Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

58. »Kamerad«

Es war einmal ein Mann, der hatte sieben Kinder und wohnte in einem großen Wald. Aber er und seine Kinder starben fast vor Hunger. Er sprach darum, was habe er vom Leben, er wolle ausziehen und den lieben Gott totschlagen. Er schärfte also sein Beil, hing es über den Rücken und machte sich auf den Weg.

Einen Tag und eine Nacht war er unterwegs, da konnte er vor Hunger nicht mehr weiter. Der liebe Gott aber hatte sich in einen Handwerksburschen verwandelt und begegnete unserm Zigeuner. Wie er auf ihn zukam, reichte er ihm die Hand und fragte ihn, wohin er gehe. Der Zigeuner erzählte, sein Leben sei ihm verleidet, er und seine Kinder müßten ja doch Hungers sterben, nun wolle er zuvor noch den lieben Gott totschlagen.

Als der liebe Gott ihn fragte, wo er denn den lieben Gott finden würde, da meinte der Zigeuner, er würde ihn schon finden.

Da sprach der liebe Gott zu ihm, er wolle ihn begleiten, und sie nannten einander »Kamerad«. Als sie von da zwei bis drei Stunden weitergegangen waren und der liebe Gott sah, daß der Zigeuner vor Hunger nicht mehr gehen konnte, sprach er zu ihm: »Kamerad, geh zu jenem Garten. Dort fand ich, als ich des Weges kam, eine Gans und einen Kuchen. Geh, sieh zu, vielleicht ist noch etwas davon da.« Als er nun hinging, fand er die Gans und den Kuchen. Da nahm der Zigeuner ein Bein von der Gans und aß es auf. Dann brachte er den Kuchen und die einbeinige Gans. Da fragte ihn der liebe Gott: »Wie kommt es, daß die Gans nur ein Bein hat?« Der Zigeuner beteuerte: er und seine sieben Kinder sollten sterben, wenn die Gans mehr als ein Bein gehabt hätte.

Dann gab er dem lieben Gott von der Gans und dem Kuchen. Aber der liebe Gott meinte, er wäre nicht hungrig, er solle nur allein essen.

Darauf sagte der liebe Gott: »Ich weiß an diesem Weg ein Gut. Komm, wir wollen dahin gehen; vielleicht gibt man uns Arbeit.« Als sie hinkamen, fragten sie, ob sie Arbeit bekommen könnten oder nicht, und erklärten, sie könnten sehr gut arbeiten. Da sprach der Gutsherr zu ihnen, er wolle ihnen solche Arbeit geben, die 366 Knechte an einem Tage verrichteten, die müßten sie beide auch an einem Tag beenden. Wenn sie damit nicht fertig würden, dann würde er sie aufhängen.

Sie waren damit einverstanden. Da gab er ihnen Sensen, und sie gingen hinaus auf die Felder und begannen zu mähen. Als sie bis zum Mittag gemäht hatten, konnte der Zigeuner nicht mehr, und der liebe Gott sagte zu ihm, er solle sich niederlegen und schlafen.

Der liebe Gott aber hatte bis um sechs Uhr abends das ganze Korn geschnitten. Als am Abend die Dienstmagd das Essen brachte, fiel sie vor Staunen auf den Rücken und lief zu ihrem Herrn und erzählte ihm, die beiden Armen hätten das ganze Korn abgemäht.

