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Edda Erster Band Heldendichtung


Übertragen von Felix Genzmer /Mit Einleitungen und Anmerkungen von Andreas Heusler

Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1912


9. Gudruns Gattenklage

Mit diesem Gedichte kommen wir zu fünf Situationsliedern (sieh o. S. 12). Unser Poet erzählt keine Sage. Er nimmt sich aus der Brynhildsage eine kurze Zeitspanne: zwischen Sigurds Ermordung und Brynhildens großer Schlußszene. In diesen Zwischenraum legt er ein heroisches Idyll: Gudrun im Kreise ihrer Frauen; ohne Ortswechsel, ohne episches Geschehen. Auch die Nebenpersonen sind frei erfunden.

Ein seelisches Problem: wie wurde die vom Schmerz versteinerte Witwe (Nr. 10 Str. 10) zu der leidenschaftlich jammernden (Nr. 6 Str. 29)? hat unser elegischer Dichter mit innigem Einleben durchgeführt. Durch die wiederholten Verse in Str. 2,5 11 erreicht er eine musikalische Wirkung, und in Str. 13ff. findet er einen wundervollen Umschwung. Daß er nach dem aufgetauten Klagestrom der Heldin (Str. 18-22) noch die Feindin Brynhild zu Worte kommen läßt und damit aus dem sanften Moll seines Liedes herausfällt, muß man dem anklage- und verteidigungsfroben Geschmack dieser Spätblüte zugute halten.



***
1
Einst begehrte
Gudrun zu sterben:
Bei Sigurd saß sie
Sorgenvoll;
Sie schluchzte nicht,
Schlug nicht die Hände,
Sie weinte nicht
Wie Weiber sonst.



***
2
Kluge Jarle
Kamen zu ihr,
Die ihr das Leid
Lindern wollten;
Keine Tränen
Kannte Gudrun:
Ihr war so weh,
Sie wollte zerspringen.



***
3
Edle Frauen
Der Fürsten kamen,
Goldgeschmückte, Zu Gudrun hin;
Ihren Kummer
Klagten alle,
Den jammervollsten,
Den sie je erlebt.



***
4
Da sprach Gjaflaug,
Gjukis Schwester:
"Auf Erden bin ich
Die elendeste:
Ich mußte fünf
Männer verlieren
Und acht Brüder:
Noch immer leb ich."



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***
5
Keine Tränen
Kannte Gudrun:
Sie war so zergrämt
Um des Gatten Tod,
So kummerschwer
Ob des Königs Leiche.



***
6
Da sprach Herborg,
Die Hunnenfürstin:
"Ich hab noch berbern
Harm zu sagen
Sieben Söhne
Im Südlande,
Mein Mann als achter,
Mussten fallen.



***
7
Vater und Mutter,
vier Brüder
Waren im Wasser
Des Windes Raub
Wider den Bord
Die Brandung schlug.



***
8
Selbst besorgte ich,
Selbst schmückte ich,
Selbst begrub ich
Die Gesippen mein.
Alles erlitt ich
In einem Sommer;
Mir konnte keiner
Den Kummer lindern.



***
9
vom Feind ergriffen,
Gefangen im Krieg,
Sollt ich im selben
Sommer werden.
Schmücken mußt ich,
Die Schuh ihr binden,
Des Edlings Frau
Alle Tage.



***
10
Sie schalt mich oft
Aus Eifersucht
Und ließ mich harte
Hiebe spüren.
Besseren Herrn
Hatt ich niemals,
Doch nie so böse
Gebieterin."



***
11
Keine Tränen
Kannte Gudrun:
Sie war so zergrämt
Um des Gatten Tod,
So kummerschwer
Ob des Königs Leiche.



***
12
Da sprach Gullrönd,
Gjukis Tochter:
"Schlecht doch kannst du,
Kluge Pflegerin,
Zartem Weibe
Zuspruch sagen."



***
13
Enthüllen hieß sie
Des Helden Leiche;
vom Degen zog sie
Die Decke fort
und schob das Kissen
Vors Knie ihr hin:
"Schau den König!
Küsse den Mund,



Thule-Bd.01-091 Edda Heldendichtung Flip arpa

Als umhalstest du Heil den Fürsten!"



***
14
Auf sah Gudrun
Mit einemmal,
Sah des Recken Haar
Veronnen von Blut,
Erloschen des Königs
Lichte Augen,
Des Mutes Burg
Durchbohrt vom Schwert.



***
15
Die Königin glitt
Aufs Kissen nieder
Hinsank das Haar,
Heiß ward die Wange;
Ein Regenschauer
Rann ihr aufs Knie.



***
16
Da weinte Gudrun,
Gjukis Tochter.
Ihre Klagen
Klangen durchs Haus,
Und hell schrieen
Im Hof die Gänse,
Schmucke Vögel,
Die die Frau hatte.



***
17
Da sprach Gullrönd,
Gjukts Tochter:
"Eure Liebe
Acht ich die größte
Aller Menschen
Die auf Erden sind
Glück gab es,
Gudrun, dich,
Fern und nah
Nur bei Sigurd."



***
18
(Da sprach Gudrun,
Gjukis Tochter:)
"So war Sigurd
Vor den Söhnen Gjukis,
Wie Gertauch steht,
Der im Grase wächst,
Wie ein lichter Stein,
Der am Stirnband glänzt.



***
19
Des Herrschers Recken
Hielten mich
Höher noch
Als Herjans Mädchen;
Nun bin ich gebeugt,
Den Blättern gleich
Der Trauerweide,
Um den Tod des Königs.



***
20
Auf der Bank entbehr ich,
Im Bette mein,
Den trauten Freund:
Das taten die Brüder;
Es taten die Bruder
Trauer mir an,
Ihrer Schwester
Schlimmes Wehn



***
21
So leer von Leuten
Das Land euch werde,
Wie ihr geachtet
Die Eidschwure!
Nicht sollst du, Gunnar,
Des Goldes walten:



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Es wird zur Hel Der Hort dich bringen, Da du dem Schwager Schworest den Eid.



***
22
Größre Freude
Erfüllte den Hof,
Als seinen Hengst
Sigurd schirrte
Und auf sie brachen,
Brynhild zu frein,
Zu übelm Ausgang,
Die Unselige."



***
23
Da sprach Brynhild,
Budlis Tochter:
"Mann und Kinder
Misse das Weib,
Das Gudrun Tränen
Gegeben hat
Und heute morgen
Den Mund ihr löste!"



***
24
Da sprach Gullrönd,
Gjukis Tochter:
"Schweig, verhaßte,
Mit deinem Geschwätz!
Ein Fluch warst du
Den Fürsten stets;
Ein Unheil nennt
Dich alles Volk."



***
25
Da sprach Brynhild,
Budlis Tochter:
"Alles Unheil
Atli uns schuf:
(Er gab mich Gunnar,
Gjukis Sohne,
Der vor unsern Saal
Mit Sigurd ritt.)



***
26
Diesen Besuch
Sollt ich büßen;
Der Anblick schuf mir
Ewiges Leid,
Als in der Halle
Des Hunnenvolkes
Des Wurmbetts Feuer
Am Fürsten wir sahn."



***
27
Sie stand am Pfeiler,
Stemmte die Glieder;
Es brannte Brynhild,
Budlis Tochter,
Glut im Auge,
Und Gift schnob sie,
Als sie Sigurds Wunde
Sehen mußte.



Copyright: arpa, 2015.

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