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Märchen und Sagen


Mit 100 Bildern nach Aquarellen von Ruth Koser-Michaëls


Die Saalnixen

Von den Saalnixen gehen der Sagen viele; der Fluß zieht in mannigfaltiger Krümmung durch weite Länderstrecken von seinem Ursprung auf dem Fichtelgebirge bis zu seiner Einmündung in den Elbstrom in der Nähe von Barby.

Zu Wilhelmsdorf, zwischen der Saale und dem Städtchen Ranis, hat sich eine Saalnixe zum öftern gezeigt. In der Berggrube bleichte sie ihre Wäsche, die war blütenweiß und rot gerändert. Ein Bauer, der dort vorüberfuhr, hieb mit seiner dreckigen Peitsche ein paarmal darüber hin, daß man garstige Schmitzen sah. Da stand die Nixe plötzlich an seinem Wagen und schalt, er solle das nicht noch einmal tun, sonst wär' es aus mit ihm. Murrend fuhr der Knecht davon.

Als er das nächstemal wieder an derselben Stelle vorbeikam, lag das Linnen wieder dort, aber es war keine Nixe dabei. Da trieb der angeborene Frevelsinn, der manchem im Leibe steckt, den Burschen an, nach Herzenslust auf die blütenweiße Wäsche zu schlagen und sie mit dreckigen Striemen zu zeichnen, und über dieser Frevelübung merkte er gar nicht, daß aus der nahen Berggrube hervor endlos Wasser strömte, bis er es an den Füßen spürte, bis es über die Knie ihm schwoll, und da er sich nun hinauf auf seinen Wagen vor der mehr und mehr anschwellenden Flut retten wollte, war die Nixe riß ihn zurück, tauchte ihn unter und hielt ihn fest, bis ihm der Odem ausging.

Lange Zeit trieb diese Saalnixe zum Zeitvertreib ihr Wesen in der Costerquelle und den runden Teichen auf der Walperwiese bei Wilhelmsdorf Einstmals ging ein Mann aus dem Dorfe nach dem schwarzen Holze, sich dort einen Peitschenstecken zu holen. Die Sonne ging gerade auf, als der Wilhelmsdorfer über die Walperwiese schritt. Er sah, wie die Nixe blendendweiße Wäsche an dem Rande der Costerquelle ausgebeeiter hatte



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zum Trocknen. Daneben saß sie selber und wiegte ihr noch schlafendes Kind. Erschrocken darüber wollte er von der unheimlichen Stelle ausbiegen, doch die Nixe hatte ihn schon gewahrt. Sie fragte nach seinem Anliegen und versprach ihm einen Peitschenstecken, mit dem er gewiß zufrieden sein solle, wenn er das kleine Nixlein recht schön wiegen wolle.

Der Mann wollte die Sage nicht böse machen und setzte sich bei der Wiege nieder. Unbeholfen stieß er daran und brachte sie nach seiner Weise in starken Schwung. Eines solchen Wiegens ungewohnt, erhub die kleine Nixe wehklagend ihre Stimme. Da schaute die Nixenmutter sich um, drohte mit der Hand und gebot ihm Schonung für ihr Kind. Der Mann aus Wilhelmsdorf aber wurde dadurch so aus der Fassung gebracht, daß er die Wiege gar umwarf und dann entfloh. Die zurückkehrende Saalnixe schwur dem Fliehenden Rache, und ehe dreimal vierundzwanzig Stunden vergangen waren, lag der Frevler als toter Mann in der Saale.


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