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Kapitel 

SPIELMANNS GESCHICHTEN DER SAHEL

HERAUSGEGEBEN VON LEO FROBENIUS

1921

VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS/JENA



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MIT EINER KARTE DER SAHARA UND

EINER BILDERTAFEL / TITEL- UND

EINBANDZEICHNUNG VON F. H. EHMCKE


19. Die Gründung Bandiangaras (Tembelelegende)

Ein Jäger namens Nangaba, vom Stamme der Tembele, kam aus dem Dorfe Gauda Kilemma. Er war mit einem Hunde bis zu einem Hügel westlich von Bandiangara gekommen. Er hatte seinen



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Bogen, Pfeile und ein Schälchen mit Pfeilgift bei sich. Es gab in diesem Lande damals noch kein Dorf. Nangaba kam mit seinem Hunde an einen kleinen Hügel. Er hatte sich einen Dorn in den Fuß getreten, setzte sich auf den Hügel und entfernte den Stachel. Inzwischen lief sein Hund im Busch herum. Er kam an den Fluß (nahe dem heutigen Bandiangara), wälzte sich darin herum und lief dann zu seinem Herrn zurück. Als der den nassen Hund ankommen sah, sagte er: "Es muß ein Wasser in der Nähe sein, sonst könnte der Hund nicht so naß sein." Nangaba folgte dem Hunde und fand den Fluß.

Als Nangaba an den Fluß kam, sah er, daß hier ein starker Elefantenwechsel war. Nangaba kletterte sogleich auf einen Baum, der über dem Wege emporragte und stellte sich eine Plattform aus Zweigen und Ästen her. Dann stieg er wieder herab. Er begab sich darauf nach dem westlich gelegenen kleinen Weiler Sa. In Sa wohnte nämlich seine Schwester Sa-beri. Sie war da mit einem Manne namens Gonge Kanda, vom Stamme der Uologe, verheiratet. Bis zur Nacht blieb Nangaba bei seiner Schwester. Als es Mitternacht war, kehrte er zurück an das Wasser und kletterte auf die Plattform, die er sich in den hohen Baum gemacht hatte.

Der Elefant, der diesen Weg gewöhnlich kam, pflegte vor Sonnenaufgang das Wasser zu besuchen, um zu trinken. Er kam auch an diesem Tage um die gleiche Stunde. Nangaba schoß seinen vergifteten Pfeil. Sein Pfeilgift war so stark, daß der Pfeil gar nicht das Wild zu treffen brauchte. Wenn er nur daneben in den Sand fuhr und einige Sandkörner gegen das Tier aufwarf, so wirkte das schon tödlich. Nangaba sang: "Mein Pfeil, verbiete dem Tiere weiterzugehen. Mein Pfeil, verbiete dem Tiere, in das Wasser zu treten. Mein Pfeil, halte das Tier doch fest!" (NB. Genau die gleiche Art, den glücklichen Pfeilschuß mit solchen lautgesungenen Worten zu begleiten, übten früher auch die Malinke.) Der Elefant fiel sogleich tot zu Boden.

Nangaba ging zurück in das Dorf seiner Schwester und sagte zu ihr: "Gib mir vier Mann zum Tragen." Seine Schwester rief vier Männer. Er sagte: "Gib mir noch vier Männer zum Tragen." Die Schwester rief vier Männer. Er sagte: "Gib mir noch vier Männer zum Tragen." Die Schwester rief noch vier Männer. Er sagte: "Gib mir noch vier Männer zum Tragen." Die Schwester sagte: "Da scheint es schon besser, ich rufe alle Männer des Dorfes zusammen." Nangaba sagte: "Ja, das, was ich geschossen habe, ist



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recht schwer zu tragen. Es können sich alle deine Leute daran sattessen."

Darauf gingen die Männer mit Nangaba hin und brachen den Elefanten auf. Sie zerlegten das Fleisch. Nangaba sandte Leute dahin, wo er sich den Dorn in den Fuß trat, und sagte: "Schlagt da oben Zweige und Aste, bringt dürres Holz herbei! Wir wollen von dem Fleische rösten." Die Leute taten so, und es ward ein Gerüst aufgebaut, auf dem man das Fleisch röstete. Nangaba sagte: "Sagt allen Freunden und Bekannten im Lande, wer von dem Fleische wolle, solle nur kommen und er würde genug erhalten."

So strömten viele Menschen zusammen. Nangaba tötete jeden Tag einen Elefanten. Er verteilte das Fleisch ringsum freigibig an jeden, der davon haben wollte. Es sammelten sich immer mehr Leute um ihn. Da sagte er eines Tages: "Ich möchte mich hier wohl anbauen, wem gehört dieses Land?" Die Leute sagten: "Das Land gehört den Leuten aus Sokolo Karambe, die hier zuerst ihr Feuer angezündet haben" (siehe die Karambelegende). Nangaba sagte: "Ich will mich hier niederlassen. Wenn andere Leute ein Dorf gründen, töten sie eine Ziege oder einen Hammel. Ich will aber einen Elefanten töten." Nangaba tötete einen Elefanten. Er baute sein Dorf.

Einer der Bekannten fragte in Ganda Kilemma Nangabas Mutter: "Wo ist dein Sohn?" Die Mutter sagte: "Er ist in Bandiangara" (d. h. in der großen [gara] Holzschale [Bandia]). So entstand der Name Bandiangara, und es waren die Tembele, die es gründeten. Als Tannä hatten die Tembele früher die wilden schwarzen Trauben und den Honig.


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