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ERZÄHLUNGEN AUS DEM WESTSUDAN

HERAUSGEGEBEN VON LEO FROBENIUS

1922

VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS/JENA



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TITEL- UND EINBANDZEICHNUNG VON F.H. EHMCKE

MIT DREI TAFELN


I. Kapitel: Dichtungen zweier Völker

im Widerspruch zu der egozentrischen Selbstverherrlichung eines ablaufenden materialistisch-auflösenden Jahrhunderts drängt jetzt die Sehnsucht zur Wiedererstarkung seelischer Gestaltungskraft, schweift das Auge über den eingeengten Horizont in die Ferne, greift Leben, keimendes, sprossendes, blühendes Leben heischend zu den Primitiven - wieder zu den Primitiven -, nun aber nicht mehr gleich einem Rousseau von einem vorgebildeten Ideal ausgehend, sondern mit dem Streben, fremde Ideale zu erleben. Der Periode der erdumspannenden Weltwirtschaft folgt die Periode der Weltdurchdringung, des Welterlebnisses. Aus der Zeit einer bis zur physiologisch-psychologisch wissenschaftlich ausgebildeten Icherkenntnis wächst eine Zeit der tiefinnerlichen Heimsuchung des "Du", des "Ihr", der "Andern", des Lebens überhaupt.

Im vergangenen Jahrhundert bauten wir eine Entwicklungsgeschichte der Stilformen unserer eigenen zeitlichen und räumlichen Umwelt: wir erfaßten die Stilformen, wir schufen uns Werkzeug - früheren Zeiten ungeahntes, zweckmäßig und kunstvoll gebildetes, aber gerade deshalb nur wieder in zunftmäßig berufener und geschulter Hand wirkungsstarkes Handwerkszeug. Wehe dem, der dieses Handwerkszeug anwendet, nur gedrängt von Sehnsucht und nicht auch geschult, — der nur geschult im Geiste, nicht aber berufen zum Zünftigen! Dieser trägt nämlich bei zur Vernichtung jedes Lebenden und zur Verhinderung jedes Keimens, jener andere aber zur abermaligen Zerstörung der Frühlingskeime einer neuen Kulturperiode gleich einem Jean-Jaques Rousseau.

"Il y a un siècle et demi à peine que des philosophes, fort ignorants d'ailleurs de l'histoire primitive de l'homme, des variations de sa constitution mentale et des lois de l'hérédité, ont lancé dans le monde l'idée de l'égalité des individus et des races.

Très séduisante pour les foules, cette idée finit par se fixer solidement dans leur esprit et porta bientôt ses fruits. Elle a ébranlé les bases des vieilles sociétés, engendré la plus formidable des révolutions, et jeté le monde occidental dans une série de convulsions violentes dont le terme est impossible a prévoir" (Gustave le Bon).

Diese Philosophen ahnten als erste die unerschöpfliche Quellkraft des primitiven Paideuma (vgl. Leo Frobenius: "Paideuma, Umrisse einer Kultur- und Seelenlehre". C. H. Beck, München 1921). Sie brachten sie in eine Formel: Zurück zur Einheit der Natur! Die heutigen Verehrer des Primitiven berauschen sich auch wieder am



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Naiven, weil sie aus der Starrheit der Zivilisation zurückdrängen zur ungebundenen Lebenskraft der Natur. Noch drängen sie zurück, noch nicht voran. Im Schwärmen erleben sie freilich noch nicht die Wesenheit; sie umleben, umgaukeln, umspielen sie nur. Jedoch: sie fühlen das Gewaltige, und dies Gefühl ist gleichbedeutend mit dem Bedürfnis des Gemütes. — Der Boden ist also wieder bereitet.

Jene französischen Philosophen suchten als erste den Gegensatz des "wir und die Barbaren" aufzuheben. Auch sie drängten heraus aus einer Zivilisation. Sie gelangten mit ihrem hamitischen Höhlengefühl zu der "idée de l'égalité des individus et des races". — Unserer Zeit war es vorbehalten, der "Gleichheit" des Höhlengefühis, das mit dem Weitengefühl verbundene Individualitätsphänomen, die Eigenart, die Vielheit gegenüberzustellen. Das aber ist gleichbedeutend mit einer Philosophie des Stiles.

