Zigeunermärchen

Herausgegeben von Walther Aichele und Martin Block

EUGEN DIEDERICHS VERLAG

17. Die zwei Diebe

Es war einmal, wann es war. Es waren einmal zwei Diebe, der eine war vom Lande und der andere aus der Stadt. Sie trafen sich alle beide. Und einer fragte den anderen, woher er sei und was er sei. Der vom Lande sagte dem von der Stadt: »Ah, wenn du so ein Dieb bist, dann kannst du auch Eier von der Krähe wegstehlen, und dann erst weiß ich, daß du ein Dieb bist.« Da sagte er: »Schau mir gut zu, wie ich stehle.« Er stieg langsam auf einen Baum und legte die Hand unter eine Krähe und stahl die Kräheneier, ohne daß die Krähe es merkte. Während der eine jedoch die Kräheneier stahl, stahl der andere vom Lande die Unterhosen des anderen vom Leibe weg, ohne daß es der Dieb aus der Stadt merkte. Und als er unten wieder ankam und sah, daß er nackt war, sagte er ihm: »Bruder, ich habe wirklich nicht gefühlt, als du meine Unterhosen stahlst. Komm, wir machen Brüderschaft. Brüder wollen wir sein.« Und sie machten Brüderschaft. Nun beratschlagten sie, was sie tun sollten. Sie gingen auf den Markt und nahmen eine Frau. Der von der Stadt sagte: »Bruder, es ist Sünde, daß wir zwei Brüder eine Frau haben. Es ist besser, sie gehört dir allein.« Da sagte er: »Schön, so sei es. Und wohin soll ich dich jetzt führen, daß wir Geld herbeischaffen?« — »Los, Bruder, wenn du weißt wo.« Und sie gingen los zum Kaiser und forschten, wo der Kaiser die Schatzkammer hätte. Da sagte der von der Stadt: »Los, Bruder, wir brechen von oben die Schatzkammer auf und lassen uns einer nach dem andern hinein. Los!« Sie kletterten hinauf und machten ein Loch, und es ließ sich der vom Lande hinein und nahm 200 Beutel Geld, und dann kam er heraus, und sie gingen nach Hause. Frühmorgens stand der Kaiser auf und schaute nach seinem Geld und entdeckte, daß 200 Beutel fehlten. Sofort ging er ins Gefängnis, wo ein alter Dieb war. Er ließ ihn kommen und fragte ihn: »Du, alter Dieb, ich weiß nicht, wer in mein Haus gekommen ist und mir 200 Beutel Geld gestohlen hat. Ich weiß nicht, von wo er eingedrungen ist, denn die Schatzkammer zeigt nirgends eine Öffnung.« Der alte Dieb sagte: »Es ist doch ein Loch, du siehst es nur nicht. Aber geh einmal nach Haus. Mach Feuer im Hause an und gehe hinaus und schaue aufs Dach, und wo du Rauch herauskommen siehst, dort sind die Diebe eingedrungen. Und dann setze ein Faß mit Pech gerade auf das Loch, denn der Dieb, der das Geld genommen hat, wird wiederkommen.« Und der Kaiser machte Feuer und sah das Loch und sah, wie der Rauch aus dem Innern der Schatzkammer aufstieg. Dann nahm er ein Faß mit Pech und setzte es vor das Loch.

Und die Diebe kamen nachts wieder an dieses Loch, und es ließ sich wiederum der Dieb vom Lande hinein, und kaum hatte er sich hinuntergelassen, als er in das Faß mit Pech fiel. Da sagte er zu seinem Bruder: »Bruder, bis hierher sind wir nun gekommen. Von hier entrinne ich nicht wieder. Aber damit wir nicht dem Kaiser den Gefallen tun, komm und schneide mir meinen Kopf ab, damit ich ganz tot bin.« Und da ließ sich sein Gefährte hinunter und hieb ihm den Kopf ab und begrub ihn in einem Walde. Und der Kaiser stand frühmorgens auf und begab sich dorthin, wo der Dieb hineingefallen war. Er sah den Dieb dort im Fasse ohne Kopf. Was machte er nun? Er ging wieder zu dem alten Dieb und sagte ihm: »Alter Dieb, ich habe den Dieb gefangen, aber er hat keinen Kopf.« Da sagte der Alte zu ihm: »Schau, Kaiser, es ist ein Dieb, und es ist auch kein Dieb. Schau, was du nun tun sollst. Du nimmst den Toten und hängst ihn oben an deiner Tür von draußen auf. Derjenige, der seinen Kopf gestohlen hat, wird kommen und wird auch diesen stehlen. Stelle aber ja Soldaten auf, daß sie aufpassen.« So machte es auch der Kaiser. Er nahm den Toten, hängte ihn auf und stellte Posten aus, daß sie ihn bewachten.

