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DIE ERZÄHLUNGEN AUS DEN TAUSEND UND EIN NÄCHTEN

VOLLSTÄNDIGE DEUTSCHE AUSGABE IN SECHS BÄNDEN

ZUM ERSTEN MAL NACH DEM ARABISCHEN URTEXT DER CALCUTTAER AUSGABE AUS DEM JAHRE 1839 ÜBERTRAGEN VON ENNO LITTMANN

BAND 1

IM INSEL-VERLAG


DIE GESCHICHTE DES ZWEITEN BETTELMÖNCHES

O Herrin, auch ich wurde nicht mit einem Auge geboren, und auch meine Geschichte ist seltsam; würde sie mit Sticheln in die Augenwinkel gestichelt, sie wäre eine Warnung für einen jeden, der sich warnen ließe. Und dies ist sie: Ich bin ein König, der Sohn eines Königs. Ich las den Koran nach sieben Traditionen,



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und ich las die gelehrten Bücher und trug sie den Männern der Wissenschaft vor; ich studierte die Sternenkunde und die Werke der Dichter, und ich übte mich auf allen Gebieten der Gelehrsamkeit, bis ich die Menschen meiner Zeit weit hinter mir ließ; die Schönheit meiner Schrift übertraf die aller Schreiber, und mein Ruhm verbreitete sich in allen Ländern und Reichen und bei allen Königen. So hörte auch der König von Indien von mir, und er schickte zu meinem Vater, um mich an seinen Hof zu laden; zugleich sandte er meinem Vater Geschenke und Kostbarkeiten, wie sie sich für Könige geziemen. Da rüstete mein Vater sechs Schiffe für mich; und wir fuhren einen ganzen Monat lang auf dem Meere und kamen dann ans Festland. Dort schuften wir Pferde aus, die wir bei uns auf den Schiffen hatten, und beluden zehn Kamele mit den Geschenken. Wir waren nur eine kleine Strecke weitergezogen: siehe, da wirbelte eine Staubwolke empor, bis das Auge den Blick in die Ferne verlor. Aber nach einer kurzen Spanne Zeit ward die Erde von der Staubwolke befreit, und unter ihr erschienen fünfzig Reiter, wie Löwen, deren Blick erschreckt, und mit schimmerndem Stahle bedeckt. Wir schauten nach ihnen aus, und siehe, es waren Beduinen, Wegelagerer. Als die sahen, daß wir nur wenige Leute waren und zehn Kamele mit den Geschenken für den König von Indien bei uns hatten, da stürmten sie mit eingelegter Lanze auf uns ein. Wir aber machten ihnen mit den Händen ein Zeichen, das besagen sollte: ,Wir sind Boten des großen Königs von Indien, drum tut uns nichts zuleide!' Sie jedoch bedeuteten uns: ,Wir sind nicht auf seinem Gebiet, noch sind wir unter seiner Herrschaft.' Dann erschlugen sie einige von den Sklaven; die anderen flohen, und so auch ich, nachdem ich schwer verwundet war. Die Beduinen aber achteten meiner nicht, da sie mit den Schätzen und den Geschenken,



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die wir mitgebracht hatten, beschäftigt waren. Nun wußte ich nicht, wohin ich mich wenden sollte; einst war ich mächtig gewesen, jetzt war ich machtlos geworden. So wanderte ich weiter, bis ich zum Gipfel eines Berges kam; dort fand ich Obdach in einer Höhle, bis daß der Tag anbrach. Dann zog ich immer weiter, bis ich zu einer sicheren, wohlbefestigten Stadt kam. Gerade hatte der Winter sich dort mit seiner Kälte von dannen gemacht, und der Frühling war eingezogen mit seiner Rosenpracht. Die Blumen dort begannen zu sprießen, und die Bächlein dort begannen zufließen, während die Vögel ihr Lied erschallen ließen, wie der Dichter bei der Beschreibung einer Stadt gesagt hat:

Ein Ort, in den: es Furcht nicht gibt,
Dem Sicherheit als Freund sich eint,
Der, seinem Volk ein schöner Schutz,
Mit seiner Wunderwelt erscheint.

