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Märchen und Sagen


Mit 100 Bildern nach Aquarellen von Ruth Koser-Michaëls


Berggeist Rübezahl

Vom Kynast hat einer nicht weit auf das Gebirge zu wandern, darin des weit und breit genannten Berggeistes Rübezahl Reich ist. Von keinem Gespenst gehen so viele teils alte, teils neu ersonnene Volkssagen. Zahlreich sind die Örtlichkeiten im Gebirge, an denen sein Same haftet; es steige einer nur vom Dorfe und Vitriolwerk Schreibergau hinauf zum Elbfall"zu den Zacken- und Kachelfällen und zum großen Rad wie zur Koppe, da findet er unterwegs Rübezahls Festung, seinen Ball, seine



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Treppe, seine Steinkanzel, seinen Keller, Garten, Teich, Thron und dergleichen häusliche Niederlassungen mehr. Rübezahl ist allbekannt und doch noch nicht genau erkannt; eine Koboldnatur, gut und schlimm, mehr neckisch als tückisch, aber leicht reizbar und oft grausam in seiner Neckerei. Er erscheint in allen Gestalten der Waldleute, als Bergmann, Jäger, Holzhauer, Köhler, Führer, Bote, nicht minder als Mönch, als Moosmann, in Tiergestalt, er gebietet den Elementen wie allen Schätzen der Tiefe, deren Oberhüter er ist.

Es ist eine bekannte Rede, daß dieser Geist den Namen Rübezahl nicht leiden könne und sich an denen empfindlich räche, die ihn damit rufen und höhnen, was ihm auch nicht zu verdenken ist, denn kein Gescheiter wird dulden, daß ihm der erste beste Laffe den ehrlichen Namen verhunze und verschände. Nun weiß aber kein Mensch den wahren Namen dieses Waldschrats, und so nannte man ihn den Herrn des Gebirges, den Herrn vom Berge, und die Kräutersammler nannten ihn Bornirte Johannes und verehrten ihn, da er den Kräutlern gar gute Wurzeln und Kräuter anzeigte, sie auch schöne Steine finden ließ, wenn er sie selbst gut und seiner Gaben wert befand. Da der Gebirgggeist den ihm aufgehängten Samen so wenig leiden und ertragen kann wie der Pilatussee in der Schweiz oder der bayrische See auf der Gebirgsgrenze zwischen Böhmen und Bayern, wo man es "in jener Welt" nennt, die in sie geworfenen Steine und diese mit Toben und Brodeln ausstoßen — so hat er zum öftern groben Leuten, die ihn gerufen, schlimm und scharf gelohnt. Davon wäre viel zu erzählen.

Einem dieser unsaubern und gemeinen Gesellen, der ihn förmlich schimpfte, schickte der Geist ein Hagelwetter auf den Hals, einen zweiten putzte er mit der Mistgabel; einem botanisierenden Mediziner brach er das Genick; einem Schäfer ließ er Ochsenhörner am Kopfe wachsen; einem Schneeberger Ratsdiener zog er die Ohren so hoch in die Höhe, daß sie genau die Ohrenlänge des Esels hatten. Ein Briefträger wurde vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht und bis zum andern Morgen um ein altes Zauberschloß in Ruinen herumgeführt; ein Bauer wurde



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zum Nasenkönig gemacht, der mußte, wenn er sich schneuzen wollte, das Taschentuch so weit vom Gesicht weghalten, wie sein Arm langte. Einer Grasemagd, die im Walde Spottliedlein auf den Berggeist sang, nahte er sich als Buhle, griff ihr unters Kinn und heftete ihr einen Ziegenbart an, den sie ihr Lebelang tragen mußte. Bauern, die ihn geschmäht, lenkten sich, als sie in der Scheune draschen, unwillkürlich die Flegel nicht aufg Getreide, sondern auf ihre Köpfe und Buckel, so daß sie mehr blaue Flecke als Körner ausdraschen, und solcher Strafen verhängte er, wenn er gereizt war, ott und viele. *



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Die Gunst des Gebirgsherrn erweiss sich vielfach gütig, hilfreich, mitunter etwas Schadenfroh, etwas herb, er gibt selten ohne eine gewisse Laune, wenn er überhaupt noch gibt, doch hat er viele Glückliche gemacht.

Drei Haudwerksburschen bettelten einen vornehmen Herrn an, der ihnen, in einer prächtigen Kutsche fahrend, im Gebirge begegnete. Er gab jedem eine Gabe, sorglich in Papier gewickelt, mit der Weisung, nicht eher als in der nächsten Herberge diese Papiere zu öffnen. Allein einen davon trieb die Neugierde dennoch — er öffnete, ehe ihm noch die Kutsche aus den Augen war, und fand — zwei verschimmelte Rechenpfennige, für die ihm niemand etwas gab. Der zweite konnte auch die Zeit nicht erwarten, der fand zwei alte böhmische Groschen; der dritte wartete und fand zwei Goldstücke.




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Einem Bauer befahl sein Edelmann als gestrenger Junker, eine große Eiche aus dem Walde zu holen. Der Bauer spannte sein Pferd an den Sagen und fuhr in den Wald, fand aber gleich, es sei eine Sache der Unmöglichkeit, den großen dicken Eichbaum nur auf den Wagen zu heben, geschweige mit einem Pferd von der Stelle zu bringen, hatte aber doch seines ungnädigen Junkers Zorn und Strafe zu fürchten und wehklagte laut im Walde, als wolle er gleichsam die Bäume um Hilfe an



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flehen. Da kam ein Mann in Jägertracht durch den Wald und fragte dem Bauer sein Herzeleid ab, und tröstete ihn und sagte, er möge nur leer heimfahren, er wolle mit Hilfe seiner Kreiser und Holzleute ihm den Baum ohne Entgelt an Ort und Stelle zum Junker schaffen. Dem Bauer fiel ein großer Stein vom Herzen, und er zog fröhlich heim.

Der Berggeist aber hob sich nachts die Eiche mit all ihren dicken Ässen auf den Rücken und trug sie vor des Junkers Haustür, die der mächtige Stamm so versperrte, daß niemand aus und ein konnte. Nun war es eine Lust, zuzusehen, wie der Junker zum Fenster heraus kommandierte, seine Leute sollten den Baum gleich wegschaffen; der lag fest wie von Eisen; nun rief der Junker, sie sollten doch den Baum entzwei sägen und spalten, damit Platz vor der Tür werde — aber da zersprangen die Äxte, wie wenn sie von Klingstein gewesen wären, und die Sägen büßten alle ihre Zähne ein und waren nicht schärfer als ein Fiedelbogen. Die Eiche war oder schien versteinert — sie blieb vor des gestrengen Junkers Hause liegen, und dieser mußte eine neue Tür in sein Haus brechen lassen, welcher kleine Bau viele Bauhandwerker, Maurer, Zimmerer, Schreiner, Schlosser und Tüncher erforderte, vielen Ärger verursachte und dreimal soviel kostete, als die Eiche wert war.



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