester, und die nähert sich eines Tages möglichst unauffällig ihrer Schwägerin und wirft es ihr unversehens über, so daß das Sabe als Berlocke auf die Brust fällt. Dann ruft sie der Mutterwerdenden zu: "Habe Zuversicht!" Nun weiß die junge Frau und die Familie, was bevorsteht, und nun wird alles vorbereitet. Wenn der achte Monat kommt, kauft der Ehemann genügend Honig (=li) und Carte (Baumbutter), sorgt für ein gutes Sirife (Rasiermesser) und Matten, und alsdann harren Mutter und Vater der Dinge, die da kommen sollen.

Zuerst sitzt - so sagt der Mahnke - das Kind wie ein ausgewachsener Mensch im Mutterleibe, und der Kopf liegt zwischen den Brüsten (!). Dann dreht sich das Kind eines Tages herum, um "den Leib der Frau zu verlassen", und gleichzeitig fangen die Wehen an. Es werden drei alte Frauen geholt. Es müssen unbedingt drei sein. Die Stunde naht. Die Frau legt oder kniet sich in der "Ting" genannten Stellung am Boden nieder, d. h. sie kniet mit auseinander gebogenen Beinen und auf den Boden gestützten Händen auf eine Matte hin und wartet, daß das junge Lebewesen nach hinten hin den Ausweg aus seiner Hülle sucht. Die erste der



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alten Frauen hat die Aufgabe, den Mutterleib von oben umfassend und pressend zu kneten, "damit sich das Kind nach hinten begibt und nicht wieder zurückdrängt". Die zweite Frau sitzt hinter der Kreißenden und erfaßt sobald als nur möglich die Frucht mit den Händen. Die Präliminarien der Entbindungsprozedur scheinen bei den Mahnke schnell vorüberzugehen und die Preßwehen in schneller Folge hintereinander einzutreten. Nach den Angaben, die ich erhielt, tritt der Kopf immer zuerst heraus. Also die zweite Alte hält den Kopf des erscheinenden Kindes, die dritte hantiert mit dem Sirife, dem Rasiermesser. Zuerst wird die umgebende Hauthülle, "der Sack", wie sich der Mahnke ausdrückt, aufgetrennt, dann die Nabelschnur durchschnitten.

In dem am Kinde bleibenden Teil der Nabelschnur (= baradjullu) macht die dritte Alte einen Knoten. "Hautsack" und Nachgeburt ("dussu" genannt) werden besonders behandelt. Die Dussu wird in einen kleinen Topf getan, der Topf verschlossen. Alsdann wird direkt vor der Tür des Hauses, in dem die Entbindung stattgefunden hat, ein Loch gegraben und der Topf hineingesetzt. Danach füllt man die Öffnung mit Erde, macht sie aber durch einen Stein gut erkennbar. Der Volksgebrauch verlangt, daß derjenige, der das Loch gräbt, in einem fort ein freundliches Gesicht mache und ja nicht etwa zornig dreinschaue. Auch muß er den Kopf hübsch gerade halten und darf ihn nicht hin und her drehen, denn ernstes Aussehen und Kopfwenden schadet dem jungen Menschenkinde, mit dem das Dussu erschienen ist. Wenn später das Kind kränkelt und nicht recht gedeiht, so hält man es dreimal hintereinander über die Stelle, an der ein Stein die Verborgenheit des Dussu anzeigt. Darauf wird das Kind schnell gesund werden.

Im übrigen wird das neugeborene Geschöpfchen sogleich in Wasser gebadet, in dem viel Seife aufgelöst ist, und auch die Mutter wird in der Hütte gehörig gereinigt und gebadet. Während der Entbindung erhält sie schon einen guten Löffel voll Honig, damit die Nachgeburt sich schnell löst und abgeht. Nach der Geburt wird sie kräftig ernährt und bleibt während acht Tagen ununterbrochen zu Hause. Natürlich nährt jede Malinkefrau ihr Kind selbstetwa bis zum zweiten Jahre. Dem Kinde wird im übrigen eine außerordentlich reinliche Behandlung zuteil. Die Nabelschnur wird morgens und abends mit dem Fett der Pflanzenbutter eingerieben und soll schon nach 2-3 Tagen abfallen. Interessant sind einige Beobachtungen über den Wechsel der Hautfarbe, die ich bei den Malinkekindern machen konnte. Während ich aus dem Kassaigebiet gewohnt bin, die rosige Farbe des Neugeborenen schon nach 2-3 Tagen in die Farbe der Negerkinder umgebildet zu sehen, sah ich hier ,Kinder', die noch am 5. und 6. Tage die ihrer Rasse und ihrem



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Lande zugehörige Färbung nicht erreicht hatten. Erst am 6. oder 7. Tage war das hier übliche lichte Kakao-Schokoladen-Braun erreicht.

Am Tage nach der Geburt werden an alle Verwandten und Freunde Nachrichten über die Geburt und das Geschlecht des jüngsten Familiensprossen gesandt, und die senden als Beitrag zur Feier des ersten Familienfestes Huhn oder Hammel. Dieses Familienfest wird acht Tage nach der Geburt gefeiert und sein Hauptzweck ist der der Namengebung. Diesen Namen des Kindes wählt der Vater. Er teilt ihn dem Sänger oder Schmied mit, der die Prozedur der lauten Verkündung vollzieht. Am Tage selbst verläßt die Mutter zum erstenmal die Entbindungshütte, überreicht dem auserkorenen Sänger oder Schmied das Kind, und der nennt dann den Namen mit den Worten: "Soundso soll er heißen!" Hinterher wird gegessen und getrunken und ein rechtes Tänzchen zur Paukenbegleitung veranstaltet.

Es gibt aber einen hochinteressanten Fall, in welchem der Vater das Recht verliert, dem Kinde den Namen zu geben. Dieser Fall tritt ein, wenn eine Frau mehrmals hintereinander Fehlgeburten oder die Geburten toter Kinder zu überstehen hat, oder wenn ihre Kinder immer sterben und sie deshalb erklärt: "Wenn ich wieder ein Kind haben werde, so soll es zu einem Schmied kommen." Ein solches Gelübde entspricht etwa dem Brauche mittelalterlicher Damen, die in gewissen Fällen ihre Sprossen schon vor der Geburt dem Kloster weihten. Wenn ein solches, vorher durch Gelübde bestimmtes Kind geboren wird, wird es in die Hütte eines Schmiedes getragen und dieser gefragt, ob er das Kind hinnehmen wolle. Der antwortet dann: "Ja, gib es, ich will esnehmen wie ein Stück Eisen" (=nege). Statt "Eisen" sagt er wohl auch "Blasebalg" (=gulu), "Holzkohle" (= buguri) oder "die eiserne Röhre im Blasebalg" (= dinga). Und dieses Nege, Gulu, Buguri oder Dinga usw. stellt dann den Namen des Kindes dar. Das Kind bleibt nun beim Schmied und kehrt erst, wenn es erwachsen ist, ins Elternhaus zurück.

Diese Sitte erachte ich als sehr wichtig für das Kriterium der heute so wenig angesehenen Schmiedekaste. Man vergesse nicht, daß sie es auch sind, die alle kleinen Amulette usw. herstellen, und daß immer dann, wenn in irgendeinem Punkte des Lebens irgendwelche religiösen Lücken im Volksbedürfnis entstehen, die die mohammedanische Religion nicht auszufüllen vermag, der Volksbrauch sich immer wieder an die heute so wenig geachtete Schmiedekaste wendet (vgl. Bd. VI 5. 26 ff.). In diese Gruppe der Erscheinungen gehört die der beschriebenen Sitte.

Kinder- und Familienleben. — Die Sitte verlangt, daß das Kind während eines Monats nur Muttermilch erhält, dann verabreicht ihm die Mutter aber als Erweiterung der Kost erst morgens und nachher auch abends gut gereinigte, selbstgewonnene Kuhbutter. Daneben wird nach Vorhandensein und Bedürfnis die natürliche Nahrung gereicht. Im sechsten Monat streicht die Mutter dem Geschöpfchen schon gehörige Portionen des üblichen Breies in den Mund, und damit beginnt schon jenes gewaltige Anschwellen des Bauches, das den Umfang europäischer Kinderkörper weit übertrifft.

Sehr interessant ist die Zeit- und Entwicklungsstaffel, die die Malinkemütter und -väter für ihre Sprossen aufstellen und die nicht genau den Angaben Preiers entspricht:

Im 1. bis 4. Monat liegt das Kind auf der Erde und kann noch nicht kriechen. Die Mutter muß es meist herumtragen, achtet aber höchstens 14 Tage darauf, daß der Kopf nicht nach hinten fällt.

Im 4. bis 14. Monat rutschen die Kinder knieend und auf allen vieren auf der Erde herum.

Im 15. Monat beginnen sie sich langsam an der kleinen Türbrüstung aufzurichten und in hockender Stellung über die ca. 30-50 cm hohe Schwelle zu sehen.

Im 16. Monat kriechen sie über die Schwelle und beginnen die ersten Schritte. Das ständige Taumeln und Hinfallen währt 4 Monate.

