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Märchen und Sagen


Mit 100 Bildern nach Aquarellen von Ruth Koser-Michaëls


Die Unkluge

Über Heilingen stand ein altes Ritterschloß. Der letzte Ritter, der es bewohnte, hatte eine einzige Tochter, die ward geliebt von einem Jüngling, den sie wiederliebte, der Vater aber haßte ihn und schoß ihn nieder; da stürzte sich das Ritterfräulein vom Turm, der Alte starb vor Reue, und das Schloß zerfiel in Trümmer.

Das Fräulein wandelt nun als ruheloser Geist umher, doch ist sie ein gütiger Geist und hat schon manche begabt. Sie hat auch den Schlüssel zu dem verborgenen Weinkeller, der noch große Fässer voll des besten Weins enthält. Schade, daß solche Keller und solche Fräulein so selten sind !

Ein Bauer zu Heilingen hatte eine Tochter, die war unklug, was man so insgemein simpel nennt, doch nicht ganz stumpfsinnig, sondern nur blöd.



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Bei dem war einmal eine Trink- und Kartgesellschaft von guten Nachbarn, und da meinten die Bäuerlein und sprachen diese ihre Meinung auch aus: Wer doch nur den Keller in dem alten Schlosse auffinden könnte, Darin des Weines und Goldes die Menge liegt!"— Da rief die blödsinnige Tochter:

"Ich weiss den Keller, ich weiß ihn!

"Ja, du sähest mir danach aus!"sprach der Vater.

"Ich weiß ihn doch", wiederholte die Unkluge, und will euch gleich Wein daraus holen."

Damit nahm sie einen Topf, ging und brachte in kurzer Zeit den Topf zurück bis zum Rande angefüllt mit Wein.

"Den Keller muss ich auch sehen", sprach der Vater, "komm du und geh mit mir hin!

Sie machten sich beide auf den Weg, doch jede Spur war jetzt für die Einfältige verschwunden.

"Wäre ich nur allein gewesen", sprach sie bei der Rückkehr in die Bauernstube, "ich hakte meinen Keller schon finden wollen.

Da regte sich die Lust nach wiederholtem Trunke des guten Weines. Die Bauern legten zusammen und boten Geld, wenn sie noch einmal Wein zur Stelle schaffen wolle. Sie ging, brachte Wein, klagte aber dabei:

"Nun ist es mit dein Weinschank aus. Das weiße Fräulein läßt mich nicht wieder hinein, weil ich von euch das dumme Geld genommen habe. Das Fräulein läßt euch sagen, für eure Strumpfgurgeln wäre der Wein viel zu gut, euch gehörte Bier, ihr wäret alle zusammen keine Kanne Wein wert.

Die Bauern lächelten und sprachen untereinander:

"Laßt sie reden, sie ist halt unklug."


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