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Märchen und Sagen


Mit 100 Bildern nach Aquarellen von Ruth Koser-Michaëls


Geist Blaserle

Das Pfarrhaus zu Eisingen ist eine Zeitlang ein rechtes Spukhaus gewesen. Zuvörderst hielt sich ein Geist darin auf, der hatte die üble Gewohnheit, abends gleich nach Sonnenuntergang den Leuten in das Gesicht zu blasen, ohne sich sonst wahrnehmen zu lassen, und war unter dem Namen Blaserle" der Herrschaft wie dem Gesinde bekannt.

Einst bekam der Pfarrer eine Kuh geschenkt, aber kaum war das Tier im Stalle, so brüllte es fort und fort, fraß auch nicht und hatte sich so ungebärdig, daß der Pfarrer die Kuh verkaufen mußte, worauf sie denn ganz gut tat und gedieh. Das Blaserle war es gewesen, das die arme Kuh gequält. Das Federvieh gedieh auch nicht, es schrie sich tot. Das hai lange Zeit gedauert, und kein Mittel half, bis endlich das Blaserle von selbst aufhörte, seinen bösen Mutwillen gegen Menschen und Tiere auszuüben und aus der Pfarre wegkam, man wußte nicht wie.

Das war ein Geist, nun ging aber auch noch ein anderer im Hause um, des Natur war nicht luftig wie die des Blaserles, sondern schwerfällig. Er schlich und schlürfte mit so schweren Tritten durch das Haus,



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daß die Balken knackten, und tat schaurige Achzer, ohne sich jemals sichtbar zu zeigen. So ging er durch alle Stuben, über alle Treppen und durch die Ställe sogar. Er hatte keinen Samen, schien abei eine namenlose Qual mit sich herumzutragen.

Dieses war Summer zwei; nun kam aber auch eine weiße Sonne, die erschien sichtbarlich, schwebte stets nach dem Stalle und verschwand dort. Da es nun nicht gut ist, daß der Mensch allein sei, was auch von Geistern gelten mag, so erschienen auch noch eine Schlange mit einem Bund Schlüssel im Maule und ein gespenstischer welscher Hahn, die wandelten auch selbander oder zu dritt mit der Sonne nach dem Stalle und verschwanden dort.

Einst faßte, vom Pfarrer ermuntert, eine Magd sich ein Herz und folgte der Sonne, die ihr noch dazu stets winkte, und ging ihr mit einem Licht nach in den finstern Stall. Dort wies die Sonne in einen Winkel und verschwand. Anderntags grub man dort, hob einen großen Stein, fand darunter einen kupfernen Topf und darin die Gebeine zweier Sonnenkinder.



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Man begrub diese auf dem Kirchhof an dem Orte, wo das alte Weihwasser hingeschüttet wurde, und Sonne und Schlange kamen nicht wieder. Nur die Welschhahnengestalt ließ sich als gebratener Konsistorialvogel zuzeiten noch im Pfarrhause erblicken, wenn die Kirchenvisitation war oder das Fest der Kirchweihe.


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