Im 20. Monat können sie so laufen, daß sie nur noch selten hinfallen. Die Beinchen sind übrigens wenig gekrümmt, und monströse O-Bildungen, die bei uns so häufig sind, sieht man nicht. Es verdient aber auch bemerkt zu werden, daß die Eltern nur sehr selten die Kinder zu zu frühzeitigem Gehen verführen. Vielmehr überläßt man dies der natürlichen Entwicklung.

Im 25. bis 26. Monat beginnen die Kinder zu sprechen, und zwar sind die ersten Worte: "Ma" für Mutter und "Papa" für Vater. Sie wenden diese Ausdrücke noch lange für Mann und Frau an. Das dritte Wort pflegt "nja" gleich Wasser zu sein. Die weitere Entwicklung der Sprachkenntnis ist eine anscheinend sehr schnelle, doch wage ich nicht, mir nach den vielen verschiedenen Angaben der Elternversammlung, die ich zum Zwecke dieses Studiums einberufen hatte, ein endgültiges Urteil zu fällen.

Im 40. Monat rechnet man endlich Vollendung der Stubenreinheit. Erst dann gehen sie seitwärts und verrichten ihre kleinen Geschäftchen. Ein eigentliches Abhalten kommt bei den Mahnke auf dem Lande nicht vor.



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Dagegen wird die Kinderreinlichkeit sehr intensiv betrieben. Morgens und abends wäscht die Frau ihre Kleinen, wobei sie sie über eine große Kalebasse hält, die Haut mit Wasser reibt, und mehrmals in der Woche, wenn nicht täglich, selbstgemachte Seife zur Anwendung kommt. Die Haltung ist so, daß die Hand erst das Hinterteil des Kindes umfaßt und den Rücken gegen den Unterarm lehnt, und wenn das Kind umgedreht wird, die Hand die Brust des Würmchens umspannt und so die vier Extremitäten seitwärts herunterbaumeln läßt. Ist die Abspülung zu Ende, so wird das Würmchen selbst in die Kalebasse gesetzt und nochmals gründlich abgespült.

Das Leben der Kinder ist besonders in den vielen außerhalb der Städte gelegenen Landweilern, in den Ackerbaugehöften, ein so glückliches und gesundes, wie man es sich nur denken kann. Dafür wimmelt es denn auch geradezu an Nachwuchs. Die Verwüstung an Menschen, die zu Zeiten Samoris und vorher hier eingetreten ist, wird in, 15 Jahren vollkommen ersetzt sein. Das Volk wurde damals arg erschöpft, aber es hat den Aderlaß überstanden, und ein so ungeheurer Kindersegen ist über das Land ausgesät, daß man sich unwillkürlich fragt, was daraus werden soll, wenn diese gewaltige Fortpflanzung ohne Unterbrechung weitergedeiht. Mütter, Väter und nicht zum wenigsten die Großeltern legen ununterbrochen regstes Interesse für den kleinen Nachwuchs an den Tag, und die Seligkeit, mit der ein junger, vom Acker heimkommender Bauer seine kleine Kinderschar begrüßt, sich in ihrer Mitte lagert und mit ihnen spielt, entspricht ganz genau europäischen Empfindungsäußerungen.

Mit dem dritten Jahre spielen die Kinder "Arbeiten", mit dem vierten haben sie sich in die Arbeit hineingespielt. Als Kinderspielzeug gibt es kleine Flinten, Mausefallen aus Pferdehaaren und Bambus usw. Aus Lehm werden Hühnerställe und ähnliches gebaut, und Stöckchen dienen als Steckenpferde. Sobald die Mutter aufhört, das Kind in der üblichen Sudanart auf dem Rücken immer mit sich herumzuschleppen, und sobald es sich selbst überlassen ist, beginnt es auch hier zu spielen.

Im vierten resp. fünften Jahre sind besonders die kleinen Mädchen schon emsig neben der Mutter im Haushalte tätig. Sie tragen Wasser, stoßen das Getreide, tragen Holz zum Feuer, blasen es an, schüren es und achten darauf, daß die Töpfe nicht überkochen. Ihnen ist es überlassen, den Hof zu fegen, sie warten die kleinen Geschwister und gehen auch schon mit der Mutter zum Fischfang. Denn bei den Mahnke betreiben auch die Frauen diesen Nahrungserwerbszweig, und zwar liegen sie der Fischerei mit den Kommonjo (den Netzen) in den Sümpfen ob, während die Männer mit



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Bambusreisern (=dalla-mun-su) in den tieferen Wassern fischen. —Die kleinen Buben helfen erst der Mutter im Haushalt und tragen dann dem Vater das Gerät auf den Acker, bis etwa im achten Jahre für sie eine genaue Arbeitsteilung eintritt. Sie arbeiten nämlich fünf Tage der Woche für den Vater und zwei für die Mutter. An diesen beiden, welche Donnerstag und Freitag sind, verrichten sie schwerere Arbeit, schlagen Holz und dergleichen.

Nachher kommt dann das Beschneidungsalter, und die wichtigste Zeremonie im Leben der Mahnke findet statt.

Die Beschneidung.

—Dasjenige Fest, welches bei den Mandevölkern die größte Bedeutung hat, ist neben der Bestattung die Beschneidung. Ich habe Beschneidungsfeste in Sanu und in Falaba,also bei Bammana und Mahnke erlebt und habe somit einen Uberblick über Unterschiede und Interna. Ich kann sagen, daß die Feier bei beiden Völkern ziemlich gleich verläuft. Wenn ich die Berichte unter der Rubrik "Mahnke" und nicht unter der Maske Bammana bringe, so geschieht das, weil mir bei ersteren bessere Berichterstattung zuteil wurde, und weil an der Hand zahlreicher Spuren just vergangener Festzeit im Malinkegebiet südlich des Fie reichlich Erklärung floß.

Die Beschneidung heißt bei den Mahnke "Kebaja". Die Bedeutung, die sie, zumal für die Knaben, hat, geht schon aus der langen Vorbereitung hervor, der sie sich zu unterwerfen haben. Sangere kebaja -beginnt der Spruch. Im nächsten Jahre soll beschnitten werden. Dann: "Senetjama-nke sangere ibe kebaja", lautet die Aufforderung an Burschen und Bauern. Bestellt den Acker recht und weit, denn im nächsten Jahre soll beschnitten werden! Die Knaben selbst müssen ordentlich mit anpacken, damit Vaters Acker reich trägt, denn die Beschneidungszeit erfordert viel Korn, sehr viel Korn. Dann hörte ich aber noch den schönen Satz von einem alten Mann: "Je mehr der Bursch im Jahre vorher arbeitet, desto besser besteht er die Beschneidung!" Wir werden sogleich sehen, daß dies nicht der einzige hygienisch gut durchdachte Grundsatz ist, der im Sittenkreise zum Ausdruck kommt. Der allgemeine Fleiß trägt jawohl auch gute Früchte, und so kann man im kommenden Herbste sagen: "Njo (Hirse), siama sorola anke keneke." Es hat viel Hirse, da können wir beschneiden. —Alle Welt freut sich über gute Ernte, auf fröhliche Festtage. Damit ist aber die Grundlage geschaffen, die für die dabei erwünschte Vergnüglichkeit notwendig ist. Essen und Trinken, und zwar viel Essen und Trinken ist die einzig reelle Basis für eine geistige Extravaganz.

Von allen Leuten des Dorfes sind wohl nur die eigentlichen Hauptpersonen des Festes nicht ganz froh gestimmt. Die Knaben



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von 11 bis 14 Jahren und Mädchen von 10 bis 16 sind zwar schon lange des Kommenden gewärtig, aber unangenehm ist und bleibt der Ausblick auf diese Operation. Die Mädchen des Schmerzes wegen, die Buben mehr, weil sie sich vor etwaiger Schande fürchten. Die guten Eltern sind sich dieses Gemütszustandes ihrer Sprossen sehr wohl bewußt und tun alles, was in ihrer Macht steht, ihnen Aussicht und Sache selbst leicht zu machen. Die kleinen Mädchen werden nun gemästet, die Buben gemästet und aufgekratzt. Schon lange vorher erhalten die Mädels von der Mutter täglich die beliebte "Monni"-Speise, während die Buben etwa einen Monat lang vor der Beschneidung mit kräftigendem Karanjinini genährt und allabendlich zum Tanze versammelt werden. Auch geht schon beizeiten ein Bote bei den angesehenen, verwandten und befreundeten Familien umher, um ihnen die Nachricht zu bringen: "Aissamba lobadinima solici beke", sie sollen zum Solici und zur Beschneidung kommen.

Die Wochentage heißen bei den Mahnke:

Sibiridung =Sonnabend,
Karidung Sonntag,
Tenedung Montag,
Talatadung Dienstag,
Arabadung =Mittwoch,
Arkamissadung =Donnerstag,
Ardjumadung Freitag.

