J. P. Hebel und Basel
von Fritz Liebrich

Basel 1926

Verlag Helbing & Lichtenhahn

Der Hausfreund.

Mit den alemannischen Gedichten trat ein gewisser Umschwung im Leben Hebels ein. Die Gedichte bilden einen abgeschlossenen Kreis, die Heimat der Jugend war in festgefügten Umrissen neu erstanden und in ihrer Art ausgeschöpft. Da und dort hätte Hebel etwa noch eine Ergänzung beifügen können, das Bild wäre nicht verändert worden. Der dichterische Schöpfungstrieb hatte sich in dieser Richtung voll ausgewirkt. Rasch machte sich der äußere Erfolg geltend, und der Dichter wurde in aller Welt bekannt. Das übte natürlich auf seine gesellschaftliche Stellung in Karlsruhe großen Einfluß aus, und so sehen wir in der neuen Heimat einen neuen Freundeskreis entstehen, der ähnlich dem proteusischen Leben in Lörrach seinen besonderen Ausdruck fand. Man übte seinen Scharfsinn im Erfinden und Auflösen von Scharaden und Rätseln. Gewisse Äußerungen Hebels in den Briefen an Zenoides lassen darauf schließen, daß dieses Treiben unter Einfluß des Xenienkampfes Schillers und Goethes entstanden sein mochte. Hebel war der Vorsitzende der Gesellschaft dieser Freunde und nennt sie die "Rätselakademie". Er berichtet 1804 an Nüßlin. "Ich suche der Welt, die sich aber nur auf unsere Tischgesellschaft beschränkt, durch Scharaden nützlich zu werden." Und "das Charadenwesen ist hier zur Sucht geworden".

