Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

57. Der Teufel und die drei Töchter des Grafen

Ein Graf wohnte mit seinen drei Töchtern in einem Walde. Da kam eines Tages ein Teufel, der sich wie ein Leutnant angezogen hatte. Er ging zum Grafen und sagte, er sei Leutnant, der Graf solle ihm eine Tochter zur Frau geben, und der Graf gab ihm eine. Als er sie genommen und sich entfernt hatte, ging er mit ihr bis zur Wegebiegung, dort nahm er das Mädchen unter den Arm und flog in den heiligen Himmel und brachte sie in sein Haus. Als er zu Hause war, sagte der Teufel, er ginge auf die Reise, und gab die Schlüssel seiner Frau und sagte zu ihr, 23 Türen dürfe sie öffnen, aber sie solle nicht denken, daß sie auch die vierundzwanzigste öffnen dürfe. Als er wegging, legte er ihr einen Pelz um den Hals. Sie nahm also die Schlüssel und ging im Garten spazieren und öffnete die Türen. Als sie auch die letzte Tür öffnete, schlug ihr eine Flamme entgegen, die den Pelz versengte. Am dritten Tag kam der Teufel nach Hause und sah, daß der Pelz versengt war, da nahm er sie und warf sie ins Feuer. Darauf gab sich der Teufel als Graf aus und ging zum Grafen hinunter und sagte zu ihm: »Ich bin der und der Graf.« Dann lobte er die Schönheit seiner beiden Töchter und fragte, ob er ihm nicht eine von ihnen zur Frau geben wolle. Der Graf erwiderte: »Nimm, welche du willst!« Da nahm er eine und ging auch mit ihr bis zur Wegebiegung, ergriff sie dann und flog mit ihr in den heiligen Himmel, in sein Haus, und tat auch mit ihr dasselbe wie mit der andern. Darauf zog er sich als »Obermajor« an, ging zum Grafen und sagte, er habe gehört, daß er eine gar schöne Tochter habe, und fragte, ob er sie ihm geben wolle. Darauf sagte der Graf: »Da ist sie, nimm sie.« Da nahm er sie und ging auch mit ihr wieder bis zum Kreuzweg. Dort nahm er das Mädchen unter den Arm und flog mit ihr in den heiligen Himmel in sein Haus. Mit freundlicher Stimme sagte er nun zu ihr: »Meine Frau, nimm die Schlüssel, da ich auf die Reise gehe. Drei Tage bleibe ich, 24 Türen sind es, 23 kannst du öffnen, die 24. aber sollst du nicht öffnen.« Beim Weggehen legte er auch ihr einen Pelz um den Hals und sagte zu ihr: »Liebe Frau, mach eine Kiste, daß wir deinem Vater Goldstücke bringen.« Als der Teufel weggegangen war, nahm seine Frau den Pelz von ihrem Hals und legte ihn auf den Tisch, dann ging sie in den Garten und öffnete die 23 Türen. Da dachte sie bei sich: »Ach, du heiliger Gott, was soll das bedeuten, was er gesagt hat? War- um soll ich die 24.Tür nicht auch öffnen? Mir ist es einerlei, ich öffne sie.« Als sie sie geöffnet hatte, sah sie ihre beiden Schwestern im Feuer. Da zog sie eine Schwester aus dem Feuer heraus und legte sie in die Kiste mit den Goldstücken. Am dritten Tage kam der Teufel nach Hause und sah seine Frau auf dem Sofa, und sie lag da und hatte ihren Pelz an ihrem Hals, und er war nicht versengt. Da glaubte er seiner Frau und nahm die Kiste mit den Goldstücken, brachte sie weg und flog hinunter zum Grafen. Als er an der Tür des Grafen war, klopfte er an die Tür. Der Graf fragte: »Wer ist da?« Der Teufel sagte: »Mach auf, dein Schwiegersohn, er bringt Geld.