Wir stellen den Freitag zuletzt, weil das der heilige, der Sonntag der Mali-nke ist, während die Bammana den Donnerstag als Feiertag hochhalten, und somit beschneiden die Mahnke am Freitag, die Bammana am Donnerstag. Naht die bestimmte Woche, so gehen nochmals Boten ins Land, um die Freundschaft und Verwandtschaft zu laden, und das Dorf rüstet selbst ordentlich zum Feste. Da gibt es noch verschiedenes auszuführen. Die Verlobten, Ehemänner oder Freunde der zu beschneidenden Frauen tragen für sie die Balogo zusammen, d. h. große, hübsch geschichtete Stöße von Brennholz. Denn eigentlich fällt diese Aufgabe ja stets der weiblichen Jugend im Haushalte zu. Da die beschnittenen Mädchen aber arbeitsunfähig sind, so muß der Haushalt auf Vorrat mit Holz versehen werden. 'Daher die Balogo. Fernerhin greifen die Mädchen fest im Haushalt mit an. Es muß für die Festtage viel D'lo oder Dolo (Hirsebier) gebraut werden, und noch können die Mädchen schaffen. Ebenso wird Korn gestampft und gesiebt, alles gereinigt, mit einem Worte eben das gemacht, was allerdings in etwas anderer Form gute Haustöchter bei uns vor Weihnachten und Pfingsten tun.



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Die Buben dagegen bauen das Büre und schichten den Kebadjiri. Das "Büre" ist das Nachtlager der Buben für die Zeit nach der Beschneidung zur Heilung der Wunde. Es ist ein mächtiger viereckiger Kasten aus Rohrplatten von ca. 5 m Breite, bis 10 oder gar 12 m Länge und 2 1/2 m Höhe. Gabelhölzer werden dementsprechend in die Erde gerammt (Zwischenraum 2-3 m), starkes Holz darübergelegt. Platten von Rohrgeflecht sind von außen als Wände an die Hölzer gebunden und von oben als Decke aufgelegt. Ist der einzige Sohn einer Familie und einer Frau unter den Beschnittenen, so erhebt sich ein von Rinde und Blättern entblößter kleiner Baum über dem Büre. So hat mein Zeichner die Beschneidungshütte auch dargestellt. Interessant ist, daß die Bammana, also die früheren Ostvölker, diese Hütte nicht Büre, sondern Gakorro, die alte Ga nennen. Ga heißt aber Hütte oder Zelt bei gewissen Völkern im Nigerbogen. Interessant ist ferner, daß wenn wir vom Büre die Rohrplatten wegdenken und dafür Lehmmauern und Lehmdecke annehmen, ein regeirechtes Bammanahaus herauskommt. Das Holzgerüst ist das gleiche.

Der Kebadjiri ist ein Holzstoß ähnlich dem Balogo, der für die Familien aufgeschichtet wird. Er ist neben oder im Büre von den zu beschneidenden Burschen selbst aufgestapelt und liefert ihnen das allabendliche Feuer für die Zeit der Heilung.

Der Arkamissadung, der Donnerstag vor der Beschneidung, kommt heran und damit gegen oder nach dem Sonnenuntergange auch die Gäste. Die bringen nach Möglichkeit Trommeln und Trommler und sicherlich irgendwelche Geschenke mit, der eine 10, der andere 40 Kola, jener ein Schaf oder Hühner oder Ziegen, oder eine ganz wohlhabende Familie auch wohl einen Ochsen. Getränk oder Bestandteile für Brei und Kuchen bringen sie jedoch nicht. Das müssen die Dörfler selbst schaffen. Eine solche Nacht zwischen Donnerstag und Freitag vor dem Beschneidungstage ist für den Mann, der Ruhe wünscht, und für den mit schwachen Nerven keine angenehme Sache. Zunächst kommt jede Fremdengruppe schon mit möglichstem Trommelgepauke und sonstigem Lärm an und zieht einmal rundum. Sind alle zusammen, dann ziehen sie mit großem Solici (= Tamtam) bei den Alten herum. Der Dugutigi ist nämlich nur Repräsentant, wirklich herrschen tun die Kiemorobalu, die Alten. Von einem Gehöft der Kiemorobalu zum nächsten, in dem ein solcher würdiger Altvater haust, pilgert der Zug. Und immer wird auf die Trommeln losgeschlagen, was das Zeug hält. Beim Dugutigi wird übrigens nur dann vorgesprochen, wenn er zu den Kiemorobalu gehört. Ist dieser Umzug beendet, so beginnt der Ankatara Solici badinubada (der Trommelbesuch) bei den einladenden Familien (badi = die Familie). Überall wird nicht nur getrommelt,



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sondern auch getrunken - nun, es ist ein Heidenspektakel, und so leicht werden meine Reisebegleiter und ich diese Nacht nicht vergessen.

Um 12 Uhr nachts tritt eine plötzliche Pause für längere Zeit ein. Es herrscht erst eine Totenstille, dann hört man die flötende Stimme des Komma (maskierter Dämon der Geheimbündler; siehe Bd. VII) durch die wie in Grabesruhe liegende Stadt ziehen. Der Komma geht um, um die Subaga oder Subacha (kannibalische Zauberer, Zaubergeister) zu verscheuchen. Die Subaga sind in dieser Nacht auch lebendig, denn sie trachten danach, die zu Beschneidenden zu erwischen. Dieser Umzug des Komma gilt als sehr wichtige Sache, und auch mir scheint er für die Entwicklungsgeschichte dieser Sitten und besonders für die Zeremonien in der Periode vor der Mohammedanisierung der Mahnke sehr wichtig. — Auch sonst wird nach Möglichkeit gegen die bösen Subaga angegangen. Gegen 4 Uhr morgens wäscht man die zu beschneidenden Kinder mit einem kräftigen Bessi (= Zaubermittel, entspricht dem Baschi der Bammana). Das soll Schutz bieten für die Zeit der Heilung und dann auch die gefürchteten Subaga fernhalten.

Nachdem auf diese Weise die Nacht würdig und mit genügendem Geräusch verbracht ist, begeben sich gegen Morgen, d. h. etwa um 1/26 Uhr, alle Männer mit den zu beschneidenden Knaben zu dem im Busch gelegenen "Fugala", d. i. der Beschneidungsplatz. Und dann erledigt sich das Werk auch sehr bald. Die Männer bilden einen Kreis, eine Art Mauer mit einer einzigen Lücke, durch die der Beschneider hereinkommt. Die Knaben stehen vor dem inneren Rand dieser Umfassungsmauer, und zwar jeder Knabe immer vor seinem älteren Bruder oder Vetter oder Vater oder welchen freundlichen Verwandten er just als Begleiter für diese schwere Stunde erhalten hat. Der Begleiter legt gewöhnlich seine Hände auf die Schultern des vor ihm stehenden Knaben. Einer der Knaben nimmt dann der Lücke in der Menschenwand gegenüber auf einem Funfing (pilzförmigen Termitenhaufen) Platz. Wenn nun ein Numudien (dien oder dieng = Sohn), ein Schmied sohn oder ein Ulussudien unter den Jungen ist, so hat der als erster auf dem Funfing Platz zu nehmen. Sind deren mehrere vorhanden, so werden sie alle vor den andern Knaben beschnitten.

Es beginnt nun der feierliche Akt. Außerhalb des Kreises wird eine Höllenmusik vollführt, indem auf kleinen Bambusflöten genannt "tulefola", auch kleinen Trommeln, "tamagfola", die unter den Arm genommen, und auf "djembefola", Trommeln, die zwischen die Beine geklemmt werden, laut geblasen und getrommelt wird. Auf etwa 10 Burschen kommt immer ein Beschneider, — es ist ein Numu, ein Schmied. Er tanzt mit seinem Messer durch



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die Lücke im Menschenkreise herein; er ist so fürchterlich und graulich als nur möglich gekleidet. Sein Kleid ist ein mächtiger, roter, faltenreicher Rock oder Überhang, gere-ule-doro-ki genannt. Allerhand Zaubermittelchen sind daran befestigt und baumeln hin und her. Sein Gesicht hat er mit Kohle schwarz angemalt. Er ist so schon ein Scheusal, und dazu schneidet er nun noch Grimassen und Fratzen, grinst, greint und grunzt nach Kräften. Aber das ist ein Teil seiner Aufgabe: er soll Angst machen, und die Burschen sollen Mut zeigen. Die Beschneidung ist für die Burschen auch eine Tapferkeitsprobe bei diesen Völkern, die auf jeden Fall bestanden werden muß. Nachdem er genügend getanzt und den ersten Burschen angegrault hat, zieht er ihm die Vorhaut, die "forrogulu", möglichst weit über die Glans und schneidet sie mit dem Kebajamurru, dem Beschneidungsmesser (murru = Messer), das so scharf ist wie ein Rasiermesser, in einem Schnitt ab. Dann wirft er sogleich die abgeschnittene Vorhaut mit kräftigem Ruck über die Menschenmauer in den Busch. Bei dieser Operation darf der Knabe keine Miene verziehen, geschweige denn strampeln, weinen oder schreien. Tut er das, so ist er für das ganze Leben verloren und verachtet. Er ist ein Feiger, ein Kerisa dinjito. Keine Frau wird ihn heiraten wollen, kein Mann mit ihm aus einer Schüssel essen. Würde er im Lande bleiben, so wäre er zu einem jämmerlichen Leben voller Spott und Schande verurteilt. Er muß dann wohl oder übel die Heimat verlassen und irgendwo in der Fremde, wo niemand von seiner Schmach weiß, seinen Lebensunterhalt suchen.