In dieser Zeit (1805) war, daß er als Mentor der Barone Carl und Ernst von Mentzingen eine Schweizerreise unternahm. Schon in den ersten Karlsruher Jahren soll er eine solche gemacht haben, und es ging dabei ganz nach Hebelscher Art zu. Er steckte, so wird erzählt, die Ersparnisse des ersten Jahres zu sich. In die linke Westentasche kam ein Goldstück, eines in die rechte, und die Reise begann. Das Ziel sollte der Rigi sein; denn ein alter Wunsch zog ihn ins Gebirge. Doch, wie so manchmal in seinem Leben, wurde es anders. Als er bis zum Zugersee und ein wenig darüber hinausgekommen war, fand er die eine Tasche leer, kehrte er um. Das zweite Goldstück mußte ja zur Rückreise nach Karlsruhe ausreichen, und so war der Aufstieg nach Rigikulm unerschwinglich. Aber diesmal, im Jahre 1805, sollte er die Schweizerberge kennen lernen. Zwar wiederum ein wenig anders, als er gedacht. Seinem Zenoides in Rötteln schwärmte er vor, er werde auf den Gotthard wandern, dann werde es darauf ankommen, ob er vollends hinüberschwanke und wenigstens einen Tag seines Lebens unter dem besseren Himmel jenseits der Alpen zubringe. Bei der Rückkehr wolle er mit italienischem Staub an den Stiefeln in den Röttler Pfarrhof hineinschreiten. Doch der Weg lief anderswohin. Die Reise begann am 22. August und führte zunächst über Donaueschingen nach Schaffhausen. Das este, was dort geschah, war dies: "Ein schöner neuer Hut reklamierte auf Schweizergrund und Boden seine Freiheit, setzte sich noch diesen Abend auf flüchtigen Fuß und ward nicht mehr gesehen". So berichtet Hebels Tagebuch. Der Munot und der Rheinfall wurden bewundert, dann führte der Dichter seine Zöglinge über Stein am Rhein nach Konstanz, nicht ohne vorher der Insel Reichenau einen Besuch abgestattet zu haben. Überall wurden zu Handen der jungen Leute historische Tatsachen in Erinnerung gerufen. Posthornblasen und Genuß der reichen Apfelernte verkürzte ihnen den Weg durch den Kanton Thurgau, Frauenfeld wurde berührt, Hebel fand es tot und leer. Besser gefielen ihm Winterthur und hernach Zürich, wo er am 29. August anlangte. Der Gasthof zum Schwerdt tat es ihm an. Denn beim Aufwachen konnte er dort durchs Fenster einen Teil des Sees sehen und einen Blick tun auf die Berge, die eben aus dem Nebel hervortraten. Auf der Limmatbrücke zeigten ihm die Menschen eine ganze Musterkarte von Schweizertrachten; der Kaffee mit "Schweizerrahm und Butterbrot" schmeckte ihm in dieser Umgebung ganz besonders. Hier hat er den Eindruck der Seelandschaft empfangen, die er später im Gedicht "An den Geheimrath von Jttner, Curator der Universität zu Freiburg, bey dessen Gesandtschaftsreise in die Schweiz" eingeflochten hat. Dem Denkmal Geßners widmete er einen Besuch, hierauf ließ er sich von der "Katz" (einem Bollwerk) aus die Punkte der Schlacht bei Zürich erklären. Er wunderte sich über die freimütigen Urteile, welche alle Zürcher über die geschichtlichen Ereignisse und Personen äußerten. Am meisten staunte er über die Freimütigkeit seines Gastwirtes. Dieser berichtete vom Unfug, den ein französischer Offizier im Wirtshaus getrieben hatte und fügte bei: "Aber bey Gott, wär ich daheim gewesen, ich hätt ihm gesagt: Ihr seid so grob, wie Euer Herr und Meister." Über den Albis und Kappel, wo Zwinglis gedacht wurde, erreichten die Reisenden Zug. Wolken verhüllten den Rigi, so daß wiederum eine Besteigung unmöglich war. Deshalb zog man über Jmmensee nach der Hohlen Gasse und Küßnacht. Da wurden Tells Schuß und Schillers Drama vorgenommen und beigefügt: "Wenn einmal in der Geschichte Meuchelmord durch Noth gerechtfertigt und durch seine Folgen zur verdienstlichen That geheiliget werden kann, so ist dieser." In Küßnacht schifften sich unsere Reisenden ein und fuhren nach Luzern. Der Pilatus machte großen Eindruck auf sie. Luzern, so findet Hebel, habe schon eine empfehlende Außenseite und sei inwendig von einem heiteren, gutmütigen Völklein bewohnt. Er besah mit seinen Zöglingen die "topographische Schweizerkarte in erhabener Arbeit" vom verstorbenen General Pfyffer. In Luzern, meinte er, "hatten wir die niedlichste und theuerste Bewirthung". Am 1. September, einem Sonntag, wanderte der Dichter nach dem aus der Asche eben neu erstandenen Stansstad, wobei er bemerkte, daß die naiven Landleute, denen sie begegneten, an seinem und seiner Begleiter Aussehen großes Behagen fanden. Da gedachte er der Kriegsgreuel, die wenige Jahre vorher beim Einbruch der Franzosen verübt worden waren, in dieser Gegend, die von der Natur zum Sitz der Ruhe und des Friedens geweiht war. "Leuchteten nicht von Stanzstad und allen Höfen bis nach Stanz hinein die Flammen des Mordbrandes über den See und rings an den Alpen und Schneebergen hinauf!" Zwei biedere Schweizer, die den Franzosenkrieg mitgemacht hatten, erzählten ihm auf dem Wege die Geschichte der "Seltenen Liebe", die er später im Hausfreund wiedergegeben hat. Die Namen "Drachenried" und "Melchthal" erinnerten ihn an die erste Schweizergeschichte, Sachseln an Niklaus von der Flüeh. So durchzog Hebel urschweizerisches Gebiet, schauend und aufnehmend. Ganz deutlich erkannte er dabei, was schweizerische Demokratie sei. Er traf in Giswil einen jungen Mann, der 1800 mit den schweizerischen Hilfstruppen in der Gegend von Heidelberg, Mannheim und Durlach als Oberleutnant gestanden hatte. Und siehe, dieser Offizier war jetzt im Privatleben ein — Schuhmacher. Auf dem Brünig hatten die Herren kein Glück. Ein dichter Nebel verhüllte den ersten Blick auf die Berneralpen. Es begann zu regnen und im Wirtshaus wurde "eingefeuert und umgekleidet, getrocknet und gewaschen, gegessen und getrunken, gelacht und gejammert." Ersatz für die Alpengipfel bot wenigstens ein Berg in der Nähe, der von frisch gefallenem Schnee überzuckert war. In Meiringen sollten, wie Hebel glaubte, die Leute sich an Geist und Wuchs vor allen Schweizern auszeichnen, auch ihre Sprache wurde ihm als die feinste des ganzen Schweizervolkes genannt. Doch meinte er, man müsse länger als einen Tag dort verweilen, um es wahr zu finden. Die Leute aber gefielen ihm nicht ganz. "Die offene Treuherzigkeit der kleinen Kantone zieht sich hinter eine ernstere, bisweilen fast schwerfällige Außenseite zurück." Der wohlhabende Berner sei stolz auf seinen Kanton, der ärmere aber scheine das Gefühl, Schweizer zu sein, wenigstens in diesen Tälern verloren zu haben. Die angenehme Art der Unterwaldner Jungen, die den Wanderer in fröhlichem Kreis umringen, lieb und schön um ein paar Kreuzer zum Ausspielen mit der Armbrust buhlen, "sinkt hier zur plattesten und unverschämtesten Betteley nach deutscher Art und Weise herab". Doch müsse er sich da wohl vor einer Ungerechtigkeit hüten, fügte Hebel bei, da er nur auf der Landstraße an diesem Volk vorbeizog. Am Reichenbachfall lernte er den Maler Lafond kennen, mit dem er angenehme Stunden verbrachte. Über einen "Grat", wohl die Große Scheideck, gelangten Hebel und seine Begleiter unter großen Mühen nach Grindelwald. Die bergungewohnten Männer fielen einer nach dem andern nieder, "selten waren alle drei auf den Beinen". Doch keiner wollte müde sein, "er schöpfe nur frischen Atem", sagte jeder. In Grindelwald aber wurde es ihnen wieder wohl. Der Anblick der Gletscher, das Donnern der Lawinen machte tiefen Eindruck auf sie. Abends erzählte ihnen der Wirt, daß er einst in eine Gletscherspalte gefallen sei, jedoch auf allen Vieren im Wasser unter dem Eis hindurch ins Freie habe gelangen können. Lauterbrunnen erreichten die Reisenden über Zweilütschinen. Staubbach und Jungfrau wurden angestaunt, ebenso bewunderte man den Bericht, daß kürzlich am Schweizer Hirtenfest ein starker Appenzeller einen 180 Pfund schweren Stein mit einer Hand gestemmt habe. Über Interlaken zogen die Reisenden nach Thun, lernten dort den gelehrten und sehr gefälligen Herrn Professor Kuhn aus Bern kennen, nachdem sie schon in Unterseen die Bekanntschaft mit dem Maler König gemacht hatten. In Bern, der "schönsten und eine der größten Städte der Schweiz", verweilten sie zwei Tage lang. Selbstverständlich fielen ihnen die Lauben auf. Eine Madame Haller führte sie in die Bibliothek, wo sie die Bilder der alten Häupter des Staates bewunderten. Ferner sahen unsere Reisenden ein großes Tableau, die Auferstehung darstellend, eine vollständige Sammlung aller Vogelarten der Schweiz, eine Sammlung alter Waffen und Kleider aus Südindien und Otaheide, dazu ein Relief des Berner Oberlandes und der Landschaft Aigle, eine Mineraliensammlung und die besonders gut eingerichteten Spitäler der Stadt. Herrn Lafond besuchten sie ebenfalls, er zeigte ihnen mehrere Stiche und Handzeichnungen seines Lehrers Freudenberger. Über Biel und Pierre Pertuis gelangte Hebel nach Mallerais, "einem schlechten Dorf und desgleichen Wirtshaus". Unterwegs hatte er einen angenehmen Begleiter, Herrn Lembke, zurückgelassen, der in einem Wagen nach Biel zurückkehren wollte. Nach einigen Stunden wurde dieser Herr als Arrestant nach Mallerais gebracht, er war irrtümlicherweise verhaftet worden. Hebel konnte ihn befreien, sonst wäre der Gefangene noch nach Besançon abgeführt worden; denn die Gegend war damals französisch. In dichtem Nebel machte man den Weg zu Fuß nach Delsberg, durch die Landfest; wo "das Völklein, das sie bewohnt, in dem schönen Ruf der herzlichsten Gutmütigkeit und Biederkeit" steht. Am 13. September legten die Wanderer über Saugern und Äsch den Weg nach Basel in neun Stunden zurück. Der Blick hinunter nach St. Jakob erinnerte sie an die Armagnakenschlacht und an den roten Wein, der "jetzt auf dem Schlachtfeld wachst", Schweizerblut genannt, der "alle Frühjahr in wenigen Tagen unter patriotischen Erinnerungen und Gefühlen weggetrunken wird". Nun waren die Reisenden in Basel, und Hebel zeigte seinen Schützlingen die Sehenswürdigkeiten "der größten Stadt der Schweiz". Die Sehenswürdigkeiten aber waren diese. das Rathaus, die Münsterkirche, merkwürdig durch die Grabstätten und Denkmäler von Personen aus dem österreichischen und [fehlt im Tagebuch] Hause, von Bischöfen und [fehlt], den Familien von Rotberg, Reichenstein usw. Auf den Grabstein des Erasmus wurde nachdrücklich hingewiesen. Dann kamen an die Reihe: Das große Auditorium der Universität, der Saal der Kirchenversammlung, der Kreuzgang hinter der Kirche und die Pfalz "mit einer schönen Aussicht". Der Rest der Tage (14. und 15. September ) wurde bei Freunden auf dem Lande, in Bourglibre und Weil zugebracht. Am 22. September waren die Reisenden wieder in Karlsruhe. So hat Hebel die Schweiz gesehen.

