Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

27. Die Blume des Glücks

E s war einmal ein altes Mütterlein, das mit ihrem einzigen Sohne in tiefster Armut lebte. Als die Mutter im Sterben lag, weinte sie sehr über ihren Sohn und sprach: »Mein lieber Sohn, geh in die Welt und suche dein Glück; ich werde bald sterben, und dann hast du hier im Dorfe niemanden, der für dich nur ein gutes Wort hätte, denn du bist armer Leute Kind! Wenn du mich aber begraben hast, so komme um Mitternacht zu meinem Grabe und pflücke die Blume, die über mir wachsen wird, und achte auf sie wie auf dein Augenlicht, denn sie wird dir den Weg zu deinem Glück zeigen.« Bald starb das Mütterlein, und der Sohn begrub es. Als es Mitternacht wurde, ging er hinaus auf den Friedhof und sah auf dem frischen Grabe seiner Mutter eine wunderschöne blaue Blume blühen. Er pflückte sie ab und legte sie sorgsam in seine Tasche. Am nächsten Tage zog der Jüngling in die Welt und begegnete einem hinkenden Wolf, der ihn bat: »Lieber Mann, ziehe mir die Kugel aus dem Bein!« Der Jüngling tat es, und der Wolf sprach: »Ich kann dir vorläufig deine Güte nicht vergelten, aber zieh mir ein Haar aus, und wenn du einmal meine Hilfe benötigst, so hauche das Haar an!« Hierauf zog der Jüngling dem Wolfe ein Haar aus, steckte es in die Tasche zur blauen Blume und zog weiter in die Welt. Er wanderte schon lange Zeit in der Welt umher und fand nirgends sein Glück. Da erinnerte er sich der Worte seiner sterbenden Mutter und nahm die blaue Blume aus der Tasche. Er legte sie mißmutig auf die Erde nieder und siehe! Da erhob sich die Blume in die Luft und sprach: »Komm und folge mir! Niemand sieht mich, nur du allein kannst mich sehen, darum folge mir getrost nach, ich will dich zu deinem Glück führen!« Die Blume schwebte nun vor dem Jüngling her, der ihr überall nachfolgte. Gegen Abend kamen sie in einen Wald, und da sah der Jüngling einen Fuchs, der sprach: »Lieber Mann, eine Wespe ist mir in das Ohr gekrochen und verursacht mir große Schmerzen. Zieh mir die Wespe heraus!« Der Jüngling tat es, und der Fuchs sagte darauf: »Ich kann dir deine Güte mit nichts anderem vergelten, als daß ich dir etwas mitteile. Du suchst dein Glück, doch ehe du es findest, mußt du bei einer bösen Urme 1 dienen, bei der du eine Kuh mit goldenen Hörnern drei Tage hindurch auf die Weide führen mußt, aber du mußt wohl sorgen, daß die Kuh nicht ohne dich nach Hause komme, sonst tadelt dich die Urme. Wenn es dir gelingt, die Kuh auf der Weide zu halten, so verlange als Lohn für deinen Dienst die Kappe, die hinterm Ofen am Nagel hängt. Wer diese Kappe aufsetzt, ist jedem Auge unsichtbar.« Dies sagte der Fuchs und verschwand, der Jüngling aber ergriff die blaue Blume, steckte sie in die Tasche und legte sich nieder.