Man kann sich denken, mit welcher Spannung der ganze Kreis auf den Vorgang sieht, wie erwartungsvoll alles auf das Gesicht des Jungen blickt. In dieser Spannung kommt die Bedeutung des Kebaja für die Knaben zum Ausdruck, von der ich früher nichts wußte. Es ist eine Mannbarkeitsprobe, dasselbe wie der Sonnentanz der Indianer, die in der Folterung allerdings noch viel weiter gehen. Man kann sich aber auch den Jubel denken, der die Brust der Brüder oder Väter erfüllt, wenn der Knabe gut bestand. Sowie der Schnitt unter guten Umständen überwunden ist, stürzen, jagen, rennen die männlichen Verwandten und Freunde der Burschen in das Dorf zurück. Sie gebärden sich wie die wahren Wilden, hüpfen, springen und rasen mit lauten Rufen durch alle Gehöfte des Dorfes. Sie schreien: "Farn, farn, dien farierra" —tapfer, tapfer, der Sohn ist ein Tapferer. War der Vater im Dorfe geblieben, so rennt der die Botschaft bringende ältere Bruder zunächst zu ihm und reibt ihm den Rücken mit Erde. Dann weiß der Alte Bescheid. Ebenso geschieht es mit der Mutter, und zwar nicht nur seitens des ersten Boten - alle Welt ist bereit, den beiden freudevoll herumlaufenden Eltern Asche und Erde in die Haut zu reiben. Je mehr Knaben



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draußen beschnitten sind, desto toller wird das Treiben der im Dorfe erscheinenden Boten, Eltern, Angehörigen, Freunde. Besonders Frauen und Mütter sind wie närrisch. Sie bilden hier und da kleine Gruppen, zu 4-7, und tanzen Lieder singend im Kreise herum. Eine alte Mutter, die besonders beglückt ist, wälzt sich zum Takte der Musik im Aschenstaube hin und her. Dann und wann kommt ein Farri-farri-Brüller vorbei und schießt seine Flinte neben den alten Weibern ab, und besonders wenn der Schuß unter einem Haufen von Töpfen losgelassen ist, knallt er mächtig, und die Frauen schreien jubelnd auf. Besonders ausgelassen sind die alten Sklavinnen, die auch einen guten Tag haben. Sie haben heute keine Arbeit und hüpfen fast nackt - nur ein durchgezogenes schmales Stoffstreifchen verhüllt sie notdürftig-mit mit einigen Kerbschalen von Hof zu Hof. Sie vollführen überall ihre jeder Würde baren Tänze auf, reizen die Zuschauer durch möglichst unzüchtige Gebärden zum Lachen und strecken den Lachenden dann die leeren Schalen hin. Sie betteln und tanzen, tanzen und betteln und tragen von Zeit zu Zeit die gewonnene Füllung der Körbe (Maniok, Mais, Hirse, Bataten usw.) beiseite. Singen, Büchsenknallen und Schreien, dazu nachher das Getrommel nimmt an diesem Tage kein Ende. Kehren wir aber wieder zu den Hauptpersonen dieser Festlichkeit, zu den beschnittenen Burschen zurück.

Vor der Beschneidung durften die Burschen weder den Überhang noch eine Mütze tragen. Sogleich nach der Operation erhalten sie beides in neuer Ausgabe. Die Tobe ist der übliche, bis auf die Erde lang herabfallende und gelb gefärbte, mit Ärmeln versehene Überhang. Er heißt Berredoroki oder Brredoroki. Die gelbe Farbe wird erzielt, indem die Blätter "Brrebrrefirra" gekocht und ausgerungen werden und in dieser Flüssigkeit das Kleid längere Zeit bleibt. Das lange, gelbe Gewand tragen die Buben, bis ihre Wunde geheilt und sie aus Büre und Busch wieder in das Dorf zurückgekehrt sind. Die Wunde selbst wird zunächst nur mit heißem Wasser behandelt und gründlich gewaschen. Dann erhalten•die Burschen die Simbaragi zu essen, das ist eine Suppe aus ausgekochtem roten Pfeffer. Man kann sich denken, wie das im Innern brennt! Nachher werden sie vom Fugala unter mächtigem Wasambageklapper erst zum "Djansabojado" und dann abends in das Büre begleitet. Die Wasamba sind Kniehölzer, die am einen Ende mit der Hand gepackt und am anderen Ende mit durchbohrten, auf das Holz gereihten Kalebassenstücken versehen sind. Im rhythmischen Auf- und Abschwingen schlagen die Kürbisscherben aneinander und geben ein weithin schallendes starkes Geräusch ab. Wenn die Burschen ins Büre einziehen, sind es die Alten, die sie vor und hinter ihrem Zuge schwenken, wenn sie beim Djansabojado



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sitzen, hocken Freunde auf der Galla über ihnen und rütteln sie, und von dem Augenblicke an, wo sie zum erstenmal das Büre verlassen, und nachher während der ganzen Zeit der Zurückgezogenheit, klappern sie selbst mit dem Instrument.

Ehe ich zur Schilderung des Djansabajado übergehe, wollen wir über die ganze Zurückgezogenheitszeit der Burschen hinblicken. — Sobald sie in das Büre, das stets außerhalb der Tata oder des Stadtkreises gelegen ist, eingezogen sind, dürfen die Burschen bei den südöstlichen Mahnke, wenigstens nach altem Ritus, nicht eher in das Dörflein zurückkehren, als bis sie vom Scheema als Geheilte entlassen sind. Aber nur die Nächte verbringen sie im Büre, tagsüber weilen sie im Busch, in einem etwas entfernten Walde. Dahin ziehen sie, sobald am Morgen das gute Essen aus dem Elternhause angelangt und verzehrt ist. Im Walde selbst tun die Burschen durchaus nichts, gar nichts. Ich habe mich bemüht, nach allen Regeln der technologischen Fragekunst, irgend etwas herauszuholen, was die Annahme einer Belehrung nach irgendeiner Richtung hin bestätigt. Es wurde mir aber von so sicheren Leuten wie meinen eigenen Interpreten, die doch das gleiche in der Jugend durchgemacht haben, alles mit solcher Bestimmtheit versichert, daß an der Richtigkeit der Angabe gar nicht zu zweifeln ist. Und die Angaben lauten einstimmig, daß die Burschen im Busch nichts tun und nichts lernen. Allerdings besteht die Sitte, daß keine Frau dem Walde nahe kommen darf. Betritt sie ihn, so wird sie von den Burschen mit Stockschlägen fortgetrieben. Das soll den Zweck haben, zu verhindern, daß die Knaben sich geschlechtlich erregen und auch, daß die Frauen nicht etwa die Wunden des unverhüllten Gliedes sehen.

Am Abend kehrt der Zug der beschnittenen Knaben unter Wasambageläute ins Büre zurück. Nun wird wieder kräftig geschmaust, denn jede Mutter sorgt, daß dem Jungen tüchtige Nahrung gesandt wird, und dann beginnt die Abendunterhaltung, d. h. der einförmige Tanz vor dem Büre. Im Walde, im tukorro, hat man gefaulenzt. Da war es warm. Abends ist es in dieser Jahreszeit (Ende Dezember bis Mitte Januar) recht kalt. Also wird ein Feuer entzündet, und die Knaben bilden mit dem Scheema neben dem Feuer einen Kreis. Der Scheema ist ein alter Sklave, ein Lehrer, der die Buben führt und beaufsichtigt. Er singt jetzt auch die recht einförmigen Lieder vor, und die Burschen wiederholen sie, indem sie die Wasamba rasseln lassen. Sie drehen dazu den Körper ein wenig nach beiden Seiten abwechselnd um seine Achse. Nicht zu heftig, damit die Wunde nicht gescheuert wird. Der häufigste Text des Liedes lautet etwa: "Auf der Seite liegt der Schmutz der Beschnittenen (Blut und evtl. Eiter), geht dem Schmutz aus dem Wege!"



