Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

48. Der Kaisersohn mit der Sehergabe

Ein Kaiser hatte drei Söhne. Eines Tages veranstaltete dieser Kaiser ein Fest, zu dem sich alle Bewohner der Bukowina einfanden. Plötzlich entstand eine Finsternis, und ein Drache kam herbei und raubte die Kaiserin. Er trug sie nach einem Berg tief in den Wäldern und verschwand mit ihr in der Erde; denn drinnen in der Erde war sein Schloß. Nach dem Fest gingen die Leute wieder nach Hause. Der jüngste Kaisersohn nun war ein Seher, seine älteren Brüder freilich behaupteten von ihm, er sei ein Narr. Dieser sprach zu seinen Brüdern: »Wir wollen in unserm ganzen Land nach der Mutter suchen.« Da machten sich die drei auf und gingen, bis sie an einen Kreuzweg kamen. Da fragte der Jüngste: »Brüder, welchen Weg wollt ihr einschlagen?« Der Älteste entgegnete: »Ich gehe geradeaus.« Der Mittlere wählte den Weg zur Rechten und der Jüngste den zur Linken. So gelangte der Älteste in Städte, der Mittlere in Dörfer, der Jüngste aber in Wälder. Sie waren bereits ein weites Stück gegangen, da war der Jüngste noch einmal zurückgekehrt und hatte seinen Brüdern zugerufen: »Kommt einmal her, wie werden wir es erfahren, wenn einer die Mutter gefunden hat? Wir wollen darum drei Trompeten kaufen, und wer die Mutter findet, der soll die Trompete blasen, damit die andern es hören und nach Hause zurückkehren.«

Der Jüngste gelangte nun tief in den Wald und wurde hungrig. Da fand er einen Apfelbaum, mit Früchten beladen. Als er aber einen Apfel aß, wuchsen ihm zwei Hirschhörner. Da sprach er bei sich: »Was mir Gott gegeben hat, das will ich tragen.« Dann zog er weiter, und als er einen Fluß durchschritt, da fiel das Fleisch von seinem Körper. Und wieder sprach er: »Was mir Gott bestimmt hat, will ich tragen; ihm sei Dank.« Auf seiner Wanderung fand er einen anderen Apfelbaum, und er dachte: »Ich werde wieder einen Apfel essen, wenn mir auch noch zwei Hörner wachsen sollten.« Kaum hatte er jedoch den Apfel gegessen, da fielen die Hörner von ihm ab. Beim Weitergehen gelangte er wieder an einen Fluß und sprach: »Ach Gott, vorhin ist das Fleisch von mir abgefallen, jetzt werden wohl auch noch meine Gebeine auseinanderfallen. Aber ich werde trotzdem hinübergehen.« Sowie er aber durch den Fluß watete, wuchs ihm neues Fleisch, und er war schöner als zuvor. Dann bestieg er einen Berg. Oben auf kahler Bergkuppe war ein Fels. Da streckte er seine Hand aus, schob den Fels zur Seite und gewahrte ein Loch rn der Erde. Nun schob er den Felsen wieder an seinen Ort, machte sich auf den Rückweg und gab mit der Trompete das Zeichen. Seine Brüder hörten es und kamen herbei. »Hast du unsere Mutter gefunden?« fragten sie. »Ja, kommet nur mit mir.« Da stiegen sie mit ihm zu dem Felsen auf dem Berg. »Hebt den Felsen hinweg«, forderte er sie auf. »Wir sind dazu nicht imstande.« — »Nun, so will ich es tun.« Und er schob mit seinem kleinen Finger den Felsen zur Seite und sprach: »Hier befindet sich unsere Mutter! Wer will sich hinunterlassen?« Aber jeder der beiden sprach: »Ich möchte nicht.« Da meinte der jüngste Prinz: »Kommt mit mir in den Wald, wir wollen einen Lindenbaum abrinden.« Das taten sie und machten daraus ein Seil und einen Korb. »Ich werde mich nun darin hinunterlassen, sobald ich aber am Seil ziehe, müßt ihr mich wieder emporziehen.« Also ließ er sich hinab und gelangte zuerst zu einem Haus, indem er eine Kaisertochter fand, die der Drache geraubt und in dem Haus eingeschlossen hatte. Diese fragte: »Warum bist du gekommen? Wenn der Drache dich findet, wird er dich umbringen.« Er aber fragte sie: »Hat nicht der Drache auch eine ältere Fürstin hierher gebracht?« Sie erwiderte: »Ich weiß es nicht, aber geh einmal in das zweite Haus. Dort wohnt meine mittlere Schwester.« Da ging er zu jener, und auch sie sagte: »Warum bist du gekommen? Wenn der Drache dich findet, wird er dich umbringen.« Er fragte sie nun: »Ist hier nicht auch eine ältere Fürstin?« Aber sie erwiderte: »Ich weiß es nicht, geh in das dritte Haus. Dort wohnt meine jüngste Schwester.« Auch diese richtete die gleiche Frage an ihn, und auch sie fragte der Jüngling: »Ist nicht auch eine ältere Fürstin hier?« Sie entgegnete: »Ja, im vierten Haus.« Da ging er zu seiner Mutter, und sie fragte ihn: »Warum bist du gekommen? Wenn der Drache dich findet, wird er dich töten.« Er aber erwiderte: »Hab keine Angst. Komm nur mit mir.« Und er führte sie hinaus, setzte sie in den Korb und sprach zu ihr: »Sag meinen Brüdern, sie müßten noch drei Mädchen emporziehen.« Dann gab er das verabredete Zeichen, und sie zogen ihre Mutter empor. Und darnach zogen sie auch die beiden älteren Mädchen heraus. Bevor er aber die Jüngste in den Korb setzte, ließ er sie schwören, nicht zu heiraten, bevor er selbst käme. Sie schwur es. Dann setze er sie in den Korb und gab das Zeichen zum Emporziehen. Darnach nahm er einen Stein, legte diesen in den Korb und gab das Zeichen, indem er bei sich dachte: »Wenn sie den Stein emporziehen, meinen sie es redlich und werden auch mich emporziehen.« Aber als jene den Korb mit dem Stein halb herausgezogen hatten, da durchschnitten sie das Seil, um ihren Bruder umkommen zu lassen, denn sie glaubten, er säße im Korb. Als der jüngste Prinz sein Schicksal begriff, begann er zu weinen. Er ging nun in das Schloß, in dem der Drache wohnte, zog die Tischlade auf und fand darin einen verrosteten Ring. Als er ihn aber reinigte, da trat aus ihm ein Herr hervor, der sprach: »Womit kann ich dir dienen, o Herr?« Der Kaisersohn erwiderte: »Trag mich hinauf in die Welt.« Da nahm ihn der Mann auf seine Schultern und trug ihn hinauf auf die Erde. »Nun bringe mich nach Hause.« Da brachte er ihn in seine Heimatstadt. Der Kaisersohn aber hatte sich zwei Krüge mit Wasser mitgebracht. Sobald er sich aus dem einen wusch, veränderte sich sein Gesicht, und wenn er sich aus dem andern wusch, wurde es wieder, wie es war. Dieser Herr nun führte ihn in der Stadt zu dem Schneider. Der Prinz wusch sich aus dem einen Kruge und ging mit verändertem Aussehen zu dem Schneider, den sein Vater für ein Jahr in Dienst genommen hatte, nur damit er die jungen Lehrlinge anleite. Bei diesem Schneider, der noch zwölf Gesellen hatte, fand auch der Prinz Arbeit, denn der Schneider kannte weder den jungen Prinzen noch seine Brüder.