Ich freute mich, daß ich dort angekommen war; denn ich war müde vom Wege, und mein Gesicht war bleich von dem Kummer. Doch meine Lage war verzweifelt, und ich wußte nicht, wohin ich mich begeben sollte. So trat ich an einen Schneider heran, der in seinem Laden saß, und grüßte ihn; der erwiderte meinen Gruß, hieß mich mit Freuden willkommen, war freundlich zu mir und fragte mich nach dem Anlaß meiner Reise in die Fremde. Ich erzählte ihm alles, was mir widerfahren war, von Anfang bis zu Ende; da ward er traurig um meinetwillen und sagte: ,O Jüngling, enthülle niemandem dein Geheimnis; denn ich fürchte für dich Gefahr von seiten des Königs dieser Stadt. Der ist der größte Feind deines Vaters, und es schwebt Blutrache zwischen ihnen.' Dann setzte er mir Speise und Trank vor, und wir aßen zusammen; und ich unterhielt mich mit ihm den Abend hindurch. Da räumte er mir willig einen Platz auf einer Seite seines Ladens ein und brachte



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mir, was ich nötig hatte: Teppich und Decke. Und ich blieb drei Tage lang bei ihm, bis er zu mir sagte: ,Kennst du keinen Beruf, damit du dir den Unterhalt verdienen kannst?' ,Ich bin gelehrt im Gesetz', erwiderte ich, ,und ein Schriftgelehrter, ein Schreib kundiger, Rechenmeister und Kalligraph.' Er aber versetzte: ,Deine Künste bringen hierzulande nichts ein; in unserer Stadt ist niemand, der etwas weiß von den Wissenschaften oder auch nur vom Schreiben, außer dem Geldverdienen.' Da sagte ich: ,Bei Allah, ich weiß sonst nichts, als was ich dir nannte'; und er erwiderte: ,Gürte dich, nimm eine Axt und einen Strick und schlage Brennholz in der Steppe, damit du dich ernähren kannst, bis Allah dir Errettung sendet; und sage niemandem, wer du bist, sonst wird man dich totschlagen.' Dann kaufte er mir eine Axt und einen Strick, brachte mich zu den Holzhackern und empfahl mich ihnen. So zog ich mit diesen hinaus und schlug Brennholz, den ganzen Tag hindurch, und kam zurück mit meinem Bündel auf dem Kopfe. Das verkaufte ich um einen halben Dinar; für einen Teil davon besorgte ich mir mein Essen, und den Rest legte ich beiseite. Mit solcher Arbeit verbrachte ich ein volles Jahr, und als es zu Ende war, ging ich eines Tages wie gewöhnlich in die Steppe hinaus; und da ich meine Gefährten verließ, kam ich in eine dicht bewachsene Niederung, in der viel Holz wuchs. Ich ging in die Niederung hinein und fand den Stamm eines dicken Baumes; da grub ich rings um ihn herum und schaffte das Erdreich weg. Plötzlich aber stieß die Axt auf einen kupfernen Ring. Den reinigte ich von der Erde, und siehe, der Ring war an einer hölzernen Falltür befestigt. Die hob ich auf und erblickte darunter eine Treppe. Nun stieg ich hinab bis zum Fuß der Treppe und erblickte dort eine Tür. Durch die ging ich und sah ein Schloß, in schönstem Bau aufgeführt und mit ragenden Säulen verziert. Und



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drinnen fand ich eine Maid, gleich einer kostbaren Perle, die erlöste das Herz von Kummer und Gram und Leid; ihre Stimme heilte alles Bangen und nahm den Klugen und Weisen gefangen; ihr Wuchs war von zierlicher Art, fest standen die Brüste gepaart, ihre Wangen waren zart, von Farben glänzend rein und Haut so wunderbar fein; ihr Antlitz erstrahlte durch der Locken Nacht, und über den herrlichen Schultern glitzerte ihrer Zähne Pracht. So wie der Dichter von ihresgleichen sagt:

Mit schwarzen Locken und mit schlankem Leibe,
Auf Dünen ragend wie ein Weidenzweig.