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Auch unter diesen Liedern habe ich vergebens einem tieferen Sinne, irgendeinem wertvollen Inhalte nachgespürt. Und ich habe an manchem Abend derartige Lieder singen gehört und mir übersetzen lassen. — Hat man sich genügend erwärmt, geht man schlafen. Der Scheema hat darauf zu achten, daß des Nachts die Kinder die Beine gespreizt halten. Er geht herum und sieht nach, ob dies Gebot auch innegehalten wird. Der Grund dafür ist, daß beim Schließen der Beine leicht Erektionen entstehen, die der Wunde schaden und Schmerzen erregen. Trifft er geschlossene oder gekreuzte Beine, so schlägt er mit einem Stock zu. Erektionen müssen nach Möglichkeit vermieden werden. Der Genuß von Kaba-djerra, altem Mais, soll sehr günstig sein. Im übrigen wird auch mit Schlägen dagegen angegangen. Knaben, die arg darunter leiden, rennen mit dem Kopfe gegen die Hauspfeiler. Das soll sehr gut sein und das Blut zurückdrängen. Übrigens wird den Jungen vor der Beschneidung immer wiederholt, sie sollten ja nicht den Beischlaf ausüben. Das dürfe man vor der Beschneidung nicht. Täte man es, so könnte man sehr krank werden. Die Knaben kehren sich meist nicht nach dem Gebot und beginnen ein vergnügliches Geschlechtsleben so früh wie nur möglich. Die Alten sagten mir, sie glaubten selbst nicht etwa, daß das Beischlafen vor der Beschneidung Krankheiten hervorriefe, aber es sei eine alte Erfahrung, daß Knaben, die den Koitus gewöhnt seien, unter Erektionen mehr litten als in ihrer Mannheit noch unerprobte Burschen, und deshalb warne man vor dem frühzeitigen Koitieren. Nun, jedenfalls ist nach 4 bis 6 Wochen die Wunde geheilt, die Burschen sind nunmehr als "Erwachsene" mit Mütze und Überhang in das Dorf zurückgekehrt. — Dem "Scheema" statten die Burschen dann in der Weise ihren Dank ab, daß sie ihm einen Acker bestellen, der "scheema-senne" genannt wird. Im übrigen sind sie jetzt die erwachsenen Arbeiter ihres Vaters.

Am gleichen Tage wie die Knaben, aber einige Stunden nachher, werden auch die dazu bereitgestellten Mädchen und Frauen von einer Numussu (=Schmiedefrau) beschnitten. Zunächst werden den vor Angst zitternden Kleinen die Haare geordnet. Schon bei diesem Vorgang liebt man es nicht, wenn die Männer allzu eifrig zusehen. Dann werden sie eine nach der andern in eine entfernter liegende Hütte geführt. Das Mädchen legt die Hände im Nacken zusammen, hockt nieder, und die Frau des Schmiedes schneidet mit einem scharfen Messer die Biekisse, die Spitze der Klitoris, ab. Danach eine gründliche Wäsche. Die beschnittenen Weiber bleiben unter Aufsicht älterer Frauen in ihrer entlegenen Hütte. Wenn sie in der darauffolgenden Zeit ausgehen, so haben sie ein weißes Tuch über den Kopf geschlungen, tragen in der einen Hand eine Kalebasse,



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die durchlöchert und mit Steinchen oder Kernen gefüllt ist (die bei den Mahnke Ngossongosombarni, bei den Bammana Ngossoma genannte Schüttelkalebasse), und klappern. In der anderen Hand haben sie einen Stab. Sie gehen in einer Reihe, wie die Gänse. Mein Zeichner hat eine charakteristische Skizze dieses Aufzuges geliefert.

Ich habe mich bemüht, eine Erklärung für den Grund der Beschneidung zu erfahren. Hinsichtlich der Knaben erhielt ich die übliche Erklärung: "Weil es die Väter so gemacht haben." "Weil es mehr Kinder gibt." "Weil man sehen muß, ob der Knabe ein Tapferer ist." Anders bei den Frauen. Zuerst sagte man mir: "Bei den Wolof sind nur die Männer, nicht die Frauen beschnitten; die Frauen der Wolof riechen übel aus den Geschlechtsteilen. Die Mahnke, Soninke und Bammana beschneiden aber die Mädchen und die Frauen, und daher riechen sie nicht übel!" Nachher aber hörte ich von den Mali-nke sagen: "Wenn die Spitze der Klitoris nicht beizeiten abgeschnitten wird, wird die Klitoris zu groß und schließt zuletzt die Vagina so weit, daß der Penis nicht mehr eindringen kann." — Bei der Beschneidung erwähnte ich oben "Mädchen und Frauen". Bei den westlichen, sich als "rein" bezeichnenden Mahnke werden nur Mädchen beschnitten, und wenn ein Mädchen ein Kind vorher bekommt, wird es nichts mit der Beschneidung. Andererseits treten bei diesen Westvölkern die Mädchen auch etwa 1-2 Monate später, d. h. wenn die Wunde geheilt ist, in den Stand der Ehe. Das ist im Osten nicht der Fall. Eine Frau kann hier heiraten und sogar - was häufig ist - Kinder zur Welt bringen, ohne schon die Beschneidung erlebt zu haben. Das wird dann häufig nachgeholt, und im Zuge der rasselnden, beschnittenen ,Mädchen' sieht man im Osten des Nigers manche Frau mit einherschreiten, die einen kleinen Nachkömmling auf dem Rücken trägt. Es sind das nicht Mädchen, die eines kleinen Fehltritts Bürde schleifen, sondern es sind ehrbare, anständige Frauen. Ehe ich aber zur Schilderung der Ehe übergehe, muß noch der eigentliche Abschluß des Beschneidungsfestes, die Djansa-bojado-Zeremonie geschildert werden, die am Nachmittag des Beschneidungsfestes stattfindet.

Die Djansa-bojado-Zeremonie wird im Norden und im Süden des östlichen Malinkegebietes verschieden gefeiert. Im Süden ziehen die Freunde und Verwandten von einem Hofe, in dem beschnitten wurde, zum anderen, und so zerreißt man die schöne Geschlossenheit des Bildes, das die Sitte im Norden bildet, wo das ganze Dorf die ganze Feierlichkeit gemeinsam erlebt. Demnach will ich die nördliche Sittenform besprechen. — Etwa gegen 1/2 4 Uhr kommt unter mächtigem Klappern der Wasamba der Zug der beschnittenen



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Knaben auf den Dorfplatz. Auf ausgebreiteten Matten setzen sich die in die großen Mäntel gehüllten Burschen einer neben dem anderen vor der Galla nieder, auf deren Rand je über einem Burschen ein Freund mit der Wasamba Platz nimmt. Unter dem neben ihnen sich erhebenden mächtigen Banianenbaume sind einige gewaltige Tonkrüge mit gutem Hirsebier aufgestellt. Hier nehmen nun die alten Leute, in ihrer Mitte der Dorfchef, Platz, und sie verfehlen nicht, das fröhliche Ereignis gehörig zu begießen. Den Alten gegenüber bildet als dritte Seite des freien Platzes, zunächst der Galla, die Kapelle der Trommler ein Stück Wand und etwas weiter der vierten, von den Zuschauern gestellten Seite, zu schließen sich die beschnittenen Mädchen an, die ebenfalls auf Matten sitzen und von den hinter ihnen bockenden Müttern liebevoll mit Fliegenwedeln und Kleiderzurechtzupfen bedacht werden. Die Kapelle klappert, die alten Weiber hinter den beschnittenen Mädchen plappern, die Alten trinken und prahlen laut, die Jugend tobt um die Menschenansammlung herum, einige durch den Trubel beunruhigte Pferde wiehern, Kühe brüllen, Schafe blöken, die Sonne brüht, und gleich wird die von der schwitzenden Menge mit schlechten Gerüchen geschwängerte Luft auch noch vom Staube gehörig erfüllt werden was alles man in Europa nicht gerade wünschenswert (im Sinne der Hygiene) für die soeben operierten Kinder erachten würde. Die Burschen und Mädels sitzen denn auch recht phlegmatisch mit stumpfsinniger Miene und geschwollenen Augen als Opfer und Hauptbeteiligte gar niedergeschlagen da. Die Zeremonie beginnt, wenn die Kapelle sich eingetrommelt hat. Zuerst kommen einige Frauen angetanzt, sie tragen über der Schulter irgendwelche Gegenstände und in der Rechten eine Korbschale. Die Frauen tanzen einige Zeit rund herum, dann kommen andere hinzu. Auch hier wieder gebärden sich einige ganz alte Weiber besonders begeistert und steißwackeln und kopfnicken und beinschlenkern, daß es nur so eine Art hat. Dann kommen die Männer, junge Burschen mit Gewehr und Schwert. Alles dieses Volk kümmert sich erst gar nicht um die Mädchen, sondern tanzt eifrig vor den Burschen auf und ab und im Kreise herum. Vor und zwischen den Knaben stehen Korbschalen. Wenn man im Kreise genug getanzt hat, so zeigt man in einem letzten gravitätischen Rundtanze seine Gaben dem Volke, das auf der Galerie hinter den Wasamba klappert, das hinter den Alten am Baume und auf der vierten Seite steht. Dann legt man sie in den Körben vor den Knaben nieder. Die kleinen Geschenke für die Burschen bestehen in Hirse, Baumwolle, Kolanüssen, Erdnüssen usw. usw. Hat man das geleistet, so tanzt man mit seinem symbolischen Gegenstande fürs erste ab und rüstet sich zu einem zweiten Tanze vor den Mädchen.



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Wie gesagt, tragen die Tänzer irgend etwas über den Schultern, und zwar ist dies in der Tat ein symbolischer Gegenstand. Die Bauersfrauen tragen eine Hacke, die Jäger ein Gewehr, die Fischer das Kanke genannte eigenartige Fischhackenbeil, die Holzschlägerinnen einen oder einige im Busche geschlagene Holzstangen usw. Nach seinem Berufe und der Pflege seines Berufes und Erwerbes richten sich auch die kleinen Geschenke für die Burschen. Wer Hühner hat, gibt Eier, wer Viehzucht übt, Milch, wer viel Feld hat, Getreide, die Spinnerinnen einen Faden Baumwolle und die Baumwollbäuerinnen rohe Baumwolle usw.

