Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

19. Der Uhrmacher

Es war einmal ein armer Knabe, der ging auf die Wanderschaft, um sich einen Meister zu suchen. Auf dem Wege begegnete ihm ein Priester. »Wo willst du denn hin, mein Junge?« — »Ich will mir einen Meister suchen.« — »Junge, bei mir ist ein Platz für dich. Ich habe noch einen Jungen wie du.

Ich habe sechs Ochsen und einen Pflug. Verdinge dich bei mir und pflüge und bestelle den Acker.« Da folgte ihm der Knabe, nahm den Pflug, spannte die Ochsen an und ging hinaus aufs Feld und pflügte zwei Tage. Da kam das Glück und der Verstand zu ihm, und der Verstand sagte zum Glück: »Gehe in ihn ein.« Aber das Glück wollte nicht. Da ging nur der Verstand in ihn ein. Da setzte sich der Knabe hin, zog seine Opanken 1 aus und lief und floh übers Feld. Der andere Knabe aber lief hinter ihm her. »Lauf nicht weg, Bruder, lauf nicht weg!« — »Ach, laß mich in Ruhe mit deinem Pflug dort.« Da kam er in eine Stadt, die so groß war wie Bukarest. Dort kam er an einem Uhrladen vorbei. Er schaute sich den Laden an und sah die Knaben, die bei dem Uhrmacher arbeiteten. Da fragte ihn einer der Knaben: »Was stehst du denn da und bietest Maulaffen feil?« Er sagte: »So gefällt mir's. Ich schaue gern eurer Arbeit zu, die ihr macht.« Da kam der Herr und sagte: »Junge, verdinge dich bei mir drei Jahre, und du sollst bei mir lernen und sollst so ein Meister werden wie ich.« Er fügte hinzu: »Ein Jahr lang sollst du nur Holz schlagen und Feuer im Ofen machen und dich auf den Tisch setzen und den Knaben zuschauen, wie sie arbeiten.«