Und ein anderer:

Nach nie war viererlei vereint so wie bei ihr,
Für die ich all mein Herzblut gern vergießen würde:
Der helle Glanz der Stirne und der Locken Nacht,
Der Wangen Rosen und des Leibes schlanke Zierde.

Als ich sie erblickte, warf ich mich nieder in Anbetung vor ihrem Schöpfer, weil er sie in solcher Schönheit und Anmut gebildet hatte; und sie schaute mich an und sagte: ,Bist du ein Mensch oder einer aus der Geisterwelten' ,Ich bin ein Mensch', erwiderte ich. Da fragte sie: ,Wer führte dich an diesen Ort, an dem ich seit fünfundzwanzig Jahren lebe, ohne je einen Menschen gesehen zu haben?' Ich fand ihre Stimme wundersüss und sie drang mir tief bis ins innerste Herz, und so sprach ich: ,O meine Herrin, mich führten meine Glückssterne, um mir Sorge und Gram zu vertreiben.' Und ich erzählte ihr, was mir widerfahren war, von Anfang bis zu Ende, und mein Geschick stimmte sie traurig. Sie weinte und sprach: ,So will auch ich dir meine Geschichte erzählen. Ich bin die Tochter des Königs Ifitamûs, des Herrn der Ebenholzinseln. Er hatte mich mit meinem Vetter vermählt; aber in meiner Hochzeitsnacht ergriff mich ein Dämon namens Dschardscharîs ibn Radschmûs,



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der Sohn der Mutterschwester des Iblis, des Teufels, und er flog mit mir davon und setzte mich nieder an dieser Stätte und brachte hierher alles, was ich brauchte: Seidengewänder, Schmucksachen, feines Linnen, Vorräte an Speise und Trank und vieles andere. Alle zehn Tage kommt er einmal zu mir und schläft eine Nacht hier; dann geht er wieder seines Weges. Er hat mich nämlich ohne die Einwilligung der Seinen genommen; und er hat mit mir vereinbart, wenn ich je etwas nötig habe, bei Tag oder bei Nacht, so solle ich nur mit der Hand über jene zwei Zeilen streichen, die dort über der Nische eingegraben sind, und noch ehe ich die Finger wieder höbe, würde ich ihn bei mir sehen. Vier Tage sind jetzt verstrichen, seit er hier war; und da es noch sechs Tage sind, bis er kommt, so sage, willst du fünf Tage bei mir bleiben und am Tage vor seiner Ankunft davongehen?' Ich antwortete: ,Ja, wie gern! Wenn die Träume zur Wahrheit werden.' Da freute sie sich und sprang auf und faßte mich bei meiner Hand, führte mich durch einen Torbogen und trat mit mir in ein schönes, prächtiges Bad. Als ich das sah, legte ich meine Kleider ab. Und auch sie legte ihre Kleider ab, ging ins Bad, kam wieder heraus und setzte sich auf einen Diwan. Sie hieß mich aber an ihrer Seite sitzen und brachte Scherbett mit Moschus und gab mir zu trinken. Dann setzte sie mir Speise vor, und wir aßen und unterhielten uns; darauf sagte sie zu mir: ,Jetzt lege dich hin und ruhe dich aus, denn wahrlich, du mußt müde sein.' Ich hatte schon ganz vergessen, was mir widerfahren war, o Herrin; und ich dankte ihr und legte mich nieder. Als ich erwachte, fühlte ich, wie sie mir die Füße rieb und knetete; da fichte ich Gottes Segen auf sie herab, und wir setzten uns nieder, um uns eine Weile zu unterhalten. Sie sprach: ,Bei Allah, mir war die Brust so eng während der fünfundzwanzig Jahre, in denen ich allein