Da sprach der Herr zu dem Mädchen: »Du Dirne, was belügst du mich!« — »Herr, wenn es nicht die Wahrheit ist, magst du mich aufhängen.« Nun ging der Gutsherr hinaus und sah es. Vor Staunen wußte er nicht was tun. Er fragte sie also, was sie für ihre Arbeit forderten. Dann nahm er sie und warf sie in den Backofen. Andern Tages sprach der Herr zur Dienstmagd: »Geh, fege die Gebeine der beiden Armen aus dem Ofen, damit wir Brot backen können.« Als das Mädchen nun hinging und die Ofentür öffnete, sah sie die beiden auf Stühlen sitzen und ihre lange Pfeife rauchen. Da lief das Mädchen zu seinem Herrn und sprach zu ihm: »Bei Gott und der Mutter Gottes, die beiden leben und rauchen vergnügt ihre Pfeife.« Nun ging der Herr zu ihnen und fragte sie, was sie forderten. Der liebe Gott sagte: »Gib uns jenen kleinen Sack Goldstücke.« Als sie dann gingen, fragten sie den Gutsherrn, ob er keine andere Arbeit wisse. Er erwiderte, nicht weit von da liege die Frau eines Grafen im Sterben. Wenn sie diese wieder zum Leben bringen könnten, würde der Graf ihnen so viel Geld geben, als sie nur forderten. Da brachen sie auf und zogen weiter. Als sie zum Grafen kamen, sprachen sie: »Wir haben gehört, daß deine Frau im Sterben liegt, wir können ihr helfen.« Da meinte der Graf: »Ich war mit meiner Frau schon bei vielen Ärzten, aber sie konnten ihr nicht helfen.« Da erklärten Gott und der Zigeuner, wenn sie sie in einer Stunde nicht heilten, möge er sie aufhängen. Sie traten in ihre Stube, und der liebe Gott zog sein Tuch aus der Tasche, wischte ihr damit dreimal über den Mund, und alsbald genas sie. Der Graf ging nun hinein und sah, daß seine Frau aufgestanden war und am Tische nähte. Er fragte also den Zigeuner und den lieben Gott, was sie forderten. Der liebe Gott erwiderte: »Gib uns jenen kleinen Beute! mit Goldstücken.« Dann brachen sie auf und zogen weiter. Unterwegs sagte der Zigeuner zum lieben Gott: »Teile das Geld mit mir, denn ich verstehe auch zu tun, was du verstehst.« Der liebe Gott aber entgegnete: »Ich teile es nicht«, und trennte sich von dem Zigeuner. Dieser ging nun auch zu einem Herrn und fragte ihn, ob er nicht wüßte, wo es Tote und Kranke gäbe, er verstände sie wieder zum Leben zu bringen. Da sagte der Herr: »Hier in der Stadt wohnt der Kaiser.« Der Zigeuner brach auf und ging zu diesem Kaiser. Der Kaiser fragte ihn nach seinem Begehr. Der Zigeuner antwortete, er verstehe den Kranken und Verstorbenen zu helfen. Da erzählte ihm der Kaiser, er wäre mit seiner Gemahlin schon überall gewesen, und niemand hätte ihr helfen können. Nun erklärte der Zigeuner, wenn er seiner Gemahlin nicht helfen würde, möge er ihn aufhängen. Sie schlugen ein, und er fragte den Kaiser, in welchem Gemache seine Gemahlin wäre. Dann trat er hinein, nahm sein Tuch und fuhr damit über den Mund der Kaiserin. Als der Zigeuner hinausging, ergriff ihn der Kaiser, da er sah, daß es mit seiner Gemahlin nicht besser geworden war. Und man nahm den Zigeuner, schleppte ihn fort und legte ihm den Strick um den Hals. Der Zigeuner aber rief: »Kamerad, Kamerad!« Alsbald kam der liebe Gott herbei und rief, sie sollten ihn noch nicht hochziehen, denn die Kaiserin wäre aufgestanden und stricke am Tische; und er fügte hinzu, wenn es nicht so wäre, könnten sie auch ihn aufhängen. Da gingen sie nach Haus und sahen, daß die Kaiserin aufgestanden war und mit ihrer Strickarbeit am Tische saß. Als der Kaiser das sah, fragte er den Zigeuner, was er verlange. Da sprach der liebe Gott: »Gib uns jenen kleinen Beutel mit Goldstücken.« Darauf zogen sie weiter. Der liebe Gott aber meinte zum Zigeuner: »Siehst du, Kamerad, wäre ich nicht gekommen, hätten sie dich aufgehängt, weil du prahltest, du könntest auch vollbringen, was ich kann.« Dann gingen sie dorthin, wo sie die Gans und den Kuchen gefunden hatten. Als sie dort waren, nahmen sie das Geld, und der liebe Gott machte drei Haufen. Wie das der Zigeuner sah, sprach er: »Kamerad, für wen legst du das Geld auf drei Seiten?« Der liebe Gott erwiderte: »Kamerad, der eine Haufen ist für das Gansbein.« Da verschwor sich der Zigeuner, er und seine sieben Kinder sollten sterben, wenn die Gans mehr als ein Bein gehabt hätte. Der liebe Gott aber raffte das Geld zusammen, überschlug sich dreimal und flog, in eine Taube verwandelt, davon. Der Zigeuner aber schrie: »Kamerad, Kamerad, komm zurück!«


Copyright: arpa, 2015.

Der Text wurde aus der Märchen-, Geschichten- und Ethnien-Datenback von arpa exportiert. Diese Datenbank wurde dank Sponsoren ermöglicht. Es würde uns freuen, wenn wir mit Ihrer Hilfe weitere Dokumente hinzufügen können.

Auch bitten wir Sie um weitere Anregungen in Bezug auf Erweiterungen und Verbesserungen.

Im voraus Dank für die Mithilfe. Spenden können Sie unter In eigener Sache

Ihr arpa team: www.arpa.ch Kontakt