Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

50. Der geflügelte Prinz

Es war einmal ein großer und reicher Künstler. Doch er fing an zu trinken und Karten zu spielen und vertrank sein ganzes Vermögen, so daß er arm wurde und nichts mehr zu essen hatte. Einst träumte er, er mache sich Flügel. Am Morgen machte er sich denn auch wirklich Flügel und befestigte sie an seinem Leib. Dann flog er neun Welten weit und gelangte zum Schloß des Kaisers und ließ sich dort herab.

Der Sohn des Kaisers kam heraus zu ihm und fragte ihn: »Mann, woher bist du?« — »Ich komme von weit her.« — »Verkaufe mir deine Flügel.« — »Gerne.« — »Was soll ich dir dafür geben?« — »Tausend Goldstücke.« Er gab ihm tausend Goldstücke und sagte zu ihm: »Geh mit den Flügeln nach Hause und komme in einem Monat wieder.« Als jener nach Hause geflogen und nach einem Monat zurückgekehrt war, sagte er zu ihm: »Lege mir nun die Flügel an.« Er machte sie fest und beschrieb ihm, welche Schraube er anziehen solle, um zu fliegen, und welche er anziehen müsse, um wieder auf die Erde zu gelangen. Jener flog ein wenig und kam wieder herab. Da gab er ihm noch außerdem tausend Lei und ein Reitpferd. — Der Sohn des Kaisers machte seine Flügel fest und flog bis Mittag. Um Mittag aber erhob sich ein Wind, so daß die Bäume geschüttelt wurden und er bis um Mitternacht dahintrieb. Um Mitternacht legte sich der Wind, der auch ihn neun Welten weit geführt hatte.

Ein Feuer leuchtete auf in der Stadt, und er ließ sich zur Erde hinab, faltete die Flügel zusammen und trug sie so an seinem Körper. Dann ging er in ein Haus, in dem ein altes Weib wohnte, und bat um Nahrung. Sie gab ihm trockenes Brot, das er aber nicht aß. Dann setzte er sich nieder und schlief ein. In der Frühe schrieb er einen Brief, gab der Alten Geld und schickte sie damit in die Garküche. Sie gab den Brief dort ab und bekam dann allerlei gute Speisen. Diese brachte sie ihm, und er gab ihr auch davon. Als er hinausging, erblickte er das Schloß des Kaisers, das drei steinerne und ein kristallenes Stockwerk hatte. Und er fragte die Alte: »Wer wohnt in dem Schloß, und wer bewohnt das vierte, kristallene Stockwerk?« — »Dort wohnt die Tochter des Kaisers, doch sie darf nie das Schloß verlassen; ihre Speise wird ihr mit einem Seil zugeführt.« Und gerade ließ auch ihre Dienerin das Seil hinab, die Speisen wurden darangehängt, und sie zog sie hinauf. Die Kammer der Dienerin, in der sich diese nur des Nachts aufhielt, lag abseits, den Tag über weilte sie bei der jungen Prinzessin. Da legte der Fürstensohn seine Flügel an, flog hinauf zu dem kristallenen Stockwerk und versuchte das Fenster zu öffnen; das gelang ihm, und er trat ein.

Die Prinzessin lag auf ihrem Bett wie eine Tote. Er berührte sie, aber sie gab keinen Laut von sich. Aber als er die Kerze, die zu ihren Häupten stand, herabnahm, erhob sie sich und faßte ihn um den Hals mit den Worten: »Weil du zu mir gekommen bist, bist du nun mein, und ich bin dein.« Sie liebkosten sich, bis es Tag wurde. Dann stellte er die Kerze an ihren Platz, und die Prinzessin lag wieder wie tot da; er aber ging hinaus, schloß das Fenster und flog wieder zu der Alten. Ein halbes Jahr machte er der Prinzessin seine Besuche, da wurde sie schwanger. Die Dienerin bemerkte diese Veränderung. Sie schrieb dem Kaiser einen Brief: »Was mag es bedeuten, daß die Prinzessin so dick geworden ist?« Der Kaiser antwortete ihr: »Bestreiche den Estrich am Abend mit Teig, und wenn jemand kommt, so wird er seine Spur hinterlassen.

Die Dienerin setzte die Kerze neben die Prinzessin, so daß diese wie tot dalag. Dann bestrich sie den Boden mit Teig und begab sich in ihre Kammer. Als nun der Sohn des Kaisers kam, bemerkte er nicht, daß der Boden bestrichen war, und seine Schuhe hinterließen Spuren in dem Teig. Ruhig wie sonst begab er sich wieder nach Hause und legte sich schlafen. Als die Dienerin zur Tochter des Kaisers ging, sah sie die Spuren und schrieb dem Kaiser einen Brief. Sie maß nach, wie groß die Schuhe waren, und schickte das Maß dem Kaiser.