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hier unter der Erde gewesen bin, ohne jemanden zu finden, der mit mir spräche; doch Preis sei Allah, der dich zu mir gesandt hat!' Dann fragte sie: ,O jüngling, hast du Begehr nach Weint', und ich erwiderte: ,Tu, wie du willst.' Da trat sie zu einem Wandschrank und nahm eine versiegelte Flasche alten Weines heraus, schmückte den Tisch mit Grün und sang:

Hätten wir dein Kommen geahnt, wir hätten das Blut des Herzens
Und das Schwarze der Augen freudig hingebreitet;
Wir hätten auch unsere Wangen für deinen Empfang gerüstet,
Damit dein Weg dich über die Augenlider geleitet.

Als sie ihr Lied geendet hatte, dankte ich ihr; und schon faßte die Liebe zu ihr Wurzel in meinem Herzen, und vergangen waren mir Sorge und Gram. Nun saßen wir beisammen beim Wein bis zum Abend; und die Nacht verbrachte ich mit ihr - nie erlebte ich je solch eine Nacht! Und am folgenden Tage knüpften wir Freude an Freude bis zum Mittag. Da aber war ich so trunken, daß ich nicht Herr meiner Sinne mehr war; und ich stand auf, schwankte nach rechts und nach links und sprach zu ihr: ,Komm, meine Schöne, ich will dich hinauftragen aus diesem unterirdischen Gefängnis und dich von dem Dämonen befreien.' Sie aber lachte und sagte: ,Sei genügsam und schweig; von zehn Tagen gehört dem Dämonen nur ein Tag, und dir gehören neun Tage.' Da rief ich -denn die Trunkenheit hatte mich ganz überwältigt -: ,Noch diesen Augenblick will ich die Nische da zertrümmern, über die jene Schrift eingegraben ist, und ich will den Dämon herbeirufen, daß ich ihn töte, denn ich bin es gewohnt, Dämonen zu töten!' Als sie aber meine Worte hörte, wurde sie bleich und sagte: ,Bei Allah, tu das nicht!' und sprach den Vers:

Vor einer Tat, die dich selbst vernichtet,
Mußt du dich selbst immerdar behüten.



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Darauf sprach sie diese Verse:

Du, der die Trennung sucht, halt ein
Das Roß, das allzu schnell will rennen!
Geduld! Das Schicksal übt Verrat:
Zum Schlusse müssen die Freunde sich trennen.

Als sie diese Verse gesprochen hatte, achtete ich ihrer Worte doch nicht; ja, ich hob den Fuß und stieß gewaltig gegen die Nische.' — —«

Da bemerkte Schehrezâd, daß der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an. Doch als die 13. Nacht anbrach, fuhr sie also fort: »Es ist mir berichtet worden, o glücklicher König, daß der zweite Bettelmönch der Dame also weitererzählte: ,Als ich aber, o Herrin, mit dem Fuß gewaltig gegen die Nische gestoßen hatte, siehe, da wurde die Luft plötzlich dunkel, es donnerte und blitzte; die Erde bebte, und alles wurde unsichtbar. Alsbald verflog die Trunkenheit aus meinem Kopf, und ich rief ihr zu: ,Was ist?' Sie antwortete: ,Der Dämon ist bei uns! Habe ich dich nicht davor gewarnt? Bei Allah, du hast mich ins Verderben gestürzt! Rette du dein Leben und eile dort wieder hinaus, wo du hereingekommen bist!' Doch im Übermaß meiner Angst ließ ich meinen Schuh und meine Axt liegen. Und als ich zwei Stufen hinaufgestiegen war, wandte ich mich um und wollte nach ihnen schauen; aber siehe, die Erde spaltete sich, und heraus stieg ein Dämon von scheußlichem Anblick und rief: ,Was soll dieser Lärm, mit dem du mich störst? Was ist dir widerfahren?' ,Mir ist nichts widerfahren', versetzte sie, ,nur wurde mir die Brust so eng, und da wollte ich etwas Wein trinken, um mir die Brust zu weiten. So nahm ich denn ein wenig zu mir; aber als ich aufstand, um ein Geschäft zu verrichten, war mir der Kopf schwer geworden, und ich fiel gegen die Nische.' ,Du lügst, du Buhldirne',



