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Märchen und Sagen


Mit 100 Bildern nach Aquarellen von Ruth Koser-Michaëls


Der lange Wapper

Ein anderer Tückebold ist der lange Wapper, der spukte vornehmlich zu Antwerpen und gehörte zu demselben Gelichter; er verschmähte es nicht, selbst unschuldige Kinder zu betören. Er spielte mit ihnen um Schüsser und Knicker, ließ sie gewinnen, und wenn sie meinten, die Tasche recht voll gewonnene Küglein zu haben, und wollten sie zeigen, dann waren es Schaflorbeeren. Wenn er mit den Jungen das Diebspiel spielte, kartete er es so ab, daß er den Henker machte, und dann henkte er die armen Buben wirklich, und wenn sie sich zu Tode zappelten und die andern alle davonliefen, so schlug er ein unmenschliches Gelächter auf.

Ein Brauer hatte einen neuen Gesellen gedingt; der war kräftig und fleißig; am Abend rollte er eine schwere Tonne voll Bier mit einem Nebengesellen von ihrer Stelle, stellte dem Nebengesellen flink ein Bein, daß er fiel und unter die Tonne kam, die drückte ihn breit wie eine Oblate, und der neue Gesell lachte, daß die Gewölbe erbebten. Als die andern Braugesellen sich darüber erzürnten und ihn prügeln wollten, rannte er dicht vor ihnen her, und plumps lag er im Braubottich, und plumps purzelten drei, viere, die ihm dicht auf den Fersen waren, auch hinein und verbrühten sich elendiglich. Der lange Wapper aber schaute plötzlich aus einer Trebernbütte heraus und lachte, daß alle hohlen Fässer dröhnten.

Zahllos sind die Sagen, die vom langen Wapper im Molke zu Antwerpen umgehen. Es war nicht gut, ihn zu nennen, und wer seinen Samen nannte, tat mehr übel als klug. Häufig hielt dieser Geist sich unter einer Brücke auf, sie heißt heute noch die Mapperbrücke, machte sich klein wie ein Schulbube, nahm der Abwesenden Gestalt an, absonderlich gegen die Dämmerung, wenn die Knaben spielten, und spielte ihnen selbst allerlei Schabernack.



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Der lange Wapper konnte sich so hoch und lang strecken, daß er bequem den Leuten in den höchsten Häusern in die obersten Stockwerke hineinsehen konnte. Da rief er denn denen, die er drinnen erblickte und nicht immer in allertugendsamster Hantierung, manches erschreckende Wort zu. An vollen Tafeln saß er als Gast und zechte mit; ehe man es sich versah, besonders aber, wenn der Teller umging, um die Zeche zu zahlen oder eine Auflage für Arme zu machen, hörten die andern sein Gelächter, er selbst war verschwunden. Gern weilte er bei Spielgesellen, spielte mit, verlor die größten Summen, dann hatte er nichts zu zahlen, begann Streit, lockte die Mitspieler vor die Tür, hetzte sie aneinander, daß sie zu den Messern griffen, und wollte sich totlachen, wenn ihrer einer oder etliche auf dem Platze blieben.


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