Der älteste Bruder hatte nach der Rückkehr in die Stadt alsbald um die Hand der jüngsten der drei Schwestern geworben, die sein Bruder von dem Drachen befreit hatte. Sie aber hatte erklärt: »Ich werde nicht heiraten, denn ich habe geschworen zu warten, bis der Meinige kommt.« Darnach bemühte sich der Mittlere um sie, aber er erhielt dieselbe Antwort. So heiratete denn der älteste Königssohn die älteste der Schwestern und der Mittlere die zweite. Dann riefen sie den Schneider zu sich, damit er ihnen Gewänder für die Hochzeit mache, und gaben ihm Stoff dazu. Der junge Prinz sprach nun zum Schneider: »Laß mich sie nähen!« — »Das geht nicht, denn so, daß sie passen, wirst du sie nicht nähen können.« — »Laß mich nur, ich werde sie so machen, daß sie genau passen.« Da gab ihm der Schneider den Stoff, und jener rieb den Ring, und wieder kam das Herrchen zum Vorschein und fragte: »Womit kann ich dir helfen, Herr?« — »Nimm diesen Stoff und geh zu meinem ältesten Bruder und nimm ihm Maß, damit das Gewand weder zu weit noch zu eng wird, sondern genau paßt, und nähe so, daß die Naht nicht zu sehen ist!« Der Mann tat, wie ihm geheißen, und am nächsten Morgen brachte dann der Königssohn die Gewänder zum Schneider und sprach: »Bring sie ihnen.« Als die Prinzen die Gewänder sahen, fragten sie den Schneider: »Wer hat diese Kleider genäht, denn bisher hast du nie so gute Arbeit geliefert?« Der Schneider erwiderte: »Ich habe einen neuen Gesellen, der hat sie genäht.« Da meinten die beiden Brüder: »Da uns die jüngste Schwester nicht gemocht hat, wollen wir sie jenem geben, so daß sie unsere Untergebene wird.« Dann gingen die beiden Brüder zur Trauung. Nach der Trauung riefen sie den Schneidergesellen zu sich und ließen auch die jüngste Schwester kommen und sprachen zu ihr, sie solle ihn zum Gatten nehmen. Sie aber sprach: »Ich will nicht«, denn sie kannte ihn ja nicht. Da ergriff sie der älteste Kaisersohn und schlug sie. Aber sie blieb dabei: »Ich werde ihn auf keinen Fall nehmen!« — »Du mußt ihn nehmen!« — »Du magst mir den Kopf abschlagen, ich will nicht!« Da sprach der jüngste Bruder: »Weißt du, Prinz, was du machst? Du läßt mich zusammen mit ihr in ein Gemach gehen, damit ich mit ihr rede.« Da ging jener mit ihr in ein Gemach und wusch sich aus dem andern Kruge, und sein Gesicht wurde wie vorher, so daß das Mädchen ihn erkannte. »Wohlan, nun werde ich dich nehmen«, rief sie. Da wusch er sich wieder aus dem andern Kruge, und sie ging zurück zum Kaiser. Der fragte sie: »Wirst du ihn nehmen?« — »Ja, ich werde ihn heiraten.« Da sprach er: »In zwölf Tagen soll die Hochzeitsfeier vorbereitet sein.« Und sie gingen auseinander.