Solche Betrachtung scheint mir im Beginn dieses Bandes, der den Abschluß der Fabelkunst des Sudan einleitet, sehr wohl am Platze. Vorher geht die Sagen- und Mythenbildung, die mythische und die epische Kunst. Hier beginnt die Wiedergabe der eigentlichen Volkserzählung des Sudan, die mit dem nächsten Bande abschließt.

In der mythischen und epischen Dichtung wirkt der Stil so stark, so unmittelbar lebensstark, daß jedes weitere Wort überflüssige Zutat bedeutet. Mit den Volkserzählungen der verschiedenen Sudanvölker tritt aber aus einem einheitlichen Hintergrunde weitgehende Feingliedrigkeit in der Stilbildung hervor. Diese Stil.. varianten haben alle etwas Gemeinsames, sobald man sie im Gegen.. satz zu den Erzählungen der Kabylen oder der Kordofaner betrachtet, sie sind aber verschiedenartig, wenn sie untereinander verglichen werden. Deshalb sind sie in diesem Sinne für die Behandlung des Stiiproblems unvergleichlich bedeutsamer.

Die äußeren Gegensätze.

Im V. und VI. Bande lernten wir den auf den Staatsbau beruhenden Unterschied der Kultur der Mosssi und der Mande kennen. Hier nun das Gegenstück, das Bild des Tageslebens.

An zwei verschiedenen Örtlichkeiten wirkt sich das Leben der Mande aus: in der von einer Mauer (= tata) umgebenen Stadt (= dugu; größere Stadt = suba; ba =groß) und im Farmgehöft (=senebugu; bugu = eine aus Stroh gebaute Hütte; sene =Acker), In der Stadt hausen mehrere Horro (Adlige; siehe Band VI), jede Sippe in einem Gehöft, in den Farmorten, die je einer "Adelssippe' gehören, die Bauern. Der Adel wohnt aber nicht nur hinter der Tata. Er zieht, wenn Ackerbestellung oder Ernte nahen, in die Farm



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dörfer und legt da mit Hand an. Auch sonst ist das Leben der adligen Sippe sehr innig mit den Farmweilern verbunden. Die trächtige Hündin und Kuh und die Frau, die guter Hoffnung ist, ziehen in die nahrhafte und arbeitsame Feldgemeinschaft, deren Strohhütten somit nicht nur den unmittelbaren Segnungen der Mutter Erde dienen.

Das Leben in diesen Farmgehöften spielt sich in direkter Einfühlung in die starke Sudannatur, in unendlicher Poesie -und mit einem Frohsinn ab, der etwas Ergreifendes hat. Nach harter Tagesarbeit ein heiteres Lachen, Hätscheln der Tiere und Kinder, bei jedem Mondschein ungebundenes Tanzen und Jubeln, nach der Ernte tüchtiges Pokulieren, das vereint hier die Herren mit den Knechten, die arbeitsfrohen Männer und Frauen. Hier verschwindet die Kaste. Nur die Altersklasse zeigt hier Gruppen und Schichten. Gastlich gegen Freunde, gebefreudig bis zum Kommunismus untereinander, sind die Leutchen in einem ständigen Tauschen und Besitzwechsel. Der Geiz und die Hypochondrie müssen sich hier mit Spott und Lachen abfinden und gewinnen keinen Boden. Die trockene Herbstzeit nach der Ernte vereint die Männer zur Jagd, und die dieser folgenden Festmahle verlaufen zum mindesten ebenso heiter und vergnüglich wie bei den nur etwas zeremonielleren, sonst aber gleichen Einrichtungen unserer Breiten.

Anders das Leben in der Stadt. Hier ist der Horro ganz adlig, wenn auch nicht im Sinne einer blasierten Zurückgezogenheit. Derselbe Herr, der draußen in den Farmen das gleiche Arbeitshemd wie sein Knecht trägt, ist hier in ein lang wallendes Gewand gehüllt, sitzt auf einem Ehrenplatze und empfängt, umgeben von einem kleinen Hofstaat, seine eigenen Leute, durchreisende Freunde und vor allem Kaufleute (Wanderkaufleute = diulla), mit denen er über Politik spricht, richterliche Funktion übt und Geschäfte macht.

