Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

NACHWORT

zu den Märchen der Zigeuner Südosteuropas*

Daß die meisten der in diesem Band dargebotenen Zigeunermärchen aus Südosteuropa stammen, ist kein Zufall. Der südosteuropäische Raum ist die Heimat der Zigeuner in Europa. Hier sind sie im Vergleich zu anderen Teilen der Erde zahlenmäßig am stärksten vertreten und von hier durchzogen sie, seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar, in großen Scharen immer und immer wieder den Kontinent. Im Gegensatz zu Mittel- und Westeuropa wurden sie auf der Balkanhalbinsel behördlicherseits als Volk weder gejagt noch hart verfolgt. Hier duldete man sie, hier fanden sie als Musikanten, Hufschmiede, als Verfertiger von allerlei häuslichem Gerät, wie Löffeln, Körben, Sieben, Kämmen, Spindeln, Mulden, und als Ausübende niedriger Dienste einen modus vivendi mit der einheimischen Bevölkerung. Von ungestümem Wandertrieb beseelt, durcheilten sie, und ganz besonders die Kupferschmiede und Kesselflicker, mit Pferd und Wagen die Lande. Daher war denn auch hier der persönliche Kontakt mit ihnen äußerlich viel menschlicher als bei uns, wo man noch heute einen großen Bogen um sie macht, wenn man ihnen begegnet.

Sie halten sich streng vom Wirtsvolk abgesondert, eheliche Verbindungen mit den Bewohnern des Landes kommen höchst selten vor. Der Zigeuner weiß sich dem Wirtsvolk gegenüber sozial unterlegen. Bei aller Wahrung der Distanz unterhält sich der einheimische Südosteuropäer mit ihm, macht Witze über ihn, verspottet oder verprügelt ihn, ohne daß in ihm als dem Opfer irgendein Rachegefühl aufkommt In seiner Ohnmacht läßt er mit Gleichmut alles über sich ergehen. Selbst in den Konzentrationslagern bewahrte er Frohsinn, Tanz und Scherz. Er bleibt stets, was er ist, ein stolzer, selbstbewußter Zigeuner, der sich o rom »der Mensch« nennt (fast alle Naturvölker haben die Selbstbezeichnung »die Menschen«) und für alle Nichtzigeuner den verächtlichen Namen o gadzo oder e gadzi »Fremde, Barbaren, nicht zu ihm Gehörige« hat, als sei er sich selbst genug. In vielen Anekdoten, denen stets selbsterlebte Situationen zugrunde liegen, sucht er vor sich selber durch Wendigkeit seine Überlegenheit über den leicht zu überlistenden Tölpel-gadzo zu erweisen. In dieser gedrückten sozialen Lage gedeihen Zigeunerwitz und -schwank, von dem uns Friedrich 5. Krauss in seinem 1907 erschienenen Buch »Zigeunerhumor« herzerfrischende Kostproben gegeben hat. In Südosteuropa kann sich fast ungehemmt echtes Zigeunertum noch naturhaft auswirken. Hier erhielt sich Zigeunertradition viel lebendiger, hier fließt der Born seiner Märchen reichlich. Aus dieser Südostecke Europas mit noch ursprünglichem Volkstum kommen wohl denn auch die schönsten Zigeunermärchen.

Eine schriftliche Fixierung des Erzählgutes durch Zigeuner selber gibt es nicht, alles ist mündliche Überlieferung. Und wenn viele von ihnen auch heute schriftkundig sind, so fällt es keinem ein, das von ihnen für andere als wertlos Erachtete niederzuschreiben. Außerdem war es bis vor kurzem noch tabu. Das vorhandene, noch lange nicht ausgeschöpfte Märchengut der Zigeuner ist daher ausschließlich von Nichtzigeunern aufgezeichnet und gesammelt worden:

Für die ungarischen Zigeuner ist der siebenbürgische Gelehrte Heinrich von Wlislocki kompetent, der durch seine Aufnahme in einen Zigeunerstamm tiefe Einblicke (1880-1890) in das Zigeunerleben gewinnen konnte, für die rumänischen Zigeuner Barbu Constantinescu, ein Bukarester Theologieprofessor, der unter Hintansetzung jeglichen persönlichen Interesses unter Zigeunern seines Landes die in diesem Band übersetzten Märchen sammelte (1878) und sich um die Auffindung autochthonen Wortgutes (u. a. um Ausdrücke für Frosch, Schildkröte) bemühte. Der rumänische Volkskundler Moses Gaster, der seit 1885 in Oxford und London lehrte, veröffentlichte einige Märchen aus Rumänien; Miss Dora E. Yates eines in der Festschrift für ihren Lehrer John Sampson (1923). Ich selbst hatte während meines fast zehnjährigen Aufenthaltes in Rumänien Gelegenheit, den ungeahnt reichen Schatz an Märchen, den die walachischen Zigeuner besitzen, zu bewundern und wenigstens einige der Vergessenheit zu entreißen. Der Wiener Siavist Franz von Miklosich benutzte für seine philologischen Arbeiten 1872-1880 Zigeunertexte aus der Bukowina u. a. Wohl der beste Kenner der Zigeunerdialekte südlich der Donau, B. J. Gilliat-Smith, sammelte gelegentlich seiner Missionen in verschiedenen Ländern, besonders aber in Bulgarien. Der griechische Arzt A. G. Paspati gibt uns eine Vorstellung von den Märchen der türkischen Zigeuner der europäischen Türkei in seinem 1870 erschienenen Werk »Les Etudes sur les Tchinghianés de l'Empire Ottoman, Constantinople«. Rudolf von Sowa macht in seiner »Mundart der slowakischen Zigeuner« (Göttingen 1887) neun Zigeunermärchen bekannt. Während des Zweiten Weltkrieges und nach dem Kriege widmete sich der jugoslawische Forscher Rade Uhlik in seinem Vaterland der Sammlung von originalen romane parami& und Liedern, die er in Zigeunerisch aufzeichnete, sie serbisch übersetzte und viele davon dem Journal of the Gypsy Lore Society mitteilte: ein überaus wertvolles Material. Vereinzelt finden sich Märchen hier und da in Reisebeschreibungen, in Folklore-Zeitschriften und der der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft verstreut.

Die erste wissenschaftliche Sammlung von Gypsy Folktales gab Fjancis Hindes Groome 1899 in London heraus. Dieser Sammlung ebenbürtig, wenn auch gegen ihren Willen ohne wissenschaftlichen Apparat, reiht sich »A book of Gypsy Folktales« selected by Dora E. Yates, London 1948 an; es enthält 29 Märchen aus 11 verschiedenen Ländern und 15 aus England, Wales und Schottland. John Sampson sammelte unter Wallisischen Zigeunern und veröffentlichte im Journal of the Gypsy Lore Society Teile seiner Ausbeute, aus der Dora E. Yates »21 Welsh Gypsy Folktales« tales« in Buchform in Newtown 1933 herausgab. Gar! Herman Tillhagen ließ sich vom einstigen Häuptling aller Zigeuner in Schweden, namens Johan Dimitri Taikon, Zigeunermärchen und -geschichten erzählen, die in schwedischer Ausgabe 1946, in deutscher unter dem Titel »Taikon erzählt Zigeunermärchen« 1948 in Zürich herauskamen. Schließlich erfaßte nach dem Zweiten Weltkrieg der Dominikanerpater Chatard bei Lyon archivmäßig das gesamte geistige Zigeunerwissen Zankos, eines Kalderaschhäuptlings, von dem ein Teil in der Bearbeitung und mythenmäßigen Interpretierung von Michel Bernard veröffentlicht wurde (Zanko, Chef tribal chez les Chalderash: La tradition des Tsiganes, conservce par l'aristocratie de ce peuple, Paris 1959). Bei diesen letzten Sammlungen wird das Märchen vom Schwank und der Legende nicht immer getrennt. Oft fließen Elemente aller drei Gattungen ineinander.

