Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

72. Der Frostbringer

Ein alter Mann ging spazieren, die Mütze saß ihm schief auf dem Kopf. Er hieß der Frostbringer. Als er eine halbe Meile gegangen war, begegnete er einem anderen Mann, der lag auf dem Bauch und hielt sein Ohr an die Erde. »Was machst du, Narr?« — »Ich bin kein Narr, ich höre zu, wie die Staatsmänner in London reden.« — »Dich kann ich brauchen, komm mit mir, denn du mußt ja gar feine Ohren haben. «

Die beiden gingen den Weg hinab und sahen einen anderen, der eine Flinte auf seiner Schulter trug. »Was machst du hier?« — »Siehst du denn nicht, was ich tue? Eine Fliege drüben in Amerika hat sich auf einen Felsen gesetzt, und die will ich herunterschießen.« — »Für dich habe ich Verwendung, komme mit uns.«

Da gingen die drei miteinander, bis sie einen anderen Mann trafen. »Was treibst du hier?« fragte der Frostbringer. »Weit dort drüben steht eine Mühle, die keinen Wind hat; ich will ihr Wind in die Flügel blasen.« — »Du kannst uns nützen, komm mit uns.« Da ging der Mann mit ihnen.

Sie setzten ihren Weg fort und sahen einen anderen, der trug eins seiner Beine unterm Arm. »Was soll denn das bedeuten?« — »Ich habe eins meiner Beine abgenommen, damit ich nicht zu schnell laufe.« — »Komm doch mit uns!« sagten die andern.

Sie gingen zusammen und trafen wieder einen Mann. Der trug einen mächtigen Baumstamm auf seiner Schulter, denn es war ein gar gewaltiger Mann. Auch der ging mit ihnen.

So kamen sie miteinander zur Stadt. Da hörten sie erzählen, am königlichen Hofe lebe eine alte Hexe, der niemand an Schnelligkeit zuvorkomme. Eine große Summe sei für den ausgesetzt, der die alte Hexe besiege. »Da wollen wir doch zum Hofe des Königs gehen«, meinte Frostbringer. Und sie gingen zum Schloß.

Frostbringer unterhielt sich mit dem König über den Wettlauf und erzählte, er habe einen Mann, der den Wettkampf aufnehmen wolle.

In jener Nacht schlief die ganze Gesellschaft im königlichen Palast. Am Morgen erhoben sie sich, es war der Morgen, an dem Laufeschnell und die Hexe um die Wette laufen wollten. Als sie hintereinander liefen, rief Schießeweit dem Frostbringer zu: »Schau nur, die alte Hexe kommt ihm zuvor.« Und Schießeweit schoß ihr einen Pfeil ins Knie, so daß Laufeschnell sie besiegen konnte. Der König war über die Maßen entrüstet. »Was sind denn das für Leute!« sprach er zu sich. In der nächsten Nacht schliefen sie wieder in dem Schloß.

Die alte Hexe riet nun dem König, am andern Morgen solle er von ihnen verlangen, daß sie den See vor dem Palast trockenlegen sollten. Hörewohl, der das Gespräch belauscht hatte, erzählte Frostbringer, was geplant war. Als sie am Morgen aufgestanden waren, kam der König und sagte ihnen, er wünsche, daß in der Frühe des nächsten Tages der See ausgetrocknet sei. Am Abend ging Frostbringer mit seinen Gesellen hinaus, und er forderte Blasewohl auf, den See trockenzublasen. Der blies nun all den Schlamm und all die Steine heraus, bis der Grund des Sees rein und trocken dalag.

Der alte König wußte nun nicht mehr, was er mit den Leuten anfangen sollte. Nun hatten sie die alte Hexe ganz und gar besiegt. »Ich werde sie in meiner alten Eisenkammer beherbergen und ein großes Feuer darunter anzünden, bis es darin so heiß ist wie im Backofen, dann werden sie sicher umkommen«, sprach er zu sich. Es wurde Nacht. Der König rief die Leute herbei und öffnete die Tür zur Eisenkammer. »Möchtest du heute nacht nicht hier schlafen, lieber Frostbringer?« Da ging Frostbringer hinein. »Ja, wir wollen schon hier schlafen, das ist ja ein warmes Plätzchen.« Da lachte der alte König, »ja, es ist ein warmes Plätzchen, und es wird gleich noch ein wenig wärmer werden.«

Frostbringer und seine Gefährten gingen also hinein. »Hier können wir schön warm schlafen«, meinten sie. Als sie eingetreten waren, legten sie sich gleich nieder. Bevor sie einschliefen, unterhielten sie sich noch ein Weilchen. Aber es wurde wärmer und wärmer in dem Raum. Allmählich wurde es so heiß, daß sie es nicht mehr aushalten konnten. Da schob Frostbringer seinen Hut auf die andere Seite. Und sofort kühlten sie sich ab, so daß sie zu frösteln begannen. Schon waren sie halbtot vor Kälte, da schob Frostbringer den Hut ein wenig hoch, und nun wurde die Kälte erträglich. Jetzt konnten sie sich niederlegen und schlafen. Am andern Morgen kam der König, um nach ihnen zu sehen, und war bestürzt, sie noch am Leben zu finden. Da rief er sie heraus: »Kommt her, um zu frühstücken.« Als sie mit Essen fertig waren, gab ihnen der König den Auftrag, »ich wünsche, daß ihr mir hier auf dem See ein Schiff baut, ich will es morgen früh vor meinem Palast sehen.«

Als der Morgen graute, war das Schiff fertig. »Ich möchte, daß das Schiff fährt, ohne daß es Wasser unter sich hat.« Da rief Frostbringer den Blasewohl, und dieser blies das Schiff so weit, bis es außer Sicht war. Der König fragte nun den Frostbringer: »Wieviel Geld möchtest du, um dann deines Weges zu ziehen?« — »Soviel als einer meiner Diener tragen kann.« — »Du sollst es haben«, meinte der König. Da kam der Starke mit einem gewaltigen Sack und öffnete ihn. Der König füllte ihn halb voll und sprach: »Das ist soviel, als du tragen kannst.« Da hob der Starke den Sack mit seiner Hand. »Nennst du dieses bißchen schwer? Fülle ihn doch!« Da schaute ihn der alte König voll Arger an, und er füllte den Sack. »Nun hab ich ihn gefüllt, nehmt ihn und geht eures Weges und kommt ja nicht wieder hierher.« Da nahmen sie das Gold und zogen ab. Als sie gegangen waren, ärgerte sich der alte König, daß er so viel Gold hatte weggeben müssen. Und er sandte seine Soldaten hinter ihnen her. Der Höregut aber hörte sie kommen. »Haltet ein wenig, ich höre, daß die Soldaten hinter uns herkommen.« Da blieben sie stehen und schauten sich um. »Habt keine Angst«, mahnte Frostbringer. Und da die Soldaten näherkamen, schob Frostbringer seine Mütze auf die Seite, und die Soldaten mußten halten, denn sie konnten vor Frost zitternd keinen Schritt weitergehen.

Nun lohnte der alte Frostbringer alle seine Leute aus und zog allein in sein Heimatdorf. Dort kaufte er sich ein kleines Landhaus. Er lebt noch dort und es geht ihm gut. Unsere Waldleute waren auch schon dort und fiedelten vor ihm.


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