Diese kleinen und größeren Städte sind stets im Knotenpunkt großer Straßen gelegen, und allerhand fahrendes Volk vereinigt sich mit seinen Reitstieren, Packochsen, Pferden und Trägern hier, um am andern Tage wieder auseinander zu fließen. Dann aber sind diese Orte auch sonst Mittelpunkte des geistigen Lebens. In alten Zeiten waren es angesehene Hörige, die die Jugend im Lanzenstich, Schwerthieb und ritterlicher Gebarung unterwiesen, heute der Mauern oder Marabut, der der Jugend Lesen und Schreiben und die Gedanken der islamischen Rechtsanschauung einpaukt. Daneben gedeiht aber auch heute noch die Einrichtung der von den Alten geleiteten Geheimbünde (siehe Bd. VII) und mit ihr die Lehre von den Dämonen des sozialen Organismus und der nicht nur naturhaften Umwelt. Damit aber wird die Mande-Kultur noch



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immer in der Erhaltung der Tradition der Vorzeit lebendig gestärkt und in dem harmonischen Entwicklungsgange erhalten.

Ganz anders das Volksleben der Mossi. Das Mandeleben ist homogenisiert. Hier ist eine Kultureinheit erreicht, die den Mossi fehlt und - unerreichbar ist. Denn der Mossi ist feudal, feudal bis in die Knochen, feudal nicht nach den schönen fruchtbaren, sondern nach den häßlichen, zerstörenden Tendenzen des Rittertums. Der eigentliche Mossi ist nicht und nie Bauer, sondern stets nur Herr und - Skiavenräuber gewesen (gewesen, denn seit der französischen Invasion ist natürlich auch hier die natürliche Entwicklung der Gleichmachung anheimgefallen). Im Mossilande wurden die ursprünglich hier heimischen äthiopischen Stämme zu unterdrückten Sklaven, zu den einzigen Produzenten, denen je nach Bedürfnis das Ergebnis der Arbeit ebenso entrissen wurde wie der Nachwuchs an Menschenleben.

So sind im Mossilande zwar Residenzen vorhanden, nirgends aber Kulturstätten. Es gibt auch Pomp des Adels, aber keine Handelsstädte. Denn sehr ungern nur zogen noch im letzten Jahrhundert Kaufleute in dieses Land der Raubritter, und die Mande (hier Jarsi genannt), die in früherer Zeit hier stark eingesickert waren, assimilierten sich dem Mossitume mehr und mehr, so daß das Mossiland zuletzt nur noch aus Unterdrückern und Unterdrückten bestanden hätte, wenn die Tüchtigkeit, die der äthiopischen Rasse eigen ist, nicht doch zuletzt durch das Übergewicht ihrer religiösen Tugenden den Sieg davongetragen hätte.

Das aber ist außerordentlich bezeichnend: daß das bis vor ganz kurzer Zeit noch heidnische Mossitum keine geistige Bildung aus Mossikeimen hatte, sondern ganz von der geistigen Kraft der Äthiopen lebte. Die tellurisch-manistische Religion ward nur gepflegt von äthiopischen Priestern der Mutter Erde (Erde = tenga: der Oberpriester also tenga-soba usw.). Aller Totendienst lag in ihren Händen, alle Kultstätten waren altäthiopisch. Äthiopische Priester fertigten aber auch die Amulette und Zaubermittel an, und so mußte selbstverständlich diese tiefinnerliche Religion der Äthiopen in der Einwirkung auf die Mossi bei diesen ihre Reinheit und Erhabenheit einbüßen und zu einer ziemlich wüsten Taumelei in Aberglauben werden (vgl. Kap. VII).

Gelacht wird auch im Mossilande. Aber dieses Lachen hat seine schaffende Kraft verloren.

Volksdichtung der Mande.