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schrie der Dämon; und er blickte sich in dem Schlosse um, nach rechts und nach links. Da sah er den Schuh und die Axt und sagte: ,Was sind diese Dinge anderes als Sachen von Menschen? Wer ist bei dir gewesene' Sie erwiderte: ,Nie habe ich sie bis zu diesem Augenblick gesehen; die sind wohl mit dir heraufgekommen.' Aber der Dämon schrie: ,Das ist eine törichte Ausrede, die auf mich keinen Eindruck macht, du Dirne!' Dann zog er sie nackt aus, band sie mit Händen und Füßen an vier eiserne Pflöcke; dann folterte er sie und suchte sie zum Geständnis zu bringen. Doch es war mir nicht möglich noch erträglich, ihr Weinen anzuhören; daher stieg ich, bebend vor Furcht, die Treppe hinauf, und als ich oben ankam, legte ich die Falltür wieder hin, wie sie gewesen war, und deckte sie mit Erde zu. Ich bereute aber bitterlich, was ich getan hatte. Ich dachte an das Mädchen und an ihre Schönheit und daran, wie dieser Verfluchte sie folterte, auch daran, daß sie fünfundzwanzig Jahre so allein gewesen war; und alles, was ihr geschah, war um meinetwillen. Ich dachte an meinen Vater und sein König. tum und daran, daß ich ein Holzhacker geworden war; und wie mein Leben, nachdem mir das Glück gelächelt hatte, nun wieder trübe geworden war. Da weinte ich und sprach den Vers:

Wenn das Geschick dir eines Tages Unheil bringt,
Bedenk, ein Tag bringt Freude dir, der andre Leid.

Dann ging ich hin, bis ich zu meinem Freunde, dem Schneider, kam; und ich fand ihn um meinetwillen wie auf glühenden Kohlen sitzend, da er mich ängstlich erwartete. Er rief: ,Die ganze Nacht hindurch war mein Herz bei dir; denn ich war besorgt um dich wegen irgendeines wilden Tieres oder eines anderen Unheils. Jetzt aber -Preis sei Allah für deine Rettung!' Ich dankte ihm für seine freundliche Sorge um mich und zog mich in meinen Winkel zurück und begann über das nachzusinnen,