Am nächsten Tage nahm er die Blume wieder hervor, und als er sie vor sich herschweben sah, folgte er ihr nach. Bald kamen sie an ein großes eisernes Haus, und die Blume sprach: »Steck mich nun in deine Tasche und nimm mich nur dann hervor, wenn ich dich rufe!« Kaum hatte der Jüngling die blaue Blume in seine Tasche gesteckt, als sich die Tür des eisernen Hauses öffnete und eine häßliche alte Frau auf der Schwelle erschien. »Was suchst du hier?« fragte die Alte. »Ich möchte gern in Dienst treten!« entgegnete der Jüngling. — »Gut!« antwortete die Alte, »ich will dich in meinen Dienst nehmen. Du sollst meine Kuh mit den goldenen Hörnern auf 1 böse Fee. die Weide treiben, doch darf die Kuh nicht ein einziges Mal vor Abend und ohne dich nach Hause rennen, denn sonst muß ich dich töten. Wenn du aber dreimal mit der Kuh nach Hause kehrst, kannst du dir aus meinem Hause das wählen und mitnehmen, was dir am besten gefällt.« — Der Jüngling war mit allem einverstanden und trieb die Kuh mit den goldenen Hörnern auf die Weide. Kaum war er auf der Wiese angelangt, als die Kuh schon nach Hause rennen wollte. Da nahm der Jüngling das Wolfshaar hervor, hauchte es an, und es kam darauf der Wolf mit vielen tausend Wölfen, welche die Kuh umringten und nicht von der Stelle ließen. Am Abend trieb der Jüngling die Kuh nach Hause und legte sich nieder. Am zweiten Tage geschah es ebenso, und als am dritten Tage der Jüngling mit der Kuh zur Urme kam, hieß sie ihn, sich etwas aus ihrem Hause zu wählen. Er wählte die Kappe und nahm sie vom Nagel herab. Doch die Urme schrie auf und wollte sie ihm aus den Händen reißen, der Jüngling aber setzte die Kappe schnell auf seinen Kopf, und so konnte ihn die Urme nicht fangen. Als er ins Freie hinausgelangte, steckte er die Kappe in seine Tasche und hörte die Blume rufen: »Nimm mich heraus!« Er nahm sie heraus und folgte nun der schwebenden Blume nach.

Tagelang wanderte der Jüngling in der Welt herum und war schon ganz verzweifelt, als er in ein Gebirge kam. Ermüdet setzte er sich nieder und hörte die Blume sagen: »Steck mich in deine Tasche!« Er tat es und legte sich in den Schatten eines Baumes. Es war schon längst Abend geworden, und der Jüngling schlief noch immer. Der Mond schien hell und beleuchtete die grauen Felsen des Gebirges. Keinen Laut konnte man hören, das ganze Gebirge lag wie tot im tiefen Schlaf. Da erscholl ein Schrei, und unser Jüngling erwachte. Als er erschreckt um sich blickte, bemerkte er eine große Kröte, die einen kleinen Mann, der nur zwei Spannen hoch war, am Fuße zerrte. Der Jüngling sprang auf und warf einen großen Stein auf die Kröte, daß sie den Mann losließ, der schnell zum Jüngling lief und ihn bat, ihn auf seinen Arm zu heben. Der Jüngling tat es und der kleine Mann sagte: »Du hast mich gerettet, aber wohin sollen wir uns nun verbergen, denn die Kröte ist eine böse Urme, die viele hundert Kröten herbeirufen wird, die uns töten werden.« Der Jüngling nahm schnell die Kappe hervor und setzte sie auf. Kaum daß er dies getan, so rückten viele tausend Kröten heran und suchten nach dem Jüngling, doch sie konnten ihn nicht sehen. Der Jüngling ging nun mit dem kleinen Mann weiter, und als sie in der Frühe an eine Höhle kamen, sagte der kleine Mann: »Setze mich auf den Boden nieder und folge mir nach. Ich will dich reich und glücklich machen.« Und er führte den Jüngling in die Höhle hinein, wo er an eine Felsenwand dreimal anklopfte und rief:

"Öffnet die Türe!

Gast ich jetzt führe,

Brüder, zu euch,

Öffnet mir gleich!"

