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Märchen

aus Polen Ungarn und der Slowakei

Märchen europäischer Völker


Peter und der Zwerg

Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein junger Bursche mit Namen Peter. Er besaß die Kräfte eines Riesen und beschloß, in die weite Welt zu gehen, um einen Mann zu suchen, der noch stärker wäre



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als er. So zog er denn aus und sah eines Tages auf der Landstraße einen Mann, der ganze Felsblöcke mit seinen bloßen Händen zu feinem Staube zerdrückte.

»He, du!« rief Peter. »Willst du deine Kräfte mit den meinen messen?«

Der Fremde war's zufrieden, und sie fingen an, miteinander zu ringen. Der Kampf endete mit Peters Sieg.

»Wie ist dein Name?« wollte nun Peter wissen.

»Ich heiße Ivan«, war die Antwort.

»Lasse uns Blutsbruder werden und einander Treue schwören!« schlug Peter vor, und Ivan willigte freudig ein. Von nun an zogen sie gemeinsam ihres Weges weiter.

Sie wanderten viele Tage und kamen zu einem Wald, in dem ein Mann bemüht war, die krummen Bäume aufzurichten und die geraden zu beugen.

»He, du!« rief Peter wieder. »Willst du mit uns kämpfen?«

Dem Fremden gefiel dieser Vorschlag, und er trat zunächst den Kampf mit Peter an, der ihn aber mit ungeahnter Leichtigkeit zu Boden zwang.

Als dann aber Ivan mit dem Fremden kämpfte, wurde er von ihm besiegt.

»Wie ist dein Name?«fragte Peter den Fremdling, als der Kampf zu Ende war.

»Ich heiße Milan.«

»Gut denn, Milan, willst auch du unser Blutsbruder sein?« fragte Peter, und alle drei schworen einander Treue.

Von nun an wanderten die drei Blutsbruder, Peter, Ivan und Milan, gemeinsam weiter durch den tiefen Wald, bis sie vor einer kleinen Hütte anlangten. Sie traten ein und fanden in der Stube eine Anzahl roh gezimmerter Stühle, einen Tisch, einen Kochtopf und ein schönes Stück Speck. Sie labten sich an diesen Leckerbissen und beschlossen, in der Hütte zu bleiben und hier ihre Wohnstätte aufzuschlagen. Zwei von ihnen wollten täglich auf Jagd gehen, und der dritte sollte das Haus hüten und das Mahl bereiten.



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Am nächsten Morgen ging Peter mit Milan in den Wald, um zu jagen, und Ivan blieb zu Hause, um eine Hafergrütze anzurichten. Er stand am Herde und rührte emsig den brodelnden Brei im Topfe, als sich die Tür weit öffnete und ein kleiner häßlicher Zwerg eintrat. Er hatte einen weißen Bart, der so lang war, daß er ihn am Boden nach sich schleppte. Ohne auch nur ein Wort zu sprechen, schlug der Zwerg den starken Ivan zu Boden, aß die gute Hafergrütze bis aufs letzte Körnchen auf und lief davon.

Als sich Ivan von seiner Betäubung erholt hatte, setzte er rasch einen frischen Brei auf den Ofen, doch noch bevor dieser gar gekocht war, kehrten seine beiden Freunde aus dem Walde zurück. »Ist unser Mahl bereit?« riefen sie hungrig.

»Das Holz war grün, und das Feuer im Herde wollte nicht brennen«, entschuldigte sich Ivan, »und so ist auch die Grütze noch nicht ganz gar gekocht.«

Am nächsten Tage nun sollte Milan zu Hause bleiben und das Mahl bereiten. Und wiederum wie am Tage vorher, kam der böse Zwerg, schlug Milan zu Boden, verspeiste gierig den Brei und lief davon. Als die beiden anderen nach Hause kamen, benützte Milan die gleiche Ausrede und erzählte ihnen, daß das Feuer unter dem Topfe nicht brennen wollte.

Am dritten Tage blieb Peter in der Hütte. Am Abend, als die Grütze zum Essen bereit am Ofen dampfte, trat der Zwerg ein und verlangte sein Mahl. Als sich Peter weigerte, seinem Wunsche zu folgen, warf sich der Zwerg mit aller Wucht auf ihn und wollte ihn zu Boden werfen. Peter jedoch war stärker als der kleine Mann, er packte ihn bei seinem langen Barte, zerrte ihn aus der Hütte zu einem Baume und klemmte hier den Bart in eine Spalte im Stamme des Baumes. Dann überließ er den zappelnden und schreienden Zwerg seinem Schicksal und kehrte in die Hütte zurück.

Als Ivan und Milan heimkehrten, fanden sie die Grütze am Tische bereit und ließen sich das Mahl gut schmecken. Hierauf forderte Peter sie auf, ihm zu folgen, und er geleitete sie zu der Stelle, wo er den Zwerg gefangenhielt. Doch wie erstaunte er, als er weder den



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Baum noch den Zwerg vorfand! Der kleine Mann hatte mit dem Aufwand seiner ganzen Kraft den Baum mit all seinen Wurzeln aus dem Boden gerissen und war mit ihm davongelaufen, wobei er den Baumstamm an seinem eingezwängten Barte nach sich gezogen hatte.

Die Blutsbruder folgten seiner Spur, und diese führte sie zu einer tiefen und dunklen Schlucht. Sie ließen sich am Rande nieder und begannen ein sehr langes Seil zu flechten. Das eine Ende schlang Peter um seine Hüften und gebot hierauf seinen Brüdern, ihn an diesem Seil in die Schlucht hinunterzulassen. »Doch bringt mich gleich wieder ans Tageslicht«, bat er sie, »wenn ich an dem Seile ziehe und euch so ein Zeichen gebe!«

Ivan und Milan taten wie ihnen geheißen und ließen ihn vorsichtig am Seil hinuntergleiten. Peter schwebte tiefer und immer tiefer, bis er sich schließlich, am Grunde angelangt, in einer neuen und völlig fremdartigen Welt befand. Hier folgte er wiederum der Spur des Zwerges und kam zu einer Hütte, vor der ein wunderschönes Mädchen saß.