Karlsruhe fesselte ihn nun immer stärker. Als 1809 die Schauspielerin Henriette Hendel dort weilte und Hebel sie die Aussprache der alemannischen Gedichte gelehrt hatte, trug sie öffentlich einige davon vor. Der Dichter konnte am Erfolg spüren, wie sehr er geehrt und geachtet war. Das Erlebnis hat ihn leidenschaftlich erregt. Er berichtete darüber an Zenoides und erzählt, wie die Hendel unter anderem "in Gegenwart des Hofes und des Adels, des Fürsten von Thurn und Taxis, die wegen dem Kayser hier waren und mehr als 600 Personen verschiedener Stände unter beständiger Begleitung des allgemeinen Beyfalls "Hans und Verene" vortrug und dann anfing "z 'Fryburg in der Stadt". Aber denke dir ein Weib, das im stolzen, königlichen Bewußtsein, alles thun zu dürfen, was es will, auch wirklich thut, was es will — an der Stelle:

Minen Auge gfallt —
gel, de meinsch, i sag der Wer,

dreht sich nach mir, lächelt nach mir, sagt:

es isch kei Sie, es isch en Er

und deutet auf mich. — Eine Schauspielerin im Theater und ein Kirchenrat im Parkett!!!.. Das Klatschen dauerte so lang und laut, daß sie den Schlußvers nicht mehr anbringen konnte, und statt für den Beyfall stumm zu danken, that sie dies laut und sagte, daß sie dieses Glück (ich will aus Bescheidenheit nicht alles nachschreiben, aber das schönste) ihrem Freund Hebel zu verdanken habe, durch dessen Gegenwart sie begeistert sey". An Frau Haufe schrieb der Dichter: "Ich muß doch ein wenig verliebt gewesen seyn in die Geliebte, wie ich jetzt erst merke."

Da Hebel auch beim Großherzog größtes Verständnis fand, lebte er sich immer mehr in Karlsruhe ein. Überdies erwuchs ihm eine neue dichterische Aufgabe: Es war die Arbeit am Kalender, die bald nach den alemannischen Gedichten einsetzte.

Das Gymnasium in Karlsruhe gab nämlich den "Badischen Landkalender" heraus, der jedoch "in der Konkurrenz mit so vielen fremden reicherer Aussteuer bei seinem Publikum immer weniger Kredit und freiwillige Abnahme fand", trotzdem er durch den Hatschierer ausgeteilt wurde. Man zog auch Hebel zur Mitarbeit bei und suchte "durch Annäherung in Inhalt, Ton und äußerer Gestalt an die Wünsche und den Geschmack des Volkes" das Büchlein in höheren Kredit zu bringen. Nach Hebels Ansicht war dies aber nicht gelungen. Deshalb nahm er die Sache tüchtig in die Hand und übergab zu diesem Zwecke der Direktion des Gymnasiums ein "Unabgefordertes Gutachten über eine vorteilhaftere Einrichtung des Calenders". Er bewies darin, daß diese Aufgabe bereits gelöst sei in dem ihm bekanntesten Volkskalender, dem "Basler Hinkenden Boten", der als bloßes Privatunternehmen ohne alle obrigkeitlichen Zwangsgesetze einen fast unbegreiflichen Absatz finde. Es ist bezeichnend, haß der Dichter bei einem volkstümlichen Buch, wie es der Kalender war, ohne weiteres an seine Wiesentäler und an Basel dachte. Er stellte den Hinkenden Boten dem Badischen Landeskalender gegenüber, und letzterer kam nicht gut weg. "Der Badisch Kalender enthält 4 —5 Bogen Text, kein rothes Jota, nicht einmal einen rothen Vollmond", habe schlechtes Papier und koste vier Kreuzer. "Der Bote hat 6 —8 Bogen Text, in den schlechtesten Exemplaren wohl erträglichen und sehr leserlichen Druck, viel Roth" und "kostete in einer Gegend, wo alles theurer ist, lange nur 6 cr. jetzt 8". Da er aber kein Exemplar dieses Kalenders besaß, legte er bei "zur unmittelbaren Ansicht den ebenfalls in Basel herauskommenden Schweizerboten von Heinrich Zschogge herausgegeben". Lange Zeit, so sagte er, habe es sogar in Basel zwei hinkende Boten gegeben, einen im Scholerschen, einen im Deckerschen Verlag.

Da Hebel die Art und Wünsche der Landbevölkerung genau kannte, verlangte er, daß man im Kalender das Rote wieder einführe, die astrologischen Praktika, die Zeichenstellung und das Aderlaßmännlein, wie es Zschokke getan, der gezeigt habe, "wie fein und unschädlich sich diese Artikel behandeln lassen, und wieviel weiser es sei, den Geschmack seines Publikums zu benützen als ihn zu verachten und zu beleidigen".