Darauf öffnete sich eine Tür, und der kleine Mann sagte: »Verstecke deine Kappe, damit dich meine Brüder sehen können.« Der Jüngling steckte die Kappe in die Tasche, und sie traten in ein schönes, hölzernes Zimmer. Von hier gingen sie in ein eisernes Zimmer, dort waren viele silberne Flaschen aufgestellt. Darauf öffneten sie eine Tür und traten in ein goldenes Zimmer. Dort waren viele kleine Männer um einen König versammelt, der auch so klein war wie die anderen Männer und einen langen, silbernen Bart hatte. Der kleine Mann führte den Jüngling vor den König und sprach: »Mein gnädigster Herr König! Dieser Jüngling hat mich vom Tode gerettet. Die Urme, die im Gebirge wohnt, hatte sich in eine Kröte verwandelt und mich beinahe getötet.« Der König blickte auf den Jüngling und sprach: »Du hast meinem besten Diener das Leben gerettet. Nun will ich dich dafür belohnen und dir solche Geschenke geben, durch welche du glücklich wirst.« Und er riß sich aus dem Barte ein silbernes Haar aus, gab es dem Jüngling und sagte: »Wenn du in Not bist, aber nur in sehr großer Not, so hauche dieses Haar an, und ich werde mit meinem Volke erscheinen und dir helfen.« Dann führte er den Jüngling in das silberne Zimmer, gab ihm dort eine silberne Flasche und sagte: «Wenn du mit dem Wasser, das nie abnimmt, einen Stein befeuchtest, so wird er sogleich zu lauterem Gold.« Nun führte er den Jüngling zurück in das eiserne Zimmer, gab ihm dort eine Flinte und sprach: »Mit dieser Flinte triffst du alles, worauf du mit ihr zielst. Nun aber lebe wohl, denn kein Erdensohn darf länger bei uns weilen.« Hierauf führte ihn der kleine Mann hinaus und sprach: »Du wirst bald an den gläsernen Berg kommen, in welchem ein Drache die schönsten drei Jungfrauen der Welt hütet. Wenn du dort in Not geraten solltest, so ruf uns nur zu Hilfe.« Er küßte nun den Jüngling dreimal und ging dann zurück in die Höhle. Da rief die Blume: »Nimm mich heraus!« Der Jüngling tat es und folgte der schwebenden Blume nach. Gegen Abend kam er an einen See und legte sich am Ufer nieder. Kaum daß er sich ausgestreckt hatte, so erblickte er auf einmal drei goldene Gänse, die auf dem See herumschwammen. Der Jüngling ergriff rasch die Flinte und zielte auf die kleinste der Gänse; zwei flogen erschreckt von dannen, die kleinste aber verwandelte sich in eine schöne Jungfrau, die sagte: »Du hast mir meine menschliche Gestalt wiedergegeben, die der Drache auf dem gläsernen Berge mir und meinen zwei Schwestern genommen hat. Ich will gern dein Weib werden, wenn du auch meinen Schwestern die menschlische Gestalt wiedergibst.« Am nächsten Tage gelangten sie an den gläsernen Berg, in welchem der Drache mit den zwei Schwestern wohnte. Da steckte der Jüngling die Blume in die Tasche zurück, nahm das silberne Haar hervor und hauchte es an. Auf einmal erschienen viele tausend kleine Männer, deren König aber sagte: »Ich weiß, was du willst! Du möchtest in den gläsernen Berg hinein und kannst nicht. Nun, wir wollen dir ja helfen.« Darauf begannen die kleinen Männer zu hämmern, zu klopfen und zu bohren, und in kurzer Zeit brachen sie ein großes Loch in den gläsernen Berg. Als sie mit der Arbeit fertig waren, verschwanden sie ebenso rasch, wie sie gekommen waren. Im gläsernen Berg aber krachte und donnerte es, und zwei goldene Gänse flogen heraus. Der Jüngling ergriff die Flinte, zielte, und die Gänse fielen als zwei schöne Jungfrauen auf die Erde. Da aber kam auch der Drache hervor und stürmte auf den Jüngling los, doch dieser zielte mit seiner Flinte auf ihn, und der Drache verwandelte sich in Staub und Rauch, den der Wind brausend weiter führte. Als dies alles geschehen, flog die blaue Blume hervor und sagte: »Lebe wohl, mein Kind! Ich bin die Seele deiner gestorbenen Mutter, nun muß ich zurück in den Himmel, woher ich gekommen bin!« Darauf verschwand die blaue Blume, der Jüngling aber heiratete die jüngste der Schwestern, die zwei anderen heirateten auch gar bald darauf, und sie lebten nun alle glücklich, reich und zufrieden beisammen.


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