Bei diesem Uhrmacher war die Uhr eines Kaisers schon seit 15 Jahren. Aber keiner konnte sie instand setzen. Uhrmacher aus Paris und Wien waren gekommen und hatten sie nicht instand setzen können. Da setzte der Kaiser die Hälfte seines Reiches für denjenigen aus, der die Uhr reparierte. Und doch gelang es keinem. Diese Uhr hatte 24 Lieder in sich, und wenn die Uhr ein Lied spielte, verjüngte sich der Kaiser. So kam Ostern heran. Der Uhrmacher ging mit seinen Kindern in die Kirche, und zu Hause blieb nur eine alte Frau und der Junge. Wie immer hackte und schnitt der Junge Holz und setzte sich wieder an den Tisch, wo die Burschen sonst arbeiteten. Er rührte auch nicht die kleinste Uhr an. Aber die große nahm er in die Hand und legte sie auf den Tisch. Und wie er zwei Schrauben gelöst und sie abgerieben hatte, und wie er sie wieder an Ort und Stelle gesetzt hatte, da fing die Uhr an, zu gehen und 24 Lieder zu singen. Da versteckte sich der Knabe aus Furcht, und als die Leute diese Lieder singen hörten, kamen sie eilends aus der Kirche gelaufen. Da kam auch der Uhrmacher nach Hause und sagte: »Mutter, wer hat mir das Gute getan und die Uhr repariert?« Da sagte die Alte: »Kein Mensch, nur der Junge ist am Tisch herumgegangen.« Da suchte er ihn und fand ihn in der Pferdekrippe und nahm ihn in seine Arme. »Du warst's, mein Junge, du bist ein größerer Meister als ich. Ich habe dich verkannt, und ich habe dich Ostern Holz schlagen lassen.« Da kamen drei Schneider und machten dem Uhrmacher drei Kleider. In aller Frühe kam ein Wagen mit vier Pferden. Der Uhrmacher nahm die Uhr in die Arme und brach zum Kaiser auf. Als das der Kaiser hörte, stieg er hinab und nahm seine Uhr in die Arme und wurde wieder jung. Darauf sagte er zum Uhrmacher: »Hole mir auch den herbei, der mir die Uhr instand gesetzt hat.« Er aber sagte: »Ich habe sie instand gesetzt.« — »Nicht doch, du hast sie nicht instand gesetzt. Geh und hole mir den, der sie repariert hat.« Da ging er und holte den Knaben. Der Kaiser sagte zu einem Knaben: »Geh und nimm drei Körbe voll Dukaten für den Uhrmacher.« Und zum Uhrmacher sagte er: »Den Knaben gebe ich dir nicht zurück. Ich werde ihm 10000 Dukaten jährlich geben, daß er die Uhr nachsieht, wenn sie entzwei geht.« Und der Knabe blieb bei der Uhr 13 Jahre. Der Kaiser hatte eine Tochter, die war so groß geworden, daß sie sich verheiraten konnte. Sie schrieb einen Brief und gab ihn ihrem Vater. Und was stand in dem Brief? »Vater, ich will mich stumm stellen, und wer mich zum Reden bringen wird, dem will ich angehören.« Da erließ der Kaiser einen Aufruf, wer seine Tochter zum Reden bringen könne, der sollte sie als Gattin haben, aber wer es nicht fertigbrächte, den wolle er töten. Da kamen viele Jünglinge. Doch keiner brachte seine Tochter zum Reden. Der Kaiser tötete sie alle, bis überhaupt keiner mehr kam. Endlich kam der Knabe vom Uhrmacher zum Kaiser und sagte: »Kaiser, laß du mich zu deiner Tochter gehen, ich werde sie zum Reden bringen.« — »Meinetwegen, doch kennst du den Brief auf dem Tische? Ich habe geschworen, daß ich den töten werde, der es nicht vollbringt.« — »Töte auch mich, Kaiser, wenn ich es nicht fertigbringe.« — »Wenn du so hartnäckig darauf bestehst, gehe zu meiner Tochter.« Der Knabe kleidete sich schön an und ging in das Zimmer zu ihr. Sie stickte. Der Knabe sagte beim Eintreten: »Guten Tag!« — »Ich danke dir, Uhrmacher. Setz dich erst ein bißchen nieder und nimm etwas zu dir. So ist es nun einmal, mein Kronleuchter!« Er sprach alle diese Worte selbst, und als er ein Weilchen gesessen hatte, ging er hinaus. »Gute Nacht, mein Kronleuchter!« — »Gehab dich wohl, Uhrmacher!« Am zweiten Tage rief ihn nachts der Kaiser, daß er ihn töte. Doch der Knabe sagte: »Laß mich heute abend noch einmal zu ihr.« Da begab sich wieder der Knabe zu ihr und sagte: »Wohl habe ich dich gefunden!« — »Willkommen seist du mir, Uhrmacher! Weil du gekommen bist, bleibe und verweile, setze dich zu Tisch.« Aber all dies sprach er noch immer zu sich selbst, auch: »Gute Nacht!« — »Gehab dich wohl, Uhrmacher!« Am zweiten Tage rief ihn der Kaiser. »Aber jetzt muß ich dich töten, denn deine Zeit ist überschritten.« Da erwiderte der Knabe: »Du weißt doch, Kaiser, dreimal verzeiht Gott den Menschen.« — »Meinetwegen, gehe auch heute abend noch einmal zu ihr.« Darauf ging der Knabe abends zu ihr und sagte: »Guten Abend, mein Kronleuchter.« — »Ich danke dir, Uhrmacher, nun, weil du gekommen bist, setze dich an den Tisch.« Der Uhrmacher fuhr fort: »Verweile doch! Siehst du dieses Messer in meiner Hand? Ich werde dich in Stücke schneiden, wenn du mir auf meine Frage keine Antwort geben wirst.« — »Aber wie soll ich sie dir nicht geben, Uhrmacher?« — »Nun, mein Kronleuchter, kennst du nicht die Tochter des Kaisers?« — »Wie soll ich sie nicht kennen, Uhrmacher?« — »Kennst du die drei Kaisersohne?« — »Ich kenne sie, Uhrmacher.« — »Schön, daß du sie kennst. Und auch drei Brüder halten zu diesem Mädchen. Doch diese drei Brüder wußten nicht, daß sie alle drei die eine liebten. Aber was tat das Mädchen? Sie wußte, daß sie Geschwister sind. Der älteste kam gegen Abend, und sie setzte ihn an den Tisch und aß mit ihm. Dann schlief sie mit ihm und schloß ihn in ein Zimmer ein. Dann kam nachts auch der mittlere, und sie schlief mit ihm und schloß ihn in einem anderen Hause ein. Endlich kam auch der jüngste, und sie schlief mit ihm. Am andern Morgen holte sie die drei Brüder hervor. Da sprangen sie alle drei auf und wollten einander totschlagen. Das Mädchen sagte: >Setzt euch, Brüder, tötet euch nicht, sondern begebt euch nach Hause und nehmt je 10000 Dukaten und geht damit auf drei verschiedene Marktplätze. Und wer mir das Schönste mitbringt, dem werde ich angehören.<

Da ging der älteste nach Bukarest und fand einen schönen Spiegel. Und was für ein schöner Spiegel war das! >He, Kaufmann<, fragte er, >was kostet dieser Spiegel?< — >Nun, 10000 Dukaten.< — >Wirklich. Aber ist das nicht zu teuer?< — >Schau dir doch den Spiegel einmal an, was für ein schöner Spiegel es ist. Schaue hinein, da siehst du die Toten und die Lebendigen darin.< Dann kam der zweite an die Reihe. Er ging in eine andere Stadt und fand einen Kaftan 1. >He, Kaufmann, was kostet denn dieser Kaftan?< — >Nun, 10000 Dukaten.< — >Was redest du da, Kaufmann? Ein Kaftan soll 10000 Dukaten kosten?< — >Ei ja, schau einmal, was für ein Kaftan das ist. Sooft du dich auf ihn legen wirst, wird er dich führen, wohin du willst. Nun glaubst du wohl, daß er nicht zu teuer ist.< Der jüngste endlich ging in eine andere Stadt und kam zu einem Juden. Von diesem kaufte er einen Apfel. Der Apfel war so wunderbar, daß, wenn ein toter Mensch ihn aß, er sich wieder erhob. Mit diesem Apfel ging er zu seinen Brüdern. Als sie alle nach Hause kamen, fanden sie ihre Geliebte tot vor. Da gab der jüngste ihr den Apfel zu essen, und sie stand wieder auf. Aber wen sollte sie denn da nehmen? Sie nahm den jüngsten. Was sagst du nun dazu?« Da fing die Kaisertochter an zu sprechen, und der Uhrmacher bekam sie zur Frau und machte Hochzeit.


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