Wie stellte sich aber Hebel den Inhalt eines Kalenders vor? "Der Bote gibt als Hauptingrediens seiner Leseartikel politische Begebenheiten des vorigen Jahres, Mord- und Diebsgeschichten, verunglückte Schatzgräber und Gespensterspuk, Feuersbrünste und Naturerscheinungen, edle Handlungen und witzige Einfälle, womöglich aus seiner neuesten Vaterlandsgeschichte. Ahme dies nach! Auch der Bauer mag gern wissen, was außer seiner Gemarkung vorgeht, und will, wenn er unterhalten und affiziert werden soll, etwas haben, von dem er glauben kann, es sei wahr. Mit erdichteten Anekdoten und Späßen ist ihm so wenig gedient als mit ernsten Belehrungen, und wenn wir noch, wie billig, edlere Zwecke mit der Kalenderlektüre erreichen wollen, welches Vehikel wäre zu den mannigfaltigsten Belehrungen geeigneter als Geschichte ?" Hebel gibt hier die Grundlagen an, auf denen er später selber die Kalendererzählungen aufbaute. Er dachte aber gar nicht an sich. Es war sein Dichtergeist, der unbewußt in diesem Gutachten die schöpferische Arbeit begann und seine eigenen Fähigkeiten darlegte. Wie wenig er sich selbst im Auge hatte, zeigt der Vorschlag, den er machte: "Das ganze Geschäft soll nicht vielen, sondern einem Bearbeiter übertragen werden, der nicht in der Stadt, sondern beobachtend unter dem Volk lebt, einem Landgeistlichen, der Talent, guten Willen und Muße dazu hat." Er verlangte für ihn "honette Vergütung". "Denn umsonst ist der Tod". Dazu bemerke er: "Ich habe bischer an dem Kalender so willig und verhältnismäßig viel gearbeitet, daß ich mit dieser Nummer [des Gnu achtengl keinen Schein unredlicher Arbeitsscheu auf mich zu laden hoffe." Wen er sich aber unter einem geeigneten Landgeistlichen vorstellte, zeigt sein Brief an Zenoides: "Ich habe bei den diesjährigen Calender-sitzungen einen 3 Bogen starken Vorschlag zur gänzlichen Reform unseres Calenders gegeben, um ihn den beliebtesten ausländischen gleich oder vorzusetzen. Unter anderm sollen ihn nicht viele in der Stadt, sondern einer auf dem Land, ein Pfarrer, ausarbeiten und dafür bezahlt werden. Ich will Dich nicht fragen, ob ich Dich in Vorschlag bringen soll. Denn es ist schon geschehen. Aber fürchte nichts! Es wird alles nach löblicher Sitte beim alten bleiben."

Es blieb aber nicht beim alten. Vorerst allerdings wurde noch viel darüber geredet, und der Dichter mußte befürchten, man habe ihn mißverstanden und wolle einfach den Basler Hinkenden Boten nachmachen. Er verfaßte deshalb "Meine weiteren Gedanken über eine vorteilhaftere Einrichtung des Calenders" und ging dabei mit dem baslenschen ins Gericht, der Wert sei "von ihm zu lernen, was man dem Volk, aber nicht wie man es ihm geben müsse". Selbst die historischen Leseartikel müßten viel zweckmäßiger gewählt, populärer, sinniger, reiner und unter einer lustigen Außenseite bearbeitet werden, als dort geschieht, und die stehenden Artikel von Nativitätssiellung, Aspekten usw. nach den angegebenen Zschokkeschen Manieren so bearbeitet werden, daß nicht der Aberglaube gefestigt und gelehrt, vielmehr allmählich entkräftet werde.

Auch mit den Bildern des Basler Hinkenden Boten konnte Hebel nicht zufrieden sein. Er wußte über die Praktiken des Verlegers genauen Bescheid. "Decker legte die alten Holzschnitte, wenn sie noch brauchbar waren, sonst zu eigenem zweiten Gebrauch zurück. Wenigstens kam öfters nach mehreren Jahren genau die nemliche Tafel; das nemliche arme Städtlein mußte zu allen Feuersbrünsten in Nord und Süd herhalten, und wie manche Theatergesellschaft, so hat er zu allen Mordscenen nur einen Wald und immer die nemlichen Acteurs." "Er läßt die Kalender durch seine eigenen Mägde und Jungen heften, der Buchbinder, der sie nur noch zu beschneiden hat, kommt ins Haus und erhält für 12 Stück nur 2 Rappen, folglich für 60 erst 4 Kreuzer." Die Forderung nach einem einzigen Bearbeiter auf dem Lande wurde nachdrücklich wiederholt, "wie ein solcher gewiß verständlicher, lehrreicher und unterhaltender mit dem Landmann sprechen kann, als der gelehrteste Professor aus der Stadt, also wird er ihm gewiß auch einen ansprechenderen und zweckmäßigeren Calender geben".