« Drinnen setzte er die Kiste ab und sagte zu seinem Schwiegervater: »Behüt dich Gott, ich habe keine Zeit«, und er ging wieder zurück. Als er nach Hause kam, legte er sich hinter den Tisch und aß mit seiner Frau. Nach dem Essen sagte er zu ihr, er müsse wieder drei Tage auf die Reise gehen, und er sagte, sie solle noch eine Kiste Goldstücke fertigstellen. Der Teufel machte sich auf und ging weg. Als er weggegangen war, nahm seine Frau den Pelz von ihrem Hals und machte die Kiste zurecht und schüttete sie halbvoll mit Goldstücken. Dann ging sie und zog ihre andere Schwester aus dem Feuer heraus, legte sie in die Kiste und ermahnte sie, sie solle sich ja nicht rühren. Am dritten Tage kam der Teufel nach Hause und sah, daß die Kiste mit den Goldstücken bereit stand, und sagte zu seiner Frau, er wolle sie ihrem Vater bringen. Er flog also mit der Kiste wieder zu dem Grafen. Als er an die Tür klopfte, fragte der Graf: »Wer ist da?« — »Offne, ich bin dein Schwiegersohn.« Der Teufel trug die Kiste hinein und sagte, er habe keine Zeit, er müsse gleich wieder gehen. Zu Hause sagte er dann zu seiner Frau: »Ich gehe wieder auf die Reise, mach noch eine Kiste mit Goldstücken zurecht. Das ist die letzte Kiste, denn ich gehe dann nie wieder zu deinem Vater.« Als der Teufel weggegangen war, machte sich seine Frau daran und fertigte eine Kiste und schüttete die halbe Kiste mit Goldstücken voll. Darauf nahm sie einen Sack Mehl, formte daraus eine Frau wie sie selbst, ebenso groß und ebenso klein, und schnitt sich die Haare ab und legte sie auf die, die sie aus Mehl gemacht hatte. Dann legte sie sich selbst in die Kiste und schloß sie von innen. Ehe der Teufel aufgebrochen war, hatte sie ihm gesagt, wenn er von der Reise zurückkomme, schlafe sie vielleicht auf dem Sofa; das Essen stehe dann auf dem Tisch, er solle sie aber nicht berühren, wenn er zurückkomme, sonst bekomme sie Angst im Schlaf und würde sterben. Es sei besser, wenn er zuerst die Kiste zu ihrem Vater bringe, und wenn er dann zurückkomme, wäre sie aufgestanden und würde mit ihm zusammen essen. So tat der Teufel und brachte die Kiste zum Grafen, ohne zu wissen, daß dessen Tochter darin war. Als er unten angekommen war, klopfte er an die Tür. Der Graf rief: »Wer ist da?« Der Teufel sagte: »Offne, ich bin dein Schwiegersohn.« Als er eintrat, setzte er die Kiste ab und ging weg. Darauf klopfte das Mädchen, der Vater solle die Kiste öffnen. Als er die Kiste geöffnet hatte, sagte das Mädchen zu ihrem Vater, er solle das Haus ringsum mit Weihwasser besprengen. Als der Teufel heimkam, lag das Mädchen auf dem Sofa. Wie der Teufel sah, daß sie noch schlief, da wollte er sie anfassen und überlegte sich: solle er sie anfassen oder nicht? Aber er konnte sich nicht zurückhalten und faßte sie doch an. Da drangen seine Finger in ihre Brust, und wie der Teufel merkte, daß es nicht die Grafentochter war, da meinte er, er sei zwar ein Teufel, aber das Mädchen sei ein noch größerer Teufel als er. Darauf flog er hinab und ging hin, um alle zu töten, die im Haus waren. Aber er konnte nicht in das Haus hineinkommen, da es rings mit Weihwasser besprengt war. Drei Tage und drei Nächte mühte er sich ab und sah endlich ein, daß er nichts ausrichten konnte. Da rief er, sie sollten leben, solange die Welt bestehe. Dann ging er nach Hause.


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