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Märchen und Sagen


Mit 100 Bildern nach Aquarellen von Ruth Koser-Michaëls


Burggeist Poppele

Auf der Burg Hohenkrähen im Hegau Schwabens, die im Volksmund Kreihen genannt wird, haust ein wunderlicher Spukgeist, der muß schon seit mehr als ein paar hundert Jahren wandern oder, wie man dortzulande spricht, laufen. Selbiger Geist gehörte, als er noch in einem menschlichen Leibe umging, dem Vogt einer Witwe an, die auf Hohenkrähen saß, der hieß Hans Christian Poppel und war ein übergeschäftiges lustiges Männlein, das die Leute gern vexierte, das Gesinde fleißig zur Arbeit trieb. Nebenbei trieb er Ränke und Schwänke, wünschte auch auf der Welt nichts anderes und besseres, als dies immerfort zu tun. Da Poppel nun doch nach der Welt Lauf einmal nicht ewig leben konnte, so setzte er das Geschäft nach dem Tode fort, wurde ein Hilfsgeist und Neckebold mit Rübezahls Sutur und Launen und heißt im Volke allgemein der Poppele.

Seine Hilfe ist meist so unerbeten wie unwillkommen. Er trägt zwar die



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Garben in die Scheuer, aber er wirft sie durcheinander, statt sie auszudreschen. Er spannt zwar das Vieh an und ein, aber verkehrt; die Wagen und Kutschen hemmt er, wo es nicht nötig ist Manchen äffte Poppele, der zerbrechliche Ware hatte, stand als Baumstrunk oder als einladende Bank am Wege; setzten sich nun die Müden mit ihrem Glas- oder Eierkorbe darauf, plauz, saßen sie auf dem eignen Poppel, Strunk oder Bank waren weg, und die Tracht zertöpferte. Manchmal schon blies in stiller Nacht das Posthorn und kam dem Stadttor von Radolfzell immer näher,
immer näher; der Wächter dachte, du willst dem Postillon das Tor auftun, und wenn der Wächter nun dicht vor dem Tore das Horn hörte und tat das Tor sperrangelweit auf, so war kein Teufel da und auch kein Postillon — und nur in weiter Ferne hörte der Wächter, wie der Spukgeist eine grelle Sache aufschlug.

Will man den Poppele gut haben, so muß man ihn einladen zum Mitessen oder Mitfahren, und wenn er etwas recht und nicht verkehrt tun soll, dazu sprechen: "It ze lützel und it ze viel."

Auf dem Heuberge (einer also genannten Gegend) gibt es auch Hinzelmannähnliche Kobolde des Samens Poppele in mehreren Dörfern; ach, und wie viele, viele Poppele gibt es auch außerdem noch in Schwaden und



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im übrigen lieben Deutschland, die alles verkehrt machen! — sie heißen nur anders.

Die Benennung Poppele hat im Worte Popel, Popanz seine Wurzel — und geht durch ganz Unter-, Mittel- und Oberfranken bis Bamberg. "Ich hole den Popel, wenn du nicht artig bist!" — werden dort die Kinder bedroht.



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Ein ähnlicher Geist wie der Poppele auf Hohenkrähen war der Kasperle oder Käschperle, auch eines Vogts, und zwar zu Gomaringen, der in einem einzelnen Hause spukte, welches das Volk Annaut (Unnoth) nennt. Er machte allerlei Spuk und Rumor in Haus und Hof, Stall und Scheuer, Boden und Keller, absonderlich gegen Weihnachten und in den Zwölften. Auch er machte alles verkehrt, wie so viele andere Käschperle, war auch ein Raucher und platzte zum Fenster heraus. Endlich war er auch ein Schnupfer und hielt den Leuten eine Dose hin, die war grün wie ein Kuhfladen und roch keineswegs nach Tonkabohnen. Wollte aber jemand dennoch eine Prise nehmen, so zog er schnell die Dose weg.

Zuletzt wurde das Haus gar abgebrochen, darin er spukte, und man führte das Holz herein ins Dorf Gomaringen und gedachte, den Kasperle loszuwerden. Dieser aber wartete, bis der letzte Wagen vollgeladen war, da saß er obendrauf und machte sich und die Last so schwer, daß die Pferde den Wagen kaum fortziehen konnten, denn der Umzug war nicht nach seinem Sinne. Und kaum waren des Hauses alte Schwellen wieder gelegt und die ersten Balken aufgerichtet, da war auch das Kasperle da und begann von neuem seine beschwerlichen Possen.

Endlich kam man auf den Gedanken, nachdem der Geist sechs volle Jahre gespukt hatte, den Körper des Vogts auszugraben, und siehe, der Leichnam ward noch unverwest und blutig befunden. Da wurde er noch einmal begraben, und von da an ward der Kasperle nimmer zu Gomaringen gesehen.



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