Man sieht in allen Ausführungen deutlich, wie Hebel ein Netz flicht, in dem er schließlich selber gefangen wurde. Und das war für den Kalender und uns das denkbar beste. "Zu einem andern Zeitvertreib und Verderb [als Charaden lösen] habe ich die Redaktion des Kalenders ganz übernommen,"schreibt er am 11. März 1806 an Hitzig. Aber dieser Zeitvertreib wurde mehr: Ein neues dichterisches Gebiet wurde besetzt, eine neue Welt entstand für Hebel neben derjenigen der alemannischen Gedichte. Wiederum war es ein Stück Oberländer Heimat, welche sich da aufbaute. Aber Hebel war seinem Lande entwachsen. Er stand jetzt über seinem Heimweh und brachte seinen Landsleuten die Gaben einer höheren Bildung. Und so wie er sich zu dieser Aufgabe stellte, nicht mehr um sein Innerstes und dessen Ausdruck ringend, sondern überlegen und bewußt wirkend, entfaltete sich aufs glänzendste sein Humor. Höherstehenden gegenüber war er nach eigenem Geständnis immer etwas gedrückt; seine Erziehung hatte ihm den Respekt zu tief eingepflanzt. Er fühlte sich zwar "ungemein angenehm in der Gesellschaft dieser feingebildeten Menschenklasse [der Adeligen]", aber Dichter, und namentlich Erzähler war er nur unter einfachen Leuten. Durch den Kalender wurde er für sie der wirkliche Hausfreund [er führte den Namen "Rheinländischer Hausfreund" 1808 ein], der sie um sich versammelte und mit feinem Takt verstand, eine Hausfreundgemeinde zu gründen. Zu diesem Zwecke brachte er seine eigenen Erlebnisse hinein in die Kalenderwelt. Dadurch erhielten seine Abhandlungen und Geschichten etwas ganz Persönliches und wurden eine Angelegenheit zwischen dem einzelnen Leser und dem Verfasser. Er berichtet im "Hexenmehl", daß er Bärlappe "in der Gegend von Hausen, zum Exempel auf dem Alzebühl, an dem Plaßberg, im Wagengesperr" in seiner Kindheit oft gesehen und um den Leib herum gegürtet habe. Auch auf den Proteuserbund deutet er hin als etwas ganz Selbstverständliches in der "Baumzucht". "Hausfreund", sagt dort der Adjunkt, "wenn ihr einmal Vogi werdet, Stabhalter seid ihr schon." Seine Bekannten führt er ebenfalls ein. Da ist der Adjunkt, der württembergische Legationssekretär Kölle, der ihm manchen Stoff zu Erzählungen zutrug. Diesen Umstand berichtet der Hausfreund unumwunden seinen Lesern. Der Schluß von "Die Probe" erzählt: "Dieses Stücklein ist noch ein Vermächtnis von dem Adjunkt, der jetzt in Dresden ist. Hat er nicht dem Hausfreund einen schönen Pfeifenkopf von Dresden zum Andenken geschickt, und ist ein geflügelter Knabe darauf und ein Mägdlein und machen etwas mit einander. Aber er kommt wieder, der Adjunkt." Und wirklich erscheint er wieder und läßt sich willig vom Erzähler im "Morgengespräch des Hausfreundes" examinieren. Auch in "Der listige Kaufherr" verrät Hebel: "Der Adjunkt, der dieses schreibt, hat allemal eine große Freude, wenn er auch ein Geschichtlein einmauern kann in den Kalender." Der Adjunkt singt auch in "Der fremde Herr" zu Brassenheim im wilden Mann seine Lieder und hält die trefflich "Standrede über das neue Maß und Gewicht."

Die Schauspielerin Henriette Hendel wird ebenfalls eingeführt in den Kalenderkreis. Hebel ernennt sie zur Schwiegermutter des Adjunkten, weil diesem das Bild des Töchterleins der Hendel gefallen hatte. Auch sie arbeitet am Kalender mit. Davon spricht der Schluß der Erzählung "Die leichteste Todesart". Es heißt dort: "Dies Stücklein ist von der Schwiegermutter, die niemand gern umkommen läßt, wenn sie ihn retten kann."

Damit aber auch die Kalenderleser über die beiden orientiert seien, stellt er sie bei ihrer Einführung in "Des Hausfreundes Vorrede und Neujahrswunsch 1811" also vor:

"Was aber die zwei Gehilfen betrifft, so hat der Hausfreund angenommen, erstlich einen braven Adjunkten, der schon weit in der Welt herumgereist ist, in Paris, in Amsterdam und in München... Sodann hat er angenommen des Adjunkts seine Adjunktin oder Schwiegermutter, die ist schon gewesen in Berlin, in Italien und auf dem Rigiberg in der Schweiz, hat schöne Liedlein dort gelernt, kann alle Leute ausspotten, und doch ist sie allen Leuten lieb und wert. Schon manchmal hat der Adjunkt den Hausfreund gefragt, ob es mit natürlichen Dingen zugeht, was sie versteht und wie sie's treibt, und wie sie's den Leuten antut, z. B. ihm."

Es ist klar, daß das Wort des Hausfreundes eine große Vertraulichkeit wecken mußte, und daß er daher, wo er's für nötig hielt, Belehrungen anbringen durfte und immer wieder sagen konnte, der Hausfreund denkt so und so. Man mußte ihm glauben, wenn er in der Geschichte "Wie einmal ein schönes Roß um 5 Prügel feil gewesen ist" sagte: "Der Hausfreund hat's schriftlich, daß es wahr ist."

Hebel bevölkert aber auch seine Kalenderwelt mit Personen, die eine besondere Rolle zu tragen haben: Der Zundelfrieder und seine Gesellen tauchen als echte Spitzbuben bald auf, bald unter. Eine unverbürgte Überlieferung sagt sogar, daß der Frieder keine erfundene Figur sei, daß er vielmehr wirklich gelebt und im Kampf zwischen Stadt und Landschaft Basel am 3. August 1833 gefallen sei. Der Herr Theodor sodann spielt seine überlegene Partie in "Nasse Schlittenfahrt", im "Talhauser Galgen" und im "Friedensstifter". Der allzeit windige Zirkelschmied ergattert sich ein "wohlfeiles Mittagessen", außerdem einen Schinken in "Hilfe in der Not", einen Vierundzwanzger in "Ein Hausmittel", neun Gulden im "Wettermacher" und spricht schließlich unfreiwillig sein Urteil in "Seinesgleichen". Die Kalenderwelt hat auch gerechte und weise Richter, wie die "Billige Rechtspflege", "Der Talhauser Galgen", die "Rettung vom Hochgericht", aber auch "Der kluge Richter" und "Eine sonderbare Wirtszeche" zeigen. Die Weltbegebenheiten zeichnen sich ab und malen den großen Hintergrund der Zeitgeschichte in "Napoleon und die Obstfrau in Brienne" und im "Brand von Moskau". Im Vordergrund jedoch stehen auch etwa einzelne Soldaten als Menschen aus der guten alten Zeit in "Hochzeit auf der Schildwache", in "Einer Schildwache lächerlicher Irrtum", "Das bequeme Schilderhaus" u. a. Und neben dem Soldaten taucht auch der deutsche Handwerksbursche auf und walzt seine Straße als Träger eines etwas beschränkten, aber unendlich treuherzigen Alemannentums.

Politische Begebenheiten, Mord und Diebsgeschichten, verunglückte Schatzgräber und Gespensterspuk, Feuersbrünste und Naturerscheinungen, edle Handlungen und witzige Einfälle, so lautet im "Gutachten" das Programm, und das ist ungefähr auch der Stoff, welcher den Rahmen der Kalendenvelt ausfüllt.