Dieser erste Teil der Zeremonie schließt mit einem Rundtanze ab, bei dem die Männer kräftig mit den Gewehren umherknallen. Bei den südlichen Bammana trat mehr der Kreistanz hervor, bei den Mahnke das Tanzen der Trommler selbst. Der zweite Teil verläuft trockener, bei weitem weniger differenziert. Hier tanzen einige Weiber, da ein Mann heran, und jeder gibt in die Körbe der beschnittenen Mädchen seine Gabe. Frauen bringen hier Hirse und einige Kauri, Männer nur Kauri herbei, die sie wie gelegentlich in den Brustsack greifend heraushaspeln und dann hinwerfen. Wem gilt die Gabe? Die hinter den Mädchen bockenden Mütter und alten Weiber streiten und keifen, der Geber ist längst an einen anderen Platz gesprungen und knallt irgendwo sein Gewehr ab, und die Mädchen selbst verwünschen offenbar die ganze Angelegenheit. Ihnen ist es ganz gleich, wieviel hundert oder tausend Kauri ihnen hier als Aussteuer zuteil werden. Sie würden - man sieht es ganz deutlich - am liebsten nach Hause gehen und weinen. —Übrigens gibt es unter den Geschenkgebern auch wohlhabende Protzen, und mehrmals sah ich, daß ein reicher Sängermeister oder Schmied einen Beutel nach dem anderen einzeln hochschwingend über den Platz trug und laut schrie, er, er gebe nicht eine Handvoll, er gäbe jedem Mädchen Kauris für einen Trank.

Der Abschluß besteht im ganz unbedeutenden und wenig betonten letzten Tanze, in dessen Folge den Trommlern eine Gabe an Hirse oder (im Süden) Kolanüssen zuteil wird. Mit dieser Gabe ist dann alles Tanzen und Trommeln zu Ende. Die Burschen werden in das Ga-korro oder Büre, die Mädchen in ihre Hütte geführt. Die Alten sind betrunken und vieles, was sonst noch an diesem Abend geschehen mag, bedeckt die Nacht mit wohlwollendem Dunkel. Daß manche Unordnung vorkommt, ist sicher. Ist doch alles Denken durch Handlung und Symbolik stark auf das Geschlechtsleben hingelenkt und schnarcht doch mancher alte Zecher die Melodie seiner Betrunkenheit, während die offenbar später zugeheiratete junge Gattin von den gewaltigen Sprüngen eines besonders beliebten, großen Burschen träumen mag. Ein Beleg dafür,



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daß das Fest stark dem Geschlechtsleben zuneigt, wäre, wenn es nötig wäre, das noch besonders zu beweisen, auch darin zu erblicken, daß gute Mütter in stolzer Zeremonie zum Büre oder Ga-korro wandeln und ehe noch die beschnittenen Knaben einziehen, vor der Türe das Ende eines Flaschenkürbisses eingraben, das wie ein Penis gestaltet ist und auch so benannt wird. Das soll dem Burschen für später reichen Familiensegen bringen und dafür sorgen, daß "das Haus ja nicht zerbreche", d. h. daß die Familie nicht ausstirbt.

Wie schon oben bemerkt, gehen die Mädchen sehr oft aus der Beschneidungshütte in das Haus des Gatten über, denn Jugendverlobung ist besonders in wohlhabenden Familien beliebt und verbreitet.

Im übrigen ändert die Beschneidung für die Burschen sehr wenig an der allgemeinen Lebensführung. Nur brauchen die Burschen nicht mehr zwei Tage in der Woche für die Mutter zu arbeiten. Sonst bleibt die Tätigkeit die im Dienste des Vaters, und er verfügt auch, ob die Söhne den Acker bestellen oder weben oder als Djula auf Wanderschaft ausziehen sollen. Ein wichtiger Abschnitt für den Burschen ist es, wenn er heiratet und er nun nahe dem Krale des Vaters einen eigenen Haushalt eröffnet.

Ehe- und Hochzeitszeremoniell. — Nicht jedem Mali wird vom Vater die Braut ins Haus gebracht, vielmehr recht wenigen, und die meisten Burschen müssen zumal heute schwer arbeiten, damit sie das genügende Besitztum zusammenbringen, wenn sie nach altem Brauche heiraten wollen. Wenn - denn es wird bald damit ein Ende nehmen; andere Zeiten, andere Sitten, und seitdem die Franzosen das Sklaventum gründlich abschafften, hat sich im Besitzwert und der Ehe form naturgemäß ein Wechsel vollzogen. Man hat nicht mehr einen Vater, der einige Sklaven für eine Frau hergeben will, aber verliebt ist man ebenso wie früher, und da die Sitte nicht beobachtet werden kann, wird zunächst die alte Form und Moral lax, bis sich aus dem neuen Zustand der Dinge eine neue Sitte herausgebildet haben wird. Ich beschreibe hier die Sitte der alten Zeit (der Zeit vor der Herrschaft des islamischen Rechtes der Kadi), in der aber, wie gesagt, auch nicht jedem vom Vater die Braut ins Haus gebracht wurde.

Immerhin waren Jugendverlobungen nicht selten. Das wird überall in Kastenländern so sein und zumal da, wo sehr viel auf ein Ineinanderheiraten der "guten Familien" gesehen wird. So sagte in alter Zeit denn mancher Vater zum anderen: "Höre, deine Tochter ist gut für meinen Sohn." Und dann war der Sohn oft erst 12 und das Mädchen gar erst 2-4 Jahre alt. Der Vater des Bräutigams rüstete zunächst das erste Geschenk, "bululasirauorotang"



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Beschneidungsfest der Malinke.

Szenen aus dem Festtrubel. Zug der beschnittenen Mädchen.

(Fritz Nansen 1908)



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genannt und aus 10 Kola bestehend. Dieses erhielt der Vater der Braut. Darauf folgte ein zweites Geschenk von 10 Kola für die alten Leute des Dorfes. Es hatte die Bestimmung, diese in die Sache hineinzuziehen und günstig zu stimmen, damit sie sich nicht etwa dazwischenlegen und die Sache auseinanderbringen. Während diese zweite Gabe mehr im geheimen und wie gelegentlich erfolgt, ist die dritte Sendung von 10 Kolanüssen eine offizielle und öffentliche. Sie gilt wieder den Alten, die zusammenkommen und gemeinsam mit ausgestreckten Händen die Arme darauf legen (dubaoro). Dazu sagt ein Numu oder ein Dialli in feierlicher Weise: "Hier sind Kola für die Ehe zwischen X und Y, damit sie lange dauere und Gott (Allah) gnädig sei!" Alle antworten darauf: "Ja! Gott segne die Ehe." Damit ist die erste Zeremonie der Ehe, die, wie man sieht, einen stark islamischen Anstrich hat, beendet. Bis das Mädchen herangewachsen ist, geschieht nichts weiter.

Diese Zeremonie entspricht der Jugendverlobung. Die Heirat wird geschlossen, wenn die Menstruationen und das Anschwellen der Brüste die geschlechtliche Reife bezeugen. Der Zeitpunkt der Verehelichung ist unabhängig von der Beschneidung. Einige weibliche Wesen werden in der Mädchenzeit, einige erst als Frauen dieser Operation unterzogen. Entscheidend ist aber außer der Reife des Weibes die Zahlungsfähigkeit des Mannes. Der zu zahlende Betrag entspricht der Wohlhabenheit der Familie und des Mannes und zum anderen der Schönheit und Größe der Erwählten. Körperlänge und Kraft der Gestaltwirken unbedingt steigernd auf die Preise. Es ist dies nicht nur die größere Vergnüglichkeit, die man von hoher Statur und Ebenmaß der Glieder erwartet, sondern die Rücksicht auf den zu erwartenden Kindersegen spielt dabei eine bedeutende Rolle. Der Mahnke sieht auf Rasse. Er will tüchtig aufgeschossene Sprossen als Kinder sehen und schämt sich im voraus etwaiger Krüppel. Es ist hierin bei allem Naturalismus fraglos ein gesunder Zug.

Die Zahlung erfolgt also, und zwar in der Höhe von I—3 Sklaven —immer betont, daß ich die alten Sitten schildere. Wenn mehrere Sklaven als Zahlung in Frage kommen, und wenn sie der Vater des Bräutigams aufbringen kann, so werden sie gleich überwiesen. Es ist das aber wohl ein seltener Fall gewesen. Man begnügte sich meist mit einem Sklaven als endgültige oder als Anzahlung. Wenn sich die Verhältnisse des jungen Haushalts günstig gestaltet haben, wird weitere Zahlung erfolgen; das kann aber mehrere Jahre währen. Im übrigen spielen auch jetzt wieder die kleinen Geschenke eine nicht ganz unwesentliche Rolle. Zehn Kola legt man dem Sklaven auf den Kopf, den man als Zahlung übersendet. Zehn Kola erhält der Vater, zehn der älteste Bruder, zehn der Aufseher der Sklaven, und so geht es weiter, sodaß zuletzt an 100 Kola ver



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teilt werden. Damit sind dann aber auch alle Präliminarien beendet, und die Sache wird ernst, ist perfekt.