Wie stark die Märchenwelt in der Phantasie dieses doch so realen Völkchens, fast möchte man sagen als Kompensation für sein nüchternes Dasein und hartes Schicksal, eine Rolle spielt, erkennt man in den Werken des bisher einzigen Schriftstellers zigeunerischer Abkunft Matéo Maximoff, dessen Erzählton in seinen Ursitory (Paris 1946) an den der Zigeunermärchen erinnert. Zwei weitere Romane von ihm sind: Le prix de la libert6 (1955), das das Sklavenleben der Zigeuner in Rumänien Mitte des 19. Jahrhunderts behandelt, und Savina, ein Roman (1957), der die russischen Zigeuner zum Thema hat. Im übrigen ist das Journal of the Gypsy Lore Society das einzige Organ in der Welt, das seit 1888 mit Unterbrechungen bis heute alle Erscheinungen aus der Welt der Zigeuner bespricht, Zigeunertexte veröffentlicht und stets auf hohes wissenschaftliches Niveau bedacht ist. Dafür garantiert Honourable Secretary Miss Dora E. Yates, die uneigennützige Betreuerin der Zeitschrift: The famous Romani Rani (rawnie) »Zigeunerherrin«, -kennerin.

Nur wer unter Zigeunern gelebt und gesammelt hat, wird ermessen können, welchen Aufwand von Energie, Überwindung und Geduld es kostet, einen wenn auch noch so kleinen Schatz an originalen Märchen aus Zigeunermund schriftlich aufzunehmen. Der Argwohn, den dieses Volk in jedem Fremden, der zu ihm kommt, wittert, muß erst überwunden werden. Zum Erzählen kann man den Zigeuner nicht zwingen. Ein glücklicher Augenblick gebiert eine Erzähistimmung, den muß man abpassen. Dann erst gibt er sich selbst, ohne Reflexion. Im Märchen lügt er nicht, auch seine persönliche Phantasie kommt nicht zu Worte, er ist gebunden an die Überlieferung, die ihm heilig ist; ändert er sie, würde er seine Vorfahren verletzen. Und wenn einmal das Erzählen am Lagerfeuer oder bei der Totenwache beginnt! Dann kommt jeder an die Reihe, der zu erzählen versteht. Die guten Erzähler sind in der Gemeinschaft bekannt und werden aufgefordert, dies oder jenes Märchen vorzutragen. Da lauscht dann der »heimliche« Forscher gleich den ums lodernde Feuer sitzenden oder hockenden Gestalten auf jedes einzelne Wort und läßt sich vom Zauberbann ergreifen. In den Gesichtern malt sich die Spannung, mit der sie den Ereignissen folgen und die sich plötzlich durch den Einwurf eines Witzboldes oder durch die unvorhergeahnte gute Wendung der Schicksale des Märchenhelden durch ein Lockern der Gesichtsmuskeln entlädt, um in ein befreiendes Lachen oder Lächeln auszuklingen. Der Zigeuner erlebt den Gang der Geschehnisse mit, er weint, lacht mit dem Helden, empfindet wie er Furcht, Angst in Not und Gefahr. Die Märchenerzähler sind wahre Darsteller in Tonfall, Mimik, Körperbewegungen. Die direkte Rede der auftretenden Personen wirkt eindrucksvoll, das Wechseln der Zeiten (Präsens, Imperfekt usw.) wird durch das Miterleben bedingt. Ferne, Langdauerndes wird mit Eintönigkeit der Stimme oder Längung der Vokale ausgedrückt, z. B. d-u-u-r »weit, weit. . . « Um überstarke Spannung zu mildern, bedient sich der Erzähler des Mittels der refrainartigen Wiederholung, ehe er auf eine neue Spannung lossteuert. Manchmal wird auch die Frau oder der Bruder des Erzählers als Zeuge zur Bekräftigung der Wahrheit angesprochen, damit die Zuhörer noch stärker von der Geschichte beeindruckt werden, die im Moment des Erzählens Wirklichkeit ist. Glauben und Wissen, Wunder und Wirklichkeit sind nämlich beim Zigeuner noch eins. Widersprüche berühren sein Denken nicht. Der Zigeuner lebt in zwei Wirklichkeiten, der Verwunschenheit der Märchenwelt, wo alle Ungerechtigkeit ausgeglichen ist, weder Vergangenheit noch Zukunft ihn belastet, und in der realen, ihn umgebenden Welt, die ihn zwingt Mensch, o rom, zu sein, Nachkommen zu haben und für seine Existenz und die seiner Familie und seiner Sippe zu sorgen, um das von seinen Vorahnen überliefert bekommene Zigeunertum weiterzutragen. Hat er diese Lebensaufgabe erfüllt, wird er gläubig in die erste Wirklichkeit eingehen.

Thai mukhleom len othé kai avileom
Thai mothodeom turnart raimaske.
Bachta te del o Del!*

12. August 1962 Martin Block


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