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was mir begegnet war; und ich schalt mich um der großen Torheit willen, daß ich nach jener Nische getreten hatte. Während ich mich noch so zur Rechenschaft zog, siehe, da trat mein Freund, der Schneider, an mich heran und sprach zu mir: ,O jüngling, draußen steht ein Greis, ein Perser, der dich sucht; er hat deine Axt und deinen Schuh, die er zu den Holzhackern gebracht hat, indem er ihnen sagte: Ich ging aus um die Zeit, da der Muezzin zum Morgengebet zu rufen begann, und da fand ich diese beiden Dinge; nun weiß ich nicht, wem sie gehören: zeigt mir also ihren Eigentümer. Die Holzfäller erkannten deine Axt und wiesen ihn an dich; er sitzt im Laden, so geh und danke ihm und nimm deine Axt und deinen Schuh.' Als ich aber diese Worte hörte, wurde ich vor Schrecken bleich und ward wie von Sinnen; und wie ich so dasaß, siehe, da tat sich der Boden meines Zimmers auf, und empor stieg der Perser, das war der Dämon. Er hatte das Mädchen mit den schlimmsten Foltern gequält, aber sie hatte ihm nichts gestanden; da hatte er die Axt genommen und den Schuh und zu ihr gesagt: ,Bin ich Dschardscharîs, aus dem Samen des Iblis, so werde ich dir den hierherbringen, dem diese Axt und dieser Schuh gehören!' Dann war er in der genannten Verkleidung zu den Holzfällern gegangen und zu mir gekommen. Er gab mir keinen Aufschub, sondern ergriff mich und flog mit mir empor; darauf senkte er sich wieder und drang mit mir bis unter die Erde hinab, während ich immer ohne Besinnung war, und schließlich brachte er mich in den unterirdischen Palast, in dem ich gewesen war. Dort sah ich das Mädchen, nackt, die Glieder gefesselt an vier Pflöcke, und von ihren Seiten tropfte das Blut. Da liefen mir die Augen von Tränen über; der Dämon aber packte sie an und sagte: ,Nun, Dirne, ist dies nicht dein Geliebten' Sie sah mich an und sagte: ,Ich kenne diesen nicht



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und habe ihn nie gesehen bis zu dieser Stunde!' Da rief der Dämon: ,Was! Diese Folter und noch kein Geständnis?' Ruhig sagte sie: ,Ich habe diesen Mann niemals in meinem Leben gesehen; und es ist vor Allahs Augen unrecht, Lügen über ihn zu sagen.' ,Wenn du ihn nicht kennst', erwiderte der Dämon, ,so nimm dies Schwert und schlag ihm den Hals durch.' Sie nahm das Schwert in die Hand, kam und trat dicht zu mir heran; und ich gab ihr ein Zeichen mit den Augenbrauen, während die Tränen mir auf die Wange herabströmten. Sie aber verstand mein Zeichen und winkte mir mit den Augen, als ob sie sagen wollte: ,Wie konntest du all dies über uns bringen?' Da gab ich ihr zu verstehen: ,Dies ist die Stunde der Verzeihung.' Und es war, als ob meine Zunge spräche:

Mein Blick ist für meine Zunge ein Dolmetsch; du weißt es wohl.
Er kündet die Liebe, die ich im Herzen verbergen soll.
Und als wir einander begegneten und die Tränen rannen,
Da schwieg ich, während die Blicke von dir zu reden begannen.
Sie winkt mir, und ich weiß, was sie sagt mit ihrem Blick;
Ich mache ihr mit den Fingern ein Zeichen, sie gibt es zurück'.
Wenn unsere Augenbrauen das, was wir wünschen, erfüllen,
So schweigen wir still, und die Liebe redet nach unserem Willen.

Und da, o Herrin, warf das Mädchen das Schwert aus der Hand und rief: ,Wie soll ich jemandem den Hals durchschlagen, den ich nicht kenne und der mir kein Übel angetan hat? Das ist nach meiner Religion nicht erlaubt.' Dann trat sie zurück. Der Dämon sprach: ,Es wird dir schwer, den Geliebten zu töten; und nur weil er eine Nacht bei dir zugebracht hat, erduldest du diese Folter und machst kein Geständnis über ihn. Jetzt ist es mir klar, daß nur Gleiches mit Gleichem Mitgefühl hat.' Dann wandte der Dämon sich zu mir und sagte: ,O Menschlein, kennst du diese hier nicht?', worauf ich fragte: ,Wer mag sie



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wohl seine Ich habe sie nie gesehen bis zu diesem Augenblick.' ,Dann', sprach er, ,nimm dies Schwert und schlag ihr den Hals durch, so will ich dich gehen lassen und dir nichts antun; denn dann bin ich sicher, daß du sie gar nicht kennst.' Ich erwiderte: ,Jawohl!', und ich nahm das Schwert, ging rasch auf sie zu und hob die Hand. Sie aber winkte mir zu mit den Brauen, als ob sie sagte: ,Ich habe dich nicht im Stiche gelassen. Und vergiltst du sie mir so?' Da verstand ich ihre Blicke, und ich deutete ihr mit den Augen an: ,Ich opfere meine Seele für dich.' Und es war, als ob unsere Zunge diese Verse des Dichters gesprochen hätte:

Wie mancher Liebende kündet limit seinen Augenbrauen
Seiner Geliebten alles, was ihm auf dem Herzen liegt.
Offen spricht zu ihr ein Blick ans seinem Auge:
Siehe, ich weiß jetzt alles, wie es das Schicksal gefügt.
Ach, wie schön ist es doch, nur in ihr Antlitz zu schauen!
Und wie herrlich glänzet der Blick, wenn er verstand!
Während der eine mit seinen Augenlidern noch schreibet,
Hat der andre bereits mit seinem Augapfel erkannt.

Und meine Augen quollen über von Tränen, und ich warf das Schwert aus der Hand und sagte: ,O du mächtiger Dämon, o du Recke und Heldensohn, wenn eine Frau, die wenig Verstand und Religion besitzt, es schon für unrecht hält, mir den Hals durchzuschlagen, wie sollte es für mich da recht sein, ihr den Hals durchzuschlagen, da ich sie doch nie in meinem Leben gesehen habe? Nein, das werde ich nie tun, wenn du mir auch den Becher des Todes und des Verderbens zu trinken gibst.' Da sprach der Dämon: ,Ihr beide zeigt ein Einverständnis untereinander; doch ich will euch zeigen, wie euer Tun bestraft wird.' Und er nahm das Schwert, hieb auf die Hand des Mädchens und schlug sie ab; dann hieb er auf die andere Hand und schlug sie ab, und er schlug ihr mit vier Hieben Hände und



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Füße ab. Während alledem sah ich zu und war des Todes gewiß, nachdem sie mir mit sterbendem Auge ein Zeichen des Lebewohls gegeben hatte. Der Dämon aber schrie sie an: ,Du hast mit deinem Auge gebuhlt!' Und er traf sie so, daß ihr Kopf davonflog. Dann aber wandte er sich zu mir und sagte: ,O Menschlein, es ist gerecht nach unserer Satzung, wenn eine Frau die Ehe bricht, sie zu töten. Dieses Mädchen entführte ich in ihrer Brautnacht, als sie erst zwölf Jahre alt war; und sie hat niemanden kennen gelernt als mich allein. Alle zehn Tage kam ich zu ihr auf eine Nacht in der Gestalt eines persischen Mannes. Als ich nun aber sicher war, daß sie mich betrogen hatte, da erschlug ich sie. Ich bin nicht ganz sicher, ob du mich mit ihr betrogen hast; aber es geht nicht an, daß ich dich ohne Strafe ziehen lasse; also erbitte von mir eine Gnade.' Da war ich, o Herrin, höchlichst erfreut und fragte: ,Welche Gnade soll ich mir von dir erbitten?' Er antwortete: ,Wünsche dir, in welche Gestalt ich dich verwandeln soll! In die Gestalt eines Hundes oder eines Esels oder eines Affen?' Da ich hoffte, er würde mir verzeihen, erwiderte ich: ,Bei Allah, schone mich, auf daß Allah dich verschone, weil du einen muslimischen Mann schontest, der dir niemals Unrecht tat.' Und ich flehte ihn demütig an, blieb vor ihm stehen und sagte: ,Mir geschieht unrecht.' Er aber rief: ,Mach jetzt keine langen Reden vor mir! Es ist mir ein leichtes, dich zu töten; doch ich gebe dir die Wahl.' Da sagte ich: ,O Dämon, mir zu verzeihen würde dir besser anstehen; drum verzeih mir; wie der Beneidete dem Neider verzieh.' Er fragte: ,Wie war denn das?' Da begann ich


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