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Märchen und Sagen


Mit 100 Bildern nach Aquarellen von Ruth Koser-Michaëls


Die Seelen der Ertrunkenen

In einem See im Böhmerlande wohnte ein Wassermann, der trug einen grünen Hut und konnte die Lippen nicht schließen, so daß, wer ihn sah, auch seine grünen, bleckenden Zähne sah, sonst war er von einem Menschen in nichts unterschieden. Zuweilen hat er sich den Mädchen gezeigt, sitzend am Ufer des Sees und grünes Band messend, das er endlos aus der Flut herauszog und dann ihnen zuwarf, wenn er genug gemessen.

Dieser Wassermann war gut bekannt worden mit einem Bauer, der am See wohnte, kam zum öftern in dessen Haus und lud auch den Bauer ein, ihn in seiner Wohnung unterm See zu besuchen. Das tat der Bauer und fand es unten über alle Maßen schön und viele Schätze, und endlich kam er in eine kleine Stube, darin standen ganze Reihen neuer Töpfe, aber alle umgestürzt.

Was tut Ihr damit?" fragte der Bauer.



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Das will ich dir sagen", antwortete der Wassermann. Alle Jahre hole ich mir einen in den See, und seine Seele, die ist dann mein, und ich halte sie unter dem Topf eingesperrt. Jeder Mann muß doch ein Vergnügen auf der Welt haben, auch der Wassermann, und das ist nun das meine.

Den Bauer verdroß dieses Vergnügen, es ärgerte ihn und ging ihm im Kopf herum; er achtete genau auf die Art, wie er in den See gekommen war. Der Weg ging durch eine Brunnenstube, und als er eines Tages in der Mittagsstunde den



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Geist am See sitzen und Band messen sah, was er den Mädchen nur hinwarf, sie daran zu fangen und hinabzuziehen, schlüpfte der Bauer geschwinde heimlich hinunter in des Wassermannes Behausung und schmiß alle Töpfe um. Hei, war das eine Seelenluft, wie alle die Seelen aus der Sammlung des Wassermannes frei wurden und erlöst aufwärtgschwebten!

Der Wassermann aber wurde sehr böse über den ihm gespielten Streich und drohte dem Bauer grimmige Rache.

Nun hatte der Wassermann die Gewohnheit, sein Fleisch in den Fleischbänken der Stadt selbst zu kaufen und immer mit alten böhmischen Groschen zu bezahlen. Da stach ihn bei einem jüngsten Besuch der Metzger, als geschehe es unversehens, mit dem spitzen und scharfen Messer in den Daumen, womit er die Groschen zählte, daß das Blut des Wassermanns floß, welches aussah wie Froschlaich. Zornig wandte der Wassermann sich hinweg, ging und kam nimmermehr wieder.

So entging jener Bauer seiner Rache.


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