maerchen.arpa-docs.ch
Volksmärchen Sagen Geschichten Etnologie Beriche © Arpa data gmbh

Märchen und Sagen


Mit 100 Bildern nach Aquarellen von Ruth Koser-Michaëls


Die Unterirdischen

Das Volk der Unterirdischen und der Glaube daran ist im deutschen Norden und weiter nordwärts verbreiteter als irgendwo. Es wohnt unter der Erde, häufig in den alten Grabhügeln und Hünenbetten. In Schleswig heißt es Biergfolk, Ellefolk, Unuervaestöi, auf Sylt Önnererske, auf Föhr und Amrum Önnerkänkissen, in Holstein Unnererske, Dwarge. Seit undenklichen Zeiten wohnen sie im Lande.

Die Sage von ihrer Entstehung lautet: Christus, der Herr, wandelte einmal auf Erden und nahte einem Hause, darinnen eine Frau wohnte, die hatte fünf schöne Kinder und fünf häßliche. Der Häßlichen schämte sie sich vor dem hohen Gast und verschloß sie schnell im Keller. Wie nun der Herr in das Haus kam, sprach er:

"Frau, lasset Eure Kindlein zu mir kommen.

Da brachte die Frau ihre fünf hübschen Kinder, daß der Herr sie segne.

"Und wo sind Eure andern Kinder?"fragte der Herr.

"Andere Kinder hab' ich keine', log das Weib.

So?"sagte der Herr und legte die Hände auf die fünf Kinder, segnete sie und sprach:

"Was drunten ist, soll drunten bleiben, was oben ist, soll oben bleiben.

Allg der Herr hinweg war, lief die Frau in den Keller, ihre häßlichen Kinder herauszulassen, aber da waren sie verschwunden. Aus ihnen ist das Geschlecht der Unterirdischen entstanden.

Zahllos sind die Orte, die das Selk in Schlegwig, Holstein, Lauenburg, in Jütland und auf den Inseln nennt und kennt, wo Unterirdische sich aufhalten sollen, und noch viel zahlloser die mannigfaltigen Sagen von ihnen. Die Önnerkänkissen auf Amrum haben ihr Wesen hauptsächlich im Fögedshoog bei den Dänen, da laufen sie auf dem Wasser Merum Schlittschuhe.



183 Ludwig Bechstein Märchen Flip arpa

Ein Mann ließ sich einfallen, ihnen nachzugraden, wie man einem Fuchs oder Dachs nachgräbt; da schrie es hinter ihm: "Feuer!", und wie er sich umschaute, sah er sein Haus in hellen Flammen stehen. Eilend ließ er ab von seiner Graberei und stürzte seinem brennenden Hause zu; als er hinkam, war da keine Spur einer Flamme. Er war klug genug, sich die Lehre zu merken, er grub nicht wieder.

Die Unterirdischen sollen auch an Gott glauben, aber vom Christentum wissen sie nichts.

Viele sonderliche Kunst wird den Unterirdischen zugeschrieben, besonders sollen sie die Verfertiger der so mannigfach geformten Grabtöpfe sein, die in Hünengräbern stehen, und von alle dem schönen Schmuck und den bronzenen Waffen, die in der Erde und häufig selbst in solchen Töpfen gefunden werden. Einen solchen Topf zu zerschlagen, bringt kein Glück (zeugt auch von geringem Verstand). Mancher ist über solchen nutzlosen Frevel ganz von Sinnen gekommen. Same, aus solchen Gefäßen gesät, gedeiht besser als anderer, Hühner, daraus getränkt, werden nicht krank, Milch, in ihnen hingestellt, rahmt besser und gibt mehr Butter. (Die Rahmtöpfe auf manchen Dörfern in Thüringen haben noch ganz eine Form altdeutscher Urnen, nur daß sie etwas höher sind; ohne Henkel, wenig bauchig, schmaler ausgebogener Rand, unglasiert.)

Wie in Deutschland vom Zwergenvolk die Sagen gehen, daß es Kessel und sonstige Geräte leihe, besonders zu seinen Hochzeiten und Festen-— so findet im Norden der umgekehrte Brauch statt, die Bauern leihen dergleichen bei den Unterirdischen und geben es nach gemachtem Gebrauch mit Speiseresten zurück.

Was sich die Leute zu Zittau in der Lausitz von den in dortiger Gegend hausenden Bergzwergen erzählen, daß sie unsichtbar an Hochzeiten der Menschen teilnehmen, zwischen den Leuten sitzen und mit ihnen essen, das wird auch im Pinnebergischen erzählt und im nördlichen Schlegwig. Wer den Unterirdischen etwas, das ihnen gehört, wegnimmt, erzürnt und vertreibt sie. Lärmenden Instrumentenschall können die Unterirdischen nicht vertragen, am wenigsten aber den Klang der Glocken, der hat sie fast



184 Ludwig Bechstein Märchen Flip arpa

überall hinweggetrieben, und dieser Glaube ist übereinstimmend in allen Ländern.

Die Unterirdischen holen auch oft irdische Wehfrauen hinab zu ihren Wöchnerinnen, belohnen sie scheinbar gering, aber wenn sie das Geringfügige: Hobelspäne, Sand, Asche, Kohlen, Erbsen, Laub u. dgl., nicht unklug wegwerfen, so verwandelt sich's in Gold. Meist werfen sie es aber weg und bleibt nur ein kleines Restchen an der Schürze hängen oder fällt in den Schuh, und zu spät wird entdeckt, welchen Reichtum sie verwarfen.

Unter dem Landvolke, soweit es noch an die Unterirdischen glaubt, herrscht mehr Furcht und Abneigung gegen sie als Neigung und Liebe; sie nennen sie Untüeg, Unzeug (Gezügk sagen die Thüringer).

Vom Verkehr der Menschen mit den Unterirdischen, von Krieg und Frieden, Gunst und Tücke, Raub und Wiederbringung, Gaben, die Glück, Gaben, die Unheil bringen u. dgl. mehr wären allein ganze Sagenbücher zu füllen.

Auch die Wechselbälge sind der Unnereerdschen unliebliche Früchte, denn diese stehlen neugeborene Menschenkinder vor der Taufe und legen ihre verschrumpfelten Hutzelmännchen in die Wiegen. Mancher geht umher, und wenn er in den Spiegel guckt, weiß er nicht, ob er nicht vielleicht auch ausgetauscht worden ist.


Copyright: arpa, 2015.

Der Text wurde aus der Märchen-, Geschichten- und Ethnien-Datenback von arpa exportiert. Diese Datenbank wurde dank Sponsoren ermöglicht. Es würde uns freuen, wenn wir mit Ihrer Hilfe weitere Dokumente hinzufügen können.
Auch bitten wir Sie um weitere Anregungen in Bezug auf Erweiterungen und Verbesserungen.
Im voraus Dank für die Mithilfe. Spenden können Sie unter In eigener Sache

Ihr arpa team: www.arpa.ch Kontakt