Die Art, wie Hebel das Leben ringsum betrachtete, war geradezu zur Aufgabe des Kalenderschreibens vorbestimmt. Er mußte nicht ein Vorkommnis umdeuten, er erlebte in überlegener Art. Darum ist sein Humor so natürlich. Denn dieser war eine innere Eigenschaft, gewissermaßen das besonders gefärbte Glas, durch das der Dichter die Situationen schaute. Deshalb sind seine Diebsgeschichten, deren Stoff doch gewiß dem gemeinen Manne unmoralisch vorgekommen wäre, so unendlich komisch, bei der "Rettung vom Hochgericht" z. B. muß der ernste Blutrichter selber das Schnupftuch vor den Mund halten und auf die Seite sehen.

Wenn auch die Kalendergeschichten geschrieben und gegedruckt wurden, so ist doch, als ob der Erzähler spräche. Die Charakterisierung der Menschen wird dabei immer lebhafter, der Jude mauschelt immer stärker, die Spitzbuben zeichnen sich immer treffender durch leicht hingeworfene Bemerkungen, so wie es eben geschieht, wenn jemand lebhaft erzählt. Da beginnt auch das lustige Spiel, das scheinbar eine Tatsache steigert, um dann dem gespannten Zuhörer das einfachste Ding vorzubringen, wie im "listigen Quäker": "Die Quäker sind eine Sekte, zum Exempel in England, fromme, friedliche, verständige Leute wie hier zu Land die Wiedertäufer etwa und dürfen vieles nicht tun nach ihren Gesetzen, nicht schwören, nicht das Gewehr tragen, vor niemand den Hut abziehen; aber reiten dürfen sie, wenn sie Pferde haben." Diese Art des Erzählens achtet auf die kleinsten Dinge und sucht jedes Fortschreiten der Handlung genau zu begründen und dem Hörer nahe zu bringen. Alles, was fern und fremd ist, wird durch Nahes und Bekanntes erklärt und verständlich gemacht. Ein glänzendes Beispiel dafür ist die "Merkwürdige Gespenstergeschichte". Hebel will da eine Begebenheit aus Dänemark erzählen. Das erscheint ihm aber zu abgelegen. Deshalb fuhr, nicht irgend einmal, sondern "verwichenen Herbst", ein fremder Herr durch Schliengen. "Den Berg hinauf ging er zu Fuß wegen den Rossen." Man weiß gleich, es ist am Schlienger Stutz, wo der Reisende auszusteigen pflegt. Der Fremde erzählt seine Geschichte einem Grenzacher. Dieser muß ja natürlich in derselben Richtung über den Schlienger Stutz, wenn er heimgehen will. So ist der Leser sofort im Bild, und die Gespenstergeschichte kann beginnen. Aber auch da muß das fremde Schloß näher gebracht werden: Der Herr "stellte zwei brennende Lichter auf den Tisch, legte ein paar geladene Pistolen daneben, nahm zum Zeitvertreib den Rheinländischen Hausfreund, so in Goldpapier eingebunden an einem roten seidenen Bändelein unter dem Spiegelrahmen hing, [in einem Schloß ist alles vornehmer als in einer Hütte] und beschaute die schönen Bilder". Nun kommt das Gespenst, der mutige Herr geht ihm nach und fällt in die Hand der Falschmünzer. Diese lassen ihn schwören, sie nicht zu Verraten und senden ihm zum Dank, daß er sein Wort hielt, später eine goldene Uhr und fügen bei: "Ihr dürft erzählen, wem ihr wollt." Eben deshalb kann jetzt der so gewissenhafte Herr dem Grenzacher ruhig das Erlebnis berichten. Unterdessen ist er auf der Höhe angekommen, wo man nach Hertingen hinuntersieht, und nun wird die Geschichte beglaubigt: Da "es in Hertingen Mittag läutet", zieht der Herr eben die genannte goldene Uhr, um zu schauen, "ob die Hertinger Uhr recht geht". Und nachher werden ihm "im Storken zu Basel von einem französischen General 25 neue Dublonen darauf geboten". "Aber er hat sie nicht drum gegeben." Nun ist die Geschichte, die sich im fernen Dänemark abspielt, nicht mehr weit abgelegen, sie wickelt sich geradezu im Oberland ab.

Der Bemühung, die Erzählung in die Heimat oder in faßbare heimatliche Vorstellungen zu verlegen, ist es zu danken, daß auch Basel im Kalender seinen Platz erhält. Denn die Stadt gehört für Hebel unbedingt in den Begriff "Oberland". Er setzt sie als bekannt voraus bis in Einzelheiten hinein. Vorerst spielt sie die Rolle als "Stadt" überhaupt in "Der verachtete Rat". Ein Reisender auf der Basler Straße rät einem Fuhrmann, langsam zu fahren, wenn er noch vor Torschluß in die Stadt gelangen wolle. Der Fuhrmann aber treibt die Pferde so an, daß sie die Hufeisen verlieren und die Achse des Wagens bricht. Daher muß er unterwegs übernachten, während der Fußgänger gemächlich ans Ziel gelangt. Diese Erzählung stammt aus einem alten Büchlein, dem "Vademecum für lustige Leute". Dort ist nur von der Stadt die Rede, den Namen Basel hat Hebel eingefügt, weil "Stadt" und Basel für ihn und seine Leute dasselbe bedeutet. Weit mehr ins einzelne gehend ist der "Einträgliche Rätselhandel". Der Stoff dazu ist ebenfalls dem "Vademecum" entnommen. Dort aber ist die darin vorkommende Stadt Amsterdam. Der Hausfreund verwandelt sie in Basel. Elf Personen fahren von da aus in einem Schiff, "das mit allen Kommlichkeiten versehen war," den Rhein hinab. "Im Anfang und vom Wirtshaus zum Kopf weg war man sehr gesprächig". Der Gasthof "Zum Goldenen Kopf"stand an der Schifflände unmittelbar neben dem Gasthof zur Krone, welcher die Ecke der Kronengasse gegen die Schifflände bildete. Der Name "Kopf" hatte mit dem menschlichen Haupte nichts zu tun, trotzdem im Wirtsschild ein solcher zu sehen war, sondern hatte die Bedeutung von Humpen, Trinkgeschirr. Mit der Erwähnung des "Kopf" war aber der Oberländer Leser sofort richtig eingestellt und konnte die Schiffahrt mit erleben. Denn weitere bekannte Namen gleiten vorüber: als man an Hüningen und der Schusterinsel vorbei war, an Markt, am Isteinerklotz und St. Veit, da begann man sich zu langweilen. Der Jude, "der nach Schalampi wollte", fing seinen Rätselhandel an, und da man eben von Basel weggefahren war, wird dabei auch der Name der Stadt genannt: "Wie kann man zur Sommerzeit im Schatten von Bern nach Basel reiten?" Und "Wenn einer im Winter von Basel nach Bern reitet und hat die Handschuhe vergessen, wie muß er's angreifen, daß es ihn nicht an die Hände friert?"