Der Bursche hat mit Hilfe der väterlichen Familie und der Sklaven dieses Haushalts mehrere Hütten gegenüber dem Hause des Vaters oder sonst in der Umgebung gebaut. Man heiratete früher im gleichen Dorfe und im gleichen Stamme, wenn irgend möglich, jedenfalls aber in gleicher Kaste. Der Vornehme, der Sproß aus dem herrschenden Volke, der eine Numufrau, eine Frau der Schmiedekaste heiratete, "wurde jedenfalls einige Zentimeter kürzer". So sagt das Volk, und das ist keine Umschreibung. Man nahm das wirklich im Sinne der körperlichen Entwicklung an und hat mir sogar mehrere Männer gezeigt, die ein wenig kürzer geworden wären, weil sie Numufrauen beschlafen hätten. Ja, die Leute gaben es selbst lachend zu. Soweit geht der Glaube. Weiterhin hält man es für sehr unglücklich, wenn der Mann aus vornehmem Geschlechte ein Dialliweib heiratet. Man behauptet, daß sein Besitztum ab- statt zunimmt. Es ist eine lustige und vielleicht gar nicht so grundlose Parallelität, wenn mancher Bauer in Deutschland sagt: "Der Musikant kann kein Geld heiraten, und wer des Musikanten Kind heiratet, der ist auch immer im Trocknen." — Die Malinke sagen fernerhin: daß es in Mande ein Tal und darin einen großen Felstisch gäbe, — dem dürfe sich der nicht nähern, der nicht in gleicher Kaste heiratete.

Das Mädchen bringt in das Haus ihres Gatten das Haushaltungsgerät mit. Die Mutter gibt ihr mit: einige Kalebassen (zum Schöpfen, Waschen, Trinken, Brei usw.), Töpfe, einen kleinen Frauenstuhl (=kudung), Holzmörser (= kulun) mit Keule (= kulunkalang), ferner einige Stoffe und dergleichen mehr. Es gibt an diesem Tage einen großen Schmaus. Der Bräutigam hat Schaf oder Ziege oder gar einen Ochsen getötet, und so ißt und trinkt sich alle Welt gehörig satt. Bei dieser Festlichkeit tanzen die kleinen Schwestern des Bräutigams, und dann folgt die Überführung. Die Schwestern des Mannes haben die Braut neu gekleidet und gekämmt. Eine trägt sie auf dem Rücken in das neue Haus*. Sollte der Bräutigam sich nun nicht allzu große oder genügende Kräfte zu-*



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trauen, um eventuelle gewisse Widerstände zu überwinden, so versteckt er einen guten Freund an der Türe. Sind die Schmerzen der Defloration so stark, daß das Weib mit allen Gliedern sich wehrt, so wird der Freund herbeigerufen, der dann die Beine der Widerstrebenden festhält und dem Ehemanne die erste Erfüllung seiner Pflicht erleichtert. Im übrigen liegt auf dem Ruhebett, auf welchem dies Kriegsspiel der Minne stattfindet, ein weißes Tuch, und der Volksbrauch fordert, daß hierauf die Spuren der ehrenvollen Wunde ersichtlich werden. Wenn der Ehemann gegen Morgen die Zeichen auf dem Laken sieht, ergreift er sein Gewehr und schießt es einmal zur Tür hinaus ab. So kann es denn alle Welt hören, daß er zufrieden und daß das junge Weib unberührt gewesen ist.

Aber auch weitere Kreise interessieren sich für diesen Beweis bisheriger Jungfräulichkeit. Man erwartet vom jungen Ehemann den Ausdruck der Freude über die glückliche Bestätigung seiner Hoffnungen - selbstredend in der Form kleiner Geschenke. Auf den weißen Stoff mit dem Blute (= sunkurufani) legt er, um diesen Erwartungen sittengemäß zu entsprechen, zehn weiße Kola und ein weißes Huhn. Diese Sendung geht an die Eltern der jungen Frau ab. Aber alsbald will auch der ältere Bruder der Braut mit einem kleinen Geschenke bedacht sein. Nachher erfolgte in früherer Zeit, gleichwie auf Inseln der griechischen Meere, Ostafrika usw., ein feierliches Herumtragen dieses Tuches statt. Es ist uns also nicht schwer, die Zugehörigkeit dieser Sitte zu dem entsprechenden Sittenkreise und geographischen Ausbreitungsgebiet festzustellen.

Alle Angaben stimmen darin überein, daß die Sitten der Mande-. völker früher viel strenger waren. Seltene voreheliche Entgleisungen kamen bei den Mädchen vor, und die Mande waren nicht so pfiffig wie andere Völker, welche über sehr gute Täuschungsverfahren verfügen. Entdeckte der alte resp. junge Mande das Unheil, so schoß er am anderen Morgen zunächst einmal seine Flinte nicht ab. An Stelle des oben beschriebenen Geschenkes sandte er dann aber an seine Schwiegereltern ein Gericht mit Reis, einen kleinen Reisberg, in den von oben ein tiefes Loch hineingedrückt war, so daß seine Erscheinung wohl einem kleinen Krater ähnlich erschienen sein mag. Empfingen die Eltern diese vielsagende Gabe, so schüttelten sie das Haupt und sagten: "Unsere Tochter macht uns Schande; unsere Tochter macht uns Schande." Aber man sah die zurückgesandte Sünderin nicht nur mit bösen Blicken an, sondern die Brüder der Frau und die anderen männlichen Angehörigen der schwer gekränkten Familie zogen ihr die Kleider vom Leibe und behandelten sie so lange mit Stockstreichen, bis die Frau den Namen des Verführers nannte. Der so erpreßten Angabe traute



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man nicht vollkommen, sondern man stellte noch die Befragung eines gewissen Orakels an. Man schnitt einem Huhne die Kehle durch und warf es dann hin. Wenn es nach den letzten zuckenden Sprüngen auf dem Rücken liegend verschied, so war die Angabe der Frau recht. Lag es auf der Brust, so glaubte man, sie habe einen falschen Namen genannt, um den geliebten Mann, dem sie ihre erste Blüte auf den Weg gestreut hatte, zu schonen und vor schwerem Schicksal zu bewahren.

Denn diesem Verführer erging es heillos schlecht. Er ward sogleich gefangengesetzt, d. h. in das Handeisen gelegt, entkleidet und ebenfalls gepeitscht. Darauf ward er so lange mißhandelt und gefangengehalten, bis er das Sühnegeld, nämlich bis zu sieben Sklaven, bezahlt oder abgearbeitet hatte. Diese Zahlung wurde dem Ehemanne überwiesen, der außerdem das Recht hatte, sein Weib zu behalten, also daß man sagt: er habe zwar ein ungeachtetes Weib geheiratet, aber doch eine gute Sache erworben.

Im übrigen tritt auch für den Burschen mit der Verehelichung kein so großer Wechsel der Lebensführung ein. Er arbeitet weiter im Interesse der Sippe, und erst dann, wenn der Vater etwas altert und der Bursch etwas erfahrener ist, mag letzterer selbst bestimmen, welche Arbeit und Tätigkeit die wichtigste für den Augenblick ist. Immerhin muß er doch jeden Morgen den Vater begrüßen und ihm mitteilen, was er im Laufe des Tages im Interesse des väterlichen Sippenbesitzes an Arbeit vornehmen wolle.

Aber derart erweitertes Bestimmungsrecht nimmt seinen Anfang nicht unbedingt mit der Verehelichung des Sohnes, und die Abhängigkeit schwindet erst mit abnehmender Geistes- und Körperkraft des alternden Vaters. Nun nehme man aber ja nicht an, daß in jener noch nicht lange verstrichenen, älteren Zeit der Zeitpunkt der Verehelichung sehr früh lag. Mädchen übten den Beischlaf mit dem Bräutigam nicht vor dem 16. oder 17. Jahre, Männer schlossen die Ehe nicht vor dem 21. oder 22. Jahre.

Dabei betonen alle, daß in dieser Zeit absolute Keuschheit geherrscht habe und daß im allgemeinen die Männer bis zur Verehelichung ebenso keusch und unberührt vom Geschlechtsleben blieben wie die Mädchen. Ich habe diesen Angaben keinen Glauben schenken wollen; dann hat man mir diese Zeit der Sittenreinheit näher beschrieben: "Das ist der einzige Fürst Mori von Kankan - er ist ein Herr gegen 6o Jahre. Er hat bis zum 30. Jahre nicht geheiratet und kein Mädchen angesehen. Und doch war sein Vater reich genug und auch gern zu allem bereit. Aber Mori war entweder daheim und studierte mit den Marabuten die Schriften oder er war im Kriege. Jetzt würde das nicht mehr vorkommen." So lautete ein Bericht. Mir wurden viele, viele Beispiele aufgezählt. Ich kann nicht daran



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zweifeln; was ich da hörte, waren Berichte aus einem patriarchalischen Zeitalter.