Dieses Lachen, diesen schöpferischen Frohsinn muß aber jede Betrachtung des Stiles der Mande-Volksdichtung in den Vordergrund stellen. So bin ich denn bei der Aufnahme des vorhandenen Materials an erster Stelle auf



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"Übertreibungen des Lebens"gestoßen, in denen so recht die Jubelstimmung der Farmweiler zum Ausdruck kommt. Die "Übertreibungen" und "Unwahrscheinlichkeiten" knüpfen zunächst an das Motiv der Wandergenossenschaft an, deren alte Motivfolge (vgl. z. B. Nr. 6 und Nr. 21 in Bd. II) nur einmal bis auf den Schluß gut erhalten angetroffen wurde. Danach vergnügt die Erzählungskunst sich in naiven Spöttereien über das geschlechtliche Leben, über Gefräßigkeit und Geiz und steigt auf zur Verherrlichung der Überlegenheit durch List und Klugheit. Den Dummköpfen (Nr. 24) wird die Klugheit gegenübergestellt (Nr. 25). Bezeichnend ist die außerordentlich gute Vortragsweise und Erhaltung der letzten Stücke dieses Teiles. — Erhaltung, denn bei der Erfassung eines Stiles haben wir nicht nur das in Betracht zu ziehen, was ein Volk hervorbringt an neuen Motiven, sondern vor allem auch das, was es an von außen übernommenen Motiven aufnimmt und wie vor allem es sie umgestaltet. Ebenso wie wir ganz natürlich die Madonna eines Raffael von der eines Holbein in monumentalen Kulturen zu unterscheiden wissen und die Maler nicht der Geistesarmut anklagen, weil sie immer die gleichen Motive wiederholen, ebenso werden wir die Erhaltung und Vortragsweise in den verschiedenen Stilen der Primitiven zu bemerken lernen müssen.

Die gleiche Steigerung im Sinne einer freudigen Verherrlichung der List und der Klugheit fällt in der zweiten Gruppe der "Erfahrungen des Lebens" auf. Nr. 44 ist glänzend übernommen, ebenso Nr. 45 und 46. Hier erreicht die Vortragskunst eine hohe Stufe. Typisch ist es, daß gerade diese feineren Stoffe sich in den größeren Städten, dem Norden zu, und bei den Wanderkaufleuten erhalten haben und durch sie zur Volkskunst wurden. Das zeigt, über welche Kanäle der Kulturaufnahme das Mandevolk verfügt. Bis zu den naiven Farmbauern ist diese Kultur noch nicht vorgedrungen.

Solche Unterschiedlichkeit zeigt auch die dritte, die Hauptgruppe: "Das Leben im Tierbild". Die schlichteren Formen (am Anfange der Reihe) fand ich in den Farmweilern, die entwickelteren (gegen Ende der Reihe) in den Städten. Prüfen wir diese Sammlung, so wird eine außerordentliche Vollständigkeit des Reinicke-Romans bemerkbar. Wir stehen vor dem eigentlichen Gros der Volkserzählung der Mande. Reinicke ist der Held in Nr. 47-58, Gierschlung (hier Surukku) in 59-68. Die aufsaugende Kraft der Tierfabeldichtung der Mande wird besonders klar, wenn wir 68 hier mit Nr. 87 der Kabylen (Bd. II) vergleichen. Der Wolf nimmt hier die Stellung der kabylischen Teriel an. Alles in allem: hier liegt das Hauptgebiet der Mande-Volksdichtung vor.

Demgegenüber fällt die "Zierkunst des Lebens" stark ab. Das



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Märchen ist schwach entwickelt. Zwar sind schon Nr. 90-103 märchenhaft gebildet. Die Freude an der Tatsächlichkeit des Lebens ist aber doch tonangebend. Hier ist die Plejadenmythe (Nr. 86) und der Drachenkampf (Nr. 87) stark verkümmert, und zeigt, daß wir hiermit (im Gegensatz zu den Mittelmeerkulturen) auf unfruchtbares Gelände kommen. Bezeichnend ist es, daß ich für das Aschenbrödelmärchen (Nr. 91) den Schluß nicht erreichen konnte. Die westliche Fabel von den Gewittergeschwistern (Nr. 95 und 96) ist gut erhalten, aber die kosmogonische Höhe (Nr. 97) sinkt wieder in fröhliches Alltags- und Tatsachenleben zurück.

Volksdichtung der Mossi.

Viel Mühe verwandte ich auf ihre Erkundung, und der Erfolg ist kein bedeutender*, sehr klar dagegen das Stilbild.

Im Vordergrund steht auch hier die Tierfabel, und zwar nicht nur was die Zahl, sondern auch was die Wiedergabe anbelangt. Den 16 Tierfabeln schließen sich fünf Varianten der Wandergenossenschaft und Wundermenschen an. Aus den Erfahrungen des Lebens spricht nur Nr. 119. An eigentlichen Märchen folgten nur zwei Varianten der Aschenbrödelgruppe (Nr. 120 und 121), dann die Gewittergeschwisterlegende (Nr. 122) und schließlich das Bruchstück der Schöpfungsgeschichte.