Da kaufte der Dieb eine weiße Stute und einen kleinen Wagen und nahm auch ein Faß von zwanzig Eimern Wein mit. Er setzte es in den Wagen und fuhr schnurstracks dorthin, wo sein Gefährte aufgehängt war. Er machte sich älter, als er war. Es geschah nun, daß sein Wagen gerade dort zerbrach und das Faß herunterfiel. Da fing der Dieb an zu weinen und sein Haar zu raufen und tat so, als ob er heulte und jammerte, daß er nun arm geworden sei und sein Herr ihn schlüge. Die Soldaten, die den Toten bewachten, sagten einer dem anderen: »Helfen wir dem Alten sein Faß auf den Wagen, denn er ist zu bedauern.« Und sie machten sich daran, ihm zu helfen, und sagten zu ihm: »He Alter, wir wollen dir dein Faß wieder auf den Wagen heben. Gib uns dafür ein bißchen zu trinken.« — »Ja, ich gebe euch.« Und da setzten sie ihm das Faß auf den Wagen. Und der Alte sagte zu ihnen: »Nehmt und trinkt, denn ich habe nichts anderes, was ich euch geben könnte.« Da tranken die Soldaten, bis sie genug hatten und nicht mehr konnten. Doch der Alte tat so, als ob er von nichts wüßte, und fragte: »Wer ist denn jener dort?« Da sagten die Soldaten: »Das ist ein Dieb.« — »Auleu 1, ich kann hier über Nacht nicht bleiben, denn mir stiehlt wohl gar der Dieb meine Stute über Nacht.« Da sagten ihm die Soldaten: »Du bist wohl ganz närrisch, Alter, wie kann dieser deine Stute stehlen.« — »Doch, es passiert. Ist denn der kein Dieb?« — »Schweig, Alter, er stiehlt deine Stute nicht. Und wenn er sie dir stiehlt, dann bezahlen wir sie dir.« — »Doch, er wird sie stehlen, denn er ist ein Dieb.« — »Sieh doch, Alter, er ist doch tot. Wir geben es dir schriftlich, wenn er dir deine Stute stiehlt, geben wir dir 300 Lei 2 .« Da sagte der Alte: »Gut, wenn es so ist.« Und er blieb dort.