»Einen recht guten Morgen wünsche ich dir, liebliches Mädchen!« rief er. »Hast du einen kleinen alten Mann mit langem, weißem Barte hier vorbeikommen sehen, den er in einem Baumstamm eingezwängt hatte?«

»Sicherlich habe ich ihn gesehen«, antwortete das schöne Mädchen, »es ist mein Vater, den du zu sehen verlangst. Er ist in der Hütte —doch warne ich dich, die Stube zu betreten, denn er ist ganz voller Zorn.«

Peter aber ließ sich nicht abschrecken, er öffnete die Türe und trat ein. Er sah den Zwerg im Bette liegen, und der Baumstamm, in dem sein langer Bart noch immer feststeckte, lag neben ihm am Boden. Als der Zwerg den näher tretenden Peter bemerkte, sprang er mit einem Satze unter den Tisch und durch ein Loch im Boden in den Keller hinunter. Peter zögerte keinen Augenblick und sprang dem Zwerge nach. Ein noch viel schöneres Mädchen saß in diesem Raume und blickte Peter erstaunt an. Der Zwerg aber wartete nicht und



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sprang durch eine Öffnung im Boden in einen noch tiefer gelegenen Raum. Doch Peter folgte ihm wiederum nach.

Nunmehr befanden sie sich in einem unterirdischen Hofe, in dessen Mitte ein kleines Häuschen stand. An seinen Stufen saß ein Mädchen, das noch viel schöner war als die beiden anderen. Auf Peters Frage, ob sie den bösen Zwerg gesehen habe, deutete sie ins Haus und sagte:

»Hüte dich ja einzutreten, Fremdling, mein Vater ist sehr voller Zorn.«

Peter jedoch ließ sich nicht einschüchtern, er stürzte ins Innere des Hauses, ergriff den Baumstamm, der immer noch an des Zwerges langem Barte hing, und erschlug mit ihm den Bösewicht. Dann führte er die drei schönen Mädchen zu der Schlucht, durch die er in dieses unterirdische Reich gelangt war, und gab den Freunden mit dem Seile das verabredete Zeichen. Die Blutsbruder zogen zuerst das erste Mädchen nach oben, dann das zweite und schließlich auch die dritte, die Allerschönste. Doch kaum waren die Mädchen oben angekommen, als Milan und Ivan schon um sie zu streiten begannen, und als Peter erneut an dem Seile zog, um nun selber von den Freunden heraufgezogen zu werden, taten sie dies zwar, doch ließen sie das Seil auf halbem Wege los in der Hoffnung, daß Peter beim Sturze zu Tode fallen werde. Aber nichts dergleichen geschah, und er blieb heil und unverletzt.

Er wanderte nun in der unterirdischen Welt umher, sah sich gut um und entdeckte schließlich am Gipfel eines Eichenbaumes ein Nest, in dem einige junge Greife saßen. Mit rauschendem Flügelschlag näherte sich ein wilder Adler dem Nest und wollte die jungen Greife entführen. So rasch er nur konnte, kletterte Peter zum Neste empor, um die Jungen zu retten, und kam eben im rechten Augenblick, um den Adler zu verjagen. Sie dankten ihm für ihre Errettung und versteckten ihn unter ihren Flügeln, damit er nicht ihrem gierigen Vater zum Opfer falle.

Als der alte Greif heimkehrte, erzählten sie ihm, was sich zugetragen hatte.



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»Du hast meine Jungen vom sicheren Tode gerettet«, sagte der Greif, »begehre nun von mir, was dir beliebt, denn ich werde jeden deiner Wünsche erfüllen!«

»Willst du mich auf deinem Rücken in meine Welt zurücktragen?« fragte Peter.

»Das will ich gerne tun«, kam die Antwort, »doch mußt du neun Lämmer und ebenso viele Brote für mich als Wegzehrung mitnehmen, und wenn ich auf der Reise Hunger oder Durst verspüre, mußt du mich sättigen!«

Sie traten den langen Flug an, und Peter fütterte unterwegs den hungrigen Greif. Als sie sich dem Ende ihrer Reise näherten, war der Vorrat erschöpft, und Peter hatte nichts mehr, was er dem unersättlichen Tiere hätte zur Stärkung geben können. Doch da hatten sie auch schon die Oberwelt erreicht, und Peter sprang freudig zu Boden. Er dankte dem Greifen für seine Hilfe, und dieser flog zu seinen Kindern zurück.

Peter machte sich nun auf die Suche nach seinen beiden falschen Freunden. Bald fand er sie und an ihrer Seite die beiden schönen Mädchen. Die dritte aber, die Schönste von allen, saß ganz allein und verlassen abseits und weinte bitterlich.

»Ihr habt euren Eid schnöde gebrochen!«rief Peter. »Ihr seid meiner Freundschaft nicht würdig!«

Ivan und Milan erblaßten, als sie diese Worte vernahmen, und zitterten vor Furcht. Peter aber wandte sich voll Abscheu von ihnen ab, griff das weinende Mädchen bei der Hand und führte sie hinweg. Er geleitete sie zu seinem alten Heime, dort wurde Hochzeit gefeiert, und sie lebten in Glück und Zufriedenheit noch viele Jahre. Von den falschen Freunden haben sie nie wieder gehört.


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