Dieser berief zwei Minister und gab ihnen den Brief und das Schuhmaß. Und er befahl: »Führet mir den herbei, für dessen Schuhe das Maß paßt.« Als sie die ganze Stadt durchsucht hatten, ohne jemanden zu finden, sagte der eine: »Gehen wir auch zu der Alten«, der andere aber meinte: »Wir wollen nicht hingehen, ein Mann wohnt ja nicht dort.« — »So bleib du hier, ich gehe hin.« Da erblickte er den schlafenden Prinzen, und siehe, das Maß paßte für dessen Schuhe. Da riefen die Minister: »Komm mit uns zum Kaiser!« — »Gut, ich komme.«

Der Prinz kaufte sich einen großen Mantel und legte ihn so um sich, daß die Flügel nicht zu sehen waren, und ging zum Kaiser. Dieser fragte ihn: »Warst du bei meiner Tochter?« — »Ja.« — »Mit welcher Absicht bist du dahin gegangen?« — »Um sie zu heiraten.« Da sagte der Kaiser: »Pah! Du wirst sie nicht bekommen, auf einem Dornhaufen werde ich euch verbrennen.« Und wie der Kaiser befohlen hatte, trugen seine Diener drei Haufen Dornen zusammen und steckten sie in Brand. Die Prinzessin wurde vom kristallenen Stockwerk herabgelassen, und die beiden sollten nun verbrannt werden. Der Prinz bat: »Laßt uns erst noch ein Vaterunser beten.« Dann flüsterte er dem Mädchen zu: »Sobald ich niederknie, schlüpfst du unter meinen Mantel und fassest mich um den Hals, dann werde ich mit dir in die Höhe fliegen.« So tat sie. Er machte rasch die Flügel fest und flog mit ihr hinauf; der Mantel fiel herab. Die Diener schossen auf den Mantel, der Prinz aber flog mit ihr davon. Da rief sie: »Laß dich hinab, die Geburtswehen kommen über mich«, doch er redete ihr zu: »Hab noch ein Weilchen Geduld!«

Als er längere Zeit geflogen war, ließ er sich auf dem Felsen eines Berges nieder, und sie gebar dort das Kind. Sie bat ihn, Feuer zu machen. Auf einem Acker in der Ferne sah er einen Feuerschein. Da spannte er seine Flügel aus, flog zu dem Feuer, nahm einen brennenden Klotz und kam damit zurück. Doch ein Funke sprang auf einen Flügel über, so daß er verbrannte. Als er unten an dem Berge ankam, fiel der Flügel ab; da warf er auch den anderen von sich. Nun ging er um den Berg herum, doch konnte er ihn nicht besteigen. Da trat Gott zu ihm und fragte ihn: »Weshalb weinst du?« — »Ach, wie sollte ich nicht weinen, da ich den Berg nicht erklimmen kann, auf dem meine Gattin ein Kind geboren hat.« — »Was gibst du mir, wenn ich dich auf den Berg trage?« — »'Was du willst.« — »So gib mir dein Liebstes.« — »Das will ich dir geben.« — »Machen wir also einen Vertrag!« Und so taten sie. Oben auf dem Berge schläferte Gott nun alle ein, trug sie in das Haus des Vaters des Prinzen und ging davon. Die Wächter hörten, wie das Kind im Zimmer weinte, kamen herbei, öffneten die Tür und erblickten den Kaisersohn. Da gingen sie zum Kaiser und brachten ihm die Botschaft: »Kaiser, dein Sohn ist gekommen!« — »Ruft ihn zu mir.« Der Prinz und seine junge Gattin kamen zum Kaiser und verneigten sich vor ihm.

Einen Monat waren sie nun schon dort. Der Sohn war inzwischen groß geworden und spielte. Eines Tages waren der Kaiser und die Kaiserin mit ihrer Schwiegertochter zur Kirche gegangen. Da kam der liebe Gott in Bettlergestalt. Der Prinz sagte zu seinem Söhnchen: »Gib diesen Beutel Münzen dem Bettler.« Der Bettler aber wehrte ab: »Ich brauche sie nicht, die Geldstücke sind nicht gültig. Sag deinem Vater, er soll mir geben, was er geschworen hat.« Der Sohn des Kaisers wurde zornig, griff zum Schwert und ging auf den Greis los, um ihn zu töten. Dieser nahm ebenfalls ein Schwert und sagte: »Gib mir, was du mir gelobt hast, denn wisse, du hast mir deinen Sohn versprochen, als du am Fuße des Berges weintest.« — »Geld kannst du haben, aber nicht mein Kind!« Aber Gott faßte das Kind am Kopfe, und der Vater faßte es an den Füßen, und so zogen sie an ihm. Und Gott trennte das Kind in der Mitte. »Dir gehört eine Hälfte und mir die andere.« — »Was soll ich mit der Hälfte meines Sohnes? Behalte du sie!« Da nahm Gott das Kind, ging hinaus und setzte es zusammen, und es wurde wieder heil und lebendig. Darauf sprach Gott: »Nimm deinen Sohn hin«; denn er hatte ihm seine Sünden vergeben.


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