Diese Geschichte hat noch ein schweizerisches Nachspiel. In "Drei Worte" taucht der nämliche Jude in Endingen wieder auf. Dieser Ort liegt im Kanton Aargau; in Oberendingen durften die Juden sich seit dem 17. Jahrhundert Bürgerrecht erwerben und frei ihren Glauben ausüben. Es ist also wiederum für den Leser sehr glaubhaft, daß der Jude dort noch einmal durch ein schlau gestelltes Rätsel einen Gersauer übers Ohr haut und ihn zu dem Zweck anredet: "Seid Ihr nicht einer von den graußmütigen Herren, daß ich hab die Gnad gehabt, mit ihnen von Basel nach Schalampi zu fahren auf dem Wasser?" Hebel kann scheinbar nebensächliche Züge eben verwerten, weil er die Verhältnisse in Basel und der Schweiz genau kennt, und es macht ihm fühlbar ein Vergnügen, sie einzuflechten. Dies zeigt auch die Geschichte der "Guten Mutter". Dort fährt die brave Schweizerfrau, die treuherzig und redselig ist, "wie alle Gemüter, die Teilnahme und Hoffnung bedürfen, und die Schweizer ohnedem", "auf dem Postwagen zum St. Johannistor in Basel heraus und an den Rebhäuslein vorbei in den Sundgau". Es genügt dem Dichter nicht, die Frau einfach zum Tor hinausfahren zu lassen, das Charakteristisch der Straße muß dem Leser durch eine einfache Erwähnung der Rebhäuslein in Erinnerung gerufen werden. Wie typisch aber diese Häuslein waren, zeigen die Briefe des schon genannten Küttner, der schreibt: "Rings um die Stadt gibt es etliche hundert kleine, in einem schlechten Geschmack gebaute Häuschen, die man Gartenhäuschen nennt, an manchen Seiten bilden sie ganze Gassen Sie gehören meistenteils Handwerkern und den mittleren Klassen der Bürgerschaft, die oft, besonders an den Sonntagen, mit ihren Familien oder guten Freunden ein paar Stunden zubringen und ein sogenanntes Abendessen (Gouté) halten, wobei gewöhnlich wacker gegessen und getrunken wird. Mehrenteils stößt an diese Häuschen eine kleine Wiese oder gewöhnlich ein kleiner Weinberg, der in der Zeit der Weinlese zu besonderen Festen und Schmausen Anlaß gibt."

Noch einmal zeigt "Teures Späßchen" die Freude an wirklich vorhandenen Einzelheiten. Die Erzählung spielt ganz in Basel, und wie im "Geisterbesuch auf dem Feldberg" wird auf den Reichtum der Stadt hingewiesen. Denn die Wirtin sagt zu dem unvorsichtigen Gast: "In Basel kann man für Geld alles haben." Sie bringt dann einen Teller "voll zarter Cucümmerlein aus dem markgräfischen Garten, aus dem Treibhaus", und der Gast muß dafür "Zehen Batzen, fünf Rappen Basler Währung" bezahlen.

Als ein Stück Heimat, das man genau kennt, steht unsere Stadt im Kalender, jenseits Basels geht's für den Leser ins Unbekannte, wenn schon die Schweiz noch im Blickbereich steht. Will man aber in die Ferne, so fängt diese bei der Stadt an. In den "Weltbegebenheiten 1809" heißt es: "Wenn man von Basel aus durch die ganze Schweiz reist bis nach Genf, so kommt man nach Frankreich. Wenn man durch ganz Frankreich die Reise fortsetzt, so kommt man nach Spanien. Wenn man weiters durch ganz Spanien reist bis an das andere End, so kommt man nach Portugal." Dort will aber Hebel zur Besprechung der Begebenheiten seine Leute haben, und man spürt, wie dunkel es hinter Basel wird. Aber am Rhein ist das Gebiet des Hausfreundes. Im Vorwort zum Kalender 1809 spricht "Der Rheinländische Hausfreund mit seinen Landsleuten und Lesern und wünscht ihnen das neue Jahr". Unter anderem sagt er: "Der Rheinländische Hausfreund geht fleißig den Rheinstrom auf und ab, schaut zu manchem Fenster hinein, man sieht ihn nicht; sitzt in manchem Wirtshaus, und man kennt ihn nicht; geht mit manchem braven Mann einen Sabbaterweg oder zwei, wie es trifft, und läßt nicht merken, daß er's ist. Zum Exempel, er hat's wohl mit angehört und ist dabei gestanden im letzten Herbst, als die Schwäbin, so ohne Beine auf einem Rößlein in der Welt herum reitet, herwärts der Schorenbruck, zwischen Basel und Haltingen an der Straße saß und prophezeite emer braven Markgräflerin, die von Basel kam und bei ihr stand, viel dummes Zeug, was der Komet bedeute."