Und er machte sich ein Feuer, und der Schlaf überkam ihn. Er tat aber nur so, als ob er schliefe. Die Soldaten machten sich an den Wein und tranken das Faß aus. Sie betranken sich. Und dort, wo sie hinfielen, schliefen sie einen Schlaf, so tief, wie man sich ihn kaum vorstellen kann. Da erhob sich der alte Dieb, der sich stellte, als ob er schliefe, und stahl den Aufgehängten und setzte ihn aufs Pferd und führte ihn in den Wald und begrub ihn dort. Und die Stute ließ er auch dort. Alsdann kam er wieder ans Feuer und tat wieder so, als ob er schliefe. Die Soldaten aber wunderten sich, als sie aufstanden und sahen, daß der Aufgehängte nicht mehr dort war und auch die Stute des Alten verschwunden war, und sagten: »Seht, der Alte hat doch recht gehabt, daß der Dieb ihm die Stute stiehlt. Da haben wir nun etwas Schlimmes auf dem Halse.« Und ehe der Alte aufstand, taten sie schnell 400 Lei für ihn zusammen und jagten ihn davon mit der Bitte, doch ja nicht davon zu sprechen. Als der Kaiser aufstand und sah, daß der Dieb nicht mehr am Seile hing, ging er zu seinem alten Dieb und fragte ihn: »Schau, auch den aufgehängten Dieb haben sie sogar gestohlen. Was mache ich nun?« — »Sagte ich dir nicht, Kaiser, daß dies ein Dieb ist und auch kein Dieb ist? Aber schau, was du tun mußt: verbiete jegliches Schlachten und Zerteilen von Fleisch in der Stadt, schneide du selbst alles Fleisch auf dem Markte und biete zwei Pfund Fleisch für einen Dukaten aus, so daß niemand mehr kaufe, soviel Geld er auch habe. Denn der Dieb wird länger als drei Tage nicht hungern können.« Und so tat es der Kaiser auch, und es kam kein Mensch und kaufte Fleisch an jenem Tage. Am nächsten Tage konnte es der Dieb aber nicht mehr aushalten, nahm den Wagen, spannte sein Pferd an und wollte sich Fleisch holen. Doch er verstellte sich wieder, sein Wagen ging entzwei, und dann jammerte er, er hätte kein Beil, seinen Wagen wieder instand zu setzen. Da sagte ihm der Fleischer: »Nimm doch ein Beil von mir und mache dir deinen Wagen.« Das Beil lag neben dem Fleische. Und während er das Beil nahm, nahm er auch eine große Keule Fleisch und steckte sie unter seinen Bauernkittel. Und er warf das Beil dem Fleischer wieder hin und fuhr heidi nach Hause. Am nächsten Tag kam der Kaiser und fragte die Fleischer: »Habt ihr an jemand Fleisch verkauft?« Sie sagten: »Nein, an niemand.« Da ließ der Kaiser das Fleisch abwiegen und fand, daß 40 Pfund Fleisch fehlten. Und er ging zum Dieb und sagte: »Sieh, 40 Pfund Fleisch sind gestohlen worden, und niemand hat einen Dieb gesehen.« — »Sagte ich es dir nicht, Kaiser, daß das kein richtiger Dieb ist, den man nicht ertappen kann?« — »Doch, Alter, hilf mir doch aus der Klemme. Wie soll ich es machen?« — »Mache dir ein Verzeichnis der Aussteuer und setze mehr Geld hinein, auch wenn du nicht soviel hast, und sage, daß derjenige Kaiser an deiner Statt sei, der dir sagt, welches der Dieb ist.« Der Kaiser setzte ein großes Verzeichnis auf, wie der Dieb ihm gesagt hatte, und er heftete es draußen an die Tür. Da kam der Dieb und las dies und dachte nach, wie er es machen könnte. Er faßte sich ein Herz und ging zum Kaiser und sagte ihm: »Kaiser, ich bin der Dieb.« — »Du bist es?« — »Ja, ich bin es.« Da sagte der Kaiser: »Wenn du es bist, so stiehl dem Bauern, der da kommt, den Ochsen vom Joch, ohne daß er es sieht. Dann glaube ich auch, daß du es bist.« Da sagte der Dieb: »Ja, ich stehle ihn, Kaiser. Schaue mir zu.« Da ging er vor dem Bauern her und fing an zu schreien, allerlei Unsinn zu machen und zu rufen: »Auf zur Komödie!« Da sagte der Bauer: »Sooft ich auch auf den Markt gekommen bin und allerlei Unsinn und dummes Zeug habe ausrufen hören, niemals bin ich hingegangen, ach, ich werde mir anschauen, wie die Komödie ist.« Und er ließ den Wagen zurück und ging durch die Sträucher zum Eingang des Marktplatzes, der Dieb rief immerfort, bis der Bauer sich von dem Ochsen entfernt hatte. Da ging der Dieb zurück, ergriff den einen Ochsen, schnitt ihm den Schwanz ab und steckte ihn dem anderen Ochsen ins Maul. Den schwanzlosen Ochsen führte er zum Kaiser. Da lachte der Kaiser so herzlich, daß er bald daran gestorben wäre. Aber als der Bauer zurückkam, fing er an zu weinen. Der Kaiser rief ihn zu sich und fragte ihn: »Warum weinst du denn?« — »Ach, Kaiser, während ich nur zur Komödie ging, hat der eine Ochse den anderen aufgefressen.« Wieder lachte der Kaiser und sagte seinen Dienern, sie sollten dem Bauern zwei gute Ochsen geben. Er gab ihm auch seinen Ochsen wieder und fragte ihn: »Kennst du diesen deinen Ochsen wieder?« — »Jawohl, ich kenne ihn, Kaiser.« — »Dann nimm ihn und gehe nach Hause.« Und zum Dieb sagte er: »Wenn ich dir meine Tochter geben soll und du Kaiser an meiner Stelle sein willst, so stiehl mir den Popen' aus der Kirche.« Da ging der Dieb auf den Markt und kaufte 300 Krebse und 300 Kerzen und ging in die Kirche. Und er setzte sich obenhin auf den Kirchboden. Und während der Pope sang, ließ der Dieb immer einen Krebs nach dem anderen mit einer Kerze am Fuß hinunter. Und der Pope sprach zu seiner Gemeinde: »Schaut, ich bin beim lieben Gott, denn Gott schickt die Heiligen direkt zu mir.« Und der Dieb ließ alle Krebse mit je einem Lichte am Fuß hinunter und rief laut: »Ehrwürden, Gott ruft dich mit deinen Büchern, denn du hast recht.« Der Pope sagte: »Aber wie soll ich zu dir kommen?« — »Setze dich hier in diesen Sack«, und der Zigeuner ließ den Sack hinunter, und der Pope stieg ein, und der Dieb zog ihn hinauf und stieg die Treppe hinunter und zerrte den Popen im Sacke nach, indem er seinen Kopf auf die Stufen aufschlagen ließ. Dann sagte der Dieb: »Haltet Euch, ehrwürdiger Pope, denn Ihr seid an der Decke des Himmels angelangt.« Und er nahm ihn auf den Rücken und brachte ihn zum Kaiser. Dort warf er ihn auf den Boden. Als das der Kaiser sah, fing er an herzlich zu lachen. Er gab dem Dieb seine Tochter und machte ihn zum Kaiser an seiner Statt.


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