Vielleicht antwortet der europäische Städter: "Das behauptet jeder, so keusch zu leben - und hinter der Scheune nimmt er heimlich; der eine schwindelt immer dem anderen keuschen Lebenswandel vor. Schon für unseren kalten Norden wäre solcher Zustand nicht anzunehmen, wieviel weniger für den heißen und hitzigen Süden!" Dieser Widerspruch würde der Anschauung unseres Volkes und wohl auch der Wissenschaft entsprechen. Ich selber habe ihn erst aufgeworfen und ungläubig gelacht. Aber ich habe mich durch viele Einzelheiten überzeugen lassen. Es gibt da Verschiedenes zu bedenken. Einmal nämlich ist ein heimliches Liebesleben in einem afrikanischen Gemeindeleben eine fast unmögliche Sache. Es ist unglaublich, wie genau ein jeder das Leben des anderen übersieht und kennt und davon auch Bericht erstattet. Es weiß jeder jedes vom anderen, und kein Schritt ist unbeachtet; wenn die Mädchen und Frauen auf die Felder gehen, so tun sie das nur in kleinen Trüpplein und nie einzeln. Geht der Weg weiter, so gehen Alte oder mehrere Männer mit. Also mit der Heimlichkeit ist es weder im Dorfe noch im Heu etwas.

Zum anderen paßt diese Keuschheit und die lange Erhaltung der Unschuld so völlig in das Gesamtbild dieses archaistischen, verknöcherten Patriarchalismus, daß sie kaum daraus entferntwerden kann. Denn für unser Zeitalter kann man es sich ja auch kaum als möglich vorstellen, daß es heute noch Völker gäbe, bei denen der Sohn der Diener seines Vaters bis zu dessen Tode ist. Das Völkerleben ist seit den Zeiten des Patriarchen nicht nur in Mesopotamien und Palästina flüssiger geworden; man kann es kaum mehr glauben, daß es ein Volk mit solchem abgeschlossenen, der Sippe entsprossenen Gemeinwesen gibt; und doch wird der Sittenzustand der älteren Malinke, wie er noch vor 50 Jahren bestand, so haarscharf umschrieben, daß nichts an dieser Eigenart weggeleugnet werden kann.

Die Bestattung.

Das, was ich von den heute allgemein geübten Bestattungssitten der Malinke erfuhr, zeigt, daß diese Sittengruppe einen sehr starken Prozentsatz islamischer Riten übernommen hat*. Sobald ein Mensch gestorben und die Nachricht von dem Ereignis nach den verschiedenen Himmelsrichtungen gesendet

* Die altursprüngliche Bestattung der Malinke war noch bis vor kurzem im Lande Gonnu-Kurru und Konkodugu von den Kumaga-siu geübt. Hier, zwischen dem Senegal und Futa Djallon bewohnen sie noch sippenmäßig getrennt die Bergspitzen. Ihre Toten hüllen sie in Ochsenhäute und setzen sie in Berghöhlen bei.



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ist, wird er zweimal gewaschen, einmal mit Ndji djugu, gewöhnlichem Wasser, und dann mit Salindji, d. h. dem Wasser, das dadurch heilig wurde, daß die großen Marabut sich vor dem Gebet darin wuschen. Nach der doppelten Wäsche legt man den Leichnam auf eine Matte, damit er abtropfen kann, und sobald er ganz trocken ist, wickelt man ihm zwei bis sieben und mehr Stoffstücke um. Je wohlhabender, desto mehr Stoff. Alsdann wird er auf den großen Platz getragen.

Inzwischen sind schon aus der Nachbarschaft Leute gekommen, die beim Ausheben der Grube helfen. Erst wird ein Kanal in die Tiefe, dann aber ein Querkanal unter der Erde nach der Seite geführt. In diese Seitenhöhle wird noch am gleichen Tage der Leichnam gebettet. Wenn es ein König war, der starb, so sendet jedes benachbarte Dorf zwei Totengräber, so daß ein großes und tiefes Erdwerk geschaffen werden kann. Außerdem beginnt in solchem Falle sogleich ein mächtiges Bereiten von Nahrungsmitteln, denn es werden viele, viele Fremde aus der Gegend zusammenströmen. Der Bruder oder Sohn des verstorbenen Herrschers schlachtet zwei bis zehn und mehr Ochsen und läßt das Fleisch in den einzelnen Haushaltungen verteilen, denen dann die Aufgabe zufällt, für die Fremdlinge Brei zu bereiten.

Auf dem großen Platze, auf dem die Leiche ausgestellt ist, versammeln sich inzwischen die Marabut, an deren Spitze der Leiter derselben Aufstellung nimmt, während sich die anderen wie bei jedem großen Salaam in langer Reihe gliedern. Dieser Totensalaam wird stehend absolviert. Die Hände werden seitwärts der Brust in der Höhe der Schultern mit gespreizten Fingern und nach vorn gewendeten Handflächen gehalten. Der erste Marabut dankt laut Gott, daß er den König (oder sonstigen Toten) seinerzeit schuf, ihm ein langes, ehrenreiches Leben und guten Namen gab und ihm nun erlaubt, in das Land der Seligen einzugehen. Darauf wendet er sich an das versammelte Volk und fragt, ob der Tote irgendeinem oder ob irgend jemand dem Verstorbenen etwas schulde. Alle Verpflichtungen müssen hier genannt, vertreten und auch geregelt werden, wobei der erste Erbe des Toten als Gläubiger oder Schuldner alle Verpflichtungen übernimmt. Ist dieses erledigt, so wird der Tote in seine Höhle gebettet, und dann wird das Grab geschlossen, indem jeder Anwesende einige Hände voll Erde hineinwirft. — War es ein König oder sonst ein angesehener Mann, so wird das Grab im Dorfe, sonst vor der Ortschaft angelegt.

Darauf folgen Gebets- und Volksfeste, zuerst am Tage nach dem Tode und der Bestattung das Sufollo Saraka, das einen Tag währt, und eine Woche später das ausgedehntere Tiliwolungala Saraka. Den Marabut, die zu diesem Feste kommen, macht man Geschenke



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an Fleisch und Kola, sobald sie ankommen, damit sie sich sogleich heimisch fühlen. Außerdem folgen fröhliche Leichenschmausereien.

Während dieser Feste singen dann, wenn der Verstorbene kein Marabut war, die Dialli zur großen Sorong (Gitarre), die ich leider nicht sah. Sie erzählen und singen die Geschichte der Sippe des Verstorbenen und berichten über sein eigenes Leben, seine Kriege usw. Es ist sehr wünschenswert, daß man bei Lebzeiten sich möglichst gut mit den Dialli stellt und ihnen häufige Geschenke macht, damit sie bei dieser Gelegenheit den eigentlichen Ruhm für die Nachwelt gründen. Deshalb zahlen die Erben den Sängern auch bei den Leichenschmausen größere Beträge als Geschenk. — Dieses ist, glaube ich, die große und starke Quelle, aus der alle jene Adern fließen, die wir so emsig aufsuchen und deren genaue Kenntnis uns vielleicht noch die Möglichkeit gibt, die ältere Geschichte des westlichen Sudan zu rekonstruieren. Denn was hier gesungen wird, geht als Gemeingut in den geistigen Volksbesitz über, und bei jedermanns Tode wird die Geschichte seiner Sippe, seiner Familie, das Leben und Wirken vom Vater, Großvater bis in früheste Zeiten hinauf geschildert und so die allgemeine Kenntnis erweitert und vertieft. — Gelegentlich des Todes islamischer Glaubensangehöriger singen die Dialli heute nicht mehr. Also wird diese Quelle sehr bald versiegen, auch schon aus diesem Grunde.

Während Sorong und Balafon klingen, wird die Erbschaftsverteilung vorgenommen. Der Bruder erhält die Frauen und Kleider des Toten, unter die Söhne wird alles andere Hab und Gut, also Geld, Äcker, Vieh usw. geteilt, und zwar tritt keinerlei Bevorzugung des Erstgeborenen ein, außer wenn es sich um den Antritt einer Reichs- oder Dorfherrschaft handelt. Ist ein König jung gestorben, so daß seine Nachkommen noch Kinder sind, so verwaltet der Bruder des Herrschers das "Reich" und alle privaten Besitztümer, bis die Kinder erwachsen sind. Sehr oft treten allerdings dann kleine Vergeßlichkeiten ein und es mag so kommen, daß die Herrschaft nicht wieder in die Königslinie zurückkehrt, sondern ein für alle Mal in dem Stamme des Erbschaftsverwalters bleibt. — Stirbt irgendein Mensch ohne alle Verwandtschaft im Dorfe und ohne daß jemand in der Nähe einen Verwandten kennt, so greifen die Alten sein Besitztum und geben es dem Dorfchef zur Verwaltung. Der Dorfchef muß das Gut drei Jahre lang verwalten und darf es selbst während dieser Zeit nicht nutznießen. Sollte sich in diesem Zeitraume kein Erbe melden, erst dann fällt es ihm als Besitz zu. Der Volksausdruck sagt: "Der Dugutigi darf das Erbe dann essen."


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