Sechs Tage waren schon vergangen. Noch war nichts zur Hochzeit vorbereitet, denn der Prinz war ja ein armer Schneidergeselle. Schon waren zehn Tage vorbei, und nur zwei waren noch geblieben, da rief der Schneider den Bräutigam: »Was sollen wir nur machen, denn es ist nichts da für die Hochzeit.« — »Mach dir keine Sorgen, und gräme dich nicht, Gott wird uns schon helfen.« Jetzt war nur noch ein Tag geblieben. Da ging der Bräutigam hinaus, rieb den Ring, und wieder kam das Herrchen zum Vorschein und fragte: »Womit kann ich dir helfen, Herr?« — »Baue mir bis Tagesgrauen ein Schloß mit drei Stockwerken, das sich auf einer Scheibe immer zur Sonne drehen läßt. Sein Dach soll kristallen sein, und einen Teich mußt du darauf anlegen, in dem Fische schwimmen und spielen, so daß die Herren, die hinaufschauen, sich über diese Pracht wundern. Und Speisen sollen in goldenen Schüsseln aufgetragen werden, und silberne Löffel sollen da sein und goldene Becher zum Trinken und Schöpfen.« Bei Tagesgrauen stand das Wunderschloß fertig da. Da sprach der junge Bräutigam: »Nun möchte ich noch einen Wagen mit sechs Pferden bespannt und 100 Berittene, die vor dem Wagen herziehen, und 200, die ihn auf beiden Seiten begleiten.« Und auch dieser Wunsch wurde alsbald zur Wirklichkeit. In diesem Aufzuge nun zogen sie in der Frühe zur Trauung in die Kirche, der Bräutigam von dieser und die Braut von jener Seite her. Als die Feier zu Ende war, gingen sie nach Hause. Zum Festschmaus erschienen seine Brüder, sein Vater und eine große Anzahl von vornehmen Herren. Sie aßen und tranken, und alle schauten mit Bewunderung nach dem Dach. Nach beendetem Mahle fragte der junge Gemahl die Herren: »Was soll mit dem geschehen, der seinem Bruder nach dem Leben trachtet?« Seine Brüder hörten das und antworteten: »Der verdient den Tod.« Da wusch er sein Gesicht aus dem andern Kruge und bekam sein voriges Aussehen. Sofort erkannten ihn seine Brüder. Er aber sprach zu ihnen: »Gesegnet sei euer Tag, meine Brüder. Ihr hieltet mich für tot, nun aber habt ihr euch selbst das Todesurteil gesprochen. Kommt nun mit mir heraus und werft eure Schwerter in die Höhe. Wenn ihr es gut mit mir meintet, so sollen sie vor euch zur Erde fallen. Meintet ihr es aber böse mit mir, so sollen sie euch ins Haupt fahren.« Da warfen alle drei ihre Schwerter in die Höhe, und während das Schwert des Jüngsten vor diesem niederfiel, wurden die beiden anderen ins Haupt getroffen, so daß sie starben.


Copyright: arpa, 2015.

Der Text wurde aus der Märchen-, Geschichten- und Ethnien-Datenback von arpa exportiert. Diese Datenbank wurde dank Sponsoren ermöglicht. Es würde uns freuen, wenn wir mit Ihrer Hilfe weitere Dokumente hinzufügen können.

Auch bitten wir Sie um weitere Anregungen in Bezug auf Erweiterungen und Verbesserungen.

Im voraus Dank für die Mithilfe. Spenden können Sie unter In eigener Sache

Ihr arpa team: www.arpa.ch Kontakt