Wie die Kalendergeschichten den Leser in alle Länder führen, bald mit dem Handwerksburschan von Duttlingen nach Amsterdam oder beinahe mit dem schlauen Pilgrim auf dem Fußweg über Mauchen, der die Strecke um eine Viertelstunde abkürzt, nach Jerusalem, so bringen sie ihn auch in die Schweiz hinein. In Witlisbach im Kanton Bern schläft "Der Vorsichtige Träumer" im Bett mit den Pantoffeln an den Füßen. Die Lebensgeschichte des "Jakob Humbel" von Boneschwil im Schweizerkanton Aargau spielt im Aargau, Emmental und Waadt, und die "Seltene Liebe" am Vierwaldstättersee. Hebel hat sich die Begebenheit auf seiner Schweizerreise 1805 von Augenzeugen erzählen lassen. Die "Seltsame Ehescheidung" vollzog "ein junger Schweizer aus Ballstall", indem er beim Grenzstein zwischen Spanien und Frankreich einen tüchtigen Stecken abschnitt und damit seinem bösen spanischen Weibe "ein langes Kapitel aus dem Ballstaller Ehe- und Männerrecht" vorlas. Der Zundelfrieder kommt einmal nach Rheinfelden und feuert in "Der Lehrjunge" den Ratsdiener durch einen "Seinen Thaler" an, einem armen, jungen Sünder die Schläge tüchtig zu salzen. Gutmütig aber, wie er ist, nimmt er auf dem Weg nach Degerfelden den so bearbeiteten Menschen als Lehrling auf. Für diejenigen Kalenderleser, die sich etwa unter der Schweiz ein ausschließlich glückliches Land vorgestellt haben, berichtet Hebel im Kalender 1810 "Schreckliche Unglücksfälle in der Schweiz", welche nicht nur "herdenreiche Alpen, Käse, Butter und Freiheiten hat", sondern "auch Lawinen". Es ist dabei rührend, wie der Dichter die Verunglückten als gute, fromme Leute schildert (er nannte die Schweizer ja schon in der "guten Mutter" treuherzig und redselig). In Sturnen im Kanton Uri läßt er den Vater zur Frau und zu den drei Kindern sagen im Augenblick, ehe er mit seiner Familie durch eine Lawine weggefegt wird: "Wir wollen doch auch noch ein Gebet verrichten für die armen Leute, die in dieser Nacht in Gefahr sind." In Pilzeig, ebenfalls im Kanton Uri, sagt eine Mutter beim Donnern der Lawinen: "Kinder, hier ist keine Rettung möglich, wir wollen beten und uns dem Willen Gottes überlassen." Hebel nahm diese Züge aus Zeitungsberichten in seine Darstellung herüber. Doch zeigt er, daß er sie verwendete, um menschliches Mitgefühl zu wecken, indem er bei der Berechnung des Schadens beifügt: "Das Leben eines Vaters oder einer Mutter oder frommen Gemahls oder Kindes ist nicht mit Gold zu schätzen." Daß er auch von der Schweiz in seinen Besprechungen der Kriegsereignisse während der napoleonischen Zeit redet und die Alliierten 1813 "über den Rhein in die Schweizer Neutralität hinein rücken" läßt, ist selbstverständlich. Hübsch genug aber drückt er sich aus im "Zustand von Europa im August 1810". "Während der furchtbaren Kriegsstürme um und um stand die Schweizer Eidgenossenschaft ruhig und fest wie ihre Berge, und es ist ihr kein Verdruß, daß man nicht viel davon zu erzählen hat." Der Name Basels und der Schweiz taucht schließlich noch einmal auf in der "Fortgesetzten Erklärung der Zeittafel", wo Hebel sich als echten Alemannen fühlt und unsere Vorfahren nach Schaffhausen "an den Rheinfall in die Kirche gehen läßt" oder in die dichtesten Wälder auf dem Belchen. "Denn sie beteten unsichtbare Götter an, wenn nicht Sonne oder Mond oder den Rhein". Und ihre Macht reichte einmal von "Basel bis nach Mainz" und später war "Von Mainz und Köln bis weit in die Schweiz hinauf bis nach Tirol und Bayern hinein alles unser". Mit diesem Wort nennt Hebel den Urgrund des Zusammengehörigkeitsgefühls, das ihn unsere Stadt in seine dichterischen Welten einbeziehen läßt als einen selbstverständlichen Teil des Ganzen. In diesem Sinne ist ihm auch in Basel ein Denkmal gesetzt worden, das andeuten soll, wie sehr er in seiner Geburtsstadt verstanden wird.

Bis zum Jahre 1815 dauerte die Periode der Kalendererzählungen. Da wurde sie jäh abgebrochen. Im Hausfreund 1815 nämlich, der in einer Auflage von Vierzigtausend Exemplaren gedruckt war, fand sich die Geschichte "Der fromme Rat". Darin sah die katholische Geistlichkeit eine Verunglimpfung ihrer religiösen Gefühle, die dem Dichter gänzlich fern lag. Der Verkauf wurde verboten, und die Erzählung musste herausgenommen werden. Das hat Hebel verstimmt. "In Zukunft schreib ihn, wer will," äußerte er sich Haufe gegenüber. Und er blieb bei seinem Entschluß. Nur 1818 ergriff er in "Eine Gerechtigkeit" das Wort, um seinen alten Schulmeister von Hausen, Andreas Grether, in Schutz zu nehmen gegen Verunglimpfungen durch eine Kalendergeschichte von 1817, in der Grether als bösartiger Tyrann dargestellt war. 1819 erschien jedoch der Kalender nochmals mit Erzählungen Hebels. Das kam daher: Der Dichter Justinus Kerner hatte auf Wunsch seines Bruders Karl, der württembergischer Minister des Innern war, versucht, den "Hausfreund" zur Mitarbeit an einem württembergischen Volkskalender zu gewinnen. Hebel aber trug Bedenken; es sei schwer, "Nationalschriftsteller für ein Volk zu sein, das man nicht als das seinige und so gut als das seinige kennt". Schließlich sandte er doch eine größere Anzahl von Geschichten an Kerner. Da aber dieser württembergische Volkskalender nicht zustande kam, wurden die Hebelschen Erzählungen für den Rheinischen Hausfreund 1819 verwendet.

Das Unternehmen Hebels, einen vollgültigen und konkurrenzfähigen Kalender zu schaffen, war glänzend geglückt. Schon 1809 hatte ihm Cotta den Vorschlag gemacht, alle Erzählungen in einem Buche zu sammeln, und 1811 konnte das "Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes" erscheinen, das mit einigen Veränderungen und wenigen Auslassungen alle Beiträge Hebels von 1803 —1811 vereinigte.

Wiederum war eine dichterische Welt abgeschlossen. Eine reiche Tätigkeit in seinem Berufe nahm Hebel gänzlich in Anspruch. Und diese Arbeit schlug über dem Dichter zusammen.


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