Der innere Gegensatz.

Ein Vergleich der Volkserzählungen der Mande mit denen der Mossi zeigt zunächst eine große Übereinstimmung. Beiden ist die Tierfabel bester Nährboden; beiden ist das Humoristische an Übertreibungen ein Genuß; beide sind wenig zur Märchenbildung geeignet. Ihre Stärke liegt im Humor.

Diese Übereinstimmung gewinnt noch an Interesse nach folgender Wahrnehmung: Die Alibaba-Höhlengeschichte ist bei den Mande in Nr. 56 und 57, bei den Mossi in Nr. 103 und 104 erhalten. Ein Vergleich aller vier Stücke ergibt, daß Nr. 56 der Nr. 103, Nr. 57 der Nr. 104 entspricht. In ersteren beiden ist der Einbruch in eine Höhle oder ein Schatzhaus klar erhalten, in den andern beiden ist es aber sehr merkwürdig, daß der Hase in den Anus einer Kuh oder des Elefanten schlüpft, ohne daß diese Tiere das merken. Denn wenn es auch Fabelkunst ist - für die ursprüngliche Vorstellung ist dem nicht ganz kleinen Hasen dieser Torweg doch ein wenig eng und schwierig.



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Nun findet sich die wesentlich gleiche Erzählung bei den Temne an der Sierra-Leona-Küste, bei denen aber überhaupt nicht der Hase, sondern die Spinne durchgehend der Fabelheld ist. Für eine Spinne aber ist der entsprechende Eingang in den Leib eines großen Tieres, ohne daß dieses etwas von dem Gaste wahrnimmt, durchaus denkbar. Die Mande stehen nun seit uralten Zeiten mit den Westküstenvölkern, mit denen sie Männerhaus, Geheimbundinstitutionen und vielerlei Geräte gemeinsam haben, in enger kultureller Verwandtschaft, so daß wir diese Version Nr. 57 als eine von dort empfangene Anregung ansehen und dann schließen dürfen, daß die Mossi sie nachher von den Mande-Jarsi übernommen haben.

Derart betrachtet, kommen wir in Anbetracht der großen sonstigen Ähnlichkeit und der Interesselosigkeit der Mossi zu der Möglichkeit, daß die ganze Volksdichtung der Mossi nichts weiter sei als Mande-Jarsi-Import, demgegenüber nur wenige Stücke (z. B. Nr. 105 stammt mit dem Kamel, das den Mossi selbst fehlt, sicher aus den Haussaländern) von anderer Seite kommen, keines aber im tieferen Sinne ursprüngliches Mossibesitztum sein dürfte.

Von solchem Gesichtspunkte aus die vorliegenden Materialien prüfend, findet man weitgehende Bestätigung, vor allem: ursprüngliche Originalität, die bei den Mande so reich wirkt, fehlt. Die Volksdichtung der Mossi ist ein Spiegel jener der Mande. Die Mande übernahmen auch einen großen Teil der Motive, d. h. die Materie der Volksdichtung von anderen Völkern; sie bewirkten aber die eigentliche Dichtung doch selbst. Der Stil der Mandevolksdichtung ist produktiv; die Mossi bildeten nur nach, kopierten nur; ihr Stil ist lediglich reproduktiv.

Das Ergebnis stimmt genau überein mit anderweitigen Beobachtungen. Die Mande schufen aus ihrer tatsächlichen Vergangenheit wirkliche Dichtungen (Sunjattalegende in Bd. V und Epen in Bd. VI), die Mossi nur traditionelles Bruchstückwerk (Bd. V). Die Mande bildeten gleich den Kassaivölkern Legenden der dämonischen Subachen aus; die Mossi übernahmen eine solche von den Jarsi (vgl. Bd. VII). Eigene Blüten, wie die dämonischen Dichtungen der Bosso-Sorokoi oder die der Haussa, konnten auf dem Volkstum der feudalen Mossi ebensowenig gedeihen wie eine eigene Religion.

Das ist der stilistische Gegensatz, der die ersten beiden Volkserzählungsweisen der Sudaner unterscheidet.


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