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Märchen und Sagen


Mit 100 Bildern nach Aquarellen von Ruth Koser-Michaëls


Der Mühlgötz

In der oberen Mühle zu Plauen ward oder wird noch heute ein seltsames altes Holzbild gezeigt, eine plumpe Menschenfigur, etwa wie der Sondershäuser Püstrich, das nannten sie den Mühlgötz, und die Sage ging, es stamme noch aus heidnischer Zeit, sei wirklich ein Götzenbild gewesen. Das Bild hatte die wunderliche Eigenschaft, daß es nicht aus der Mühle fortzubringen war, sondern wenn man versuchte, es wegzuschaffen, so kehrte es immer wieder an seinen alten Ort zurück, aber dann niemals ohne Rumor und Spukspektakel.

Nun trat einstmals ein vorwitziger Gesell als Klapperbursch (Mühlknappe ) ein, grüßte nach üblicher Weise das ehrsame Müllerhandwerk und bat um Nachtquartier, was ihm gern gewährt wurde. Als er sich die Mühle beschaute, fiel ihm auch der Mühtgötz in die Augen, und auf Befragen erhielt er Bericht über die Bewandtnis, die es mit dem Bilde habe. Des lachte der fremde Knappe und gedachte heimlich zu erproben, ob denn das wirklich an dem sei, daß solch ein altes braunes Holzbild von selbst wieder dahin zurückkehre, von wo man es weggetragen?

In der Nacht schlüpfte er, da zudem heller Mondschein war, aus seinem Kämmerlein, schlich zum Bilde, nahm es von seiner Stelle und warf es in den Mühlgraben. Aber da erhob sich plötzlich ein lautes Sturmgetöse, die Räder wurden von unsichtbarer Hand angelassen, die Mühle ging, die Klingel schellte, das Wasser brauste fürchterlich, und Geräte, Kübel und Kästen wirbelten im Werk umher, daß dem Burschen Hören und Sehen verging. Eine unsichtbare Hand faßte den Knappen beim Schopf und zog ihn zum Graben zurück, aus dein der Holzblock ragte. Geschwind zog der Erschrockene den Mühlgötzen wieder aus dem Wasser und trug ihn an seinen Ort zurück.



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Darauf war alles wieder still, nicht aber der Müller. Als er mit seinem Knappen sah, was die Ursache des greulichen Rumors gewesen war, und daß der Fremde den Mühlgötzen beunruhigt hatte, nahm er einen Stecken, hieß seinem Knappen ein Gleiches tun, und beide prügelten nun den Vorwitzling derb und tüchtig ab und warfen ihn zur Mühle hinaus. Der Mühlgötz blieb fortan unbeunruhigt auf seiner Stelle.


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